Die Elixiere des Teufels

„Die Elixiere des Teufels“ ist zweifellos eines der bekanntesten Werke von E. T. A. Hoffmann, dem deutschen Altmeister der Schwarzen Romantik. Im Mittelpunkt der komplexen Geschichte steht der Mönch Medardus, der in seinem Kloster zum Mitwisser eines alten Geheimnisses wird: Unter den Reliquien befindet sich eines der berüchtigten „Elixiere des Teufels“ – und Medardus, dem das Predigen nicht mehr gelingt, kann nicht widerstehen, davon zu kosten. Fortan bestimmt ein dunkler Fluch sein Leben. Auf der wenig später folgenden Reise nach Rom stürzt durch sein Verschulden ein ihm erstaunlich ähnlich sehender Graf in einen Abgrund, woraufhin Medardus zeitweilig dessen Identität anzunehmen gezwungen ist. Nicht nur tötet er wenig später zwei Mitglieder der Grafenfamilie, auch verliebt er sich schließlich unsterblich in die schöne Aurelie. Die Flucht vor Mensch und Fluch geht weiter, schließlich sieht sich Medardus noch dazu von einem rätselhaften Doppelgänger verfolgt. Nach und nach erst entwirrt sich das Beziehungsgeflecht, das nicht zuletzt seine Vergangenheit bestimmt – doch entkommen vermag Medardus dem ihm auf dem Fuße folgenden Übel nicht …
An sich eine interessante Handlung, gerade durch die unerwarteten, wenn auch von langer Hand vorbereiteten Offenbarungen zum Ende hin. Dem Autor ist wahrlich ein gewisser Respekt zu sollen für die Konzeption des gesamten Plots. Doch leider – wie bei allem, was ich bislang von ihm gelesen habe – schreibt E. T. A. Hoffmann schrecklich zäh und langweilig. Gerade die langen, eingeschobenen Exkurse in die Vergangenheit, deren Sinn sich erst viel später offenbart, sind beim Lesen schrecklich öde und unübersichtlich, da zu fehlender Konzentration führend. Auch der Rest bleibt viel zu lang und blumig ausgeschmückt, sodass die Handlung unter dem Wulst aus zähen Dialogen, Beschreibungen und Berichten schier untergeht. Es gibt kein Eintauchen in diese Geschichte, die man stets nur oberflächlich miterlebt und die daher nie zu fesseln weiß. Das hat keinesfalls mit dem bloßen Alter des Textes und Autors zu tun, kommt dies doch bei anderen Werken dieses oder eines früheren Zeitalters nicht in dem Maße vor.
Letztlich hätte „Die Elixiere des Teufels“ ein großartiger Roman werden können, hätte ihn ein Autor mit Sinn für Spannung und Unterhaltung geschrieben. Auch die abnorme Psychologie des Medardus hätte einen grandiosen Thriller tragen können, wäre sie nicht viel zu willkürlich inszeniert worden. Doch so, leider, hat der hochberühmte Herr Hoffmann nur ein schrecklich zähes Werk hinterlassen, das mehr Arbeit als Vergnügen für seine Leser bereithält.

Die Chroniken von Araluen 1: Die Ruinen von Gorlan

Sein ganzes Leben hat der Waisenjunge Will davon geträumt, Ritter zu werden. Als es aber so weit ist, in einen Beruf einzutreten, teilt man ihn dem mysteriösen Waldläufer Walt als Lehrling zu. Und natürlich stehen die beiden bald vor ungeahnten Herausforderungen, denn der böse Herrscher Morgarath rüstet zum Krieg gegen das Königreich von Araluen …
Was wie eine relativ fantasielose Fantasy-Geschichte voller Stereotype klingt, ist bei näherer Betrachtung auch genau das: Eine Aneinanderreihung altbekannter Motive und Klischees, wie sie gefühlt schon in hundert ähnlichen Jugend-Fantasy-Romanen rekombiniert worden sind. Natürlich ist „Die Ruinen von Gorlan“ nur der erste Band der ganzen Reihe „Die Chroniken von Araluen“ von John Flanagan, in dem zugegebenermaßen auf der Handlungsebene noch nicht allzu viel passiert – es kann also schwerlich die gesamte Reihe beurteilt werden – doch zumindest in diesem Rahmen ist nicht wirklich etwas zu erkennen, das sich als Innovation oder kreativer Einfall bezeichnen ließe. Außer dass die obligatorischen barbarischen Lakaien des Bösen hier ausnahmsweise nicht „Orks“, sondern „Wargals“ heißen.
Bei alledem darf man natürlich einen maßgeblichen Aspekt nicht vergessen: Den Unterhaltungswert. Tatsächlich nämlich liest sich das Buch flüssig und angenehm weg, ohne nennenswerte Längen und lebendig geschrieben. So ist die Lektüre, obgleich wenig darüber hinaus bereichernd, doch ziemlich angenehm. Gewissermaßen literarisches Fast Food also. Aber Hand aufs Herz – fast jeder mag Hamburger, so wenig Kreativität und Nährwert man auch darin finden mag.

Der Marsianer

Spätestens durch die Verfilmung mit Matt Damon wurde „Der Marsianer“ von Andy Weir weltbekannt. Und liest man das Buch, so merkt man auch schnell den Grund dafür.
Das Szenario ist relativ schnell erzählt: Ares 3 ist die dritte bemannte Mission zum Mars – und endet in einem Desaster. Aufgrund eines unerwartet starken Sandsturmes muss die Crew den Planeten frühzeitig wieder verlassen, jedoch wird dabei der tot geglaubte, weil bewusstlos gewordene Astronaut Mark Watney zurückgelassen. Wenig später findet er sich allein auf dem Mars wieder, ohne Kommunikationsmittel und mit nicht genügend Nahrungsmitteln zum langfristigen Überleben. Doch nach und nach gewinnt Watney die Kontrolle über seine Situation zurück und wendet all sein Geschick auf, zu überleben und zur Erde zurückzukehren …
Geschrieben ist „Der Marsianer“ überwiegend in Form von Mark Watneys Logbuch, in dem dieser seine Gedanken und Pläne darlegt, das Leben auf dem Mars zu meistern, durchbrochen nur von gelegentlichen konventionell erzählten Szenen aus Sicht der NASA-Mitarbeiter auf der Erde. Doch keinesfalls bedeutet das einen trockenen Stil – im Gegenteil: Watney bzw. Weir legt nicht nur einen guten Humor an den Tag, sondern auch einen zutiefst unterhaltsamen Sprachstil, der auch gerade davon profitiert, dass im Logbuch nur Relevantes wiedergegeben, Nebensächliches aber weggelassen wird.
Man kann das Buch schwerlich als richtige Science-Fiction bezeichnen, orientiert es sich doch so sehr an der realen Raumfahrt mit ihren Möglichkeiten und Problemen, dass man sich ohne Weiteres vorstellen kann, dass ebensolche Szenarien in wenigen Jahrzehnten Realität werden. Tatsächlich ist kaum vorzustellen, wie viel brillant recherchiertes Fachwissen in diesem Roman steckt. Mit höchster naturwissenschaftlicher Präzision, doch trotzdem allgemeinverständlich und unterhaltsam, erklärt der brillante Watney seine Bemühungen, trotz begrenzter Mittel Wasser herzustellen, Kartoffeln zu züchten, schließlich auch die Kommunikation zur Erde wiederherzustellen. Kaum jemals, wenn überhaupt, habe ich einen Roman gelesen, der in einem derartigem Maße naturwissenschaftliche Aspekte zu einer fesselnden Story rekombiniert. Obwohl eigentlich so fern und fremd, schafft „Der Marsianer“ ein gewaltiges Gefühl von Realismus wie nur wenige Geschichten, die in vertrauten Regionen spielen. Buchstäblich werden in dieser modernen Robinson-Crusoe-Geschichte die so leicht zu vergessenen Grenzen des heutigen Kosmos ausgelotet, ganz wie bei den gefährlichen Entdeckerfahrten früherer Zeitalter. Buchstäblich: „Der Marsianer“ ist, woran gute Science-Fiction sich zu messen hat.

Jenseits von Top Secret

Das Thema UFOs wird von vielen Menschen belächelt. Ein oberflächlich nicht aus der Luft gegriffenes Urteil, wo doch der Großteil der einschlägigen Literatur keinesfalls die Maßstäbe von Wissenschaftlichkeit erfüllt, ja mehr noch, die Grenzen hin zu Esoterik und Verschwörungstheorien oft fließend sind. Eine allzu willkommene Abwechslung bietet da „Jenseits von Top Secret“, das Monumentalwerk des UFO-Forschers Timothy Good. „Eine Dokumentation“ steht schon auf dem Cover – und genau das ist es. Auf 700 Seiten sind unzählige Augenzeugenberichte und Dokumente zusammengetragen, die umfassend die Masse der UFO-Sichtungen seit den 30er Jahren illustrieren. Einen Schwerpunkt nimmt dabei die Rolle der Geheimdienste und Regierungen ein. Interessieren diese sich für das UFO-Phänomen – halten sie womöglich gar Informationen vor der Öffentlichkeit zurück? Besonders ersteres kann ohne Zweifel bejaht werden, letzteres scheint zumindest in Teilen wahrscheinlich. Zu zahlreichen Aussagen von Politikern oder Geheimdienstangestellten kommen Geheimdienstdokumente, die auf Anfrage freigegeben wurden. Darüber hinaus bleibt ein riesiger Korpus weiterer dokumentierter Sichtungen von UFOs, größtenteils im Originalwortlaut, darunter auch unzählige, die auf (Militär-)Piloten zurückgehen oder sich zugleich auf Beobachtungen mehrerer Menschen oder gar Instrumente stützen können. All das ergibt letztlich ein gewaltiges Werk, das sehr gut als Übersicht über das gesamte Phänomen dienen kann – obgleich die abgedruckten doch nur einen kleinen Teil der buchstäblich zehntausenden existierenden Quellen ausmachen. Weitgehend ausgeklammert wird dabei jedoch der Aspekt der angeblichen Alien-Entführungen, deren Glaubwürdigkeit ohnehin als deutlich geringer einzuschätzen sein dürfte. Überhaupt hält sich der Autor begrüßenswerter Weise weitgehend zurück mit Interpretationen, Theorien und Beschuldigungen, wie sie in diesem Genre leider allzu weit verbreitet sind, und lässt stattdessen einfach die Quellen sprechen. Das macht „Jenseits von Top Secret“ trotz des kontroversen Themas zu einem wertvollen wissenschaftlichen Beitrag. Auf der anderen Seite aber: Es ist eine dementsprechend trockene Lektüre, extrem zäh und langweilig. Ein Buch, das man weniger zur Unterhaltung liest, als vielmehr zur Erweiterung des eigenen Horizontes. Und hat man das schließlich durchgezogen, so ist man in Anbetracht der erdrückenden Zahl von Belegen durchaus um einige Erkenntnisse reicher: Das UFO-Phänomen existiert, physisch und empirisch – und zahlreiche Regierungen interessieren sich seit Jahrzehnten dafür. Auf einem anderen Blatt indes steht, ob die Informationen, die Staaten mutmaßlich zurückhalten, tatsächlich ein nennenswert neues Licht auf die Sache werfen würden, und natürlich, ob es sich bei UFOs tatsächlich um außerirdische Raumschiffe handelt – denn das ist, obgleich bislang nicht wirklich eine bessere Erklärung vorgelegt wurde, eine nicht nur gewagte, sondern auch unbelegte Hypothese. Viele Fragen bleiben offen, viel wissenschaftliche Arbeit ist auf diesem Gebiet noch zu leisten. Doch was immer noch vor uns liegt – Timothy Goods „Jenseits von Top Secret“ dürfte als Meilenstein der UFO-Forschung zählen. Auch wenn es sich, bildlich gesprochen, um wissenschaftliches Schwarzbrot handelt.

Rüdiger Nehberg: Die Autobiographie

Manche Leute sind einfach erstaunlich. Einer davon ist Rüdiger Nehberg: Angefangen als Bäcker, mauserte er sich zum Survival-Experten, der u.a. ohne Ausrüstung durch ganz Deutschland marschierte, schrieb zahlreiche Bücher und engagiert sich – erstaunlich erfolgreich – als Aktivist für Menschen in der 3. Welt. Ein Mann, dessen Autobiografie dementsprechend vielseitig und unterhaltsam ausfällt. Tatsächlich handelt es sich bei dieser nicht nur um eine Rekapitulation des ganzen bisherigen Lebens, sondern auch eine gewisse Vorstellung zahlreicher derer Projekte, die er im Laufe der schon über siebzig Jahre in Angriff nahm: Reisen ab der Jugendzeit und sein lebenslanges Interesse für Schlangen ebenso wie anspruchsvolle Reisen an die erstaunlichsten Orte, Engagement für die Yanomami-Indianer des brasialianischen Regenwaldes und der Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung in Nordostafrika. Und doch ist es kein moralistisches Buch – sondern eines, das nur allzu bodenständig gelebten Idealismus zelebriert. Auch der Schreibstil ist weitgehend zu loben: Nehberg beweist durchweg guten Humor und einen Sinn für flüssige Erzählen, auch wenn die Sätze doch tendenziell eher kurz ausfallen (was, wie darin erläutert, wohl auf eine Empfehlung zur besseren Vermarktbarkeit zurückzuführen ist).
Ich hatte ansonsten bislang noch keine Autobiographien gelesen (das kommunistische Propagandawerk „Wie der Stahl gehärtet wurde“ zählt hoffentlich nicht), geschweige denn nennenswertes Interesse daran. Dieses Buch aber hat sich ohne jeden Zweifel gelohnt. Unterhaltsam und spannend, weil real, zum Nachdenken anregend und in mancher Hinsicht aufklärerisch. Das Buch eines Mannes, der wirklich etwas zu erzählen hat.

Horasia 1 fertig!

Soeben habe ich die Überarbeitung von „Horasia – Portal“ abgeschlossen. Rund 530 Seiten sind es letztlich geworden.

Wie geht es nun weiter?
Tatsächlich ist eine baldige Veröffentlichung des Werkes nicht geplant, was mehrere Gründe hat: Zum einen wäre es mir lieb, zuvor den zweiten Teil (vermutlich „Horasia – Fremdland“) geschrieben oder zumindest durchkonzipiert zu haben, um inhaltliche Unstimmigkeiten vermeiden zu können – kurz darauf würde auch die Überarbeitung von „Horasia – Erwachen“, dem dritten Teil der Reihe, folgen. Zudem beabsichtige ich, zunächst die Veröffentlichung der Gilgamesch-Trilogie abzuwarten, um schließlich bei der Verlagssuche für Horasia eine umso erfahrenere Autorenvita vorweisen zu können.

Meine nächsten geplanten Projekte sind folglich:
1. Schreiben der zig noch ausstehenden Rezensionen, was ich in letzter Zeit ziemlich habe schleifen lassen
2. Entwicklung des Handlungskonzepts für „Gilgameschs Heldentaten“ (Gilgamesch 2) und, wenn möglich, „Horasia – Fremdland“ (Horasia 2)
3. Schreiben von „Gilgameschs Heldentaten“, danach „Gilgameschs Schicksal“ (Gilgamesch 3)
4. (langfristig) Horasia 2 & 3, Verlagssuche für Horasia 1; weitere Romane (darunter Tilmun, Draugar, Horasia und einige unabhängige Werke)

Isländersagas 1

Während sich im Deutschland des Mittelalters die Dichter vorwiegend für Ritter und Minne begeisterten, entstand im spärlich besiedelten Island eine ganze Literaturgattung, die bis heute nichts von ihrem Reiz verloren hat: Die Sagas. Anders als viele andere Texte dieser Zeit durchweg in (auch jetzt noch gut lesbarer) Prosa abgefasst, berichteten die meist anonymen Autoren von großen Kriegern, die in ferne Länder aufbrachen, um Ruhm und Reichtum zu erwerben, von Streitigkeiten zwischen Bauern, die in Rechtsprozessen und blutigen Fehden endeten, von historischen Ereignissen wie der Entdeckung Islands, Grönlands und Amerikas sowie der Christianisierung Islands, ja bisweilen gar von unverwundbaren Berserkern und Wiedergängern. Auszeichnen tun sich die Sagas vor allem durch ihre schnörkellose, pragmatische Sprache und ihre allzu historische (bzw. historisch wirkende) Verankerung im Leben von Menschen, die wirklich gelebt haben oder gelebt haben könnten. So zeigen die Sagas auch keinen durchkonzipierten Handlungsbogen, sondern berichten gnadenlos die familiäre Vorgeschichte sowie Nebenstränge der Ereignisse und machen nicht vor (aber auch nicht immer direkt nach) dem Tod des Helden Halt.

Zur Freude aller an historischer Literatur interessierten Leser brachte der Fischer-Verlag einen ganzen Korpus von Sagas (ob tatsächlich alle, ist mir nicht bekannt) in vier Bänden heraus (zuzüglich einem fünften mit Hintergrundinformationen). Der erste ist mit 912 Seiten und einem Preis von 32€ der dickste und kostspieligste – doch beides stellt sich beim Lesen als allzu berechtigt heraus. Enthalten sind neben mehreren kürzeren Erzählungen – etwa denen von Gunnlaug Schlangenzunge, Hühner-Thorir oder dem kriegerischen Björn aus dem Hítardal – auch die zwei wohl längsten und möglicherweise bekanntesten Sagas: Die „Saga von Egill Skallagrimsson“ beschreibt das für einen Sagahelden ungewöhnlich lange Leben des Kriegers und Sklalden Egill, der gleichsam durch seine Kampfeskraft und seinen ambivalenten Charakter hervorsticht. Die längste Saga überhaupt indes ist „Brennu-Njálls Saga“. In ihr geht es vor allem um die Fehde zwischen zwei Höfen, der nacheinander zahlreiche Männer zum Opfer fallen – obwohl der weise alte Mann Njall in diesem „Gerichtsthriller des Mittelalters“ stets um juristischen Ausgleich bemüht ist. Mit unter anderem diesen beiden Meisterwerken der Weltliteratur versammelt der erste Band einen gewaltigen und mehr als repräsentativen Korpus der alten Isländersagas. Zu den bloßen Texten kommen noch in großem Maße Anmerkungen etwa zu bestimmten Begriffen und jeweils eine knappe Einführung vor jeder Saga, wodurch sich der Kontext besser erschließt. Fachspezifisches Vorwissen ist zum Verständnis nicht vonnöten – mitbringen muss der Leser nur das nötige Interesse. Anstrengend und unübersichtlich sind natürlich immer die den Sagas so eigenen langen Genealogien, doch ansonsten lesen diese sich erstaunlich flüssig. Kaum eine andere vorneuzeitliche Literaturtradition, mag man fast meinen, ermöglicht – abseits aller heroischen und mythischen Stoffe – einen so lebendigen Einblick in die Lebenswirklichkeit eines vergangenen Volkes wie die Sagas, die ein relativ realistisches Zeugnis der damaligen Kultur und Literatur von höchsten Niveau in einem sind. Dafür ist dieser erste Band mehr als ein gelungener Einstieg.

Nimrods letzte Jagd

Der alte Orient im frühen 6. Jahrhundert vor Christus: Nach dem Untergang des mächtigen Assyrischen Reiches kämpfen verschiedene Mächte um die Vorherrschaft. Das Bündnis zwischen den Medern und dem Neubabylonischen Reich unter Nebukadnezar II. ist zunehmend brüchig, zahlreiche mittlere Völker – Griechen, Lyder, Skythen, Perser, aber auch Ägypten und Juda – konkurrieren um die Macht. Vor diesem Hintergrund nun spielt Josef Nyárys historischer Roman „Nimrods letzte Jagd“.
Einst war Dagon ein Feldherr des Assyrischen Reiches – nun, zwanzig Jahre nach dessen Fall, verlebt er seinen Lebensabend auf Zypern. Bis, ausgerechnet am Fest der Ischtar, eine Truhe mit dem Kopf seines Sohnes bei ihm eintrifft, die das Siegel des Mederkönig Kyaxares trägt. So macht sich Dagon nun auf, seine alten Gefährten aus assyrischen Tagen um sich zu versammeln und Rache für den Mord an seinem Sohn zu nehmen. Ihr Weg führt sie durch den ganzen alten Orient – und zunehmend zeichnet sich ab, dass nicht jeder der ist, der er zu sein vorgibt …
Ob nun Sprachstil, Beschreibung der Schauplätze oder die zahlreichen historischen Gestalten – Nyáry beweist eine beeindruckende Vertrautheit mit den geschichtlichen Ausgangsstoffen und lässt den Leser allzu lebendig in die Geschichte eintauchen. Natürlich wird vieles von all dem fiktionale Ausgestaltung sein und einer strengen wissenschaftlichen Kritik kaum standhalten – doch die im Genre nötige Qualität wird schon dadurch erreicht, dass man Fakt und Fiktion kaum voneinander trennen kann. Aus diesen Grundlagen wird eine komplexe, gar epische Geschichte gewoben, die trotzdem folgerichtig und durchweg spannend bleibt. Brillant sind gleichsam das durchdachte Netz der teils fiktiven, teil historischen Akteure und ebenso die szenische Inszenierung, die trotz der weit gespreizten Handlung ohne wirkliche Längen und Durststrecken auskommt. Soweit ein mehr als großartiger Roman mit Genialität in zahlreichen Dimensionen, den zu lesen eine wirkliche Freude ist.
Doch bei all dem bleibt ein Aspekt, wo sich der Autor völlig verrennt, je nach Vorprägung des Lesers bis ins Abstoßende gehend – nämlich die religiöse Dimension. Völlig ahistorisch wird das exilische Judentum gleichartig einem neuzeitlichen, evangelischen Pseudochristentum dargestellt, samt Pazifismus und Ethik mit Teufel und Jenseits. Das grenzt, wenn man zum Vergleich die Bibel kennt, ans Groteske, wenn etwa kranke Misanthropen wie die Propheten Jeremia und Ezechiel (die in ihren Schriften noch die ganze Welt brennen sehen wollten) als moralisch überlegene Pazifisten dargestellt werden. Zu guter Letzt wird dieses erstaunlich missionarische Proto-Christentum zur ultimativen Wahrheit und letzten Erkenntnis hochstilisiert, die natürlich nur die gewaltaffinen, ewiggestrigen Heiden nicht einsehen. Wirklich schade, wo doch Josef Nyáry in seinem Buch „Die Vinland-Saga“ schon eine wesentlich neutralere und historisch angemessenere Sichtweise auf das Christentum zeigte. Doch gerade bei dem Ausmaß, das diese religiöse Heuchelei zum Ende des Romans hin annimmt, kann man einfach nicht mehr darüber hinwegsehen – es bleibt auf ewig der bittere Nachgeschmack der Erkenntnis, dass hier ein Werk von höchstem Potenzial verdorben wurde.

In Ewigkeit

Es ist schwer, das Genre des Werkes „In Ewigkeit“ von Ian Cushing genau einzugrenzen: Drama, philosophisches Werk, irgendwie zu einem gewissen Teil auch Mystery und Psychothriller – all das steckt in diesem Büchlein von 196 Seiten.
Die erste Hälfte ist das autobiografische Manuskript eines Mannes, der gerade durch eine neue Lebensweise der Spontanität einen Ausweg aus seiner allgemeinen Sinnkrise gefunden zu haben scheint – nur um dann erneut Opfer eines traumatischen Schicksalsschlages zu werden. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Zurechtkommen mit einem solchen Verlust, mündend aber in einem ganz neuen Blick auf das Thema Jenseits . Die zweite Hälfte dann stellt die Vorgeschichte der ersten dar – in Form des schon zuvor erwähnten Tagesbuches des Protagonisten, das dessen geistige Entwicklung dokumentiert. Hemmungslos realistisch werden wir Zeuge eines existenzialistischen Geistes, der zunehmend die Kontrolle über sein zur Qual gewordenes Leben zurückzugewinnen versucht – und dabei, in seinem Nihilismus alle klassische Moral hinterfragend, sogar zum Mörder wird. Dieser zweite Abschnitt wurde tatsächlich schon zuvor eigenständig unter dem Titel „Fünf Minuten – Ein Tagebuch“ veröffentlicht – doch diese jetzige Erweiterung ist alles andere als schädlich, sondern vielmehr eine interessante Weiterführung.
Obwohl ein Großteil des Werkes weniger der Sachhandlung, als vielmehr der Psyche des Protagonisten gilt, liest sich „In Ewigkeit“ nur allzu flüssig weg – was nicht zuletzt an der beachtlichen Sprachbeherrschung des Autors liegt, der sein Werk mit allerlei Zynismus, Anspielungen und innovativen Sprachbildern füllt. Besonders der unspektakuläre, mit klassischer Dramaturgie brechende Charakter des Tagebuchteils verleiht der Geschichte eine allzu realistische Verortung im hiesigen Leben. Zwar gefiel mir diese zweite Hälfte subjektiv besser (wohl auch wegen der offenen Amoralität), doch auch die erste hat seinen ganz eigenen Reiz und ist ohnehin zu kurzweilig, um jemals Längen aufkommen zu lassen.
So ergibt all dies zusammen ein zwar unkonventionelles, aber gleichsam tiefes und unterhaltsames Werk. Zwar mag der Tod die einzige Gewissheit sein, wie schon unser existenzialistischer Protagonist erkennt, doch immerhin bleibt vorher meist noch genügend Zeit für solche Bücher. Ein Lichtblick in dieser allzu düsteren Welt.