Author Archives: Leif

The Handyman

Christopher Golden & James A. Moore - BLUTBESUDELT OZBentley Little ist einer der „Stammautoren“ des jungen Buchheim-Verlags – also auch kein Wunder, dass mit „The Handyman“ ein Werk von ihm als 6. Band der limitierten Cemetery Dance Germany-Reihe erschienen ist. Auf rund 400 Seiten inszeniert Little eine innovative Neuinterpretation des altbekannten Geisterhaus-Themas rund um den vielleicht schrecklichsten Handwerker der Schauerliteratur …
Die Kindheit von Daniel verlief ruhig und unspektakulär – bis seine Eltern auf die folgenschwere Idee kommen, ein Ferienhaus für die Familie zu erwerben. Der Nachbar und allzu von sich selbst überzeugte Bastler Frank Watkins bietet an, das Fertighaus für sie aufzubauen. Doch Frank ist seltsam – sein Auftreten wirkt künstlich, allem Anschein nach hat er auch Teile des Baumaterials veruntreut. Schließlich häufen sich seltsame Vorkommnisse: Schatten gehen im Haus umher. Daniel hat Albträume von Franks alter Frau Irene. Und schließlich findet man gar einen Haufen toter Hunde in dem Hohlraum unter dem Haus. Als dann auch noch Daniels kleiner Bruder bei einem Unfall ums Leben kommt, ist Frank längst über alle Berge und unauffindbar.
Jahrzehnte später – Daniel ist inzwischen ein etablierter Makler, die traumatischen Ereignisse und das Zerbrechen seiner Familie fast verdrängt. Dann aber stößt er wie durch Zufall auf eine junge Familie, deren Geschichte der seinen erstaunlich ähnelt. Das Ferienhaus seiner Eltern war nicht das einzige – wie sich herausstellt, hat Frank noch viel mehr Häuser gebaut, seine teuflische Saat über Jahrzehnte in den ganzen Vereinigten Staaten ausgebracht. Überall häuften sich rätselhafte Ereignisse, Katastrophen jeder Art und tragische Unfälle. Schon bald schlagen Daniels Recherchen in Obsession um – während sich ihm das Ausmaß des Grauens mehr und mehr offenbart, beschließt er, Frank zu finden und Rache zu nehmen …
„The Handyman“ ist kein bloßer Geisterhausgrusel. Vielmehr ist Bentley Little ein hervorragend atmosphärischer Horrorroman gelungen, in dem sich Erschreckendes, Unbekanntes und schaurige Ahnungen perfekt ergänzen. Obgleich bisweilen drastisch, sind explizite Gräuel doch nicht der Kern der Handlung. Immer weiter wird man hineingezogen in die Suche nach Frank, der überall unter anderem Namen auftaucht, eine Spur tragischer Schicksale hinter sich herzieht und anscheinend nie gealtert ist … Gerade die Ausweitung auf eine ganze Reihe von Häusern und Schicksalen macht die Geschichte besonders wirkungsvoll: Wie Kurzgeschichten werden im Mittelteil weitere Episoden eingebettet, Puzzlesteine in einem Mosaik des Grauens um den teuflischen Häuserbauer Frank. Lebendig geschilderte Einzelschicksale werden so auf eine noch weitere Ebene abstrahiert, die schließlich zunehmend kosmische Dimensionen annimmt. Für diese Brillanz des Spannungsaufbaus ist das Ende schließlich fast schon unangenehm unspektakulär, wo man vielleicht ein dramatischeres Finale erwartet hätte. Doch das tut der Gesamtqualität des Werkes keinen Abbruch – leicht und flüssig geschrieben, noch dazu atmosphärisch illustriert von Glenn Chadbourne, bleibt „The Handyman“ ein hervorragender Schauerroman, der auf einzigartige Weise lebendige Schicksale und wirkungsvollen Kontext, klassischen Gothic Horror und harten Thriller miteinander vereint.

Absorption

Absorption von [Ian Cushing]Mit „Absorption“ ist vor kurzem das dritte Buch von Ian Cushing (In Ewigkeit, Die Träne der Zauberschen) erschienen – nach einer Novelle und einem Roman handelt es sich nun um die erste Kurzgeschichtensammlung des engagierten Neuautors. Obwohl – oder vielleicht gerade weil – im Self-Publishing veröffentlicht, ist es dem Autor bereits gelungen, eine Art eigene Marke zu etablieren. Das atmosphärische Cover stammt wie bei den vorigen Bänden von dem Künstler Karmazid, diesmal jedoch ergänzt durch zahlreiche weitere Illustrationen am Anfang eines jeden Kapitels. Das dient nicht nur dem Wiedererkennungswert, sondern verleiht dem Werk auch schon eine allein optische Qualität, die mühelos mit Verlagspublikationen mithalten kann und einen unverwechselbaren eigenen Akzent setzt.
12 Geschichten und ein Gedicht sind hier auf rund 250 Seiten versammelt – in Genre und Thema grundverschieden und doch verwandt im charakteristischen Stil des Autors.
Ein Mann sieht sich an Weihnachten hilflos einer „Home Invasion“ gegenüber, ein König muss sich mit seltsam archetypischen Beratern herumschlagen und eine an überhaupt kein reales Vorbild erinnernde Politikerin wird plötzlich mit der Realität konfrontiert …
Klassische Horrorfilmfiguren verbringen ihr allzu unspektakuläres (Un-)Leben in einer Seniorenresidenz, der gemeinsame Tod eines unglücklichen Liebespaares bringt nicht das gewünschte Ergebnis und auch ein erfolgreicher Topagent ist nicht ganz das, wofür er sich hält …
Am längsten schließlich ist die letzte Geschichte „Der Spuk“ – ein drastischer Psychothriller über eine labile Frau, die seltsame Geräusche im Haus vernimmt und doch nicht annähernd das Ausmaß der menschlichen Abgründe um sich herum erahnt …
Cushings Werke sind nur allzu persönlich, in diesem Falle noch verstärkt durch ein kurzes Nachwort zu den Hintergründen einer jeden Kurzgeschichte. Gewichtige Themen wie Tod, Liebe und Demenz reizen Cushing zu manch philosophischen Szenarien, die gerade in ihren subjektiven Ansätzen die ganze Skala von kitschig bis zynisch ausreizen. Möglich wir das nur durch eine trotz unweigerlicher Kürze meisterhaft lebendige Charakterzeichnung, beim introvertierten Musikliebhaber ebenso wie beim alten Ehepaar und eiskalten Psychopathen. Rund um die in mehreren Geschichten auftretende Ortschaft Pfuhlenbeck zeichnet sich mittlerweile ein ganzes Universum mit wiederkehrendem Figureninventar ab: In gleich zwei Geschichten begegnen wir Hank, einem schamlos herumphilosophierenden Trinker, der seinen dritten Auftritt übrigens in einem Beitrag der Anthologie „Zombie Zone Germany“ hat. Und auch die teils toten, teils lebendigen Protagonisten aus „Die Träne der Zauberschen“ erleben manch unerwarteten neuen Auftritt. Man kann gespannt sein, wie sich dieser Kosmos im Zukunft entwickeln mag …
Von Phantastik und Drama bis zum Märchen – „Absorption“ bedient ganz verschiedene Genres und lässt sich doch im Ganzen unmöglich einordnen. Innovativ aber sind alle Geschichten – so unterschiedlich auch ihre jeweilige Aussage, wird doch eine jede pointiert und plastisch zum Leben erweckt. Durchaus von einiger literarischer Qualität, liest sich das Buch doch aller Bedeutungslast zum Trotze kurzweilig und unterhaltsam – eine lohnende Lektüre also, die buchstäblich zur Absorption einlädt.

Anmerkung: Persönliches Rezensionsexemplar – könnte Spuren von Befangenheit enthalten.

Neue Links in der Wunderkammer (VI)

Berichten alte indische Epen tatsächlich über den Einsatz von Atombomben? Zeugen Funde von metallenen Objekten wie dem Dorchester Pot oder dem Aluminiumobjekt von Aiud tatsächlich von Hochtechnologie in grauer Vorzeit – gar vor 3 Milliarden Jahren, wie seltsame Metallkugeln aus Südafrika zu implizieren scheinen?
Die neuen skeptischen Links in der Wunderkammer.

Jason Colavito: The Dorchester Pot: New Questions about an Old OOPART

He who controls the past…: Artikel zum Aluminiumkeil von Aiud (Teil 1-7, Teil 8-9)

Palaeoseti.de 2020: Drei Milliarden Jahre alte Kugeln – Die Klerksdorp-Sphären

Paul Heinrich 2008: The Mysterious „Spheres“ of Ottosdal, South Africa

Paul Heinrich 1996: The Mysterious Origins of Man: The South African Grooved Sphere Controversy

Frank Dörnenburg: Die Manna-Maschine (mehrere Seiten)

Palaeoseti.de 2020: Atombombenexplosion im Industal (Mohenjo Daro)

Jason Colavito 2011: Ancient Atom Bombs – Fact, Fraud, and the Myth of Prehistoric Nuclear Warfare

Irna 2018: The radioactive skeletons of Mohenjo Daro

Neue Links in der Wunderkammer (V)

Wenige Seiten im deutschen Sprachraum bieten so ausführliche Auseinandersetzungen mit pseudowissenschaftlichen Theorien wie Frank Dörnenburgs „Pyramidengeheimnisse“ – in die Wunderkammer eingearbeitet sind jetzt immerhin seine Artikel über die Bagdad-Batterie und die „Glühbirnen von Dendera“. Was ist eigentlich von dem 1000 Seiten starken Buch des Ethnologen Hans Peter Duerr zu halten, der minoische Expeditionen ins norddeutsche Wattenmeer nachzuweisen versucht? Und schließlich, da, wie ich mit Betrüben feststellen musste, die hervorragende Kritik von Josef Weichenberger zu den Erdställen der Steiermark nicht mehr im Internet aufzufinden ist, an dieser Stelle noch eine kürzere Rezension durch Thomas Kühtreiber, der immerhin die wichtigsten Kritikpunkte anspricht.
Die neuen Links in der „Wunderkammer der Kulturgeschichte“.

Thomas Kühtreiber, Rezension zu Heinrich/Ingrid Kusch, Tore zur Unterwelt, in: Die Höhle. Zeitschr. für Karst- und Höhlenkunde 61, 2010, S. 137-140.

David Mikkelson (snopes.com 2004): Was a Giant Skeleton Uncovered in Saudi Arabia?

Dan Evon (snopes.com 2019): Is This an Ancient Mayan Sculpture of Batman?

André Kramer: Zillmer und der lebende Trilobit

Frank Dörnenburg: Elektrisches Licht der Pharaonen?

Frank Dörnenburg: Energiequellen (über die „Bagdad-Batterie“)

Snopes.com: Is This ‘Goliath Skeleton’ Real?

David MacDonald: The Flood: Mesopotamian Archaeological Evidence

Jens Greif: Rezension zu Hans Peter Duerr, Die Fahrt der Argonauten

A Race of Giants? – Riesenskelette aus Georgia

A Race of Giants? – Riesenskelette aus Georgia (PDF)

Ursprünglich hervorgegangen aus den Recherchen für einen neuen Tilmun-Band, untersuchte ich drei mutmaßliche Riesenskelettfunde aus der Gegend von Cartersville (Georgia, USA), die in Zeitungsartikeln der 1880er erwähnt werden. Die Erkenntnisse der oben verlinkten Studie lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

  • 1884 wurde bei Ausgrabungen unter John Rogan an den indianischen Mounds von Etowah bei Cartersville, Bartow County (Georgia) neben zahlreichen anderen Funden von archäologischem Wert ein Skelett von 7,2 Fuß (2,19 m) Größe entdeckt. Die Darstellung der Funde in Publikationen des Ethnologen Cyrus Thomas für die Smithsonian Institution deckt sich im Wesentlichen mit der in zahlreichen auch von heutigen „Riesenforschern“ herangezogenen Zeitungsartikeln, einschließlich der Größe des Skelettes, dem archäologischen Kontext und einer als Krone fehlinterpretierten Kupferplatte.
  • Die Vielzahl nahezu wortgleicher Zeitungsartikel über diesen Fund, die häufig unter dem Titel A Race of Giant in zahlreichen Zeitungen erschienen, konnten auf einen ersten Bericht im Athens Banner-Watchman vom 04.03.1884 zurückgeführt werden. Anhand der zahlreichen Nachdrucke lassen sich die Ausbreitung des Artikels sowie dabei auftretende Verfälschungen teilweise rekonstruieren.
  • Der Eigentümer der Mounds am Oconee River in Greene County (Georgia) berichtete wenige Wochen später einer Expeditionsgruppe des Athens Banner-Watchman, im Zuge der als Harrison Freshet in die Geschichte eingegangenen Überflutung im Jahr 1840 seien neben zahlreichen indianischen Begräbnissen auch die Überreste eines Riesen gefunden worden. Zwar lassen sich die Überschwemmung und die archäologischen Funde historisch bestätigen, für den mutmaßlichen Riesenfund dagegen waren keine weiteren Belege aufzufinden. Dessen Hintergründe lassen sich somit nicht beurteilen.
  • Im Frühjahr 1886 wurden in Etowah/Cartersville durch eine andere Überflutung zahlreiche Begräbnisse, archäologische Schätze und riesenhafte Knochen freigelegt. Letztere rekonstruierte man zu einem Riesen von 14 Fuß (4,27 m) Größe, was in zwei Artikeln der New York Times und Emporia Weekly News berichtet wurde.
  • Wie aus einem späteren Artikel des Banner-Watchman vom 11.05.1886 hervorgeht, handelte es sich bei diesen Knochen um die versteinerten Überreste von Mammuts, was auch durch einen Artikel der Atlanta Constitution gestützt wird.
  • Beide Funde aus Cartersville werden von heutigen pseudowissenschaftlichen Riesenforschern (Ross Hamilton, Jim Vieira/Hugh Newman, Richard J. Dewhurst) wiederholt zitiert. Keiner von diesen betreibt jedoch eine weitere Recherche der Funde, die den Ursprungsartikel im Banner-Watchman oder die Identifizierung der Funde von 1886 als pleistozäne Megafaunenreste erkennt.

Die Untersuchung zeigte, dass das zugrundeliegende Phänomen der amerikanischen Riesenskelette als ein durchaus differenziertes zu betrachten ist, das sich nicht auf monokausale Ursachen reduzieren lässt. Gleichwohl verspricht eine eingehende und quellenkritische Recherche zu einzelnen Fundmeldungen durchaus klare Erkenntnisse im Sinne einer empirischen Widerlegung oder Bestätigung dieser Quellen.

Mound C in Etowah, Fundort eines 7,2 Fuß großen Skelettes

Siehe auch: Portal Riesenskelettfunde

Neue Links in der Wunderkammer (IV)

Wurden die spanischen Eroberer von Inka und Azteken tatsächlich als wiedergekehrte Götter begrüßt? Was hat es mit im Internet verbreiteten Artikeln über die Entdeckung einer Gruft mit schlafenden Riesen im Iran auf sich? Und wie kann man überhaupt die These vom erfundenen Mittelalter widerlegen? Die neuen Links in der Wunderkammer.

Camilla Townsend: Burying the White Gods: New Perspectives on the Conquest of Mexico

Katherine Reece: The Spanish Imposition

Jason Colavito: Exaggeration, Plagiarism and the Mysterious „Tunnels“ Under South America

Jason Colavito: Are Prehistoric Giants Waiting in a Stasis Chamber in Iran?

Shemir Amelirad u.a.: The iron age „Zagros Graveyard“ near Sanandaj (Iranian Kurdistan): Preliminary report on the first season (Gegendarstellung der echten Ausgräber zu den „Stasis-Mumien“ von Sanandaj)

Brian Dunning: The Phantom Time Hypothesis

Brian Dunning: Yonaguni Monument: The Japanese Atlantis

Brian Dunning: Draining the Baghdad Battery

Brian Dunning: Coral Castle

Tortured Souls / Infernal Parade

Cemetery Dance Germany, Band 5, Tortured Souls & Infernal ParadeEs kommt wohl der Erfüllung eines Herzenswunsches vieler Horror-Leser gleich, was jüngst der Buchheim-Verlag als fünften Teil von Cemetery Dance Germany veröffentlichte: Den illustrierten und signierten Doppelband der Novellen „Tortured Souls“ und „Infernal Parade“ von Horror-Legende Clive Barker. Wenngleich ziemlich kurz und schnell gelesen, ist das Buch doch eine typische Perle des bekannten Barker-Stils, dem schon Klassiker wie die „Bücher des Blutes“ und die Geschichte des bekannten Splatterfilms „Hellraiser“ entsprangen.
„Tortured Souls“ spielt in der fiktiven und irgendwie völlig zeitlosen Stadt Primordium, die selbst mehr Allegorie ist als historisch fassbar. Hier lebt der verbitterte Attentäter Zarles Kreiger, den die Begegnung mit der Tochter seines letzten Opfers endgültig desillusioniert. Um sich gegen die dekadente Herrschaft des Imperators von Primordium aufzulehnen, sucht er die Hilfe von Agonistes – einem uralten Wesen jenseits von Gut und Böse, das die Verzweifelten in grausiger Manier zu furchtbaren Schrecken ihrer Mitmenschen umgestaltet. Kreiger und seine Geliebte Lucidique sehen sich einer Welt aus Blut und Elend gegenüber …
Einerseits evoziert die Geschichte allzu verstörende Schrecken blasphemischer Verwandlungen, wie wir es aus Hellraiser & Co. kennen, doch all das fast ohne konkrete, plastische Details. Während Barker das Lesergehirn anregt, sich diese Gräuel schön selbst noch lebendiger auszumalen, als es seine Worte vielleicht könnten, widmet er jene lieber den charakterlichen Verwicklungen, den schon ans Märchenhafte grenzenden Intrigen von Primordium und einer Auswahl weiterer grotesker Schrecken. „Tortured Souls“ liegt den bekannten Themen im Werk von Clive Barker naturgemäß nahe, bleibt als skurriles, wenngleich großartig inszeniertes Splatterpunk-Märchen aber doch einzigartig.
In der Handlung weit weniger stringent ist der zweite Teil „Infernal Parade“: Hier wird der zum Tode verurteilte Tom Requiem von einer düsteren Parallelgesellschaft mit dem Anführen einer Höllenparade beauftragt, deren Teilnehmer er zunächst noch einsammeln muss. So ist dann abseits dieser Rahmenhandlung die Novelle eigentlich mehr eine Aneinanderreihung von vier mehr oder weniger unabhängigen Kurzgeschichten, die doch alle für sich lebendigen Horror ganz unterschiedlicher Art heraufbeschwören. Wir haben da einen Jungen, der fahrlässig einen Golem mit der Vernichtung seiner kaputten Familie beauftragt, oder den gewissenlosen Dr. Fetter, der seine Profession im Erschaffen von Monstern gefunden hat. In einer an Primordium aus „Tortured Souls“ erinnernden Fantasiewelt entspannen sich soziale Unruhen, schließlich greift auch eine junge Frau mit ihrem so vielversprechenden Liebeszauber daneben …
Genau wie der Vorgänger ist „Infernal Parade“ ein Experiment abseits klassischer Konventionen, und dabei auch genauso wirkungsvoll. Jede einzelne Geschichte ist für sich beunruhigend und zugleich innovativ – nicht bloßer Splatter-Horror, sondern durchdachte Parabeln mit teils drastischen Horror-Elementen. Atmosphärisch passend tragen dazu auch die meist düsteren und etwas abstrahierten Illustrationen bei.
Damit ist der ganze Doppelband gleichsam repräsentativ und bemerkenswert für das Werk Clive Barkers: Selten hat es ein Autor geschafft, solch schockierende Erzählungen zugleich so intelligent und poetisch zu inszenieren. Barker beweist, dass das Splatterpunk-Genre sich nicht mit stupiden Geschichten begnügen muss, sondern zugunsten von Stil und Handlung sogar die plastischen Schrecken einmal zurückstellen kann, während sie andernorts eben ihre inhaltliche Funktion erfüllen. Von dieser Art hätte man durchaus noch einiges mehr lesen können.

Turn Down the Lights

Cemetery Dance Germany, Band 4, Turn Down The LightsWährend das Horror-Magazin Cemetery Dance in Deutschland erst seit kurzem mit einer Reihe beim Buchheim-Verlag vertreten ist, feierte es im englischen Sprachraum bereits sein 25-jähriges Jubiläum. Dazu erschien eine Anthologie voller Geschichten namhafter Horror-Autoren, die zu unserem Glück auch als vierter Band in die deutsche Reihe übernommen wurde. Mit 200 Seiten und großer Schrift ist „Turn Down the Lights“ nicht allzu umfangreich (innerhalb von ein bis zwei Tagen durchgelesen), doch dafür durch das Format sowie individuelle Illustrationen zu jeder einzelnen Geschichte umso hochwertiger gestaltet.
Herausgeber Richard Chizmar schreibt im Vorwort interessant über die Geschichte des CD-Magazins, Horrorautor Thomas F. Monteleone („Das Blut des Lammes“) schließt das Werk mit einem ebenso persönlichen Nachwort ab. Wie schon Band 2 „Shivers VIII“ startet auch dieses Buch mit einer gewohnt atmosphärischen Geschichte von Stephen King, deren Handlung dann aber doch eher unspektakulär ist. Die übrigen Geschichten dann decken ein breites Spektrum düsterer Szenarien ab: Jack Ketchum, eigentlich eher bekannt für realistische Psycho-Thriller, bietet mit „Die Toten des Westens“ eine zwar grausige, aber keinesfalls plastisch-actionbasierte Zombie-Geschichte aus dem Wilden Westen – mit Verbindungen ins Alte Ägypten. Schließlich gibt es drastische Monstergeschichten mit Ronald Kellys „Das Plumpsklo“ und Steve Rasnic Tems „Schräge Vögel“, Bentley Little legt mit „Im Zimmer“ eine solide, etwas beunruhigende Coming-of-Age-Mystery-Story vor. Besonders schön erscheint „Alleinflug“ von Ed Gorman – eigentlich kein Horror, sondern die lebendige Geschichte über zwei alte Männer, die angesichts des Lebensendes zu kompromisslosen Helden des Alltags mutieren. Horror-Ikone Clive Barker schreibt in „Püppchen“ über das harte Schicksal eines Mädchens – und die zunehmend bedenkliche Beziehung zu ihrer Puppe. „Die gesammelten Kurzgeschichten von Freddie Prothero, Einleitung von Dr. phil. Torless Magnussen“ von Peter Straub ist vielleicht der verstörendste Beitrag, indem er aus reichlich surrealer Perspektive die Gedanken eines Kindes zelebriert.
Leider ist „Turn Down the Lights“ so schnell durchgelesen, dass das Vergnügen nicht lange währt. Doch macht sich der prominent besetzte Horror-Prachtband nicht nur schön im Regal, sondern unterhält auch hervorragend mit seinen zehn düsteren Geschichten. Der Titel aber erfordert wohl eine gewisse Erläuterung: Während es zwar die Lesedauer verlängert, das Licht bereits vor Beendigung des Lesevorgangs zu dimmen, ist es doch dem Unterhaltungswert nur wenig zuträglich. Eine Verdunkelung in Anschluss daran ermöglicht dagegen die vorgesehene Diffusion der Eindrücke im Gehirn, die als beunruhigender Nachgeschmack eher vorgesehen ist.

The Mountain King

Cemetery Dance Germany, Band 3, The Mountain KingObwohl Rick Hautala über 90 Romane und Kurzgeschichten veröffentlichte und in der Horrorliteratur des englischen Sprachraums weite Beachtung fand, ist erst nun, sechs Jahre nach seinem Tod, sein erster Roman ins Deutsche übersetzt worden: „The Mountain King“, erschienen als dritter Band der Serie „Cemetery Dance Germany“ im jungen Buchheim-Verlag. Es ist der bislang einzige längere Roman in dieser Reihe, die etwa mit Widow’s Point und Shivers VIII bislang eher Novellen und Anthologien veröffentlichte. Wie auch alle anderen Teile liegt „The Mountain King“ in großformatiger Edelausgabe vor, samt einigen schönen Illustrationen und Nummerierung.
Mark Newman und sein Freund Phil Sawyer sind auf einer Wanderung am unwirtlichen Mount Agiochook. Dann, während eines Schneesturmes, kommt es zur Katastrophe – Phil stürzt an einer Felsklippe ab und bleibt reglos liegen. Hilflos muss Mark beobachten, wie der Freund von einem haarigen Ungeheuer gepackt und verschleppt wird. Allein kehrt er in seinen Heimatort zurück. Während die anderen Bewohner ihn zunehmend des Mordes an Phil verdächtigen, glaubt Mark als einziger noch an das Überleben seines Freundes und kann es nicht erwarten, in die Wildnis zurückzukehren. Doch die Kreatur in den Bergen hat Blut geleckt und folgt dem Geflüchteten ins Tal – schon bald müssen nicht nur Mark und seine Familie um ihr Leben fürchten …
„The Mountain King“ fesselt von Anfang an – und später umso mehr. Mehrere Perspektiven wechseln sich ab, was immer wieder die Spannung wechselseitig erhöht. Hautala ist ein Roman gelungen, der trotz phantastischer Elemente letztlich knallhart in der Realität verwurzelt bleibt. Die halbmenschlichen Ungeheuer – der Name Bigfoot fällt trotz eindeutiger Anklänge nicht – sind keinesfalls überzeichnet, vielmehr allzu naturalistisch dargestellt und damit umso bedrohlicher. Was den Umgang der anderen Menschen mit Phil angeht – Unglaube und Misstrauen – umschifft Hautala die schon zwangsläufig zu erwartenden Klischees zugunsten differenzierterer Charakterzeichnung. Drastisch sind schließlich die Gewaltszenen, weniger durch Menge und Detail als vielmehr wohl dosierte Inszenierung, wenn sich der Roman gegen Ende – nach Enttäuschung so mancher Erwartungen des Lesers – endgültig zum bloßen Überlebenskampf verdichtet.
Obwohl bisweilen recht blutig, ist „The Mountain King“ letztendlich eben keine stupide Monstergeschichte, sondern vielmehr ein schonungsloser und spannender, weil flüssig und zugleich realistisch geschriebener Horrorthriller, wirkungsvoller als ein Großteil der einschlägigen Genreliteratur. Dass von den Werken Rick Hautalas gerade dieses Eingang in die deutsche Sammler-Reihe fand, ist durchaus verständlich, auch ohne die übrigen zu kennen.