Triassischer Riesenkrake

Die auffällig deponierten Wirbelknochen des Shonisaurus U (MacMenamin 2016, 137 / Fig. 9.3)

2011 präsentierte der Paläontologe Mark McMenamin auf der Jahresversammlung der Geological Society of America in Minneapolis eine unglaublich scheinende Theorie: Im Trias-Zeitalter (ca. 252 – 201 Mio. Jahre v. u. Z.) habe es eine Art von Riesenkraken gegeben, die die bislang größten bekannten Meeresreptilien der damaligen Zeit jagten und offenbar ein bemerkenswertes Maß an Intelligenz aufwiesen.
McMenamin hat sich nicht nur als Professor für Geologie am Mount Holyoke College in South Hardley (Massachusetts) und als Paläontologe auf dem Gebiet der Kambrischen Explosion und Ediacara-Fauna einen Namen gemacht, sondern auch durch unkonventionelle bis gewagte Theorien etwa bezüglich numismatischer Evidenzen für eine Präsenz der antiken Karthager in Amerika. Seine Kraken-Hypothese, 2011 erstmals in einem Artikel und später ausführlicher in seiner Monographie Dynamic Paleontology erläutert, gründet sich auf inzwischen zwei Fossilfunde in der Luning-Formation des Berlin-Ichthyosaur State Park in Nevada.
Der Fund von insgesamt neun Exemplaren des bis zu 14 m langen Ichthyosauriers Shonisaurus popularis warf bereits bei der Entdeckung Anfang der 50er Jahre die Frage nach der Ursache für solch eine Ansammlung auf. Die Erklärung des Finders Charles L. Camp, es handle sich bei den fossilen Individuen um eine massenhafte Strandung, konnte durch neuere Forschungen widerlegt werden, da es sich bei der fraglichen Schicht nicht um Küsten-, sondern vielmehr Tiefseeboden handelte.2:136 Eine andere alternative Idee geht von einer Vergiftung der Tiere durch eine Algenblüte aus – eine bekannte Todesursache für Meereswirbeltiere, auch wenn dies im vorliegenden Fall ohne konkreten Beleg bleibt. Dagegen spreche jedoch neben der Betroffenheit nur einer einzigen Spezies die enge Anhäufung im tiefen Wasser, die bei einer Vergiftung in oberen Wasserschichten unwahrscheinlich erscheint – solcherart verendete Wale tendieren vielmehr zu einer weiteren Verstreuung.2:142f McMenamin führt den Tod der großen Ichthyosaurier hingegen auf einen noch größeren Beutegreifer zurück – einen Kraken:

We hypothesize that the shonisaurs were killed and carried to the site by an enormous Triassic cephalopod, a “kraken,” with estimated length of approximately 30 m, twice that of the modern Colossal Squid Mesonychoteuthis. In this scenario, shonisaurs were ambushed by a Triassic kraken, drowned, and dumped on a midden like that of a modern octopus.1/2:133

Die zunächst angenommene Größe des Tintenfisches von 30 m wurde von MacMenamin später relativiert; den Aussagen in Dynamic Paleontology zufolge könne es sich auch um einen Kraken von etwa derselben Größe seines Opfers (d. h. ca. 14 m) gehandelt haben.2:145
Das zentrale Indiz für diese „Riesenkraken-Hypothese“ stellt noch vor der ungeklärten Todesursache der Meeressaurier eine ominöse Anordnung von Wirbelknochen des Shonisaurus-Exemplars U (links) dar, die schwerlich auf natürliche Prozesse zurückzuführen sei und vielmehr vom Spielverhalten eines großen Kopffüßers zeuge. Mehr noch, spekulierte McMenamin, erinnere die Komposition aus zwei parallelen Reihen der runden Wirbelknochen an die Anordnung der Saugnäpfe am Arm eines Oktopus – als Erzeugnis eines erstaunlich intelligenten Tieres sei sie also möglicherweise das älteste „Selbstportrait“ eines Lebewesens überhaupt.

The proposed Triassic kraken, which could have been the most intelligent invertebrate ever, arranged the vertebral discs in biserial patterns, with individual pieces nesting in a fitted fashion as if they were part of a puzzle. The arranged vertebrae resemble the pattern of sucker discs on a cephalopod tentacle, with each amphicoelous vertebra strongly resembling a coleoid sucker. Thus the tessellated vertebral disc pavement may represent the earliest known self-portrait.”1:2:133

Das Verhalten, etwa Haie zu töten und bei deren Zerfleischung mit dem Schnabel die „abgenagte“ Wirbelsäule übrig zu lassen, sei von modernen Oktopoden durchaus belegt – und auch für teils komplexe Arrangements von Objekten wie etwa den Überresten von Muscheln und Krabben gebe es dokumentierte Beispiele.2:151f                  

Wenig überraschend stieß die Kraken-Hypothese auf ein beträchtliches mediales Echo, insbesondere in Online-Medien, wobei tendenziell ein skeptischer Ton überwiegt (etwa hier, hier und hier). 2013 wurde MacMenamin vom Ausstellungsmanager des Nevada State Museums Thomas Dyer auf ein weiteres Fossil eines Shonisaurus aufmerksam gemacht, das Jahre zuvor im exakten Zustand seiner Auffindung in einer Ausstellung gezeigt worden war (unten).2:145f Die Anordnung der fossilen Überreste scheint die Riesenkraken-Hypothese zu bestätigen: Auch hier wurde eine Gruppe gebrochener Wirbel in zwei parallelen Reihen deutlich entfernt vom übrigen Skelett aufgefunden, seitlich des Brustkorbes ist zudem eine auffällige Häufung von Knochenstücken zu erkennen. Dreieckige Einschnitte an den Wirbeln könnten vom Schnabel eines Tintenfisches herrühren.2:149f Die Rippen des Tieres wiesen infolge einer mutmaßlichen Zusammenstauchung auf beiden Seiten Brüche auf.2:147-49
Später (in der Monographie fehlt die Erwähnung noch) stieß McMenamin im Berlin-Ichthyosaur State Park in der Tat auf ein steinernes Objekt, bei dem es sich (anhand des Vergleichs mit dem Schnabel eines modernen Humboldt-Kalmars) in der Tat um den Schnabel eines triassischen Tintenfischs handeln könnte – allerdings ist dessen Identifikation als solcher unsicher und der Zustand zu fragmentarisch, um eine konkrete Größenschätzung vorzunehmen.3

Nach McMenamins Berechnungen zufolge tendiert die Wahrscheinlichkeit einer Entstehung des Wirbelmusters bei Exemplar U durch natürliche Strömungen gegen Null, da es sich bei der beobachteten Formation um eine „hydrodynamisch instabile Anordnung“ handle, die durch solche Strömungen, die in der Lage sind, einen einzigen Wirbelknochen zu bewegen, mit statistischer Sicherheit zerstört werden würde.2:140 Wenn folglich Strömungen vorlagen, die die Formation hätten erzeugen können, so hätten sie diese auch zwangläufig wieder auseinandergetrieben.
Der Paläontologe David Fastovsky jedoch wendet dagegen ein, das angewandte Rechenverfahren sei vollkommen ungeeignet, die Bewegungen schwerer Wirbelknochen auf dem Meeresgrund zuverlässig zu simulieren; vielmehr lasse sich deren Anordnung problemlos durch das Auseinanderfallen der zunächst festen Wirbelsäule erklären. Auch sei das Verhalten des räuberischen Riesentintenfischs insofern unglaubwürdig, dass heutige Oktopusse ihre Abfälle eben nicht in systematischen Mustern aufschichten und auch große Kopffüßer vielmehr Beute großer Wirbeltiere (Pottwale) seien und nicht deren Jäger.3

Nach MacMenamin hingegen sei die Kraken-Hypothese die beste und bislang einzige Erklärung für gleich mehrere sonst unerklärliche Befunde: Die Akkumulation von neun Shonisauriern an einem Tiefseegrund ohne Spuren anderer Lebewesen, das in zwei Fällen beobachtete Arrangement von Wirbelknochen in einem durch natürliche Faktoren höchst unwahrscheinlichen Muster sowie die Rippenbrüche und auffällig konzentrierten Kleinknochen des zweiten Exemplars. Zu trennen ist die Zurückführung der Befunde auf einen prähistorischen Cephalopoden wiederum von der gewagteren Interpretation der Wirbel als Abbild von dessen Saugnäpfen.2:138 Das zentrale Gegenargument gegen die Hypothese bleibt hierbei nach wie vor die noch dünne Beleglage angesichts einer großen Behauptung, die nach Ansicht vieler eine solche Deutung der Befunde nicht rechtfertige – zumal keine Fossilien des mutmaßlichen Riesenkraken selbst vorliegen. Die beste Möglichkeit zur Verifizierung der Hypothese liegt somit darin, einen erhalten gebliebenen Schnabel (oder je nach Art andere fossilisierte Hartteile) des „Kraken“ zu finden.2:151

Plan des Shonisaurus-Skeletts in einer Ausstellung des Nevada State Museums, zeichnerische Rekonstruktion anhand von Fotos der Ausstellung (McMenamin 2016, 148 / Fig. 9.9)

T 1Mark. A. S. McMenamin / Dianna L. Schulte McMenamin: Triassic Kraken: The Berlin Ichthyosaur death asemblage interpreted as a giant cephalopod midden. Geological Society of America Abstracts with Programs 43/5, 310.

T Mark A. S. MecMenamin: Unusual Arrangement of Bones at Ichthyosaur State Park in Nevada. 21st Century Science & Technology 24/4 (2011-2012), 55-58.

T 2Mark A.S. McMenamin: Dynamic Paleontology. Using Quantification and Other Tools to Decipher the History of Life. Springer, Basel 2016, 131-158.

B McMenamin 2016, Fig. 9.3, Fig. 9.9

GD 3 LiveScience: Kraken Fossil ‘Evidence’ Revives Debate Over Ancient Sea Monster’s Existence

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