Die Gabel, die Hexe und der Wurm

Fast acht Jahre ist es nunmehr her, dass Christopher Paolini mit „Das Erbe der Macht“ seine Bestsellerreihe „Eragon“ zum Abschluss brachte – so schien es. Nun aber erschien unvermittelt der Fortsetzungsband „Die Gabel, die Hexe und der Wurm“, nach langer Stille endlich wieder ein Werk aus der phantastischen Welt Alagaësia. Indes handelt es sich nicht um einen regulären fünften Teil der Romanreihe (den Paolini indes schon ankündigte, auch wenn darauf noch lange zu warten sein dürfte), sondern um einen kurzen Band von drei Kurzgeschichten, die mehr oder minder flüssig durch eine Rahmenhandlung verbunden sind. So liegt sofort die Vermutung auf der Hand, hier werde nur mit einem minderwertigen Produkt Kapital aus einem erfolgreichen Franchise geschlagen (Man könnte diesem Phänomen den Namen „Rowling-Syndrom“ geben). Diese Vermutung zerschlägt sich beim Lesen nur insofern, dass sie zur Gewissheit wird.
Schon der Beginn löst die seit dem Ende des vierten Bandes offenstehende Frage auf, was nach seinem großen Sieg über Galbatorix aus Drachenreiter Eragon wurde – nunmehr hat er einen Berg irgendwo in weiter Ferne zu seiner Residenz erklärt und ist angestrengt dabei, diesen zu einem zukunftsträchtigen Stützpunkt für eine neue Generation von Drachenreitern auszubauen. Die erste eingeschobene Geschichte indes führt uns zu Murtagh, dessen Schicksal mit weit größerer Spannung erwartet worden sein dürfte als das des Titelhelden. Der gerät in einem Wirtshaus in einen Konflikt, stößt auf ein altes Geheimnis und … das war’s. Was als vielversprechender Anfang einer neuen Fantasy-Geschichte beginnt, bleibt genau das: Der spannende Anfang eines hypothetischen Romans, der erst noch geschrieben werden muss. Weniger Fragen lässt dagegen die zweite Geschichte offen, die genau genommen keine Kurzgeschichte im eigentlichen Sinne ist, sondern eigentlich nur in wenigen Szenen auf das Schicksal von Kräuterhexe Angela und Wunderkind Elva eingeht – nett zu wissen, ein willkommener Exkurs irgendwo im zweiten Drittel eines 500-Seiten-Romans, als eigene Geschichte aber nicht recht tragfähig. Als einzige in sich vollständig wirkt schließlich die dritte Geschichte – die lebendige Schilderung des Konflikts eines Urgal-Stammes mit einem wilden Drachen irgendwann in grauer Vorzeit. Das ergibt letztlich eine solide Fantasy-Erzählung, natürlich mit ein paar alten Klischees beladen, aber interessant durch die neue Urgal-Perspektive.
Magere 304 Seiten hat das Werk, doch ist dies mehr Schein als Sein: Schriftgröße, Zeilenabstand und Seitenränder machen „Die Gabel, die Hexe und der Wurm“ zu einem der größten Seitenschinder, die mir bislang untergekommen sind, die Textdichte dürfte der eines durchschnittlichen Comics entsprechen. Was also für 18€ als Hardcover verkauft wird, ist de facto nicht mehr als ein Appetithäppchen von Broschürenformat – gut geeignet, Lust auf einen kommenden Roman zu wecken, nicht wirklich angemessen indes als eigenständiges Werk. (Man will an dieser Stelle nur bemerken, dass Markus Heitz seine „Doors“-Reihe mit einer wahrscheinlich ebenso umfangreichen Pilotfolge als KOSTENLOSES e-book beginnen ließ.) Deprimierend ist dieses Ansinnen auch angesichts der Gewissheit, dass Christopher Paolini in Sachen Schreibeffizienz weniger Autoren wie Heitz, als vielmehr George R. R. Martin nacheifert …
Unterhaltsam ist das Buch schon, daran ist nichts auszusetzen, und man kann den Autor absolut verstehen, diese paar Geschichten verfasst zu haben, auch ganz aus kreativer statt monetärer Motivation. Zumindest während der kurzen Zeit des Lesens werden eingefleischte Fans der Reihe wahrscheinlich eine gewisse Freude an dem Werk empfinden. Als ganzes neues Buch herauszugeben, was letztlich nicht mehr ist als eine durchschnittliche Fantasyerzählung nebst ein paar Vorausblicken auf eine vielleicht irgendwann einmal erscheinende Fortsetzung, unter normalen Umständen Stoff für entweder ein kurzes e-book oder ein Viertel einer richtigen Geschichtensammlung, ist indes eine verlegerische Unverschämtheit. Und als wolle der Verlag seine dumm-treuen Stammleser noch weiter ärgern, hat das Hardcover (!) noch nicht einmal dasselbe Format wie die bisher erschienenen Teile der Reihe, auf dass es im Regal fortan stets als das erscheine, was es ist: Ein zweitklassiger Appendix, der ungeliebte kleine Bruder einer einst großartigen Fantasy-Reihe.