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Grauenvolle Grabschändungen und die Blamage von Terra X: Die „Weißen Mumien von Nazca“

Ungelöste Rätsel (?)

Am vergangenen Sonntag, den 07. Februar 2021, zeigte das ZDF eine neue Folge der Rubrik Ungelöste Fälle der Archäologie bei Terra X. Das spannende Thema diesmal: Mumien.
Doch die ägyptischen Mumien, die hervorragend erhaltene „Lady Dai“ aus dem Han-zeitlichen China und der kuriose Fall einer Mumienfälschung in Deutschland verblassten allesamt gegenüber dem rätselhaften Highlight der Show: Den „Weißen Mumien von Nazca“.
In Peru, nicht weit entfernt von den einschlägig bekannten Nazca-Linien, seien in einer Höhle oder Gruft in der Wüste mehrere mumifizierte Körper menschenähnlicher Wesen gefunden worden. Manche von ihnen winzig klein, eines menschengroß – alle aber teilten sie eine seltsame Kopfform, mandelförmige Augen, und natürlich das unglaublichste: Sie alle besitzen nur je drei spindeldürre Finger bzw. Zehen an Händen und Füßen. Eine von ihnen hat ein Stück Metall in die Brust transplantiert, in seinem Unterleib scheinen sich Eier zu befinden. Ein Überzug mit einem weißen Pulver – versteinerten Kieselalgen, erfahren wir – verleiht den Mumien ihre eponyme weiße Erscheinung. Alles in allem sehen sie ganz so aus wie das Bild, das wir uns in der Populärkultur von kleinen grauen Aliens machen.

Es war am 31.03.2019, als ich zum ersten Mal von diesem unglaublichen Fund hörte – genauer: bei einem Vortrag von niemand geringerem als Erich von Däniken in Northeim. Anlässlich des Jubiläums „50 Jahre Erinnerungen an die Zukunft“ und seines neuen Buches Neue Erkenntnisse berichtete er von dieser Geschichte, die auch ihm zweifelhaft schien. Ihm seien die Mumien sogar zum Kauf angeboten worden. Ohne sich zu eindeutig für oder gegen die Echtheit der Körper bekennen zu wollen, sei er gespannt, was weitere Untersuchungen ergeben würden.

Nunmehr, fast zwei Jahre später, stellte sich mit dem „Physiklehrer der Nation“ Prof. Dr. Harald Lesch das genaue Gegenbild eines Prä-Astronautik-Gläubigen vor die Kameras des ZDF, um dem interessierten Fernsehpublikum die „Weißen Mumien von Nazca“ zu präsentieren. Inzwischen ist einiges passiert – jetzt werden die Mumien, wie wir in der Dokumentation zu sehen bekommen, von Wissenschaftlern der Universität Ica untersucht. Kurz wird der Paläontologe Mario Urbina von der Universität Lima zugeschaltet, der Zweifel an der Echtheit der Mumien hat. Seine These, die er kurz nennen, aber nicht begründen darf: Die Körper seien künstlich aus menschlichen und tierischen Knochen zusammengesetzt worden, wahrscheinlich als weiterer Magnet für die ganzen aliengläubigen Touristen, von deren Besuchen die ganze Region profitiert. An der Uni von Ica indes weiß man trotz Röntgenbildern und Untersuchungen noch immer nichts Näheres, also bleibt Harald Lesch nur, die Episode mit versöhnlich-rätselhaften Worten zu schließen: „Ob diese dreifingrigen Mumien von Nazca eine große Täuschung sind oder authentische Funde, lässt sich abschließend noch nicht sagen.“[1]
Und weiter geht’s zur nächsten Mumie – doch das Rätsel von Nazca wird ein großer Teil der Zuschauer noch lange im Gedächtnis behalten.

Stimmt das? Weiß man – inzwischen fünf Jahre nach der Entdeckung der Mumien – noch immer nicht, ob wir es nun mit außerirdischen Leichen zu tun haben oder mit einem mehr oder minder raffinierten Hoax? Oder war das dem Professor vom Terra X-Team in den Mund gelegte Fazit vielmehr ein klassischer Fall von False Balance – der Unsitte (nicht nur, aber auch) im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, einer begründeten und einer absurden Ansicht gleichen Stellenwert einzuräumen? Leider lautet die Antwort auf letztere Frage Ja.

Die Hintergründe

Was also hat es auf sich mit den „Weißen Mumien von Nazca“? Dafür müssen wir einige Jahre zurückgehen, denn was in der ZDF-Doku leider recht kurz kam, ist die kontroverse Entdeckungsgeschichte. Eingehender rekonstruiert wurde diese unter anderem in einem Beitrag der Seite Grenzwissenschaft Aktuell (GreWi)[2], deshalb im Folgenden nur die wichtigsten Punkte:

Ende 2016 erscheinen bei YouTube mehrere Videos eines Users namens Krawix. Eines[3] zeigt – vor ihm auf dem Tisch liegend – eine zwergwüchsige Mumie, den separierten Kopf einer zweiten und eine riesige, dreifingrige Hand. Diese seien im Januar 2016 von zwei Freunden in einer unterirdischen Gruft mit Sarkophagen in der peruanischen Wüste gefunden worden. (Hier fällt uns bereits auf, dass der angebliche Fundort ein deutlich anderer ist als die Höhle, die dem Terra-X-Team von einem Einheimischen präsentiert wurde.) Weitere Videos folgen[4], darin zu sehen auch immer wieder Röntgenaufnahmen der rätselhaften Körper.

23.11.2016: Das Video ¿Momias ETs de Nazca Descubiertas en un Sarcófago? von MisteriosOcultosTv erscheint[5], darin eine weitere Präsentation der Mumien einschließlich Röntgenbildern. Nunmehr sind auch die beiden Alien-Forscher Thierry Jamin und Brien Foerster in die Affäre involviert. Diese gründen schließlich das (das gewünschte Ergebnis bereits vorwegnehmende) Alien Project. Einer Rückfrage von Grenzwissenschaft Aktuell an Brien Foerster zufolge[6] sei dieser allerdings nur kurze Zeit an dem Projekt beteiligt gewesen, sodass dieses infolgedessen vor allem von Jamin betrieben wurde. Die professionell wirkende Website des Projekts beinhaltet unter anderem umfangreiche computertomographische Scans der Mumien, auf die später zurückzukommen sein wird.[7]

2017: Neben Jamins Alien Project schaltet sich ein weiterer Mitspieler ein. Der Websender Gaia.com – bekannt für esoterische, pseudowissenschaftliche und verschwörungstheoretische Inhalte – startet im Rahmen seines kostenpflichtigen Abonnements eine neue Dokureihe mit dem Namen Nazca Unearthed[8] rund um die Weißen Mumien. Darauf aufmerksam machte den Sender der mexikanische Journalist Jaime Maussan, der bereits 2015 in einen Hoax um eine als Alienleiche vermarktete Kindermumie verwickelt war[9]. Außerdem beteiligt: Konstantin Korotov, Forscher wahlweise an der St. Petersburg University oder der St. Petersburg University of Informational Technologies, Mechanics and Optics (bei der er erstaunlicherweise nicht auffindbar ist[10]), dessen hauptsächliche Profession der Vertrieb eines „Bio-Well“ genannten Geräts zur Fotografie der menschlichen Aura ist.[11]
Highlight der Gaia-Videos ist eine weibliche Mumie von menschlicher Größe, „Maria“ genannt, ebenfalls mit überlangen dreifingrigen Händen und einem verlängerten Hinterkopf. Ihre fötal-zusammengekauerte Haltung entspricht der bekannter Mumien aus dem Gebiet der Nazca-Kultur. Anhand einer Radiokarbondatierung – so Gaia – ist die Entstehung der Mumie auf etwa 245 bis 410 n. Chr. (1705-1540 calBP) zu datieren. Ebenso rätselhaft: Auch antike Felsbilder und Textilien aus der Region zeigen Gestalten mit nur drei Fingern.[12]

Kritik

Kann es also sein, dass 2016 nahe Nazca tatsächlich Körper einer nichtmenschlichen Rasse, gar außerirdischer Besucher, gefunden wurden? Kritiker vermuten von Anfang an, dass es sich bei den Mumien um nichts weiter als neuzeitliche Fälschungen handelt, die von modernen Händen zusammengefügt wurden. Die weiße Kruste ermögliche dabei hervorragend, Beschädigungen zu kaschieren und die äußere Erscheinung zu modellieren. Unpraktisch für die Befürworter der „Alien-Mumien“: Die zahlreichen Röntgenbilder und CT-Scans aus ihren eigenen Veröffentlichungen, die inzwischen im Internet kursierten …

Bereits die Krawix-Videos, mit denen die Kontroverse begann, zeigen Röntgenbilder der dreifingrigen Hand sowie einer Zwergenmumie, deren Skelett keinesfalls dem echter, lebensfähiger Organismen entspricht.

Zwei willkürlich aneinandergesetzte Knochen, schief und asymmetrisch im Körper sitzend, bilden durchgehend Hals und Wirbelsäule, die man sich somit als gänzlich unbeweglich vorstellen müsste. Am unteren Ende scheint der Knochen wie abgebrochen. Zwei Querknochen als Schlüsselbeine setzen wie abgehackt direkt daran an, ebenso die Oberarme und Rippen, Gelenke sind nicht zu sehen.[13]

Ein anderes Video zeigt das Innenleben der riesigen dreifingrigen Hand. Die Knochen am Handansatz sind teilweise zertrümmert. Vor allem aber sind es mehr Knochenfragmente, als die Verlängerung der drei langen Finger hergeben würde – von kompakten, unförmigen Handwurzelknochen wiederum fehlt jede Spur.[14]

Mit der lebensgroßen Mumie „Maria“ der Gaia-Videos setzte sich Mick West auf der Seite Metabunk.org bereits 2017 auseinander[15]. Auch hier gibt es eindeutige Indizien für eine Fälschung:

  • Zwischen dem Handansatz und den überlangen Fingern zeigt sich kein fließender Übergang, sondern vielmehr ein unpassender Absatz.
  • Die Röntgenbilder der Füße zeigen zwar nur drei Zehen, die den drei mittleren Zehen eines Menschen entsprechen, doch gewöhnliche Fußwurzelknochen mit Ansatzpunkt für fünf Zehen.
  • Die Zehenknochen setzen ganz offensichtlich nicht direkt an den Fußwurzelknochen an; vielmehr gibt es hier eine deutliche Lücke.

Es scheint also, dass hier von normalen menschlichen Füßen jeweils die beiden äußeren Zehen entfernt und die drei verbliebenen über die ganze Fußbreite verteilt wurden. Bei den Händen wiederum seien die zwei äußeren Finger entfernt und das Fleisch zwischen den Mittelhandknochen eingeschnitten worden, sodass die Hände länger erschienen. Höchstwahrscheinlich also bildete eine echte Mumie die Grundlage für eine künstliche Verstümmelung, um sie außerirdischer erscheinen zu lassen – dies würde auch die in der Tat historische C14-Datierung erklären. Grabräuberei ist in der Region verbreitet, echte Mumien also durchaus verfügbar.

2018 schließlich erschien ein mit versteckter Kamera aufgezeichnetes Video im Internet, in dem ein anonymer Grabräuber davon berichtet, Mumienteile an Hersteller derartiger Fake-Mumien verkauft zu haben. Allerlei Körperteile – Arme und Beine, aber auch Köpfe, Gehirne, Nerven und sogar Blut – hätten zu den Bestellungen gehört. Man mache die Körper durch Wasser wieder flexibel, um den Hals zu dehnen, teils würden neue manipulierte Köpfe aufgesetzt. Für die kleinen Mumien kämen die Skelette von Babys oder Föten sowie Lamaknochen zum Einsatz – ein ganzer Friedhof geopferter Lamas aus vorinkaischer Zeit versorge die Grabräuber mit Knochen und Schädeln.[16]

He takes the head off and inserts another head, pulls the skin … inserts another head, and leave it to dry. The skin dries again and sticks to the head. … Same here [zeigt auf Finger] it sticks to it. You take this off, I don’t know how they glue it, there is a guy who knows … He inserts another section next to it. I think he used llama bones, becaue they are bigger…“[17]

Ob dieser Mann tatsächlich den Ursprung genau der in den anderen Medien gezeigten „Weißen Mumien von Nazca“ beschreibt, lässt sich natürlich nicht feststellen. Dass es sich bei den Mumien aber in der Tat um genau so hergestellte Fälschungen handelt, belegen andere Merkmale.

Der Paläontologe und Experte für Computertomographie Dr. Julien Benoit (Universität von Witwatersrand) setzte sich mit den vom Alien Project publizierten CT-Aufnahmen auseinander, wie in einer Reihe von Videos festgehalten ist. Auch seine Untersuchungen bestätigen eine Identifikation der Mumien als moderne Fälschungen.
So zeigen die CT-Aufnahmen von Mumie „Maria“ klar eine Hand mit Sehnen für fünf Finger, einschließlich jener des fehlenden Daumens. Während sich abgetrennte Sehnen normalerweise zurückziehen, liegen sie bei der Mumie noch an ihrem Platz, was auf eine Verstümmelung des getrockneten Körpers erst nach der Mumifizierung hindeutet. Insofern sei eine bereits antike Manipulation zu Lebzeiten oder kurz nach dem Tod ausgeschlossen.[18] Auch das Os trapezium – der Handwurzelknochen, an dem der Daumen ansetzt – ist im Gegensatz zum Daumen selbst vorhanden. Nicht weniger eindeutig stellt sich der unnatürlich geformte Kopf der Mumie dar: Das auf den Computertomographiebildern zu sehende Gehirn sitzt falsch herum im Schädel – und ist von selber Form wie das eines Lamas. Die Aussagen des Grabräubers bestätigen sich.
Bei den zwergenhaften Mumien wiederum seien die Rippen so angeordnet, dass sie die Wirbelsäule perforierten – undenkbar bei einem lebenden Wesen. Die im Unterleib sichtbaren Eier, von den Mumien-Befürwortern als Beleg für eine reptilienartige Lebensform angeführt, erscheinen auf den Röntgenbildern und CT-Scans viel zu dicht für echte Eier, dichter noch als die Knochen des Skelettes selbst. Vermutlich also handelt es sich vielmehr um Steine oder andere massive, jedenfalls nicht natürliche Objekte.[19] Weitere Belege für die Fälschung finden sich in anderen Videos desselben Kanals.[20]

Und die Universität?

Und was ist nun mit der Universität von Ica, die die Mumien untersucht? Terra X suggerierte, man wisse noch nichts Genaueres, man arbeite aber daran. Der Status quo, mit dem die Zuschauer in den Sonntagabend entlassen werden, könnte jedoch falscher kaum sein.
Am 07. August 2020 nämlich fand eine Konferenz der zuständigen Forscher statt, deren Aufzeichnung sich noch immer bei YouTube einsehen lässt.[21] In einem zweistündigen Vortrag wird herausgestellt, dass es sich – wie bereits zuvor vielfach vermutet – um Mumienreste handelt, die künstlich zu scheinbaren Alien-Mumien umgestaltet wurden. Auch die Schädel der kleineren Mumien seien eindeutig Tierschädel, während an den Füßen von „Maria“ offenbar Knochen von Händen verarbeitet wurden.
So lautet etwa das Fazit zur Mumie „Maria“:

Los restos de presuntos alienígenas son creaciones fabricadas con huesos de animales y humanos unidos con pegamento sintético. Estos a su vez han sido cubiertos por uno mezcla de fibras vegetales y adhesivo sintético para simular un tip de piel. Se establece la manufactura de reciente data.“

Die Überreste der angeblichen Außerirdischen sind Kreationen aus Tier- und Menschenknochen, die mit synthetischem Kleber zusammengehalten werden. Diese wiederum wurden mit einer Mischung aus Pflanzenfasern und synthetischem Klebstoff überzogen, um eine Art Haut zu simulieren. Man stellt eine Herstellung rezenten Datums fest.“

Alle weiteren Informationen, auch zu den übrigen Mumien, finden sich entsprechend im Video.

Und das ZDF?

Ob diese dreifingrigen Mumien von Nazca eine große Täuschung sind oder authentische Funde, lässt sich abschließend noch nicht sagen.
– Prof. Dr. Harald Lesch

Die Weißen Mumien von Nazca sind eine nicht allzu professionelle moderne Fälschung. Meine Vermutung ist, dass die Terra-X-Sendung noch vor der Konferenz der Universität von Ica aufgezeichnet wurde und diese daher nicht berücksichtigte.
Trotzdem jedoch bleiben einige unangenehme Fragen:

  • Wieso wurde die Sendung über fünf Monate nach der Konferenz noch ausgestrahlt, obwohl sich die Faktenlage fundamental geändert hatte?
  • Wieso wurden die bereits seit mehreren Jahren bekannten Belege für eine Fälschung anhand der Röntgenbilder nicht einmal erwähnt?
  • Warum wurden die zweifelhaften Hintergründe der Mumienbefürworter (u.a. ein verschwörungstheoretisch-esoterischer Internetkanal, bekannte Alienleichenfälscher, ein russischer Scharlatan) nicht erwähnt?
  • Warum ließ man den interviewten Paläontologen nicht ausreden, obwohl auf dem Bildschirm hinter ihm sogar schon ein Tierschädel zu sehen war?
  • Und wieso kann ich, weder Anthropologe noch des Spanischen mächtig, die ganze Thematik der Weißen Mumien von Nazca innerhalb von nicht einmal 24 Stunden anscheinend so viel fundierter recherchieren als die Crew des erfolgreichsten deutschen populärwissenschaftlichen Fernsehformats?

Ich schätze die Sendung Terra X. Und auch die meisten Wissenschaftler sind sich im Klaren, dass die populäre Aufbereitung wissenschaftlicher Themen manchmal eine gewisse Vereinfachung – sogenannte „didaktische Reduktion“ – erfordert und eine 45-minütige Sendung der Komplexität vieler Themen keinesfalls gerecht werden kann.
Eine andere Qualität hat jedoch die extrem unvollständige, ja letztlich grob entstellende Darstellung eines pseudowissenschaftlichen Sachverhalts. Die Macher der Reihe Ungelöste Fälle der Archäologie und ihr symbolisches Gesicht Prof. Dr. Harald Lesch haben in ihrer Folge Mumien den Stand der Wissenschaft verlassen und stattdessen lieber dem wohligen Schauer des Mystery-Infotainment nachgegeben. Fakten wurden verschwiegen, um das Mysterium zu erhalten.
Würde etwa eine Sendung über Gelöste Fälle der Archäologie keine Zuschauer vor den Fernseher und in die Mediatheken locken? Man hätte eine durchaus spannende und hinreichend gruselige Geschichte über skrupellose Grabräuber erzählen können, die antike Gräber plündern und Mumien der Nazca-Kultur – echte Überreste von Menschen, die einst gelebt haben – an zweifelhafte Scharlatane verkaufen, nur damit diese daraus künstliche Alien-Leichen herstellen, die man einem leichtgläubigen Zirkuspublikum im Internet vorführen kann. Die wahre Geschichte um die Weißen Mumien von Nazca ist spannend, sie ist erschreckend. Und noch immer bleiben ungelöste Fragen: Wer hat die Mumien wirklich hergestellt? Wie viel wussten oder ahnten Krawix, Jamin und Foerster, das Team von Gaia.com? Hätten sie die so verräterischen Röntgenbilder und CT-Scans so offen im Internet präsentiert, wenn sie an dem Hoax beteiligt und nicht selbst die Betrogenen gewesen wären?
Doch nicht so das ZDF. Inmitten eines sonst oft großartigen Formats entschied man sich diesmal, Aufklärung zugunsten des unterhaltsamen Rätsels hintanzustellen und sich letztlich mit der organisierten Pseudowissenschaft gemein zu machen.

Quellen

[1] https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/ungeloeste-faelle-der-archaeologie-mit-harald-lesch-mumien-100.html

[2] https://www.grenzwissenschaft-aktuell.de/bizarre-mumien-funde-in-nazca-peru20170622/

[3] https://www.youtube.com/watch?v=49EyifA_WrM

[4] https://www.youtube.com/channel/UCjPFCqoU757S0Cgrj6hPIhw

[5] https://www.youtube.com/watch?v=upEPw03kbx8

[6] https://www.grenzwissenschaft-aktuell.de/bizarre-mumien-funde-in-nazca-peru20170622/

[7] https://www.the-alien-project.com

[8] https://www.gaia.com/lp/unearthing-nazca-members

[9] https://www.theguardian.com/science/2017/sep/30/alien-photo-roswell-new-mexico-mystery

[10] https://en.itmo.ru/en/personlist/Personalities.htm?

[11] https://www.bio-well.com

[12] https://www.youtube.com/watch?v=xZPDhPeQnRY

[13] https://www.youtube.com/watch?v=NRFLkNP3m4A

[14] https://www.youtube.com/watch?v=49EyifA_WrM

[15] https://www.metabunk.org/threads/hoax-three-fingered-nazca-mummy.8841/

[16] https://www.youtube.com/watch?v=RIRCeQ-gqAg

[17] https://www.youtube.com/watch?v=RIRCeQ-gqAg

[18] https://www.youtube.com/watch?v=CyCPLMBSbgs

[19] https://www.youtube.com/watch?v=y8Mes3LgXkc

[20] https://www.youtube.com/c/LucaML/videos

[21] https://www.youtube.com/watch?v=mTR6XgHG0vo

Heute, am Tag des Schweins

Cemetery Dance Germany, Band 7, Heute, am Tag des SchweinsEtwas stimmt nicht auf der Farm von Walt Kopple. Schon in ihrer Kindheit fürchtete sich seine Tochter Sherry vor Pearl, dem Schwein mit dem einen Auge, das einen unheimlichen Einfluss auf seine Umgebung auszuüben scheint. Ihr Vater hat es nie geschlachtet. Als sie Jahre später wieder die Farm besucht, liegt ein unsichtbarer Schatten auf der Familie. Dann tötet ihr Sohn im Wahn eines der Schweine – Pearl hat es ihm befohlen.
Gerüchte machen die Runde, schließlich wollen sich drei Teenager das „telepathische Schwein“ ansehen. Doch auf der Farm des alten Kopple erwartet sie nur das Grauen: Nach all den Jahren sieht Pearl seine Zeit gekommen. Seine Geisteskräfte sind gewachsen – längst stark genug um Menschen zu beherrschen, in den Wahnsinn zu treiben. Jetzt ist es Zeit, das Joch der Menschen abzuschütteln. Zeit für Vergeltung. Heute, am Tag des Schweins.

Der Roman von Josh Malerman erschien jüngst als 7. Band der limitierten Reihe „Cemetery Dance“ im Buchheim-Verlag. Und wie schon bei den vorigen Bänden erwartet den Leser eine beängstigende Vision guter Horrorliteratur.
Die eigentliche Handlung findet an einem Tag statt, eine kurze Zeit über viele Seiten gedehnt. Doch da sind nicht nur die Gedanken der unterschiedlichen Akteure – Menschen, ihre Gedanken vom Schwein beeinflusst, das Schwein, seine Pläne reflektierend – sondern auch zahlreiche Rückblicke, die aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten, wie sich das Grauen am Tag des Schweins schon über Jahre anbahnte, um damit gleichsam die Handlung zu einem weiten Bogen aufzuspannen und die Spannung in endloser Retardation hochzutreiben. Und auch der Stil könnte kaum geeigneter sein, den Leser mitten in die Schrecken hineinzuwerfen: Mal umgangssprachlich, mal in gebrochenen Sätzen, mit bisweilen verstörenden Sprachbildern schafft Malermans Sprachgewalt eine so dichte Atmosphäre und direkte Identifikation mit den Figuren wie wenige andere Horrorromane. In diese Kerbe schlagen auch die Illustrationen von Daniele Serra – nicht naturalistisch, sondern oft wie unfertige Zeichnungen abstrahiert, verkörpern auch diese weniger Inhalt als bloße Atmosphäre. Das Schwein Pearl schließlich ist ein beeindruckender Antagonist – eine beunruhigende graue (oder vielmehr rosige) Eminenz, deren Charakter und Motive trotz empathischer Szenen aus seiner Sicht teils rätselhaft verbleiben.
Bei einem Roman über Schweine mag man zunächst Trash und Splatter, auf jeden Fall bodenständigen, realistischen Horror erwarten – doch nicht hier. Ein allzu triviales Abschlachten der Protagonisten wird zugunsten andauernder Spannung vermieden. Anders als die oberflächlich ähnlich gearteten Die Farm & Die Stadt von Richard Haigh – schmucklose Thriller ohne Phantastik (über menschenfressende Schweine) – ergeht sich „Heute, am Tag des Schweins“ sowohl inhaltlich wie sprachlich ganz im übermenschlichen Schrecken, im gesamten Stil vielmehr gotischem bis kosmischem Horror verpflichtet.  Mit seinen 336 Seiten nicht allzu lang, hält der Roman doch das Niveau von Buchheims Horror-Reihe hoch und bietet verstörende Schauerlektüre.

ZfA 3 (2020): Rezension zum „Jahrbuch für Kryptozoologie“

Zeitschrift für Anomalistik Band 20 (2020) Nr. 1+2Gerade noch rechtzeitig zum Jahresende ist die Ausgabe 3/2020 der Zeitschrift für Anomalistik erschienen, die von der Gesellschaft für Anomalistik herausgegeben wird. Darin neben anderen interessanten Beiträgen enthalten: Eine Rezension von mir zum neuen „Jahrbuch für Kryptozoologie“, in dem erstmalig Kryptozoologen des deutschsprachigen Raumes in einem festen Medium seriöse Artikel zu kryptozoologischen Forschungsthemen versammelten.

Ich bedanke mich herzlich für das Rezensionsexemplar sowie das Interesse an dem Beitrag.

Die ZfA kann über das Bestellformular auf deren Seite bezogen werden, das Jahrbuch direkt beim Netzwerk für Kryptozoologie.

 

Das Labyrinth des Maal Dweb

Clark Ashton Smith ist der nicht ganz vergessene Zeitgenosse von H. P. Lovecraft und Robert E. Howard aus den Zeiten der Pulp-Magazine wie Weird Tales. Sein literarisches Werk – im Laufe des letzten Jahrzehnts erstmals als sechsbändige Sammelausgabe auf Deutsch erschienen – besteht neben seiner Lyrik vor allem aus Kurzgeschichten, die alle Spielarten der Phantastik durchziehen und doch kaum irgendeiner anderen Strömung vor oder nach ihm ähneln. „Das Labyrinth des Maal Dweb“ ist hierbei der dritte Band nach Die Stadt der Singenden Flamme und „Die Grabgewölbe von Yoh-Vombis“ und enthält insgesamt 16 Geschichten. Am Ende werden diese ergänzt durch einen editorischen Kommentar zu einer jeden, der vor allem auf die Publikationsgeschichte eingeht und oft auch zugehörige Quellen aus Smiths umfangreichem Briefverkehr erschließt.
Vielleicht mehr noch als die anderen zeigt diese Sammlung Hoch und Tief von Smiths Schaffen: Obgleich mit überquellender Fantasie und sprachlichem Ausdrucksvermögen gesegnet, war dieser doch zeitlebens gezwungen, sich immer wieder den plakativeren und weniger literarischen Interessen der Leser und vor allem Herausgeber der zeitgenössischen Magazine anzupassen. Davon zeugen etwa die Geschichten „Der Flirt“ und „Etwas Neues“ – sehr kurze Texte mit eher plattem, schlüpfrigen Inhalt, die der Autor selbst zeitlebens als Mist bezeichnete. Auch sonst sind Stil und Qualität der Texte relativ wechselhaft.
Mit den meisten seiner Geschichten bewegte sich Clark Ashton Smith an der Grenze zwischen früher Science-Fiction und Fantasy, manchmal auch Horror, freilich ohne sich damit in klar umgrenzte Genres wie die klassische Gothic Fiction oder Mittelalter-Fantasy zu stellen. Gerne siedelte er seine Erzählungen auf fremden Planeten und Dimensionen an, den fernsten Abgründen von Zeit und Raum, in denen sich dann letztlich alles verbergen kann. So reist ein Protagonist in „Ein Abenteuer in der Zukunft“ Jahrtausende in der Zeit nach vorne, nur um dort eine utopische Menschheit kennen zu lernen, die sich gleichsam in einer Krise mit den Bewohnern des Mars und der Venus befindet. Gar nicht unähnlich ist „Invasion von der Venus“ – eindringlich und mit globalem Blickwinkel schildert Smith hier, wie zunehmend Bereiche der Erde von einer expansionistischen außerirdischen Spezies kolonisiert werden, und nimmt dabei das Konzept des Terraforming vorweg. Bereits in der Zukunft spielt „Die Dimension des Zufalls“, nur um die Piloten eines dortigen Weltkrieges dann auch noch in eine andere Dimension zu werfen, die allen Naturgesetzen Hohn spricht. Obwohl meist recht knapp und verdichtet erzählt, erhält jedes Abenteuer eine ganze Reihe erstaunlicher Einfälle.
Trotz innovativer Idee eine sagenhaft schlechte Geschichte ist dagegen „Der Allmächtige des Mars“: Smith schrieb diese nach einem Konzept, das aus einem Leserwettbewerb hervorgegangen war. Es beginnt mit der plötzlichen Landung eines außerirdischen Raumschiffs mitten in einem amerikanischen Stadion – eine Superintelligenz vom Mars hat beschlossen, eine Gruppe ausgewählter Menschen auf seinen Planeten einzuladen und mit ihrer überwältigenden Weisheit zu beglücken. Schon bald bilden sich unter den Menschen zwei Lager – die aufgeschlossenen Unterstützer des „Allmächtigen“ und die ewig kritischen Konservativen. Deren Charakterisierung fällt jedoch so zum Erbrechen plakativ, klischeehaft und übertrieben aus, dass die Geschichte darin manch Satire übertreffen dürfte. Die Figur des dogmatisch-ignoranten Professors, dessen Natur natürlich am Ende auf einen Großteil der Menschheit ausgedehnt wird, hätte glatt der establishmentfeindlichen Tirade eines Verschwörungstheoretikers entstammen können. Das Ende dann ist nicht nur genauso schwarzweiß-gemalt, sondern geradezu infantil-faschistoid wie die Apokalypse einer fiktiven Religion.
Dem entgegen steht die Titelgeschichte „Das Labyrinth des Maal Dweb“, hier auch direkt gefolgt von ihrer Fortsetzung „Das Wagnis des Maal Dweb“. Auf einem fremden Planeten herrscht der gleichnamige nahezu allmächtige Zauberer, der immer wieder junge Frauen in seine Burg ruft. Schließlich jedoch folgt ein junger Krieger seiner Geliebten in festem Entschluss, Maal Dweb zu töten – und sieht sich in dessen Heim einem Pandämonium von Wundern gegenüber. Hier noch am ehesten sind die Sprachgewalt und groteske Fantasie Smiths zu erahnen, die in manch anderen Geschichten künstlich gedrosselt wurden, womit „Maal Dweb“ zum Highlight faszinierender Unterhaltung wird. Im „Wagnis“ schließlich geht Maal Dweb selbst auf Wanderschaft und findet sich plötzlich als Verteidiger halbmenschlicher Pflanzenwesen gegen böse Reptiloiden wieder. Den beiden Geschichten geht in der Ausgabe zudem eine Einführung von Will Murray voraus, der insbesondere die Hintergründe der Werksgeschichte erläutert.
Auch sonst sind ferne Planeten für Smith keinesfalls vorwiegend Schauplatz klassischer Science-Fiction, sondern vielmehr Projektionsfläche reiner Fantasy – nirgendwo wird dies klarer als in „Sadastor“, wo in einer märchenhaften Handlung gar ein Dämon einen fremden Planeten bereist. Ebenso sprengt „Die Kette des Aforgomon“ jeden Kontext von Raum und Zeit: Der Schriftsteller John Milwarp wird tot in seinem Arbeitszimmer aufgefunden, anscheinend wie aus dem Nichts von glühenden Ketten verbrannt. Doch wie sich herausstellt, ist dies nur das letztendliche Ergebnis eines äonenweiten Dramas von Seelenwanderung, Liebe über den Tod hinaus und blasphemischer Magie.
Eine besondere Freude für Lovecraft-Fans stellt sicherlich „Die Rückkehr des Hexers dar“, worin prominent das Necronomicon auftaucht. Obwohl seinerseits von mehreren Magazinen abgelehnt, da viel zu schrecklich, stellt es nach heutigen Maßstäben schlichtweg eine solide, eher mittelmäßig verstörende Horrorgeschichte dar. Bezüge in eine ähnliche Richtung finden sich in „Ein Trank für die Mondgöttin“, wo Archäologen die Magie des versunkenen Pazifikreiches von Mu wieder zum Leben erwecken. Fast übertrieben wurde der innovative Stil jedoch in „Genius Loci“, das trotz ausgefeilter Sprache und maximal dichter Atmosphäre inhaltlich relativ unscharf bleibt. Schlussendlich finden sich noch eine orientalische Erzählung aus Smiths Jugend („Prinz Alcouz und der Magier“), eine dramatische Abenteuergeschichte aus Afrika („Die Venus von Azombeii“) und eine bitterböse Sozialsatire („Ein Gedichtband von Burns“).
Leider vermögen nicht alle Geschichten in „Das Labyrinth des Maal Dweb“ gänzlich zu überzeugen – manche sind unspektakulär, andere trotz faszinierender Idee eher reizlos inszeniert. Auch die kolonialistisch-rassistischen Aspekte in „Die Venus von Azombeii“ und vor allem dem Rassenkrieg in „Ein Abenteuer in der Zukunft“ hinterlassen heutzutage doch einen unangenehmen Nachgeschmack. Auf der anderen Seite aber stehen bildgewaltige Visionen exotischer Phantastik, die gleichsam grotesk und faszinierend daherkommen. Auf jeden Fall bietet der Band vielfältige Einblicke in das Werk eines zu Unrecht wenig bekannten Autors, dessen imaginäre Welten kaum eine Parallele finden.

Die Kinder der Nacht (REH Horrorgeschichten 5)

Die Kinder der Nacht: Horrorgeschichten von [Robert E. Howard]Mit „Die Kinder der Nacht“ ist 2015 der fünfte und letzte Teil der gesammelten Horror- (und anderen) Geschichten von Robert E. Howard erschienen. Erneut erwarten den Leser 400 Seiten voller Spannung und Action, mal mehr und mal weniger phantastisch.
Die Titelgeschichte führt Howards schon oft aufgegriffenes Thema der monströsen Rasse aus Britanniens Vorgeschichte weiter aus und kombiniert es abermals mit seinem ebenfalls gern genutzten Motiv der Seelenreise zu früheren Leben des Protagonisten – hier mit einem ungewohnt bedrohlichen Ende in der Jetztzeit. Besonders ausgeführt wird darum herum die zeitgenössische, heute befremdlich anmutende Rassentheorie, die doch einen gewissen (pseudo)intellektuellen Unterbau des Themas liefert.
Auch andere Geschichten sind deutlich dem Horror verhaftet: „Der schwarze Stein“ ist einerseits eine von Howards drastischsten Geschichten hinsichtlich Gewalt und Sexualität, evoziert darüber hinaus jedoch eine viel weiter gehende Atmosphäre uralten Grauens rund um die Expedition zu einem uralten Monolithen in den Bergen Ungarns. „Das Haus zwischen den Eichen“, gemeinsam mit August Derleth verfasst, weist gewisse Bezüge dazu auf, doch verortet das Grauen nunmehr unsichtbar in einem alten Haus – weniger blutig, doch nicht weniger bedrohlich. Beides sind intelligent inszenierte Geschichten mit einer Tiefe an Hintergründen, die stark (und sicher kaum zufällig) an den Stil H. P. Lovecrafts erinnern. Eine sehr kurze Werwolf-Geschichte folgt schließlich noch mit „Im Wald von Villefère“.
Deutlich verschieden und allzu individuell sind zwei andere Geschichten: „For the Love of Barbara Allen“ spielt vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs erneut mit dem Seelenreisen-Thema, hier allzu emotional bedrückend. Dagegen sprengt „Die Bewohner der Schwarzen Küste“ jede Konvention, wenn ein Paar nach einem Flugzeugabsturz auf einer rätselhaften Insel landet und sich dort einer unerwarteten Gefahr gegenübersieht – doch weder Held noch Monster sind schließlich das, was man von ihnen erwarten würde.
Eine dritte Seelenreise in die Vorzeit (dieses Motiv kommt wirklich oft vor …) gibt es in „Garten der Furcht“, wenn ein gewisser James Allison alias Steinzeit-Ase Hunwulf in einer wilden Mischung aus Eiszeit, Neolithikum und Fantasy auf den letzten Vertreter einer vormenschlichen Rasse trifft. Auch „Die Götter von Bal Sagoth“ mag einem nach Lektüre der anderen Howard-Bände etwas vertraut vorkommen, werden doch auch hier wieder beliebte Tropen recycelt: Der frühmittelalterliche Ire Turlogh O’Brien landet zusammen mit seinem Feind, dem Sachsen Athelstane, auf einer fremden Insel, wo eine Wikingerprinzessin ihre Herrschaft über ein grausam-exotisches Eingeborenenvolk zu bewahren versucht – Eskalationen mit Schwert und Axt vorprogrammiert.
Die übrigen Geschichten ähneln sich mit einer Ausnahme allesamt insofern, dass sie – wie typisch bei Howard – zähe Heldenfiguren verschiedener Zeitepochen bösen, kriminellen Fremdlingen gegenüberstellen. In „Schwarzes Canaan“ sind es die Schwarzen im Amerika des 19. Jahrhunderts, die in den Sümpfen eine Rebellion planen, in „Herr der Toten“ Mongolen und andere Asiaten inmitten der urbanen Szene des organisierten Verbrechens und in „Der Schatz des Tartaren“ ein ganzes Inventar bedrohlicher Orientalen. „Namen im schwarzen Buch“ führt die Geschichte von „Herr der Toten“ weiter, auch wenn in der Reihenfolge des Buches eine weitere Geschichte dazwischen liegt – dies ist wohl die Verschnaufpause, die der Bösewicht brauchte, um sich von seinem doch nicht tödlichen Schädeltrauma zu erholen. Gewissermaßen lesen sich diese Stories wie eine repräsentative Zusammenstellung rassistisch-exotistischer Stereotype – bis hin zu den Jesiden („Der Messingpfau“), die in guter Tradition als gewalttätige Satansanbeter charakterisiert werden. Immerhin werden die Helden manchmal von zutiefst orientalisch-traditionellen, aber wenigstens kampfstarken Mitstreitern mit scharfen Klingen unterstützt. Innovativ ist wohl keine der Geschichten, doch immerhin unterhaltsam.
An letzter Stelle schließlich steht das wieder grandiose Historien-Epos „Der graue Gott vergeht“ über die Schlacht von Clontarf im Jahr 1014. Das Aufeinandertreffen des irischen Hochkönigs Brian Boru mit der Koalition der Truppen von Leinster und skandinavischen Heerführern stilisiert Howard mit respektabler historischer Sachkenntnis zum schicksalsträchtigen Sieg Irlands über die heidnische Kultur der Wikinger.
Letztlich illustriert „Die Kinder der Nacht“ mehr noch als die anderen Bände das Hoch und Tief von Robert E. Howards Lebenswerk: Neben intelligenten Horror- und Historiengeschichten mit gut recherchierten oder konstruierten Hintergründen, die auch einmal ungewöhnliche Ideen verarbeiten, stehen Pulp-Stories mit wiederkehrendem Handlungsschema aus Exotismus/Xenophobie, grimmigen Helden und sehr viel Action, die allesamt unterhaltsam, aber doch relativ schlicht und auf Dauer ermüdend sind. Auf der einen Seite werden bestimmte Motive sehr auffällig immer wieder verwendet, auf der anderen sorgen diverse Bezüge und Anspielungen zwischen den Geschichten für den Eindruck eines gemeinsamen Universums über Zeitalter und Genres hinweg. Vielleicht nicht der beste Band der Reihe, aber gerade für die Horrorgeschichten lohnt sich die Lektüre dennoch.

Die unter den Gräbern hausen (REH Horrorgeschichten 4)

„Die unter den Gräbern hausen“ ist der vierte Band der Horrorgeschichten-Ausgabe von Robert E. Howard im Festa-Verlag. Auch hier begegnet uns auf knapp über 400 Seiten wieder eine schillernde Mischung düsterer Schauergeschichten und historisch-phantastischer Heldenerzählungen voller Action und Schrecken.

Besonders stark vertreten sind in diesem Band die Abenteuer um den grimmigen Puritaner Solomon Kane, der Abenteuer im frühkolonialen Afrika erlebt. In „Blutige Schatten“, der ersten je veröffentlichten Solomon-Kane-Geschichte, jagt dieser etwa einen Räuberhäuptling über zwei Kontinente, wobei er auch zum ersten Mal auf den rätselhaften Zauberer N’Longa trifft.
Bei vier der Geschichten handelt es sich um unvollendete Fragmente, die Howard zu Lebzeiten nicht mehr fertigstellen konnte (oder wollte). Naheliegenderweise ist es ein wenig frustrierend, wenn jeweils die Handlung plötzlich abbricht und das Ende fehlt, doch in einer vollständigen Ausgabe dürfen natürlich auch diese nicht fehlen. In den Bänden 2 bis 4 der gesammelten Horrorgeschichten („Tote erinnern sich“, Der schwarze Hund des Todes und „Die unter den Gräbern hausen“) ist somit der gesamte Solomon-Kane-Zyklus enthalten.
Zumindest die Geschichten und Fragmente in dieser Sammlung folgen alle einem ähnlichen Schema, wenn Kane sich wieder und wieder barbarischer afrikanischer Stämme erwehren muss, die bei Howard offenbar wenig anderes zu tun haben, als Leute zu Ehren grausamer alter Götter niederzumetzeln. Dies jedoch nur, wenn sie nicht gerade von einer alten, unbekannten Hochkultur im Herzen des Schwarzen Kontinents unterdrückt werden – eine vergessene Kolonie von Atlantis in „Der Schädelmond“ oder eine vergessene assyrische Kolonie in „Die Kinder Asshurs“. Wobei die Atlanter und Assyrer natürlich finsteren alten Göttern samt Menschenopfern ebenfalls nicht abgeneigt sind, was sich wohl von selbst versteht. Man ahnt es: Die Solomon-Kane-Geschichten in diesem Buch zählen nicht wirklich zu Howards innovativsten Geschichten, was den Band gegenüber den anderen der Reihe etwas abfallen lässt. Immerhin in „Die Burg des Teufels“ legt sich Kane mit einem europäischen Adligen an – zu schade nur, dass das Fragment abbricht, bevor er die titelgebende Burg erreicht.

Die anderen Erzählungen dagegen sind vielseitiger: Moderne Horrorgeschichten sind mit der Titelgeschichte, „Der Nasenlose“ und „Der Dämon des Ringes“ vertreten. In „Die unter den Gräbern hausen“ wird ein Mann scheinbar von seinem verstorbenen Bruder heimgesucht und will sich mit zwei Bekannten endgültig dessen Todes versichern – mit fatalem Ausgang. Die Geschichte verarbeitet erneut das bereits mehrfach aus Volk der Finsternis bekannte Motiv einer uralten, unterirdischen Menschenrasse, hier zweifellos besonders wirksam inszeniert. Etwas unglücklich geraten ist wiederum „Der Nasenlose“: Bei dieser Geschichte um eine rätselhafte ägyptische Mumie wird die Pointe leider schon viel zu früh allzu offensichtlich angedeutet, wodurch der Spannungsbogen einiges an Intensität verliert. „Der Dämon des Ringes“ schließlich ist ein solider, kurzer Mystery-Thriller um einen Mann, dessen eigentlich liebende Ehefrau ihn mehrfach umzubringen versucht. In „Der Geist von Tom Molyneaux“ geht es um den harten Boxkampf zweier ungeschlagener Champions (mit natürlich ungewöhnlichem Ausgang) – von dem langjährigen Boxfan und Amateurboxer Robert E. Howard brillant atmosphärisch in Szene gesetzt.
Ein besonderes Highlight ist „Das Haus von Arabu“, das uns ins antike Sumer entführt, wo der reisende Held Pyrrhas sich zwischen der Vielzahl altorientalischer Götter, Dämonen und Intrigen bewähren muss. Obgleich der Handlungsbogen doch typische Motive verarbeitet und es eine Reihe kleinerer Unschärfen gibt, so beweist Howard doch hier eine beeindruckende Vertrautheit auch mit der Welt des antiken Mesopotamien (im Rahmen des zeitgenössischen Forschungsstandes), die er atmosphärisch und für eine Pulp-Geschichte recht authentisch zum Leben erweckt. Zwei weitere historische Erzählungen runden den Band ab: „Würmer der Erde“ wie auch „Der dunkle Mann“ spielen im antiken bzw. frühmittelalterlichen Britannien rund um die Heldentaten des ikonischen Piktenkönigs Bran Mak Morn und des wilden Gälen Turlogh O’Brien einige Jahrhunderte später – bekanntermaßen ein beliebtes Setting in den Geschichten Howards. Beide sind sie typische howard’sche Barbarenhelden, wie sie in dessen Werken alle Zeitalter bevölkern: Übermenschlich stark und zäh, ehrenhaft und zugleich rachsüchtig bis zum Blutrausch, dabei letztendlich immer latent depressiv.
Daran schließt folgerichtig der letzte Beitrag an: In einem umfangreichen Essay analisiert Don Herron Howards Barbarengestalten in Hinblick auf Vorbilder, Charakteristika und vor allem das Erbe, das sie als neuer Archetyp in der phantastischen Literatur antreten sollten. Ein Schwerpunkt liegt natürlich unweigerlich auf dem durch Marvel-Comics und Schwarzenegger-Verfilmungen zu Berühmtheit gelangten Conan, von dem freilich keine Geschichte im vorliegenden Band vertreten ist, doch treffen all diese Merkmale ganz genauso auf seine Geistesgefährten Bran Mak Morn, Turlogh O’Brien, Pyrrhas und andere zu – von Howards „Barbaren in tausend Gestalten“ könnte man in Anlehnung an Joseph Campbells Heldentypologie fast sprechen.

Im Gesamturteil fällt „Die unter den Gräbern hausen“ gegenüber den vorigen Bänden etwas ab, was vor allem an den allzu schematischen (und nach heutigen Standards ziemlich rassistischen) Solomon-Kane-Geschichten liegt. Denen stehen mit der gut durchdachten Titelgeschichte und der atemlosen Box-Geschichte „Der Geist von Tom Molyneaux“ allerdings auch einige Perlen gegenüber, begleitet durch zwar typische, aber spannend-atmosphärische Historien-Action wie das Babylonien-Abenteuer „Das Haus von Arabu“ und das wikingerzeitliche Barbarenepos „Der dunkle Mann“. Doch ob nun intelligenter Horror oder Pulp-Geschichten mit Handlung nach Baukastenprinzip – flüssig zu lesen sind sie doch alle und machen das Buch letztendlich zu einem unterhaltsamen Lesespaß.

Volk der Finsternis (REH Horrorgeschichten 1)

Robert E. Howard (1906-1936) wird vor allem wahrgenommen als Autor von Low Fantasy- und Abenteuergeschichten, unter denen Conan der Barbar seine mit Abstand prominenteste Schöpfung ist. Weniger bekannt sind seine zahlreichen Erzählungen aus dem Bereich des Horrors und der Dark Fantasy, von denen einige dem von seinem Zeitgenossen und Bekannten H. P. Lovecraft begründeten Cthulhu-Mythos zuzuordnen sind. In einer fünfbändigen Ausgabe veröffentlichte der Festa-Verlag erstmalig über 70 dieser Kurzgeschichten und Fragmente in deutscher Sprache – den Anfang macht der Band „Volk der Finsternis“.
Insgesamt 16 Geschichten auf 352 Seiten entführen uns in verschiedenste Welten: Von Howards zeitgenössischen Texas des frühen 20. Jahrhunderts bis ins exotische Afrika der Kolonialzeit, von einer düsteren amerikanischen Fischerstadt bis in die arabische Wüste, China und sogar das ferne Paläolithikum. Überall lauert das Grauen in verschiedenster Form: Schreckliche Kulte und Götzen aus uralter Zeit, vergessene Völker, Untote und Gestaltwandler. Mehr noch als in den anderen Bänden der Reihe finden sich in „Volk der Finsternis“ Geschichten aus dem Umfeld des Cthulhu-Mythos (u.a. „Schaufelt mir kein Grab“, „Die Kreatur mit den Hufen“, „Der schwarze Bär schlägt zu“) – doch bleiben die Bezüge bis auf knappe Erwähnungen der Großen Alten oder des auch von Lovecraft adaptierten Buch „Unaussprechliche Kulte“ eher oberflächlich.

Mitunter wird der trotz seiner kurzen Lebenszeit erstaunlich produktive Howard als bloßer Schreiber stumpfsinniger „Schundliteratur“ angesehen – eine Bewertung, die so pauschal abzulehnen, aber hinsichtlich mancher Aspekte auch nicht gänzlich aus der Luft gegriffen ist. Besonders auffällig sind hier die Erzählungen „Die Traumschlange“ und „Die Kobra aus dem Traum“, die letztlich beide dasselbe Thema mit demselben Ergebnis verarbeiten. Auch sonst fällt gerade bei diesem ersten Band der gesammelten Werke auf, dass viele Geschichten relativ ähnlichen Mustern mit sich wiederholenden Stereotypen folgen: Howards Protagonisten sind oft überzeichnet kernige Kämpfergestalten, die mit unglaublicher Zähigkeit den Kampf gegen Ungeheuer und Barbarenvölker aufnehmen. Kampf und Gemetzel werden zur eigenen Ästhetik erhoben, Action kommt bei Howard nie zu kurz. Anders als etwa ein Lovecraft verwendet Howard keine übermäßig hochgestochene Sprache. Seine brillante Sprachbeherrschung erweist sich nicht in detaillierten Beschreibungen und intellektuellem Ausdruck, sondern vielmehr in der dramaturgisch vollendeten Anwendung verhältnismäßig schlichter Sprache: Selbst in der modernen Fantasy erreichen wenige Autoren ein solches Maß an Dynamik, dass der Leser so in das Geschehen hineingezogen und buchstäblich hindurchgejagt wird wie bei Robert E. Howard (Stephen King: „eine so unglaubliche Energie, dass geradezu Funken sprühen“). Auch diese Aneinanderreihung von Kurzgeschichten ließt sich so flüssig wie ein guter Roman weg, der Unterhaltungswert ist erstklassig – Respekt gebührt hierbei nicht zuletzt der deutschen Übersetzung durch Doris Hummel.

Unangenehm befremdlich muten heutzutage jene Abenteuergeschichten vor allem im kolonialen Afrika an, in denen die einheimischen Schwarzen nur allzu gerne als barbarische Anhänger uralter Kulte und Schrecken erscheinen („Wolfsgesicht“, „Die Hyäne“, „Der Mond von Zambebwei“). Was heute offen rassistisch erscheint, ging in den 20er Jahren wahrscheinlich noch als normaler Exotismus phantastischer Geschichten durch. Und auch wenn Rasse und ihr Phänotyp ein immer wieder betontes Motiv sind, so erreicht Howard doch immerhin nicht die unverhohlene Menschenverachtung seines Genossen Lovecraft. Ein ähnliches Motiv, das in mehreren Geschichten aufgegriffen wird, ist die Vorgeschichte Großbritanniens, vorgestellt als Abfolge von Eroberungen verschiedener Völker – wobei ein uraltes, nicht mehr ganz menschliches Volk zur Grundlage für die Zwerge, Elfen und anderen Wesen des Volksglaubens wurde und unterirdisch in schrecklich degenerierter Form überlebt hat („Volk der Finsternis“, „Das kleine Volk“). Hinter diesem wiederkehrenden Motiv steckt bei Howard mehr als ein bloßer Fantasy-Topos, wie gerade diese Ausgabe herauszustellen weiß: Drei im Anhang abgedruckte Briefe zwischen Howard, Lovecraft und ihrem Verleger Farnsworth Wright zeugen von den den komplexen ethnologischen Überlegungen, die Howards Darstellungen zugrunde lagen. Auf Basis damaliger linguistischer und archäologischer Theorien entwickelte Howard eigene Modelle zur ethnischen Vorgeschichte Britanniens, die er in seinen Geschichten verarbeitete und auch mit Lovecraft lebhaft diskutierte. Mögen diese Ansätze im Rahmen der heutigen Forschung größtenteils obsolet geworden sein, so sind sie doch auf faszinierende Weise Zeitdokument der Gelehrsamkeit jener Zeit vor fast einhundert Jahren, für die Howard ein bemerkenswertes Maß historischer Kenntnisse in seine Texte integrierte. Dieser Mentalitätswandel der Forschung ist wohl noch bezeichnender in „Speer und Reißzähne“, Howards erster im Alter von 18 Jahren an die Zeitschrift Weird Tales verkaufter Geschichte: Geschildert wird der Konflikt zwischen Cro-Magnon-Menschen und Neandertalern in der Steinzeit – erstere etwas und letztere extrem barbarisch dargestellt, wie es Anfang des 20. Jahrhunderts noch weithin den etablierten Klischees entsprach. Überhaupt sind geschichtliche Bezüge, verhältnismäßig gut recherchiert, typisch für Howards Werk, zu dem schließlich auch ganze Zyklen historischer Erzählungen gehören (auf Deutsch u.a. in den Sammelbänden „Die Schwertkämpferin“ und „Der Löwe von Tiberias“ erschienen). Gerne lässt er dabei auch mehrere Zeitebenen sich überschneiden – in „Das Feuer von Asshurbanipal“ etwa, wo Schatzsucher eine alte assyrische Ruinenstadt in der arabischen Wüste aufsuchen, oder in „Volk der Finsternis“ selbst, da in Form einer Vision Ereignisse in der Gegenwart mit solchen in der fernen britischen Vorgeschichte parallelisiert werden.

Der Mythos des Cthulhu: Erzählungen von [Robert E. Howard]

Das Werk von Robert E. Howard lädt auf vielerlei Weise zur Erörterung ein: Hinsichtlich der verarbeiteten historischen Stoffe und ihrer Forschungsgeschichte im frühen 20. Jahrhundert ebenso wie im Kontext der zeitgenössischen Phantastik aus dem Umkreis von Weird Tales, gleichsam vor dem Hintergrund der Person und Biographie Howards wie seiner literarischen Bekanntschaften und Vorbilder. Bei aller Analyse aber sind die phantastischen Geschichten doch zuallererst großartige Unterhaltung, die so lebendig wie das Werk kaum eines anderen in exotische Zeiten und Länder voller finsterer Bedrohungen entführt.

Mehrere Geschichten aus „Volk der Finsternis“ sind übrigens auch in dem jüngst erschienenen Band „Der Mythos des Cthulhu“ enthalten. Dieser versammelt als Paperback (im Gegensatz zu den teuren Hardcovern der fünfbändigen Reihe) auf rund 500 Seiten sämtliche Cthulhu-Mythos-Geschichten Howards, die verteilt auch in den gesammelten Horrorgeschichten enthalten sind.

Steine für Giganten (1/3) – Die Riesenhämmer von Great Orme

Bearbeitete und unbearbeitete Steingeräte aus der Great-Orme-Mine (Lewis 1996, 115).

Wohl in die tausende gehen die Berichte über Skelette von Riesen, die angeblich zu allen Zeiten und in vielen Ländern entdeckt wurden. Doch neben diesen hat längst auch eine andere Fundgattung das Interesse der parawissenschaftlichen „Gigantologie“ geweckt: Werkzeuge von einer solchen Größe, dass vermeintlich nur übermenschlich große Personen sie benutzt haben können. Während die Riesenskelette seltsamerweise samt und sonders nicht mehr auffindbar sind, lassen sich manche dieser Artefakte durchaus in Museen bestaunen. Ein Beispiel für solche Objekte bilden die „Riesenhämmer“ der Great-Orme-Mine, die inzwischen auf zahlreichen einschlägigen Seiten zitiert werden.

2008 erschien im Nexus-Magazin ein Artikel mit dem Titel „Riesenmenschen wandelten auf der Erde“.[1] Der Autor Ted Twietmeyer ist langjähriger Projektmanager, der nach Aussage des Autorenportraits der Zeitschrift bereits für die NASA und das US-Verteidigungsministerium arbeitete. Schwerpunkt des Artikels bildet die Vorstellung mutmaßlicher Riesen-Artefakte. Garniert wird dies durch generetypische Ausblicke auf falsch betitelte mesopotamische Reliefs und vorzeitliche Megalithanlagen. Mittlerweile ist der gesamte Text im alternativhistorischen Portal Atlantisforschung.de verfügbar, auch eine englische Fassung findet sich auf mehreren einschlägigen Seiten im Internet.[2] Der Riesen-Blog Greater Ancestor World Museum übernahm einen Großteil des Artikels wortwörtlich, aber ohne Quellenangabe.[3]

Die Hammersteine von Great Orme

Im Norden von Wales liegt die Great-Orme-Mine, mit über acht Kilometern an Tunneln die größte bislang entdeckte vorgeschichtliche Kupfermine. In der Bronzezeit von 1800 – 1200 v.u.Z. wurde hier in großem Maßstab Kupfer abgebaut, bevor mit Erreichen des Grundwasserspiegels und der zunehmenden Etablierung von Eisen schließlich die Bedeutung des dortigen Bergbaus schwand. Erst in der Neuzeit kam es zu neuerlichen Minenaktivitäten, die vom 18. bis ins frühe 19. Jahrhundert andauerten. Ausgrabungen förderten über 20.000 Tierknochen und rund 3.000 Steinhämmer zutage, die die Great-Orme-Mine zu einem herausragenden archäologischen Fundplatz machen.[4]
Das Gewicht der steinernen Hämmer rangiert zwischen 2 und 29 kg bei einer Länge von 5 bis 40 cm.[5] Während also die meisten Stücke relativ konventionelle Ausmaße zeigen, fallen einige deutlich aus dem Rahmen. Auf diese „Riesenhämmer“ bezieht sich Twietmeyer in seinem Artikel:

Die größten heute benutzten Vorschlaghämmer wiegen 20 Pfund (etwa 9 kg) (Abb. 1), obwohl solche in der 10-Pfund-Kategorie (4,5 kg) im Alltag häufiger zu finden sind. Ein erwachsener Mensch (ohne Rückenprobleme) kann einen 20-Pfund-Hammer schwingen, wenn auch nur für begrenzte Zeit. […] Also – wer oder was hätte diesen Knochenjob mit einem 64-Pfünder ausüben können? Erhöhen wir einmal die Körpergröße der damaligen Menschen auf Proportionen, die sie in die Lage versetzen würden, so ein Werkzeug zu benutzen. Dann müssen die Arbeiter in der Kupfermine Riesen gewesen sein – vielleicht 3,70 m bis 5,50 m groß, etwa dreimal größer als ein heutiger Durchschnittsmensch.“[6]

Die Existenz der überdimensionierten Hämmer wird in den archäologischen Publikationen bestätigt – nur über ihre Deutung lässt sich streiten. Kommen tatsächlich nur Riesen als Nutzer solch schwerer Werkzeuge in Betracht?

Überdimensionierte Waffen und Werkzeuge sind im archäologischen Befund kein Einzelfall und werden regelmäßig von Befürwortern der Riesenthese herangezogen. Anhand der Objekte selber lässt sich meist weder eine Nutzung noch eine Nicht-Nutzung durch Riesen belegen, Urteile hierzu geschehen eher über Plausibilitätsargumente wie Ockhams Rasiermesser[7]. Anders sieht es tatsächlich bei den Hämmern von Great Orme aus. Abnutzungsspuren belegen hier, dass die meisten der Steine tatsächlich genutzt wurden, was etwa eine Deponierung als bloßes „Kultobjekt“ eher ausschließt.[8] Anhand von Bearbeitungsspuren lässt sich teilweise auf die Art Nutzung schließen, wie Andrew Lewis in seiner Abschlussarbeit über die Great-Orme-Mine erläutert:

A few (~5%) of the tools exhibited signs of modification to aid with hafting for handles or supportive slings. Where modification was observed it normally consisted of light nicking or pecking on either side of the midriff, or in exceptional cases, shallow grooving to the same positions (figures 29g, 30g). Modified hammers from the surface spoil deposits tend to be around 3kg in weight. No hammers with continuous grooving are known from the site. In the case of the large hammers or pounders, even though no signs of modification are present, it would have been difficult to handle such large tools and therefore some type of sling arrangement is likely to have been fitted, perhaps used in a similar fashion to the modern day ‘demolition hammer’.[9]

Nur ein kleiner Teil der Hammersteine zeigt Modifikationen zur Befestigung an Stielen oder Schlingen, darunter keiner der überdimensionierten Hämmer. Der Vergleich mit einem geschäfteten Hammer, wie er heutzutage verwendet und von Twietmeyer skizziert wird, ist damit gegenstandslos und zeugt von mangelhafter Kenntnis der tatsächlichen Funde.
Vielmehr, so die Annahme von Lewis, könnten die großen Steine in einer Schlingenvorrichtung ähnlich modernen Abrissbirnen verwendet worden sein. Dabei wäre auch eine Beteiligung mehrerer Menschen beim Schwingen denkbar, ein Anheben und Zuschlagen mit bloßer Muskelkraft eines Einzelnen nicht notwendig. Diese banale Erklärung einer sinnvollen Verwendung der Hammersteine kommt ohne eine hypothetische Riesenrasse aus. Gemäß Ockhams Rasiermesser ist somit die Abrissbirnen-Hypothese zu bevorzugen, solange Existenz und Anwesenheit vorzeitlicher Riesen nicht anderweitig belegt sind. Doch könnte es sein, dass solche Belege längst vorliegen – in Form altorientalischer Bildnisse und megalithischer Monumente, wie Twietmeyer im Anschluss spekuliert?

(Twietmeyer 2008)

 

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Artikel als PDF: WK.LI_2020_Steine für Giganten

Quellen

[1] Ted Twietmeyer, Riesenmenschen wandelten auf der Erde. Nexus-Magazin 17 (2008).
Kopie unter: https://atlantisforschung.de/index.php?title=Riesenmenschen_wandelten_auf_der_Erde

[2] Ted Twietmeyer, There Were Giants in the Earth in Those Days: Evidence Of Giants Who Walked The Earth…..Page 25

Ted Twietmeyer, Evidence Of Giants Who Walked The Earth.

[3] Greater Ancestor World Museum, Who could have weilded a 64lb Hammer? (28.04.2011)

[4] Sian James: Digging into the darkness: the experience of copper mining in the Great Orme, North Wales, in: Marion Dowd / Robert Hensey (Hg.), The Archaeology of Darkness. Oxbow Books, Oxford/Philadelphia 2016, 75-83 (76). Twietmeyer bezieht sich mit einer Angabe von 6 km Länge und über 2.500 Hämmern womöglich auf eine ältere Quelle.

[5] C. Andrew Lewis: Prehistoric Mining at the Great Orme. Criteria for the identification of early mining. University of Wales, Bangor 1996, 118: „The most common (90-95%) implement from the site are unmodified generally ovoid shaped pebble, cobble and boulder sized beach derived stones, typically they are described as hammers, mauls, pounders and crushers. They vary greatly in size and shape from some of 50mm long, 0.25 kg in weight to others up to 400mm long and weighing 29kg (64lbs).”

[6] Twietmeyer 2008.

[7] d.h. die Erklärung ist am geeignetsten, die mit den geringsten Zusatzhypothesen auskommt, womit „konventionellen“ Erklärungen etwa gegenüber Riesen, Aliens und Zauberei zu bevorzugen sind.

[8] Lewis 1996, 118.

[9] Lewis 1996, 118 f.

[10] Twietmeyer 2008.

Steine für Giganten (2/3) – Riesen im alten Mesopotamien?

(Twietmeyer 2008)

Auf die Great-Orme-Werkzeuge folgt der obligatorische Hinweis auf die biblischen Nephilim (samt außerirdischer Deutung), die in keiner grenzwissenschaftlichen Publikation über Riesen fehlen dürfen. Eindrucksvoller aber scheinen Relikte aus einem anderen Kulturkreis: „In sumerischen Texten und Bildern finden wir Hinweise auf eine Riesen-Rasse“. Anstelle von Texten jedoch müssen zwei Abbildungen herhalten, die auf den ersten Blick für sich sprechen.
Die Wahl ausgerechnet der Sumerer kann kaum ein Zufall sein: Kaum eine Zivilisation (ausgenommen Ägypten) steht mehr für uralte Hochkultur mit rätselhaften Überlieferungen. Durch Zecharia Sitchins Anunnaki-Theorien ist die sumerisch-babylonische Mythologie untrennbar mit den Thesen der Präastronautik assoziiert. Hinzu kommt die geographische wie kulturelle Nähe zum antiken Israel, der von nur allzu vielen Riesen bevölkerten Welt des Alten Testaments. All dies vermag zusammen mit Bildern beeindruckender Kunstwerke hervorragend darüber hinwegzutäuschen, dass gerade Mesopotamien hinsichtlich seiner Überlieferungen ein erstaunlich riesenarmer Kulturkreis ist. Doch bereits die beiden Bilder bergen Probleme.

Bei der Abbildung 4 handelt es sich um die Monumentalstatue AO19861, heute neben mehreren menschenköpfigen Stieren im Louvre zu bestaunen. Betitelt ist sie doppelt fehlerhaft als „Sumerischer Riese mit sechs Fingern“. Tatsächlich ist die Statue mitnichten sumerisch. Vielmehr stammt sie aus Dur Šarrukin (heute Chorsabad), einer der Residenzstädte des Neuassyrischen Reiches. Der assyrische König Sargon II. (721-705 v.u.Z.) ließ sie ab 717 als neue Königsresidenz erbauen. Nach seinem Tod jedoch wurde der Regierungssitz von seinem Sohn und Nachfolger Sanherib aufgegeben und der Regierungssitz nach Ninive verlegt.[2] Die assyrische Statue datiert damit rund 1300 Jahre jünger als das Ende der sumerischen Kultur.
Dass die überlebensgroße Figur auch tatsächlich eine übergroße Person repräsentiert, erkennt man an dem zugehörigen Löwen – eigentlich lebensgroß dargestellt, erscheint dieser in den Armen des hünenhaften Helden wie eine harmlose Hauskatze. Dargestellt ist möglicherweise der aus dem Gilgamesch-Epos bekannte Held Enkidu. Diese alles andere als sichere Identifikation beruht nicht zuletzt auf der sehr ähnlichen, vom selben Ort stammenden Statue AO19862. Diese wird unter anderem aufgrund der Maße als Abbild des mythischen Königs Gilgamesch gedeutet. Sie ist mit rund 5,5 m ebenso groß wie der legendäre Held nach Aussage des bekannten Epos. Enkidu wird im Epos als ein wenig kleiner beschrieben, was auch auf die zweite Statue zutrifft.[3] Ist diese Identifikation korrekt, so sind mit den beiden Statuen tatsächlich die beiden einzigen bekannten Riesen der mesopotamischen Mythologie dargestellt. Das Gilgamesch-Epos charakterisiert beide eindeutig als übermenschlich groß – auch wenn sie keine Vertreter einer besonderen Rasse von Riesen sind. Gilgamesch ist als Sohn der Göttin Ninsumun und des zumindest teilweise göttlichen Königs Lugalbanda „zu zwei Dritteln Gott und einem Drittel Mensch“, von den Göttern mit besonderen Eigenschaften ausgestattet. Enkidu dagegen wird von der Muttergöttin Aruru individuell aus Lehm geschaffen, um Gilgamesch einen gleichstarken Gegner entgegenzusetzen. Andere explizit als Riesen charakterisierte Gestalten existieren in der mesopotamischen Mythen- und Sagenwelt nicht[4] – einen Grenzfall vielleicht ausgenommen:
Durch die markante Frisur verkörpert die Statue zugleich den ikonographischen Typus des „sechslockigen Helden“. Diese Gestalten treten vor allem in Siegelbildern häufig auf. Dort kämpfen sie meist gegen Tiere und Mischwesen oder dienen als Torwächter. Ob sie als Riesen vorgestellt wurden, lässt sich aufgrund der nicht naturalistischen Proportionen der Siegelbilder unmöglich sagen. Nach einer etablierten Theorie sind diese bildlich belegten „Helden“ mit den in mythologischen und rituellen Texten bezeugten Laḫmū zu identifizieren. Diese treten mythisch vor allem als Diener des Weisheitsgottes Enki (akkadisch Ea) auf[5]; zudem werden sie als schützende Numina in Ritualen angerufen. Konkrete Belege für eine Vorstellung der Laḫmū als Riesen gibt es keine.

Höher aufgelöstes Foto der Statue – der „sechste Finger“ ist nur das Ende des Griffes in der Hand.

Die Erwähnung von „sechs Fingern“ bei Twietmeyer ist eine in grenzwissenschaftlichen Kreisen wohlbekannte Chiffre: Ausgehend von der Beschreibung eines Riesen mit sechs Fingern und Zehen an Händen und Füßen in der Bibel[6] wird dieses Detail regelmäßig den hypothetischen vorzeitlichen Riesenrassen zugeschrieben. Ist also auch ein mesopotamischer Riese so dargestellt, bestünde eine Verbindung und somit ein Beleg für die biblische Riesenüberlieferung der Nephilim – so die Theorie.
Bei näherer Betrachtung kommen hinsichtlich der sechs Finger jedoch gewisse Zweifel. Was auf dem schlecht aufgelösten Foto bei Twietmeyer wie ein zweiter Daumen an der Innenseite der Hand aussieht, offenbart sich bei einem besseren Foto der Statue[7] als bloßer Fortsatz vom Griff der Knute in der Hand des Helden. Auch die zweite Hand weist nur fünf sichtbare Finger auf.

Die zweite Abbildung betitelt Twietmeyer als „Sumerische Tontafel mit sitzendem Riesen-König“. Auch hier stimmt wenig: Das Relief ist weder sumerisch noch eine Tontafel noch die Darstellung eines Riesenkönigs.
Abgebildet ist die Steintafel des Nabû-apla-iddina, durch die Inschrift eindeutig in das Jahr 853 v. Chr. und damit in die neubabylonische Zeit zu datieren (über 1100 Jahre nach dem Ende der sumerischen Kultur). Bei der thronenden Gestalt handelt es sich nicht um einen Riesenkönig, sondern um den Sonnengott Šamaš. Die mehrfache Hörnerkrone identifiziert den Sitzenden als Gottheit; die Zuordnung zu Šamaš belegen sowohl die vor ihm zu sehende Sonnenscheibe als auch die Inschrift.[8]

Der Name des Gottes: dUTU = Šamaš

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Quellen

[1] Twietmeyer 2008.

[2] Grant Frame: Khorsabad, in: Eric M. Meyers (Hg.), The Oxford Encyclopedia of Archaeology in the Ancient Near East Volume 3. Oxford University Press, New York/Oxford 1997, 295-298 (295).

[3] Amar Annus: Louvre Gilgamesh (AO 19862) is depicted in life size. NABU 2012, Nr. 32.

[4] Der im Gilgamesch-Epos auftretende Gegner Humbaba (sum. Huwawa) wird zwar modern häufig als Riese bezeichnet, im Text jedoch eher als eine übernatürlich-göttliche Entität beschrieben.

[5] So etwa im Atram-ḫasis-Epos und der mythischen Erzählung Inana und Enki.

[6] 2. Sam. 21, 20-21: „Und es erhob sich noch ein Krieg bei Gat. Da war ein langer Mann, der hatte sechs Finger an seinen Händen und sechs Zehen an seinen Füßen, das sind vierundzwanzig an der Zahl, und auch er war vom Geschlecht der Riesen. Und als er Israel hohnsprach, erschlug ihn Jonatan, der Sohn Schammas, der ein Bruder Davids war.“

[7] Bild: Gil Dbd (Lizenz CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons)

[8] Winfried Orthmann (Hrsg.): Der Alte Orient. Propyläen Kunstgeschichte 14. Propyläen Verlag Berlin, Berlin 1975, 325 f (Nr. 248).