Davenport Tablets

Fundumstände. Nachdem er im Jahr 1868 nach Davenport, Iowa, gezogen war, widmete sich der Reverend Jacob Gass Ausgrabungen an den örtlichen Grabhügeln, wobei er einige respektable Funde machte. Im Januar 1877 stieß er in einem der Mounds auf zwei Schiefertafeln mit rätselhaften Gravuren; der Fund wurde wenig später am 26.01. in der zweiten Ausgabe der Proceedings of the Davenport Academy of Sciences (82) verkündet. Diese Davenport Tablets fallen in den Kreis des sogenannten Moundbuilder-Mythos – sie schienen einen Beleg für den in der alten Welt vermuteten Ursprung der Moundbuilder-Kultur zu liefern.1:27f

Beschreibung. Die größere der beiden Platten (mittlerweile auseinandergebrochen) ist auf beiden Seiten graviert. Die eine zeigt neben Darstellungen von Sonne und Mond sowie kleinen menschlichen Gestalten zwei einen Halbkreis von drei Linien, darin und darum zahlreiche Schriftzeichen in lateinischer und griechischer sowie möglicherweise weiterer Schriften; die Rückseite zeigt eine Reihe einfach gezeichneter Tiere und Pflanzen. Die zweite, kleinere Tafel ist nur auf einer Seite graviert; sie zeigt mehrere konzentrische Kreise, die etwa als Tierkreis gedeutet wurden. Sie weist darüber hinaus zwei Löcher auf.1:29-32

Diskussion. Die Davenport Tablets wurden schnell – unter anderem von dem Ethnologen und Widerleger des Moundbuilder-Mythos Cyrus Thomas – als moderne Fälschungen identifiziert. Schon oberflächlich sprechen dafür die amateurhafte Gestaltung des Dargestellten sowie die offenbar sinnlose Kombination verschiedener Schriftsysteme, für die es keinen nachvollziehbaren Grund gibt. Der Schiefer, aus dem die Tafeln bestehen, ist der gleiche, aus dem auch das Dach eines nahe der Davenport Academy befindlichen Bordells besteht – auch die beiden Löcher auf der zweiten Tafel entsprechen exakt den Nagellöchern der Dachpfannen zur Befestigung am Hausdach.1:31
Reverend Gass berichtete über den Fund der Tafeln, das Erdreich über diesen sei lose und aufgewühlt gewesen, Knochen darin durcheinandergebracht, was für einen gestörten Kontext und folglich eine Deponierung der Tafeln im Mound spricht. Eine der Tafeln sei zudem in einer Umhüllung aus Steinen am Fuße des Hügels gefunden worden, die nicht mit Erde verfüllt war – was bei einer angenommenen Ruhezeit von rund zweitausend Jahren eine Unmöglichkeit darstellt.1:31
Als Verantwortliche der Fälschung und Deponierung kommen die Mitglieder der örtlichen Davenport Academy in Betracht, die dem jüngst zugezogenen und unbeliebten Ausländer Gass seine archäologischen Erfolge missgönnten. Einen solchen Plan behauptete auch der örtliche Richter James Willis Bollinger, der jedoch aufgrund seines Alters von damals neun Jahren selbst nicht aktiv an der Deponierung der Tafeln mitgewirkt haben kann. Der genaue Schuldige ist heute nicht mehr zu ermitteln.1:32f

Ü Marshall McKusick: The Davenport Conspiracy. Iowa State University Press, Ames 1991.

Ü 1Kenneth L. Feder: Archaeological Oddities. A Field Guide to Forty Claims of Lost Civilisations, Ancient Visitors, and Other Strange Sites in North America. Rowman & Littlefield, Lanham/London 2019, 26-34.

Ü http://pseudoarchaeology.org/a05/a05-pinsky.htm

B Popular Science Monthly Volume 51, 1897