Königskartusche des Cheops

Als eindeutigster Beweis, dass der Bau der Cheops-Pyramide auf den Pharao Cheops (ägypt. Chufu) zurückgeht, gilt ein Graffito mit dessen Namenszug (Königskartusche) in einer der Entlastungskammern über der Königinnenkammer. Auf Zecharia Sitchin geht die Behauptung zurück, bei dieser handele es sich vielmehr um eine Fälschung des Entdeckers Richard William Howard Vyse aus dem 19. Jahrhundert. Sitchin nennt in seinem Buch Stufen zum Kosmos (wie auch späteren Publikationen) mehrere Belege für diese Annahme:

  • Die Kartusche weise einen Schreibfehler auf – ein leerer oder mit einem Punkt markierter Kreis „ra“ anstatt des schraffierten Kreises „ḫ“, also „Ra-w-f-w“ statt „-w-f-w“ = Cheops.
  • Dieser Schreibfehler gehe auf einen Fehler in dem zu jener Zeit beliebten Buch Materia Hieroglyphica von John Gardner Wilkinson zurück, das Vyse seinem Tagebuch zufolge besessen habe.2:271
  • Der Schriftzug sei in hieratischer bzw. linear-hieroglyphischer Schrift verfasst, die im Alten Reich zu Zeiten Cheops‘ noch nicht bekannt gewesen sei.2:266
  • Howard Vyse habe am Ende seiner Ausgrabungen in Ägypten unter massivem Erfolgsdruck gestanden, da er noch keine relevante Entdeckung gemacht habe.

Die These Sitchins wurde von anderen grenzwissenschaftlichen Autoren teils unkritisch rezipiert, so etwa Erich von Däniken.3:264f
Tatsächlich entsprechen Sitchin Behauptungen nicht der Wahrheit. In der Pyramide ist die Namenskartusche korrekt geschrieben, der postulierte Fehler (ra statt ḫ) existiert nicht (siehe Foto oben).
Die erste Publikation der Inschriften legte John Perring, der gemeinsam mit Vyse an der Erforschung der Pyramiden arbeitete, im Jahr 1839 vor (The Pyramids of Gizeh), ein Jahr später veröffentlichte Howard Vyse seinen eigenen Band Operations carried on at the pyramids of Gizeh in 1837 Vol. 1 mit einem weiteren Abdruck. Beide Publikationen stellen den Namenszug des Cheops korrekt dar (mit anstatt ra) – siehe im Folgenden bei Vyse (Tafel „Hieorglyphic and other Writing in Campbells Chamber“ zwischen S. 284/285, links) sowie bei Perring (Tafel VII, Mitte). Anders die Umzeichnung von Sitchin (rechts)2:268, die weder der Realität noch den originalen Publikationen entspricht.

     

Wie Vyse‘ Publikation zudem belegt, war dieser sich des Schreibfehlers inn der Materia Hieroglyphica Wilkinson durchaus bewusst:

a sieve (), which appears in Mr. Wilkinson’s work without any distinction from the solar disc1:280

Die Hieratische Schrift hat – anders als von Sitchin behauptet – bereits zur Zeit des Cheops in der 4. Dynastie existiert – wenngleich noch nicht in ihrer späteren, voll ausgebildeten Form, sondern einer „semi-hieratischen Zwischenstufe“. So entspricht etwa die Wachtelküken-Hieroglyphe (u/w) in der Kartusche exakt jener ursprünglichen, noch an der hieroglyphischen Schreibung orientierten Schreibweise, bevor sie in der 5. Dynastie eine Vereinfachung hin zu einem abstrakteren Symbol erfuhr. Dies sowie weitere Nebenaspekte werden umfänglicher von Markus Pössel sowie Frank Dörnenburg erläutert.5/7
Auch der angebliche Entdeckungszwang des erfolglosen Vyse lässt sich historisch nicht halten – hatte dieser doch bereits vor den Kartuschen den zweiten Eingang der Chephren- sowie den Eingang der Mykerinos-Pyramide entdeckt.8

Mittlerweile bestätigen weitere Funde zweifelsfrei die Zuordnung der Pyramide und Kartusche zu Cheops entgegen den Behauptungen Zecharia Sitchins:
So schreibt Howard Vyse in seinem handschriftlichen Journal (heute im British Museum aufbewahrt) ausgerechnet über seine Verwunderung darüber, dass der aufgefundene Königsname eben nicht so geschrieben war wie im Wilkinsons Buch beschrieben. Auf Basis des Buches erwartete Vyse in der Tat die Schreibung ra-w-f-w, musste allerdings angesichts des Fundes seinen Fehler einsehen.6
An der Ostseite von Lady Arbuthnots Kammer (einer weiteren der Entlastungskammern) entdeckte man, auf dem Kopf stehend, den im 19. Jahrhundert noch nicht bekannten Horusnamen (einen Beinamen) des Cheops, welcher Medjedu (mdw) lautet (unten). Dieser ist bei Vyse bereits verzeichnet, auch wenn er zu jener Zeit noch nicht als solcher identifiziert werden konnte, was die Möglichkeit einer Fälschung ausschließt (Tafel S. 278/79 bei Vyse 1840, unten rechts).6 Zudem ergibt die Überkopfstellung der Inschrift nur dann Sinn, wenn sie vor der Einpassung des Steins angebracht wurde.
Schließlich existiert in derselben Kammer wie die Chufu-Kartusche eine weitere Kartusche – die jedoch fast vollständig von einem weiteren Stein verdeckt wird (Tafel S. 284/285 bei Vyse, unten links). Nur das w-Küken ist noch zu erkennen. Die Schrift kann also nur angebracht worden sein, bevor die Steine an ihre finale Position verbracht wurden, d.h. während des Baus der Pyramide.4

Q 1Richard William Howard Vyse: Operations carried on at the Pyramids of Gizeh in 1837: With an Account of a Voyage into Upper Egypt, and an Appendix. Vol. 1. James Fraser, London 1840. 
Hochauflösendes Foto der Tafel hier.

Q John Perring: The Pyramids of Giza – From actual Survey and Admeasurement, Table volume. James Fraser, London 1837 (Pl. 7).

T 2Zecharia Sitchin: The Stairway to Heaven. Book II of the Earth Chronicles. St. Martin’s Press, New York 1980.

R 3Erich von Däniken, Die Augen der Sphinx (264-65)

GD Frank Dörnenburg:  4Der gefälschte Name / 5Die falsche Schrift / 6Der Horus-Name

GD 7Markus Pössel: Die gefälschte Cheopskartusche   

GD 8Gunnar Sperveslage: Die Königskartusche in der Cheopspyramide

B https://4.bp.blogspot.com/-YI-KTm78JC8/U-yrjC_ptuI/AAAAAAAAC2Q/5EnhrCN-jFg/s1600/