Der Schwarze Obelisk Salmanassars III.

Bei den Ausgrabungen in der assyrischen Königsstadt Nimrud (ass. Kalḫu, bibl. Kalaḫ) stieß der Ausgräber Austen Henry Layard 1846 auf den sogenannten „Schwarzen Obelisken“, eine Stele mit dem hervorragend erhaltenen Tatenbericht des neuassyrischen Königs Salmanassar III. (reg. 858-824 v. Chr.). Dieser beschreibt darin die Feldzüge eines jeden Jahres seiner Regentschaft; fünf Reliefdarstellungen auf jeder Seite illustrieren die Tributleistungen der besiegten Feinde. Berühmtheit erlangte der Obelisk maßgeblich durch die Erwähnung und Darstellung des israelitischen König Jehu „aus dem Hause Omri“, womit es sich um die früheste bildliche Darstellung eines Israeliten und eines der wenigen unabhängigen Zeugnisse für einen im Alten Testament erwähnten Herrscher handelt.

Grenzwissenschaftliche Darstellung. Erich von Däniken weist in mehreren Büchern – zuerst in Zurück zu den Sternen und umfangreicher in Die Augen der Sphinx – auf die in der mittleren Reihe der Reliefs abgebildeten Wesen hin, die dort von Menschen an der Leine geführt werden. Es handle sich bei diesen kleinwüchsigen Gestalten mit tierähnlichem Körper und menschlichen Köpfen um Mischwesen – also Chimären, die von Außerirdischen durch genetische Kombination verschiedener Kreaturen erschaffen wurden. Der Begleittext spreche von „‘gefangenen Menschentieren‘, die von Kriegern gefesselt, entführt und als Tribute des Landes Musri an den Großkönig abgeliefert wurden“1:183 bzw. „Menschentieren, die in Gefangenschaft geführt“ werden.2:74 Hartwig Hausdorf übernimmt diese Darstellung in seinem Buch Götterbotschaft in den Genen vollständig und fügt hinzu: „Einige Mensch-Tier-Bastarde werden von den Archäologen als Affen bezeichnet. Die aber können sie schwerlich sein, denn deren Hände, Füße und Gesichter sind eindeutig menschlicher Natur.“3:157
Der Schwarze Obelisk wäre für die Theorie einer realen Existenz von Mischwesen insofern von weit größerer Bedeutung als die zahllosen anderen (gerade auch aus Mesopotamien bezeugten) Darstellungen, da er die Wesen nicht in einem mythischen, sondern einem klar verortetem historischen Kontext zeigt – es handelt sich bei dem Obelisken um eine Darstellung zeitgenössischer Ereignisse, die von den damaligen Menschen unmittelbar erlebt und beobachtet wurden.

Diskussion.

Auch über den trivialen Fehler hinaus, dass Däniken in beiden Büchern fälschlich von König Salmanassar II. (statt III.) schreibt1:183, 2:72,77, lässt sich die Theorie relativ leicht überprüfen. Wie auch Däniken anmerkt, sind die Reliefs des Obelisken mit einer begleitenden Inschrift in akkadischer (assyrischer) Sprache versehen, die die einzelnen Tribute und ihre Herkunft erläutert, jeweils über den Bildern waagerecht um den Obelisken herum. Die mittlere Reihe stellt hierbei in Wort und Bild die Geschenke aus Ägypten dar (im Folgenden anhand der Umzeichnungen von Layard 1853, v. l. n. r. / o. n. u.):

    

ma-da-tu ša2 KUR mu-u-ri ANŠE.A.AB.BAMEŠ ša2 šu-na-a-a e-ri-ši-na al-ap ID2 sa-de-e-ia su-u2-su pi-ra-a-tiMEŠ ba-gi-a-ti u2-qup-puMEŠ am-ur-šu 4:150

„Ich empfing Tribut aus dem Land Ägypten: Kamele mit zwei Höckern, einen Wasserbüffel, ein Nashorn, eine Antilope, weibliche Elefanten, weibliche Affen und Affen.“

Der Text spricht also explizit von Affen, die neben anderen Tieren zu den Geschenken aus Ägypten (muṣri) gehören. Dass dafür zwei Wörter verwendet werden – bagiâti und uquppū – deutet auf eine Unterscheidung zweier unterschiedlicher Arten von Affen hin (englische Editionen der Inschrift geben die Bedeutungsnuance oft mit „monkeys and apes“ wieder). Indes sind beide Worte für Affen auch in anderen Quellen bezeugt – siehe dazu CAD 12: pagû (17-19) und CAD 20 : uqūpu (204).
Im Eintrag „Affe“ des Reallexikons der Assyriologie identifiziert auch Max Hilzheimer die Darstellungen als unterschiedliche Arten: Die beiden Affen im letzten Bild sind aufgrund des markant abgeknickten Schwanzes als Paviane zu identifizieren – womöglich die beiden auch den Ägyptern bekannten Arten, der kurzbeharrte Babuin (links) und der mit einer auffälligen Mähne ausgestattete Mantelpavian (rechts). Im Falle der kleineren Affen im anderen Bild sei am ehesten an die weißgrüne Meerkatze zu denken, erkennbar durch den langen Schwanz und den Backenbart. Auch Hilzheimer weist auf die extrem vermenschlichten Gesichter hin, die so nicht der Natur entsprechen – insbesondere angesichts der langen Hundeschnauze des Pavians. Erklären ließe sich diese Darstellung dadurch, dass der Bildhauer die Tiere nur aus Erzählungen gekannt oder allenfalls Felle bzw. ausgestopfte Tiere gesehen habe.5:41 An dieser Stelle ließe sich zudem anführen, dass auch die afrikanischen Huftiere (Wasserbüffel, Nashorn und Antilope) im zweiten Bild der Reihe nicht sonderlich naturalistisch dargestellt sind, sondern vielmehr nur durch spezifische Details unterschieden werden. Als Paviane und Meerkatzen gedeutet, reihen sich die Affen auch harmonisch ein in die Reihe typisch ägyptischer Tiere, zumal Affen als Tributgaben auch in anderen Quellen bezeugt sind5:41.
Dänikens Aussage, die Inschrift spreche von „gefangenen Menschentieren“, die so auch Hausdorf übernimmt, entspricht schlichtweg nicht der Wahrheit. Vielmehr erwähnt der Text explizit Affen und die Darstellungen, obwohl ungewöhnlich, ermöglichen anhand von Details sogar eine zoologische Zuordnung. Der Schwarze Obelisk Salmanassars III. kann also nicht als Beleg für die reale Existenz von Mischwesen im antiken Mesopotamien gelten.

T 1EvD, Zurück zu den Sternen / 2EvD, Die Augen der Sphinx

R 3Hartwig Hausdorf, Götterbotschaft in den Genen (157)

Q 4A. Kirk Grayson: Assyrian Rulers of the early First Millennium BC II (858-745 BC). The Royal Inscriptions of Mesopotamia. Assyrian Periods (RIMA) Volume 3. University of Toronto Press, Toronto 1996.

GD 5Max Hilzheimer: Affe. RlA 1, 4142.

B The Art Bible, comprising the Old and new Testaments. With numerous illustrations. George Newnes, London 1896 (464); Austen Henry Layard: The Monuments of Niniveh. From Drawings on the Spot. John Murray, London 1853 (Fig. 53-56).

Siehe auch: Serapeum von Sakkara / Mischwesen bei Eusebius

Fakten und Fiktionen: Archäologie vs. Pseudowissenschaft

„Fakten und Fiktionen: Archäologie vs. Pseudowissenschaft“. Kaum zu glauben, dass sich die renommierte Reihe „Zaberns Bildbände zur Archäologie“ auf solch kontroverses Terrain begibt – und doch bitter nötig, florieren doch pseudowissenschaftliche Thesen über unsere Vergangenheit heutzutage mehr denn je. Herausgegeben von dem Ägyptologen Stefan Baumann, versammelt der großformatige Band eine Reihe von Beiträgen verschiedener Autoren rund um unwissenschaftliche Deutungen der Geschichte, von Atlantis bis Zecharia Sitchin. Natürlich sind sämtliche Autoren der akademischen Wissenschaft („Schulwissenschaft“) zugehörig, folglich den behandelten Theorien gegenüber kritisch bis ablehnend eingestellt – trotzdem gelingt es ihnen in der Regel, nicht arrogant den Zeigefinger akademischer Überheblichkeit zu erheben und ihre doch bisweilen durchaus harten Anschuldigungen gegen die Vertreter der Gegenseite hinreichend zu belegen. Erwähnenswert ist hier auch die kritische Antwort auf die zweifelhafte Interpretation des „Berliner Goldhuts“ als astronomisches bzw. kalendarisches Artefakt – geschieht diese letztlich pseudowissenschaftliche Darstellung doch nicht etwa durch außerakademische Autoren, sondern aus der Mitte des wissenschaftlichen Mainstreams heraus, wie auch in der musealen Präsentation des Objekts unübersehbar.
Die einzelnen Kapitel stecken dabei ein weites Spektrum ab: Zunächst gibt Baumann selbst eine Einführung in die Situation und charakteristische Argumentationsmuster der Grenzwissenschaft; darauf folgt ein historischer Rückblick auf die pseudowissenschaftliche Geschichtsvereinnahmung etwa im Faschismus und Kolonialismus durch Markus Bittermann. Beides im Prinzip hochinteressante Themen und gut geschriebene Beiträge – jedoch leiden beide stark an ihrer Kürze, womit sie einen nur unzureichenden Überblick zu geben vermögen. Es schließt sich ein Exkurs über die Auffindung der Moorleiche „Moora“ und deren Rezeption in den Medien (etwa „Galileo Mystery“) an – für sich ebenfalls interessant, auch wenn hier das Hauptthema des Buches etwas großzügig ausgelegt wird. Gerlinde Bigga gibt als nächstes einen (unvermeidlich) knappen, aber doch breiten und fundierten Überblick über die Geschichte der Interpretation von Fossilien, vom Museum des Kaisers Augustus bis zum Zeitalter Darwins. Sehr interessant sind mehrere der folgenden Kapitel, die sich mit spezifischen archäologischen Themen befassen – so etwa der Kunst der Späteiszeit (im Kontrast zum vorgestrigen Bild eines „primitiven Steinzeitmenschen“), dem angeblichen Petrusgrab unter dem Vatikan (das, wie hier sehr gut herausgestellt wird, mit ziemlicher Sicherheit nie existiert hat) oder der diffusen Entstehung Roms, die selbst in populärwissenschaftlichen Darstellungen noch immer gerne auf Romulus und Remus verkürzt wird. Joscha Gretzinger stellt den teils bis heute wirkmächtigen pseudowissenschaftlichen Rassentheorien die empirischen Fakten der Genetik entgegen, ein weit über die Grenzen der Archäologie und Anthropologie hinaus sozial relevantes Thema. Das Highlight des Buches, ebenfalls verfasst vom Herausgeber Stefan Baumann, ist schließlich ein Kapitel über die Rezeption des alten Ägypten durch Grenzwissenschaftler wie etwa Erich von Däniken, in dem er eines nach dem anderen eine ganze Reihe einschlägiger Funde und Thesen anhand der ägyptologischen Erkenntnisse widerlegt (Datierung, Zweck, Bauweise und angebliche astronomische Ausrichtung der Pyramiden; Helikopter etc. von Abydos, „Glühbirnen von Dendera“, „Flugzeug von Sakkara“, „Bagdad-Batterien“) – knapp und doch bemerkenswert stringent, dabei durchweg durch Belege gestützt. Etwas weniger breit gefächert ist der nächste Artikel bezüglich der Thesen Zecharia Sitchins (sumerische Götter, die Anunnaki, kamen einst vom zwölften Planeten Nibiru und erschufen die Menschheit). Dieser hat zwar ebenso eine ordentliche fachliche Qualität, konzentriert sich aber auf nur zwei zentrale Aspekte im Werk Sitchins: Die „Dingir-Rakete“ und die These des 12. Planeten. Schließlich gibt es auch noch ein Kapitel über das schon so oft lokalisierte Atlantis, wobei hier der Überblick zugunsten einer fast ausschließlichen Betrachtung der Thesen Eberhard Zanggers (Atlantis sei identisch mit Troia) zurückgestellt wird – der schwächste Beitrag im Buch, da über eine Reihe von Argumenten gegen Zangger hinaus vollkommen oberflächlich; auf andere Atlantis-Hypothesen wird nicht einmal eingegangen und diese letztlich alle relativ pauschal abgelehnt.
Davon vielleicht abgesehen weisen letztlich alle Beiträge in „Fakten und Fiktionen“ (bei gleichzeitig allgemeiner Verständlichkeit) eine hohe wissenschaftliche Qualität auf – die Argumente sind folgerichtig und nicht erzwungen, zugrunde liegt eine wirkliche Auseinandersetzung und keine oberflächliche Ablehnung. Indes gelingt es dem Werk doch nur bedingt, einen Überblick über das gewaltige Themenfeld zu bieten – dafür ist es mit kaum mehr als 140 Seiten einfach nicht umfangreich genug. Während einige Artikel penibel einzelne, klar umgrenzte Themenfelder aufarbeiten (u.a. Petrusgrab, Rom), sind die weiter gespannten dann doch zu kurz und oberflächlich für das eigentlich so komplexe Thema – nicht sachlich mangelhaft, aber doch unvollständig. Ebenso bleiben zentrale Themen der „alternativen Archäologie“ außen vor – so etwa das meiste aus dem Umkreis des Kreationismus und Katastrophismus (u.a. deren „Out-of-Place-Artefakte“ sowie scheinbare Beweise für eine Koexistenz von Menschen und Sauriern), weite Teile der Prä-Astronautik (bis auf Ägypten und Sitchin, beides großartig, leider nicht repräsentiert, so etwa Dänikens zahlreiche Südamerika-Fundstellen), Diffusionismus und seine scheinbaren Belege (so die vielen ominösen Fundkomplexe Amerikas) und einiges mehr. Gerade in Anbetracht des stolzen Preises von 39,95€ hätte man neben der soliden Qualität auch durchaus etwas mehr Quantität erwarten können. Immerhin die vorliegenden Beiträge gleichen ihren allzu knappen Umfang durch eine gute Ausstattung mit Quellenangaben aus, die der weiteren Recherche dienen können.
Anders als man vielleicht erwarten könnte, ist „Fakten und Fiktionen“ also alles andere als ein Überblickswerk – auch insofern, dass manche der behandelten Themen kaum die Themen der heute aktuellen Grenz- bzw. Pseudowissenschaft berühren. Was hingegen vorliegt, ist von nicht zu beanstandender Qualität und durchweg lehrreich. Letztlich also nicht ganz das Buch, das wir verdienen, aber doch eines, das wir sehr gut gebrauchen können.

Die Prinzen von Amber

Bildergebnis für die prinzen von amber areaMittlerweile ist der „Amber“-Zyklus von Roger Zelazny bereits in allerlei Auflagen erschienen – variierend unter anderem darin, wie viele der Kurzromane jeweils enthalten sind. Die Ausgabe „Die Prinzen von Amber“ des Area-Verlags jedenfalls umfasst die ersten fünf Teile des umfangreichen Fantasy-Epos.
Ein Mann namens Corwin wacht ohne nennenswerte Erinnerungen in einem Krankenhaus auf – und muss wenig später feststellen, dass er nicht nur ein jahrhundertealter Prinz des Reiches von Amber ist, sondern auch mitten drin in einem Netz von Gefahren und Intrigen. Amber scheint die einzig wirkliche Realität zu sein; unendlich viele andere Welten – die Erde eingeschlossen – umkreisen dieses als bloße „Schatten“, die von den Herrschern Ambers beliebig bereist, erschaffen und verändert werden können. Dreizehn Geschwister stehen an der Spitze des Herrscherhauses, seit Vater und König Oberon auf rätselhafte Weise verschwunden ist. Eric, Corwins alter Feind, sitzt auf dem Thron – und kaum einer unter den zahlreichen Prinzen spinnt keine Intrigen gegen die anderen …
Die ersten Bände drehen sich erwartungsgemäß darum, wie der eifersüchtige Corwin den Kampf gegen seinen Bruder aufnimmt, der ihn einst in die Welt der Menschen verbannte. Bald aber zeichnet sich eine größere Gefahr ab, die Amber bedroht – gleichsam in Form einer um sich greifenden Finsternis von außen wie in Form der Geschwister selbst, von denen keiner ganz ist was er zu sein vorgibt.
Wie man den Amber-Zyklus letztendlich auch bewerten mag – auf ihre Art einzigartig ist die Reihe zweifellos. Bemerkenswert ist schon allein das Setting: Amber als Schauplatz ist sehr begrenzt und nicht einmal allzu detailliert ausgearbeitet – hingegen sind die Orte in den „Schatten“ grenzenlos, da sie doch letztlich der bloßen Imagination der Amberianer entspringen. Bei aller Vielfalt bleiben diese Schauplätze damit aber vollkommen beliebig und letztlich relativ bedeutungslos, weil eben doch nichts von alledem wirklich Substanz hat – im Sinne einer Fantasy, die wie oft in der High Fantasy von ihrem kreativen Setting lebt, vermag Zelaznys Amber also nur auf voller Linie zu versagen. So liegt dann letztlich der Fokus vielmehr auf den Figuren, genauer: den dreizehn Prinzen und Prinzessinnen von Amber. Über mehrere Kurzromane – im vorliegenden Sammelband fünf auf etwa 800 eng beschriebenen Seiten – gelingt es dem Autor, trotz der eigentlich recht großen Zahl der Akteure letztlich alle hinreichend zu charakterisieren und inhaltlich einzubinden, womit das ganze Werk rund um die klar definierte Zahl der Königskinder (andere Figuren spielen nur eine nebensächliche Rolle) fast den Charakter eines Kammerspiels erhält. Freilich hält sich auch die Sachhandlung eher in Grenzen – ein jeder Band beschreibt einen eigentlich relativ kurzen Handlungsabschnitt, dafür jedoch umso umfangreicher. Faszinierend und bewundernswert ist hierbei, wie Zelazny immer wieder die umfangreiche Vorgeschichte der aktuellen Ereignisse aufrollt, um durch immer neue Perspektiven Stück für Stück mehr Licht auf das zu werfen, was zu Anfang noch eine Zwiebel aus etlichen Schichten von Lügen ist. Folgerichtig wird dieses Netz entsponnen und lässt so zunehmend die wahren Beziehungen und Hintergründe der Figuren erkennen. So ist schon allein das Geflecht der Charaktere und ihrer Hintergründe sowie die Einarbeitung dessen in die Gegenwartshandlung zu einem gewissen Grad brillant zu nennen.
Hingegen gilt diese Genialität nicht unbedingt für das Werk in seiner Gesamtheit. Besonders zäh sind stets die Reisen des Protagonisten durch die „Schatten“ – relativ surreale Sequenzen, lang ausgeführt und doch letztlich denkbar nichtssagend. (Bei aller Poesie – vielleicht wäre schlichte Teleportation die bessere Wahl gewesen.) Dies kommt im letzten der fünf Teile zu einem Höhepunkt, wo über zig Seiten öde und beliebig nur der Weg Corwins immer weiter durch die Schatten beschrieben wird, ohne dass die dabei geschilderten Eindrücke oder die manchmal noch einigermaßen konkreten eingeschobenen Begebenheiten eine nennenswerte Relevanz für die zu diesem Zeitpunkt eigentlich recht spannende Hautquest hätten. Hier hätte sich eine zweistellige Seitenzahl wegstreichen lassen, ohne dass dem Buch etwas verloren gegangen wäre.
So bleibt „Die Prinzen von Amber“ am Ende doch eher ein durchwachsenes Fantasy-Epos: Das Setting, in seinen Grundzügen potentiell kreativ, leidet an der letztlichen Beliebig-, ergo Bedeutungslosigkeit der Schattenwelten, wobei auch darin die hypothetischen Möglichkeiten nicht annähernd ausgelotet werden. An gegenwärtiger Handlung mangelt es eher, während der Reiz des Werkes vielmehr nur im Zusammenspiel der Charaktere und der Aufarbeitung ihrer Hintergründe und Intrigen zu suchen ist. Einigermaßen solide inszeniert sind die phantastischen Elemente und Actionszenen – wobei jedoch gerade die große Schlacht im ersten Band trotz theoretischer Monumentalität wieder nur frustrierend beliebig bleibt. Bei allen interessanten Ansätzen vermag Zelazny also nur einen Teil der in seinem Werk angeschnittenen Aspekte literarisch hochwertig umzusetzen. So taugt „Die Prinzen von Amber“ letztlich zwar nur mäßig als High Fantasy, hingegen noch ganz gut als intelligenter Familienthriller vor einem phantastischen Hintergrund.

Geniale Giganten

Wale und Delfine gehören zu den intelligentesten nichtmenschlichen Tieren. Doch wie intelligent genau? Und wie vermag man das eigentlich festzustellen? Einen soliden Überblick über die Forschung zur Intelligenz der Meeressäuger bietet das Buch „Geniale Giganten“ von Janet Mann, die als Biologin und Psychologin selbst viele Jahre zum Thema forschte, sowie einigen weiteren Autoren.
Zunächst wird auf die neurologischen Grundlagen eingegangen: Wie ist das Gehirn von Walen aufgebaut, wie lässt sich überhaupt die Intelligenz verschiedener Tierarten vergleichen? In der Folge geht es um die genauen Erkenntnisse, die die Wissenschaft bislang zu den kognitiven Fähigkeiten von Walen und Delfinen hat gewinnen können. Zu loben ist, dass die Erläuterung stets in Zusammenhang mit der Geschichte der Erforschung geschieht, sodass gut nachvollzogen werden kann, durch welche Art von Experimenten man überhaupt zu diesen Informationen gelangen konnte. Eine zentrale Rolle spielt etwa die Kommunikation, die bei Walen zwar komplex entwickelt ist, wenngleich nicht in Form einer syntaktischen Sprache in unserem Sinne – wie also machen sich beide Spezies einander verständlich? Andere Experimente etwa konnten belegen, dass Delfine sogar in der Lage sind, die Echoortung eines Artgenossen „mitzuhören“ und daraus Erkenntnisse zu gewinnen. Man erfährt vieles über das Sozialleben von Delfinen, das auf komplexen Bindungen basiert. Weniger gut untersuchbar ist das Sozialverhalten indes bei Bartenwalen, deren Gesänge über zig Kilometer gehört werden. Schließlich kommt auch ein Aspekt zur Sprache, der vielleicht mehr als jeder andere als Zeichen von Intelligenz angesehen wird: Kultur, dabei allem voran der Einsatz von Werkzeugen. So nutzen etwa manche Delfine Schwämme, um mit diesen den rauen Untergrund zu durchwühlen.
Mit zahlreichen brillanten Fotografien illustriert „Geniale Giganten“ die spannenden Ausführungen. Das Buch ist übersichtlich gegliedert und (mit Ausnahme einer Handvoll Diagramme) gut verständlich auch für Laien – trotzdem bleiben kaum Fragen offen. Sicher hätte es noch weitere interessante Unterthemen gegeben – etwa das Lernverhalten der Pottwale zu Zeiten des Walfangs oder inwieweit es womöglich Hypothesen zur evolutionären Entwicklung der Walintelligenz gibt -, doch trübt dies nicht den Eindruck einer umfassenden Übersicht. Der Leser erhält ein breites Panorama der Erkenntnisse zu Fähigkeiten und Verhalten der Meeressäuger, Hand in Hand mit der jeweiligen Forschungsgeschichte, die gleichsam die Praxis der wissenschaftlichen Arbeit in einem solch schwierigen Themenfeld nahebringt. Wale und Delfine – Zahn- mehr als Bartenwale – sind außerordentlich intelligent; trotzdem ist die so weit verbreitete Romantisierung und Vermenschlichung hier fehl am Platze. Denn eines hat die Forschung ganz sicher ergeben: Menschliche Maßstäbe lassen sich kaum zum Vergleich heranziehen, nimmt Intelligenz doch viele und allzu unterschiedliche Formen an – die unsere primatische ist keinesfalls das Maß aller Dinge.

The Believing Brain

Wieso glauben Menschen an Götter, Aliens, Verschwörungen? Eine Frage, die unsere Gesellschaft im Innersten berührt – und sich doch, zumindest näherungsweise, wissenschaftlich beantworten lässt. Michael Shermer – Neurologe und einstmals selbst fundamentalistischer Christ – ist seit langem ein Vorreiter der amerikanischen Skeptikerbewegung. Mit seinem Buch „The Believing Brain“, leider nie auf Deutsch erschienen, widmet er sich jenem riesigen Komplex des (Aber)Glaubens von der psychologisch-neurologischen Seite.
Shermers allzu plausible Thesen sind ernüchternd: Glaube ist nicht nur so alt wie die Menschheit selbst, sondern aufs Elementarste in unserer Natur verwurzelt, wie immer er sich im Alltag auch äußern mag. Nicht Fakten und Argumente prägen wirklich unsere Weltanschauung, sondern dienen letztlich nur der Rechtfertigung von Überzeugungen, die schon längst da sind. Und schließlich ist durchaus etwas daran, dass Genie und Wahnsinn manchmal nah beieinander liegen, wo doch beides oft in selben Grundlagen wurzelt und bisweilen Charaktere hervorbringt, die brillant-innovativ und abergläubisch zugleich sind.
Im ersten Abschnitt identifiziert Shermer ganz klar verschiedene neurologische Phänomene, die die Grundlage fast jeden (Aber)Glaubens stellen, zuallererst unser genetisches Programm, Muster und Akteure in unserer Umwelt zu erkennen. Evolutionsbiologisch verständlich, bedeutet beides doch im Zweifel eher das Überleben in einer Gefahrensituation, wenn die Bedrohung rechtzeitig erkannt wird. Ebendiese Mustererkennung wird schließlich zur Wurzel irrationalen Aberglaubens, wenn zufällige Korrelationen im Geiste zu Kausalitäten mutieren – von schwarzen Katzen und persönlichen Glücksbringern bis hin zur „alternativen Medizin“ -, während gleichsam der Schluss auf unsichtbare Akteure Götter, Geister und Dämonen hervorbringt. Ebenso ist der Essentialismus, das ist der Glaube an unsichtbare und potentiell übertragbare Eigenschaften von Objekten („Würden Sie die Jacke eines Serienmörders anziehen?“), tief in uns verwurzelt und wahrscheinlich evolutionär zum Schutze vor ansteckenden Keimen entstanden. Nicht zuletzt der Dualismus, der Glaube an einen vom Körper getrennten Geist, ist intuitiv in uns angelegt. So machen zwar letztlich die individuellen Ausprägungen manch einen Unterschied, doch ist letztlich kein Mensch ein rein vernünftiger, sondern jeder grundsätzlich zum Irrationalen prädestiniert. Bei aller Theorie vernachlässigt Shermer auch nicht die exemplarischen Veranschaulichungen – von seinen eigenen Erlebnissen in seiner religiösen Zeit über Halluzinationen beim Extremport bis hin zu spirituellen Erlebnissen persönlicher Bekannter und deren Rezeption.
In einem weiteren Abschnitt wendet Shermer diese Erkenntnisse auf spezifische, weit verbreitete Glaubenssätze an: Gott, Aliens, ein Leben nach dem Tod, politische Überzeugungen. So erfahren wir ganz nebensächlich nicht zuletzt etwas über das mittlerweile gut erforschte Phänomen der Schlafparalyse, dem einst die Vorstellung von Nachtmahren, heute dagegen scheinbare Entführungen durch Außerirdische entspringen, sowie die Frage, was denn eigentlich der neurologische Unterschied zwischen liberalen und konservativen Menschen ist (ein allzu interessantes Lehrstück unterschiedlicher Arten intuitiver Ethik, ohne eine Gruppe von beiden damit kategorisch disqualifizieren zu wollen). Auch klassische Formen von Wahrnehmungstäuschungen kommen zur Sprache.
All dem lässt sich nach Shermer nur mit einem Mittel begegnen: der empirischen Wissenschaft. Wie wissenschaftlicher Fortschritt funktioniert, illustriert er anhand des historischen Wandels unserer Weltbilder – von Galileo Galileis schicksalsgebeutelten Forschungen zum heliozentrischen Weltbild bis zu den Diskussionen der späteren Astronomie über die lange Zeit noch fragliche Existenz anderer Galaxien. Es ist ein interessanter wissenschaftshistorischer Abriss – für meinen Geschmack jedoch einerseits zu ausführlich und andererseits nicht pointiert genug zum ursprünglichen Zweck, der Verdeutlichung wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns.
Ohne Zweifel ist das Themenfeld, dem das Buch sich widmet, bei weitem zu groß für eine einzige Publikation, gleichsam an Theorien und Forschungen wie nennenswerten Beispielen, sodass ein Buch wie Shermers zwangsläufig unvollständig sein muss. Indes gelingt es durchaus, die zentralen Erkenntnisse moderner Wissenschaft zur Natur des (Aber)Glaubens auf den Punkt zu bringen, nicht ohne dabei Ausblicke auf zahlreiche interessante Beispiele und Nebenphänomene zu geben. In dem Maße, wie jene die Grundfesten von Religion, Politik und vor allem Menschenbild erschüttern, scheint es geradezu unvermeidlich, dieses oder ein vergleichbares Buch zu konsumieren, will man zu wirklichem Verständnis unserer Natur, Geschichte und Gegenwart gelangen.

Nervöser Orient: Die arabische Welt und die Moderne

Was stimmt eigentlich nicht mit dem Nahen Osten?
Was sich sicher schon viele Europäer in den letzten Jahren gefragt haben, versucht Kersten Knipp in seinem voluminösen Sachbuch „Nervöser Orient“ zu beantworten. Das rund 400 Seiten starke Werk bietet einen allzu lebendigen Abriss der Geschichte der arabischen Länder in den letzten zwei Jahrhunderten – zwei Jahrhunderte zwischen Fortschritt und Rückfall, Hoffnung und Enttäuschung. Mit Napoleons Einmarsch in Ägypten begann von heute auf Morgen der Zusammenprall des arabischen Kulturraumes, damals noch beherrscht vom einst mächtigen Osmanischen Reich, das seinen Zenit längst überschritten hatte, mit dem im kulturellen Aufbruch begriffenen Westen. Mehr noch aber als die hehren Ideale der französischen Revolution brachten die Europäer Ausbeutung und Unterdrückung in ihrem meist skrupellosen Machtstreben – ermöglicht durch eine den Einheimischen schmerzlich bewusst werdende technologische Überlegenheit. Noch während des 19. Jahrhunderts gelang es England und Frankreich, weite Teile des Orients zu vereinnahmen – die arabische Welt wurde zum Spielball der strategischen Interessen des Westens. Mit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches entstanden schließlich neue Staaten, zunächst umso mehr das Ergebnis westlichen Hegemoniestrebens. Bewunderung und Ablehnung der westlichen Moderne manifestierten sich gleichermaßen, brachten Inspiration zum Fortschritt und Rückkehr zur vermeintlichen Vergangenheit in Form eines immer radikaleren Islam.
Anhand mehrerer Episoden und Abrisse erzählt Knipp die Ereignisse und Entwicklungen, die das Verhältnis von Orient und Okzident seit der Zeit Napoleons prägten: Einen großen Raum nimmt Ägypten ein, erst unter Franzosen und Engländern, dann über den Bau des Suez-Kanals bis zur Zeit der Unabhängigkeit, geprägt vom Konflikt mit Israel und dem unter unter der Diktatur zunehmend maroden Staat. Ebenso kommt die Herausbildung Saudi-Arabiens mit seinem radikalen Wahhabismus zur Sprache, daneben die so parallele Entstehung der Staaten Syrien und Irak und auch punktuell die Schicksale weniger bekannter Staaten, Libanon und Algerien etwa. Der Bogen wird gespannt über das zwanzigste Jahrhundert mit seinen herausragenden Gestalten wie dem syrischen und irakischen König Faisal I., Nasser bis Mubarak in Ägypten und dem irakischen Despoten Saddam Hussein bis hin zum „Arabischen Frühling“ und dem (zum Zeitpunkt der Drucklegung) aktuellen Aufstieg des IS. Einige Länder und Zeitabschnitte bleiben zwangsläufig im Dunkeln, doch gelingt letztlich ein breiter und doch detaillierter Überblick.
Obgleich die historischen Ereignisse eingehend skizziert werden, so ist dem Autor doch die Kulturgeschichte nicht weniger wichtig. Die Geistesströmungen der sich wandelnden Zeitalter werden eingefangen durch zahlreiche zeitgenössische Zitate, die umso mehr die allgemeine Stimmung und Gedankenwelt der Menschen zum Leben erwecken. Ebenso spielen auch exemplarische Gestalten etwa der Philosophie und Literatur eine Rolle – gerade dies eine Perspektive, die hierzulande völlig unbekannt ist. So ist gerade auch interessant, dass es durchaus Ambitionen zu einer Modernisierung des Islam gab in der jüngeren Geschichte, die doch aus komplexen Gründen zum Scheitern verurteilt waren. Auch ohne dass ständig die überzeitlichen Auswirkungen betont werden, erklärt das Buch doch letztlich allzu verständlich das hochkomplexe Geflecht von Ereignissen und Faktoren, die zu den so viel bekannteren Ereignissen der letzten Jahrzehnte führten. Allzu gerne werden die Krisen der heutigen Zeit pauschal auf eine vermeintlich einfach nur rückständige Gesellschaft oder aber das verfehlte Engagement des Westens (im Kolonialzeitalter gleichwohl wie in jüngster Vergangenheit) zurückgeführt. Beides hat eine gewisse Substanz und doch einen viel tieferen und differenzierteren Hintergrund, ist doch auch gerade das Erstarken reaktionärer Bewegungen kaum zu trennen von der allzu plötzlichen und demütigenden Konfrontation mit dem übermächtigen Westen. Es geht nicht darum, einer Partei – ob Staat, Mensch oder Religion – die Schuld zuzuschieben, wo diese doch wie Henne und Ei einander stets wechselseitig bedingt haben. Gleichwohl spricht Knipp auch die realen – auch kulturellen und religiösen – Problematiken aus und ordnet sie gleichsam in den größeren Kontext ein. Idealistische Reformbewegungen gingen ebenso aus einem Geflecht von Ursachen hervor wie Diktaturen und islamistischer Terrorismus  – von denen sie allzu oft kaum zu unterscheiden waren. Zumindest soweit in einem einzigen Buch dieses Umfangs möglich gelingt es Knipp, diese Prozesse verständlich nachzuzeichnen – die Entwicklung idealistischer und stagnierender Diktaturen ebenso wie die Ursprünge des modernen Islamismus.
Gegenwart kann oft nur auf Basis der Geschichte verstanden werden – kaum irgendwo gilt dies so sehr wie für den Nahen Osten, wo uns doch die historischen Hintergründe so viel fremder sind als die Bilder der gegenwärtigen Ereignisse. Dazu leistet „Nervöser Orient“ nun einen mehr als respektablen Beitrag – Geschichtsabriss und Kulturpanorama in einem, informativ und allzu aktuell in unseren Zeiten.

Die Archäologie-Verschwörung

Der Buchtitel „Die Archäologie-Verschwörung“ sagt eigentlich schon alles. Bei dem pseudowissenschaftlichen Werk von über 400 Seiten handelt es sich um einen Sammelband, herausgegeben von J. Douglas Kenyon, dem Herausgeber des amerikanischen Mystery-Magazins „Atlantis Rising“. In zahlreichen Artikeln fasst er selbst die Thesen verschiedener grenz- bzw. pseudowissenschaftlicher Publizisten zusammen, mitunter anhand persönlicher Gespräche, in anderen Kapiteln wiederum kommen diese Autoren selbst zu Wort – eine Mischung aus Anthologie und Überblickswerk also. Bei diesen zahlreichen Appetithäppchen handele es sich um „das Allerbeste, das das Magazin zu bieten hat“ (S. 13), was nach Lektüre des Buches nicht mehr unbedingt für besagtes Magazin spricht. Das Buch teilt sich auf in mehrere mehr oder weniger abgegrenzte Abschnitte rund um die Themen Katastrophismus, Atlantis und Hochtechnologie im alten Ägypten. Das fachliche Niveau variiert hierbei zu einem gewissen Grad, jedoch allgemein auf einem ziemlich niedrigen Niveau. Grundsätzlich besteht schon ein Großteil des Werkes letztlich aus nicht viel mehr als sich immer wieder wiederholenden Anklagen gegen die akademische Wissenschaft und ihre Ablehnung bzw. Ignoranz derartiger Theorien. Abgesehen davon, dass dies nur bedingt der Fall ist (wiederholt gab es fachwissenschaftliche Auseinandersetzungen mit grenzwissenschaftlichen Theorien), beweist vorliegendes Werk hervorragend, wie angemessen eine solche Haltung doch ist. Gebetsmühlenartig wiederholen die Autoren ihre ganz knapp verschwörungstheoretischen Vorwürfe, die Wissenschaft ignoriere oder unterdrücke besagtes Wissen – wobei ihnen doch trotz hunderter Seiten kein anderes Motiv einfällt als die Angst, „die Lehrbücher umschreiben zu müssen“. Tatsächlich werden Lehrbücher ständig umgeschrieben, und genau das ist der Sinn der Wissenschaft. Man denke hierbei nur an wissenschaftliche Umwälzungen wie die mittlerweile anerkannte Präsenz der Wikinger in Amerika, das durch Funde wie etwa die Schöninger Speere längst begrabene Bild des „tumben Steinzeitmenschen“, die Entdeckung neuer Hochkulturen wie der Jiroft- und Oxus-Zivilisation, die häufigen Umbenennungen prähistorischer Spezies auf Basis neuer Erkenntnisse (den Brontosaurus gibt es wieder, Indricotherium nicht mehr und ist der Neandertaler nun eine Unterart des Homo sapiens?), die Wandlung von Rekonstruktionen (Spinosaurus lief nun vermutlich auf vier Beinen) und nicht zuletzt die mittlerweile ganz selbstverständliche Tatsache REALER Katastrophen in der Erdgeschichte (in Abgrenzung von den fiktiven Katastrophen der Katastrophisten) wie dem Kreide-Tertiär-Impakt und dem perm-triassischen Massenaussterben. Von einem starren Beharren auf alten Dogmen, wie leichtfertig vorgeworfen, kann in Bezug auf die akademische Wissenschaft schwerlich die Rede sein. Vielmehr hat deren kritische bzw. ignorante Haltung zwei Ursachen: 1) muss man jede neue Hypothese zu widerlegen versuchen – erst das Scheitern der Widerlegung adelt die Theorie – und 2) haben die Pseudowissenschaftler selten bis nie versucht, auf wissenschaftlichem Niveau zu publizieren, sodass ein akademischer Diskurs darüber zustande kommen könnte. Wissenschaft fordert Belege für Hypothesen – und daher im Folgenden Belege für die mangelnde Fachqualität des Buches „Die Archäologie-Verschwörung“:
Ein schon publizistischer Makel ist die überwältigende Redundanz des Werkes – nicht zuletzt aufgrund des Ursprunges in Magazinartikeln wiederholen sich Behauptungen und Gedankengänge ständig; anstatt einer stringenten Argumentation wird in jeweils mehreren Artikeln praktisch dasselbe erzählt. Auf die Spitze treiben es die Kapitel „Das Geheimnis des Ursprungs Indiens“ (129-140) und „Indien – 30 000 v.u.Z.“ (269-281), wo über mehrere Seiten hinweg ganze Absätze wortwörtlich (!) oder nur mit dezenten Variationen wiederholt werden! Wenn es schon das „Allerbeste, das das Magazin zu bieten hat“ ist, kann man etwas ja auch gerne einmal zweimal sagen.
Auch inhaltlich vermag das Buch nicht wirklich zu überzeugen. Es beginnt mit der eigentlich aus dem frühen 19. Jahrhundert stammenden Theorie des Katastrophismus, d.h. der Hypothese, dass es keine lange Erdgeschichte und Evolution gab, sondern das heutige Angesicht der Erde durch globale Katastrophen geprägt wurde, von denen die letzte mit der von vielen Kulturen berichteten Sintflut identisch sei. Prophet dieses Neo-Katastrophismus ist Immanuel Velikovsky, der bereits in den 50er Jahren behauptete, die Venus habe sich in historischer Zeit der Erde angenähert und globale Zerstörung bewirkt. Mehrere Kapitel gelten allein der Verherrlichung Velikovskys und seines „Martyriums“ (er wurde von der Wissenschaft nicht ernst genommen), jedoch ohne dessen Beweisführungen selbst wiederzugeben. Immerhin eine zentrale These wird mehrfach wiederholt: Die große Verleugnung unserer Vergangenheit sei auf ein kollektives Trauma der Menschheit durch jene Katastrophen zurückzuführen, aufgrund dessen wir nach wie vor in einem „Schockzustand“ leben und uns nicht erinnern können bzw. wollen. Weshalb Traumata erblich sein sollten, wie sie sich etwa in den Genen zu manifestieren pflegen, diese Erklärung bleiben Velikovsky und seine Jünger uns freilich schuldig (Regel Nr. 1 der Genetik: Erworbene Eigenschaften werden nicht vererbt – und nein, auch die Epigenetik gibt derartiges nicht her). Von dieser reichlich lächerlichen, doch zentralen Behauptung abgesehen bleibt es auch nach etlichen Seiten bei der einzigen Aussage, dass man Velikovsky selbst lesen sollte, wenn man sich ein Bild von dessen Theorien machen will – ob man nun daran glaubt oder nicht. Ähnlich verfahren wird mit dem deutlich jüngeren und doch in grenzwissenschaftlichen Kreisen längst berühmten Buch „Verbotene Archäologie“ von Michael Cremo, einer Auflistung mutmaßlicher Belege für eine Existenz von Menschen vor vielen Millionen Jahren. Auch hier muss man letztlich das fragliche Buch lesen und beurteilen, um bestimmen zu können, ob die Erwähnung bei Kenyon einen Wert hat. (Es scheint, dass Cremos Datierungen vor allem wissenschaftlichen Publikationen des 19. Jahrhunderts entstammen, als die absoluten und relativen Datierungsmethoden noch lange nicht so ausgereift waren wie heute, wobei in der Art auch einige der erwähnten Fundplätze mittlerweile umdatiert wurden, doch wäre prinzipiell eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Werk vonnöten.)
Der Katastrophismus, wie er in „Die Archäologie-Verschwörung“ dargestellt wird, ist jedenfalls … man ahnt es wohl. Die zwei ersten Kapitel stellen ihn zunächst einmal als eine Alternative zu den beiden Konzepten Evolution und Kreationismus dar – was der Katastrophismus schon grundsätzlich nicht sein kann, denn er erklärt nicht (nicht einmal schlecht, wie der Kreationismus) die Entstehung der verschiedenen Lebensformen, nur ihre Auslöschung. Auch wenn es hier formell anders dargestellt wird, ist die Grundlage von Katastrophismus letztlich doch immer nur eine weitere Form von Kreationismus. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass die Autoren ihre Angriffe hier vor allem gegen die Evolutionstheorie richten – und dabei vor allem sich selbst und ihre fachliche Unfähigkeit bloßstellen. Das einzige wirkliche Argument, das Will Hart in „Darwins Niedergang“ ins Felde führt, ist das angebliche Fehlen von Übergangsformen im Fossilbericht. Daher im Folgenden eine kleine und nicht annähernd vollständige Auswahl von bisher gefundenen „Übergangsformen“. Zwischen Fischen und Amphibien: Panderichthys, Tiktaalik, Acanthostega, Ichthyostega; zwischen Dinosauriern und Vögeln: Microraptor, Archaeopteryx, Rahonavis, Jeholornis; zwischen Huftieren und Walen: Pakicetus, Ambulocetus, Rodhocetus, Indocetus, Basilosaurus; zwischen anderen Menschenaffen und Menschen: Orrorin, Sahelanthropus, Paranthropus, Autralopithecus africanus/afarensis/robustus, Homo habilis/erectus/ergaster/heidelbergensis/sapiens idaltu. (Präventiv noch die Bemerkung, dass nicht jede der angeführten Arten ein direkter Vorfahr sein muss, sondern womöglich auch ein Seitenzweig der dadurch verdeutlichten Entwicklungslinie sein kann.) Dass, wie von Hart immer wieder betont, die unmittelbaren Vorfahren der Blütenpflanzen bislang nicht identifiziert wurden (wenngleich zeitlich und verwandtschaftlich bereits stark eingeengt), stellt in Anbetracht dessen ein eher kosmetisches Problem dar (zumal die Koevolution mit bestäubenden Insekten von beidseitigem Vorteil ist – da weniger Konkurrenz & exklusivere Bestäubung – und sich somit evolutionstechnisch hervorragend begründen lässt). Das Pseudoargument der „fehlenden Bindeglieder“ taucht in einem späteren Abschnitt des Buches noch einmal in ganz ähnlicher Form auf, nämlich in Bezug auf die ägyptischen Pyramiden: „Wo stehen – um beim Beispiel der Großen Pyramide in Gizeh zu bleiben – die bei einer Entwicklung vom Primitiven zum Höheren notwendigerweise existierenden kleineren, viel kleineren Pyramiden, die sozusagen als Vorserienmuster dienten?“ (300). Hätte der Autor (zufälligerweise abermals Will Hart) vor dieser Publikation auch nur ein grundlegendes Werk über die ägyptischen Pyramiden konsultiert, so wäre er auf die Stufenpyramide des Djoser in Sakkara gestoßen, der man noch deutlich die Entwicklung aus den früheren (und zuhauf gefundenen) Mastabagräbern ansieht, sowie auf die drei (!) Pyramiden von Cheops Vater Snofru, von denen nach zwei missglückten Experimenten (bei der Meidum-Pyramide stürzte die Umhüllung herunter, die „Knickpyramide“ hat einen Knick) erst die dritte zum erwünschten Ergebnis führte.
Auch sonst ist, anders als behauptet die Evolution keinesfalls „noch nicht bewiesen“ (27). Zu den Beweisen zählen neben dem überwältigenden Fossilbericht unter anderem die beobachtete Evolution etwa bei Bakterien (dort sogar fundamentaler Art), aber auch Insekten und Fischen, außerdem das Vorhandensein von Rudimenten und Atavismen (von Vorfahren ererbte, jetzt nutzlose Merkmale) wie etwa die Beinreste bei Walen und Schlangen sowie nicht zuletzt die genetische Verbreitung von Mutationen, deren Menge an Übereinstimmungen bei verschiedenen Arten genau deren Verwandtschaftsgrad angibt, welcher sich zeitlich und genealogisch mit dem Fossilbericht deckt. Diese Belege werden von den Autoren natürlich nicht erwähnt; vielmehr beweisen diese ihre Unkenntnis dessen, worüber sie zu argumentieren glauben, auch durch Aussagen wie jene: „Wir haben alle gelernt, dass sich die Fische zu Amphibien verwandelten, die Amphibien zu Reptilien wurden, die Reptilien sich dann zu Vögeln weiterentwickelten und die Vögel dann zu den Säugetieren führten“ (27). Es wäre in der Art eine interessante Frage, wo Will Hart seine Kenntnisse der Evolutionstheorie erworben hat – kein Wissenschaftler (und wohl auch kaum die Mehrzahl der allgemeinen Bevölkerung) hält Vögel für die Vorfahren der Säugetiere. (Diese stammen vielmehr von einer heute ausgestorbenen Schwestergruppe der Reptilien, den Synapsiden, ab.)
Der nächste Abschnitt widmet sich den möglichen vorzeitlichen Kulturen, die womöglich Opfer jenes letzten hypothetischen Kataklysmus geworden sind – wenngleich illustriert an nur drei Beispielen, der Sphinx von Gizeh, jenen Ruinen auf dem Meeresboden vor Indien und dem Yonaguni-Monument im Meer bei Japan. Auch hier müsste man sich vielmehr mit den zugrundeliegenden Publikationen auseinandersetzen, wobei zumindest die Rückdatierung der Sphinx durch Robert Schoch einer wissenschaftlichen Diskussion durchaus zugänglich sein dürfte. „Die Archäologie-Verschwörung“ bietet an dieser Stelle jedoch nur einige oberflächliche Informationen nebst vielen Behauptungen. Es folgen mehrere Kapitel über Atlantis, die maßgeblich die Thesen Graham Hancocks zu einer vorzeitlichen „Erdkrustenverschiebung“ nacherzählen, auch diese weitgehend redundant. Einzig die Widerlegung der in Mode gekommenen Santorin-Identifikation von Atlantis durch Frank Joseph bietet in sich abgeschlossen eine recht solide Argumentation.
Andere Kapitel bewegen sich vollkommen im Bereich der Esoterik, so etwa Joseph Rays Lobpreisung auf René Adolphe Schwaller de Lubiczs „The Temple of Man“, wo dessen Interpretation des Karnak-Tempels als Sinnbild kosmischer Wahrheiten auf eine schier religiöse Stufe gelobt wird. Auch hier ist keine Auseinandersetzung möglich – werden doch nicht wirklich die (mutmaßlichen) Argumente und Gedankengänge wiedergegeben, sondern nur die Thesen Schwaller de Lubiczs‘ ins Grenzenlose verherrlicht. Die esoterischen Kapitel über die „Weisheit der Alten“ (wer sind eigentlich diese „Alten“, von denen immer die Rede ist?) halten sich allgemein recht wenig mit Argumentation auf und beschränken sich weitgehend auf kühne Behauptungen. Bezeichnend auch, dass selbsternannte „Seher“ wie Edgar Cayce und Rudolf Steiner als glaubwürdige Quellen präsentiert werden, ohne ihre Thesen und Qualifikationen auch nur zu hinterfragen.
Mehrere Kapitel des Ingenieurs Christopher Dunn widmen sich der Deutung der Cheops-Pyramide als Kraftwerk sowie der angeblich unmöglichen Präzision der Steinbearbeitung im alten Ägypten. Diese Abschnitte scheinen bodenständiger und sind einer Analyse zumindest zugänglich. Und auch wenn ich mich mit Dunn nicht auf technischer Ebene auseinanderzusetzen vermag, so bleibt doch trotz allem ein zentraler Kritikpunkt: Dunn betrachtet die ägyptischen Monumente einzig aus einer physischen und modernen Perspektive, ohne jemals auf die zur Verfügung stehenden ägyptischen Quellen einzugehen, so etwa die Papyri Jarf A und B, das Logbuch einer Arbeitskolonne der Cheops-Pyramide, die Steine zum Gizeh-Plateau schiffte, sowie die Pyramidentexte, die zumindest die späteren Pyramiden eindeutig als Grabmäler identifizieren. Besonders betont Dunn die Unmöglichkeit der hohen Präzision, mit der die Ägypter Stein bearbeiteten. Dies wirkt auf den ersten Blick plausibel. Leider geht er jedoch allenfalls rudimentär auf bisherige Hypothesen und Experimente zur antiken Steinbearbeitung ein (bzw. nur auf die, die scheiterten) – zu nennen wären pars pro toto etwa die Experimente von Jean-Pierre Protzen und Stella Nair, die die Präzision der in grenzwissenschaftlichen Publikationen so beliebten Megalithstrukturen von Tiahuanaco nur unter Einsatz von Steinwerkzeugen erfolgreich reproduzieren konnten. Ansonsten sticht Christopher Dunn unter den Autoren des Buches jedoch insofern heraus, dass er zumindest in einem Teil des von ihm behandelten Themas über tatsächliche Kenntnisse verfügt.
Nachdem überraschenderweise Außerirdische das ganze Buch über kaum eine Rolle gespielt haben, streifen schließlich zumindest die Artikel des letzten Abschnitts dieses Thema. Extrem kurz und kaum repräsentativ wird das Werk von Zecharia Sitchin vorgestellt (der anders als behauptet kein Sumerisch beherrschte und einen Großteil der von ihm mesopotamischen Mythen zugeschriebenen Thesen schlichtweg erfand, doch das ist eine andere Geschichte). Ein Beitrag von Len Kasten (der auch schon ein Buch über „Die geheime Weltherrschaft der Reptiloiden“ veröffentlichte) widmet sich möglichen Hinweisen auf eine außerirdische Ursache hinter den sogenannten Pulsaren, Heraugeber Kenyon schreibt noch über Strukturen auf Mars und Mond und ein letzter Beitrag versucht Physik mit reiner Esoterik zu verbinden (und ist, empirisch betrachtet, relativ substanzlos).
„Die Archäologie-Verschwörung“ ist durchaus lehrreich. Nicht über die wahre Vergangenheit der Erde, wohl aber über die Methodik der Pseudowissenschaftler. Sehr wohl gibt es unkonventionelle Themen, über die sich ernsthaft diskutieren lässt – man denke etwa an die durchaus professionell formulierte Theorie Hans Giffhorns zum altweltlichen Ursprung der Chachapoya, und auch andere Themen (Prä-Astronautik, Atlantis, Kryptozoologie) lassen sich empirisch erforschen. J. Douglas Kenyon und die seinen bestätigen mit ihrem Gemeinschaftwerk jedoch die Gesamtheit der negativen Vorurteile, die die akademische Wissenschaft (offensichtlich nicht ganz zu Unrecht) über ihre Zunft hegt: Sie ignorieren die wissenschaftlichen Publikationen und bekannten Fakten zu den Themen, über die sie sich äußern, argumentieren stattdessen gegen allerlei Strohmänner, zeigen durchweg (allenfalls Robert Schoch teilweise ausgenommen) eine starke Nähe zu Verschwörungstheorien, unseriösen Quellen (Seher etc.) und willkürlich-esoterischen Weltkonzepten, und vor allem: Sie ziehen niemals wirklich in Betracht, dass sie falsch liegen könnten – allein dies ist wohl Ursache genug für jene selektive und bigotte Betrachtung von Fakten, bar jeder Quellenkritik alles übernehmend, was den eigenen Thesen entspricht, und auf schier dummdreiste Art und Weise kritisch gegenüber allem anderen, ohne die Position der Gegenseite auch nur einmal eingehend zu recherchieren (siehe Evolution). Abermals, um den zwangsläufig zu erwartenden Vorwürfen vorzubeugen: Doch, es ist möglich, auch unkonventionelle Hypothesen zu diskutieren, wozu sicher viele Wissenschaftler auch bereit wären – doch nicht auf einer Basis, die sich schon methodisch in solcher Weise selbst disqualifiziert. Das Buch selbst enthält letztlich nicht wirklich etwas von Wert – selbst wenn man annähme, die darin zitierten und hochgelobten Werke (etwa Cremos „Verbotene Archäologie“, das Lebenswerk Velikovskys und am ehesten noch die ägyptologischen Publikationen) seien für sich ernstzunehmen (was ich pro forma nicht kategorisch ausschließen will), so könnten doch allein diese selbst darüber Aufschluss geben. Weitere Lektüre steht an, viele Theorien sind zu hinterfragen – über Kenyons „Archäologie-Verschwörung“ indes ist fast alles Wichtige gesagt: Ein höchst polemisches, dabei zugleich relativ substanzarmes Buch, über weite Teile redundant und sich in Wiederholungen ergötzend, das mehr über seine Autoren aussagt als über ihre Forschungsfelder.

Geheimakte Archäologie

Bildergebnis für geheimakte archäologie„Geheimakte Archäologie“ von Luc Bürgin ist ein weiteres typisches Exemplar grenzwissenschaftlicher Literatur zur sogenannten „verbotenen Archäologie“. Wie in dem Genre üblich, stellt der Autor eine Reihe rätselhafter archäologischer Funde vor, die (anscheinend) noch immer einer Erklärung harren. Keiner von diesen ist hierbei wirklich neu; es handelt sich samt und sonders um alte Bekannte des Genres: Zunächst die berühmten und kontroversen Großsammlungen – die Funde aus Burrow’s Cave, die Michigan-Relikte, Pater Crespis Metallbibliothek, die Figuren von Acambaro und die Funde von Glozel (Frankreich). Der zweite Abschnitt behandelt jeweils sehr knapp Themen der Kryptozoologie, darunter der Minnesota-Eismann und der de-Loys-Affe, gefolgt von verschiedenen alten Bauwerken (Yonaguni-Monument, Pyramiden im Rock Lake, Geheimkammer der Cheops-Pyramide …) und den sogenannten Out-of-place-artifacts (darunter das Coso-Artefakt, der Metallkeil von Aiud und der versteinerte Hammer von London, Texas). Ein letztes Kapitel geht auf den angeblichen „Bibelcode“ ein.
Bei dieser Anzahl der behandelten Themen kann natürlich keine wirklich tiefe Auseinandersetzung erwartet werden. Und in der Tat sind die meisten Kapitel extrem knapp, oft nur wenige Seiten, in denen kurz die zentralen Informationen dargestellt werden – noch oberflächlicher also als die meisten ähnlich gearteten Bücher des Genres (z.B. von Erich von Däniken, Reinhard Habeck oder Hartwig Hausdorf). Aus der Reihe fällt indes das allererste Kapitel über die gemeinhin als Fälschungen identifizierten Funde aus Burrow’s Cave – dieses ist als einziges umfangreicher und dringt etwas in die Tiefe, wenn dort die Kontroverse relativ penibel aufgerollt wird, auch anhand mehrerer Originaldokumente (etwa Briefe) – zumal Luc Bürgin hier offensichtlich auch selbst aktive Forschung betrieben, sprich mit den Beteiligten korrespondiert hat. Dieses Kapitel kann also als nützlicher Beitrag zum Thema gelten, von den inhaltlichen Implikationen einmal ganz abgesehen. Auch die beiden nächsten Kapitel (Crespi-Sammlung & Michigan-Artefakte) sind noch einigermaßen ausführlich, der Rest dann schließlich deutlich knapper. Hingegen mangelt es dem Buch grundsätzlich nicht an Bildern – viele Fotografien der Funde illustrieren die Artikel, was nur zu loben ist. Hinzu kommen Abdrucke zahlreicher originaler Dokumente zur Fund- und Forschungsgeschichte mancher Objekte im Anhang, was dem Leser bei einer eventuellen eigenen Recherche unterstützt.
Luc Bürgin ist ganz klar ein Befürworter, nicht Kritiker der grenzwissenschaftlichen Interpretation von Funden. Nichtsdestotrotz werden zumindest bei einigen Themen auch alternative Erklärungen wiedergegeben, z.B. beim Hammer von London (der wahrscheinlich nicht aus der Kreidezeit stammt, sondern schlichtweg in eine moderne Steinkonkretion eingeschlossen ist). Dies ist löblich, wobei eine Auseinandersetzung mit entsprechenden Gegendarstellungen bei den meisten der Funde (z.B. die Acambaro-Figuren) doch fehlt.  Grundsätzlich enthält sich Bürgin weitgehend der eigenen Interpretation und der Ausschlachtung der Funde für konkrete Thesen (Außerirdische, Atlantis, Junge-Erde-Kreationismus …), sondern lässt sie vielmehr als Mysterium stehen. Aus der kritischen Haltung dem wissenschaftlichen Establishment gegenüber macht er trotzdem keinen Hehl, ist dem doch die gesamte umfangreiche Einleitung gewidmet. Mit einer Aufzählung von zahlreichen Revisionen (meist Rückdatierungen) wissenschaftlicher Lehrmeinungen in den letzten Jahrzehnten versucht er deren Fehlbarkeit zu belegen, was aber letztlich doch ein Schuss ins eigene Bein ist – beweist er damit doch vielmehr, dass die akademische Wissenschaft sehr wohl im Angesicht neuer Funde ihre Theorien revidiert, anstatt dogmatisch am Alten festzuhalten.
Das kurze und unterhaltsame Buch ist schnell durchgelesen. Viele der behandelten Themen sind in diesem Genre altbekannt, womit das Buch allenfalls als Überblickswerk taugt, im Falle von Burrow’s Cave und durch die Dokumente ist jedoch zumindest ein gewisser (grenz)wissenschaftlicher Mehrwert geboten. Letztlich ist es kein in diesem Genre wirklich herausstechendes Buch – weder positiv durch inhaltliche Qualität noch negativ durch ein überdurchschnittliches Maß falscher und pseudowissenschaftlicher Aussagen, die sich beide im soliden Mittelfeld bewegen.

Falsch informiert!

Seit über fünfzig Jahren nun veröffentlicht der Schweizer Autor Erich von Däniken ein Buch nach dem anderen mit dem Ziel, das Wirken von Außerirdischen in der grauen Vorzeit des Menschen nachzuweisen. Zu den eher schwächeren Werken gehört „Falsch informiert!“, 2007 erschienen.
Abgesehen von einem weiteren Exkurs zu den leidlich bekannten Nazca-Linien am Ende konzentriert sich das Buch in seiner Gänze auf ein Thema: Mysteriöse Bücher, die den Menschen vor Urzeiten von den Göttern – sprich: Außerirdischen – vermacht wurden. Es beginnt mit dem bis heute nicht entzifferten Voynich-Manuskript – eine solide historische Darstellung, jedoch von eher geringer Relevanz für die nachfolgenden Theorien. Im Zentrum steht zweierlei: Zum einen das apokryphe Buch Henoch, das dem vorsintflutlichen Patriarchen nach eigener Aussage von Engeln diktiert wurde – diesem räumt Däniken unter zahlreichen weiteren Überlieferungen solcher „göttlichen Bücher“ eine Sonderstellung ein und konzentriert sich fortan fast nur darauf, was wohl der plastischen Darstellung von Henochs Kontakt mit den (mutmaßlichen) Außerirdischen geschuldet sein dürfte.
Auf der archäologischen Seite wiederum widmet er sich der ominösen „Metallbibliothek“ des Pater Crespi in Ecuador, einem Korpus von tausenden Stücken aus Stein sowie Gold oder anderen Metallen, deren Authentizität höchst zweifelhaft ist (wobei zumindest ein Teil zweifellos aus modernen, sprich gefälschten Stücken bestehen dürfte). Eng damit in Verbindung steht eine angeblich in einem Höhlensystem gefundene „Metallbibliothek“, die längst zu dem vielleicht fatalsten „Forschungsobjekt“ Dänikens geworden ist: Bereits im Buch „Aussaat und Kosmos“ (1972) behauptete er, von dem Entdecker Juan Moricz in einen Teil der Höhlen geführt worden zu sein. Eine undurchsichtige Affäre entspannte sich daraus, als man ihm später Lügen vorwarf, besagter Moricz von der früheren Zusammenarbeit nichts mehr wissen wollte, Däniken nur noch in einem Seiteneingang des Höhlensystems gewesen zu sein behauptete und spätere Expeditionen nur eine leere und natürliche Höhle vorfanden – woraufhin man die angebliche Metallbibliothek in eine andere Höhle weiter entfernt verlegte, zu der noch dazu ein noch früherer Entdecker auftauchte, der schließlich unter ominösen Umständen ermordet wurde, während schließlich ein gewisser Stanley Hall ebenfalls eine angeblich erfolgreiche Expedition führte … und so weiter und so fort. Es dürfte schwer bis unmöglich sein, die Affäre letztlich aufzuklären und zu rekonstruieren, wer wann und wie oft gelogen hat – können doch weder Juan Moricz noch Erich von Däniken selbst als wirklich seriöse Quellen gelten. „Falsch informiert!“, Dänikens zweiter größerer Beitrag zu der Kontroverse, klärt den Sachverhalt zwar auch nicht letztendlich auf und bringt auch keine wirklich neuen Informationen zu den angeblichen Fundstücken (so diese je existiert haben), doch es dokumentiert immerhin ausführlich – auch anhand etlicher Briefe und anderer Dokumente (so kann man ein Buch auch vollkriegen) – zumindest Dänikens Version der Ereignisse. Für eine letztendliche Rekonstruktion dürfte das Buch also durchaus hilfreich sein, auch wenn man bei allen beteiligten Akteuren ein unbestimmbares Maß an Unwahrheiten in Betracht ziehen muss. Lange Rede, kurzer Sinn: Die „Metallbibliothek“ ist nach wie vor nicht gefunden und gesichert worden, bis auf Weiteres existiert sie nur in Erzählungen.
Dies hält Däniken indes nicht davon ab, bereits ein komplexes Szenario darum zu konstruieren: War da nicht jene Gründungslegende der Mormonen, derzufolge Joseph Smith die Geschichte der nach Amerika ausgewanderten Stämme Israels von einigen vergrabenen Metallplatten her rekonstruierte? Passt dies nicht zu der Geschichte von Henoch, der im Auftrag Gottes himmlische Bücher über die Geheimnisse des Universums verfasste? Das Buch Henoch wurde auch tatsächlich in der Zeit vor der Sintflut vom in den Himmel entrückten Patriarchen Henoch verfasst, ist sich Däniken sicher – schließlich steht dies dort schwarz auf weiß, und hätten etwaige Autoren des Werkes lügen sollen? Diese Leichtgläubigkeit ist bezeichnend: Ein Werk ist glaubwürdig und stammt wirklich von dem zugeschriebenen Autor, weil es selbst dies behauptet. Anstelle eines bloßen Hinweises darauf, dass auch „Lügen“ (in der Theologie nennt man das auch „Redaktion“) ernsthaft in Betracht gezogen werden sollten, ließe sich auch ein vergleichbares Beispiel anführen: Das babylonische Epos Enuma Eliš, nach eigener Aussage in Abstimmung mit dem Gott Marduk niedergeschrieben und penibel kopiert, sowie auch der dem Fischwesen Oannes in den Mund gelegte Bericht des Berossos – beides Werke, die auch Däniken zitiert und anscheinend für glaubwürdig hält – berichten übereinstimmend, Marduk habe Himmel und Erde aus dem auseinandergerissenen Körper der Urgöttin Tiamat geschaffen. Ist dies also ebenso glaubwürdig wie Henoch und dementsprechend als authentischer Tatsachenbericht zu betrachten? Wenn nein – ab welchem Maß von „mythischem“ Charakter darf man von einer wörtlichen Interpretation absehen, und womit begründet ein Erich von Däniken ausgerechnet diese Grenze?
Bleiben wir noch beim Enuma Eliš: Däniken erwähnt das Epos und berichtet von der darin enthaltenen Sintfluterzählung (128) – die das Enuma Eliš jedoch gar nicht beinhaltet (er meint anscheinend die Schilderung im Atramḫasis-Epos). Im Gilgamesch-Epos indes werde Enkidu von einem Adler in den Himmel getragen (59) – eine ähnliche Szene existiert tatsächlich, doch geschieht dieses Ereignis ausdrücklich im Traum Enkidus; dieser wird dort von einem Dämon mit Adlerkrallen zwar gepackt, aber nicht in den Himmel entrückt, sondern überwältigt und in die Unterwelt verschleppt, eindeutiges Vorzeichen seines nahen Todes (vgl. Tafel VII, 165ff). Weniger peripher ist indes, dass Däniken die Auswanderung der israelitischen Stämme aus dem Buch Mormon in die Zeit Henochs datiert, da sie als „Jarediten“ von Henochs Vater Jared, also auch von Henoch selbst abstammen (128, 175), was nicht nur insofern sinnlos ist, da nach biblischer Überlieferung über den einzigen Sintflutüberlebenden Noah alle Menschen von dessen Vorfahren Henoch und Jared abstammen müssen – es widerspricht auch der an anderer Stelle (127) überlieferten Aussage, die Auswanderung habe zu Zeiten des Turmbaus von Babel, also nach der Sintflut und somit lange nach Henoch, stattgefunden. Selbst wenn man die Bibel an dieser Stelle ernst nimmt, wie Däniken es tut, so gibt sie doch seine Argumentation nicht her. Derart plumpe Fehler, die bereits bei einer oberflächlichen Kenntnis der Quellen auffallen sollten, zeugen von einem literarischen Standard, der irgendwo zwischen beeindruckender Inkompetenz und bewusster Täuschung rangiert.
Nicht vergessen werden sollte natürlich das weitere große Thema des Buches, das sich bereits im Titel andeutet: Die ultimative Ladung Wissenschafts-Bashing, eine über etliche Seiten (und immer wieder nebenher) ausgebreitete Tirade über die angebliche Blindheit und Verbohrtheit des Wissenschaftsbetriebs, deren Idiotie Erich von Däniken anscheinend als einzig Vernünftiger gegenüberstehe. Gelingt es ihm in seinen anderen Büchern noch meistens, diese Einstellung in elegante Formulierungen zu verpacken und mit scheinbar plausiblen Beweismitteln zu unterfüttern, so ist in „Falsch informiert!“ der Bogen doch eindeutig überspannt – maßlos polemische, ja fast schon vulgäre Lästerei, der dann doch nur wieder das „Common-Sense-Argument“ entgegengesetzt wird, es sei ja offensichtlich, dass die antiken Texte von Außerirdischen und ihrer Technologie handelten.
In seinen anderen Büchern, die ich bislang las, mögen Dänikens Theorien – obgleich größtenteils widerlegbar – bisweilen noch faszinierend und bedenkenswert gewesen sein. „Falsch informiert!“ indes macht da eine Ausnahme: Bis auf die simple Feststellung, dass viele Überlieferungen von göttlich diktierten Büchern handeln (wobei einige der schönsten Beispiele etwa aus dem alten Orient Däniken offenbar noch unbekannt waren), sowie einen gewissen Beitrag zur Aufarbeitung der ohnehin zweifelhaften Kontroverse um die Metallbibliothek enthält das Buch keinerlei neues Sachmaterial (sowohl Henoch als auch Pater Crespi und die Nazca-Linien sind wahrlich ein alter Hut), dafür aber wissenschaftsfeindliche Monologe so bislang kaum gekannten Ausmaßes, von den üblichen Fehlschlüssen einmal abgesehen (einmal mehr: Wie sollten sich unabhängig entstandene Außerirdische mit Menschen paaren können?). Auch für den Autor, der zurecht als Pseudowissenschaftler gilt, ist „Falsch informiert!“ somit ein ziemlicher Tiefpunkt.