Mischwesen bei Eusebius

Und sie hätten erzeugt Menschen, doppeltbeflügelte; dazu auch andere mit vier Flügeln und zwei Gesichtern und einem Leib und zwei Köpfen, Frauen- und Männer(köpfen), und zwei Naturen, männlichen und weiblichen; weiter noch andere Menschen, mit Schenkeln von Ziegen und Hörnern am Kopfe; noch andere, pferdefüßige; und andere von Pferdegestalt an der Hinterseite und Menschen(gestalt) an der Vorderseite, welche der Hippokentauren Formen haben; erzeugt hätten sie auch Stiere, menschenköpfige, und Hunde, vierleibige, deren Schweife nach Art der Fischschwänze rückseits aus den Hinterteilen hervorliefen; auch Pferde mit Hundeköpfen; und Menschen sowie noch andere Ungeheuer, pferdeköpfige und menschenleibige und nach Art der Fische beschwänzte; dazu weiter auch allerlei drachenförmige Unwesen; und Fische und Reptilien und Schlangen und eine Menge von Wunderwesen, mannigfaltig gearteten und untereinander verschieden geformten“

„und Menschen sowie noch andere Ungeheuer, pferdeköpfige und menschenleibige und nach Art der Fische beschwänzte“

Erich von Däniken zitierte erstmals in Die Augen der Sphinx diese Passage des frühchristlichen Geschichtsschreibers Eusebius, in dem jener zahlreiche mythische Mischwesen aufzählt. Als Quelle des Eusebius wird der ägyptische Geschichtsschreiber Manetho angegeben. Diese Mischwesen seien in grauer Vorzeit von den Göttern erschaffen worden und damit ein Beispiel für genetische Experimente außerirdischer Besucher, wie sie auch den rätselhaften Bestattungen im Serapeum und anderen Fällen abnormer Tiermumien zugrunde liegen sollen. Zahlreiche andere Autoren wie Hartwig Hausdorf und Walter-Jörg Langbein übernahmen den Gedankengang und zitierten die Eusebius-Passage ebenfalls im selben Kontext von Mischwesen, Gentechnik und Serapeum.

Diskussion. Die stets mitzitierte Aussage, Eusebius habe die Passage von Manetho übernommen, ist falsch. Vielmehr stammt die „Monsterparade“ ursprünglich aus der nicht erhaltenen Babyloniaká des babylonisch-hellenistischen Geschichtsschreiber Berossos. Damit entfällt jeglicher direkte Bezug zu Ägypten, den Tiermumien und dem Serapeum von Sakkara im Speziellen. Weitere Fehler der modernen Interpretationen erschließen sich bei einer Betrachtung der gesamten Textstelle im Kontext. Berossos beschreibt hier die Entstehung des Kosmos nach babylonischen Vorstellungen, wie sie sich in fast identischer Form auch im keilschriftlich erhaltenen Epos Enūma Elîš finden. In den Mund gelegt ist der Bericht dem mythischen Fischwesen Oannes, welcher bei Berossos als Kulturstifter auftritt (wiederum basierend auf älteren babylonischen Überlieferungen):

Es war, sagt er [Oannes], einstens, da durch das (Welt-)All hin Finsternis und Wasser war. Und es waren daselbst gewisse andere Untiere, von denen ein Teil selbsterzeugte waren, und mit lebenerzeugenden Formen ausgestattete; und sie hätten erzeugt Menschen, doppeltbeflügelte; dazu auch andere mit vier Flügeln und zwei Gesichtern und einem Leib und zwei Köpfen, Frauen- und Männer(köpfen), und zwei Naturen, männlichen und weiblichen; weiter noch andere Menschen, mit Schenkeln von Ziegen und Hörnern am Kopfe; noch andere, pferdefüßige; und andere von Pferdegestalt an der Hinterseite und Menschen(gestalt) an der Vorderseite, welche der Hippokentauren Formen haben; erzeugt hätten sie auch Stiere, menschenköpfige, und Hunde, vierleibige, deren Schweife nach Art der Fischschwänze rückseits aus den Hinterteilen hervorliefen; auch Pferde mit Hundeköpfen; und Menschen sowie noch andere Ungeheuer, pferdeköpfige und menschenleibige und nach Art der Fische beschwänzte; dazu weiter auch allerlei drachenförmige Unwesen; und Fische und Reptilien und Schlangen und eine Menge von Wunderwesen, mannigfaltig gearteten und untereinander verschieden geformten, deren Bilder sie im Tempel des Belos eins neben dem andern dargestellt aufbewahrten. Und es habe über alle diese ein Weib geherrscht, dessen Name Markaye heiße, das auf chaldäisch Thalattha genannt werde und auf griechisch verdolmetscht werde Thalattha [das ist Meer].           
Während nun dieses Sämtliche aufgeregt stand zu einer chaotischen Masse, sei Belos [=der babylonische Hauptgott Marduk] dagegen angestürmt und habe das Weib mitten entzwei gespalten: aus der einen Hälfte habe er gemacht die Erde, aus der andern Hälfte den Himmel; und auch die andern Tiere, die in ihr waren, habe er vernichtet. Sinnbildlicherweise aber, sagt er, und in übertragener Bedeutung sei solches mythologisiert worden über die Naturen: daß nämlich, als noch überall Feuchtigkeit und Wasser war und allein die Ungeheuer in demselben waren, jener Gott sich das Haupt abgeschlagen habe, und das Blut, das von ihm herabrann, die andern Götter aufgefangen, mit Erde verknetet und Menschen daraus gebildet hätten; weshalb diese auch weise und des Geistes des Göttergeschlechtes teilhaftig würden.         
Und von Belos sagt man, der auf griechisch Dios [Zeus] übersetzt wird und auf armenisch Aramazd [Ahura Mazda, der Gott des Zoroastrismus bzw. der Perser], er habe die Finsternis mitten durchschnitten und habe getrennt von einander den Himmel und die Erde, und habe ordnend eingerichtet die Welt; die Untiere aber hätten nicht ertragen des Lichtes Kraft und seien untergegangen. Belos aber, als er eine öde und fruchtbare Gegend sah, habe einem von den Göttern Befehl gegeben von dem Blute, das von seinem abgetrennten Haupte herabfließe, mit Erde zu vermischen und Menschen zu bilden, sowie andere Tiere und wildes Vieh, die diese Luft ertragen könnten. Gegründet habe Belos die Gestirne und die Sonne und den Mond und die fünf Wandelsterne.1:7 f (Hervorhebungen LI)

Die Quelle spricht also nicht davon, dass jene Mischwesen von den (anthropomorphen) Göttern erschaffen wurden, die die Prä-Astronautiker mit den von ihnen postulierten Außerirdischen gleichsetzen. Vielmehr handelt es sich bei den Ungeheuern um Urwesen, die im kosmischen Urmeer vor der Weltschöpfung leben und entweder aus sich selbst heraus entstehen oder sich untereinander vermehren. Es wird ausdrücklich betont, dass die Mischwesen in historischen Zeiten längst nicht mehr am Leben waren: Sie wurden entweder von Belos (dem babylonischen Nationalgott Marduk) vernichtet oder starben im Zuge der sich anschließenden Weltschöpfung, da sie das Licht bzw. die Luft nicht ertragen konnten.     
Im älteren Enūma Elîš tritt eine vergleichbare Gruppe von elf verschiedenen Ungeheuern auf, die von der Urgottheit Tiāmtu (auch Tiamat, bei Berossos Thalatta oder Markaye) als Armee gegen die jüngeren Götter geschickt und von Marduk gebunden werden. Auch hier finden sich Fischmensch, Stiermensch und verschiedene Arten von Drachen bzw. Schlangenwesen, wobei die anderen Arten von Mischwesen sich unterscheiden. Dies fußt wiederum auf älteren Traditionen, nach denen eine Gruppe von Ungeheuern (darunter Fischmann und mehrere Drachen) vom Gott Ninurta besiegt wurde.

Eine eingehendere Analyse der Textstellen findet sich in meinem Aufsatz Eusebius‘ Monsterparade (unten).

Q 1Josef Karst (Hg.): Eusebius Werke. Fünfter Band. Die Chronik. J. O. Hinrichs’sche Buchhandlung Leipzig, Leipzig 1911, 6-8. 

Q Gerald P. Verbrugge / John M. Wickersham: Berossos and Manetho, Introduced and Translated. Native Traditions in Ancient Mesopotamia and Egypt. The University of Michigan Press, Ann Arbor 2003, 44f.

T Erich von Däniken: Die Augen der Sphinx. Neue Fragen an das alte Land am Nil. C. Bertelsmann, München 1989, 68f.

R Walter-Jörg Langbein, Kreaturen der Nacht (150f) / Hartwig Hausdorf, Götterbotschaft in den Genen / Hartwig Hausdorf, Nicht von dieser Welt

GD Leif Inselmann: Eusebius‘ Monsterparade – Ein Zitat auf seiner Reise durch die Jahrtausende

 

dazu auch andere mit vier Flügeln und zwei Gesichtern und einem Leib und zwei Köpfen
– Orthostaten aus Tell Halaf, Vorderasiatisches Museum Berlin