Neue Links in der Wunderkammer (IV)

Wurden die spanischen Eroberer von Inka und Azteken tatsächlich als wiedergekehrte Götter begrüßt? Was hat es mit im Internet verbreiteten Artikeln über die Entdeckung einer Gruft mit schlafenden Riesen im Iran auf sich? Und wie kann man überhaupt die These vom erfundenen Mittelalter widerlegen? Die neuen Links in der Wunderkammer.

Camilla Townsend: Burying the White Gods: New Perspectives on the Conquest of Mexico

Katherine Reece: The Spanish Imposition

Jason Colavito: Exaggeration, Plagiarism and the Mysterious „Tunnels“ Under South America

Jason Colavito: Are Prehistoric Giants Waiting in a Stasis Chamber in Iran?

Shemir Amelirad u.a.: The iron age „Zagros Graveyard“ near Sanandaj (Iranian Kurdistan): Preliminary report on the first season (Gegendarstellung der echten Ausgräber zu den „Stasis-Mumien“ von Sanandaj)

Brian Dunning: The Phantom Time Hypothesis

Brian Dunning: Yonaguni Monument: The Japanese Atlantis

Brian Dunning: Draining the Baghdad Battery

Brian Dunning: Coral Castle

Tortured Souls / Infernal Parade

Cemetery Dance Germany, Band 5, Tortured Souls & Infernal ParadeEs kommt wohl der Erfüllung eines Herzenswunsches vieler Horror-Leser gleich, was jüngst der Buchheim-Verlag als fünften Teil von Cemetery Dance Germany veröffentlichte: Den illustrierten und signierten Doppelband der Novellen „Tortured Souls“ und „Infernal Parade“ von Horror-Legende Clive Barker. Wenngleich ziemlich kurz und schnell gelesen, ist das Buch doch eine typische Perle des bekannten Barker-Stils, dem schon Klassiker wie die „Bücher des Blutes“ und die Geschichte des bekannten Splatterfilms „Hellraiser“ entsprangen.
„Tortured Souls“ spielt in der fiktiven und irgendwie völlig zeitlosen Stadt Primordium, die selbst mehr Allegorie ist als historisch fassbar. Hier lebt der verbitterte Attentäter Zarles Kreiger, den die Begegnung mit der Tochter seines letzten Opfers endgültig desillusioniert. Um sich gegen die dekadente Herrschaft des Imperators von Primordium aufzulehnen, sucht er die Hilfe von Agonistes – einem uralten Wesen jenseits von Gut und Böse, das die Verzweifelten in grausiger Manier zu furchtbaren Schrecken ihrer Mitmenschen umgestaltet. Kreiger und seine Geliebte Lucidique sehen sich einer Welt aus Blut und Elend gegenüber …
Einerseits evoziert die Geschichte allzu verstörende Schrecken blasphemischer Verwandlungen, wie wir es aus Hellraiser & Co. kennen, doch all das fast ohne konkrete, plastische Details. Während Barker das Lesergehirn anregt, sich diese Gräuel schön selbst noch lebendiger auszumalen, als es seine Worte vielleicht könnten, widmet er jene lieber den charakterlichen Verwicklungen, den schon ans Märchenhafte grenzenden Intrigen von Primordium und einer Auswahl weiterer grotesker Schrecken. „Tortured Souls“ liegt den bekannten Themen im Werk von Clive Barker naturgemäß nahe, bleibt als skurriles, wenngleich großartig inszeniertes Splatterpunk-Märchen aber doch einzigartig.
In der Handlung weit weniger stringent ist der zweite Teil „Infernal Parade“: Hier wird der zum Tode verurteilte Tom Requiem von einer düsteren Parallelgesellschaft mit dem Anführen einer Höllenparade beauftragt, deren Teilnehmer er zunächst noch einsammeln muss. So ist dann abseits dieser Rahmenhandlung die Novelle eigentlich mehr eine Aneinanderreihung von vier mehr oder weniger unabhängigen Kurzgeschichten, die doch alle für sich lebendigen Horror ganz unterschiedlicher Art heraufbeschwören. Wir haben da einen Jungen, der fahrlässig einen Golem mit der Vernichtung seiner kaputten Familie beauftragt, oder den gewissenlosen Dr. Fetter, der seine Profession im Erschaffen von Monstern gefunden hat. In einer an Primordium aus „Tortured Souls“ erinnernden Fantasiewelt entspannen sich soziale Unruhen, schließlich greift auch eine junge Frau mit ihrem so vielversprechenden Liebeszauber daneben …
Genau wie der Vorgänger ist „Infernal Parade“ ein Experiment abseits klassischer Konventionen, und dabei auch genauso wirkungsvoll. Jede einzelne Geschichte ist für sich beunruhigend und zugleich innovativ – nicht bloßer Splatter-Horror, sondern durchdachte Parabeln mit teils drastischen Horror-Elementen. Atmosphärisch passend tragen dazu auch die meist düsteren und etwas abstrahierten Illustrationen bei.
Damit ist der ganze Doppelband gleichsam repräsentativ und bemerkenswert für das Werk Clive Barkers: Selten hat es ein Autor geschafft, solch schockierende Erzählungen zugleich so intelligent und poetisch zu inszenieren. Barker beweist, dass das Splatterpunk-Genre sich nicht mit stupiden Geschichten begnügen muss, sondern zugunsten von Stil und Handlung sogar die plastischen Schrecken einmal zurückstellen kann, während sie andernorts eben ihre inhaltliche Funktion erfüllen. Von dieser Art hätte man durchaus noch einiges mehr lesen können.

Turn Down the Lights

Cemetery Dance Germany, Band 4, Turn Down The LightsWährend das Horror-Magazin Cemetery Dance in Deutschland erst seit kurzem mit einer Reihe beim Buchheim-Verlag vertreten ist, feierte es im englischen Sprachraum bereits sein 25-jähriges Jubiläum. Dazu erschien eine Anthologie voller Geschichten namhafter Horror-Autoren, die zu unserem Glück auch als vierter Band in die deutsche Reihe übernommen wurde. Mit 200 Seiten und großer Schrift ist „Turn Down the Lights“ nicht allzu umfangreich (innerhalb von ein bis zwei Tagen durchgelesen), doch dafür durch das Format sowie individuelle Illustrationen zu jeder einzelnen Geschichte umso hochwertiger gestaltet.
Herausgeber Richard Chizmar schreibt im Vorwort interessant über die Geschichte des CD-Magazins, Horrorautor Thomas F. Monteleone („Das Blut des Lammes“) schließt das Werk mit einem ebenso persönlichen Nachwort ab. Wie schon Band 2 „Shivers VIII“ startet auch dieses Buch mit einer gewohnt atmosphärischen Geschichte von Stephen King, deren Handlung dann aber doch eher unspektakulär ist. Die übrigen Geschichten dann decken ein breites Spektrum düsterer Szenarien ab: Jack Ketchum, eigentlich eher bekannt für realistische Psycho-Thriller, bietet mit „Die Toten des Westens“ eine zwar grausige, aber keinesfalls plastisch-actionbasierte Zombie-Geschichte aus dem Wilden Westen – mit Verbindungen ins Alte Ägypten. Schließlich gibt es drastische Monstergeschichten mit Ronald Kellys „Das Plumpsklo“ und Steve Rasnic Tems „Schräge Vögel“, Bentley Little legt mit „Im Zimmer“ eine solide, etwas beunruhigende Coming-of-Age-Mystery-Story vor. Besonders schön erscheint „Alleinflug“ von Ed Gorman – eigentlich kein Horror, sondern die lebendige Geschichte über zwei alte Männer, die angesichts des Lebensendes zu kompromisslosen Helden des Alltags mutieren. Horror-Ikone Clive Barker schreibt in „Püppchen“ über das harte Schicksal eines Mädchens – und die zunehmend bedenkliche Beziehung zu ihrer Puppe. „Die gesammelten Kurzgeschichten von Freddie Prothero, Einleitung von Dr. phil. Torless Magnussen“ von Peter Straub ist vielleicht der verstörendste Beitrag, indem er aus reichlich surrealer Perspektive die Gedanken eines Kindes zelebriert.
Leider ist „Turn Down the Lights“ so schnell durchgelesen, dass das Vergnügen nicht lange währt. Doch macht sich der prominent besetzte Horror-Prachtband nicht nur schön im Regal, sondern unterhält auch hervorragend mit seinen zehn düsteren Geschichten. Der Titel aber erfordert wohl eine gewisse Erläuterung: Während es zwar die Lesedauer verlängert, das Licht bereits vor Beendigung des Lesevorgangs zu dimmen, ist es doch dem Unterhaltungswert nur wenig zuträglich. Eine Verdunkelung in Anschluss daran ermöglicht dagegen die vorgesehene Diffusion der Eindrücke im Gehirn, die als beunruhigender Nachgeschmack eher vorgesehen ist.

The Mountain King

Cemetery Dance Germany, Band 3, The Mountain KingObwohl Rick Hautala über 90 Romane und Kurzgeschichten veröffentlichte und in der Horrorliteratur des englischen Sprachraums weite Beachtung fand, ist erst nun, sechs Jahre nach seinem Tod, sein erster Roman ins Deutsche übersetzt worden: „The Mountain King“, erschienen als dritter Band der Serie „Cemetery Dance Germany“ im jungen Buchheim-Verlag. Es ist der bislang einzige längere Roman in dieser Reihe, die etwa mit Widow’s Point und Shivers VIII bislang eher Novellen und Anthologien veröffentlichte. Wie auch alle anderen Teile liegt „The Mountain King“ in großformatiger Edelausgabe vor, samt einigen schönen Illustrationen und Nummerierung.
Mark Newman und sein Freund Phil Sawyer sind auf einer Wanderung am unwirtlichen Mount Agiochook. Dann, während eines Schneesturmes, kommt es zur Katastrophe – Phil stürzt an einer Felsklippe ab und bleibt reglos liegen. Hilflos muss Mark beobachten, wie der Freund von einem haarigen Ungeheuer gepackt und verschleppt wird. Allein kehrt er in seinen Heimatort zurück. Während die anderen Bewohner ihn zunehmend des Mordes an Phil verdächtigen, glaubt Mark als einziger noch an das Überleben seines Freundes und kann es nicht erwarten, in die Wildnis zurückzukehren. Doch die Kreatur in den Bergen hat Blut geleckt und folgt dem Geflüchteten ins Tal – schon bald müssen nicht nur Mark und seine Familie um ihr Leben fürchten …
„The Mountain King“ fesselt von Anfang an – und später umso mehr. Mehrere Perspektiven wechseln sich ab, was immer wieder die Spannung wechselseitig erhöht. Hautala ist ein Roman gelungen, der trotz phantastischer Elemente letztlich knallhart in der Realität verwurzelt bleibt. Die halbmenschlichen Ungeheuer – der Name Bigfoot fällt trotz eindeutiger Anklänge nicht – sind keinesfalls überzeichnet, vielmehr allzu naturalistisch dargestellt und damit umso bedrohlicher. Was den Umgang der anderen Menschen mit Phil angeht – Unglaube und Misstrauen – umschifft Hautala die schon zwangsläufig zu erwartenden Klischees zugunsten differenzierterer Charakterzeichnung. Drastisch sind schließlich die Gewaltszenen, weniger durch Menge und Detail als vielmehr wohl dosierte Inszenierung, wenn sich der Roman gegen Ende – nach Enttäuschung so mancher Erwartungen des Lesers – endgültig zum bloßen Überlebenskampf verdichtet.
Obwohl bisweilen recht blutig, ist „The Mountain King“ letztendlich eben keine stupide Monstergeschichte, sondern vielmehr ein schonungsloser und spannender, weil flüssig und zugleich realistisch geschriebener Horrorthriller, wirkungsvoller als ein Großteil der einschlägigen Genreliteratur. Dass von den Werken Rick Hautalas gerade dieses Eingang in die deutsche Sammler-Reihe fand, ist durchaus verständlich, auch ohne die übrigen zu kennen.

Neu: Das Riesenportal

Nachdem es ja einige Zeit recht ruhig um die Wunderkammer war, habe ich nun in den letzten Tagen ein neues (Achtung mittelmäßiger Kalauer) Riesenprojekt auf die Beine gestellt: Eine eigene Seite in der Wunderkammer der Kulturgeschichte widmet sich nun dem vielleicht ältesten und beständigsten Thema der „alternativen Archäologie“: Den angeblich immer wieder rund um den Globus gefundenen Skeletten von Riesen.
Derartige Berichte finden sich seit über zweitausend Jahren, spätestens beginnend mit den alten Griechen (wahrscheinlich aber schon viel früher). Heute sind es vor allem Grenz- und Pseudowissenschaftler, die solche alten und manchmal neuen Quellen sammeln und daraus Theorien über vorzeitliche Riesen ableiten – oft in Verbindung mit kreationistischen, katastrophistischen oder diffusionistischen Weltbildern. Was steckt hinter den 7 Ellen langen Gebeinen des Orestes, die die Spartaner 560 v. Chr. in Tegea fanden, was hinter den vielen hundert amerikanischen Zeitungsberichten aus dem 19. Jahrhundert über angeblich gefundene Riesenskelette?
Auf der Seite des neuen Portals habe ich bereits eine Menge an Quellen und Artikeln versammelt. Besonders aufschlussreich für die amerikanischen Riesen etwa sind die Recherchen von Andy White, im größeren Kontext auch unvermeidlich die Bücher Adrienne Mayors über mythologisch fehlinterpretierte Fossilien. Wie auch das normale Lexikon soll natürlich auch das „Riesenportal“ sukzessive um weitere Quellen und eigene Recherchen erweitert werden.

-> Das Riesenportal

Dolmen (oben) und Langbett von Goosefeld, Schleswig Holstein (Fotos LI). Die „Hünengräber“ der neolithischen Trichterbecherkultur wurden lange Zeit als Gräber oder Betten von Riesen angesehen. Symbolbilder, da kein echtes Riesenskelett zur Hand.

Der Höllenpanzer

Der HöllenpanzerBrachte der zweite Weltkrieg nicht auch ohne Dämonen schon genug Schrecken? Graham Masterton war glücklicherweise anderer Meinung – so entstand „Der Höllenpanzer“ (engl. „The Devils of D-Day“), jüngst erschienen als achter Band von Festas Pulp-Legends-Reihe.
1944: Die Alliierten landen in der Normandie. Eine geheimnisvolle Division von 13 schwarzen Panzern durchbricht die feindlichen Linien und vernichtet die deutschen Truppen ohne Widerstand. Danach verschwinden sie wieder spurlos – nur eines der unbezwingbaren Fahrzeuge bleibt zurück und wird noch vor Ort zugeschweißt. Noch 35 Jahre später, als der amerikanische Landvermesser Dan McCook die Gegend besucht, fürchten die Einheimischen den Fluch des eingewachsenen Panzers, der seit Jahrzehnten Leid und Elend über die Dörfer bringt. Doch McCook beschließt, dem ein Ende zu machen und den Panzer zu öffnen – womit er dämonische Mächte befreit …
„Der Höllenpanzer“ ist mit knapp 270 Seiten, groß beschrieben, eher eine Novelle als ein Roman, schnell und flüssig durchgelesen. Eigentlich ist der Originaltitel passender, denn keinesfalls geht es nur um diesen einen höllischen Panzer: Der fungiert vielmehr als rätselhafter Aufhänger für einen deutlich weiter reichenden Abstieg in okkulte Abgründe der Vergangenheit. Masterton gelingt es hervorragend, die Ereignisse der Zeitgeschichte mit historischer Dämonologie zu verbinden und beides hervorragend atmosphärisch zu inszenieren, ohne dass die Verbindung unpassend oder lächerlich wird. Die verfluchten Panzer des Krieges wirken nicht etwa trashig, sondern – gerade durch die indirekte und zu Anfang sehr geheimnisvolle Darstellung – allzu authentisch und bedrohlich. Das Erzähltempo ist schnell – keine unnötigen Längen gibt es in der Gegenwartshandlung und die historischen Rückblicke werden gerade durch ihre Knappheit umso wirkungsvoller.
„Der Höllenpanzer“ ist letztendlich zwar kein langes Vergnügen, aber doch eine Perle innovativer Schauerliteratur, meiner Meinung nach einer der besten Teile der „Pulp Legends“.

Neuigkeiten in eigener Sache

  • Ich habe in letzter Zeit die Website einmal wieder auf den aktuellsten Stand gebracht, so die Aktuellen Projekte, die Seite meiner eigenen Buchpublikationen und alte Blogposts über verschiedene Anthologien
  • Heute habe ich die Überblickseiten der Wunderkammer nach einem neuen Konzept überarbeitet (Lexikon von A-Z / Lexikon nach Herkunft/Thema). Statt der sperrigen Hinweise á la „siehe Artikel von Max Mustermann“ sind die Links von nun an in Kurzzitation „(Mustermann 2020)“ angegeben. Das sieht eleganter aus und ergibt Platz für mehr Quellen.
  • Vor wenigen Tagen habe ich das „Reboot“ meiner historischen Dark-Fantasy-Reihe „Draugar“ vollendet, den 150 Seiten starken Kurzroman „Die Saga von Ragnar Draugabani“. Es folgt nun die Überarbeitung der übrigen schon früher verfassten Draugar-Geschichten, vor allem der beiden Kurzromane „Die Riesen von Thule“ und „Die Unholde vom Eisenwald“. Ob und in welchem Verlag die Geschichten einmal veröffentlicht werden, muss sich noch herausstellen.

Der aktuelle Stand der Chroniken von Tilmun:

  • Gilgamesch VI ist schon seit längerem fertig, es verbleiben voraussichtlich zwei weitere Teile zu schreiben.
  • Ich habe innerhalb einer Woche das Manuskript des neuen Tilmun-Bandes „Schlangennest“ fertiggestellt, der in der Gegenwart spielen wird.
  • Das Manuskript eines deutlich kürzeren „Adventures“ mit dem Titel „Drachen in Eschnunna“ ist ebenfalls fertig. Die Geschichte spielt parallel zur Gilgamesch-Reihe und wird diese in den späteren Bänden beeinflussen.

Die Farm & Die Stadt

Die Farm & Die StadtDie Tierwelt schlägt zurück – immer wieder ein gerne gesehenes Thema, so auch in der „Schweine-Saga“ von Richard Haigh, deren beide Teile „Die Farm“ und „Die Stadt“ nun in einem Band der Pulp-Legends-Reihe des Festa-Verlags vorliegen.
Der ehemalige Arzt Paul Thompson hatte sich eigentlich ein beschauliches Leben als Landwirt vorgestellt, als er Hobb’s Farm aufkaufte. Die Aussichten – rosig, hat er doch sein Geld in die Buckland Whites gesetzt, eine neue, größere und intelligentere Schweinerasse, die beträchtlichen Gewinn verspricht. Doch dann die Katastrophe – auf einer Landstraße kommt es zu einem großen Verkehrsunfall, bei dem große Mengen giftiger Chemikalien ins Grundwasser gelangen. Thompson, seine Familie und Bekannte, die auf der Farm inmitten so vieler Tiere leben, ahnen nichts Böses. Dann aber beginnen alle Tiere sich zunehmend aggressiv zu verhalten und schon bald muss ein jeder um sein Leben fürchten.
Einige Zeit später findet in London eine große Landwirtschaftsmesse statt. Und auch hier sind die berüchtigten Buckland Whites zu Gast …

Das Cover des Buches verspricht einen ziemlich blutigen Trash-Roman. Die Wahrheit aber sieht anders aus: Der Sprachstil der beiden auf 500 Seiten vereinten Romane ist zwar überwiegend klar und schmucklos, doch keinesfalls primitiv, wird man doch immer wieder durch allzu passende Formulierungen überrascht. Und schließlich sind die beiden Bücher auch nicht wirklich bloße Splatter-Geschichten, sondern vielmehr Thriller – ein größerer Teil als dem Gemetzel gilt der langsamen Vorbereitung, die Spannung gewinnt nicht trotz, sondern eben weil man den Ausgang bereits erwartet. Dafür lässt sich Haigh genüsslich Zeit – geradezu brillant etwa die Anfangsszene, in der im schnellen Wechsel die Perspektiven der diversen Verkehrsteilnehmer geschildert werden, die sich schließlich zum gemeinsamen Unfall verdichten. Und auch als dann endlich auf dem Bauernhof die Situation eskaliert, sind die sich steigernden Attacken der Tiere doch erschreckend unspektakulär, wenngleich allzu wirkungsvoll. Im ersten Band stehen gar nicht einmal nur die Schweine im Mittelpunkt, werden sie doch unterstützt durch einen ganzen Bauernhof durchgedrehter Tiere. Das Setting mag nicht allzu innovativ scheinen, eben die sich zunehmend abzeichnende Dezimierung und Belagerung der Hofbewohner durch ihr Nutzvieh, doch wird die Geschichte gerade auch in Hinblick auf den menschlichen Schrecken mit bedrückender Intensität vermittelt, dass man sich allzu gut in deren Leidenswege einfühlen kann. „Die Stadt“ baut dann dramaturgisch etwas ab gegenüber dem ersten Teil, doch auch hier gewinnt die Geschichte gerade durch die Vielzahl der individuellen Perspektiven an Wirkung. Das zu erwartende Blutbad kommt erst spät, und auch dann stehen doch die menschlichen Perspektiven im Mittelpunkt.
Der dritte Teil einer solchen „Schweine-Trilogie“ wird im Epilog von „Die Stadt“ zwar angekündigt, ist jedoch leider nie veröffentlicht worden – man hätte gespannt sein können. Immerhin haben wir jedoch Schwein gehabt, dass zumindest die ersten beiden Bände mehr als dreißig Jahre nach ihrem Erscheinen wiederentdeckt und nun erstmals in Deutsche übersetzt wurden. Alles in allem sind „Die Farm“ und „Die Stadt“ zusammen ein ziemlich kurzweiliges Vergnügen, schnell und flüssig weggelesen, aber durchaus unterhaltsam. Die Stärke beider Tierthriller liegt tatsächlich mehr in den psychologischen Komponenten – ein intelligent inszeniertes Zusammenspiel etlicher individueller Protagonisten, die allesamt ihr Fett wegbekommen. Nämlich durch menschenfressende Schweine, um es zu präzisieren.

Neue Links in der Wunderkammer (III)

Hammer von London/Texas (Artikel von Glen Kuban)

Moorleichen des Afred Dieck (Überblick von Sabine Eisenbeiß & Wijnand van der Sanden)

Nowosiólki-Neandertaler in Rüstung (Originalquelle sowie Kritik von Jim Foley)

Pyramide von Gympie (Artikel von Elaine Brown und Anthony G. Wheeler)

Erhaltenes Dinosaurierblut/-gewebe (erste und zweite Kritik von Gary S. Hurd)

Limestone Cowboy (Artikel von Glen Kuban)