Wunderkammer der Kulturgeschichte

Neue Links in der Wunderkammer (IV)

Wurden die spanischen Eroberer von Inka und Azteken tatsächlich als wiedergekehrte Götter begrüßt? Was hat es mit im Internet verbreiteten Artikeln über die Entdeckung einer Gruft mit schlafenden Riesen im Iran auf sich? Und wie kann man überhaupt die These vom erfundenen Mittelalter widerlegen? Die neuen Links in der Wunderkammer.

Camilla Townsend: Burying the White Gods: New Perspectives on the Conquest of Mexico

Katherine Reece: The Spanish Imposition

Jason Colavito: Exaggeration, Plagiarism and the Mysterious „Tunnels“ Under South America

Jason Colavito: Are Prehistoric Giants Waiting in a Stasis Chamber in Iran?

Shemir Amelirad u.a.: The iron age „Zagros Graveyard“ near Sanandaj (Iranian Kurdistan): Preliminary report on the first season (Gegendarstellung der echten Ausgräber zu den „Stasis-Mumien“ von Sanandaj)

Brian Dunning: The Phantom Time Hypothesis

Brian Dunning: Yonaguni Monument: The Japanese Atlantis

Brian Dunning: Draining the Baghdad Battery

Brian Dunning: Coral Castle

Neu: Das Riesenportal

Nachdem es ja einige Zeit recht ruhig um die Wunderkammer war, habe ich nun in den letzten Tagen ein neues (Achtung mittelmäßiger Kalauer) Riesenprojekt auf die Beine gestellt: Eine eigene Seite in der Wunderkammer der Kulturgeschichte widmet sich nun dem vielleicht ältesten und beständigsten Thema der „alternativen Archäologie“: Den angeblich immer wieder rund um den Globus gefundenen Skeletten von Riesen.
Derartige Berichte finden sich seit über zweitausend Jahren, spätestens beginnend mit den alten Griechen (wahrscheinlich aber schon viel früher). Heute sind es vor allem Grenz- und Pseudowissenschaftler, die solche alten und manchmal neuen Quellen sammeln und daraus Theorien über vorzeitliche Riesen ableiten – oft in Verbindung mit kreationistischen, katastrophistischen oder diffusionistischen Weltbildern. Was steckt hinter den 7 Ellen langen Gebeinen des Orestes, die die Spartaner 560 v. Chr. in Tegea fanden, was hinter den vielen hundert amerikanischen Zeitungsberichten aus dem 19. Jahrhundert über angeblich gefundene Riesenskelette?
Auf der Seite des neuen Portals habe ich bereits eine Menge an Quellen und Artikeln versammelt. Besonders aufschlussreich für die amerikanischen Riesen etwa sind die Recherchen von Andy White, im größeren Kontext auch unvermeidlich die Bücher Adrienne Mayors über mythologisch fehlinterpretierte Fossilien. Wie auch das normale Lexikon soll natürlich auch das „Riesenportal“ sukzessive um weitere Quellen und eigene Recherchen erweitert werden.

-> Das Riesenportal

Dolmen (oben) und Langbett von Goosefeld, Schleswig Holstein (Fotos LI). Die „Hünengräber“ der neolithischen Trichterbecherkultur wurden lange Zeit als Gräber oder Betten von Riesen angesehen. Symbolbilder, da kein echtes Riesenskelett zur Hand.

Neue Links in der Wunderkammer (III)

Hammer von London/Texas (Artikel von Glen Kuban)

Moorleichen des Afred Dieck (Überblick von Sabine Eisenbeiß & Wijnand van der Sanden)

Nowosiólki-Neandertaler in Rüstung (Originalquelle sowie Kritik von Jim Foley)

Pyramide von Gympie (Artikel von Elaine Brown und Anthony G. Wheeler)

Erhaltenes Dinosaurierblut/-gewebe (erste und zweite Kritik von Gary S. Hurd)

Limestone Cowboy (Artikel von Glen Kuban)

Neue Links in der Wunderkammer (II)

Gibt es noch immer Pterosaurier oder Plesiosaurier auf der Erde, wo diese doch seit 65 Millionen Jahren ausgestorben sein sollten? Sahen die alten Ägypter zur Zeit Thutmosis III. wirklich ein UFO? Und weshalb berichten mehrere antike Quellen unabhängig voneinander von geflügelten Schlangen, die die arabische Wüste östlich von Ägypten heimsuchen sollen? Die nachfolgenden Artikel bringen Licht ins Dunkel.

Lebende Pterosaurier (umfangreiche Kritik von Glen Kuban)

Adamsbrücke (Frontline-Artikel von R. Ramachandran)

Freiberger Kohleschädel (Artikel von André Kramer bei Mysteria3000)

Zuiyo-maru-Kadaver (Artikel von Glen Kuban)

Tulli-Papyrus / UFO-Sichtungen unter Thutmosis III. (Dokumentation von Ulrich Magin)

Hühnermensch von Waldenburg (Artikel von André Kramer bei Mysteria3000)

Geflügelte Schlangen von Arabien (Artikel von Karen Radner)

Neue Links in der Wunderkammer

In letzter Zeit habe ich dem Wunderkammer-Lexikon eine ganze Reihe von Links zu einschlägigen Artikeln hinzugefügt, die grenzwissenschaftliche Thesen dekonstruieren. Hier noch einmal zur Übersicht:

Osireion von Abydos (Artikel von Jason Colavito)

Bosnische Pyramiden (verschiedene Artikel von Irna)

Raumschiff des Hesekiel (Artikel von Ulrich Magin bei Mysteria3000)

Unterirdische Stadt von Moberly (Artikel & Quellen bei Jason Colavito)

Stegosaurus von Ta Prohm (siehe Artikel von Glen Kuban)

Moab Man / Malachite Man (Artikel von Glen Kuban)

Paluxy-River-Fußspuren (verschiedene Artikel von Glen Kuban)

Eolithen (Kritik von Martin Neukamm)

Erdställe (siehe Kritik von Josef Weichenberger)

Dorchester Pot (Analyse von Irna)

Abydos-Hieroglyphen (Artikel von Markus Pezold bei Mysteria3000)

Wunderkammer der Kulturgeschichte jetzt mit Direktlinks

In der Rubrik „Wunderkammer der Kulturgeschichte“ habe ich eine kleine Änderung des Konzepts vorgenommen: Bislang schrieb ich für jedes grenzwissenschaftliche Thema einen eigenen Beitrag, auch wenn sich dieser im Wesentlichen auf die Zusammenfassung einer einzelnen Quelle beschränkte (z.B. Kernbohrungen in Ägypten, kreidezeitlicher Menschenfinger und Handabdruck). In der Tat existieren für viele solche Themen bereits aufwendige wissenschaftliche Repliken (de facto: Widerlegungen), die den Gegenstand vollumfassend diskutieren – und mitunter zu komplex sind für eine kurze Zusammenfassung mit Wiedergabe der Beweisführungen. Solche Erörterungen, die im Internet zugänglich sind, werden von nun an direkt per Link in die beiden Überblicksseiten Lexikon von A-Z und Lexikon nach Herkunft/Thema eingebunden, ohne den Umweg über eine unnötige eigene Paraphrase. Dies wird einen raschen Ausbau des Lexikons in seinem Sinn als Nachschlagewerk ermöglichen.

Den Anfang machen zwei ausgezeichnete Artikel zu interessanten Themen:

Markus Pezold von Mysteria3000 erklärt, wie die Hieroglyphen im Tempel von Abydos zustande kommen, die an Darstellungen moderner Fahrzeuge gemahnen (hier).

Der Erdstallforscher Josef Weichenberger wiederum setzte sich eingehend mit den Thesen aus Heinrich & Ingrid Kuschs Buch Tore zur Unterwelt auseinander, dem zufolge im Raum der Steiermark kilometerlange Gangsysteme aus grauer Vorzeit existieren sollen (hier).

Weitere Links folgen in nächster Zeit.

Riesenfinger von Bir Hooker

1988 machte der Schweizer Diskothekenausstatter und Mysterybegeisterte Gregor Spörri in Ägypten eine rätselhafte Entdeckung. Nachdem ein Experiment, hypothetische Kräfte in der Cheops-Pyramide zu aktivieren, erfolglos verlaufen war, kam er in Kontakt mit dem Barkeeper seines Hotels, der einer Familie von Grabräubern entstammte und Spörri für einen Antiquitätenhändler hielt. Dieser organisierte ihm ein Taxi zu seinem Onkel Nagib, welcher nahe der kleinen Siedlung Bir Hooker bei Sadat City lebte. Gegen einen Obolus von 300 Dollar – nur zu zahlen, wenn das Versprochene ihm sein Geld wert sei – zeigte Nagib Spörri ein Objekt aus dem Nachlass seines Vaters, das er als einziges nie zu verkaufen beabsichtigte. Es handelte sich hierbei um einen mumifizierten Finger – von menschlicher Gestalt, doch insgesamt 38,4 cm lang, weitaus größer als jedes Glied menschlichen Ursprungs. Spörri durfte den Finger zwar nicht erwerben, doch wurde ihm erlaubt, diesen in der Hand zu halten und (mit einem Geldschein als Maßstab) zu fotografieren. Weiterhin zeigte Nagib ein Röntgenbild sowie ein „Echtheitszertifikat“, die angeblich in den 60er Jahren in einem Spital in Kairo angefertigt worden waren; auch diese konnte Spörri abfotografieren.
Nach seiner Rückkehr in die Heimat stieß Spörri mit seinen Nachforschungen auf Ablehnung, woraufhin er diese lange nicht weiterverfolgte. 2012 veröffentlichte er den fiktionalen Science-Fiction-Roman Lost God, in dem er die Erlebnisse aufgriff und so erneut ins Licht der Öffentlichkeit rückte. Bei einer erneuten Reise nach Ägypten konnte er das Bauernhaus von Nagib nicht mehr wiederfinden – die Gegend in der Nähe von Bir Hooker war bereits Anfang der 90er Jahre überbaut worden und das mysteriöse Erbstück somit im Dunkel der Geschichte verschwunden.1

Diskussion. Die Annahme einer Fälschung des Objekts aus monetären Gründen liegt nahe, doch fehlen dafür konkrete Belege. Da das Relikt selbst unglücklicherweise nicht mehr auffindbar ist, muss sich der Versuch einer Deutung auf die Handvoll Fotos beschränken, die Spörri 1988 schoss (u.a. oben/unten). Offenbar gehen alle in einschlägigen Berichten zu dem Finger vorliegenden Informationen auf die Publikationen Spörris (Roman, Website, mehrere Artikel in Magazinen) zurück – so auch die einzigen skeptischen Stimmen.
Mit der Bitte um eine Diagnose kontaktierte Spörri den Schweizer Mumienexperten Frank Rühli, welcher bereits die Gletschermumie Ötzi sowie die Mumie des Tutanchamun untersuchte, sowie den bekannten Kriminalbiologen Mark Benecke. Beide stimmen darin überein, dass eine sichere Beurteilung allein anhand der Fotos nicht möglich sei, und ziehen als denkbare alternative Erklärung einen etwa durch Makrodaktylie krankhaft vergrößerten Finger in Betracht. Rühli merkt jedoch den extrem dickwandig erscheinenden Knochen an, welcher eher an einen Tierknochen erinnere. Beide schließen eine Fälschung nicht aus, bei der es sich jedoch um eine „sehr gut gemachte Arbeit“ handeln müsse (Rühli).2
Gegen eine Erklärung durch Makrodaktylie führt Spörri die korrekten Proportionen des Fingers und insbesondere des Knochens an – in solchen krankhaften Fällen seien die vergrößerten Weichteile eines Gliedes in der Regel deutlich deformiert, während der Knochen eine normale Größe behalte.2 Bis auf Weiteres ist der Fall also als ungeklärt zu betrachten, da sich der Nachweis von Fälschung, Fehlinterpretation oder Authentizität aktuell jeder Belegbarkeit entzieht.

Gesondert zu bewerten sind die von Spörri (und anderen grenzwissenschaftlichen Rezipienten) vertretenen Theorien zum weiteren Kontext vorzeitlicher Riesen. Neben mythologischen Berichten (u.a. dem Alten Testament) sowie Berichten über mutmaßliche Funde von Riesenskeletten3 führt Spörri unter anderem auch das einschlägig bekannte Serapeum von Sakkara an – zwar ohne Erwähnung der aufschlussreichen Apisstelen, jedoch nicht mit der in einschlägigen Publikationen häufigen, auf Erich von Däniken zurückgehenden Falschdarstellung der Befunde.

Ü 1Luc Bürgin: Das Relikt von Bir Hooker. Mysteries 5/2010, 19-22.

Ü Luc Bürgin: Die Monster-Kralle von Bir Hooker. Mysteries 2/2012, 10-15.

Gregor Spörri: Das Relikt von Bir Hooker: Die Entdeckung.

2 Gregor Spörri: Das Rlikt von Bir Hooker: Analysen.

3 Gregor Spörri: Berichte über Riesen.

4 Gregor Spörri: Die Gruft der Riesen in Sakkara.

R Gregor Spörri: Lost God. Das Jüngste Gericht. Z-Productions 2018. (hier Rezension)

R Reinhard Habeck, Wesen, die es nicht geben dürfte (173-178) / Jason Mason, Mein Vater war ein MiB (299 f) / Umfangreiche Bibliographie HIER

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Gregor Spörri.

Triassischer Riesenkrake

Die auffällig deponierten Wirbelknochen des Shonisaurus U (MacMenamin 2016, 137 / Fig. 9.3)

2011 präsentierte der Paläontologe Mark McMenamin auf der Jahresversammlung der Geological Society of America in Minneapolis eine unglaublich scheinende Theorie: Im Trias-Zeitalter (ca. 252 – 201 Mio. Jahre v. u. Z.) habe es eine Art von Riesenkraken gegeben, die die bislang größten bekannten Meeresreptilien der damaligen Zeit jagten und offenbar ein bemerkenswertes Maß an Intelligenz aufwiesen.
McMenamin hat sich nicht nur als Professor für Geologie am Mount Holyoke College in South Hardley (Massachusetts) und als Paläontologe auf dem Gebiet der Kambrischen Explosion und Ediacara-Fauna einen Namen gemacht, sondern auch durch unkonventionelle bis gewagte Theorien etwa bezüglich numismatischer Evidenzen für eine Präsenz der antiken Karthager in Amerika. Seine Kraken-Hypothese, 2011 erstmals in einem Artikel und später ausführlicher in seiner Monographie Dynamic Paleontology erläutert, gründet sich auf inzwischen zwei Fossilfunde in der Luning-Formation des Berlin-Ichthyosaur State Park in Nevada.
Der Fund von insgesamt neun Exemplaren des bis zu 14 m langen Ichthyosauriers Shonisaurus popularis warf bereits bei der Entdeckung Anfang der 50er Jahre die Frage nach der Ursache für solch eine Ansammlung auf. Die Erklärung des Finders Charles L. Camp, es handle sich bei den fossilen Individuen um eine massenhafte Strandung, konnte durch neuere Forschungen widerlegt werden, da es sich bei der fraglichen Schicht nicht um Küsten-, sondern vielmehr Tiefseeboden handelte.2:136 Eine andere alternative Idee geht von einer Vergiftung der Tiere durch eine Algenblüte aus – eine bekannte Todesursache für Meereswirbeltiere, auch wenn dies im vorliegenden Fall ohne konkreten Beleg bleibt. Dagegen spreche jedoch neben der Betroffenheit nur einer einzigen Spezies die enge Anhäufung im tiefen Wasser, die bei einer Vergiftung in oberen Wasserschichten unwahrscheinlich erscheint – solcherart verendete Wale tendieren vielmehr zu einer weiteren Verstreuung.2:142f McMenamin führt den Tod der großen Ichthyosaurier hingegen auf einen noch größeren Beutegreifer zurück – einen Kraken:

We hypothesize that the shonisaurs were killed and carried to the site by an enormous Triassic cephalopod, a “kraken,” with estimated length of approximately 30 m, twice that of the modern Colossal Squid Mesonychoteuthis. In this scenario, shonisaurs were ambushed by a Triassic kraken, drowned, and dumped on a midden like that of a modern octopus.1/2:133

Die zunächst angenommene Größe des Tintenfisches von 30 m wurde von MacMenamin später relativiert; den Aussagen in Dynamic Paleontology zufolge könne es sich auch um einen Kraken von etwa derselben Größe seines Opfers (d. h. ca. 14 m) gehandelt haben.2:145
Das zentrale Indiz für diese „Riesenkraken-Hypothese“ stellt noch vor der ungeklärten Todesursache der Meeressaurier eine ominöse Anordnung von Wirbelknochen des Shonisaurus-Exemplars U (links) dar, die schwerlich auf natürliche Prozesse zurückzuführen sei und vielmehr vom Spielverhalten eines großen Kopffüßers zeuge. Mehr noch, spekulierte McMenamin, erinnere die Komposition aus zwei parallelen Reihen der runden Wirbelknochen an die Anordnung der Saugnäpfe am Arm eines Oktopus – als Erzeugnis eines erstaunlich intelligenten Tieres sei sie also möglicherweise das älteste „Selbstportrait“ eines Lebewesens überhaupt.

The proposed Triassic kraken, which could have been the most intelligent invertebrate ever, arranged the vertebral discs in biserial patterns, with individual pieces nesting in a fitted fashion as if they were part of a puzzle. The arranged vertebrae resemble the pattern of sucker discs on a cephalopod tentacle, with each amphicoelous vertebra strongly resembling a coleoid sucker. Thus the tessellated vertebral disc pavement may represent the earliest known self-portrait.”1:2:133

Das Verhalten, etwa Haie zu töten und bei deren Zerfleischung mit dem Schnabel die „abgenagte“ Wirbelsäule übrig zu lassen, sei von modernen Oktopoden durchaus belegt – und auch für teils komplexe Arrangements von Objekten wie etwa den Überresten von Muscheln und Krabben gebe es dokumentierte Beispiele.2:151f                  

Wenig überraschend stieß die Kraken-Hypothese auf ein beträchtliches mediales Echo, insbesondere in Online-Medien, wobei tendenziell ein skeptischer Ton überwiegt (etwa hier, hier und hier). 2013 wurde MacMenamin vom Ausstellungsmanager des Nevada State Museums Thomas Dyer auf ein weiteres Fossil eines Shonisaurus aufmerksam gemacht, das Jahre zuvor im exakten Zustand seiner Auffindung in einer Ausstellung gezeigt worden war (unten).2:145f Die Anordnung der fossilen Überreste scheint die Riesenkraken-Hypothese zu bestätigen: Auch hier wurde eine Gruppe gebrochener Wirbel in zwei parallelen Reihen deutlich entfernt vom übrigen Skelett aufgefunden, seitlich des Brustkorbes ist zudem eine auffällige Häufung von Knochenstücken zu erkennen. Dreieckige Einschnitte an den Wirbeln könnten vom Schnabel eines Tintenfisches herrühren.2:149f Die Rippen des Tieres wiesen infolge einer mutmaßlichen Zusammenstauchung auf beiden Seiten Brüche auf.2:147-49
Später (in der Monographie fehlt die Erwähnung noch) stieß McMenamin im Berlin-Ichthyosaur State Park in der Tat auf ein steinernes Objekt, bei dem es sich (anhand des Vergleichs mit dem Schnabel eines modernen Humboldt-Kalmars) um den Schnabel eines triassischen Tintenfischs handeln könnte – allerdings ist dessen Identifikation als solcher unsicher und der Zustand zu fragmentarisch, um eine konkrete Größenschätzung vorzunehmen.3

Nach McMenamins Berechnungen zufolge tendiert die Wahrscheinlichkeit einer Entstehung des Wirbelmusters bei Exemplar U durch natürliche Strömungen gegen Null, da es sich bei der beobachteten Formation um eine „hydrodynamisch instabile Anordnung“ handle, die durch solche Strömungen, die in der Lage sind, einen einzigen Wirbelknochen zu bewegen, mit statistischer Sicherheit zerstört werden würde.2:140 Wenn folglich Strömungen vorlagen, die die Formation hätten erzeugen können, so hätten sie diese auch zwangläufig wieder auseinandergetrieben.
Der Paläontologe David Fastovsky jedoch wendet dagegen ein, das angewandte Rechenverfahren sei vollkommen ungeeignet, die Bewegungen schwerer Wirbelknochen auf dem Meeresgrund zuverlässig zu simulieren; vielmehr lasse sich deren Anordnung problemlos durch das Auseinanderfallen der zunächst festen Wirbelsäule erklären. Auch sei das Verhalten des räuberischen Riesentintenfischs insofern unglaubwürdig, dass heutige Oktopusse ihre Abfälle eben nicht in systematischen Mustern aufschichten und auch große Kopffüßer vielmehr Beute großer Wirbeltiere (Pottwale) seien und nicht deren Jäger.3

Nach MacMenamin hingegen sei die Kraken-Hypothese die beste und bislang einzige Erklärung für gleich mehrere sonst unerklärliche Befunde: Die Akkumulation von neun Shonisauriern an einem Tiefseegrund ohne Spuren anderer Lebewesen, das in zwei Fällen beobachtete Arrangement von Wirbelknochen in einem durch natürliche Faktoren höchst unwahrscheinlichen Muster sowie die Rippenbrüche und auffällig konzentrierten Kleinknochen des zweiten Exemplars. Zu trennen ist die Zurückführung der Befunde auf einen prähistorischen Cephalopoden wiederum von der gewagteren Interpretation der Wirbel als Abbild von dessen Saugnäpfen.2:138 Das zentrale Gegenargument gegen die Hypothese bleibt hierbei nach wie vor die noch dünne Beleglage angesichts einer großen Behauptung, die nach Ansicht vieler eine solche Deutung der Befunde nicht rechtfertige – zumal keine Fossilien des mutmaßlichen Riesenkraken selbst vorliegen. Die beste Möglichkeit zur Verifizierung der Hypothese liegt somit darin, einen erhalten gebliebenen Schnabel (oder je nach Art andere fossilisierte Hartteile) des „Kraken“ zu finden.2:151

Plan des Shonisaurus-Skeletts in einer Ausstellung des Nevada State Museums, zeichnerische Rekonstruktion anhand von Fotos der Ausstellung (McMenamin 2016, 148 / Fig. 9.9)

T 1Mark. A. S. McMenamin / Dianna L. Schulte McMenamin: Triassic Kraken: The Berlin Ichthyosaur death asemblage interpreted as a giant cephalopod midden. Geological Society of America Abstracts with Programs 43/5, 310.

T Mark A. S. MecMenamin: Unusual Arrangement of Bones at Ichthyosaur State Park in Nevada. 21st Century Science & Technology 24/4 (2011-2012), 55-58.

T 2Mark A.S. McMenamin: Dynamic Paleontology. Using Quantification and Other Tools to Decipher the History of Life. Springer, Basel 2016, 131-158.

B McMenamin 2016, Fig. 9.3, Fig. 9.9

GD 3 LiveScience: Kraken Fossil ‘Evidence’ Revives Debate Over Ancient Sea Monster’s Existence

„Schwarzer Obelisk“ jetzt überarbeitet

Seltsame Kreaturen auf einem assyrischen Obelisken – groteske Mischwesen aus Mensch und Tier oder einfach nur Affen?
Nach neuen Recherchen habe ich nun meinen Artikel über den Schwarzen Obelisken des Assyrerkönigs Salmanassar III. grundlegend überarbeitet.

Neue Aspekte:
– Diskussion der ungewöhnlichen Schreibungen auf dem Obelisken
– Weitere Affendarstellungen aus Mesopotamien
– Das Vorbild für die gewagten Thesen Erich von Dänikens – der völkisch-rassistische Rechtsesoteriker Jörg Lanz von Liebenfels
– Wieso man auch als Grenzwissenschaftler keine Zahlen ungeprüft übernehmen sollte

Der Schwarze Obelisk Salmanassars III. [sic!]