Denisova-Menschen

Als Denisova-Menschen wird eine Population von Urmenschen bezeichnet, die mindestens zwischen 160 000 und 76 – 52 000 Jahren v. u. Z. in Asien verbreitet war. Seit 2010 wurden in der namensgebenden Denisova-Höhle im Altai-Gebirge (südliches Sibirien) zwei Backenzähne sowie der Knochen eines kleinen Fingers entdeckt, die man einer bislang unbekannten Art von Hominiden zuschrieb, vorerst ohne diese mit einem verbindlichen wissenschaftlichen Namen neu zu beschreiben. Zwar ließen sich Erscheinungsbild und ursprüngliche Verbreitung anhand der wenigen Knochenfragmente kaum rekonstruieren, doch anhand genetischer Analysen konnten eine nahe Verwandtschaft zum Neandertaler sowie eine Vermischung mit diesem und dem modernen Menschen nachgewiesen werden, deren genetische Rückstände sich noch immer in asiatischen Populationen finden lassen. 2019 wurde ein halber Unterkiefer, gefunden 1980 in der Baishiya Karst Cave in Tibet, durch Proteinanalysen ebenfalls als der Denisova-Population zugehörig identifiziert. Der auf ein Alter von 160 000 Jahren datierte Kieferknochen („Xiahe-Kiefer“) belegte erstmals eine Präsenz dieser Art außerhalb des Altai-Gebirges.

Deutung als Riesen. Beide ursprünglich gefundenen Backenzähne sowie der Fingerknochen sind ungewöhnlich groß und robust, verglichen mit denen des Neandertalers oder des modernen Menschen. Aus diesem Grund wurden die Denisova-Menschen in grenzwissenschaftlichen Publikationen bisweilen als Beleg für die Existenz einer Rasse von Riesen in der Steinzeit gedeutet. Die anscheinend erstmalig von Andrew Collins im Nachwort zu Gregory Littles Buch Path of Souls vorgebrachte3 und in The Cygnus Mystery ausgeführte Deutung der Denisovaner als „Riesen der Vorzeit“ wurde unter anderem von Hugh Newman und Jim Vieira in ihrem gigantologischen Standardwerk Giants on Record (332 f) aufgegriffen. Von der akademischen Wissenschaft indes wurden angesichts der spärlichen Funde keine konkreten Aussagen zum Erscheinungsbild der „Denisovaner“ gemacht. Eine Studie von Stanley M. Garn und Arthur B. Lewis zeigte indes (so auch zu finden bei Andy White), dass es tatsächlich keine nennenswerte Korrelation zwischen Zahn- und Körpergröße bei Hominiden gibt. Vielmehr weisen die größten Hominiden (so etwa europäische Populationen des heutigen Homo sapiens) die in absoluten Maßen kleinsten Molaren auf, während sich die größten Zähne vielmehr bei den körperlich deutlich kleiner gewachsenen Australopithecinen finden.4:876 Vielmehr werde die absolute Größe der Zähne durch die Ernährung bestimmt, wobei etwa eine schwer zu kauende pflanzliche Nahrung größere Kauwerkzeuge hervorbringe als unsere wenig kaubedürftige fleischliche, zumal gekochte Nahrung (siehe auch Meganthropus).4:878 
Der Fund des Xiahe-Kiefers 2019 widerlegte die Spekulationen über eine Riesengestalt jedoch schlagartig: Tatsächlich stellte sich der Kiefer – wie von Anthropologen vorsichtig vermutet – als von moderater Größe mit überproportional großen Backenzähnen heraus. So schreibt auch die zentrale Publikation des Fundes im Magazin Nature:

“The feature of the Xiahe specimen that best links it to the fragmentary fossils from Denisova Cave is its large dentition. In geometric morphometric form space, the size of the Xiahe dental arcade is close to that of Tighénif 3 and Irhoud 11 and surpasses all the other comparative specimens along between-group principal component 1, with the exception of KNM-WT15000 […]. The combination of a moderately large mandible with an exceptionally large dental arcade is confirmed by analysis of the teeth. […]”1:2

Denisova-Armreif. 2008 wurden in der Denisova-Höhle zwei Fragmente eines Armreifs aus Chlorit entdeckt. Aufgrund des Fundkontextes wird von einer Herstellung zur Zeit der bzw. durch „Denisovaner“ ausgegangen; das umliegende Erdreich datierte man durch eine Isotopenuntersuchung auf ein Alter von rund 40 000 Jahren. Mit seiner fragilen Ausführung mit glatt polierter Oberfläche und einem runden Loch stellt der Armreif das älteste Schmuckstück seiner Art dar und weist auf ein handwerkliches Können hin, das bislang nur vom wesentlich späteren Homo sapiens bekannt war.4

Q/GD 1Shen, F. u.a.: A late Middle Pleistocene Denisovan mandible from the Tibetan Plateau. Nature 569 (2019), 409–412.

GD 2Stanley M. Garn / Arthur B. Lewis: ToothSize, BodySize and “Giant” Fossil Man. American Anthropologist 60/5 (1958), 874-880.

GD https://www.andywhiteanthropology.com/blog/tooth-size-bodysize-and-giants-an-analytical-issue-that-has-persisted-for-eight-decades

T 3Andrew Collins: The Coming of the Giants: Rise of the Human Hybrids, in: Gregory Little: Path of Souls: The Native American Death Journey: Cygnus, Orion, the Milky Way, Giant Skeletons in Mounds, & the Smithsonian. Archetype Books, Memphis 2014.

Q 4https://www.archaeology.org/news/3270-150507-siberia-denisovan-bracelet

R Andrew Collins, Der Schwan (1-5) / Hugh Newman / Jim Vieira, Giants on Record (332 f) / Jason Mason, Mein Vater war ein MiB 2 (53-57)

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