Serapeum von Sakkara

Bei dem Serapeum – benannt nach einem einst darüber gelegenen Tempel des Serapis – handelt es sich um ein unterirdisches Gewölbe in der ägyptischen Ruinenstätte von Sakkara, das als Grabmal für die heiligen Apis-Stiere von Memphis diente. Wiederentdeckt wurde es im Jahr 1851 von dem später berühmten Ägyptologen Auguste Mariette.
Der Apis war eines der wichtigsten heiligen Tiere des alten Ägypten – nach dem Tod seines Vorgängers anhand besonderer Merkmale auserwählt, verbrachte er seine Lebenszeit in einem eigenen Bereich am Tempel des Ptah in Memphis und wurde nach seinem natürlichen Tod aufwendig mumifiziert. Seit der Zeit Amenophis III. (14. Jhd. v. Chr.) diente das Serapeum als Nekropole für die Bestattungen der Stiere. Zunächst wurden die Stiere in Holzsarkophagen beigesetzt; erst ab der Zeit Psammetichs I. (26. Dynastie, reg. 664–610 v. Chr.) fanden monumentale Steinsarkophage Verwendung. Mit einer Länge von 4 m, bei einer Höhe von 3,3 m und 2,3 m Breite erreichen die Särge jeweils ein Gewicht von rund 65 Tonnen, zu dem sich ein 60 cm dicker und ebenfalls über zwanzig Tonnen schwerer Deckel gesellt.

Grenzwissenschaftliche Darstellung. Erich von Däniken rückte das Serapeum in Die Augen der Sphinx ins Licht der Prä-Astronautik. Korrekt wies er darauf hin, dass in keinem der Granitsarkophage je die Mumie eines Stieres gefunden wurde, während die älteren Holzsarkophage nur eine rätselhafte Masse aus Bitumen (Asphalt) und zerstoßenen Knochenfragmenten beinhalteten.2:18-20 Daraus leitete er die Schlussfolgerung ab, die absurd großen Sarkophage und die dem ägyptischen Bestattungsritus zuwiderlaufende Zerstückelung der Mumien hätten keinesfalls dem Schutz der verstorbenen heiligen Stiere gedient, sondern vielmehr deren Rückkehr ins Reich der Lebenden mit allen Kräften verhindern sollen. Bei den Stieren habe es sich um die Nachfahren einst von mutmaßlichen Außerirdischen gezüchteter Mischwesen gehandelt, die von den Menschen so sehr gefürchtet wurden, dass man sie – während man sie zu Lebzeiten nicht anzurühren wagte – nach ihrem Tod endgültig zu verbannen versuchte.2:82-86
In späteren Publikationen – bei anderen Autoren wie Hartwig Hausdorf und Walter-Jörg-Langbein, aber auch bei Erich von Däniken selbst – werden die Befunde verkürzt und fehlerhaft dargestellt: Die Holzsarkophage der früheren Dynastien werden nicht mehr erwähnt, die rätselhafte Bitumenmasse hingegen in die Steinsarkophage verlegt. Alle drei zitieren in diesem Zusammenhang ein Zitat des Kirchenvaters Eusebius (fälschlich dem ägyptischen Historiker Manetho zugeschrieben, tatsächlich von dem babylonischen Autor Berossos stammend), das eine Vielzahl vorzeitlicher Ungeheuer aufzählt – hierbei handle es sich um Mischwesen, wie sie mutmaßlich im Serapeum zur Ruhe gebettet worden sein sollen.

Diskussion. Die Verbindung der Steinsarkophage mit der Bitumenmasse ist falsch; noch in von Dänikens Die Augen der Sphinx wurde der Sachverhalt (mit älteren Holzsarkophagen) korrekt dargestellt. Besagte Bitumenmasse voller Knochenfragmente existiert jedoch wirklich, wie aus den Grabungspublikationen Auguste Mariettes hervorgeht.1:63, 67
Trotzdem sind die Hypothesen über Mischwesen und Totenfurcht leicht zu widerlegen. Dass Apis-Stiere in der Tat regulär mumifiziert wurden, beweist neben gefundenen Mumifizierungstischen3:22 auch der sogenannte Apis-Papyrus, welcher dieses Ritual beschreibt4:20. Im Serapeum fanden sich außerdem hunderte von mit Inschriften versehenen Stelen, die von Pharaonen, aber auch Privatleuten für die verstorbenen Apis-Stiere gestiftet wurden. Diese nennen die genauen Lebensdaten der heiligen Stiere, welche oft auch in Form von Reliefs bildlich dargestellt sind. Außerdem betonen die Inschriften der sogenannten Apisstelen, dass die Stiere größte Liebe und Wertschätzung erfuhren und die Sarkophage vielmehr des Schutzes denn als jenseitiges Gefängnis dienten. So schreibt etwa eine von Erich Winter übersetzte Stele des Königs Amasis:

Man vollzog an ihm alle Zeremonien in der Reinigungsstätte, da sich seine Majestät erinnerte, wie man es Horus für seinen Vater Osiris getan hatte. Man machte ihm einen großen Sarkophag aus Granit und seine Majestät fand es gut, ihn aus kostbarerem Stein herstellen zu lassen als irgendein König zu irgendeiner Zeit. Man machte ihm ein Grabgewand aus geheimem Stoff der heiligen Stätten von Sais, um ihm Schutz zu verleihen. Sein Schmuck war aus Gold und allerlei herrlichen Edelsteinen, schöner als man es je gemacht hatte. Denn seine Majestät liebte den Apis mehr als jeder König.“3:28

So beweisen die Stelen zweifelsfrei, dass in den Särgen im Serapeum in der Tat Apis-Stiere beigesetzt wurden und es keine Ambitionen gab, diesen über ihren Tod hinaus zu schaden.
Fraglich ist schließlich die Ursache für den Zustand der Mumien bei ihrer Auffindung. Die Granitsarkophage der jüngeren Zeit waren bei der Entdeckung durch Mariette aufgebrochen und leer; sie waren bereits in der Antike beraubt worden. Bei der Bitumenmasse in den Holzsarkophagen könnte es sich um zerfallene Mumien gehandelt haben; Bitumen fand bekanntermaßen im Rahmen der Mumifizierung Verwendung. Spekulieren ließe sich auch über unkonventionelle Varianten des Bestattungsbrauches, die sich aus Analogien und indirekten schriftlichen Quellen herleiten ließen:

  • Verschiedene Forscher haben darüber spekuliert, ob die Apis-Stiere – zumindest in früherer Zeit – nach ihrem Tod vom König verzehrt worden sein könnten, was das Fehlen der Bestattungen vor der Zeit Amenophis‘ III. erklären könnte. Als Analogie dient hierbei der als „Kannibalenhymne“ bekannte Pyramidentext, in dem der verstorbene Pharao Unas im Rahmen seiner Auferstehung symbolisch Menschen und auch Götter frisst. Die zerstückelten Mumien könnten Überrest eine solchen rituellen Mahls sein, das in späterer Zeit (mit Anstieg der Heiligkeit des Apis) womöglich ausgesetzt wurde.4:4-7
  • Die Größe der Stiere könnte die Mumifizierung vor Schwierigkeiten gestellt haben, die durch eine vorhergehende Entfleischung gelöst wurden. Eine solche ist zur Zeit des Alten Reiches auch bei Menschen belegt, bevor die Techniken der Konservierung perfektioniert worden waren.
  • Der griechische Geschichtsschreiber Diodor berichtet eine Variante des Osiris-Mythos, der zufolge der zerstückelte Osiris nach seiner Ermordung von Isis zusammengesucht und in einem hölzernen Rind verschnürt wurde (Diod. 1, 85, 4-5). Bei Plutarch wiederum findet sich die Aussage, dass unreine Tiere zusammen mit dem heiligen Apis begraben wurden, um gewissermaßen die böse Macht des Seth in ihnen zu „neutralisieren“ (Plutarch, De Iside et Osiride 73). Beides könnte auf bisher unbekannte Bestattungsvarianten hindeuten, deren genaue Ausgestaltung sich kaum noch rekonstruieren lässt.

Während also die Tatsache, dass Apis-Stiere im Serapeum mit größtem Respekt bestattet wurden, nicht zu bezweifeln ist, bleibt die Methode zunächst ungeklärt, obgleich es gleich mehrere vielversprechende Erklärungsansätze gibt.

Eingehendere Erläuterungen zum Fall Serapeum finden sich in meinem Artikel Monstersärge und Pseudomumien – Kontroversen um ägyptische Stierbestattungen.

 

Q 1Auguste Mariette: Le Sérapeum de Memphis. Libraire-Éditeur, Paris 1882.

T 2Erich von Däniken: Die Augen der Sphinx. Neue Fragen an das alte Land am Nil. C. Bertelsmann, München 1989, 7-90.

3Erich Winter: Der Apiskult im Alten Ägypten. Novo Industrie, Mainz 1978.

4Robert Mond, Oliver H. Myers, The Bucheum. Vol. I. Oxforf University Press, London 1934.

R Walter-Jörg Langbein, Bevor die Sintflut kam (42-46) / Walter-Jörg-Langbein, Kreaturen der Nacht (147-152) / Hartwig Hausdorf, Nicht von dieser Welt (98-101) / Hartwig Hausdorf, Götterbotschaft in den Genen (150-153)

GD Leif Inselmann: Monstersärge und Pseudomumien. Kontroversen um ägyptische Stierbestattungen.

Bild https://www.flickr.com/photos/fdctsevilla/20814894493/

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