Echsenmenschen von Obed

Bei Ausgrabungen mehrerer Stätten der neolithischen Obed-Kultur (5.500 – 3.500 v. Chr., auch engl. Ubaid period), die in Südmesopotamien den Sumerern vorausging, fanden sich aus Ton gefertigte Figurinen mit ungewöhnlich stilisierten Gesichtszügen, die an Reptilien denken lassen. Zu den bekanntesten zählen jene Exemplare, die der britische Archäologe Charles Leonard Woolley in den 20er Jahren in der sumerischen Stadt Ur fand; andere stammen aus Eridu, al-‘Ubaid, Tell el-‘Queili, Tello, Uruk, Reijibeh, Hajji Muhammad, Nippur und Tell Uqair. Die Figuren zeichnen sich durch große, mandelförmige Augen, kleine Nasenlöcher und vor allem einen hohen Turmschädel aus. Zwei von ihnen sind stillend mit einem ebenso stilisierten Säugling dargestellt, eine Figur hält etwas wie ein Zepter. Insgesamt sind bisher 121 dieser Figurinen publiziert worden, davon 79% weiblich, 4% männlich und 17% androgyn oder undefinierbar.1:150 Die auffällige Kopfform wurde wiederholt als Hinweis auf Schädeldeformationen interpretiert, wie sie auch etwa von den Paracas-Schädeln, der Kunst der Amarna-Zeit und anderen Kulturräumen bekannt sind.

Wiederholt werden die Figurinen von Grenzwissenschaftlern und Verschwörungstheoretikern zitiert (s.u.). Mit ihrem vermeintlich reptilienhaften Erscheinungsbild dienen sie als bildlicher Beleg für die in verschiedenen (Verschwörungs-)Theorien postulierten Reptiloiden, umso mehr durch die räumliche Nähe zur sumerischen Kultur.

Tatsächlich erinnern viele der Figurinen mit ihren großen, geschlitzten Augen, kleinen Nasenlöchern und als Schuppen interpretierbaren Punkten auf den Schultern an Schlangen oder Echsen, wie auch in der Forschung schon wiederholt geäußert wurde – doch ist diese letztlich assoziative Deutung weder eindeutig noch unangefochten.1:152 Mehrere einschränkende Aspekte müssen bei der Deutung beachtet werden:

  • Die Ikonographie der „Echsenmenschen“ steht nicht isoliert da, sondern ist eingebettet in ein größeres Formenspektrum neolithischer Figurinen der Obed- und Samarra-Periode, wobei die als solche identifizierten Vorgängerformen einen weniger reptilischen Eindruck machen.1:151f
  • Auch innerhalb der Gruppe der Obed-Figurinen besteht eine große Variationsbreite des Erscheinungsbildes – so findet sich bei einigen ein echsenartig hervorragendes Gesicht mit deutlich abgesetztem Turmschädel, während andere ein menschlich-flaches Antlitz mit fließendem Übergang zum Turmschädel aufweisen.1:151, 154 Insofern ist eher auszuschließen, dass eine reale Spezies auf Basis unmittelbarer Beobachtungen dargestellt wurde.
  • Eine Interpretation als wirkliche Reptilien ist problematisch, da die Figurinen betont mit Säugetiermerkmalen gefertigt wurden: 1) Kopfhaar aus aufgetragenem Bitumen, 2) funktionsfähige Brüste (manche Figurinen sind auch stillend mit einem Säugling dargestellt) sowie 3) ein betontes Schamdreieck (Reptilien besitzen keine separierte Vulva, sondern mit der Kloake nur einen einzigen Körperausgang).
  • Figurinen, wie sie in zahlreichen Kulturen vor allem, aber nicht nur des Neolithikums auftreten, zeigen häufig in verschiedener Weise überzeichnete Körpermerkmale – es gibt keinen Grund, jenen einen Typus grundsätzlich als realistischer zu bewerten als zahlreiche andere.

Ü 1Aurelie Daems: A Snake in the Grass: Reassessing the Ever-intriguing Ophidian Figurines. In: Robert A. Carter / Graham Philip (Hg.), Beyond the Ubaid: Transformation and Integration in the Late Prehistoric Societies of the Middle East. The Oriental Institute of the University of Chicago, Chicago 2010, 149-161.

R David Icke, Das größte Geheimnis (284) / Hartwig Hausdorf, Götterbotschaft in den Genen (158) / Jason Mason, Mein Vater war ein MiB (258) / Holger Kalweit, Herrscht eine Echsenrasse über die Erde? (14) / Ancient Origins: The Unanswered Mystery of 7,000-year-old Ubaid Lizardmen

Bilder http://www.newsnfo.co.uk/pages/acientfigurines.html

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