Buchrezensionen

Die geretteten Götter aus dem Palast vom Tell Halaf

Im Jahr 1899 entdeckt der deutsche Bankierssohn und Orientreisende Max von Oppenheim auf dem Ruinenhügel von Tell Halaf in Syrien mehrere monumentale Statuen aus antiker Zeit. Seine Ausgrabungen, die er 1911-1913 und noch einmal 1929 durchführt, bescheren ihm Weltruhm. Nachdem eine Übernahme durch das Vorderasiatische Museum Berlin scheitert, werden die Figuren von Göttern, Löwen und Mischwesen ab 1930 im eigens dafür gegründeten Tell-Halaf-Museum ausgestellt. 1943 dann die Katastrophe – eine Fliegerbombe zerstört das gesamte Gebäude, die kostbaren Statuen werden durch Feuer und Löscharbeiten in zehntausende Teile zersprengt. Nach Oppenheims Tod 1946 geraten die Fragmente, nun unbeachtet in einem Keller des Pergamon-Museums lagernd, in Vergessenheit. Erst in den 2000er Jahren führte ein großangelegtes Projekt zur Wiederauferstehung der Kulturschätze – in siebenjähriger Fleißarbeit konnten fast alle der kostbaren Figuren einigermaßen wieder zusammengesetzt werden, worauf 2011 mit der Sonderausstellung „Die geretteten Götter aus dem Palast vom Tell Halaf“ eine publikumswirksame Präsentation im Vorderasiatischen Museum folgte. Während einige Stücke wie etwa das Doppelsitzbild und der Raubvogel bis heute neben den ähnlich beeindruckenden Funden aus Sam’al/Zincirli in der Dauerausstellung zu bewundern sind, wird der Rest – einschließlich des rekonstruierten Palasttores mit seinen drei monumentalen Götterstatuen – in den kommenden Jahren Teil des renovierten Pergamon-Museums werden.
Zu der Ausstellung erschien ein gleichnamiger Begleitband, mit 400 Seiten ein stolzes Werk (ein ansprechendes Hardcover ohne nervenden Schutzumschlag), in dem die Geschichte der Funde eingehend dargestellt wird.
Zunächst jedoch, bevor es zum Inhalt geht, was das Werk nicht ist: Ein Katalog der Ausstellung, wie man ihn hätte erwarten sollen, mit systematischer Aufstellung aller präsentierten Objekte mit Fotografien ihres heutigen Zustandes und individuellen Erläuterungen. Nicht umsonst wird der Band nicht als Katalog, sondern mit dem mir sonst unbekannten Titel „Begleitbuch“ beworben, denn all dies, was einen archäologischen Ausstellungskatalog eigentlich ausmacht, fehlt. Nur einige Objekte sind in ihrer heutigen Erscheinung abgebildet, viele (wie etwa die Skorpionvogelmenschen und Sphingen) leider überhaupt nicht, nur im Rahmen der Fotos zum Kontext immer wieder zu sehen. Überhaupt kommen die archäologischen Funde relativ kurz – kaum vierzig Seiten entfallen auf die eisenzeitliche und neolithische Besiedlung von Guzana, so der antike Name des Tell Halaf, wobei manches durchaus oberflächlich bleibt. Ebenfalls nur recht kurz beschrieben werden die beeindruckenden Funde vom Djebelet el-Beda (riesige Monolithstelen aus dem 3. Jt. v. Chr.), die ebenfalls zur im Tell-Halaf-Museum ausgestellten Oppenheim-Sammlung gehörten. Für eine etwas tiefere Behandlung der archäologischen Funde und Befunde ist eher der Katalog zur Ausstellung „Abenteuer Orient: Max von Oppenheim und seine Entdeckung des Tell Halaf“ zu empfehlen, die nach Ende der „geretteten Götter“ in Berlin die Figuren und weitere Objekte in Bonn zeigte. Auch dort kommt Djebelet el-Beda sehr kurz, dafür werden jedoch neben Tell Halaf auch noch die anderen späthethitisch-aramäischen Kleinstaaten wie etwa Sam’al angeschnitten und mit dem Tell Halaf verglichen. Bis ins letzte Detail analysiert werden die archäologischen (Be)Funde vom Tell Halaf schließlich in der zeitnah erschienenen Fachpublikation „Tell Halaf – Im Krieg zerstörte Denkmäler und ihre Restaurierung“, die schon für kostengünstige 129,95 € zu erwerben ist.
Nun aber zu dem, was das „Begleitbuch“ denn ist: Ein großartiges Panorama der bewegten Forschungsgeschichte rund um Max von Oppenheim und seine sensationellen Funden, die heute endlich wieder zu den Highlights vorderasiatischer Archäologie im deutschen Raum zählen. Insgesamt 47 Beiträge oft namhafter Autoren nähern sich verschiedenen Aspekten rund um die Person Max von Oppenheim, dessen Ausgrabungen in Syrien im Kontext ihrer Zeit, das Tell-Halaf-Museum und das moderne Rekonstruktionsprojekt. Dahinter steckt Fachwissen – überall, wo es möglich ist, arbeiten und zitieren die Autoren nach den manchmal publizierten, oft auch unveröffentlichten zeitgenössischen Aufzeichnungen wie Briefen und Tagebüchern, die interessante und intime Einblicke geben in die Archäologie vor nun fast hundert Jahren. Da ist zum einen der historische Kontext, die Orientbegeisterung der Deutschen um 1900, verkörpert nicht zuletzt durch den prestigeträchtigen Bau der Bagdadbahn und den archäologieinteressierten Kaiser Wilhelm II. persönlich, einen persönlichen Bekannten Oppenheims. Doch stellen die Beiträge nicht nur den einen berühmten Heros der Wissenschaft ins Zentrum – so widmen sich mehrere auch den zahlreichen anderen Beteiligten der Ausgrabungen mit ihren individuellen Biographien, von Ärzten und Architekten bis zu Fotografen, nicht zu vergessen die zahlreichen einheimischen Arbeiter, die Oppenheim jedes Mal wieder anheuerte. Lebendiger noch als in einem Roman vermag man sich in den Grabungsalltag hineinzuversetzen, für uns noch mehr eine andere Welt als für die damaligen Europäer. Es sind dann nicht nur Biographien und organisatorische Details, die die Darstellungen prägen, sondern nicht zuletzt auch die zahlreichen kuriosen Anekdoten, die Oppenheim & Co. gnädigerweise für die Nachwelt dokumentierten: Die regelmäßigen Beduinenüberfälle (die in der Regel mit Verweis auf den mit Oppenheim befreundeten Scheich abgewiesen wurden), die Überführung eines Diebes mithilfe eines reisenden Sufis, die mehr oder minder freiwillige Tätowierung des Arztes Ludwig Kohl oder dass der treue Architekt Felix Langenegger wegen seiner voluminösen Gesichtsdekoration von den Arbeitern den Spitznamen Abu schuarib, „Vater des Schnurrbartes“ bekam. Mehr noch als der frühen Eisenzeit ist das Buch also eine kulturhistorische Studie von Orient und Okzident Anfang des 20. Jahrhunderts in zahlreichen Facetten. Gerade der Stil des Sammelbandes hat somit Vorteile gegenüber einer Monographie, da somit zahlreiche einzelne Aspekte näher beleuchtet werden können, seien es nun der individuelle Bildhauer und der Fotograf für das Museum, die weniger bekannten naturkundlichen und islamischen Sammlungen Oppenheims oder auch der Blick der Restauratoren selbst auf das der Ausgrabung wohl ebenbürtige Wiederherstellungsprojekt der „geretteten Götter“. Nicht gespart wird bei den wohl hunderten zeitgenössischen Fotos, deren Bedeutung schon einst Max von Oppenheim und seine Zeitgenossen erkannt hatten (so kann man sich dann doch immerhin in Schwarzweiß ein gutes Bild der vielen Statuen machen, zumal noch im Zustand vor ihrer Zerstörung).
Mit den „geretteten Göttern aus dem Palast vom Tell Halaf“ ist der Wissenschaft nicht nur ein womöglich singuläres Restaurationsprojekt gelungen, sondern auch ein schier monumentales Begleitbuch, das einen breiten, wissenschaftlich fundierten und durchaus unterhaltsamen Einblick in die Forschungsgeschichte dieses interessanten Ausgrabungskomplexes gewährt. Biographie Max von Oppenheims und zahlreicher anderer heute vergessener Personen, Mentalitätspanorama und Ethnologie letztlich dreier Kulturkreise und schließlich die Geschichte der Funde selbst – zwar noch immer kein Ausstellungskatalog, aber in anderer Hinsicht viel mehr als das, ein Highlight in Sachen Wissenschaftsgeschichte.

Sam’al – Ein aramäischer Stadtstaat des 10. bis 8. Jhs. v. Chr. und die Geschichte seiner Erforschung

Besucht man heute das Pergamon-Museum in Berlin, so kann man dort im syrisch-kleinasiatischen Saal eine Reihe beeindruckender Statuen bestaunen: Vier steinerne Löwen bilden das rekonstruierte Tor, zu beiden Seiten flankiert von kunstvoll gemeißelten Reliefplatten mit Abbildern von Göttern und Mischwesen. In der Mitte eine Säulenbasis aus zwei gedrungenen Sphingen, weiter hinten erhebt sich mit 2,85 Metern Höhe die Monumentalstatue des Wettergottes Hadad. Schon auf halbem Weg zu den assyrischen Stücken steht die über drei Meter hohe Stele des Assyrerkönigs Asarhaddon, auch sie gehört in das Ensemble. Es sind die Funde aus dem früheisenzeitlichen Stadtstaat von Sam’al in der heutigen Türkei, einem der Glanzlichter der frühen deutschen Ausgrabungen im Orient.
Anders als Babylon, Pergamon und Assur ist dies kein Name, dessen bloßer Klang bunte Visionen früherer Epochen heraufbeschwört, obgleich doch die Monumente jenen bekannten Stätten in nichts nachstehen. Eine kompakte und solide Einführung, trotz geringem Umfang durchaus mehr als ein einfacher Katalog, bietet das Büchlein mit dem etwas sperrigen Titel „Sam’al – Ein aramäischer Stadtstaat des 10. bis 8. Jhs. v. Chr. und die Geschichte seiner Erforschung“ von Ralf-B. Wartke.
Im Zentrum steht die Geschichte der Ausgrabungen in Zincirli/Sendschirli, so der moderne türkische Name des Siedlungshügels. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war zwischen den europäischen Mächten ein eifersüchtiger Wettstreit in der Erforschung des Alten Orients – und somit der Beschaffung möglichst beeindruckender Exponate für die Nationalmuseen – entbrannt. Den Vorsprung, den England und Frankreich mit der Entdeckung der großartigen assyrischen Paläste und ihrer monumentalen Statuen wie Orthostaten an den Tag gelegt hatten, versuchte das scheinbar abgehängte Deutschland mit der Gründung eines Orient-Comités 1888 aufzuholen. Noch lange vor den berühmten deutschen Ausgrabungen in Babylon, Assur und am Tell Halaf fiel die Entscheidung für die erste große Grabung auf Zincirli in der südöstlichen Türkei. Noch im selben Jahr führte Felix von Luschan eine erste Grabungskampagne durch, der 1890-91 zwei weitere, eine vierte 1894, und 1902 eine fünfte und letzte folgten. Die steinernen Monumente, die zwischen Deutschem und Osmanischen Reich aufgeteilt wurden und bis heute die Museen in Berlin und Istanbul schmücken, setzten dem für immer mit Sam’al verbundenen Felix von Luschan ein unsterbliches Denkmal. Nicht zuletzt anhand zahlreicher Originalzitate und zeitgenössischer Fotos gelingt es dem Büchlein, diese Ausgrabungen in der frühen Hochphase deutscher Orientbegeisterung anschaulich wieder zum Leben zu erwecken, von der Person von Luschans bis zum Arbeitsalltag bei den Grabungen. Besonders interessant ist nicht zuletzt der Vergleich zwischen den Objekte in ihrer heutigen Form und den Fotografien und Berichten vom Zeitpunkt der Ausgrabungen: Hier der in zwei Teilen im Gelände liegend aufgefundene Kopf der Hadad-Statue, dort die Löwen und Sphingen, die nahezu unbeschädigt geborgen wurden und dann zum Abtransport zersägt werden mussten, was man den Figuren noch heute in der musealen Präsentation mehr (Istanbul – ausgehöhlte Steinlöwen vor dem Eingang als besserer Blumentopf zweckentfremdet) oder weniger (Berlin – geschickt in die Wand eingebaut) gut ansieht. Mehr als in anderen Katalogen merkt man, wie viel Geschichte in den individuellen Exponaten steckt, die mit ihrem Begräbnis im orientalischen Wüstensand gerade einmal begonnen hatte. So stellt das Buch auch bildreich die frühe Geschichte des Berliner Vorderasiatischen Museums dar, dessen Einrichtung durch die Funde aus Zincirli maßgeblich geprägt wurde, wobei deren Präsentation mit dem rekonstruierten Burgtor doch trotz der Zerwürfnisse von Krieg und deutscher Teilung von den 30er Jahren bis zum gerade in der Realisierung befindlichen „Masterplan Museumsinsel“ eine bemerkenswerte Konstanz zeigt.
Ein weiterer Abschnitt nach der umfangreichen Forschungsgeschichte widmet sich der Geschichte der Stadt Sam’al selbst, wie sie sich aus den Inschriften auf ebenjenen monumentalen Bildwerken rekonstruieren lässt. Wir sehen hier – nicht unähnlich dem durch eine allzu ähnliche Forschungsgeschichte gekennzeichneten Tell Halaf – einen der zahlreichen aramäischen Stadtstaaten des frühen 1. Jt. v. Chr., die im Schatten des immer mehr erstarkenden neuassyrischen Reiches Aufstieg und Niedergang erlebten. Nach einer prosperierenden Zeit als Vasall des Großreiches unter mehreren Königen wie Panamuwa und Barrākib wurde Sam’al schließlich endgültig Provinz Assyriens, wovon nicht zuletzt die riesige Stele des Asarhaddon zeugt. Mehrere der für die Erforschung so wichtigen Inschriften der Monumente sind hierbei in vollem Wortlaut in Übersetzung wiedergegeben. Nachdem bereits zuvor die Forschungsgeschichte maßgeblich im Zeichen der steinernen Monumente stand, ist diesen noch ein kurzer eigener Abschnitt mit Abbildungen in Katalogart gewidmet, ein weiterer gilt den zahlreichen Kleinfunden, zu denen neben einem gut erhaltenen Spielbrett auch ein nicht ganz so kleiner großer Kessel und ein heute leider größtenteils verschollener Sarkophag gehören. Schlussendlich folgt noch ein knapper Überblick über das in den Inschriften entgegentretende Götterpantheon der antiken Stadt Sam’al.
Trotz nicht einmal ganz 100 Seiten bietet das Büchlein eine großartige Einführung zu den archäologischen Funden von Sam’al, im Zentrum die lebendig herausgearbeitete Forschungsgeschichte. Obwohl unzweifelhaft als Begleitband für das Pergamon-Museum erschienen, wird auch den heute in Istanbul befindlichen Objekten in Bild und Wort der ihnen zustehende Platz eingeräumt. So vereinigen sich knapp und doch durch Bilder und Originalquellen sehr anschaulich gleich drei interessante Aspekte: Die altorientalische Stadt selbst, die frühe Orientforschung um 1900 und die Hintergründe der heute museal präsentierten Objekte im Speziellen.

Als der Mensch die Kunst erfand

Vor etwa 40.000 Jahren tauchte in der menschlichen Geschichte zum ersten Mal etwa auf, das heute aus unserer Kultur nicht mehr wegzudenken ist: Figürliche Kunst. Die ältesten solcher Relikte entstammen den Höhlen der Schwäbischen Alb und umfassen solch berühmte Stücke wie die „Venus vom Hohlefels“ und den „Löwenmenschen von Hohlestein-Stadel“. 2017 erschien als großformatiger Überblicksband zu den Funden das Buch „Als der Mensch die Kunst erfand“ im Theiss-Verlag, das 2019 erneut als überarbeitete und nun kostengünstigere Jubiläumsausgabe (mit orangenem Rand!) erschien. (Anders als etwa das im gleichen Zug neu erschienene Kelten-Buch handelt es sich bei letzterer jedoch noch immer um ein Hardcover.)
Auf nicht ganz 200 Seiten geben Nicholas J. Conard und Claus-Joachim Kind einen umfassenden und gut verständlichen Überblick über die spektakulären archäologischen Funde aus dem Aurignacien, jener Kulturstufe der Eiszeit vor etwa 30 – 40 000 Jahren: Am bekanntesten ist zweifellos der in der Stadel-Höhle des Hohlensteins gefundene Löwenmensch, der nach mehrfacher Restaurierung und Auslandstournee inzwischen wieder im Stadtmuseum Ulm zu bestaunen ist – mit etwa 31 cm Höhe die mit Abstand größte paläolithische Figur der Schwäbischen Alb. Zwei kleinere, weniger bekannte Figurinen zeigen ähnliche Mischwesen mit Menschenkörper und Löwenkopf. Rekordhalter als weltweit älteste figürliche Menschendarstellung ist die adipöse „Venus“ von jenem Berg, der je nach Quelle wahlweise als Hohler Fels, Hohlefels oder Hohle Fels bezeichnet wird. Nicht weniger beeindruckend bleiben zweifellos die zahlreichen Tierdarstellungen vom Vogelherd und anderen Höhlen des Ach- und des Lohnetals – die beeindruckendsten darunter mehrere Höhlenlöwen, das auch auf dem Cover abgebildete „Vogelherdpferd“, eine meisterhaft geformte Ente oder Gans sowie mehrere realistisch gearbeitete Mammuts, die die Lebendgestalt jener berühmten Riesen des Eiszeitalters vor Augen führen. Eine weitere bemerkenswerte Fundgattung stellen mehrere Flöten aus Knochen und Elfenbein dar, die ältesten erhaltenen Musikinstrumente der Welt.

Als der Mensch die Kunst erfand
Das Buch lässt keines der zahlreichen Kunstobjekte aus, sondern widmet allen eine zumindest kurze Beschreibung samt hochwertigen Fotos, aufgeteilt nach den verschiedenen Höhlen. Ein nicht weniger großer Teil ist Ausführungen zum Kontext gewidmet – der Forschungsgeschichte, Fragen und Diskussionen der wissenschaftlichen Interpretation sowie den kleineren Befunden wie etwa einer Reihe von Schmuckperlen. Zumindest kurz behandelt werden auch die interessanten menschlichen Skelettreste aus verschiedenen Zeiten (u.a. Neandertaler, Mesolithikum und Neolithikum), die in mehreren Höhlen gefunden wurden und teils erstaunliche Forschungsgeschichten nach sich zogen (aktuell auch Thema der Ausstellung „Tod im Tal des Löwenmenschen“ im örtlichen Museum Blaubeuren). Weiteres Wissen um die Hintergründe der urgeschichtlichen Archäologie ist zum Verständnis des Buches eigentlich nicht vonnöten – in einem umfangreichen Einleitungsapparat werden noch einmal zusammenfassend das Phänomen der Eiszeit und die menschliche Entwicklungsgeschichte bis zum Jungpaläolithikum erläutert. Während dies ganz offensichtlich auf ein breites Publikum abzielt, behält die Darstellung der im Zentrum stehenden Funde der Schwäbischen Alb einen verständlichen und gleichzeitig recht präzisen Stil, der Laien und Vorgebildete gleichermaßen begeistern dürfte. So steht dann am Ende auch noch eine Literaturliste mit gleichsam wissenschaftlichen wie populärwissenschaftlichen Titeln zum Weiterlesen.
Unbestreitbar – die Eiszeithöhlen der Schwäbischen Alb sind eine der bedeutendsten paläolithischen Fundlandschaften nicht nur Deutschlands, sondern weltweit. „Als der Mensch die Kunst erfand“ bietet einen hervorragenden Überblick über nicht nur alle bedeutsamen Funde der Region, durch hervorragende Bilder in Szene gesetzt, sondern auch den Kontext, in dem sie entstanden, wiederentdeckt wurden und betrachtet werden müssen.

Lost God – Das Jüngste Gericht

Im Jahr 1988 machte Gregor Spörri in Ägypten eine rätselhafte Entdeckung, die sein Leben verändern sollte: Ein alter Araber namens Nagib zeigte ihm ein Objekt, das sich seit Generationen im Familienbesitz befinde – allem Anschein nach der mumifizierte Finger eines Riesen
Längst hat der mysteriöse Fund, der nie wieder aufgespürt werden konnte, Eingang in das Pantheon grenzwissenschaftlicher Theorien rund um die biblischen Nephilim und außerirdische Besucher in der Vorzeit gefunden. Obwohl er selbst eine derartige gewagte Deutung unterstützt, verzichtete Spörri angesichts des Fehlens sicherer Daten auf eine Publikation als Sachbuch – und verarbeitete das Erlebnis stattdessen als Teil eines Romans. 2012 erschien „Lost God – Tag der Verdammnis“, 2018 in überarbeiteter Form erneut veröffentlicht als „Lost God – Das Jüngste Gericht“.

Im Erdorbit wird ein rätselhaftes Objekt ausgemacht, das nicht von der Erde zu stammen scheint. Erste Fotos zeigen ein halbmondförmiges Symbol darauf, das militante Islamisten als Ankündigung der nahenden Apokalypse interpretieren und zum letzten Kampf aufrufen. Während die menschliche Gesellschaft zunehmend in Chaos verfällt, lässt die amerikanische Regierung ein altes Space Shuttle reaktivieren, um eine Astronautenmannschaft zum mutmaßlichen Raumschiff hinaufzuschicken und dem Spuk ein Ende zu bereiten. Derweil landen riesige Kugeln, gewaltige Zerstörung anrichtend, auf der Erde und stellen Wissenschaftler vor ein Rätsel. So muss schon bald der eilig herbeizitierte Erich von Däniken einem überforderten Präsident Trump erklären, dass es sich keinesfalls um den ersten Besuch einer außerirdischen Macht auf der Erde handelt – doch keiner von beiden vermag das Folgende zu ahnen, sind die scheinbar primitiven Sonden doch nur Vorbote des nahenden Weltuntergangs …

Obwohl als Erstlingswerk im Eigenverlag veröffentlicht, gelingt Spörri doch auf Anhieb ein beachtlich spannender Science-Fiction-Thriller. Ständig wechseln die Perspektiven – wiederum häufig genug, dass man nicht aus der Handlung rausgeworfen wird – und bewirken so ein rasantes Erzähltempo, das keine Pausen lässt. Dabei bleibt trotzdem noch Platz für eine Menge hintergründiger Informationen: Relativ zu Beginn wird im erwähnten Präsidenten-Briefing die Grundannahme der Präastronautik skizziert – hier wahrscheinlich weniger als Imitation als vielmehr ernst gemeint, so oder so aber eine authentische Wiedergabe der einschlägigen Argumentationen von Däniken & Co. Auch der eingangs erwähnte reale Fund wurde so mit einer fiktiven, aber passenden Hintergrundstory ausgestattet, auch wenn dieser Handlungsstrang eigentlich nur einen Nebenaspekt der Haupthandlung darstellt. Viel Sorgfalt verwendete Spörri ganz offensichtlich auf die Raumschiffdarstellungen – sowohl das technisch authentisch dargestellte Space Shuttle wie auch die außerirdischen, darunter das – bei aller Übertreibung – doch möglichst sinnvoll konstruierte Mutterschiff. Zu den spannendsten Passagen gehören tatsächlich die Untersuchung und Interpretation der außerirdischen Kugelschiffe, bei denen die detailverliebte Detektivarbeit dann doch zu gänzlich unerwartetem Ergebnis führt. Wie die außerirdischen Aggressoren am Ende dargestellt werden, ist auf verstörende und doch allzu weltliche Art an die Himmelsbeschreibungen im apokryphen Buch Henoch angelehnt, dem Vorbild gegenüber schrecklich folgerichtig und doch gar nicht dem zu erwartenden Bild entsprechend. Schließlich enthält das Buch ein nicht geringes Maß an satirischen Aspekten und auch Selbstironie – sich selbst lässt Spörri ganz nebensächlich ums Leben kommen, Erich von Däniken erlebt seine erste desillusionierende Begegnung mit einer nichtmenschlichen Lebensform – und Donald Trump entspricht leider ziemlich seinem realen Vorbild.
„Lost God“ ist ohne Zweifel ein unkonventioneller Roman – teils fast schon trashige Science-Fiction in eher schlichtem Stil kombiniert mit allzu durchdachten technischen Überlegungen, der ziemlich ernst gemeinten Adaption realer grenzwissenschaftlicher Thesen und eigener Erlebnisse sowie mancher teils satirischen Kritik unserer heutigen sozialen Verhältnisse. Irgendwie ergibt das alles ein rundes Ganzes, das den Leser wirklich bis zur dramatischen letzten Seite gespannt mitreißt – die kurzweilige Lektüre lohnt sich für Fans von Science-Fiction und/oder gewagten Alien-Theorien auf jeden Fall.

Die normale Ausgabe des Buches ist über Amazon, signierte Exemplare zudem über die Seite von Gregor Spörri erhältlich.

In eigener Sache: Rubrik „Buchrezensionen“ überarbeitet

Nachdem die Zahl der Buchrezensionen inzwischen zu unübersichtlicher Masse angewachsen ist, habe ich die einstige Überblicksseite nunmehr auf mehrere thematisch geordnete Seiten aufgeteilt.

Die neuen Einzelrubriken sind: Sachbücher / Fantasy / Horror & MysteryKrimi, Thriller, Sci-Fi, HistorischesKlassikerComics & Graphic Novels. Alle sind direkt über die Reiter in der Oberleiste unter Buchrezensionen anwählbar.

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Großsteingräber, Grabenwerke, Langhügel – Frühe Monumentalbauten Mitteleuropas

Noch heute prägen uralte Monumente die Landschaften Norddeutschlands. Die aus tonnenschweren, unbearbeiteten Felsen errichteten Großsteingräber – „Hünengräber“ im Volksmund – wurden einst vorzeitlichen Riesen zugeschrieben, ebenso wie die noch gewaltigeren Langbetten. Heutzutage gilt ihre Einordnung in die jungsteinzeitliche Trichterbecherkultur, genauer die Zeit zwischen ca. 3 500 und 2 800 v. Chr., als sicher. Weniger bekannt, wenngleich mit einer Länge von 40 – 50 Metern nicht weniger mächtig, sind die nichtmegalithischen Langhügel jener Zeit, die neben Dolmen und den oft vergessenen Einzelgräbern die Vielfalt jungsteinzeitlicher Bestattungsformen illustrieren.
Seit 2009 werden diese Relikte durch das Schwerpunktprogramm „Frühe Monumentalität und soziale Differenzierung“ der Christian-Albrechts-Universität Kiel untersucht. Zu den zahlreichen daraus hervorgegangenen Publikationen gehört auch der Sonderband der Zeitschrift „Archäologie in Deutschland“ mit dem Titel „Großsteingräber, Grabenwerke, Langhügel – Frühe Monumentalbauten Mitteleuropas“, der mittlerweile auch als gebundene Ausgabe und kostenlose Online-Publikation erschienen ist. Der Autor Johannes Müller ist Professor für Ur- und Frühgeschichte an der Uni Kiel und dürfte somit wohl als einer der kompetentesten Ansprechpartner zum vorliegenden Thema gelten. 112 Seiten mögen für ein solches Buch nicht viel erscheinen, doch beinhalten diese durchaus eine reichhaltige Zusammenstellung interessanter Informationen und aktuellster Forschungsergebnisse.
Entgegen dem, was man vielleicht erwarten mag, handelt es sich nicht um einen Bildband „die schönsten Großsteingräber Norddeutschlands“, sondern eben eine wissenschaftliche Zeitschriftenpublikation. Der Titel scheint ein Werk über die „frühen Monumentalbauten Mitteleuropas“ zu implizieren (wobei die Großsteingräber neben Grabenwerken und Langhügeln eben nur ein Aspekt sind), doch trifft dies den Nagel nicht auf den Kopf. Vielmehr dreht sich ein großer Teil des Bandes um die kulturhistorischen Kontexte ebendieser „frühen Monumentalität“ – anstatt im Däniken-Stil die beeindruckendsten Einzelmonumente abzubilden und zu beschreiben, gehen mehrere Abschnitte etwa auf die klimatisch-naturräumlichen Voraussetzungen der nordeuropäischen Jungsteinzeit, eine präzisierte Feinchronologie der Trichterbecherkultur und deren profane Überreste ein. Ziemlich trocken und anstrengend zu lesen, wenngleich durchaus informativ, ist etwa ein Abschnitt über die Vielfalt der Haustypen der TBK; andere Abschnitte befassen sich unter anderem mit den Rohstoffen Flint, Kupfer, Bernstein und Gold in jener Phase.
Besonders zu befürworten ist dieser Ansatz, sobald es an die Großmonumente selber geht: Den bekannten kollektiven Großsteingräbern wird die Vielfalt der weniger bekannten Bestattungsformen gegenübergestellt, mit denen diese koexistierten und sich bisweilen auch überschnitten. So gab es durchaus Einzelgräber in der Trichterbecherkultur, manchmal mit Steinpackungen oder in noch nicht megalithischen Steinkisten, vor und auch noch während der Megalithzeit – und auf der anderen Seite die titelgebenden Langhügel, die auch ganz ohne Steine monumentale Dimensionen erreichen. Als besonders interessantes Beispiel fungiert hier der Grabkomplex Rastorf LA 6a: Wo zuvor ein profaner Hof stand, errichtete man in einer ersten Bestattungsphase noch innerhalb der Hausruinen einen Dolmen, nach und nach ergänzt durch weitere Einzelgräber, die schließlich zu einem (später nochmals erweiterten) Langhügel verbunden wurden – ähnlich der Langhügel von Flintbek, ebenfalls mit mehreren Dolmen und Einzelgrabkammern sowie darunter den aktuell ältesten bezeugten Wagenspuren. Schließlich wird auch auf die klassischen Dolmen und Ganggräber in verschiedenen Formen eingegangen – ihre Typologie, ihre Verbreitung, die dort gemachten Funde sowie schließlich auch die Frage der Errichtung, welche etwa experimentell durch die Errichtung eines Großsteingrabes auf dem Campus der Kieler Uni nachvollzogen wurde. Neben den menschlichen Überresten, wie sich in zumindest manchen Megalithgräbern noch bei Ausgrabungen fanden, wird auch auf die Art der einstigen Benutzung eingegangen, als die Gräber offenbar als lebendige Anlagen eines Totenkultes fungierten. Neben einer Reihe von Einzelbeispielen – so etwa der Brutkamp bei Albersdorf oder der Denghoog auf Sylt – nimmt man auch die überregionale Verbreitung und Vernetzung megalithischer Bestattungssitten rund um die Trichterbecherkultur in den Blick. Weniger Grabbauten, aber nicht weniger monumental sind die in einem der letzten Kapitel behandelten Grabenwerke – bekannt eher aus südlicheren neolithischen Traditionen wie etwa der Michelsberger Kultur, aber sehr wohl auch im Norden bezeugt, was auf einen entsprechenden Fluss von Kulturtraditionen schließen lässt.
Das Werk mag manchmal trockener sein, als es eine simple Publikation nur über Großsteingräber hätte sein können. Jedoch gelingt dem vorliegenden Band etwas viel Wertvolleres: Ein breites Panorama der Trichterbecherzeit mit ihrer Umwelt, ihren Siedlungen und ihrer Wirtschaftsweise einerseits, zugleich die Einordnung der monumentalen Grabbauten selbst in den historischen Kontext, dem sie entstammen – ihre Ursprünge, ihre Errichtung und Weiternutzung, das Zusammenspiel mit anderen Kulturtraditionen sowohl lokal wie überregional. All dies wird reichhaltig illustriert mit Fotos sowohl der Monumente wie auch aktueller Grabungen sowie zahlreichen Graphiken. So ist „Großsteingräber, Grabenwerke, Langhügel“ letztlich eine hervorragende Grundlage für jede Beschäftigung mit der „frühen Monumentalität“ Nordeuropas, die es nicht beim bloßen Ansehen beeindruckender Steinbauten belassen will.

3300 BC – Mysteriöse Steinzeittote und ihre Welt

Eine der faszinierendsten und meistdiskutierten Epochen der europäischen Vorgeschichte stellt das Neolithikum dar. Doch während gerade die Neolithisierung – die Ablösung der nacheiszeitlichen Jäger und Sammler durch Ackerbauern etwa der linienbandkeramischen Kultur – immer wieder Objekt größten Interesses ist, tritt das Jung- bis Spätneolithikum, genauer das vierte Jahrtausend vor Christus, allzu häufig in den Hintergrund. Es war dies nicht nur die Blütezeit der europäischen Megalithkulturen, von der Trichterbecherkultur mit ihren Hünengräbern und Langbetten im Norden bis zu den Erbauern der riesigen Megalithtempel von Malta im Süden, sondern auch die Zeit einer „zweiten neolithischen Revolution“, gekennzeichnet durch die erstmalige Entdeckung des Rades und der tierischen Zugkraft, die mit Pflug und Wagen nie zuvor gekannte Möglichkeiten der Landnutzung eröffneten. Ausgerechnet dieser Zeit widmete sich die Ausstellung „3300 BC – Mysteriöse Steinzeittote und ihre Welt“ des Museums für Vorgeschichte in Halle, zu der auch der gleichnamige Katalog erschien.
Im Zentrum der Ausstellung standen die neuesten Ausgrabungen am Erdwerk von Salzmünde, eponymer Fundplatz der Salzmünder Kultur (ca. 3400-3050 v. Chr.). Zu den beeindruckendsten Funden zählen mehrere verzierte Trommeln aus Ton, meisterhaft bearbeitete Prunkäxte aus Stein – und die namensgebenden „mysteriösen Steinzeittoten“. Neben Steinkisten sind besonders die sogenannten Scherbenpackungsgräber für die Salzmünder Kultur charakteristisch, in denen die Toten unter einer dicken Schicht zu Scherben zerschlagener Keramik beigesetzt wurden – einzigartig dabei das dicht gedrängte Begräbnis von ganzen neun Individuen, darunter fünf Kindern, unter deren Scherbenpackung offenbar ein Haus rituell abgebrannt wurde.
Der Katalog widmet den Funden von Salzmünde mehrere Kapitel – detailliert beschrieben die Funde, die historischen Kontexte und Interpretationen, am allermeisten natürlich die teils rätselhaften Bestattungen, welche zusätzlich zur Erläuterung im Fließtext mitsamt den Erkenntnissen der anthropologischen Untersuchungen in Form von Steckbriefen vorgestellt werden.
Doch bildet Salzmünde hierbei nur den Aufhänger für ein viel weiteres Panorama des europäischen Jung- und Spätneolithikums – auf fast 400 Seiten vereint „3300 BC“ eine Vielzahl an Beiträgen zu dieser Zeitepoche, weit über die Grenzen Sachsen-Anhalts hinaus:

  • zahlreiche allgemeine Artikel zum Neolithikum – zur Neolithisierung und der „zweiten neolithischen Revolution“, Bevölkerungsdynamik, Krieg und nicht zuletzt der (regionalen) Forschungsgeschichte
  • verbunden mit der erstmaligen Einführung von Zugtieren auch Kapitel über die spektakulären Rinderbestattungen von Profen und Niederwünsch
  • das Phänomen der hochwertigen Jadeitbeile, die während des Neolithikums durch weite Teile Europas gehandelt und jüngst in einem neuen Forschungsprojekt erforscht wurden
  • die oft romantisch verklärten Pfahlbausiedlungen im Alpenraum
  • Ötzi, ohne Zweifel der berühmteste „mysteriöse Steinzeittote“ von allen
  • die Megalithanlagen des Nordens (Trichterbecherkultur), der Dölauer Heide, der Bretagne, der Iberischen Halbinsel, Maltas, Irlands, Italiens und sogar der Orkney-Inseln
  • der blutige Ritualort Herxheim und fünf weitere Kapitel allein zum Phänomen der neolithischen Erdwerke
  • mehrere Beiträge aus der Ethnologie zum Thema Ahnenkult, die – zumindest annähernd durch Analogien – die oft rätselhaften Funde der Vorgeschichte etwas verständlicher zu machen versuchen

Großartig allein schon ist der Versuch, neben allerlei fundierten allgemeinen wie speziellen Themen auch noch die europäische Megalithik in einer solchen Breite darzustellen, dabei eingebunden auch mehrere recht unbekannte und doch nicht weniger beeindruckende Monumente. Doch so sehr mir auch das Herz aufgeht, im Kapitel zur norddeutschen Megalithik den wunderbaren Dolmen von Goosefeld nahe meines Heimatortes abgebildet zu sehen, so bleiben doch leider die Kapitel zu den Megalithkulturen überwiegend recht kurz. Im Umfang eines einzigen solchen Sammelbandes ist jedes einzelne weitere dieser zahlreichen archäologischen „Appetithäppchen“ respektabel, doch trotz hervorragender Abbildungen bleibt es schlichtweg unmöglich, etwa die Monumentalbauten der Trichterbecherkultur oder der maltesischen Megalithzeit auf oft unter fünf Seiten einigermaßen repräsentativ darzustellen – hier muss dann doch im Zweifel auf andere Publikationen zurückgegriffen werden, wozu aber immerhin überall eine Auswahl an Literaturverweisen gegeben wird (überhaupt ist die gute Ausstattung des Bandes mit Quellen zu einem jeden Kapitel positiv hervorzuheben). Anders sieht es etwa beim Thema Erdwerke aus; hier gelingt mit einer guten Auswahl an Beispielen auf verhältnismäßig mehr Raum ein etwas repräsentativerer Überblick.
Auch wenn ich die zugrunde liegende Ausstellung leider nie besuchen konnte – zum Glück sind immerhin zahlreiche der spektakulären Funde (Prunkäxte, Rinderbestattungen etc.) auch dauerhaft in Halle ausgestellt – so genügt doch schon der informative Katalog zur Begeisterung. Dass die Zusammenstellung der einzelnen Themen manchmal etwas willkürlich wirkt, tut dem Sammelband keinen Abbruch – im Gegenteil, ein Überblick über so viele der interessantesten Funde des vierten Jahrtausends v. Chr. ergibt insgesamt ein Panorama mit vielen Reizen für den interessierten Ur- und Frühgeschichtler. Die Präsentation geizt nicht mit großartigen Bildern und prägnanten Graphiken, wann immer diese angemessen sind, und erläutert dabei mehr zu all jenen archäologischen Highlights, als man realistischerweise aufnehmen kann. Sowohl als allgemeiner Überblick über die Monumentalbauten, Bestattungssitten und grundlegenden Prozesse des Jung- und Spätneolithikums wie auch als spezielle Darstellung gerade der vielfältigen Funde von Salzmünde bleibt „3300 BC“ in Erinnerung – ein Sammelband, den man als Vorgeschichtsinteressierter nicht nur durchlesen, sondern auch später wieder aufschlagen wird.

Der Mönch

Die Sünde blüht oft dort am besten, wo man sie am meisten zu unterdrücken sucht. Als 1796 Matthew Gregory Lewis im Alter von nicht einmal zwanzig Jahren den Schauerroman „Der Mönch“ veröffentlichte, muss dieser einem Skandal gleichgekommen sein, ein Dolchstoß mitten in das Herz der wohlkultivierten christlichen Moralfassade. Auch heute noch hat er als ein Meisterwerk der Gothic Novel zu gelten – jetzt sicher weniger schockierend als einst, doch längst noch mehr als man es erwartet.
Ambrosio ist der Inbegriff eines vorbildlichen Christen. Niemals hat der strenggläubige Mönch sich eine Sünde zuschulden kommen lassen, bei jeder Predigt verzaubert er die Menschen mit seinem Charisma. Seine Moral kennt keine Ausnahmen: Als er von der heimlichen Liebschaft einer jungen Nonne und ihrer geplanten Flucht erfährt, liefert Ambrosio sie ohne Zögern der geistlichen Obrigkeit aus. Dann aber wird sein moralischer Kompass auf eine Probe gestellt: Der junge Mönchsanwärter Rosario enthüllt ihm, dass er eigentlich eine Frau und nur aus Liebe zu Ambrosio dem Kloster beigetreten ist. Zunächst noch mit seinem Keuschheitsgelübde hadernd, kann doch der Mönch der allgegenwärtigen Versuchung nicht lange widerstehen. Währenddessen macht sich Don Lorenzo, Bruder der unglückseligen Nonne Agnes, zusammen mit ihrem Geliebten Raymond auf die Suche nach seiner Schwester, die von der unerbittlichen Äbtissin des Klosters gefangen gehalten wird. Ambrosio indes manövriert sich immer tiefer in den Sumpf des Lasters hinein – was als lange unterdrückte Leidenschaft begann, wandelt sich schon bald zur Sucht, bis Ambrosio von nichts anderem mehr getrieben ist als dem Zwang zur Sünde. Die Lust an seiner ersten Liebschaft verlierend, richtet sich seine obzessive Begierde ausgerechnet auf die unschuldige Antonia, die Angebetete Lorenzos …

„Der Mönch“ ist ein schonungsloser Roman. Was sich über 300 Seiten als Thriller aufbaut, wächst sich zum metaphysischen Kampf um die Seele Ambrosios aus, der schließlich, bis zuletzt unentschieden, in der Katastrophe endet. Satan triumphiert, kein Happy End gibt es für Schuldige wie Unschuldige gleichermaßen – bezeichnend, wenn ausgerechnet die berüchtigte Inquisition am Ende wie ein Retter erscheint. Es hat ohne Zweifel seinen Grund, dass Lewis‘ Werk noch heute als Klassiker des Genres gilt: Parallel und doch verflochten werden zwei Geschichten erzählt, beide für sich ein Sittenspiegel christlicher Bigotterie. Die Entzauberung lasterhafter Mönche und Nonnen mag in guter Tradition stehen, immer wieder ein dankbares Thema. Geradezu modern aber nimmt sich der Blick aus, den das Werk auf die strenge christliche Morallehre nimmt – die Enthaltsamkeit der Geistlichen wird als unerfüllbare Illusion offenbart, die ungerechten Zwänge des Glaubens der wahren Liebe zwischen Agnes und Raymond gegenübergestellt. Während die Äbtissin ihrer Grausamkeit unter dem Deckmantel der Moral freien Lauf lässt, ist es bei Ambrosio ganz offensichtlich allein die Abgeschiedenheit von der Welt, eben die Abwesenheit jedweder Versuchung, die ihn seine Tugend aufrecht erhalten lässt – die zu Beginn viel gerühmte Moral wird als Heuchelei entlarvt, die der Verführung letztendlich nichts entgegenzusetzen hat. Einmal aufgebrochen, offenbart sich hinter der tugendhaften Schale nichts als ein deformierter Charakter, der keinerlei natürliche Aversion zur Sünde mehr besitzt.
Auch nach über zweihundert Jahren ist „Der Mönch“ ein lesenswertes Werk. Klosterintrigen, Teufelspakt und Inquisition, allzu klassische Motive des Schauerromans, bilden zusammen mit einer wohldurchdachten Story einen überzeitlich guten Thriller, der stellenweise die Nerven der heutigen Leser noch zu strapazieren vermag wie einst den guten Geschmack der früheren.

Eine anonyme Übersetzung aus dem Jahr 1799 ist vielfach erhältlich, so etwa in der meinen Ausgabe, gemeinsam mit E. T. A. Hoffmanns Die Elixiere des Teufels im Sammelband der Area-Horror-Reihe. Erst vor kurzem erschien auch – mit einem Vorwort von Stephen King in limitierter Auflage – eine Neuübersetzung des Klassikers durch den zeitgenössischen Horrorautor Michael Siefener im Festa-Verlag.

 

 

Die Deutschen und ihre Mythen

Was haben Arminius und Martin Luther gemeinsam? Sie beide machten sich mit ihrem Aufstand gegen Rom einen Namen – und wurden dafür noch Jahrhunderte nach ihrem Tod als Heroen verehrt, weit über ihre historischen Taten hinaus als Sinnbilder deutschen Widerstands gegen den nationalen Feind der jeweiligen Epoche. Dies sind nur zwei jener zahlreichen „Nationalmythen“, die lange als Ikonen deutscher Identität gepflegt wurden, gleichsam diese Identität zu konstruieren halfen – obgleich doch besagten Männern selbst solch ein Verständnis von „Deutschtum“ zu Lebzeiten allzu fremd gewesen wäre.
„Die Deutschen und ihre Mythen“ heißt das Buch des bekannten Politikwissenschaftlers und de-facto-Historikers Herfried Münkler, das eine ganze Reihe solcher deutschen Mythen darstellt und so einen Eindruck gewährt in einen bedeutsamen Teil der Geisteswelt unserer Kultur, wie er sich über mehrere Jahrhunderte teils bis in die Gegenwart zieht. Denn wie jedes Land schuf sich auch Deutschland – umso mehr, da es gerade im neunzehnten Jahrhundert inmitten eines Flickenteppichs ungeeinter Kleinstaaten seine sich abzeichnende Identität verhandeln musste – ein Pantheon von Erzählungen, die seinen Platz in der Welt zu beschreiben hatten, Hoffnungen kanalisierten und als Exempla eines vermeintlich „deutschen“ Charakters galten, oft genug auch als unausweichliches Schicksal über mythosversessenen Patrioten schwebten: Unberührt von moderner Textkritik schuf man aus Tacitus‘ Germania ein Sittenbild des edlen, naturverbundenen und unverbildeten Germanen, den man dem intellektuellen und „überkultivierten“ Charakter der romanischen Völker gegenüberstellte. Vor 1871 verkörperte die Gestalt des Königs Friedrich Barbarossa, der im Inneren des Kyffhäusergebirges schlafen und dereinst wieder zu neuer Macht erwachen sollte, die Sehnsucht nach einer Wiederauferstehung eines geeinten Reiches. Der Untergang der Burgunden im Nibelungenlied avancierte nicht trotz, sondern gerade wegen des tragisch übersteigerten Kadavergehorsams zum moralischen Ideal, dem man nacheiferte bis hin zur mythisch überhöhten Todessehnsucht und der fatalen Schicksalsergebenheit, in der sich die Führer der Dritten Reiches schließlich wähnten. Und schließlich wäre da auch Faust, aus dessen widersprüchlichem Charakter in der Darstellung Goethes man eine ganze Reihe verschiedenster typisch „deutscher“ Charakterzüge erkennen wollte. Wie kaum anders zu erwarten, erlebten die Mythen eine Hochzeit im nationalistisch aufgeladenen neunzehnten Jahrhundert, vielfach in Literatur und Propaganda ausgeschlachtet und immer wieder neuinterpretiert. Was im Kaiserreich und schließlich, teils ins Groteske hochstilisiert, im Nationalsozialismus eine blühende Rezeption erlebte, kam mit dem Jahr 1945 fast gänzlich zum Erliegen – ein wohl seltener, wenn nicht historisch einzigartiger kultureller Schnitt, jener Bruch mit fast der Gesamtheit identitätsstiftender Erzählungen, der eine solch distanzierte Untersuchung wie von Seiten Münklers vielleicht erst möglich und nötig machte. Auch die wenigen großen Erzählungen der Nachkriegszeit – Währungsreform und Wirtschaftswunder im Westen, antifaschistischer Widerstand und alliierter Bombenterror im Osten – werden behandelt, doch wird angesichts dessen doch die Mythenarmut des heutigen Deutschlands offenbar, in dem kollektive Nationalgeschichten zunehmend von kurzlebigen PR-Konstrukten verdrängt worden sind.
Auf rund 600 Seiten – davon jedoch ein respektabler Teil Anhang mit unzähligen hintergründigen Erläuterungen – entwirft Münkler ein repräsentatives Panorama jener bedeutsamen Erzählungen der  deutschen Geschichte. Nicht geht es darum, diese historisch zu dekonstruieren, ihren Inhalt etwa an historischen Fakten zu messen (wie es etwa bei Luthers Thesenanschlag oder dem berühmten Gang nach Canossa zu desillusionierenden Ergebnissen führen würde) – vielmehr steht die Rezeption der Mythen im Mittelpunkt. Auch diese ist nicht als statisch aufzufassen – vielmehr zeichnen sich Mythen gerade dadurch aus, dass sie im Laufe der Zeit und auch zeitgleich verschiedene Formen annehmen, mithin in völlig entgegengesetzte Richtungen ausgedeutet werden. So scheint dann auch ein beträchtlicher Sachverstand bei Münkler durch, wenn genaue historische Abrisse mit einer Vielzahl von Auszügen der zeitgenössischen Literatur und sonstigen Geistesgeschichte verbunden werden. Und obwohl es sich eigentlich um ein Sachbuch handelt, das man sicher auch deutlich trockener hätte gestalten können, gelingt dem Autor ein durchgehend sehr flüssig zu lesender Stil, der trotz viel Stoff ohne wirkliche Längen auskommt. Schade allein, dass zig Seiten auf teils umfangreiche Fußnoten im Anhang entfallen, die man im natürlichen Lesefluss doch leider auslassen muss, will man nicht permanent hin und zurück blättern. Natürlich hätte Münkler unmöglich alle deutschen Nationalmythen in einer Monographie behandeln können – gewisse Aspekte fehlen zwangsläufig, seien es nun Bismarck oder auch das eigentlich potentiell hochinteressante Thema der Rezeption des Dritten Reiches im historischen Denken der Nachkriegsgenerationen. Insgesamt aber bildet „Die Deutschen und ihre Mythen“ einen fundierten Rundumschlag über einen Großteil jener Motive und Erzählungen, die im Geschichts- und Nationaldenken der Deutschen einen großen Stellenwert haben oder – häufiger – hatten, von der ikonischen Varusschlacht bis hin zum preußischen Sittenideal und der Schlagzeile „Wir sind Papst“.