Der Schwarze Obelisk Salmanassars III.

Bei den Ausgrabungen in der assyrischen Königsstadt Nimrud (ass. Kalḫu, bibl. Kalaḫ) stieß der Ausgräber Austen Henry Layard 1846 auf den sogenannten „Schwarzen Obelisken“, eine Stele mit dem hervorragend erhaltenen Tatenbericht des neuassyrischen Königs Salmanassar III. (reg. 858-824 v. Chr.). Dieser beschreibt darin die Feldzüge eines jeden Jahres seiner Regentschaft; fünf Reliefdarstellungen auf jeder Seite illustrieren die Tributleistungen der besiegten Feinde. Berühmtheit erlangte der Obelisk maßgeblich durch die Erwähnung und Darstellung des israelitischen König Jehu „aus dem Hause Omri“, womit es sich um die früheste bildliche Darstellung eines Israeliten und eines der wenigen unabhängigen Zeugnisse für einen im Alten Testament erwähnten Herrscher handelt. Eine andere Reliefreihe zeigt Tiere, die dem assyrischen König aus Ägypten als Tribut gebracht werden – darunter in zwei Bildern kleine, annähernd humanoide Geschöpfe, deren Köpfe und Hände Menschen, die Körper hingegen eher Tieren ähneln. Während es sich nach Ansicht der Forschung eindeutig um Darstellungen von Affen handelt, postulieren verschiedene Grenzwissenschaftler eine Deutung als halbmenschliche Mischwesen.

Grenzwissenschaftliche Darstellung. Schon in seinen frühesten Büchern – zuerst in Zurück zu den Sternen sowie umfangreicher in Die Augen der Sphinx – weist Erich von Däniken auf die seltsamen Wesen hin, die dort von Menschen an der Leine geführt werden. Es handle sich bei diesen kleinwüchsigen Gestalten um Mischwesen – also Chimären, die von Außerirdischen durch genetische Kombination verschiedener Kreaturen erschaffen wurden. Der Schwarze Obelisk wäre für die Theorie einer realen Existenz von Mischwesen insofern von weit größerer Bedeutung als die zahllosen anderen aus Mesopotamien bezeugten Darstellungen, da er die Wesen nicht in einem mythischen, sondern einem klar verortetem historischen Kontext zeigt – es handelt sich bei dem Obelisken um eine Darstellung zeitgenössischer Ereignisse, die von den damaligen Menschen unmittelbar erlebt und beobachtet wurden.
Däniken zufolge spreche der Begleittext von „‘gefangenen Menschentieren‘, die von Kriegern gefesselt, entführt und als Tribute des Landes Musri an den Großkönig abgeliefert wurden“1:183 bzw. „Menschentieren, die in Gefangenschaft geführt“ werden.2:74 Hartwig Hausdorf übernimmt diese Darstellung in seinem Buch Götterbotschaft in den Genen vollständig und fügt hinzu: „Einige Mensch-Tier-Bastarde werden von den Archäologen als Affen bezeichnet. Die aber können sie schwerlich sein, denn deren Hände, Füße und Gesichter sind eindeutig menschlicher Natur.“3:157 Auch Reinhard Habeck erwähnt das Relief kurz im Sinne von Dänikens, jedoch ohne nähere Ausführungen.4:183 f

Diskussion. Die These lässt sich anhand der beistehenden Inschrift leicht überprüfen. Die mittlere Reihe – vier Bildreliefs samt umlaufender Inschrift darüber – stellt hierbei die Geschenke aus Ägypten dar – im Folgenden anhand der Umzeichnungen von Layard 1853, v. l. n. r. / o. n. u.):

    

Die Inschrift in akkadischer (assyrischer) Sprache liest sich folgendermaßen:

ma-da-tu ša2 KUR mu-uṣ-ri ANŠE.A.AB.BAMEŠ ša2 šu-na-a-a ṣe-ri-ši-na al-ap ID2 sa-de-e-ia su-u2-su pi-ra-a-tiMEŠ ba-zi-a-ti u2-qup-MIMEŠ am-ḫur-šu vgl. 5:150

„Ich empfing Tribut aus dem Land Ägypten: Kamele mit zwei Höckern, einen Wasserbüffel, ein Nashorn, eine Antilope, weibliche Elefanten, weibliche Affen und Affen.“

Die beiden in den Reliefs dargestellten Tierarten werden als baziāti und „uqup-MI“ bezeichnet. Bei beiden Worten handelt es sich um relativ unkonventionelle Schreibungen, die jedoch wahrscheinlich zwei verschiedene Arten von Affen bezeichnen. Das Wort baziāti dürfte vielmehr bagiāti meinen, fem. Pl. von pagû „Affe“, d.h. weibliche Affen. Affen namens pagû sind aus anderen assyrischen Aufzählungen von exotischen Tieren im Kontext von Tributgaben mehrfach belegt.7:238-239
Die zweite Art wurde entsprechend der Standardlautung der Zeichen früher udumi gelesen (ein sonst nicht belegter Begriff); näher liegt jedoch uqūpu „Affe“ (vgl. auch sumerisch ugubi). Das zweite Zeichen DU besitzt auch in der Tat die mögliche Lesung qup, womit einzig das MI (anstelle des zu erwartenden PU oder PI) eine Inkonsistenz darstellt, bei der es sich um einen Schreibfehler oder eine sonst unbekannte (Schreib)Variante des Wortes handeln könnte. Eine andere Möglichkeit geht von der Lesung des Zeichens MI als GE6 aus, womit uqūp GE6MEŠ in korrekter Orthographie „schwarze Affen“ bezeichnet.5:149 Die ersten beiden Zeichen u-qup machen letztlich jedenfalls unwahrscheinlich, dass es sich um ein grundlegend anderes Wort handelt als eine Form von uqūpu. Eines der bekannten Wörter für Mischwesen (etwa apsasu oder laḫmu) liegt an der gegebenen Stelle jedenfalls nicht vor; eine wörtliche Lesung als baziāti und udumi hätte indes keine verständlichen Parallelen.

Die Inschrift unterscheidet klar zwei verschiedene Arten von „Affen“ (englische Editionen der Inschrift geben die Bedeutungsnuance mitunter mit „monkeys and apes“ wieder5:150). Diese lassen sich zumindest zu einem gewissen Grad anhand der dargestellten Morphologie näher eingrenzen, wie Max Hilzheimer
im Eintrag „Affe“ des Reallexikons der Assyriologie erläutert: Die beiden Affen im letzten Bild sind aufgrund des markant abgeknickten Schwanzes als Paviane zu identifizieren – womöglich die beiden auch den Ägyptern bekannten Arten, der kurzbeharrte Babuin (links) und der mit einer auffälligen Mähne ausgestattete Mantelpavian (rechts). Im Falle der kleineren Affen im anderen Bild sei am ehesten an die weißgrüne Meerkatze zu denken, erkennbar durch den langen Schwanz und den Backenbart. Auch Hilzheimer weist auf die extrem vermenschlichten Gesichter hin, die so nicht der Natur entsprechen – insbesondere angesichts der langen Hundeschnauze des Pavians. Erklären ließe sich die Darstellung dadurch, dass der Bildhauer die Tiere nur aus Erzählungen gekannt oder allenfalls Felle bzw. ausgestopfte Tiere gesehen habe.6:41 An dieser Stelle ließe sich zudem anführen, dass auch die afrikanischen Huftiere (Wasserbüffel, Nashorn und Antilope) im zweiten Bild der Reihe nicht perfekt naturalistisch dargestellt sind, sondern sich teils deutlich von realen Tieren unterscheiden. Als Paviane und Meerkatzen gedeutet, reihen sich die Affen jedenfalls harmonisch ein in die Reihe typisch ägyptischer Tiere, wie sie im Rahmen von Tributgaben zu erwarten wären.
Erich von Dänikens Aussage, die Inschrift spreche von „gefangenen Menschentieren“, entspricht somit nicht der Wahrheit. Vielmehr erwähnt der Text explizit Affen und die Darstellungen, obwohl ungewöhnlich, ermöglichen anhand von Details sogar annähernd eine konkrete zoologische Zuordnung.

Hintergründe. Wie sich bei der Recherche herausstellte, war Erich von Däniken nicht der erste „Querdenker“, der den Schwarzen Obelisken erwähnte. Der Vorrang gebührt vielmehr dem Rechtsesoteriker Jörg Lanz von Liebenfels (1874-1954), Gründer des „Neutemplerordens“ und maßgebliche Gestalt völkischer Esoterik des frühen 20. Jahrhunderts. Lanz, der sich später selbst als maßgebliches Vorbild für die Ideen Hitlers bezeichnete, postulierte in seinen Schriften die Existenz einer Rasse arischer „Gottmenschen“ in grauer Vorzeit, die sich zunächst asexuell fortpflanzten und von Elektrizität ernährten, bevor sie durch sexuelle Vermischung mit niederen Tieren zu den heutigen Menschenrassen degenerierten. Da ihm zufolge die „niederen Rassen“ durch die ihnen angeborene Promiskuität permanent nach der weiteren Zersetzung der weniger deformierten Arier strebten, sah Lanz diese und insbesondere den Adel als vermeintlich reinste Menschengruppe in der Verantwortung, durch Deportation und/oder Auslöschung der anderen Rassen sowie totalitäre Kontrolle der eigenen Frauen jene ursprüngliche Rasse von „Gottmenschen“ wiederherzustellen.
In diesem zugegebenermaßen grotesken Weltbild postulierte Lanz auch die einstmalige Existenz einer Rasse von Tiermenschen (sogenannte „Sodomsäfflinge“ oder „Schrätlinge“), die den Menschen des Altertums zur sexuellen Vergnügung gedient hätten. Lanz sah genau diese Kreaturen auf dem Schwarzen Obelisken dargestellt, wobei er betonte, er habe diese Art als erster entdeckt und beschrieben.8:2 Den Namen Udumi – in der wörtlichen Lesung der vorliegenden Zeichen – leitete er von der Landschaft Edom in der Levante ab, das er mit dem in der Inschrift erwähnten Land Musri gleichsetzt (welches tatsächlich Ägypten bezeichnet).8:6
In diesem Kontext zitiert Lanz auch (korrekt) eine weitere assyrische Königsinschrift des Assurnaṣirpal, die unter als Tribut gebrachten Tieren auch paguta rabīta namsuḫa amēl nāri erwähnt. Hier sei die Äffin (pagutu) als Mensch (amēlu), genauer als „Wassermensch“ (amēl nāri) identifiziert8:11f – ein Fehler, denn hierbei handelt es sich um eine Aufzählung, wobei zwischen den nicht identischen Affen (paguta) und dem ominösen „Wassermenschen“ (amēl nāri) sogar noch ein Krokodil (namsuḫa) erwähnt wird. (Worum es sich bei dem „Wassermenschen“ handelt, ist umstritten – denkbar wäre womöglich eine Art Robbe oder Seekuh.)

Tributträger mit Affe und Oryx-Antilope. Elfenbeinfigur aus Nimrud, 8. Jhd. v. Chr. (Quelle)

Obwohl nirgendwo direkt zitiert, ist davon auszugehen, dass Erich von Dänikens Erwähnung der Wesen auf dem Obelisken auf die Schriften Lanz von Liebenfels‘ zurückgeht. Der Beleg für diese Traditionslinie findet sich in Form eines subtilen Fehlers: Von Däniken schreibt den Schwarzen Obelisken wiederholt fälschlich dem König Salmanassar II. zu1:183, 2:72,77, obwohl es sich tatsächlich um Salmanassar III. handelt. Dieselbe Verwechselung findet sich (mehrfach) bei Lanz.8:1 Bei der falsch zitierten Inschrift könnte es sich um eine vermeintlich sinngemäße Übertragung der Angaben bei Lanz handeln, der die Inschrift selbst noch nicht falsch zitierte, sondern offensichtlich Zugang zum Originaltext besaß und dessen Wörter unkonventionell deutete. Indes dürfte die Rezeption bei Hausdorf wiederum abhängig von den Darstellungen von Dänikens sein (ähnliche direkte Übernahmen einschließlich Fehlern sind auch bezüglich des Serapeums und der Mischwesen bei Eusebius belegbar), ebenso bei Habeck, der etwa die Abbildung des Reliefs direkt von von Däniken zitiert.4:184 Komplexer erscheint das Thema schließlich bei einem weiteren grenzwissenschaftlichen Autor, Walter-Jörg Langbein. Dieser ist zwar wie Hausdorf in manchen Aspekten von Erich von Däniken abhängig (siehe zuvor genannte Beispiele), bezieht sich in mehreren Blogartikeln jedoch wiederum explizit auf Jörg Lanz von Liebenfels als Urquelle zurück. Dessen Broschüre Der Affenmensch der Bibel sei ihm zu Studienzeiten von einem Professor als vermeintliche „wissenschaftliche Fachpublikation“9 bzw. „theologisches Traktat“10 zum Lesen gegeben worden. Langbein übernimmt ohne weitere Kritik die Ausführungen von Lanz, dessen völkisch-rassistisches Gedankengut wird hingegen weder im Positiven noch im Negativen rezipiert.9/10 Insofern zeugt die Kontroverse um den Schwarzen Obelisken nicht zuletzt auch in interessanter Weise von den Zitationsmechanismen innerhalb der modernen grenzwissenschaftlichen Literatur, etwa was die nur anhand eines weiterverschleppten Fehlers erkennbare Abhängigkeit von Dänikens von Lanz betrifft.

Umzeichnung des Nimrud-Reliefs in Lanz von Liebenfels‘ Theozoologie

Eine den bagiāti und uqūpu auf dem Schwarzen Obelisken sehr ähnliche Darstellung zweier Affen findet sich auf einer Reliefplatte des Assurnaṣirpal II. aus Nimrud (unten) – auch diese bildet Lanz wiederholt in seinen Werken abu.a. 8:Taf. III. Auffällig ist hier, dass obwohl beide Hominiden offensichtlich zur selben Art gehören, der untere wie auf dem Obelisken mit sehr menschenähnlichem Gesicht dargestellt ist, während der obere mit etwas vorstehender Schnauze sich eindeutig als Affe identifizieren lässt. Der auch hier gut sichtbare Backenbart entspricht den Abbildungen auf dem Schwarzen Obelisken und legt eine Identifikation als Meerkatzen nahe. Dasselbe Motiv eines Tributträgers mit auf der Schulter sitzendem Affen findet sich auch etwa in Form einer kleineren Elfenbeinstatuette (links oben), wobei hier der Affe eindeutig als solcher zu erkennen ist.

Tributträger mit Affen auf Reliefplatte des Assurnaṣirpal aus Nimrud, British Museum (Aiwok CC BY-SA 3.0, siehe auch Objekteintrag des British Museum)

T 1Erich von Däniken, Zurück zu den Sternen (183) / 2Erich von Däniken, Die Augen der Sphinx

R 3Hartwig Hausdorf, Götterbotschaft in den Genen (157) / 4Reinhard Habeck, Dinge, die es nicht geben dürfte (183 f)

Q 5A. Kirk Grayson: Assyrian Rulers of the early First Millennium BC II (858-745 BC). The Royal Inscriptions of Mesopotamia. Assyrian Periods (RIMA) Volume 3. University of Toronto Press, Toronto 1996.

GD 6Max Hilzheimer: Affe. RlA 1, 4142.

Q 7Sally Dunham: The Monkey in the Middle. Zeitschrift für Assyriologie und Vorderasiatische Archäologie 75/2 (1985), 234-264.

T 8Jörg Lanz-Liebenfels: Der Affenmensch der Bibel. Lanz-Liebenfels Bibeldokumente 1/1. Paul Zillmann, Groß-Lichterheide 1907.

T Jörg Lanz-Liebenfels: Theozoologie oder Die Kunde von den Sodoms-Äfflingen und dem Götter-Elektron, eine Einführung in die älteste und neueste Weltanschauung und eine Rechtfertigung des Fürstentums und des Adels. Moderner Verlag, Wien/Leipzig/Budapest 1905.

R 9Walter-Jörg Langbein: »Monstern auf der Spur«. Teil 174 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«.

R 10Walter-Jörg Langbein: »Bibel, Götter, Monsterwesen« Teil 231 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«

B The Art Bible, comprising the Old and new Testaments. With numerous illustrations. George Newnes, London 1896 (464); Austen Henry Layard: The Monuments of Niniveh. From Drawings on the Spot. John Murray, London 1853 (Fig. 53-56).

Siehe auch: Serapeum von Sakkara / Mischwesen bei Eusebius