Mein Vater war ein MiB 2: Missing Link

Mein Vater war ein MiB - Band 2Das Genre der Verschwörungsliteratur erlebte einen neuen Höhepunkt, als ein unter dem Pseudonym Jason Mason bekannter Autor im letzten Jahr sein Monumentalwerk „Mein Vater war ein MiB“ veröffentlichte. Mason, nach eigener Aussage wirklich der Sohn eines Man in Black, versammelte darin Behauptungen zahlreicher Pseudowissenschaftler, Verschwörungstheoretiker und selbsternannter Whistleblower über Aliens, Zeitreisen, Reptiloiden, Riesen, UFOs im Dritten Reich und was immer sonst uns bekanntlich von der Verschwörung khasarojüdisch-satanistischer Freimaurer-Illuminaten verheimlicht wird. Kaum ein Jahr nach jenem absurden, wenngleich teils unterhaltsamen Machwerk erschien nun eine Fortsetzung: „Mein Vater war ein MiB 2: Missing Link“.
Während der erste Band noch zahlreiche unabhängige Aspekte pseudowissenschaftlicher Phantastik rezipierte, konzentriert sich der zweite weitgehend auf einen einzigen: Den Frontalangriff auf das Rückgrat des wissenschaftlich-naturalistischen Weltbildes, die Evolutionstheorie. Diesen ewigen Dorn im Auge jedes anständigen Spinners versucht Mason zu widerlegen – durch der Evolution scheinbar widersprechende Fundstücke, pseudowissenschaftliche Argumentation und einen guten Schuss ganz konkrete Verschwörungstheorien. Die These: Von Anfang an war die Evolutionstheorie nichts als eine Erfindung satanistischer Freimaurer, um die Menschen von ihren wahren Ursprüngen abzubringen, die irgendwo zwischen göttlicher und außerirdischer Schöpfung rangieren.
War Band 1 noch eine ungeordnete Zusammenstellung zahlreicher Denktraditionen, kristallisiert sich hier nun eine klare und mehr als beängstigende Ideologie heraus: Im Wesentlichen christlicher Kreationismus, ergänzt durch Prä-Astronautik und zutiefst nationalsozialistisches Gedankengut – eine eierlegende Wollmilchsau menschlichen Irrsinns also. Doch damit ist das Fazit schon vorweggenommen – was genau denn führt Mason an, wie ist es zu bewerten?

Beginnen wir mit dem in der Wissenschaft wichtigsten Apekt: Der Quellenarbeit. Zur allgemeinen Überraschung beinhaltet das Buch am Ende ein umfangreiches Literaturverzeichnis, auf das durch zahlreiche Fußnoten verwiesen wird. Doch die Furcht, tatsächlich einmal einem wohl fundierten Werk gegenüberzustehen, zerschlägt sich denkbar schnell: Bei keinem einzigen erwähnten Buch werden Seitenzahlen genannt; die Fußnoten gelten stets für einen ganzen Textabschnitt – ein direkter Beleg einzelner zur Argumentation relevanter Informationen findet also niemals statt. Vielmehr stellen die aufgeführten Quellen überwiegend Machwerke anderer pseudowissenschaftlicher, oft etwa kreationistischer Autoren dar, deren komplexe Ideenkonstrukte in Gänze und unreflektiert übernommen werden, ohne die dahinterstehenden Beweisführungen wiederzugeben bzw. zu hinterfragen. Insofern stellt das Buch – vielleicht nicht ganz so plakativ, aber letztlich ebenso wie der erste Teil – in weiten Teilen schlichtweg eine Kompilation verschiedenen einschlägigen Gedankenguts dar, wobei „Beweisführungen“ allenfalls übernommen, aber kaum selbst entwickelt werden.
Wie in diesem Genre zwangsläufig zu erwarten, unterliegt der Autor dabei zwangsläufig einer Wahrnehmungsverzerrung bei der Quellenbewertung: Was in das eigene Konzept passt, wird kritiklos zitiert, was ihm widerspricht, hingegen kategorisch abgelehnt. So ist es auch kein Problem, einerseits die gesamte Zunft der Wissenschaft als eine mit allgemeiner Desinformation beauftragte Verschwörung zu charakterisieren, zugleich aber Erkenntnisse und Aussagen ebendieser Wissenschaft zu zitieren, wann immer sie die eigenen Thesen zu bestätigen scheinen. Wenn man tatsächlich die Existenz einer weltweiten Verschwörung annimmt, die über schier unbeschränkte Fähigkeiten verfügt, um falsche Belege zu fälschen und echte zu unterdrücken (wie explizit postuliert) – auf welcher Basis kann man überhaupt noch irgendeine Quelle zitieren? Müsste nicht auch davon ausgegangen werden, dass gerade im Feld der „Aufklärer“ jenseits des wissenschaftlichen Mainstreams ebenfalls Desinformation betrieben wird? Wenn die Verschwörer Millionen von Fossilfunden und anderen Belegen fälschen – wieso nicht auch ein ganzes Pantheon pseudowissenschaftlicher Theorien und Beweismittel für diese, um von der Wahrheit abzulenken und die Zunft der Verschwörungstheoretiker unglaubwürdig zu machen?

Doch ab von der Form – was geben die Argumente her? Das Hauptanliegen des Buches (abgesehen vom finanziellen Erlös) ist natürlich die Zerschlagung der Evolutionstheorie. Diese ist selbstverständlich die Erfindung einer Verschwörung satanistischer Freimaurer – obgleich es dafür natürlich keine Belege gibt, die über einzelne nachgewiesene Fälschungen (etwa den Piltdown-Menschen und die gefälschten Datierungen des Anthropologen Reiner Protsch, beide letztlich von Wissenschaftlern aufgedeckt) sowie die bloße Mitgliedschaft mancher früher Verfechter der Evolutionstheorie bei den Freimaurern hinausgehen. Besonders kurios etwa wird es, wenn schon die „Beringerschen Lügensteine“, über hundert Jahre vor Veröffentlichung von Darwins „Über die Entstehung der Arten“ hergestellt, als Beispiel wissenschaftlicher Beweisfälschung pro Evolution angeführt werden (230ff). Eine These also, deren Widerlegung weder möglich (weil dogmatisch-verschwörungstheoretisch) noch nötig (weil gänzlich unbelegt) ist.
Anders sieht es aus mit den zahlreichen Sachargumenten, die Jason Mason gegen die Evolution zu Felde führt. Diese nämlich lesen sich wie ein Best-Of der bekanntesten und stumpfsinnigsten Pseudoargumente der kreationistischen Gemeinde und zeugen von fundamentalem Unverständnis biologischer Grundlagen. Im Folgenden eine unvollständige, aber repräsentative Auswahl:

  • „Manche Wesen waren in der Vergangenheit größer, also hat es keine Evolution gegeben.“ (z.B. Riesenlibellen, -tausendfüßer, -faultiere, -haie, -schildkröten auf S. 123ff) Die dahinterstehende Überzeugung: Evolution bedeutet permanente und zielgerichtete Höherentwickelung nach dem Motto „Größer, stärker, besser!“ – eine gänzlich antievolutionäre Vorstellung. Evolution verfolgt kein Ziel, immer (nach unseren Maßstäben) großartigere Wesen hervorzubringen, sondern resultiert einzig aus der natürlichen Selektion. Große und starke Wesen brauchen mehr Ressourcen und haben eine langsamere Reproduktionsrate und Generationenfolge – das macht sie nicht zu evolutionären Erfolgsmodellen, sondern eher zu „Luxusprodukten“; bei Umweltkatastrophen sind sie stets die ersten, die aussterben. Auf genau diesem Missverständnis basiert auch Masons Überzeugung, die historische Existenz von Riesen, deren Überreste mutmaßlich in amerikanischen Grabhügeln gefunden wurden, seien ein Beweis gegen die (so ja nie behauptete) lineare Entwicklung des Menschen. Die Authentizität besagter Riesenfunde freilich ist eine andere Baustelle, die ich an dieser Stelle nicht erörtern will – als Argument gegen die Evolution taugen sie freilich nicht.
  • Selbige Grundannahme steht hinter dem Hinweis auf zahlreiche Gebrechen und/oder Schwächen des Menschen (196): „Das bedeutet, dass der Mensch bei weitem nicht so gut an das Überleben in der Natur angepasst ist wie die Affen […]“ – nun, eben deshalb, da wir eine andere ökologische Nische einnehmen als jene. Nach Mason indes müsste ein „höher entwickeltes“ Wesen dem vorangegangenen in jeder Hinsicht überlegen sein, also der Mensch beispielsweise auch besser klettern können, stärker sein etc. als ein Affe – eine Vorstellung, die eher in ein Modell nationalsozialistischen Übermenschentums passt als in die tatsächliche Evolution. Beispiel: Füße können entweder fürs Laufen oder fürs Klettern optimiert sein (was Mason auf S. 196 nicht versteht) – beides zusammen geht nicht oder wäre nur ein Kompromiss, in beide Richtungen nicht perfekt.
  • „Manche Lebewesen haben sich lange Zeit nicht verändert.“ (z.B. 180 Quastenflosser und 183f Schnabeltier) Eine Art entwickelt sich nur dann signifikant weiter, wenn ein Selektionsdruck besteht, etwa durch veränderte Umweltbedingungen – ein Wesen wie etwa ein Hai oder Krokodil, die seit Urzeiten ihre ökologische Nische perfekt ausfüllen, haben keinen Bedarf nach grundlegender Weiterentwicklung, wozu auch?
  • „Es gibt keine Zwischenformen. Wir sehen auch heute keine Wesen, die sich gerade zu anderen weiterentwickeln.“ Kein Lebewesen ist einfach nur „Zwischenform“ auf dem Weg zu einer nächsten Spezies – ein jedes stellt eine überlebensfähige, an ihre Umwelt angepasste Art dar. Das Konzept des „Missing Links“ (ein Wort, das heute fast nur noch von Kreationisten verwendet wird) entsteht überhaupt erst durch die zwangsläufigen Lücken in den Fossilfunden – tatsächlich gab es niemals Lücken oder Sprünge, sondern nur eine stetige Entwicklung. Insofern ist eine jede Art, die nicht direkt ausstirbt, „Zwischenform“ zu einer nächsten – und beobachten tun wir es bei größeren Tieren allein deshalb nicht, weil die Zeiträume des fließenden Übergangs zu groß für unsere Betrachtung sind (abgesehen davon, dass ein Ausschnitt wie „jetzt“ per definitionem keine Entwicklung zeigen kann). Und doch, die „Übergangsformen“, wenn man dieses Konzept unbedingt aufrecht erhalten will, wurden in großer Zahl gefunden – was Jason Mason indirekt auch eingesteht, denn er hält sich lange daran auf, etwa den Archäopteryx sowie sämtliche Urmenschenfossilien (ohne Belege) als Fälschungen zu bezeichnen. Ersterer sei ein manipulierter Dinosaurier (was ist eigentlich mit den ganzen anderen Funden gefiederter Dinosaurier, etwa aus China?), letztere einfach nur Affen oder moderne Menschen. Ignoriert wird natürlich, dass die Funde von Urmenschen (u. a. Australopithecus afarensis, africanus, robustus; Homo habilis, erectus, ergaster, heidelbergensis etc.) inzwischen so zahlreich sind, dass sie längst einen so fließenden Übergang ohne jegliche Zäsur zeigen, dass man kaum eine Art scharf von der nächsten abgrenzen kann, vom „Affen“ Australopithecus bis zum modernen Homo sapiens.
    Pro forma noch einmal eine kleine, unvollständige Auswahl anderer „Übergangsformen“, etwa zwischen Fischen und Amphibien (Panderichthys, Tiktaalik, Acanthostega …), zwischen Landtieren und Walen (Pakicetus, Ambulocetus, Rodhocetus, Indocetus) oder Seekühen (Pezosiren, eine Seekuh mit Beinen).
  • „Wenn Menschen sich aus Affen entwickelt haben, wieso gibt es dann noch Affen?“ Der ultimative Klassikerspruch, um dümmliches Unverständnis zu signalisieren. Niemand behauptete jemals (außer Kreationisten), Menschen hätten sich aus heutigen Menschenaffen entwickelt – diese stellen eine Schwestergruppe dar. Genauso gut könnte man sagen: „Wenn mein Cousin mein Vorfahr ist, wieso gibt es ihn dann noch?“. Weshalb sich aber die neuen Affen oder auch alle anderen Tiere nicht zu menschenartigen Wesen weiterentwickeln? Nun, offenkundig deshalb, weil aktuell kein Selektionsdruck gegeben ist, der etwa eine Entwicklung hin zum vollständig aufrechten Gang (beim Klettern unnütz bis schädlich) oder einem größeren Gehirn (das auch deutlich mehr Energie verbraucht) erzwingen würde.
  • „Mutation bringt niemals nützliche Merkmale hervor, sondern nur Schäden.“ Objektiv falsch, wie beispielsweise das von Richard Lenski an Darmbakterien der Art Escherichia coli durchgeführte Experiment beweist – diese entwickelten allein durch Mutation und einen entsprechenden Selektionsdruck innerhalb von 31.500 Generationen die Fähigkeit, Citrat anstelle von Glucose als Nahrungquelle zu verwenden.

Im vorliegenden Umfang konnten natürlich nur einige der vorgebrachten „Argumente“ berücksichtigt und nur oberflächlich diskutiert werden. Bezeichnend ist indes auch, dass die zahlreichen von der Wissenschaft bislang vorgebrachten Beweise für die Evolution von Mason überwiegend ignoriert (und auch wenn nicht, nur mit platten Behauptungen und Fehlschlüssen beantwortet) werden. Darunter zu nennen wären unter anderem: das Vorhandensein von nutzlosen Rudimenten aus früheren Entwicklungsphasen (z.B. Reste von Hintergliedmaßen bei Walen und Schlangen, Gänsehaut beim Menschen), als Atavismen bekannte deaktivierte, aber genetisch noch vorhandene Merkmale (z. B. der Plan zur Metamorphose beim Axolotl), die homologe Konstruktion von Organen verwandter Wesen nach gleichartigem Grundplan (z. B. die Vordergliedmaßen der Wirbeltiere, die die gleichen Knochen aufweisen, ob bei Mensch, Wal, Fledermaus, Saurier, Vogel oder Amphibium) sowie die nach kreationistischen Kriterien sinnlose bis absurde Konstruktion mancher Organe (z. B. der rückläufige Kehlkopfnerv, der bei der Giraffe entwicklungsbedingt einen unnötigen Umweg von fast fünf Metern macht). Zur näheren Auseinandersetzung mit Beweisen für und scheinbaren Argumenten gegen die Evolution empfehle ich exemplarisch das Werk „Die Schöpfungslüge – Warum Darwin Recht hat“ von Richard Dawkins.

Doch auch wenn die theoretischen Argumente widerlegbar sind – was ist mit den zahlreichen Fundstücken, die Mason anführt, die nicht in die bekannte Chronologie der Erdgeschichte zu passen scheinen? Tatsächlich nennt er etwa 40 solche kuriosen Artefakte, von „300 Millionen Jahre alten“ Metallschrauben, Wagenrad und Eisentopf, einer „200 Millionen Jahre alten Schuhsohle“ und einem 2 Milliarden Jahre alten Atomreaktor bis hin zu Steintafeln mit Darstellungen von Außerirdischen und/oder Dinosauriern.
Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, jedes einzelne Fundstück zu überprüfen, doch schon ein oberflächlicher Blick zeigt eine grundsätzlich mangelhafte Quellenarbeit, ist doch eine ganze Reihe dieser „Beweise“ längst widerlegt:

  • Die immer wieder gerne zitierten Spuren im Paluxy River von Glen Rose, Texas (132ff) etwa, die riesige menschliche Fußabdrücke zusammen mit denen von Dinosauriern zeigen sollen, stellten sich als ausschließlich zu Dinosauriern gehörig heraus, wobei bei einigen durch Erosion der seitlichen Zehen der oberflächlich menschenartige Eindruck entsteht.
  • Die in Bolivien gefundene „Fuente-Magna-Schüssel“ (76ff) soll Zeichen in sumerischer Keilschrift zeigen, wobei auch eine angebliche Übersetzung durchs Internet geistert – als der Keilschrift mächtiger Altorientalist kann ich jedoch versichern, dass die Zeichen mit jener bis auf eine rudimentäre optische Ähnlichkeit rein gar nichts zu tun haben und wohl eher als bloß dekoratives Muster zu betrachten sind.
  • Von den berüchtigten „Steinen von Ica“ aus Peru (92ff), die Darstellungen u.a. von Dinosauriern und chirurgischen Operationen zeigen, sind zumindest einige nachweislich gefälscht, zumal auch die Saurierdarstellungen (etwa mit schleifendem Schwanz) als zoologisch fehlerhaft gelten müssen.
  • Zahlreiche Artefakte (beispielsweise die Michigan-Relikte sowie die Sammlungen von Pater Crespi, aus Ojuelos de Jalisco und der Burrows Cave) sind ohne dokumentierten Fundkontext, was sie als wissenschaftliche Beweismittel zweifelhaft bis wertlos macht.

Soweit der pseudowissenschaftliche Teil des Machwerkes – bleiben jedoch nach wie vor die durchweg verschwörungstheoretischen, radikalchristlichen und offen nationalsozialistischen Aspekte. Eine hervorragende Zusammenfassung all dessen findet sich auf S. 285:

„Die moderne „Wissenschaft“ ist also ein System, das keine echte Wissenschaft, sondern einen Glauben der hebräischen Freimaurerei darstellt, die damit das Christentum bekämpft, wobei die christlichen Nationen, die verschiedenen Menschenrassen und die Moral diesen satanischen Lehren im Wege stehen. Die Freimaurerei will nicht die „Evolution der Seele“ fördern, sondern einen rassisch vermischten Völkerbrei erschaffen, um die große Verwirrung von Babylon wieder aufzuheben. Ziel des Ganzen ist trotzdem ein System der Götzenanbetung wie im alten Babylon und eine leicht zu kontrollierende dumme, hellbraune Sklavenrasse unter der Herrschaft einer auserwählten rassisch-reinen Elite.“

Denn „Im Klartext heißt das, die Rassenmischung stellt eine noch größere Degeneration dar.“ (214). Fast schon nebensächlich fällt da die Erwähnung der berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion“ (308) ins Gewicht, wobei der antisemitische Aspekt ansonsten eher in den Hintergrund tritt, zumal er ja schon im ersten Band ausgewalzt wurde. Betonung und Verherrlichung der „arischen Rasse“ ziehen sich ganz selbstverständlich durch das ganze Werk, für den historischen Nationalsozialismus indes hat Mason nur gute Worte übrig. Dessen unschöne Taten werden mit keinem Wort erwähnt, gepriesen hingegen die Bemühungen um die Wiedererlangung alten arisch-esoterischen Wissens, wo sich wieder auf das deutsche Ahnenerbe-Projekt und dessen aus der braunesoterischen Literatur einschlägig bekannte Verbindungen zu den uralten Hochkulturen Shambhalla und Agartha unter dem Himalaya bzw. im Inneren der Erde bezogen wird. (Dass hier – u. a. S. 175 – ganz selbstverständlich die Hohlwelt-Theorie rezipiert wird, ist dabei nur ein Aspekt von vielen.) Man könnte noch länger auf dem Nazi-Thema herumreiten, doch soll dem an dieser Stelle genüge getan sein.

Zurückkommen will ich indes noch auf die „Götzenanbetung wie im alten Babylon“, die Herrn Mason von ganz besonderer Wichtigkeit zu sein scheint. So begegnen wir im Laufe des Buches einer ganzen Reihe pseudobabylonischer Gottheiten, die allesamt nicht der tatsächlich babylonischen, sondern vielmehr der christlichen Tradition entstammen:

  • Wieder aufgewärmt wird natürlich die alte Legende von Kindsopfern für den Gott Baal bzw. Moloch (u. a. 145f), wie man sie aus einigen Stellen des Alten Testaments kennt. Unabhängige archäologische oder schriftliche Belege dafür aus den fraglichen Kulturen selbst fehlen bislang.
  • In verschiedenen Kontexten werden mesopotamische Reliefs von Gestalten mit Raubvogelkopf gezeigt und ganz selbstverständlich als Gottheit namens Nisroch betitelt (u. a. 437). Eine solche freilich ist aus dem alten Mesopotamien nicht bezeugt – der Name geht auf eine einzige Erwähnung im Alten Testament zurück, dort jedoch ohne jeglichen Bezug zu den vogelköpfigen Mischwesen. Jene werden vielmehr als Apkallu oder einfach „vogelköpfige Genien“ bezeichnet. Nisroch glaubt Mason nicht zuletzt auch auf den Reliefs von Göbekli Tepe wiederzuerkennen (117).
  • Mason zufolge beten die verschwörerischen Freimaurer nicht nur den Satan an, sondern auch die fischgestaltige Gottheit Dagon, welche somit auch die Irrlehre der Evolution widerspiegelt. Tatsächlich ist eine fischartige Darstellung Dagāns, wie der Gott nach aktuellem wissenschaftlichen Stand tatsächlich hieß, aus dem alten Orient weder literarisch noch ikonographisch bezeugt, sondern vielmehr einer nachantiken Ableitung des Namens von der Wurzel dag („Fisch“) geschuldet, die heute allgemein verworfen wird.
  • Auch die biblische Gestalt des Königs Nimrod taucht immer wieder auf (u. a. 438) und wird als Begründer der babylonischen Religion direkt nach der Sintflut (allein schon ein Anachronismus) dargestellt. Diese Tradition geht natürlich nicht auf babylonische Überlieferungen zurück (keine solche erwähnt einen Nimrod), sondern auf die Theorien des radikalen Pastors Alexander Hislop, der im 19. Jahrhundert die katholische Kirche mit seinem Werk „The Two Babylons“ als heidnische Götzenverehrung darstellte (was schon damals den Erkenntnissen der Wissenschaft widersprach, umso mehr natürlich heutzutage).
  • Immer wieder nebensächlich werden auch Zecharia Sitchins Theorien von den Anunnaki zitiert, dem zufolge die sumerischen Götter hochentwickelte Außerirdische waren und einst die Menschheit schufen. Doch das ist eine andere Geschichte (kleiner Spoiler: Auch hier fehlen hinreichende Textbelege).

Viel und noch viel mehr könnte und müsste geschrieben werden über die zahlreichen anderen Themen, die Mason in seinem zweiten Monumentalwerk anschneidet: Die Annahme weltverändernder Kataklysmen wie der biblischen Sintflut, das Überleben von Dinosauriern bis in die historische Zeit, wo sie als Drachen bekannt wurden, Yeti und Bigfoot, Riesen und langschädelige Außerirdische und natürlich die zahlreichen archäologischen Fundstücke, von denen manche nach offenkundigen Fälschungen aussehen, während andere bar jeden Kontextes wohl für immer rätselhaft bleiben werden. Enttäuscht hat mich indes, dass die im ersten Band noch immer wieder präsenten Reptiloiden diesmal gar nicht vorkamen, von einer nebensächlichen Erwähnung im Nachwort einmal abgesehen – vielleicht ist dies ein einziger Grund, auf einen dritten Teil zu hoffen. Die Riesen wären für sich ein hochinteressantes Thema, doch werden sie hier ja eher nebensächlich behandelt (eine umfassende Darstellung, auf der jede Kritik aufbauen könnte und sollte, stellt Hugh Newmans und Jim Vieiras „Giants on Record“ dar).
Zahlreiche von Mason angeführte Argumente und angebliche Funde bleiben vorerst unwiderlegt, obgleich diese im Angesicht der zahlreichen fachlichen Verfehlungen mit arg beschädigter Glaubwürdigkeit dastehen dürften. Kleinere Sachfehler indes sind Legion, wenn Mason etwa die sumerische Göttin Inana mit ihrem Vater Nanna gleichsetzt (371), eine große Ähnlichkeit der sumerischen mit der ungarischen Sprache postuliert (462) oder ganz einfach von „Rezessionen“ zum Werk Ernst Haeckels schreibt (233). Eine bloße REZENSION indes kann einem solch monumentalen und gleichsam irrsinnigen (Mach)Werk unmöglich gerecht werden. Hinreichend belegt sein dürften hingegen Jason Masons weltanschauliche Ausrichtung (kreationistischer Nazi mit Hang zu multiplem Aberglauben), seine Fachqualifikation (keine) und seine Methodik (alles irgendwie Kuriose ohne jegliche Quellenkritik aufgreifen und ideologisch passend umdeuten). Kulturwissenschaftlich ist das Werk zweifelsohne interessant, dokumentiert es doch wie kaum ein zweites die fruchtbare Symbiose von Kreationismus, Nationalsozialismus und jeder anderen Form von Pseudowissenschaft mit all ihren charakteristischen Mechanismen moderner Mythologie. Beim ersten Band noch fungierte offiziell der (u. a. für seine Thesen zu jüdischen Weltverschwörungen und Bündnissen zwischen Nazis und Außerirdischen) bekannte Verschwörungstheoretiker Jan Udo Holey / Jan van Helsing als Herausgeber und steuerte sogar das Vorwort bei – entgegen allen Erwartungen schaffte es Jason Mason mit seinem zweiten Werk sogar, jenen an Wahn und Extremismus zu überbieten. (Meine zuvor aufgestellte Theorie, der anonyme Jason Mason könnte eine Kunstfigur Holeys sein, bekommt Risse, da dieser in seinen vorigen Büchern deutlich raffinierter und subtiler vorging als Mason – es sei denn, es ging bei den MiB-Büchern entweder um eine sichere Distanzierung vom nun noch extremeren Inhalt oder um die Erschließung eines noch radikaleren Klientels …) Auf jeden Fall, so meine Schätzung, dürfte Jason Mason mit diesem Buch eine verheerende Saat ausgebracht haben – durch die zahlreichen genannten „Beweise“ und Scheinargumente für unkritische Leser weit glaubwürdiger und ideologisch gefährlicher noch als der erste Teil.

Anmerkung: Auf Amazon erschien diese Rezension aufgrund der dortigen Zeichenbegrenzung in einer leicht gekürzten Fassung.

Nasreddin Hodscha – 666 wahre Geschichten

Nasreddin Hodscha. Im Westen, wenn überhaupt bekannt, charakterisiert man ihn bisweilen als „orientalischen Eulenspiegel“, die türkische Überlieferung hingegen beansprucht ihn als eine Art unveräußerlichen Nationalhelden. Unrecht haben beide – ist der Hodscha doch nicht nur weit älter, sondern auch weiter verbreitet und vor allem viel zu vielfältig, als dass man ihn mit solch engen Begrifflichkeiten fassen könnte. Der gesamte islamische Kulturraum – und längst nicht mehr nur dieser – kennt ihn als Protagonisten unzähliger witzhafter Anekdoten, die einerseits bis ins Mittelalter zurückgehen, gleichsam aber sich jeder neuen Zeit anpassen und ständig von neuem entstehen. Die ältesten Geschichten handeln dabei gar nicht einmal von ihm selbst, heißt der ab dem 7. Jahrhundert bezeugte arabische Tölpel hier doch noch Dschuha – nur eine von vielen ursprünglich eigenständigen Überlieferungen, die der wachsende Mythos Hodscha nach und nach an sich zog. Während der Hodscha in den Schwänken des 19. und 20. Jahrhunderts sogar als eine Art Weisheitslehrer auftritt, ja auf jeden Fall immer wieder durch bemerkenswerte Bauernschläue auffällt, ist Dschuha noch ein ganz anderes Kaliber: Nicht nur in einem Maße tölpelhaft, dass es ins Absurde geht, sondern, mehr Regel als Ausnahme, gar grotesk bis pervers in seinen Umtrieben.
Das Buch „666 wahre Geschichten“, herausgegeben von dem renommierten Orientalisten Ulrich Marzolph, versucht schließlich, diese ganze über tausendjährige Tradition zu umreißen. In einer informativen Einleitung führt jener in die eben genannten historischen Hintergründe ein, was die Vielfalt der Überlieferungen erahnen lässt. Der Rest des Buche gehört den Hodscha-Anekdoten selbst – tatsächlich nicht mehr oder weniger als ganze 666 Stück, wie schon der Titel verspricht. Enttäuscht wird auf jeden Fall, wer nur erbauliche Anekdoten und anständige Lebensweisheiten erwartet – denn der Hodscha entspricht so gar nicht dem Bild, das man sich gemeinhin von „klassischer Literatur“ macht, und schon gar nicht der mit Mittelalter und Islam assoziierten Prüderie. „Volkstümlich“ sind die Geschichten vom Hodscha, was oft genug nichts anderes meint als vulgär. Gerade die älteren Dschuha-Anekdoten nehmen kein Blatt vor den Mund und zelebrieren geradezu sexuelle und fäkale Aspekte. Bei der Redewendung „Nasreddin und sein Esel“ mag man ausgehend von der modernen Tradition noch an die witzige Geschichte denken, in der der Protagonist falsch herum auf seinem Reittier sitzt – nun ja, nach der Lektüre des Buches dürfte man vor allem andere Assoziationen damit verbinden. Politische Korrektheit war ein Fremdwort in der vor allem älteren Hodscha-Tradition, wo geschmacklose Sprüche angesichts des Todes von Familienmitgliedern noch das Harmloseste sind. Der Hodscha macht weder Halt vor Herrschern wie dem mächtigen Timur, der in diversen Anekdoten auftaucht, noch vor religiöser Pietät, wenn er Minarette als „Pimmel der Stadt“ bezeichnet und den Gottesdienst in vielfältiger Weise stört. Wenig schonungsloser als der Inhalt ist die vorliegende Übersetzung, die ohne Skrupel den umgangssprachlichen bis vulgären Charakter des Originals wiedergibt.
Für den wenig verklemmten Leser mögen gerade diese drastischen Episoden ihren Reiz haben – doch natürlich kommt auch der „anständige“ Hodscha der überwiegend jüngeren Tradition nicht zu kurz. Dort tritt er mal als Tölpel, mal als Weiser mit breiter Schülerschaft auf, dessen Wege und Worte mal herausragend dumm, mal allzu schlau sind – auf jeden Fall aber unkonventionell.
So skizziert „666 wahre Geschichten“ letztlich die faszinierende Entwicklung einer volkstümlichen Gestalt über mehr als tausend Jahre und zahlreicher Länder hinweg. Positiv hervorzuheben ist nicht zuletzt die Kombination aus populärer Lesbarkeit und fachlicher Qualität – die Einleitung beschreibt präzise, aber nicht zu trocken die Rahmenbedingungen, während der Anhang die genauen Quellen sämtlicher Anekdoten auflistet, sodass der Hauptteil dem ursprünglichen Zweck gewidmet bleibt: Kuriose Unterhaltung, zwar kulturhistorisch interessant, doch auch heute noch oft lustig bis verstörend.

Göbekli Tepe – Die Geburt der Götter

Göbekli Tepe: 9600 v. Chr. errichtet, älteste Megalithanlage der Welt, die Erbauer und ihre Absichten noch immer unbekannt – welches vorzeitliche Monument könnte prädestinierter sein für grenzwissenschaftliche Spekulationen? Es überrascht wenig, dass im einschlägig bekannten Kopp-Verlag (in dessen Programm Erich von Däniken noch so ziemlich das vernünftige Ende des Spektrums darstellt) ein Buch nur über dieses Thema erschien, „Göbekli Tepe – Die Geburt der Götter“ von Andrew Collins.
Was dann aber für deutlich größere Überraschung sorgt, beginnt man das Buch zu lesen, ist die doch unerwartet hohe Seriosität des Werkes. Obgleich der Klappentext schon mit den berüchtigten Anunnaki wirbt, jenen Göttern von einem anderen Planeten, die zahlreichen pseudowissenschaftlichen Publizisten zufolge einst die Menschheit erschufen, sucht man Außerirdische doch letztlich vergeblich. Mehr noch – alles, was Collins in seinem Buch postuliert, liegt durchaus noch im Bereich dessen, was nach bisherigen Erkenntnissen durchaus so hätte gewesen sein können. Und obgleich der Grenzwissenschaftler Graham Hancock das Vorwort verfasste, obwohl Collins selbst schon manch andere kontroverse Bücher veröffentlichte – nicht einmal eindeutige Behauptungen betreffend vorzeitliche Hochkulturen werden gemacht, weder Atlantis noch Ancient Aliens. Doch was besagt das Buch nun wirklich, wie ist es zu bewerten?
Der erste Abschnitt beginnt zunächst mit einer einigermaßen umfassenden und allgemeinverständlichen Darstellung der Funde am Göbekli Tepe, an der sich wissenschaftlich eigentlich nichts aussetzen lässt. Collins Quelle ist dabei hauptsächlich das auf Deutsch unter dem Titel Sie bauten die ersten Tempel erschienene Buch des Chefausgräbers Klaus Schmidt, die praktisch alternativlose Standardpublikation also – bezeichnend auch, dass man das in den Grenzwissenschaften so beliebte Wissenschaftler-Bashing bei Collins vergeblich sucht. Noch in anderer Weise zeigt dieser überraschende Professionalität, belegt er doch jede wichtige Information mit Quellenangaben – direkt mit Fußnote und Seitenangabe, nicht nur in Form einer bloßen Bibliographie ohne konkrete Bezüge wie bei den meisten Autoren des Genres. So scheinen denn auch die Sachaussagen durchweg weitgehend stimmig zu sein – zumindest fielen mir spontan keine direkten Fehler oder offensichtlich unseriöses Gedankengut auf (besonders gut zu beurteilen, da ich das viel zitierte Buch von Klaus Schmidt kurz zuvor las).
Nach dieser oberflächlichen Darstellung beginnt Collins damit, Stück für Stück seine Theorien auszubreiten. Diese lassen sich etwa wie folgt zusammenfassen: Gegen 10 900 v. Chr. verursacht ein Meteoriteneinschlag einen rapiden Temperatursturz, in der Wissenschaft als Jüngere Dryaszeit bezeichnet – tatsächlich handelt es sich dabei nicht bloß um neokatastrophistisches Gedankengut unseriöser Pseudowissenschaftler, sondern um ein in der Wissenschaft ernsthaft diskutiertes Modell. In jenen letzten Jahrtausenden des Jungpaläolithikums breitet sich die sogenannte Swiderische Kultur aus, deren Vertreter gegen 9 600 v. Chr., am Ende der Jüngeren Dryas, bis ins südöstliche Anatolien vorstoßen und dort, unterstützt durch die Etablierung einer neuen Art von Religion, die Errichtung Göbekli Tepes initiieren. Jene fremden Kulturbringer, die sich auch etwa in der Schädelform von örtlichen Zeitgenossen unterschieden, seien schließlich auch als die Anunna(ki) der mesopotamischen und die „Wächter“ der jüdisch-henochischen Tradition in Erinnerung geblieben.
Zunächst fällt also auf, dass Collins auf alle offensichtlich phantastischen Hypothesen verzichtet – es ist ein Modell, wie es durchaus hätte gewesen sein können. Doch ist es das auch? Am meisten zu kritisieren ist das Vorgehen Collins‘, Analogien oder gar direkte Verbindungen zu zahlreichen räumlich und zeitlich weit entfernten Kulturen anzunehmen und daraus Schlussfolgerungen abzuleiten. Gerade die Rekonstruktion der Religion steht dabei auf besonders tönernen Füßen, werden hierbei doch Verbindungen bis hin zur ägyptischen oder nordischen Mythologie sowie natürlich der Bibel bemüht. Einen besonderen Stellenwert, gerade im letzten Teil des Buches, nimmt der legendäre Garten Eden ein, welcher der biblischen Darstellung zufolge durchaus im fraglichen Gebiet verortet gewesen sein dürfte – diese Lokalisierung zwar belegt Collins plausibel, nicht aber die tatsächliche Verbindung der steinzeitlichen Ereignisse zu dem viel jüngeren Mythos. Auch die Verbindung zu den Anunnaki und Wächtern, deren Geschichten bekanntlich viele Jahrtausende nach der Zeit von Göbekli Tepe aufgezeichnet wurden, ist damit trotz manch erstaunlicher Korrelationen bestenfalls spekulativ.
Es besteht kaum ein Zweifel, dass sich mythische Traditionen mündlich auch über sehr lange Zeit in wiedererkennbarer Form halten können – so zeigte etwa der Hethitologe Volkert Haas plausible Verbindungen etwa zwischen armenischen Volkssagen und den über zwei Jahrtausende älteren hurritischen Mythostexten auf. Doch fehlen diese viel früheren Schriftzeugnisse – wie im Fall des steinzeitlichen Göbekli Tepe – und muss man sich dementsprechend auf bloße bildliche Darstellungen verlassen, so ist eine derartige Verbindung zwar immer noch nicht ausgeschlossen, sehr wohl aber außerhalb jeder seriösen wissenschaftlichen Nachweisbarkeit. All die mythologischen Annahmen in Collins Werk bewegen sich also auf rein spekulativer Basis und sind de facto wissenschaftlich wertlos – womit sich auch die postulierten Beweggründe für die Errichtung von Göbekli Tepe erledigen. Wieder einmal kann man die naheliegende Faustregel bestätigt sehen, dass konkrete Thesen zur Religion in der Steinzeit, egal aus welcher Ecke vorgebracht, letztlich immer in unbelegbarer Pseudowissenschaft münden. Als eine solide, empirisch zugängliche Angelegenheit ist die mutmaßliche Verbindung zwischen dem anatolischen Epipaläolithikum und dem swiderischen Kulturkreis zu sehen, wo Collins‘ archäologische Beweisführung plausibel wirkt, obgleich ich die letztendliche Wahrheit mangels Fachwissen nicht beurteilen kann.
Herausstechend kurios nimmt sich dagegen ein einziger weiterer Aspekt aus, dem im späteren Verlauf des Buches viel Aufmerksamkeit gewidmet wird: Collins‘ Suche nach einem alten Kloster im Umland der mythisch aufgeladenen Gegend, das er – buchstäblich und in vollem Ernst – im Traum gesehen haben will. Am Ende findet er auch die Reste eines solchen, die mit den Erwartungen aus der „Vision“ und den sonstigen Recherchen konform gehen. In diesem Kontext wird Collins auch sehr pathetisch – die Suche nach „Eden“ scheint nicht zuletzt eine sehr persönliche, man könnte sagen selbstfinderische Dimension gehabt zu haben. Ob wir es hier mit einem großen, glücklichen Zufall oder nicht vielmehr einer späteren Erfindung des prophetischen Traums zu tun haben, kann wiederum nur spekuliert werden.
So ist „Göbekli Tepe – Die Geburt der Götter“ schließlich ein ziemlich widersprüchliches, auf jeden Fall aber unkonventionelles Buch. Trotz des einschlägigen literarischen Umfeldes erhebt sich Collins doch in seiner Professionalität deutlich über andere Grenzwissenschaftler: Weder Adaption noch offene Sympathie lässt er etablierten Themen und Klischees der Pseudowissenschaft wie Aliens, verschollenen Hochkulturen etc. zukommen, während er zugleich eine wohl fundierte Textarbeit mit guter Quellendokumentation vorweist. Ohne Zweifel hat Collins eine Masse an Literatur gesichtet und einen gewaltigen Haufen interessanter Sachverhalte in Eigenarbeit zusammengetragen, darunter auch allerlei durchaus bemerkenswerte Verbindungen aufgetan. Auf der anderen Seite stehen de facto unhaltbare Ableitungen aus viel zu entfernten Kulturen, worauf weite Teile der Theorien gerade zur Religion in der Vorzeit aufbauen. Ebenso sind die mutmaßlichen Ursprünge so beliebter Überlieferungen wie von den Anunna(ki), den Wächtern und dem Garten Eden zwar faszinierend, der anzunehmende Überlieferungsweg aber letztlich doch konstruiert und unbelegt. Collins lässt keinen Zweifel daran, dass sein Ansinnen maßgeblich von Wunschdenken getrieben ist, was letztlich in der Sache mit dem erträumten Kloster gipfelt. Bei allen Mängeln ist es im Endeffekt aber durchaus ein Buch, das man als kritischer Konsument mit Gewinn lesen kann, zeigt es doch allerlei interessante Phänomene und Denkanstöße auf, dessen Kernthesen aber letztlich Glaubenssache – sprich: Pseudowissenschaft – bleiben.

Phantastische Wissenschaft

Im Bermudadreieck verschwinden regelmäßig Flugzeuge. Der afrikanische Stamm der Dogon kannte schon vor Jahrhunderten den genauen Aufbau des Sirius-Systems. Und die alten Ägypter hatten schon Glühbirnen.
So manche mal mehr, mal weniger plausibel scheinende Theorien wurden bereits publiziert – und bleiben, obgleich unwissenschaftlich, oft unwidersprochen. Zu der weit übersichtlicheren Menge kritischer Literatur gehört indes das Werk „Phantastische Wissenschaft“ von Markus Pössel, eine gnadenlose Replik gegen die Thesen gleich zwei grenzwissenschaftlicher Autoren: Erich von Däniken und Johannes von Buttlar. Ersterer publiziert bekanntlich über Außerirdische, die unsere frühen Vorfahren besucht haben sollen, letzterer über alles Mögliche von UFOs bis zur angeblichen Überwindung des Alterns selbst. Allerdings geht Pössel in seiner Kritik gar nicht auf das gesamte Werk der beiden ein – das wäre schon allein praktisch unmöglich. Vielmehr pickt er sich eine Handvoll Aspekte heraus, die quasi exemplarisch für die jeweiligen Arbeitsmethoden der Autoren stehen können, und diskutiert diese umso ausführlicher.
Erstes Thema sind die sogenannten „Glühbirnen von Dendera“, eine Gruppe von ägyptischen Reliefs mit bemerkenswerter Ähnlichkeit zu moderner Technologie – die doch tatsächlich, studiert man umliegende Inschriften und vergleichbare Darstellungen, nur den Sonnenlauf des Gottes Harsomtus darstellen. Auch die sogenannten „Batterien von Bagdad“, die tatsächlich keine Batterien sind, werden bei dieser Gelegenheit behandelt. Das zweite Kapitel widmet sich eingangs erwähnten Dogon, denen ein schier überirdisches Wissen über den Stern Sirius nachgesagt wird. Wie wir aber bald erfahren, ist auch dies ein Mythos – die Angaben wurden aus dem Kontext gerissen, deutlich widersprechende Aspekte nicht beachtet und schließlich ist sogar die Quelle massiv fehlerbehaftet. Unter dem Stichwort „Evolution und Kreationismus“ geht Pössel anschließend Tendenzen der von Däniken geprägten Prä-Astronautik nach, die menschliche Evolution falsch zu verstehen, zu kritisieren und zugunsten einer Form von „Intelligent Design“ abzulehnen. Bei dieser Gelegenheit gibt es zunächst einen umfangreichen Crashkurs der allgemeinen Grundlagen der Evolutionstheorie, wohl fundiert und verständlich, der die Diskussion des Objekts zwar deutlich ausbremst, den meisten Lesern aber ganz allgemein positiv zur Bildung gereichen dürfte. Auch was Johannes von Buttlar angeht, kommen genau drei Themen zur Sprache: Das angebliche Verschwinden von Flugzeugen im Bermudadreieck, anhand des wohl berühmtesten Falls penibel rekonstruiert und widerlegt, das grundsätzliche Problem von Augenzeugenberichten gerade in Hinblick auf UFO-Sichtungen – wie bei der Evolution auch hier mehr allgemein als spezifisch, aber trotzdem umso lehrreicher – und schließlich die Physik von schwarzen Löchern. Bei letzterem geht Pössel tatsächlich nur nebensächlich auf Buttlar ein, wofür die vorangehenden ausführlichen Erläuterungen, zumal für Laien wohl teils schwer verständlich, nicht wirklich notwendig sind.
Beachtlich ist allein schon, dass der Autor gleichsam die Ägyptologie, Evolutionsbiologie und Astrophysik publizierfähig zu beherrschen scheint. Die Argumentationen indes sind sachlich und mehr als umfassend, wobei sie gerade von der so eingeschränkten Auswahl der Themenschwerpunkte profitieren. Was man eben nicht erwarten darf, ist eine akribische Dekonstruktion eines jeden Themas und Arguments, das die behandelten Autoren je vorgebracht haben, dafür reichen Umfang und Schwerpunktsetzung nicht. Zwar sind es damit letztlich nur eine Handvoll konkrete Sachverhalte, die Pössel behandelt, doch die zeigen bereits – einerseits exemplarisch, andererseits durch Vermittlung ganz fundamentalen Grundwissens der modernen Wissenschaft – mehr als deutlich die chronischen Probleme der Grenzwissenschaftler, von unprofessioneller Quellenarbeit und fehlender Fachqualifikation bis hin zu mutmaßlich direkter Desinformation. Mit Ausnahme des letzten ist jedes Kapitel ausnehmend lehrreich und hochinteressant für jeden kritischen an der Grenzwissenschaft interessierten Leser, nicht nur auf Däniken und Buttlar bezogen, sondern als intellektuelles Rüstzeug der gesamten Pseudowissenschaft gegenüber. Schade, dass dieses Buch nicht Anfang einer Reihe ist.

Homo – Expanding Worlds

Seit jeher suchen wir nach unseren Ursprüngen. Licht ist inzwischen geworfen worden auf die Evolution des Menschen, zahlreiche Fossilfunde unserer Vorfahren zeugen vom fließenden Übergang zwischen Primaten und Menschen. Doch eben aufgrund dieser Bedeutung der Funde sind diese nur selten der Öffentlichkeit zugänglich, verschlossen in Tresoren und Museumskellern. Umso sensationeller war da die Ausstellung „Homo – Expanding Worlds“, die 2015 im Hessischen Landesmuseum Darmstadt eine ganze Reihe von Urmenschenfossilien der interessierten Öffentlichkeit im Original präsentierte. Dazu erschien natürlich ein gleichnamiger Ausstellungskatalog, der neben einer genauen Abbildung und Beschreibung sämtlicher Exponate auch mehrere Artikel zur menschlichen Entwicklungs- und Forschungsgeschichte enthält.
Freilich, mit 100 Seiten ist das Buch nicht sehr umfangreich, zumal kleinformatig. (Man lasse sich nicht täuschen vom animierten Vorschaubild des Theiss-Verlags, das wie immer ein wesentlich dickeres Buch suggeriert.) Anders als andere Ausstellungskataloge ist es also sehr übersichtlich und schnell durchgelesen. So hält man sich auch nicht lange mit einer ausufernden Darlegung der menschlichen Evolution in Gänze auf – die Grundlagen werden mehr oder weniger vorausgesetzt. Stattdessen behandelt jedes Kapitel einen bestimmten Aspekt. Drei davon widmen sich spezifischen Funden samt Fundgeschichte – der bereits 1856 gefundene Neandertaler, der überhaupt erst die Erforschung menschlicher Vorläufer anstieß, die bemerkenswert zahlreichen und gut erhaltenen Überreste des „Homo georgicus“ aus Dmanisi, welche eine unerwartet frühe Ausbreitung ursprünglicher Menschentypen aus Afrika dokumentieren, sowie der mit dem Neandertaler verwandte Schädel von Steinheim an der Murr. Weitere Funde werden kurz im Katalogteil vorgestellt. Die übrigen Kapitel gehen etwa auf die historischen Vorläufer der Anthropologie sowie die heutige Bedeutung des Out-of-Africa-Modells ein. Ersteres ist durchaus interessant, wo es etwa die sich wandelnden Erkenntnisse gerade über Menschenaffen in den Blick nimmt – letzteres hingegen wirkt bisweilen anstrengend und belehrend durch die wiederholte Betonung des früher verbreiteten Eurozentrismus, des für Afrika so fatalen Kolonialismus und des nunmehr bedeutsamen Anspruchs, Afrika durch solche Funde „seine Geschichte zurückzugeben“. So wenig auf der Sachebene auch dagegen einzuwenden ist, so befremden solch moralistische Positionen doch ein wenig in einem eigentlich wissenschaftlichen Werk.
Ein zusätzliches Vorwort zu dem Buch steuerte überraschenderweise der bekannte Schriftsteller Henning Mankell bei, dessen langjähriges Interesse an der Paläoanthropologie wohl weit weniger bekannt sein dürfte als seine Verdienste als Krimiautor. Unter der Überschrift „Was Sie sich schon immer gefragt haben“ werden zwischen Artikeln und Objekten noch weitere kleine Aspekte und Anekdoten dargeboten – zwar sind die Fragen bisweilen schier plump und gezwungen formuliert, die Antworten aber recht informativ und auf übersichtliche Weise lehrreich. Am Ende schließlich stehen mehrere ausführliche Zeittafeln zur Forschungsgeschichte, die als hervorragender Überblick dienen können.
Verwunderlich angesichts der Bedeutung der zugrundeliegenden Ausstellung ist dann aber doch die letztendliche Qualität des Werkes: Hervorragend sind zweifellos die Bilder und Erläuterungen der Urmenschenfunde, an denen kaum etwas zu wünschen übrig bleibt. Beim Text jedoch scheint es, dass doch etwas mehr der durchschnittliche Ausstellungsbesucher als der interessierte Autodidakt ins Visier genommen wurde. So sind die Artikel zwar informativ, im Stil aber eher durchschnittlich und bisweilen auch etwas verkürzend bei differenzierteren Aspekten. Quellenangaben fehlen durchweg, das Literaturverzeichnis enthält nur ganze acht Titel – absolut akzeptabel als populärwissenschaftliches Werk, unter archäologischen Ausstellungskatalogen aber unterdurchschnittlich. Nebensächlich fallen noch einige – will heißen nicht viele, aber doch mehr als zu erwartende – Fehler bei der Zeichensetzung auf.
Letztlich bleibt ein recht informatives und anschauliches Buch über die Vorzeit des Menschen, das mit einer guten Darstellung mehrerer interessanter Funde aufwartet. Während sich Fundkatalog und Zeittafeln gut zum Nachschlagen eignen, bleibt doch der Textteil eher wissenschaftliche Trivialliteratur.

Sie bauten die ersten Tempel

Siebentausend Jahre vor den Pyramiden war Göbekli Tepe.
Als der Archäologe Klaus Schmidt im Oktober 1994 auf einem wenig beachteten Berg in der südlichen Türkei auf rätselhafte Steinobjekte stieß, die von frühere Besucher als muslimische Grabsteine missdeutet hatten, zeichnete sich alsbald eine historische Sensation ab: Was die Grabungskampagnen in den nächsten Jahren zutage förderten, war nicht weniger als die bislang älteste bekannte Megalithanlage der Welt, ein Heiligtum der Jäger und Sammler vor mehr als elftausend Jahren, sogar noch mehrere Jahrhunderte vor der Erfindung des Ackerbaus errichtet. Göbekli Tepe – ein Fund, wie man ihn vielleicht eher in den Schriften eines von Däniken erwarten würde, konnte sich doch bislang niemand vorstellen, die noch nicht einmal sesshaften Menschen der gerade erst beginnenden Jungsteinzeit hätten derartiges vollbringen können. In Zusammenarbeit mit türkischen Stellen grub das Deutsche Archäologische Institut die Anlage aus – bis jetzt nur Teile, vier monumentale Räume mit meterhohen Steinpfeilern, von denen bekanntermaßen noch zahlreiche weitere unter der Erde schlummern. Untrennbar verbunden ist das Projekt mit dem Namen Klaus Schmidt, der die Ausgrabungen mehrere Jahre leitete und letztlich auch die wohl zentrale populärwissenschaftliche Publikation darüber verfasste: „Sie bauten die ersten Tempel – Das rätselhafte Heiligtum der Steinzeitjäger / am Göbekli Tepe“ (Untertitel variierte in verschiedenen Auflagen). Da die archäologische Gesamtpublikation noch aussteht, ist dies bislang das Werk der Wahl zu dem faszinierenden Fundort.
Schmidt beginnt mit der Entdeckung der Anlage durch ihn und andere Archäologen, wobei er auch das Umland eingehend beschreibt. Es folgt – nicht die Beschreibung Göbekli Tepes, sondern zunächst ein allgemeiner Abriss des gesamten vorderasiatischen Neolithikums mitsamt seinen prominentesten Fundstellen: Jericho, Çatalhöyük, Ain Ghazal und weitere – nicht einfach seitenfüllender Ballast, sondern die notwendige Voraussetzung zum wirklichen Verständnis der neuen Funde. So erläutert Schmidt auch einige weniger bekannte und auch etwas jüngere Fundorte gleich in der Nähe, die die Form der markanten „T-Pfeiler“ mit Göbekli Tepe teilen und somit dessen Einbindung in einen ganzen kulturellen Horizont illustrieren. Der eingehenden Beschreibung der Stätte selbst ist der nächste Abschnitt gewidmet: Systematisch beschreibt Schmidt jede der vier bisher ausgegrabenen Kreisanlagen, darin jeden einzelnen der megalithischen Pfeiler und ihre rätselhaften Tierreliefs. Interpretationen sind zwar immer wieder dezent eingestreut, im Wesentlichen aber in den letzten Abschnitt vertagt. Dass es sich bei Göbekli Tepe um irgendeine Form von Kultstätte handeln muss, ist schwerlich zu bezweifeln – der genaue Zweck bleibt mangels schriftlicher Hinterlassenschaften jedoch rätselhaft. Sehr zu loben ist Schmidts wissenschaftliches Vorgehen, nicht schlichtweg eine Hypothese als unzweifelhafte Wahrheit zu präsentieren – vielmehr bleibt er stets differenziert und allzu vorsichtig bei allen Vermutungen, obgleich er es nicht versäumt, zumindest denkbare Verbindungen und Deutungen (etwa bzgl. Totenkult, Schamanismus, Neolithisierung und hypothetische Verknüpfungen zu weit jüngeren Mythen) aufzuzeigen.
So ist „Sie bauten die ersten Tempel“ letztlich nicht nur qua mangelnder Konkurrenz und des Autors, der dazu qualifizierter nicht sein könnte, sondern auch für sich eine hervorragende Dokumentation. Eine detaillierte Beschreibung findet ebenso Platz wie der weitgespannte kulturhistorische Kontext und nicht zuletzt die Interpretation. Da der Stil verständlich ist und Hintergründe eingehend erklärt werden, dürfte das Werk für Fachleute wie interessierte Laien gleichsam zugänglich sein. Schade ist einzig die bis heute unvollständige Ausgrabung von Göbekli Tepe, die noch viele weitere Sensationen erwarten lässt, auch wenn der 2014 verstorbene Klaus Schmidt dies weder wird miterleben noch publizieren können. Bis dahin aber bleibt „Sie bauten die ersten Tempel“ das unverzichtbare Standardwerk, das allein durch die fortschreitenden Erkenntnisse an Qualität einbüßen mag.

Ein Dinosaurier im Heuhaufen

Stephen Jay Gould (1941-2002) war einer der wohl bekanntesten Paläontologen und Evolutionsbiologen der jüngeren Vergangenheit, nicht zuletzt maßgeblicher Begründer der evolutionären Theorie des Punktualismus. Über Jahre hinweg verfasste er zahlreiche Essays – einen im Monat – zu verschiedensten Themen, fachlich fundiert und gleichsam populärwissenschaftlich verständlich. Mehrere Sammlungen dieser Essays erschienen auch hierzulande, wobei das Buch mit dem kuriosen Titel „Ein Dinosaurier im Heuhaufen – Streifzüge durch die Naturgeschichte“ eine davon ist.
Was einem entgegentritt, schlägt man den 480 Seiten zählenden Wälzer auf, stellt sich als alles andere denn dröge fachwissenschaftliche Studien heraus – vielmehr ist es Gould gelungen, eine ganze Reihe hochinteressanter Themen zu finden, auf die wahrscheinlich kaum ein anderer Autor kommen würde. Der Dinosaurier steht hierbei nur pars pro toto im Titel – liegt doch der Schwerpunkt keinesfalls nur auf den populären Urzeitechsen, sondern spannt sich über allerlei Phänomene der Natur-, vor allem aber auch Wissenschaftsgeschichte. Wieso wurden in Fachpublikationen des 19. Jahrhunderts Schneckenhäuser stets spiegelverkehrt dargestellt? Was hatte man sich damals unter von Frauen verfassten Büchern zur Naturkunde vorzustellen? Was hat es mit dem neuen Ordnungskonzept der Exponate im New Yorker Naturkundemuseum auf sich? Und wie bewertet ein echter Paläontologe eigentlich den Film „Jurassic Park“? Oft sind es gerade die kleinen, auf den ersten Blick wenig spektakulären Funde und Phänomene, die Gould zum Thema seiner Aufsätze macht, im Zweifel lieber prähistorische Meeresschnecken als Tyrannosaurier. All solche Themen werden als Aufhänger für teils noch weitreichendere Exkurse genutzt, etwa die Fundgeschichte der Walvorfahren als Musterbeispiel für die Bestätigung evolutionärer Theorien. Interessanter als die nichtmenschlichen Geschöpfe selbst sind dabei allzu oft die Gedanken zur menschlichen Rezeption der Naturgeschichte, damals wie heute. Seien es vergessen geglaubte Gestalten der Anfangsjahre der Wissenschaft, seien es Exempla wissenschaftlicher Methodik oder (zum Zeitpunkt der Veröffentlichung) hochaktuelle Forschungen wie die Theorie vom Aussterben der Saurier durch einen Meteoriteneinschlag. Gerade diese Kombination der bloßen Fakten mit jenen Aspekten der Wissenschaft als solcher um sie herum – der Forschungsgeschichte, der Forschungspraxis – ist es, die die Texte unter populärwissenschaftlichen Darstellungen so einzigartig und faszinierend macht. Obwohl ein Sachbuch und in so viele einzelne Teile gegliedert, liest sich das Werk erfrischend flüssig dahin, einem Roman an Fesselungsvermögen ebenbürtig.
Goulds Theorie dea Punktualismus mag inzwischen durch neuere Erkenntnisse relativiert sein, wissenschaftlich unhaltbar sind weiterhin seine liberalen Ansichten zur Vereinbarkeit von Wissenschaft und Religion – doch weder das eine noch das andere schmälert das Werk an sich, das (wie vermutlich noch einige andere) die mehr als berechtigte Popularität des Autors beweist. Mit seinen pointierten und interessanten Essays hat Gould tatsächlich ein Lebenswerk hinterlassen, das vielen Wissenschaftlern zum Vorbild gereichen sollte, die perfekte Symbiose von Wissenschaft und Literatur, besonders denkwürdig durch die so innovativ-eigentümlichen Themen, derer er sich dabei annimmt. Ein großartiges Buch – und sicher nicht das letzte des Autors, das den Weg in mein Regal findet.
Was genau es nun aber mit dem Saurier und dem Heuhaufen auf sich hat, soll an dieser Stelle einmal nicht gespoilert werden. Nur dass es eine Metapher ist, sei bereits angedeutet – Gras gab es im fernen Mesozoikum schließlich noch nicht.

Motel der Mysterien

Wir schreiben das Jahr 4022. Durch Zufall macht der Amateurarchäologe Howard Carson, der sich zuvor vor allem durch zweifelhafte Experimente zur Erhöhung der Höckerzahl bei Kamelen einen Namen gemacht hatte, eine spektakuläre Entdeckung: Das „Motel der Mysterien“, eine Nekropole des geheimnisvollen Volkes der Yankees, das zweitausend Jahre zuvor auf rätselhafte Weise unterging. Zur allgemeinen Überraschung stößt Carson hinter einem uralten Siegel mit der mehrsprachigen Fluchformel „Do not disturb“ auf eine noch unberührte Grabkammer des frühen 21. Jahrhunderts, die viel über die kulturellen und religiösen Gewohnheiten der Yankees offenbart. Besonders die Nebenkammer enthielt zahlreiche Prachtstücke, so etwa die „heilige Urne“ aus Porzellan, vor der mutmaßlich kultische Gesänge abgehalten wurden, oder auch der wertvolle Sarkophag aus „Plasticus aeternus“, in dem sich ein Toter mit kultischer Haube fand.

David Macaulays Graphic Novel „Motel der Mysterien“ dokumentiert Entdeckung und Erforschung dieses bedeutsamen archäologischen Fundplatzes. Es ist wohl keine Übertreibung, das Werk als eine der grandiosesten Wissenschaftssatiren der Weltliteratur zu bezeichnen. Brillant ahmt Macaulray den Stil archäologischer Publikationen nach, Funde mit allerlei Fantasie – und im Zweifel stets als „kultisch“ – zu interpretieren, selbst solche profanen Objekte wie einen Badewannenstöpsel, der zum „magischen Amulett“ wird, oder ein rätselhaftes Behältnis mit der Aufschrift „ICE“, was natürlich nur „Innereien- und Cerebrum-Eimer“, also Aufbewahrungsort für die Organe des Toten, bedeuten kann.
Besonders sticht einem Macaulays Genialität ins Auge, vergleicht man die Bildkompositionen mit manch historischen Bildern – mit einiger Detailverliebtheit etwa wurden jene Fotos von der Öffnung des Grabes Tutanchamuns durch Howard Carter nachgestellt; auch auf manch andere berühmte Archäologen finden sich unzweideutige Bezüge.

Nicht zuletzt wurde das Buch zum Vorbild eines Teils der Ausstellung „Irrtümer und Fälschungen der Archäologie“ im LWL-Museum Herne, wo man eine ganze Reihe der Funde aus der geheimnisvollen Grabkammer präsentierte. Der dazugehörige Ausstellungsband bildet insofern eine geeignete Ergänzung zu der Graphic Novel, dass er in einem Beitrag von David Macaulay selbst so einige Hintergründe beleuchtet und schließlich auch noch eingehend das gesamte Inventar des Fundplatzes samt Fotos und Kommentar darstellt.
Für Gelehrte der Archäologie mag das Werk einen allzu guten Spiegel darstellen, der vor manch gewagter Überinterpretation warnt – diese aber ebenso wie jeder andere Leser werden auf jeden Fall ihren Spaß daran haben, denn bei aller fachlichen Brillanz ist das „Motel der Mysterien“ doch vor allem eines: Eine herausragend witzige Satire.

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Irrtümer und Fälschungen der Archäologie

Fand Heinrich Schliemann in Troia tatsächlich den Schatz des Priamos? Berichten Inschriften auf ägyptischen Skarabäen von der Erstumseglung Afrikas? Und wurde in Quedlinburg tatsächlich das Skelett eines Einhorns gefunden?
Vom 23.03. bis zum 09.09. fand im LWL-Museum für Archäologie in Herne die Ausstellung „Irrtümer und Fälschungen der Archäologie“ statt. Mit dabei: Zahlreiche Originale von mehr oder minder berühmten Funden der letzten Jahrhunderte, die sich als gefälscht oder falsch interpretiert herausstellten: Eine scheinbare „Bügelkrone“ aus einem Fürstengrab, die sich schließlich als Rand eines simplen Eimers entpuppte. Die sogenannten Necho-Skarabäen und zahlreiche andere neuzeitlich gefälschte ägyptische Altertümer, ebenso die vom Amateurarchäologen Johann Michael Kaufmann hergestellten „römischen“ Tonfiguren aus Rheinzabern. Die berühmte „Tiara des Saitaphernes“, deren Hersteller zwar außergewöhnlich begabt, doch kein Goldschmied der hellenistischen Zeit war. Ein Schädel, dessen Alter mal eben ein paar hunderttausend Jahre zu hoch datiert wurde, ein noch immer nicht identifiziertes Steinobjekt und nicht zuletzt eines der berühmten Hitlertagebücher des Fälschers Konrad Kujau. Allesamt Objekte, die ihrer Zeit manchen Archäologen und Historiker recht dumm dastehen ließen – und doch heute wieder von Interesse und wissenschaftshistorischer Relevanz sind. Highlight der Sammlung aber stellten – in Anlehnung an David Macaulays satirische Graphic Novel „Motel der Mysterien“ – eine Reihe von Funden dar, die der Archäologe Howard Carson im Jahre 4022 in einer Nekropole des untergegangenen Volkes der Yankees machte: Die durch ein magisches Siegel mit dem Bannspruch „Do not disturb“ verschlossene Grabkammer enthielt unter zahlreichen weiteren Funden etwa einen Altar (Fernseher), eine heilige Urne (Toilettenschüssel), mehrere wertvolle Ohrgehänge (Zahnbürsten) und ein magisches Amulett (Badewannenstöpsel).
Da es aber naturgemäß nicht jeder zu der (durchaus gelungenen) Ausstellung schaffen konnte und nicht zuletzt auch einige der Glücklichen ein gewisses Andenken begehren würden, erschien nebenher der gleichnamige und sehr schön aufgemachte Ausstellungskatalog. Das Werk ist in zwei Hälften geteilt: Die erste legt in relativ ausführlichen Kapiteln die Hintergründe zu den verschiedenen Themen der Funde dar, darunter auch eine Handvoll nicht in der Ausstellung vorkommende, die zweite Hälfte schließlich zeigt das gesamte Inventar der Ausstellungsstücke. An jenem Katalog ist nichts auszusetzen – ein jedes Objekt wird mit Foto, Grunddaten und einem erklärenden Text dargestellt, sodass man praktisch die gesamte Ausstellung in Buchform vorliegen hat. Und auch der Kapitelteil stellt sich als hervorragend heraus – jeweils von einem eigenen qualifizierten Forscher geschrieben, wird (mit Fußnoten!) fundiert und zugleich gut verständlich die Geschichte jedes Themas nacherzählt, von der mittelalterlichen Diskussion über Einhörner über die zahlreichen Fälschungen des 19. Jahrhunderts bis zu den Hitlertagebüchern und der fast noch aktuellen Affäre um den Schädel von Paderborn-Sande. Positiv hervorzuheben, obwohl natürlich in der zugrundeliegenden Ausstellung begründet, ist die Auswahl der Themen, von denen viele aus dem deutschen Raum stammen und trotzdem/daher weitgehend unbekannt sind, sodass man sich anstatt einer neuerlichen Exhumierung des Piltdown-Menschen und anderer „Klassiker“ interessanten neuen Funden konfrontiert sieht. Fachlich scheint nichts zu bemängeln sein; die Texte sind interessant und umfassend, Fragen bleiben keine offen. Einziger Durchhänger ist der Artikel um die „Würzburger Lügensteine“ (die nicht einmal in der Ausstellung auftauchten) – dieser ist völlig wirr und ohne konkreten roten Faden geschrieben, die Lügensteine selbst nur am Rande streifend, eine ziemliche Enttäuschung. Entschädigt wird man dafür immerhin durch einen recht guten Artikel über die ebenfalls nicht in der Ausstellung enthaltenen „Pseudo-Moabitica“.
Der Klassiker „Motel der Mysterien„, Grundlage für den humoristischen Einstieg der Ausstellung, ist passend zu dieser jüngst in einer neuen Ausgabe erschienen. Der Ausstellungskatalog stellt für diese indes eine hervorragende Ergänzung dar, indem er in einem Anfangskapitel auf zahlreiche Hintergründe des satirischen Werkes eingeht, so etwa die direkte Inspiration durch Bilder historischer Archäologen und die Veröffentlichungsgeschichte – hinzu kommt natürlich der Korpus der tatsächlichen Objekte im Objektteil.
Ausstellungskataloge gehören oft zu den Perlen archäologischer Literatur – und „Irrtümer und Fälschungen der Archäologie“ macht da keine Ausnahme. Eine hervorragende Einführung zu diversen spannenden Fällen der Wissenschaftsgeschichte, ergänzt durch einen umfassenden Katalog und die amüsanten „Motel der Mysterien“-Bezüge – letztlich bis auf das Lügenstein-Kapitel eine lohnenswerte Anschaffung für jeden an der Archäologie interessierten Leser.