Steine für Giganten (2/3) – Riesen im alten Mesopotamien?

(Twietmeyer 2008)

Auf die Great-Orme-Werkzeuge folgt der obligatorische Hinweis auf die biblischen Nephilim (samt außerirdischer Deutung), die in keiner grenzwissenschaftlichen Publikation über Riesen fehlen dürfen. Eindrucksvoller aber scheinen Relikte aus einem anderen Kulturkreis: „In sumerischen Texten und Bildern finden wir Hinweise auf eine Riesen-Rasse“. Anstelle von Texten jedoch müssen zwei Abbildungen herhalten, die auf den ersten Blick für sich sprechen.
Die Wahl ausgerechnet der Sumerer kann kaum ein Zufall sein: Kaum eine Zivilisation (ausgenommen Ägypten) steht mehr für uralte Hochkultur mit rätselhaften Überlieferungen. Durch Zecharia Sitchins Anunnaki-Theorien ist die sumerisch-babylonische Mythologie untrennbar mit den Thesen der Präastronautik assoziiert. Hinzu kommt die geographische wie kulturelle Nähe zum antiken Israel, der von nur allzu vielen Riesen bevölkerten Welt des Alten Testaments. All dies vermag zusammen mit Bildern beeindruckender Kunstwerke hervorragend darüber hinwegzutäuschen, dass gerade Mesopotamien hinsichtlich seiner Überlieferungen ein erstaunlich riesenarmer Kulturkreis ist. Doch bereits die beiden Bilder bergen Probleme.

Bei der Abbildung 4 handelt es sich um die Monumentalstatue AO19861, heute neben mehreren menschenköpfigen Stieren im Louvre zu bestaunen. Betitelt ist sie doppelt fehlerhaft als „Sumerischer Riese mit sechs Fingern“. Tatsächlich ist die Statue mitnichten sumerisch. Vielmehr stammt sie aus Dur Šarrukin (heute Chorsabad), einer der Residenzstädte des Neuassyrischen Reiches. Der assyrische König Sargon II. (721-705 v.u.Z.) ließ sie ab 717 als neue Königsresidenz erbauen. Nach seinem Tod jedoch wurde der Regierungssitz von seinem Sohn und Nachfolger Sanherib aufgegeben und der Regierungssitz nach Ninive verlegt.[2] Die assyrische Statue datiert damit rund 1300 Jahre jünger als das Ende der sumerischen Kultur.
Dass die überlebensgroße Figur auch tatsächlich eine übergroße Person repräsentiert, erkennt man an dem zugehörigen Löwen – eigentlich lebensgroß dargestellt, erscheint dieser in den Armen des hünenhaften Helden wie eine harmlose Hauskatze. Dargestellt ist möglicherweise der aus dem Gilgamesch-Epos bekannte Held Enkidu. Diese alles andere als sichere Identifikation beruht nicht zuletzt auf der sehr ähnlichen, vom selben Ort stammenden Statue AO19862. Diese wird unter anderem aufgrund der Maße als Abbild des mythischen Königs Gilgamesch gedeutet. Sie ist mit rund 5,5 m ebenso groß wie der legendäre Held nach Aussage des bekannten Epos. Enkidu wird im Epos als ein wenig kleiner beschrieben, was auch auf die zweite Statue zutrifft.[3] Ist diese Identifikation korrekt, so sind mit den beiden Statuen tatsächlich die beiden einzigen bekannten Riesen der mesopotamischen Mythologie dargestellt. Das Gilgamesch-Epos charakterisiert beide eindeutig als übermenschlich groß – auch wenn sie keine Vertreter einer besonderen Rasse von Riesen sind. Gilgamesch ist als Sohn der Göttin Ninsumun und des zumindest teilweise göttlichen Königs Lugalbanda „zu zwei Dritteln Gott und einem Drittel Mensch“, von den Göttern mit besonderen Eigenschaften ausgestattet. Enkidu dagegen wird von der Muttergöttin Aruru individuell aus Lehm geschaffen, um Gilgamesch einen gleichstarken Gegner entgegenzusetzen. Andere explizit als Riesen charakterisierte Gestalten existieren in der mesopotamischen Mythen- und Sagenwelt nicht[4] – einen Grenzfall vielleicht ausgenommen:
Durch die markante Frisur verkörpert die Statue zugleich den ikonographischen Typus des „sechslockigen Helden“. Diese Gestalten treten vor allem in Siegelbildern häufig auf. Dort kämpfen sie meist gegen Tiere und Mischwesen oder dienen als Torwächter. Ob sie als Riesen vorgestellt wurden, lässt sich aufgrund der nicht naturalistischen Proportionen der Siegelbilder unmöglich sagen. Nach einer etablierten Theorie sind diese bildlich belegten „Helden“ mit den in mythologischen und rituellen Texten bezeugten Laḫmū zu identifizieren. Diese treten mythisch vor allem als Diener des Weisheitsgottes Enki (akkadisch Ea) auf[5]; zudem werden sie als schützende Numina in Ritualen angerufen. Konkrete Belege für eine Vorstellung der Laḫmū als Riesen gibt es keine.

Höher aufgelöstes Foto der Statue – der „sechste Finger“ ist nur das Ende des Griffes in der Hand.

Die Erwähnung von „sechs Fingern“ bei Twietmeyer ist eine in grenzwissenschaftlichen Kreisen wohlbekannte Chiffre: Ausgehend von der Beschreibung eines Riesen mit sechs Fingern und Zehen an Händen und Füßen in der Bibel[6] wird dieses Detail regelmäßig den hypothetischen vorzeitlichen Riesenrassen zugeschrieben. Ist also auch ein mesopotamischer Riese so dargestellt, bestünde eine Verbindung und somit ein Beleg für die biblische Riesenüberlieferung der Nephilim – so die Theorie.
Bei näherer Betrachtung kommen hinsichtlich der sechs Finger jedoch gewisse Zweifel. Was auf dem schlecht aufgelösten Foto bei Twietmeyer wie ein zweiter Daumen an der Innenseite der Hand aussieht, offenbart sich bei einem besseren Foto der Statue[7] als bloßer Fortsatz vom Griff der Knute in der Hand des Helden. Auch die zweite Hand weist nur fünf sichtbare Finger auf.

Die zweite Abbildung betitelt Twietmeyer als „Sumerische Tontafel mit sitzendem Riesen-König“. Auch hier stimmt wenig: Das Relief ist weder sumerisch noch eine Tontafel noch die Darstellung eines Riesenkönigs.
Abgebildet ist die Steintafel des Nabû-apla-iddina, durch die Inschrift eindeutig in das Jahr 853 v. Chr. und damit in die neubabylonische Zeit zu datieren (über 1100 Jahre nach dem Ende der sumerischen Kultur). Bei der thronenden Gestalt handelt es sich nicht um einen Riesenkönig, sondern um den Sonnengott Šamaš. Die mehrfache Hörnerkrone identifiziert den Sitzenden als Gottheit; die Zuordnung zu Šamaš belegen sowohl die vor ihm zu sehende Sonnenscheibe als auch die Inschrift.[8]

Der Name des Gottes: dUTU = Šamaš

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Quellen

[1] Twietmeyer 2008.

[2] Grant Frame: Khorsabad, in: Eric M. Meyers (Hg.), The Oxford Encyclopedia of Archaeology in the Ancient Near East Volume 3. Oxford University Press, New York/Oxford 1997, 295-298 (295).

[3] Amar Annus: Louvre Gilgamesh (AO 19862) is depicted in life size. NABU 2012, Nr. 32.

[4] Der im Gilgamesch-Epos auftretende Gegner Humbaba (sum. Huwawa) wird zwar modern häufig als Riese bezeichnet, im Text jedoch eher als eine übernatürlich-göttliche Entität beschrieben.

[5] So etwa im Atram-ḫasis-Epos und der mythischen Erzählung Inana und Enki.

[6] 2. Sam. 21, 20-21: „Und es erhob sich noch ein Krieg bei Gat. Da war ein langer Mann, der hatte sechs Finger an seinen Händen und sechs Zehen an seinen Füßen, das sind vierundzwanzig an der Zahl, und auch er war vom Geschlecht der Riesen. Und als er Israel hohnsprach, erschlug ihn Jonatan, der Sohn Schammas, der ein Bruder Davids war.“

[7] Bild: Gil Dbd (Lizenz CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons)

[8] Winfried Orthmann (Hrsg.): Der Alte Orient. Propyläen Kunstgeschichte 14. Propyläen Verlag Berlin, Berlin 1975, 325 f (Nr. 248).

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