Meister-Abdruck

1968 stieß William J. Meister in Antelope Springs (Utah) bei der Suche nach Fossilien auf eine Felsplatte mit etwas, das wie ein menschlicher Fußabdruck aussieht – inmitten einer Formation aus dem Kambrium, über 500 Millionen Jahre alt. Innerhalb des offenbar durch einen Schuh verursachten Abdrucks sind zwei Trilobiten (Gliederfüßer des Erdaltertums) zu erkennen, die allem Anschein nach zertreten wurden. Da die gleichzeitige Existenz von Menschen und Trilobiten der etablierten Erdgeschichte diametral widerspricht, wird der sogenannte „Meister-Abdruck“ regelmäßig von Kreationisten, Katastrophisten und anderen Anhängern grenz- bis pseudowissenschaftlicher Weltanschauungen als Beweismittel gegen die Evolution und eine hunderte Millionen Jahre dauernden Erdgeschichte herangezogen.

Diskussion. Glen Kuban kritisiert den Abdruck als eine Fehlinterpretation. Zwar sind die Trilobiten als echt zu bewerten, nicht aber der „Abdruck“ – bei diesem handle es sich vielmehr um eine natürliche Bildung.  So fehlen etwa jegliche Spuren für Druck sowie Bewegung des Fußes. Bei der scheinbaren Trennlinie des Absatzes handelt es sich um einen natürlichen Riss im Gestein – erkennbar dadurch, dass er an einer Stelle auch neben dem Abdruck weiterläuft. Auch scheint der Absatz am Fußende im Gestein erhöht zu sein, wo er vielmehr tiefer eingedrückt sein müsste. Letztendlich lasse sich die Bildung der schuhähnlichen Form auch problemlos im Rahmen der vor Ort zu beobachtenden geologischen Formationen erklären. Der von Verteidigern des Fundes oft angeführte Dr. Cook, der die Authentizität des Abdrucks bestätigt haben soll, war indes kein Geologe, sondern ein Metallurge, der nach eigener Aussage über keine ausreichenden paläontologischen Kenntnisse verfügte und nach bloßem Augenmaß urteilte.1

R Hans-Joachim-Zillmer, Darwins Irrtum (50-51) / Hans-Joachim-Zillmer, Die Evolutionslüge (Abb. 17) / Hans-Joachim Zillmer, Irrtümer der Erdgeschichte (23-25) / Jason Mason, Mein Vater war ein MiB 2 (12-13)

GD 1Glen Kuban: The „Meister Print“. An Alleged Human Sandal Print from Utah (Bild ebd.)

Meganthropus

Im Jahr 1941 stieß der Anthropologe Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald auf Java auf mehrere prähistorische Kieferfragmente. Anhand eines ihm zugesandten Abgusses publizierte der Forscherkollege Franz Weidenreich diese unter dem durch von Koenigswald gewählten wissenschaftlichen Namen Meganthropus palaeojavanicus.1:15f
Das fragliche Kieferfragment überragt vergleichbare Stücke von Homo sapiens, Homo erectus (damals Pithecanthropus) sowie modernen Menschenaffen einschließlich Gorillas deutlich an Größe (s.u.)2:52f, bleibt jedoch hinter dem kurz zuvor durch von Koenigswald entdeckten Gigantopithecus zurück.2:59 Die Funde und ihre Interpretation publizierte Weidenreich detailliert in seinen Monographien Giant early Man from Java and south China (1945) und Apes, Giants and Man (1946).
Auch wenn er in seinen Publikationen keine Schätzung zur Körpergröße vornimmt, so bezeichnet Weidenreich Meganthropus wiederholt als „Riesen“ und geht  von einem Wesen signifikant (ca. 1/3) größer als ein Gorilla aus, wiederum überragt von Gigantopithecus (ca. doppelt so groß wie ein männlicher Gorilla).2:60f
Sowohl Meganthropus als auch Gigantopithecus betrachtete Weidenreich eindeutig als Teile der menschlichen Stammlinie1:121, wenngleich deutlich primitiver als Pithecanthropus (Homo erectus)1:103. Die jeweils größere sei auch die primitivere Art, weshalb er von einer generellen Entwicklung hin zu geringerer Größe ausging.1:124

Aktuelle Erkenntnisse. In den folgenden Jahrzehnten gab es in der Paläoanthropologie wiederholt Bestrebungen, die als Meganthropus beschriebenen Fragmente dem Homo erectus oder der Gattung Paranthropus zuzuordnen. Eine 2019 veröffentlichte Studie kam jedoch nach erneuten Untersuchungen der fraglichen Spezimen zu dem Schluss, Meganthropus als eigene Gattung wiederherzustellen, da doch beträchtliche Unterschiede zu den Zahnformen der verschiedenen anderen Gattungen bestünden.3:6 Das zuerst entdeckte Kieferfragment „Sangiran 6a“ (oben) gilt nunmehr als Holotyp der Gattung. Anders als noch von Weidenreich angenommen, wird Meganthropus jedoch nicht länger als Vor- oder Frühmensch, sondern vielmehr als eine weitere Art von Menschenaffe angesehen.3:7 Über die einstige Körpergröße stellt die neue Studie keine Mutmaßungen an; nur die überproportional großen Zähne werden erwähnt.3:6

Schädel eines Australopithecus (Nachbildung), Upper Galilee Museum of Prehistory (Ma’ayan Baruch, Israel); man beachte den massiven Kiefer

Diskussion. Bereits Weidenreich und von Koenigswald betonten, dass nur auf Basis einzelner Zahn- und Kieferfragmente eine zuverlässige Rekonstruktion der Körperhöhe nicht möglich sei – trotzdem gingen sie im Falle des Meganthropus wie auch des Gigantopithecus aufgrund der ungewöhnlich großen Zähne von wirklicher Riesengröße aus. Auch diese unscharfe Mutmaßung ist so nicht haltbar. Eine Studie von Stanley M. Garn und Arthur B. Lewis zeigte in Reaktion auf diese Annahmen, dass es tatsächlich keine nennenswerte Korrelation zwischen Zahn- und Körpergröße bei Hominiden gibt. Vielmehr weisen die größten Hominiden (so etwa europäische Populationen des heutigen Homo sapiens) die in absoluten Maßen kleinsten Molaren auf, während sich die größten Zähne bei den körperlich deutlich kleiner gewachsenen Australopithecinen finden (rechts).4:876 Der Auch bezüglich Kieferknochen gebe es keine, wenn nicht eine negative Korrelation zur Körpergröße.4:875 So kommen Garn und Lewis zum Schluss: „The simplest and most economical explanation is that the big-toothed forms were simply big-toothed forms.”4:879 Vielmehr werde die absolute Größe der Zähne durch die Ernährung bestimmt, wobei etwa eine schwer zu kauende pflanzliche Nahrung größere Kauwerkzeuge hervorbringe als unsere wenig kaubedürftige fleischliche, zumal gekochte Nahrung.4:878 Diese Schlussfolgerungen gelten ebenso für den in jüngerer Zeit anhand weniger Zähne und Fingerknochen bereits als Riesen gedeuteten Denisova-Menschen, der sich zwischenzeitlich anhand eines neuen Fundes als normalgroße Menschenart mit überproportionalen Zähnen herausstellte.

T/Ü 1Franz Weidenreich: Giant early Man from Java and south China. American Museum of Natural History, New York 1945.

T/Ü 2Franz Weidenreich: Apes, Giants and Man. The University of Chicago Press, Chicago 1946, 47-68.

Clément Zanolli u.a.: 3Evidence for increased hominid diversity in the Early to Middle Pleistocene of Indonesia. Nature Ecology & Evolution 3, 755–764 (2019).

GD 4Stanley M. Garn / Arthur B. Lewis: ToothSize, BodySize and “Giant” Fossil Man. American Anthropologist 60/5 (1958), 874-880.

Bilder https://idw-online.de/de/image?id=313551&size=screen; Weidenreich 1946, 52/53

Echsenmenschen von Obed

Bei Ausgrabungen mehrerer Stätten der neolithischen Obed-Kultur (5.500 – 3.500 v. Chr., auch engl. Ubaid period), die in Südmesopotamien den Sumerern vorausging, fanden sich aus Ton gefertigte Figurinen mit ungewöhnlich stilisierten Gesichtszügen, die an Reptilien denken lassen. Zu den bekanntesten zählen jene Exemplare, die der britische Archäologe Charles Leonard Woolley in den 20er Jahren in der sumerischen Stadt Ur fand; andere stammen aus Eridu, al-‘Ubaid, Tell el-‘Queili, Tello, Uruk, Reijibeh, Hajji Muhammad, Nippur und Tell Uqair. Die Figuren zeichnen sich durch große, mandelförmige Augen, kleine Nasenlöcher und vor allem einen hohen Turmschädel aus. Zwei von ihnen sind stillend mit einem ebenso stilisierten Säugling dargestellt, eine Figur hält etwas wie ein Zepter. Insgesamt sind bisher 121 dieser Figurinen publiziert worden, davon 79% weiblich, 4% männlich und 17% androgyn oder undefinierbar.1:150 Die auffällige Kopfform wurde wiederholt als Hinweis auf Schädeldeformationen interpretiert, wie sie auch etwa von den Paracas-Schädeln, der Kunst der Amarna-Zeit und anderen Kulturräumen bekannt sind.

Wiederholt werden die Figurinen von Grenzwissenschaftlern und Verschwörungstheoretikern zitiert (s.u.). Mit ihrem vermeintlich reptilienhaften Erscheinungsbild dienen sie als bildlicher Beleg für die in verschiedenen (Verschwörungs-)Theorien postulierten Reptiloiden, umso mehr durch die räumliche Nähe zur sumerischen Kultur.

Tatsächlich erinnern viele der Figurinen mit ihren großen, geschlitzten Augen, kleinen Nasenlöchern und als Schuppen interpretierbaren Punkten auf den Schultern an Schlangen oder Echsen, wie auch in der Forschung schon wiederholt geäußert wurde – doch ist diese letztlich assoziative Deutung weder eindeutig noch unangefochten.1:152 Mehrere einschränkende Aspekte müssen bei der Deutung beachtet werden:

  • Die Ikonographie der „Echsenmenschen“ steht nicht isoliert da, sondern ist eingebettet in ein größeres Formenspektrum neolithischer Figurinen der Obed- und Samarra-Periode, wobei die als solche identifizierten Vorgängerformen einen weniger reptilischen Eindruck machen.1:151f
  • Auch innerhalb der Gruppe der Obed-Figurinen besteht eine große Variationsbreite des Erscheinungsbildes – so findet sich bei einigen ein echsenartig hervorragendes Gesicht mit deutlich abgesetztem Turmschädel, während andere ein menschlich-flaches Antlitz mit fließendem Übergang zum Turmschädel aufweisen.1:151, 154 Insofern ist eher auszuschließen, dass eine reale Spezies auf Basis unmittelbarer Beobachtungen dargestellt wurde.
  • Eine Interpretation als wirkliche Reptilien ist problematisch, da die Figurinen betont mit Säugetiermerkmalen gefertigt wurden: 1) Kopfhaar aus aufgetragenem Bitumen, 2) funktionsfähige Brüste (manche Figurinen sind auch stillend mit einem Säugling dargestellt) sowie 3) ein betontes Schamdreieck (Reptilien besitzen keine separierte Vulva, sondern mit der Kloake nur einen einzigen Körperausgang).
  • Figurinen, wie sie in zahlreichen Kulturen vor allem, aber nicht nur des Neolithikums auftreten, zeigen häufig in verschiedener Weise überzeichnete Körpermerkmale – es gibt keinen Grund, jenen einen Typus grundsätzlich als realistischer zu bewerten als zahlreiche andere.

Ü 1Aurelie Daems: A Snake in the Grass: Reassessing the Ever-intriguing Ophidian Figurines. In: Robert A. Carter / Graham Philip (Hg.), Beyond the Ubaid: Transformation and Integration in the Late Prehistoric Societies of the Middle East. The Oriental Institute of the University of Chicago, Chicago 2010, 149-161.

R David Icke, Das größte Geheimnis (284) / Hartwig Hausdorf, Götterbotschaft in den Genen (158) / Jason Mason, Mein Vater war ein MiB (258) / Holger Kalweit, Herrscht eine Echsenrasse über die Erde? (14) / Ancient Origins: The Unanswered Mystery of 7,000-year-old Ubaid Lizardmen

Bilder http://www.newsnfo.co.uk/pages/acientfigurines.html

Serapeum von Sakkara

Bei dem Serapeum – benannt nach einem einst darüber gelegenen Tempel des Serapis – handelt es sich um ein unterirdisches Gewölbe in der ägyptischen Ruinenstätte von Sakkara, das als Grabmal für die heiligen Apis-Stiere von Memphis diente. Wiederentdeckt wurde es im Jahr 1851 von dem später berühmten Ägyptologen Auguste Mariette.
Der Apis war eines der wichtigsten heiligen Tiere des alten Ägypten – nach dem Tod seines Vorgängers anhand besonderer Merkmale auserwählt, verbrachte er seine Lebenszeit in einem eigenen Bereich am Tempel des Ptah in Memphis und wurde nach seinem natürlichen Tod aufwendig mumifiziert. Seit der Zeit Amenophis III. (14. Jhd. v. Chr.) diente das Serapeum als Nekropole für die Bestattungen der Stiere. Zunächst wurden die Stiere in Holzsarkophagen beigesetzt; erst ab der Zeit Psammetichs I. (26. Dynastie, reg. 664–610 v. Chr.) fanden monumentale Steinsarkophage Verwendung. Mit einer Länge von 4 m, bei einer Höhe von 3,3 m und 2,3 m Breite erreichen die Särge jeweils ein Gewicht von rund 65 Tonnen, zu dem sich ein 60 cm dicker und ebenfalls über zwanzig Tonnen schwerer Deckel gesellt.

Grenzwissenschaftliche Darstellung. Erich von Däniken rückte das Serapeum in Die Augen der Sphinx ins Licht der Prä-Astronautik. Korrekt wies er darauf hin, dass in keinem der Granitsarkophage je die Mumie eines Stieres gefunden wurde, während die älteren Holzsarkophage nur eine rätselhafte Masse aus Bitumen (Asphalt) und zerstoßenen Knochenfragmenten beinhalteten.2:18-20 Daraus leitete er die Schlussfolgerung ab, die absurd großen Sarkophage und die dem ägyptischen Bestattungsritus zuwiderlaufende Zerstückelung der Mumien hätten keinesfalls dem Schutz der verstorbenen heiligen Stiere gedient, sondern vielmehr deren Rückkehr ins Reich der Lebenden mit allen Kräften verhindern sollen. Bei den Stieren habe es sich um die Nachfahren einst von mutmaßlichen Außerirdischen gezüchteter Mischwesen gehandelt, die von den Menschen so sehr gefürchtet wurden, dass man sie – während man sie zu Lebzeiten nicht anzurühren wagte – nach ihrem Tod endgültig zu verbannen versuchte.2:82-86
In späteren Publikationen – bei anderen Autoren wie Hartwig Hausdorf und Walter-Jörg-Langbein, aber auch bei Erich von Däniken selbst – werden die Befunde verkürzt und fehlerhaft dargestellt: Die Holzsarkophage der früheren Dynastien werden nicht mehr erwähnt, die rätselhafte Bitumenmasse hingegen in die Steinsarkophage verlegt. Alle drei zitieren in diesem Zusammenhang ein Zitat des Kirchenvaters Eusebius (fälschlich dem ägyptischen Historiker Manetho zugeschrieben, tatsächlich von dem babylonischen Autor Berossos stammend), das eine Vielzahl vorzeitlicher Ungeheuer aufzählt – hierbei handle es sich um Mischwesen, wie sie mutmaßlich im Serapeum zur Ruhe gebettet worden sein sollen.

Diskussion. Die Verbindung der Steinsarkophage mit der Bitumenmasse ist falsch; noch in von Dänikens Die Augen der Sphinx wurde der Sachverhalt (mit älteren Holzsarkophagen) korrekt dargestellt. Besagte Bitumenmasse voller Knochenfragmente existiert jedoch wirklich, wie aus den Grabungspublikationen Auguste Mariettes hervorgeht.1:63, 67
Trotzdem sind die Hypothesen über Mischwesen und Totenfurcht leicht zu widerlegen. Dass Apis-Stiere in der Tat regulär mumifiziert wurden, beweist neben gefundenen Mumifizierungstischen3:22 auch der sogenannte Apis-Papyrus, welcher dieses Ritual beschreibt4:20. Im Serapeum fanden sich außerdem hunderte von mit Inschriften versehenen Stelen, die von Pharaonen, aber auch Privatleuten für die verstorbenen Apis-Stiere gestiftet wurden. Diese nennen die genauen Lebensdaten der heiligen Stiere, welche oft auch in Form von Reliefs bildlich dargestellt sind. Außerdem betonen die Inschriften der sogenannten Apisstelen, dass die Stiere größte Liebe und Wertschätzung erfuhren und die Sarkophage vielmehr des Schutzes denn als jenseitiges Gefängnis dienten. So schreibt etwa eine von Erich Winter übersetzte Stele des Königs Amasis:

Man vollzog an ihm alle Zeremonien in der Reinigungsstätte, da sich seine Majestät erinnerte, wie man es Horus für seinen Vater Osiris getan hatte. Man machte ihm einen großen Sarkophag aus Granit und seine Majestät fand es gut, ihn aus kostbarerem Stein herstellen zu lassen als irgendein König zu irgendeiner Zeit. Man machte ihm ein Grabgewand aus geheimem Stoff der heiligen Stätten von Sais, um ihm Schutz zu verleihen. Sein Schmuck war aus Gold und allerlei herrlichen Edelsteinen, schöner als man es je gemacht hatte. Denn seine Majestät liebte den Apis mehr als jeder König.“3:28

So beweisen die Stelen zweifelsfrei, dass in den Särgen im Serapeum in der Tat Apis-Stiere beigesetzt wurden und es keine Ambitionen gab, diesen über ihren Tod hinaus zu schaden.
Fraglich ist schließlich die Ursache für den Zustand der Mumien bei ihrer Auffindung. Die Granitsarkophage der jüngeren Zeit waren bei der Entdeckung durch Mariette aufgebrochen und leer; sie waren bereits in der Antike beraubt worden. Bei der Bitumenmasse in den Holzsarkophagen könnte es sich um zerfallene Mumien gehandelt haben; Bitumen fand bekanntermaßen im Rahmen der Mumifizierung Verwendung. Spekulieren ließe sich auch über unkonventionelle Varianten des Bestattungsbrauches, die sich aus Analogien und indirekten schriftlichen Quellen herleiten ließen:

  • Verschiedene Forscher haben darüber spekuliert, ob die Apis-Stiere – zumindest in früherer Zeit – nach ihrem Tod vom König verzehrt worden sein könnten, was das Fehlen der Bestattungen vor der Zeit Amenophis‘ III. erklären könnte. Als Analogie dient hierbei der als „Kannibalenhymne“ bekannte Pyramidentext, in dem der verstorbene Pharao Unas im Rahmen seiner Auferstehung symbolisch Menschen und auch Götter frisst. Die zerstückelten Mumien könnten Überrest eine solchen rituellen Mahls sein, das in späterer Zeit (mit Anstieg der Heiligkeit des Apis) womöglich ausgesetzt wurde.4:4-7
  • Die Größe der Stiere könnte die Mumifizierung vor Schwierigkeiten gestellt haben, die durch eine vorhergehende Entfleischung gelöst wurden. Eine solche ist zur Zeit des Alten Reiches auch bei Menschen belegt, bevor die Techniken der Konservierung perfektioniert worden waren.
  • Der griechische Geschichtsschreiber Diodor berichtet eine Variante des Osiris-Mythos, der zufolge der zerstückelte Osiris nach seiner Ermordung von Isis zusammengesucht und in einem hölzernen Rind verschnürt wurde (Diod. 1, 85, 4-5). Bei Plutarch wiederum findet sich die Aussage, dass unreine Tiere zusammen mit dem heiligen Apis begraben wurden, um gewissermaßen die böse Macht des Seth in ihnen zu „neutralisieren“ (Plutarch, De Iside et Osiride 73). Beides könnte auf bisher unbekannte Bestattungsvarianten hindeuten, deren genaue Ausgestaltung sich kaum noch rekonstruieren lässt.

Während also die Tatsache, dass Apis-Stiere im Serapeum mit größtem Respekt bestattet wurden, nicht zu bezweifeln ist, bleibt die Methode zunächst ungeklärt, obgleich es gleich mehrere vielversprechende Erklärungsansätze gibt.

Eingehendere Erläuterungen zum Fall Serapeum finden sich in meinem Artikel Monstersärge und Pseudomumien – Kontroversen um ägyptische Stierbestattungen.

 

Q 1Auguste Mariette: Le Sérapeum de Memphis. Libraire-Éditeur, Paris 1882.

T 2Erich von Däniken: Die Augen der Sphinx. Neue Fragen an das alte Land am Nil. C. Bertelsmann, München 1989, 7-90.

3Erich Winter: Der Apiskult im Alten Ägypten. Novo Industrie, Mainz 1978.

4Robert Mond, Oliver H. Myers, The Bucheum. Vol. I. Oxforf University Press, London 1934.

R Walter-Jörg Langbein, Bevor die Sintflut kam (42-46) / Walter-Jörg-Langbein, Kreaturen der Nacht (147-152) / Hartwig Hausdorf, Nicht von dieser Welt (98-101) / Hartwig Hausdorf, Götterbotschaft in den Genen (150-153)

GD Leif Inselmann: Monstersärge und Pseudomumien. Kontroversen um ägyptische Stierbestattungen.

Bild https://www.flickr.com/photos/fdctsevilla/20814894493/

Krypta im Grand Canyon

Am 5. April 1909 erschien in der Zeitung Arizona Gazette ein umfangreicher Artikel (s.u.) über den Fund eines ausgedehnten Höhlensystems im Grand Canyon, das ägyptische sowie asiatische Artefakte enthielt.

Inhalt des Artikels. Der Abenteurer G. E. Kincaid habe, als er mit einem Boot den Colorado River hinabfuhr, auf einer Höhe von etwa 2 000 Fuß in der östlichen Steinwand jene Höhle entdeckt. Nachdem er unter großer Anstrengung den Eingang erreicht hatte, habe ihn ein mehrere hundert Fuß langer Gang bis in eine unterirdische Krypta geführt, in der er mehrere Mumien und Artefakte vorfand. In der zentralen Halle habe sich die Statue einer im Schneidersitz sitzenden Gestalt mit einer Lotusblüte oder Lilie in jeder Hand befunden, die an einen Buddha erinnerte. Insgesamt umfasse das Tunnelsystem mehrere hundert Räume, die insgesamt Raum für rund 50 000 Menschen böten. Neben zahlreichen weiteren Statuen seien Keramik, Kupferwerkzeuge sowie Gefäße aus Gold gefunden worden. An den Wänden sowie Urnen und Steintafeln hätten sich Hieroglyphen befunden, die noch zu entziffern seien. Nach Kincaids Entdeckung befasse sich nun unter Aufsicht eines gewissen Prof. S. A. Jordan das Smithsonian Institute mit der näheren Untersuchung der mutmaßlichen ägyptischen Kolonie.1

GD Mit höchster Wahrscheinlichkeit dürfte davon auszugehen sein, dass es sich bei dem Bericht um eine schlichte Falschmeldung (buchstäblich Fake News) handelt, wie sie im Journalismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts durchaus üblich waren. Weder der angebliche Finder G. E. Kincaid noch der angebliche Smithsonian-Wissenschaftler Prof. S. A. Jordan haben je existiert – jedenfalls ist trotz verschiedener Recherchen keiner von beiden in irgendeiner anderen Quelle bezeugt. Auffällig ist zudem, dass in dem Zeitungsartikel fälschlich vom Smithsonian Institute die Rede ist, obwohl der tatsächliche Name der Organisation Smithsonian Institution lautet. Diese indes verneinte stets jede Kenntnis des angeblichen Fundes und der beteiligten Personen. Zumal der Artikel Anfang April erschien, dürfte womöglich – vergleichbar dem ähnlichen Fall der unterirdischen Stadt von Moberly – von einem Aprilscherz auszugehen sein. Weitere Quellen über die ominöse Krypta existieren nicht; weder sind jemals Informationen über die angeblich begonnene Erforschung publik geworden, noch jemals Artefakte aufgetaucht oder weitere Artikel publiziert worden.1

Rezeption. Nichtsdestotrotz wird der angebliche Fund weiterhin in grenzwissenschaftlichen Publikationen zitiert. Wiederholt widmete sich David Childress dem scheinbar von der Smithsonian Institution unterdrückten Sensationsfund, auch David Icke zitierte den Bericht als Tatsache. Eine kritische Zusammenfassung, die unter anderem auch von Kenneth L. Feder zitiert wird, publizierte Jason Colavito.

Q/Ü/GD 1http://www.jasoncolavito.com/archaeological-cover-up.html# (originaler Artikel + Zusammenfassung)

R Luc Bürgin, Geheimakte Archäologie (137-146)

Newark Holy Stones

Bei der Ausgrabung eines Grabhügels bei Newark, Ohio, stieß der Forscher David Wyrick 1860 auf einen dreieckigen Sandsteinblock mit einer hebräischen Inschrift. Fünf Monate später entdeckte Wyrick, der mit seinen Ausgrabungen den altweltlichen Ursprung der Moundbuilder-Kultur zu belegen suchte, einen weiteren beschriebenen Stein in der Nähe.1:18-20

Beschreibung. Der erste Stein (links) ist als Keystone bekannt. Er ist dreieckig und glatt poliert; die hebräischen Inschriften auf den vier Seiten wurden übersetzt als: „Heiliger der Heiligen / König der Erde / Das Gesetz Gottes / Das Wort Gottes“. 1:19 Der zweite, als Decalogue Stone bezeichnete Stein (links) besteht aus dunklem Kalkstein und ist mit dem Relief eines Menschen verziert (durch eine Beischrift als Mose identifiziert), umschlossen von einer Inschrift der zehn Gebote.1:20

Diskussion. Der erste gefundene Stein wurde schon kurz nach der Entdeckung als Fälschung klassifiziert, da es sich bei der Inschrift um eine moderne Form des Hebräischen handelte.1:19 Der zweite Stein zeigt althebräische Schrift, weist jedoch noch immer einen Anachronismus auf (ein kaph anstelle eines daleth) – insofern kann auch bei diesem von einer modernen Fertigung ausgegangen werden.1:20 Aufgrund einer gewissen Ähnlichkeit der Komposition und insbesondere der Beschriftung wurde vermutet, die Darstellung des Mose auf dem Dekalogstein könnte durch die Abbildung eines assyrischen Reliefs aus Austen Henry Layards Discoveries in the Ruins of Nineveh and Babylon (S. 350-351) inspiriert worden sein.1:25

Ü 1Bradley T. Lepper / Jeff B. Gill: The Newark Holy Stones. Timeline 17/3, 2000, 16-25.

B J. Huston McCulloch (Wikimedia)

Oñate Man

Im Frühling 1999 erschien auf der Seite der New Mexicans for Science & Reason (NMSR) ein Artikel mit Fotos einer Ausgrabung, die allem Anschein nach die Skelette eines Menschen und eines Dinosauriers nebeneinander zeigten, der Allosaurus im Begriff sein Opfer zu verschlingen. Der Autor stellt sich als Student namens Stefan vor, der gemeinsam mit seinem Paläontologie-Professor Dr. Heinschvagel in der über 140 Mio. Jahre alten Morrison Formation in New Mexico grub. Sowohl das Fossil selbst als auch die meisten geschossenen Bilder seien kurz darauf beschlagnahmt und die Ausgräber instruiert worden, den Fund geheim zu halten, zumal dies eine endgültige Widerlegung der Evolutionstheorie darstelle.1
Wenig später indes wurde auf der NMSR-Seite zugegeben, dass es sich bei der Nachricht um einen Aprilscherz handelte – der Oñate Man und sämtliche genannten Personen waren frei erfunden.2 Zahlreiche Antworten auf den Post waren bei der Seite eingegangen, darunter einige Kreationisten, die die Nachricht glaubten – während andere ungläubig oder kritisch blieben.

T 1http://www.nmsr.org/Archive.html (Bild dort)

GD 2http://www.nmsr.org/april_fool.html

GD Glen Kuban: Onyate Man (2008).

Cart Ruts

Als Cart Ruts (“Karrenspuren”) bezeichnet man – vermutlich fälschlich – gewisse ins Felsgestein eingeschnittene Rillen, die sich an verschiedenen Stellen der Insel Malta finden. Oft verlaufen diese paarweise, was an Schienen für Fahrzeuge denken lässt – davon abgeleitet auch der Name „Clapham Junction“ (nach dem gleichnamigen Bahnhof in London) für die größte Ansammlung der Spuren nahe den Dingli-Klippen im Süden Maltas. Die Spurbreite beträgt rund 1,41, variiert jedoch leicht.1:266 Ursprung und Zweck der Spuren sind bis heute ungeklärt. Mittlerweile sind ähnliche Spuren auch in anderen Ländern entdeckt worden, so etwa in Italien, Lybien, der Provence und Sizilien.1:264

Diskussion. Im Laufe der Zeiten sind verschiedene Hypothesen über den Zweck der anscheinend menschengemachten Strukturen entstanden – doch eine jede scheitert an den Befunden. Der klassische Erklärungsansatz sah die Cart Ruts als Spurrillen für eine Form von Wagen oder von Rindern gezogener Schlitten. Dieser Verwendung stehen jedoch verschiedene Beobachtungen entgegen:

  • Die Rillen sind bis zu 60 cm tief1:266, weshalb man von einem Wagen mit unrealistisch hohen Rädern ausgehen müsste. Solche Räder – wie auch die vorgeschlagenen Schlitten – hätten darin keine Kurven fahren können.
  • Zwischen den Spuren finden sich keine Abnutzungsspuren, wie sie von Füßen oder Hufen der Zugtiere zu erwarten wären1:268 – im krassen Gegensatz zu den tief ins Gestein eingeschnittenen Spuren selbst.
  • Für die Annahme einer Entstehung durch bloße Abnutzung müsste man davon ausgehen, dass über lange Zeit – trotz zunächst noch gar nicht vorhandener Spurrinnen – stets genau derselbe Weg für die Fahrzeuge hätte gewählt werden müssen. Neben dem Fehlen von Spuren der Zugtiere spricht die teils variierende Tiefe dagegen – einzelne Stücke scheinen in den nicht gleichmäßig herausgemeißelten (?) Spuren „stehen geblieben“ zu sein.
  • An manchen Stellen erreichen Spuren an Hängen einen Steigungswinkel von bis zu 45°.1:269
  • Die Spuren von Ghar Zerrieq bei Mtahleb führen sogar geradewegs über eine Klippe und verlaufen darunter weiter. Dies lässt sich jedoch möglicherweise durch den Abbruch des dortigen Felsgesteins erklären.1:268

Dass die „Fahrrinnen“ zum Transport der Steine für die megalithischen Tempel von Malta Verwendung fanden, wie bereits vermutet, ist auszuschließen, da keine der Spuren zu den Tempeln führt.1:265 Ebenso scheitert die Interpretation als Bewässerungssystem an der Lage, denn nirgendwo ist ein Zusammenhang der Spuren mit Wasserflächen festzustellen1:268, zumal die Wege über Anhöhen hinweg unverständlich bleiben. Der Archäologe David H. Trump schlägt die Hypothese vor, dass ein Großteil der Spuren einst dünn mit Erdreich bedeckt gewesen sein könnte – dies könnte das Fehlen der Zugtierspuren erklären; zudem hätte das Sediment als Schleifmittel den Abnutzungsprozess beschleunigt.

Datierung. Die zeitliche Einordnung der Spuren ist umstritten. Da manche von ihnen durch phönizische Grabschächte (letzte Jahrhunderte v. Chr.) geschnitten werden, muss ihre Entstehung davor erfolgt sein.1:265 An mehreren Stellen – so in den Buchten von Marsaxlokk und Mellieha – führen die Spuren ins Meer und verlaufen ein Stück unter Wasser, was auf einen Meeresspiegelanstieg nach ihrer Entstehung schließen lässt.1:265 Grenzwissenschaftler wie Erich von Däniken und Hartwig Hausdorf datieren daher die Cart Ruts sowie die als gleichzeitig betrachteten Megalithtempel (von denen einer sowie ein postulierter weiterer sich ebenfalls im Meer befinden) in die Zeit vor dem Ende der letzten Eiszeit (vor über 10 000 Jahren), da zu jenem Zeitpunkt der Meeresspiegel deutlich tiefer lag als heute.2:72 Tatsächlich hatte dieser auch in der Antike noch nicht den heutigen Stand erreicht und lag tiefer. Während sich nach Trump der fragliche Zeitpunkt (und damit die Entstehungszeit der Cart Ruts) nicht genau terminieren lässt (ebenso wie der Verlust der vermuteten Erdschichten an der Oberfläche)1:269, geht Joachim von Freeden von einem um rund 10 m tieferen Meeresspiegelstand zur Zeit der Tempel (~ 4. Jt. v. Chr.) aus, was die unterseeischen Spuren und Tempel erklären dürfte.3

Ü 1David H. Trump: Malta. Prehistory and Temples. Midsea Books, Malta 2002.

R 2Hartwig Hausdorf, Begegnungen mit dem Unfassbaren (69-74)

GD 3https://mysteria3000.de/magazin/malta-megalithtempel-und-karrenspuren/

Bilder Leif Inselmann („Clapham Junction” / San Gwann, Malta)

Sivatherium von Kiš

Die Figurine (Colbert 1936, Pl. 21) Vergleich mit der Rekonstruktion eines Sivatheriums (Colbert 1936, Pl. 22)

Bei der Ausgrabung der sumerischen Stadt Kiš durch das Field Museum of Natural History und die Universität Oxford stieß man auf einen Zügelring aus Bronze, der offensichtlich zu den Überresten eines Wagens mit Pferden gehörte.1:605 Das Objekt stellt ein gehörntes Huftier dar, dessen genaue Interpretation Schwierigkeiten bereitet. Während es weithin als Darstellung eines Damhirsches gedeutet wurde, wies der amerikanische Paläontologe Edwin H. Colbert 1936 in einem Artikel auf die bemerkenswerte Übereinstimmung des Wesens mit dem vermeintlich im Pleistozän ausgestorbenen Sivatherium hin, einer einst in Afrika und Indien verbreiteten Art von Rindergiraffen. Wie jenes besitzt die Figur zwei Paar Hörner bzw. Geweihe – zwei ausladende von identischer Form am Hinterkopf sowie zwei kleinere, konische direkt über den Augen, die allen heute existierenden Arten fehlen; auch die Position beider Hornpaare sowie der allgemeine Körperbau entsprächen dem prähistorischen Vorbild. Das dargestellte Tier scheint domestiziert zu sein, denn es trägt einen Nasenring.
Während Colbert und andere frühe Autoren die Figur noch auf etwa 3 500 v. Chr. datierten, gibt David Reese einen Ursprung gegen 2 800-2 750 v. Chr. (späte Frühdynastisch-I-Zeit) an. Dass Sivatherien zumindest länger als bislang vermutet bis in annähernd historische Zeiten überlebt haben könnten, scheint auch durch steinzeitliche Felsbilder dieser Tiere in Afrika bestätigt zu werden (auch wenn diese immer noch deutlich vor die Figurine aus Kiš datiert werden).2
1977 bekam die Theorie jedoch Risse, als die zuvor abgebrochenen Enden des Geweihs der Figur in einem Lagerraum des Field Museum wieder aufgefunden wurden. Diese stellten sich als länger heraus, als man es bei einem Sivatherium, wie es Colbert rekonstruierte, erwarten sollte, was schließlich wieder für die Identifizierung als Damhirsch spräche. Dieser stünden jedoch, wie Christine Janis 1990 betonte, weiterhin die kleinen Überaugenhörner sowie eine allgemein mehr dem Sivatherium zugeneigte Morphologie entgegen.2

T 1Edwin H. Colbert: Was the Extinct Giraffe (Sivatherium) Known to the Early Sumerians? American Anthropologist, New Series 38/4, 1936, 605-608.

Ü 2https://scienceblogs.com/tetrapodzoology/2011/04/25/sumerian-sivathere-figurine

R Edwin H. Colbert: The enigma of SivatheriumPlateau 51, 1978, 32-33.

R Christine Janis: Fossil ungulate mammals depicted on archaeological artifacts. Cryptozoology 6, 1987, 8-23.

R David Reese: Paleocryptozoology and archaeology: a sivathere no longer (comment on Janis 1987 and Mayor 1989). Cryptozoology 9, 1990, 100-107.

R Christine Janis: Sivatherium defended (response to Reese). Cryptozoology 9, 1990, 111-115.

B Colbert 1936, Pl. 21/22