Der zwölfte Planet

Das Buch „Der zwölfte Planet ist eines der wichtigsten Werke der Präastronautik. Dieser Zweig der Parawissenschaften geht davon aus, dass die Erde vor langer Zeit von Außerirdischen besucht wurde. Der Autor, Zecharia Sitchin, ist nach Erich von Däniken wohl der einflussreichste Vertreter dieser Theorie. Anders als Däniken beruft er sich nicht auf archäologische Artefakte, um seine Thesen zu stützten. Stattdessen werden in „Der zwölfte Planet“ diverse Texte der sumerischen Mythologie auf erstaunliche Weise neu interpretiert. Die „Götter“ der antiken Zivilisationen seien demnach nichts anderes gewesen als fortschrittliche Außerirdische.

Sitchins These
Sitchin „beweist“ in seinem Buch, dass es eine Spezies von Außerirdischen gibt, die Anunnaki. Diese stammen vom Planeten Nibiru, welcher sich in einer elliptischen Umlaufbahn innerhalb von 3600 Jahren um die Sonne dreht. Vor 450 000 Jahren seien die ersten Anunnaki unter der Führung von Enki, einem Sohn ihres Königs Anu, auf der Erde gelandet, um hier Gold abzubauen. Dieses wird, so Sitchin, benötigt, um in der Atmosphäre von Nibiru eine Art Schutzschirm zu errichten, der verhindern soll, dass die Wärme des Planeten ins All entweicht. Später folgte Enki sein Bruder Enlil  und übernahm das Kommando auf der Erde. Die Anunnaki erbauten in Mesopotamien (heutiger Irak) diverse Städte, darunter z.B. Eridu und Nippur, wo sich später die sumerische Zivilisation entwickelte. Um die Anunnaki von der schweren Arbeit in den Bergwerken zu entlasten, erschuf Enki, ein großer Wissenschaftler, den modernen Menschen (Homo sapiens) als Arbeiter. Hierzu kreuzte er durch Gentechnik den primitiven Homo erectus mit den Genen der Anunnaki.  Auch diverse andere Geschichten, zum Beispiel die Sintflut und verschiedene Konflikte unter den Anunnaki, werden beleuchtet.

Beweisführung und Glaubwürdigkeit
An sich kann gesagt werden, dass Sitchin seine Thesen besser belegt als die meisten anderen Parawissenschaftler. Viele Interpretationen der antiken Keilschrifttafeln, auf die er seine Argumentation stützt, waren auch für mich nachvollziehbar, insbesondere etwa die astronomische Interpretation des babylonischen Schöpfungsepos Enuma Elish. In manchen Fällen werden auch alternative Übersetzungen vorgenommen. So soll zum Beispiel laut Sitchin das Wort „schem“ nicht, wie von der Mainstream-Wissenschaft behauptet, „Name“ bedeuten, sondern in Wirklichkeit ein Luftfahrzeug beschreiben. Diese Neuübersetzungen sind natürlich einer der Hauptangriffspunkte von Sitchins Kritikern. Wie gewisse Worte jeweils zu übersetzen sind, kann man als Laie natürlich nicht beurteilen. Die aufgestellte Theorie der Anunnaki ist zwar unglaublich, aber trotzdem vorsichtig formuliert und bedient sich nicht der Klischees, die sonst oft in Zusammenhang mit Außerirdischen genannt werden (z.B. kleine graue Männchen, freie Energie, hohle Erde, Reptiloiden, Atlantis etc.). Nahezu alle Quellen, die Sitchin bei seiner Beweisführung verwendete, sind nachvollziehbar (keine mysteriösen Informanten o.Ä.) und oft auch öffentlich zugänglich (zumindest wenn man gut Englisch versteht).
Letztendlich ist das schlimmste, was man über Sitchin sagen kann, dass er falsch liegt. Er war (meiner Beurteilung nach) definitiv kein „Spinner“, Esoteriker, Verschwörungstheoretiker oder Radikaler (in beliebiger Hinsicht).
Trotzdem gibt es einige Punkte, bei denen seine Argumentation falsch bzw. unlogisch ist:
1. Der Planet Nibiru befindet sich die meiste Zeit außerhalb der bewohnbaren Zone des Sonnensystems. Dort wäre kein Leben möglich. (Sitchin sagt ausdrücklich, dass die Anunnaki biologisch genauso funktionieren wie irdische Lebewesen)
2. Wie das mit dem Goldstaub in der Atmosphäre funktionieren soll, wird nicht erläutert – bei einer so weit hergeholten These hätte man sich wenigstens eine wissenschaftliche Erklärung bzw. einen Verweis auf seriöse Forschungen gewünscht, was aber ausbleibt.
3. Die Anunnaki sind äußerst langlebig (mehrere hunderttausend Jahre). Dies wird damit begründet, sie seien biologisch auf einem anderen „Rhythmus“ eingestellt, da ihr Planet eine längere Umlaufbahn besitzt. Seit wann verläuft Alterung nach relativen Zeiträumen? Dies wirkt auf mich absurd.
4. Angeblich dienten die Pyramiden von Gizeh sowie der Berg Ararat zur Orientierung der Raumfahrer bei der Landung. Wieso brauchen solch hoch entwickelte Wesen etwas Derartiges?
5. Die Auswahl der Quellen zur Interpretation ist unweigerlich selektiv, da sich gar nicht alle Mythologien etc. betrachten lassen – dies kann womöglich eine Verzerrung des doch ziemlich expliziten Weltbildes bewirken.

Nachwirkung
Nach „Der zwölfte Planet“ schrieb Zecharia Sitchin noch diverse weitere Bücher, bis er 2010 verstarb. In diesen nahm er weitere Interpretationen vor und verfeinerte seine Anunnaki-Theorie.
Sitchins „Der zwölfte Planet“ hatte eine gewaltige Auswirkung auf die Disziplin der Präastronautik. Viele andere Parawissenschaftler bauen auf seinen Thesen auf und/oder zitieren diese. In gewisser Hinsicht ist er sogar einflussreicher als Erich von Däniken, da er im Gegensatz zu diesem eine komplexere, geordnete Theorie der Erdgeschichte aufstellt (EvD nennt bloß Indizien. Das ist weniger aussagekräftig, aber zweifellos wesentlich seriöser.). Auch manche Verschwörungstheoretiker bauten ihre Theorien auf Sitchins Thesen auf, so zum Beispiel David Icke oder Jan van Helsing, welche jedoch beide noch esoterische und natürlich verschwörungstheoretische Aspekte hinzufügten.
Um die gewaltigen Auswirkungen Sitchins zu erkennen, reicht es aus, den Begriff „Anunnaki“ zu googeln.

Zu empfehlen?
„Der zwölfte Planet“ ist keine leichte Literatur. Es gibt unheimlich viele Fakten und vor allem Namen, die es zu behalten gilt. Wenn einem dies gelingt, hat man jedoch auch gleich ein breites Wissen über die mesopotamische Mythologie und Geschichte. (Kleine Kostprobe: Enlil, Enki, Ninurta, Ninhursag, Adad, Nannar/Sin, Utu, Inanna, Nergal, Eresgikal, Sargon, Gilgamesh, Lugalbanda, Marduk, Nephilim, Henoch, Sanherib etc.)
Jedem, der sich für Präastronautik interessiert, würde ich dieses Buch (oder ein anderes von Zecharia Sitchin) auf jeden Fall empfehlen. Wenn man sich darauf einlässt und in der Lage ist, den Überblick darin zu behalten, ist es zweifellos eine Bereicherung. Ganz unabhängig von den Außerirdischen bringt es einem die mesopotamische Mythologie nahe und verschafft ein solides Grundwissen in dieser.

 

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