Meganthropus

Im Jahr 1941 stieß der Anthropologe Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald auf Java auf mehrere prähistorische Kieferfragmente. Anhand eines ihm zugesandten Abgusses publizierte der Forscherkollege Franz Weidenreich diese unter dem durch von Koenigswald gewählten wissenschaftlichen Namen Meganthropus palaeojavanicus.1:15f
Das fragliche Kieferfragment überragt vergleichbare Stücke von Homo sapiens, Homo erectus (damals Pithecanthropus) sowie modernen Menschenaffen einschließlich Gorillas deutlich an Größe (s.u.)2:52f, bleibt jedoch hinter dem kurz zuvor durch von Koenigswald entdeckten Gigantopithecus zurück.2:59 Die Funde und ihre Interpretation publizierte Weidenreich detailliert in seinen Monographien Giant early Man from Java and south China (1945) und Apes, Giants and Man (1946).
Auch wenn er in seinen Publikationen keine Schätzung zur Körpergröße vornimmt, so bezeichnet Weidenreich Meganthropus wiederholt als „Riesen“ und geht  von einem Wesen signifikant (ca. 1/3) größer als ein Gorilla aus, wiederum überragt von Gigantopithecus (ca. doppelt so groß wie ein männlicher Gorilla).2:60f
Sowohl Meganthropus als auch Gigantopithecus betrachtete Weidenreich eindeutig als Teile der menschlichen Stammlinie1:121, wenngleich deutlich primitiver als Pithecanthropus (Homo erectus)1:103. Die jeweils größere sei auch die primitivere Art, weshalb er von einer generellen Entwicklung hin zu geringerer Größe ausging.1:124

Aktuelle Erkenntnisse. In den folgenden Jahrzehnten gab es in der Paläoanthropologie wiederholt Bestrebungen, die als Meganthropus beschriebenen Fragmente dem Homo erectus oder der Gattung Paranthropus zuzuordnen. Eine 2019 veröffentlichte Studie kam jedoch nach erneuten Untersuchungen der fraglichen Spezimen zu dem Schluss, Meganthropus als eigene Gattung wiederherzustellen, da doch beträchtliche Unterschiede zu den Zahnformen der verschiedenen anderen Gattungen bestünden.3:6 Das zuerst entdeckte Kieferfragment „Sangiran 6a“ (oben) gilt nunmehr als Holotyp der Gattung. Anders als noch von Weidenreich angenommen, wird Meganthropus jedoch nicht länger als Vor- oder Frühmensch, sondern vielmehr als eine weitere Art von Menschenaffe angesehen.3:7 Über die einstige Körpergröße stellt die neue Studie keine Mutmaßungen an; nur die überproportional großen Zähne werden erwähnt.3:6

Schädel eines Australopithecus (Nachbildung), Upper Galilee Museum of Prehistory (Ma’ayan Baruch, Israel); man beachte den massiven Kiefer

Diskussion. Bereits Weidenreich und von Koenigswald betonten, dass nur auf Basis einzelner Zahn- und Kieferfragmente eine zuverlässige Rekonstruktion der Körperhöhe nicht möglich sei – trotzdem gingen sie im Falle des Meganthropus wie auch des Gigantopithecus aufgrund der ungewöhnlich großen Zähne von wirklicher Riesengröße aus. Auch diese unscharfe Mutmaßung ist so nicht haltbar. Eine Studie von Stanley M. Garn und Arthur B. Lewis zeigte in Reaktion auf diese Annahmen, dass es tatsächlich keine nennenswerte Korrelation zwischen Zahn- und Körpergröße bei Hominiden gibt. Vielmehr weisen die größten Hominiden (so etwa europäische Populationen des heutigen Homo sapiens) die in absoluten Maßen kleinsten Molaren auf, während sich die größten Zähne bei den körperlich deutlich kleiner gewachsenen Australopithecinen finden (rechts).4:876 Der Auch bezüglich Kieferknochen gebe es keine, wenn nicht eine negative Korrelation zur Körpergröße.4:875 So kommen Garn und Lewis zum Schluss: „The simplest and most economical explanation is that the big-toothed forms were simply big-toothed forms.”4:879 Vielmehr werde die absolute Größe der Zähne durch die Ernährung bestimmt, wobei etwa eine schwer zu kauende pflanzliche Nahrung größere Kauwerkzeuge hervorbringe als unsere wenig kaubedürftige fleischliche, zumal gekochte Nahrung.4:878 Diese Schlussfolgerungen gelten ebenso für den in jüngerer Zeit anhand weniger Zähne und Fingerknochen bereits als Riesen gedeuteten Denisova-Menschen, der sich zwischenzeitlich anhand eines neuen Fundes als normalgroße Menschenart mit überproportionalen Zähnen herausstellte.

T/Ü 1Franz Weidenreich: Giant early Man from Java and south China. American Museum of Natural History, New York 1945.

T/Ü 2Franz Weidenreich: Apes, Giants and Man. The University of Chicago Press, Chicago 1946, 47-68.

Clément Zanolli u.a.: 3Evidence for increased hominid diversity in the Early to Middle Pleistocene of Indonesia. Nature Ecology & Evolution 3, 755–764 (2019).

GD 4Stanley M. Garn / Arthur B. Lewis: ToothSize, BodySize and “Giant” Fossil Man. American Anthropologist 60/5 (1958), 874-880.

Bilder https://idw-online.de/de/image?id=313551&size=screen; Weidenreich 1946, 52/53

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