The HoaX-Files 1: Horror, Spuk und Bloody Mary

Schon seit langem betreiben Alexa und Alexander Waschkau (und nein, das sind keine Pseudonyme) den Podcast „Hoaxilla“, in dem sie modernen Legenden und anderen Mysterien auf den Grund gehen. Dies brachte schließlich auch ein erstes Buch hervor: „The HoaX-Files: Horror, Spuk und Bloody Mary“ (dem bereits ein zweiter Band folgte).
Der Stil des Buches ist innovativ – eine Reihe kurzer Sachtexte zu verschiedenen Themen wird verbunden durch eine fiktionale Geschichte, in der die Autoren selbst in einem mysteriösen Fall auftreten. Nett gemeint, aber … meinen Geschmack trifft es irgendwie nicht ganz. Die Episoden beider Textsorten sind stets ziemlich kurz, sodass man alle paar Seiten im Wechsel begriffen ist. Die Verbindungen sind dabei meistens sehr gewollt; die Sachabschnitte werden durch meist ziemlich nebensächliche, für die Handlung nicht relevante Aspekte eingeleitet. Überhaupt ist der fiktionale Teil eher schwach und unspektakulär – ohne wirkliche Spannung und auch ohne letztendliche Auflösung, ohne dem Zweck der Überleitungen noch der eigenen Geschichte wirklich gerecht zu werden.
Anders dagegen die Sachtext-Abschnitte – die sind eher ambivalent zu betrachten. Ein jeder bietet jedenfalls eine verständliche, allgemeine Darlegung eines bestimmten Themas – darunter finden sich beispielsweise der Geistertyp der Weißen Frau, der Chupacabras, die Legenden von Spring Heeled Jack und der Bloody Mary oder auch ein allgemeines Kapitel zum Thema Hexen, jeweils unterhaltsam doch sachlich aufgezogen. Anders als eingangs erwartet bieten aber nur wenige davon neue Erkenntnisse bzw. „Forschungsergebnisse“ in Form von Widerlegungen oder einer Analyse der Ursprünge. Dies gelingt ganz gut beim mit dem Chupacabras in Verbindung gebrachten Phänomen der mysteriösen Tierverstümmelungen oder auch jener skurrilen Geschichte von einem angeblichen Bohrloch zur Hölle. Hingegen wird etwa beim Slenderman oder dem Thema Hexen nur die allgemein etablierte Datenlage zusammengefasst, die einschlägig Interessierten tendenziell bekannt sein dürfte.
So bleibt am Ende letztendlich ein ganz nettes, durchaus unterhaltsames und kurzweiliges Buch, dem es aber (wenn man mit zu hohen Ansprüchen darangeht) doch an Substanz fehlt. Weder Sachtext noch Geschichte wird genug Raum für eine (meiner Meinung nach) ausreichende Entfaltung gegeben, die Legenden werden eher oberflächlich behandelt. Zu bemerken ist außerdem noch das gelegentliche Vorkommen von Kommafehlern und fehlenden Wörtern, was zwar das Leseerlebnis nicht nachhaltig trübt, aber doch negativ auffällt. Im Endeffekt also: Ein Buch, dessen Thema viel Potenzial hätte, das aber leider nur unzureichend ausgeschöpft wurde – eben doch nur ein Kompromiss zwischen zwei Genres anstatt einer konstruktiven Symbiose.

Paläo-Art: Darstellungen der Urgeschichte

Ich dürfte nicht der einzige gewesen sein, der in seiner Kindheit Bücher über Dinosaurier durchblättert und fasziniert die lebhaften Bilder dieser ausgestorbenen Tiere betrachtet hat. Natürlich, kein solches Buch kommt ohne derartige Illustrationen aus, überall sehen wir farbenfroh rekonstruierte Urzeitwesen. Doch hinter all dem verbirgt sich, offensichtlich und doch selten bedacht, eine ganz andere Dimension – ein Zweig der Kunst nämlich, der der Darstellung prähistorischer Wesen gewidmet ist, geboren aus Fantasie und Wissenschaft, Imagination und Rekonstruktion – die Paläo-Art.
Zeit, dass sich jemand dieser Kunstform als solcher widmet – und zu unserem Glück hat es jemand getan, Herausgeberin Zoë Lescaze nämlich. „Paläo-Art: Darstellungen der Urgeschichte“ heißt das monumentale Werk, das die Geschichte der prähistorischen Kunst der ganzen letzten zweihundert Jahre aufrollt.
Allein physisch handelt es sich um einen Prachtband – überdimensional groß, unter dem Schutzumschlag ein dicker Einband mit fast an Reptilienhaut gemahnender Oberfläche, dicke Seiten, mehrere überbreite Panoramagemälde zum Ausklappen. Der stolze Neupreis von 75€ ist da allzu verständlich, obgleich jeder Interessent natürlich selbst entscheiden muss, ob es ihm das wert ist.
Inhaltlich besticht das Werk durch eine lebendige Mischung aus Abdrucken der zahlreichen Gemälde und Text, der den historischen Rahmen wiedergibt. Es beginnt mit jener für uns völlig vergessenen Zeit des frühen Interesses an Fossilien, als sich noch niemand für Dinosaurier interessierte, während stattdessen pathetische Darstellungen kämpfender Ichthyo- und Plesiosaurier die Paläo-Kunst beherrschten. Direkt an den Kunstwerken selbst verfolgt das Buch schließlich die frühen Rekonstruktionsversuche von Dinosauriern, vom berühmten Iguanodon, der mehr an einen dicken Leguan mit gehörnter Nase erinnerte, über allzu aufrechte Raubdinosaurier bis hin zu den schon vertrauteren Darstellungen der letzten Jahrzehnte. Es ist eine Geschichte des wissenschaftlichen Fortschritts in der Paläontologie, der Hand in Hand geht mit der Metamorphose ebendieser Wesen, aber auch der wechselnden Kunststile und Persönlichkeiten. Man lernt die großen Künstler kennen, die das Genre prägten, samt ihren teils erstaunlichen Biographien und beeindruckendsten Werken, aber auch die historischen Rahmenbedingungen, die all dies hervorbrachten – seien es die skrupellosen „Bone Wars“ des amerikanischen Fosilienhypes, sei es auf der anderen Seite die Sowjetunion, in der die Paläo-Art, als einziges Kunstgenre von Repressionen und Beschränkungen verschont, eine fast vergessene Blütezeit erlebte. Jede Zeit, jede Kultur, jeder Autor hat einen anderen Zugang zu jenen nie lebendig gesehenen Dinosauriern, Meeresreptilien, Mammuts und Höhlenmenschen – von halb mythischen Darstellungen wie Könige thronender Dinosaurier in der Frühzeit, die bis heute beliebten Kampf- und Tötungsszenen, Heinrich Harders fast schon surrealistische Mosaike bis hin zum mitleidlos-lebendigen Pathos der Saurier und Urmenschen Zdeněk Burians.
Viele der abgedruckten Gemälde wurden nie zuvor reproduziert, ist doch ein Großteil des Korpus (prä)historischer Kunst inzwischen vergessen, unter Geschichte und wissenschaftlichem Fortschritt untergegangen, von der „hohen“ Kunstgeschichte übergangen und geringgeschätzt. Umso magischer ist die Welt, die Lescaze in diesem beeindruckenden Bildband wieder ins Bewusstsein ruft. Ihr Buch ist mehr als bloß Information und Unterhaltung – vielmehr ein Eintauchen in doppelt altehrwürdige Gefilde, das nicht nur Kindheitserinnerungen, sondern buchstäblich Ehrfurcht erweckt.

The First Fossile Hunters

Seit langem schon versuchte das mächtige Sparta, die Nachbarstadt Tegea zu erobern – erfolglos. Um Rat gefragt, erwiderte das Orakel von Delphi, Tegea werde erst dann fallen, wenn die Gebeine des Helden Orestes, Sohn des Agamemnon, gefunden und nach Sparta gebracht würden. Und tatsächlich fand man schließlich in Tegea einen Sarg von sieben Ellen Länge (ca. 3,3m), darin ein Skelett von ebensolcher Größe. Der Heros war gefunden, Sparta triumphierte.
Diese Geschichte, die der griechische Geschichtsschreiber Herodot berichtet, ist kein Einzelfall. Immer wieder, über die gesamte römisch-hellenistische Welt verstreut, tauchten im Laufe der Jahrhunderte riesige Knochen auf, die nur von vorzeitlichen Heroen, Riesen oder Ungeheuern stammen konnten. Haben sich die antiken Autoren all dies nur ausgedacht, ist all dies nur Mythos ohne realen Kern? Oder gab es, wie manche Grenzwissenschaftler behaupten, tatsächlich einst ein Geschlecht von Giganten auf der Erde?
In ihrem Buch „The First Fossile Hunters“ bietet Adrienne Mayor eine alternative Deutung an: Kann es nämlich ein Zufall sein, dass fast alle überlieferten Fundorte riesenhafter Knochen sich decken mit heute als solchen bekannten Fossillagerstätten? Wie dieses faszinierende Buch zeigt, waren Fossilien, die versteinerten Überreste vorzeitlicher Lebewesen, den alten Griechen und Römern alles andere als unbekannt – einzig die Deutung unterschied sich von der unseren.
So lassen sich die scheinbaren Heroengebeine mutmaßlich auf Überreste von Mammuts und Mastodonten zurückführen, die man mit etwas Kreativität nur allzu leicht in humanoider Stellung auslegen kann. Auf Samos indes berichtet sogar schon der Mythos, wohl inspiriert von riesenhaften Knochen in der Erde, von als Neaden bezeichneten Ungeheuern, die durch ihr lautes Geschrei den Erdboden spalteten und darin versanken. Am beeindruckendsten aber dürfte Adrienne Mayors Deutung des Greifen sein: Über Jahrhunderte gehörte dieses Fabelwesen, das im fernen Osten Gold bewachte, zum Weltbild der Griechen, ohne je Teil der Mythologie zu werden. Diese Überlieferungen dürften auf die Skythen zurückgehen, die schon damals bis in die fernen Weiten Asiens reisten und Handel trieben – bis in die Wüste Gobi, die nicht nur wertvolles Gold, sondern allzu oft auch Skelette des Dinosauriers Protoceratops freigibt. Wie die Autorin penibel darlegt, kann es kaum einen Zweifel an einer Verbindung der beiden vierbeinigen, mit Vogelschnäbeln ausgestatteten Geschöpfe geben.
Allzu oft müssen Historiker und Mythosforscher kapitulieren, wenn sie den letztendlichen Ursprung eines Mythos oder einer Sage suchen. „The First Fossile Hunters“ indes bietet allzu logische, fundierte – und außerdem spannende – Deutungsangebote, um zumindest einige der alten Überlieferungen zu dekonstruieren. Doch mehr noch – Mayor zeichnet außerdem ein faszinierendes Portrait des damaligen Umgangs mit fossilen Überresten. Es gab bereits Rekonstruktionsversuche und teils allzu wahrheitsgemäße Deutungen; auch das Konzept des Aussterbens von Arten ist kaum eine Erkenntnis der Neuzeit. Die römischen Kaiser Augustus und Tiberius stellten sogar buchstäblich ein Museum auf die Beine, um jene geheimnisvollen Relikte der Vorzeit zu sammeln.
Leider ist das Buch bislang nur auf Englisch erschienen, doch dieses ist eingängig und gut zu lesen. Zur Freude jedes wissenschaftlich interessierten Lesers werden die unzähligen Quellen penibel aufgelistet und sorgsam kommentiert (in Fußnoten, ohne den Lesefluss zu stören); sämtliche relevanten Stellen der Primärquellen sind im Anhang sogar noch gesondert gesammelt.
All dies ergibt letztlich eines der interessantesten mir bekannten Bücher zur Mythologie und alten Geschichte (kombiniert es doch mit Paläontologie und Altertumswissenschaft gleich zwei meiner zentralen Interessen) – ein Werk, das buchstäblich die Augen öffnet für eine ganz neue Dimension der Mythosforschung. Man kann nur hoffen, dieser Ansatz möge auch andere Forscher zur Neubetrachtung manch alter Quellen inspirieren. Die Ambitionen sollten sich wohl mobilisieren lassen – wer kann schon von sich behaupten, den Ursprung des Greifen entdeckt zu haben?

Die Zivilisation der Göttin

Bildergebnis für die zivilisation der göttinUnzählige Relikte der jungsteinzeitlichen Kulturen Europas wurden von Archäologen zu Tage gefördert, systematisiert, interpretiert – und doch ist vieles über unsere Vorgeschichte nach wie vor umstritten. Einen zweifellos beeindruckenden und wichtigen, wenngleich kontroversen Beitrag dazu liefert „Die Zivilisation der Göttin“ von Marija Gimbutas. Dabei handelt es sich buchstäblich um ein Monumentalwerk: Auf 400 dreispaltigen Seiten Text zuzüglich einem fast 150-seitigen Anhang wird praktisch das ganze Neolithikum Europas dargestellt – von Vinca, Karanowo und anderen Kulturen auf dem Balkan des 6. Jahrtausends vor Christus, Linienbandkeramik und Trichterbecher-Kultur in Mitteleuropa, Malta mit seinen beeindruckenden Megalithtempeln und den Erbauern von Henges und Hofgräbern in Britannien bis hin zu den wenig bekannten Kulturen des westlichen Mittelmeerraumes. Eingegangen wird dabei gleichsam auf die typische Keramik, Architektur, Begräbnisarten – und Religion und Gesellschaft. Ebendiese beiden letzten Punkte sind es, in denen die Autorin sich vom weitgehenden Mainstream der Wissenschaft abwendet und ein, nennen wir es alternatives, System der europäischen Vorgeschichte entwirft. Der Kern dessen ist, was populärwissenschaftlich gerne als „Matriarchatstheorien“ bezeichnet wird (ein Begriff, den Gimbutas selbst nicht verwendet und der das weite Feld der Angelegenheit wohl unzureichend charakterisiert): Ihr zufolge war die dominierende Religion des europäischen Neolithikums die Verehrung einer Göttin in verschiedenen Formen (vielleicht auch mehrerer), begleitet von einer nicht-patriarchalischen Sozialstruktur, in der auch und gerade Frauen zentrale Rollen in Kult und Gesellschaft innehatten. Dieses durchweg friedliche „alte Europa“ endete schließlich durch drei Invasionsströme indoeuropäischer, patriarchalisch veranlagter Steppennomaden aus dem heutigen Russland. Nur zur Erinnerung: Marija Gimbutas war in der Tat eine anerkannte Koryphäe ihres Faches (sie entwickelte u.a. die Kurganhypothese und leitete mehrere Ausgrabungen auf dem Balkan), was man auch an dem beträchtlichen Detailwissen das ganze Buch hindurch erkennt. Was also ist zu halten von der Religion der „Großen Göttin“, der „matrifokalen“/“matrilinearen“ Gesellschaft und der schlussendlichen Kurgan-Invasion? Handelt es sich um eine wissenschaftliche Revolution oder doch nur um eine Instrumentalisierung der Vergangenheit als Projektionsfläche für moderne Konflikte?
Mir fehlt es zweifellos an Fachwissen, die einzelnen Sachdetails der dargestellten Ausgrabungsbefunde zu kritisieren. Soweit beurteilbar, ist der Autorin diesbezüglich nichts vorzuwerfen. Anders jedoch, wenn es an das Thema Religion geht: Die zu diesem Thema vorgebrachten, als Tatsachen oder zwangsläufige Schlussfolgerungen verkauften Thesen sind letztlich nichts als Fantasie. Ja, Figuren und Darstellungen weiblichen Geschlechts mit deutlich betonten Geschlechtsorganen sind in großer Zahl aus jenen Kulturen belegt, was in der Tat einen Göttinnen- bzw. Fruchtbarkeitskult nahelegt. Doch Gimbutas geht weiter: Fast alles ist bei ihr irgendwie ein Symbol für Wiedergeburt und Lebenserneuerung, jede große Nase identifiziert eine Figur eindeutig als Vogelgöttin, jede weiß gefärbte Frauenstatuette ist die Göttin des Todes und der zyklischen Wiederauferstehung. Belege dafür? Keine. Vieles mag in Ansätzen berechtigte Hypothesen ergeben, doch weder die Sicherheit noch die expliziten Details, die Gimbutas darlegt, lassen sich an den Funden festmachen. So ist letztlich auch die weiblich geprägte Gesellschaft zwar denkbar, aber letztlich eine Fiktion – einziges Indiz dafür sind die fehlenden Geschlechtsdisparitäten in den neolithischen Gräbern, was allenfalls eine gewisse Gleichberechtigung denkbar erscheinen lässt, wenn auch nicht sicher belegt. Wahrlich utopisch erscheint die Vision einer schier pazifistischen Gesellschaft in damaliger Zeit. Es dürfte naheliegend sein, dass vor der Erfindung der Metallwirtschaft bei allgemein kleineren politischen Strukturen eine weniger hierarchische Gesellschaft bestand, was Kriege und andere strukturelle Konflikte begrenzte. Doch absoluter Friede scheint nicht nur dem gesunden Menschenverstand bei allgemeiner Anschauung aller bekannten historischen Kulturen zu widersprechen, auch die archäologischen Funde sprechen teils eine andere Sprache (Stichwort: Massaker von Asparn/Schletz). Auch die These der Kurgan-Invasion ist von verschiedenen Wissenschaftlern zurückgewiesen worden, wobei mir selbst die fachliche Qualifikation zur Beurteilung fehlt. Zu erwähnen ist zu guter Letzt, dass Gimbutas das ganze Alteuropa als mehr oder weniger einheitlichen Kulturraum darstellt, der sich zumindest in Sachen Religion und Gesellschaft ganz homogen als Ganzes betrachten lässt – ein sehr zweifelhafter Ansatz, wenn es um die mehr als dreitausendjährige Geschichte eines ganzen Kontinents geht.
Letztlich also sind religiöse Vorstellungen und Gesellschaftsmodell, wie sie Marija Gimbutas präsentiert, zwar zum Teil denkbare, aber letztlich gegenstandslose, weil weitgehend unbegründete Hypothesen. Zugutehalten muss man dem Buch jedoch, dass es, veranschaulicht an zahlreichen Bildern,  einen breiten und umfangreichen Überblick über die faszinierenden Kulturen des europäischen Neolithikums bietet. Hochinteressant etwa sind auch die Ausführungen zur schon im 6. Jt. v. Chr. entstandenen (Proto?-)Schrift der Vinca-Kultur oder auch dem Ursprung der minoischen Kultur Kretas. Nicht zuletzt übt sich an diesem Buch auch die Fähigkeit des quellenkritischen Lesens, wobei das schwerlich als Kompliment zu werten ist. Die darin vertretenen Thesen mögen zu kritisieren sein, doch lesenswert ist das Werk zweifellos.

Die Elixiere des Teufels

„Die Elixiere des Teufels“ ist zweifellos eines der bekanntesten Werke von E. T. A. Hoffmann, dem deutschen Altmeister der Schwarzen Romantik. Im Mittelpunkt der komplexen Geschichte steht der Mönch Medardus, der in seinem Kloster zum Mitwisser eines alten Geheimnisses wird: Unter den Reliquien befindet sich eines der berüchtigten „Elixiere des Teufels“ – und Medardus, dem das Predigen nicht mehr gelingt, kann nicht widerstehen, davon zu kosten. Fortan bestimmt ein dunkler Fluch sein Leben. Auf der wenig später folgenden Reise nach Rom stürzt durch sein Verschulden ein ihm erstaunlich ähnlich sehender Graf in einen Abgrund, woraufhin Medardus zeitweilig dessen Identität anzunehmen gezwungen ist. Nicht nur tötet er wenig später zwei Mitglieder der Grafenfamilie, auch verliebt er sich schließlich unsterblich in die schöne Aurelie. Die Flucht vor Mensch und Fluch geht weiter, schließlich sieht sich Medardus noch dazu von einem rätselhaften Doppelgänger verfolgt. Nach und nach erst entwirrt sich das Beziehungsgeflecht, das nicht zuletzt seine Vergangenheit bestimmt – doch entkommen vermag Medardus dem ihm auf dem Fuße folgenden Übel nicht …
An sich eine interessante Handlung, gerade durch die unerwarteten, wenn auch von langer Hand vorbereiteten Offenbarungen zum Ende hin. Dem Autor ist wahrlich ein gewisser Respekt zu sollen für die Konzeption des gesamten Plots. Doch leider – wie bei allem, was ich bislang von ihm gelesen habe – schreibt E. T. A. Hoffmann schrecklich zäh und langweilig. Gerade die langen, eingeschobenen Exkurse in die Vergangenheit, deren Sinn sich erst viel später offenbart, sind beim Lesen schrecklich öde und unübersichtlich, da zu fehlender Konzentration führend. Auch der Rest bleibt viel zu lang und blumig ausgeschmückt, sodass die Handlung unter dem Wulst aus zähen Dialogen, Beschreibungen und Berichten schier untergeht. Es gibt kein Eintauchen in diese Geschichte, die man stets nur oberflächlich miterlebt und die daher nie zu fesseln weiß. Das hat keinesfalls mit dem bloßen Alter des Textes und Autors zu tun, kommt dies doch bei anderen Werken dieses oder eines früheren Zeitalters nicht in dem Maße vor.
Letztlich hätte „Die Elixiere des Teufels“ ein großartiger Roman werden können, hätte ihn ein Autor mit Sinn für Spannung und Unterhaltung geschrieben. Auch die abnorme Psychologie des Medardus hätte einen grandiosen Thriller tragen können, wäre sie nicht viel zu willkürlich inszeniert worden. Doch so, leider, hat der hochberühmte Herr Hoffmann nur ein schrecklich zähes Werk hinterlassen, das mehr Arbeit als Vergnügen für seine Leser bereithält.

Die Chroniken von Araluen 1: Die Ruinen von Gorlan

Sein ganzes Leben hat der Waisenjunge Will davon geträumt, Ritter zu werden. Als es aber so weit ist, in einen Beruf einzutreten, teilt man ihn dem mysteriösen Waldläufer Walt als Lehrling zu. Und natürlich stehen die beiden bald vor ungeahnten Herausforderungen, denn der böse Herrscher Morgarath rüstet zum Krieg gegen das Königreich von Araluen …
Was wie eine relativ fantasielose Fantasy-Geschichte voller Stereotype klingt, ist bei näherer Betrachtung auch genau das: Eine Aneinanderreihung altbekannter Motive und Klischees, wie sie gefühlt schon in hundert ähnlichen Jugend-Fantasy-Romanen rekombiniert worden sind. Natürlich ist „Die Ruinen von Gorlan“ nur der erste Band der ganzen Reihe „Die Chroniken von Araluen“ von John Flanagan, in dem zugegebenermaßen auf der Handlungsebene noch nicht allzu viel passiert – es kann also schwerlich die gesamte Reihe beurteilt werden – doch zumindest in diesem Rahmen ist nicht wirklich etwas zu erkennen, das sich als Innovation oder kreativer Einfall bezeichnen ließe. Außer dass die obligatorischen barbarischen Lakaien des Bösen hier ausnahmsweise nicht „Orks“, sondern „Wargals“ heißen.
Bei alledem darf man natürlich einen maßgeblichen Aspekt nicht vergessen: Den Unterhaltungswert. Tatsächlich nämlich liest sich das Buch flüssig und angenehm weg, ohne nennenswerte Längen und lebendig geschrieben. So ist die Lektüre, obgleich wenig darüber hinaus bereichernd, doch ziemlich angenehm. Gewissermaßen literarisches Fast Food also. Aber Hand aufs Herz – fast jeder mag Hamburger, so wenig Kreativität und Nährwert man auch darin finden mag.

Der Marsianer

Spätestens durch die Verfilmung mit Matt Damon wurde „Der Marsianer“ von Andy Weir weltbekannt. Und liest man das Buch, so merkt man auch schnell den Grund dafür.
Das Szenario ist relativ schnell erzählt: Ares 3 ist die dritte bemannte Mission zum Mars – und endet in einem Desaster. Aufgrund eines unerwartet starken Sandsturmes muss die Crew den Planeten frühzeitig wieder verlassen, jedoch wird dabei der tot geglaubte, weil bewusstlos gewordene Astronaut Mark Watney zurückgelassen. Wenig später findet er sich allein auf dem Mars wieder, ohne Kommunikationsmittel und mit nicht genügend Nahrungsmitteln zum langfristigen Überleben. Doch nach und nach gewinnt Watney die Kontrolle über seine Situation zurück und wendet all sein Geschick auf, zu überleben und zur Erde zurückzukehren …
Geschrieben ist „Der Marsianer“ überwiegend in Form von Mark Watneys Logbuch, in dem dieser seine Gedanken und Pläne darlegt, das Leben auf dem Mars zu meistern, durchbrochen nur von gelegentlichen konventionell erzählten Szenen aus Sicht der NASA-Mitarbeiter auf der Erde. Doch keinesfalls bedeutet das einen trockenen Stil – im Gegenteil: Watney bzw. Weir legt nicht nur einen guten Humor an den Tag, sondern auch einen zutiefst unterhaltsamen Sprachstil, der auch gerade davon profitiert, dass im Logbuch nur Relevantes wiedergegeben, Nebensächliches aber weggelassen wird.
Man kann das Buch schwerlich als richtige Science-Fiction bezeichnen, orientiert es sich doch so sehr an der realen Raumfahrt mit ihren Möglichkeiten und Problemen, dass man sich ohne Weiteres vorstellen kann, dass ebensolche Szenarien in wenigen Jahrzehnten Realität werden. Tatsächlich ist kaum vorzustellen, wie viel brillant recherchiertes Fachwissen in diesem Roman steckt. Mit höchster naturwissenschaftlicher Präzision, doch trotzdem allgemeinverständlich und unterhaltsam, erklärt der brillante Watney seine Bemühungen, trotz begrenzter Mittel Wasser herzustellen, Kartoffeln zu züchten, schließlich auch die Kommunikation zur Erde wiederherzustellen. Kaum jemals, wenn überhaupt, habe ich einen Roman gelesen, der in einem derartigem Maße naturwissenschaftliche Aspekte zu einer fesselnden Story rekombiniert. Obwohl eigentlich so fern und fremd, schafft „Der Marsianer“ ein gewaltiges Gefühl von Realismus wie nur wenige Geschichten, die in vertrauten Regionen spielen. Buchstäblich werden in dieser modernen Robinson-Crusoe-Geschichte die so leicht zu vergessenen Grenzen des heutigen Kosmos ausgelotet, ganz wie bei den gefährlichen Entdeckerfahrten früherer Zeitalter. Buchstäblich: „Der Marsianer“ ist, woran gute Science-Fiction sich zu messen hat.

Jenseits von Top Secret

Das Thema UFOs wird von vielen Menschen belächelt. Ein oberflächlich nicht aus der Luft gegriffenes Urteil, wo doch der Großteil der einschlägigen Literatur keinesfalls die Maßstäbe von Wissenschaftlichkeit erfüllt, ja mehr noch, die Grenzen hin zu Esoterik und Verschwörungstheorien oft fließend sind. Eine allzu willkommene Abwechslung bietet da „Jenseits von Top Secret“, das Monumentalwerk des UFO-Forschers Timothy Good. „Eine Dokumentation“ steht schon auf dem Cover – und genau das ist es. Auf 700 Seiten sind unzählige Augenzeugenberichte und Dokumente zusammengetragen, die umfassend die Masse der UFO-Sichtungen seit den 30er Jahren illustrieren. Einen Schwerpunkt nimmt dabei die Rolle der Geheimdienste und Regierungen ein. Interessieren diese sich für das UFO-Phänomen – halten sie womöglich gar Informationen vor der Öffentlichkeit zurück? Besonders ersteres kann ohne Zweifel bejaht werden, letzteres scheint zumindest in Teilen wahrscheinlich. Zu zahlreichen Aussagen von Politikern oder Geheimdienstangestellten kommen Geheimdienstdokumente, die auf Anfrage freigegeben wurden. Darüber hinaus bleibt ein riesiger Korpus weiterer dokumentierter Sichtungen von UFOs, größtenteils im Originalwortlaut, darunter auch unzählige, die auf (Militär-)Piloten zurückgehen oder sich zugleich auf Beobachtungen mehrerer Menschen oder gar Instrumente stützen können. All das ergibt letztlich ein gewaltiges Werk, das sehr gut als Übersicht über das gesamte Phänomen dienen kann – obgleich die abgedruckten doch nur einen kleinen Teil der buchstäblich zehntausenden existierenden Quellen ausmachen. Weitgehend ausgeklammert wird dabei jedoch der Aspekt der angeblichen Alien-Entführungen, deren Glaubwürdigkeit ohnehin als deutlich geringer einzuschätzen sein dürfte. Überhaupt hält sich der Autor begrüßenswerter Weise weitgehend zurück mit Interpretationen, Theorien und Beschuldigungen, wie sie in diesem Genre leider allzu weit verbreitet sind, und lässt stattdessen einfach die Quellen sprechen. Das macht „Jenseits von Top Secret“ trotz des kontroversen Themas zu einem wertvollen wissenschaftlichen Beitrag. Auf der anderen Seite aber: Es ist eine dementsprechend trockene Lektüre, extrem zäh und langweilig. Ein Buch, das man weniger zur Unterhaltung liest, als vielmehr zur Erweiterung des eigenen Horizontes. Und hat man das schließlich durchgezogen, so ist man in Anbetracht der erdrückenden Zahl von Belegen durchaus um einige Erkenntnisse reicher: Das UFO-Phänomen existiert, physisch und empirisch – und zahlreiche Regierungen interessieren sich seit Jahrzehnten dafür. Auf einem anderen Blatt indes steht, ob die Informationen, die Staaten mutmaßlich zurückhalten, tatsächlich ein nennenswert neues Licht auf die Sache werfen würden, und natürlich, ob es sich bei UFOs tatsächlich um außerirdische Raumschiffe handelt – denn das ist, obgleich bislang nicht wirklich eine bessere Erklärung vorgelegt wurde, eine nicht nur gewagte, sondern auch unbelegte Hypothese. Viele Fragen bleiben offen, viel wissenschaftliche Arbeit ist auf diesem Gebiet noch zu leisten. Doch was immer noch vor uns liegt – Timothy Goods „Jenseits von Top Secret“ dürfte als Meilenstein der UFO-Forschung zählen. Auch wenn es sich, bildlich gesprochen, um wissenschaftliches Schwarzbrot handelt.