Wunderkammer der Kulturgeschichte

Sivatherium von Kiš

Die Figurine (Colbert 1936, Pl. 21) Vergleich mit der Rekonstruktion eines Sivatheriums (Colbert 1936, Pl. 22)

Bei der Ausgrabung der sumerischen Stadt Kiš durch das Field Museum of Natural History und die Universität Oxford stieß man auf einen Zügelring aus Bronze, der offensichtlich zu den Überresten eines Wagens mit Pferden gehörte.1:605 Das Objekt stellt ein gehörntes Huftier dar, dessen genaue Interpretation Schwierigkeiten bereitet. Während es weithin als Darstellung eines Damhirsches gedeutet wurde, wies der amerikanische Paläontologe Edwin H. Colbert 1936 in einem Artikel auf die bemerkenswerte Übereinstimmung des Wesens mit dem vermeintlich im Pleistozän ausgestorbenen Sivatherium hin, einer einst in Afrika und Indien verbreiteten Art von Rindergiraffen. Wie jenes besitzt die Figur zwei Paar Hörner bzw. Geweihe – zwei ausladende von identischer Form am Hinterkopf sowie zwei kleinere, konische direkt über den Augen, die allen heute existierenden Arten fehlen; auch die Position beider Hornpaare sowie der allgemeine Körperbau entsprächen dem prähistorischen Vorbild. Das dargestellte Tier scheint domestiziert zu sein, denn es trägt einen Nasenring.
Während Colbert und andere frühe Autoren die Figur noch auf etwa 3 500 v. Chr. datierten, gibt David Reese einen Ursprung gegen 2 800-2 750 v. Chr. (späte Frühdynastisch-I-Zeit) an. Dass Sivatherien zumindest länger als bislang vermutet bis in annähernd historische Zeiten überlebt haben könnten, scheint auch durch steinzeitliche Felsbilder dieser Tiere in Afrika bestätigt zu werden (auch wenn diese immer noch deutlich vor die Figurine aus Kiš datiert werden).2
1977 bekam die Theorie jedoch Risse, als die zuvor abgebrochenen Enden des Geweihs der Figur in einem Lagerraum des Field Museum wieder aufgefunden wurden. Diese stellten sich als länger heraus, als man es bei einem Sivatherium, wie es Colbert rekonstruierte, erwarten sollte, was schließlich wieder für die Identifizierung als Damhirsch spräche. Dieser stünden jedoch, wie Christine Janis 1990 betonte, weiterhin die kleinen Überaugenhörner sowie eine allgemein mehr dem Sivatherium zugeneigte Morphologie entgegen.2

T 1Edwin H. Colbert: Was the Extinct Giraffe (Sivatherium) Known to the Early Sumerians? American Anthropologist, New Series 38/4, 1936, 605-608.

Ü 2https://scienceblogs.com/tetrapodzoology/2011/04/25/sumerian-sivathere-figurine

R Edwin H. Colbert: The enigma of SivatheriumPlateau 51, 1978, 32-33.

R Christine Janis: Fossil ungulate mammals depicted on archaeological artifacts. Cryptozoology 6, 1987, 8-23.

R David Reese: Paleocryptozoology and archaeology: a sivathere no longer (comment on Janis 1987 and Mayor 1989). Cryptozoology 9, 1990, 100-107.

R Christine Janis: Sivatherium defended (response to Reese). Cryptozoology 9, 1990, 111-115.

B Colbert 1936, Pl. 21/22

Coso-Artefakt

Auffindung. Am 13.02.1961 sammelten Wallace Lane, Virginia Maxey und Mike Mikesell in der Nähe von Olancha, Kalifornien, Geoden für ihren Laden „LM & V Rockhounds Gem and Gift Shop“. Am nächsten Tag zersägte Mikesell die gefundenen Steine mit einer Diamantsäge, um die Geoden freizulegen, und stieß in einem auf einen darin eingeschlossenes Zylinder aus hartem, weißen Material, das er für Porzellan hielt. Dieses umschloss einen Metallstab, der sich bei späteren Untersuchungen als eine Art von Zündkerze herausstellte.

Forschungsgeschichte. Maxey zufolge datierte ein Geologe das Objekt anhand von fossilen Muscheln in der Kruste auf ein Alter von mindestens 500 000 Jahren. Durch Ron Calais wurde ein Röntgenbild angefertigt, auf das sich in der Folge viele Interpretationen bezogen. Nachdem es sich zunächst noch im Besitz von Wallace Lane, einem der Auffinder, befunden hatte, verliert sich die Spur des Objekts für einige Jahrzehnte.

Auflösung. Tatsächlich handelt es sich bei dem Coso-Artefakt nicht, wie zuerst angenommen, um eine Geode um klassischen Sinne, sondern vielmehr um eine Konkretion mit einer deutlich geringeren Härte (Mohs 3). Bereits in den 60er Jahren wurde die Interpretation des Artefakts als Zündkerze vorgebracht, jedoch auf deutliche Unterschiede zu zeitgenössischen Zündkerzen hingewiesen.
Erst neuerliche Nachforschungen durch den skeptischen Autor Pierre Stromberg und den Geologen Paul V. Heinrich im Jahr 1999 brachten endgültige Aufklärung über die Natur des Objekts. Sie kontaktierten vier Mitglieder der Spark Plug Collectors of America (Zündkerzensammler von Amerika) mit der Bitte um Aufklärung, welcher nicht zuletzt der Präsident der Vereinigung, Chad Windham, interessiert nachkam. Dieser identifizierte den Typus als 20er-Jahre-Champion-Zündkerze und stellte Exemplare zum Vergleich bereit.
2018 wurde Stromberg durch die Familie eines der Entdecker kontaktiert, welche seitdem im Besitz des Objektes war. Stromberg und Heinrich konnten das Coso-Artefakt vor Ort vermessen und fotografieren. Der direkte Vergleich bestätigte die Identifikation als 20er-Jahre-Champion-Zündkerze. Dieser entspricht das Objekt in seinen Ausmaßen und sämtlichen Details, einschließlich der Abdrücke der korrodierten Bestandteile sowie des Ausmaßes der Korrosion, welches bei einem Ursprung in den 20er Jahren zu erwarten wäre. Im Rahmen der Untersuchung erkannte man zudem die Spitze eines auf der Rückseite herausragenden Gewindes, dessen Länge sich ebenfalls mit den zu erwartenden Maßen deckt. Die in früheren Beschreibungen erwähnten Muschelfossilien konnten nicht mehr festgestellt werden.
Die Geschichte von Fund, Rezeption und Erforschung ist von Stromberg und Heinrich in ihrem u. g. Artikel zusammengefasst worden, der zudem die neuen Fotografien von 2018 enthält. Obwohl bereits seit längerem als in eine Konkretion eingeschlossene Zündkerze der 20er Jahre identifiziert, dauert die Rezeption des vermeintlichen Out-of-Place-Artefakts in grenzwissenschaftlichen Publikationen an.1

Ü/GD/B 1Pierre Stromberg, Paul. V. Heinrich: The Coso Artifact. Mystery from the Depths of Time.

R Luc Bürgin, Geheimakte Archäologie (199-202) / Jason Mason, Mein Vater war ein MiB 2 (32f)

Denisova-Menschen

Als Denisova-Menschen wird eine Population von Urmenschen bezeichnet, die mindestens zwischen 160 000 und 76 – 52 000 Jahren v. u. Z. in Asien verbreitet war. Seit 2010 wurden in der namensgebenden Denisova-Höhle im Altai-Gebirge (südliches Sibirien) zwei Backenzähne sowie der Knochen eines kleinen Fingers entdeckt, die man einer bislang unbekannten Art von Hominiden zuschrieb, vorerst ohne diese mit einem verbindlichen wissenschaftlichen Namen neu zu beschreiben. Zwar ließen sich Erscheinungsbild und ursprüngliche Verbreitung anhand der wenigen Knochenfragmente kaum rekonstruieren, doch anhand genetischer Analysen konnten eine nahe Verwandtschaft zum Neandertaler sowie eine Vermischung mit diesem und dem modernen Menschen nachgewiesen werden, deren genetische Rückstände sich noch immer in asiatischen Populationen finden lassen. 2019 wurde ein halber Unterkiefer, gefunden 1980 in der Baishiya Karst Cave in Tibet, durch Proteinanalysen ebenfalls als der Denisova-Population zugehörig identifiziert. Der auf ein Alter von 160 000 Jahren datierte Kieferknochen („Xiahe-Kiefer“) belegte erstmals eine Präsenz dieser Art außerhalb des Altai-Gebirges.

Deutung als Riesen. Beide ursprünglich gefundenen Backenzähne sowie der Fingerknochen sind ungewöhnlich groß und robust, verglichen mit denen des Neandertalers oder des modernen Menschen. Aus diesem Grund wurden die Denisova-Menschen in grenzwissenschaftlichen Publikationen bisweilen als Beleg für die Existenz einer Rasse von Riesen in der Steinzeit gedeutet. Die anscheinend erstmalig von Andrew Collins im Nachwort zu Gregory Littles Buch Path of Souls vorgebrachte3 und in The Cygnus Mystery ausgeführte Deutung der Denisovaner als „Riesen der Vorzeit“ wurde unter anderem von Hugh Newman und Jim Vieira in ihrem gigantologischen Standardwerk Giants on Record (332 f) aufgegriffen. Von der akademischen Wissenschaft indes wurden angesichts der spärlichen Funde keine konkreten Aussagen zum Erscheinungsbild der „Denisovaner“ gemacht. Eine Studie von Stanley M. Garn und Arthur B. Lewis zeigte indes (so auch zu finden bei Andy White), dass es tatsächlich keine nennenswerte Korrelation zwischen Zahn- und Körpergröße bei Hominiden gibt. Vielmehr weisen die größten Hominiden (so etwa europäische Populationen des heutigen Homo sapiens) die in absoluten Maßen kleinsten Molaren auf, während sich die größten Zähne vielmehr bei den körperlich deutlich kleiner gewachsenen Australopithecinen finden.4:876 Vielmehr werde die absolute Größe der Zähne durch die Ernährung bestimmt, wobei etwa eine schwer zu kauende pflanzliche Nahrung größere Kauwerkzeuge hervorbringe als unsere wenig kaubedürftige fleischliche, zumal gekochte Nahrung (siehe auch Meganthropus).4:878 
Der Fund des Xiahe-Kiefers 2019 widerlegte die Spekulationen über eine Riesengestalt jedoch schlagartig: Tatsächlich stellte sich der Kiefer – wie von Anthropologen vorsichtig vermutet – als von moderater Größe mit überproportional großen Backenzähnen heraus. So schreibt auch die zentrale Publikation des Fundes im Magazin Nature:

“The feature of the Xiahe specimen that best links it to the fragmentary fossils from Denisova Cave is its large dentition. In geometric morphometric form space, the size of the Xiahe dental arcade is close to that of Tighénif 3 and Irhoud 11 and surpasses all the other comparative specimens along between-group principal component 1, with the exception of KNM-WT15000 […]. The combination of a moderately large mandible with an exceptionally large dental arcade is confirmed by analysis of the teeth. […]”1:2

Denisova-Armreif. 2008 wurden in der Denisova-Höhle zwei Fragmente eines Armreifs aus Chlorit entdeckt. Aufgrund des Fundkontextes wird von einer Herstellung zur Zeit der bzw. durch „Denisovaner“ ausgegangen; das umliegende Erdreich datierte man durch eine Isotopenuntersuchung auf ein Alter von rund 40 000 Jahren. Mit seiner fragilen Ausführung mit glatt polierter Oberfläche und einem runden Loch stellt der Armreif das älteste Schmuckstück seiner Art dar und weist auf ein handwerkliches Können hin, das bislang nur vom wesentlich späteren Homo sapiens bekannt war.4

Q/GD 1Shen, F. u.a.: A late Middle Pleistocene Denisovan mandible from the Tibetan Plateau. Nature 569 (2019), 409–412.

GD 2Stanley M. Garn / Arthur B. Lewis: ToothSize, BodySize and “Giant” Fossil Man. American Anthropologist 60/5 (1958), 874-880.

GD https://www.andywhiteanthropology.com/blog/tooth-size-bodysize-and-giants-an-analytical-issue-that-has-persisted-for-eight-decades

T 3Andrew Collins: The Coming of the Giants: Rise of the Human Hybrids, in: Gregory Little: Path of Souls: The Native American Death Journey: Cygnus, Orion, the Milky Way, Giant Skeletons in Mounds, & the Smithsonian. Archetype Books, Memphis 2014.

Q 4https://www.archaeology.org/news/3270-150507-siberia-denisovan-bracelet

R Andrew Collins, Der Schwan (1-5) / Hugh Newman / Jim Vieira, Giants on Record (332 f) / Jason Mason, Mein Vater war ein MiB 2 (53-57)

Michigan-Relikte

Fundgeschichte. Nach eigener Aussage stieß James O. Scotford im Oktober 1890 nahe Wyman, Michigan, auf ein erstes Artefakt in Form eines Lehmbechers. In der Folgezeit stieß er auf immer mehr Artefakte und erregte damit lokal und national weithin Aufmerksamkeit, die in der Gründung einer Organisation zur Ausgrabung und Vermarktung der Objekte gipfelte. Über 3 000 Stücke (so die Schätzung von Richard Stamps1:211; andere Quellen sprechen von mehreren zehntausend Objekten) wurden über mehrere Jahrzehnte bis in die 20er Jahre des 20. Jhds. durch Scotford oder unter dessen Anleitung aufgefunden. Der ehemalige Staatssekretär Daniel Soper etablierte sich als Vermarkter der Artefakte; der örtliche Priester James Savage erwarb eine große Zahl von diesen.2:49,51 Rund 800 Tafeln wurden auch durch die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) erworben und zeitweilig in deren Salt Lake City Museum ausgestellt, da die Artefakte als Beleg für die im Buch Mormon beschriebene präkolumbische Besiedlung Amerikas durch jüdische Stämme zu taugen schienen. Untersuchungen der Mormonen – wie auch anderer Parteien – kamen jedoch zu dem Schluss, dass es sich bei den Artefakten samt und sonders um moderne Fabrikate handelte. Die Stücke der Mormonen befinden sich heute im Besitz des Michigan Historical Museums, werden jedoch nicht ausgestellt.2:55f

Beschreibung. Unter den insgesamt rund 3 000 Stücken befinden sich solche aus ungebranntem und gebranntem Ton, Kupfer sowie Schiefer. Neben einigen scheinbaren Gebrauchsgegenständen sind vor allem die umfangreich gravierten Tafeln zu nennen, auf denen sich Schriftzeichen unterschiedlichen Ursprungs (u.a. ägyptische Hieroglyphen) sowie vielfältige bildliche Darstellungen finden. Darunter finden sich etwa biblische Darstellungen (u.a. Arche Noah, Turmbau zu Babel, Anbetung des goldenen Kalbes), Menschen in sakralen oder sogar industriellen2:52 Kontexten sowie verschiedene Tiere, darunter Elefanten und an Drachen oder Dinosaurier gemahnende Wessen4:153. Sämtliche Artefakte tragen ein charakteristisches, oberflächlich an mesopotamische Keilschrift gemahnendes Symbol (), über dessen Bedeutung – etwa als Stammesabzeichen, religiöses Symbol oder Herstellersignatur – keine Einigkeit besteht.

Diskussion. Zahlreiche Belege qualifizieren die Michigan-Relikte als neuzeitliche Fälschungen. Richard B. Stamps, Associate Professor of Anthropology an der Oakland University (Rochester, Michigan), der nach eigenen Aussagen über tausend der Stücke eigenhändig untersuchte, stellte umfangreiche Materialanalysen an – mit folgenden Ergebnissen:

  • Ein Großteil der zuerst gefundenen Relikte war aus ungebranntem Lehm gefertigt. Dieser hätte in der feuchten Erde Michigans unmöglich über mehrere Jahrhunderte seine Form behalten, sondern sich vielmehr innerhalb weniger Jahre mit Wasser vollgesogen und aufgelöst (Stamps vollzog dies mit einzelnen Scherben experimentell nach). Im Winter hätte der Frost diese Artefakte zerstört.1:217f Auffälligerweise tauchten, nachdem dieser Aspekt schon früh angemerkt worden war, fortan überwiegend Stücke aus gebranntem Ton oder anderen beständigen Materialien auf.
  • Eines der Artefakte aus gebranntem Ton wurde auf Veranlassung von Thom Bell, der eine Dokumentation über die Michigan-Relikte produzierte, einer Thermolumineszenzdatierung unterzogen, die den Zeitpunkt der Herstellung auf das frühe 20. Jhd. festlegte – exakt die Zeit der vermeintlichen Auffindung.2:54
  • Die aus Kupfer gefertigten Messer und Schwerter weisen weder Schneiden noch Abnutzungsspuren auf. Mehrere Meißel sind stumpf und unbenutzt, imitieren durch Abflachung des Endes jedoch vormalige Benutzung. Ein Objekt, das eine Kupferfeile zu sein scheint, ist aufgrund falscher und unsauberer Fertigung vollkommen dysunktional.1:222-25
  • Das verwendete Kupfer ist vollkommen homogen und scheint modernes, gegossenes und heiß gewalztes Industriekupfer zu sein1:232, seine Verarbeitung anders als von frühen Kulturen zu erwarten.1:220ff
  • Manche unvollständige Schieferplatten wurden offenbar erst nach dem Auseinanderbrechen graviert, denn auf den bisweilen passenden Fragmenten fehlt der Rest der Gravuren; stattdessen reichen Bearbeitungsspuren mitunter über die Bruchkante hinaus.1:227f
  • Die Schieferplatten wurden offenkundig durch moderne Werkzeuge bearbeitet; zudem wirken die Linien bemerkenswert frisch.1:232
  • Die Schriftzeichen auf den Tafeln sind eine Mischung verschiedener Schriftsysteme (u.a. ägyptische Hieroglyphen) und ergeben keinen Sinn – zudem sind Fehler etwa in der Schreibrichtung der Hieroglyphen zu bemerken.1:230
  • Auch entspricht die Ikonographie der keines vorderasiatischen Volkes. Die bei den Michigan-Relikten bezeugte perspektivische Darstellung erscheint in Europa nicht vor dem 15. Jhd., womit die verlorenen Stämme Israels sowie koptische Christen des 5. Jhds. als Hersteller ausscheiden.1:230 Hingegen ist die stilistische Ausführung allgemein von auffallend geringer, geradezu amateurhafter Qualität.
  • Obwohl alle Artefakte in flachen Erdschichten nahe der Oberfläche gefunden wurden, ist kein Fund eines Artefaktes aus früheren Zeiten bezeugt – während lokale Farmer des 19. Jhds. beim Pflügen in der Tat auf zahlreiche andere archäologische Relikte (z.B. Pfeilspitzen) stießen. Auch in keiner der zahlreichen umliegenden archäologischen Stätten tauchten Michigan-Relikte auf. Ein sonstiger archäologischer Kontext, der für die angenommene Kultur auch weitere Funde in Form von Siedlungsspuren, Begräbnissen etc. erwarten ließe, existiert nicht.1:231

Als Hersteller der Relikte ist von James Scotford auszugehen. Sämtliche Funde geschahen durch diesen oder in seiner Anwesenheit bzw. an Stätten, zu denen er die Ausgräber führte. Nach seinem Tod wurden keine weiteren Artefakte gefunden.1:231 Walter Wyman, der Scotford für den Ankauf indianischer Artefakte besuchte, berichtete aus eigener Anschauung, wie jener neue Artefakte in seinem Keller herstellte. Dies deckt sich mit der Aussage von Scotfords Stieftochter, die ebenfalls schriftlich die Herstellung der Objekte durch Scotford bezeugte.2:54

Rezeption. Bis heute verteidigen Anhänger die Echtheit der Objekte. Als vielleicht einflussreichstes Werk ist The Mystic Symbol von Henriette Mertz zu nennen, die selbst fünfzehn Stücke untersuchte und für authentisch befand. Als Argument führt sie vor allem die große Zahl sowie mutmaßliche stilistische Verschiedenheit an, die für eine größere Zahl von Herstellern sprächen. Nach Mertz‘ Interpretation gehen die Michigan-Relikte auf spätantike Christen zurück, die vor den Christenverfolgungen unter Decius und Diokletian nach Amerika flohen. Das titelgebende „mystische Symbol“ sei eine an Keilschrift angelehnte Schreibung I H S, eine Abkürzung des Namens Gottes.3147f Auch Luc Bürgin sieht in seinen Büchern Geheimakte Archäologie sowie Lexikon der Verbotenen Archäologie den Fall als ungelöst an und ergreift Partei für die Echtheit der Stücke; die Gegenargumente werden nicht rezipiert.4:149-154

GD 1Richard B. Stamps: Tools Leave Marks: Material Analysis of the Scotford-Soper-Savage Michigan Relics. Brigham Young University Studies 40/3 (2001), 210-238.

Ü 2Kenneth L. Feder: Archaeological Oddities. A Field Guide to Forty Claims of Lost Civilisations, Ancient Visitors, and Other Strange Sites in North America. Rowman & Littlefield, Lanham/London 2019, 49-56.

T 3Henriette Mertz: The Mystic Symbol. Mark of the Michigan Mound Builders. Ancient American Magazine, Colfax 2004.

R 4 Bürgin, Lex. Arch. (149-154) / Bürgin, Geh. Arch. (63-72)

Q/B Francis W. Kelsey: Some Archeological Forgeries from Michigan. American Anthropologist, New Series 10/1 (1908), 48-59 (Pl. VI).

Broken Hill Skull / Kabwe Skull

1921 wurde in einer Höhle bei Kabwe, Rhodesien (heute Sambia), der Schädel eines Urmenschen gefunden – der erste Urmenschenfund Afrikas, nach dem Fundort als „Broken Hill Skull“ oder „Kabwe Skull“ bezeichnet. Der Anthropologe Arthur Smith Woodward, zu dem der Schädel gesandt wurde, beschrieb diesen als neue Art Homo rhodesiensis. Inwieweit tatsächlich von einer eigenen Art ausgegangen werden muss oder der Schädel vielmehr einer anderen wie etwa Homo heidelbergensis zuzuordnen wäre, ist bis heute Gegenstand von Debatten. Datiert wird der Fund auf ein Alter von 125-300 000 Jahren.
Die linke Seite des Schädels weist ein Loch mit einem Durchmesser von etwa 8 mm auf. Grenzwissenschaftliche Publikationen interpretieren dieses als Eintrittsloch eines Hochgeschwindigkeitsprojektils, das den Schädel beim Austritt auf der anderen Seite zum Platzen gebracht habe. Andere im Paläolithikum vorhandene Waffen wie Speere seien nicht imstande gewesen, ein derartiges Loch zu verursachen.
Die konventionelle Wissenschaft hingegen geht nicht von einem Einschussloch oder überhaupt einer Verwundung durch eine Waffe aus. Vielmehr dürfte das Loch durch eine Infektion des Weichgewebes verursacht worden sein. Gegen eine Deutung als (in diesem Umfang zweifellos letale) Wunde spricht zudem, dass der „Broken Hill Man“, wie der Schädel genannt wird, diese überlebt haben muss, denn am Rande des Loches finden sich charakteristische Spuren von Geweberegeneration (s.u.).1 Die rechte Seite des Schädels ist zwar mangelhaft erhalten, aber schwerlich eindeutig als großflächige Austrittswunde zu erkennen. (Mehrere Kritiken bezeichnen die rechte Seite des Schädels als „intakt“, was ich aus eigener Anschauung jedoch verneinen kann. Ob man aber von einer Austrittswunde sprechen kann, steht auf einem anderen Blatt.) Der Schädel wird im Natural History Museum in London ausgestellt.

T https://www.shieldsgazette.com/news/offbeat/was-neanderthal-shot-by-a-time-traveller-1-6786186

R Reinhard Habeck, Dinge, die es nicht geben dürfte (15-26)

Ü http://humanorigins.si.edu/evidence/human-fossils/fossils/kabwe-1

GD 1https://badthinking.wordpress.com/2014/08/17/was-a-neanderthal-shot-dead-by-a-time-traveller-no/

Bilder Leif Inselmann, Natural History Museum (London)

 

Neue Rubrik: Wunderkammer der Kulturgeschichte

Könnte es einst eine Rasse von Riesen gegeben haben? Wer war außer den Wikingern (und den Indianern) noch alles vor Kolumbus in Amerika? Woher wissen wir eigentlich, dass Cheops die Pyramide gebaut hat? Waren es nicht doch eher Aliens – jene, die auch schon die riesigen Linien in die Hochebene von Nazca gekratzt und eine Landeplattform in Baalbek errichtet haben? Und wieso ist auf einem alten Tempel in Kambodscha ein Stegosaurus dargestellt – könnten unsere Vorfahren den Urzeitechsen noch begegnet sein?

Schon seit längerem interessiere ich mich für grenzwissenschaftliche Theorien über unsere Vergangenheit (die Leser meiner Rezensionen dürften es längst bemerkt haben). Da wäre die Hypothese der Prä-Astronautik, die besagt, dass die Erde vor vielen Jahrtausenden von Außerirdischen besucht wurde. Diffusionistische Theorien (zum Beispiel in diesem Buch) gehen von Kontakten zwischen Kulturen aus, die nach konventioneller Lehrmeinung keinen Kontakt gehabt haben – eine ganze Reihe scheinbar der alten Welt entstammender Fundstücke in Amerika zeugt davon. Kreationisten versuchen mit kuriosen Funden die Evolution zu widerlegen (siehe meine Rezension zu „Mein Vater war ein MiB 2„), Nationalisten die Überlegenheit eines Volkes zu beweisen. Manche Legende hat sich als Wahrheit herausgestellt – Troja und Rungholt wurden ausgegraben, die Wikinger waren tatsächlich in Amerika. Viele mehr wurden durch die Wissenschaft widerlegt – die Michigan-Relikte sind Fälschungen, Tiahuanaco wurde wirklich mit Steinwerkzeugen errichtet und die Denisova-Menschen waren doch keine Riesen. Einige wenige schließlich bleiben bis heute rätselhaft – noch immer etwa hat niemand eine Erklärung für die „Karrenspuren“ von Malta gefunden.
Für Laien sind derartige Theorien und ihre Beweismittel oft auf den ersten Blick glaubwürdig und kaum zu überprüfen, umso mehr, da die einschlägigen Publikationen die Argumente der Gegenseite oft verschweigen. Und obgleich zahlreiche scheinbare Mysterien längst von der Wissenschaft aufgeklärt wurden, erzielen solche Gegendarstellungen doch keine nennenswerte Reichweite und die Thesen bleiben de facto unwidersprochen in der öffentlichen Wahrnehmung.

Nach bisher nur vereinzelten Essays zum Thema – so zum Serapeum von Sakkara, den Mischwesen im Werk des Eusebius von Caesarea und den kruden Theorien Michael Tellingers – habe ich nun das Projekt „Wunderkammer der Kulturgeschichte“ ins Leben gerufen. In Form eines enzyklopädischen Nachschlagewerkes sollen nach und nach immer mehr Beweismittel der Grenz- und Pseudowissenschaften aufgearbeitet und allgemeinverständlich dem Stand der Forschung gegenübergestellt werden. Bei allem theoretischen Anspruch auf Vorurteilsfreiheit läuft dies doch in der Regel auf eine Widerlegung hinaus. Das Rückgrat der Wissenschaft ist die kritische Überprüfung – was widerlegt werden kann, ist zu widerlegen, und erst die Überprüfung mit positivem Ergebnis adelt eine neue Theorie. So mag dieses Lexikon jeden Interessierten über all die vielen erwiesenen Irrtümer und Fehldarstellungen aufklären, die noch immer in vielen Publikationen weiter kursieren, und dem Unentschlossenen als kritisches Nachschlagewerk zur Verfügung stehen. Profitieren können auch nicht zuletzt die Vertreter unkonventioneller Theorien – schließlich kann jede seriöse Suche nach Außerirdischen, verschwundenen Völkern und anderen Rätseln erst dann erfolgversprechend sein, wenn sie nicht länger durch einen Wust von Fakes und Fehlinterpretationen behindert wird.

Hier geht’s zum neuen Portal:

Wunderkammer der Kulturgeschichte

Bisher sieht’s dort noch etwas kahl aus, doch das dürfte sich in nächster Zeit ändern. Ein paar erste Artikel sind schon hochgeladen, weitere (bereits fertig geschrieben) werden in den nächsten Tagen folgen. Immerhin hab ich’s schon geschafft, einen griffigen Titel zu finden und ein dazu passendes Logo zu entwerfen. Dank gebührt Gimp, Powerpoint und den ausgezeichneten Tafeln von Austen Henry Layard in „The Monuments of Ninive“.

Anregungen für weitere Themen sowie insbesondere Hinweise auf fundierte wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit diesen sind jederzeit willkommen!

Königskartusche des Cheops

Als eindeutigster Beweis, dass der Bau der Cheops-Pyramide auf den Pharao Cheops (ägypt. Chufu) zurückgeht, gilt ein Graffito mit dessen Namenszug (Königskartusche) in einer der Entlastungskammern über der Königinnenkammer. Auf Zecharia Sitchin geht die Behauptung zurück, bei dieser handele es sich vielmehr um eine Fälschung des Entdeckers Richard William Howard Vyse aus dem 19. Jahrhundert. Sitchin nennt in seinem Buch Stufen zum Kosmos (wie auch späteren Publikationen) mehrere Belege für diese Annahme:

  • Die Kartusche weise einen Schreibfehler auf – ein leerer oder mit einem Punkt markierter Kreis „ra“ anstatt des schraffierten Kreises „ḫ“, also „Ra-w-f-w“ statt „-w-f-w“ = Cheops.
  • Dieser Schreibfehler gehe auf einen Fehler in dem zu jener Zeit beliebten Buch Materia Hieroglyphica von John Gardner Wilkinson zurück, das Vyse seinem Tagebuch zufolge besessen habe.2:271
  • Der Schriftzug sei in hieratischer bzw. linear-hieroglyphischer Schrift verfasst, die im Alten Reich zu Zeiten Cheops‘ noch nicht bekannt gewesen sei.2:266
  • Howard Vyse habe am Ende seiner Ausgrabungen in Ägypten unter massivem Erfolgsdruck gestanden, da er noch keine relevante Entdeckung gemacht habe.

Die These Sitchins wurde von anderen grenzwissenschaftlichen Autoren teils unkritisch rezipiert, so etwa Erich von Däniken.3:264f
Tatsächlich entsprechen Sitchin Behauptungen nicht der Wahrheit. In der Pyramide ist die Namenskartusche korrekt geschrieben, der postulierte Fehler (ra statt ḫ) existiert nicht (siehe Foto oben).
Die erste Publikation der Inschriften legte John Perring, der gemeinsam mit Vyse an der Erforschung der Pyramiden arbeitete, im Jahr 1839 vor (The Pyramids of Gizeh), ein Jahr später veröffentlichte Howard Vyse seinen eigenen Band Operations carried on at the pyramids of Gizeh in 1837 Vol. 1 mit einem weiteren Abdruck. Beide Publikationen stellen den Namenszug des Cheops korrekt dar (mit anstatt ra) – siehe im Folgenden bei Vyse (Tafel „Hieorglyphic and other Writing in Campbells Chamber“ zwischen S. 284/285, links) sowie bei Perring (Tafel VII, Mitte). Anders die Umzeichnung von Sitchin (rechts)2:268, die weder der Realität noch den originalen Publikationen entspricht.

     

Wie Vyse‘ Publikation zudem belegt, war dieser sich des Schreibfehlers inn der Materia Hieroglyphica Wilkinson durchaus bewusst:

a sieve (), which appears in Mr. Wilkinson’s work without any distinction from the solar disc1:280

Die Hieratische Schrift hat – anders als von Sitchin behauptet – bereits zur Zeit des Cheops in der 4. Dynastie existiert – wenngleich noch nicht in ihrer späteren, voll ausgebildeten Form, sondern einer „semi-hieratischen Zwischenstufe“. So entspricht etwa die Wachtelküken-Hieroglyphe (u/w) in der Kartusche exakt jener ursprünglichen, noch an der hieroglyphischen Schreibung orientierten Schreibweise, bevor sie in der 5. Dynastie eine Vereinfachung hin zu einem abstrakteren Symbol erfuhr. Dies sowie weitere Nebenaspekte werden umfänglicher von Markus Pössel sowie Frank Dörnenburg erläutert.5/7
Auch der angebliche Entdeckungszwang des erfolglosen Vyse lässt sich historisch nicht halten – hatte dieser doch bereits vor den Kartuschen den zweiten Eingang der Chephren- sowie den Eingang der Mykerinos-Pyramide entdeckt.8

Mittlerweile bestätigen weitere Funde zweifelsfrei die Zuordnung der Pyramide und Kartusche zu Cheops entgegen den Behauptungen Zecharia Sitchins:
So schreibt Howard Vyse in seinem handschriftlichen Journal (heute im British Museum aufbewahrt) ausgerechnet über seine Verwunderung darüber, dass der aufgefundene Königsname eben nicht so geschrieben war wie im Wilkinsons Buch beschrieben. Auf Basis des Buches erwartete Vyse in der Tat die Schreibung ra-w-f-w, musste allerdings angesichts des Fundes seinen Fehler einsehen.6
An der Ostseite von Lady Arbuthnots Kammer (einer weiteren der Entlastungskammern) entdeckte man, auf dem Kopf stehend, den im 19. Jahrhundert noch nicht bekannten Horusnamen (einen Beinamen) des Cheops, welcher Medjedu (mdw) lautet (unten). Dieser ist bei Vyse bereits verzeichnet, auch wenn er zu jener Zeit noch nicht als solcher identifiziert werden konnte, was die Möglichkeit einer Fälschung ausschließt (Tafel S. 278/79 bei Vyse 1840, unten rechts).6 Zudem ergibt die Überkopfstellung der Inschrift nur dann Sinn, wenn sie vor der Einpassung des Steins angebracht wurde.
Schließlich existiert in derselben Kammer wie die Chufu-Kartusche eine weitere Kartusche – die jedoch fast vollständig von einem weiteren Stein verdeckt wird (Tafel S. 284/285 bei Vyse, unten links). Nur das w-Küken ist noch zu erkennen. Die Schrift kann also nur angebracht worden sein, bevor die Steine an ihre finale Position verbracht wurden, d.h. während des Baus der Pyramide.4

Q 1Richard William Howard Vyse: Operations carried on at the Pyramids of Gizeh in 1837: With an Account of a Voyage into Upper Egypt, and an Appendix. Vol. 1. James Fraser, London 1840. 
Hochauflösendes Foto der Tafel hier.

Q John Perring: The Pyramids of Giza – From actual Survey and Admeasurement, Table volume. James Fraser, London 1837 (Pl. 7).

T 2Zecharia Sitchin: The Stairway to Heaven. Book II of the Earth Chronicles. St. Martin’s Press, New York 1980.

R 3Erich von Däniken, Die Augen der Sphinx (264-65)

GD Frank Dörnenburg:  4Der gefälschte Name / 5Die falsche Schrift / 6Der Horus-Name

GD 7Markus Pössel: Die gefälschte Cheopskartusche   

GD 8Gunnar Sperveslage: Die Königskartusche in der Cheopspyramide

B https://4.bp.blogspot.com/-YI-KTm78JC8/U-yrjC_ptuI/AAAAAAAAC2Q/5EnhrCN-jFg/s1600/

Los Lunas Decalogue Stone

Etwa 16 Meilen westlich der Stadt Los Lunas, New Mexico, befindet sich unter freiem Himmel ein rund 80 Tonnen schwerer natürlicher Basaltblock, welcher eine ominöse Inschrift trägt. Insgesamt neun Zeilen althebräischer oder phönizischer Schrift sind auf die flache Oberseite des Felsens graviert, welche offenbar die biblischen zehn Gebote abbilden. Die Inschrift wird auf judäische oder samaritanische Einwanderer in der Antike zurückgeführt.
Aufgefunden wurde der Stein in den 1920er oder 30er Jahren, entweder von dem Archäologen Frank Hibben oder einem ehemaligen Bürgermeister der Stadt, die beide behaupteten, von einem älteren Mann zu dem Stein geführt worden zu sein.1:64

Diskussion. Das Gebiet um Los Lunas war bereits seit dem frühen 18. Jahrhundert besiedelt und ab 1876 Zentrum des Counties. Erstaunlich ist insofern, dass der freiliegende Felsen mit Inschrift vor seiner Entdeckung im 20. oder späten 19. Jahrhundert in keiner Quelle erwähnt wird. Gegen die Authentizität der Inschrift spricht zudem deren makelloser Erhaltungszustand – anders als indianische Geoglyphen in unmittelbarer Umgebung weist diese weder Zeichen von Erosion noch eine Bildung von Patina auf, wie sie bei dem zugeschriebenen Alter zu erwarten wären, ja vielmehr durchzieht die Inschrift die älteren Erosions- und Patinaspuren des Felsens. Unter diesen Vorzeichen ist von einer modernen Anfertigung der Inschrift nicht sonderlich lange vor ihrer Entdeckung auszugehen – auch wenn der Verantwortliche bis heute nicht identifiziert werden konnte.1:64-67 Dafür sprechen auch mehrere Zeichen- und Interpunktionsfehler, die bei einem antiken Ursprung eher nicht zu erwarten wären.2

Ü/GD 1Kenneth L. Feder: Archaeological Oddities. A Field Guide to Forty Claims of Lost Civilisations, Ancient Visitors, and Other Strange Sites in North America. Rowman & Littlefield, Lanham/London 2019, 62-68.

GD 2http://www.badarchaeology.com/out-of-place-artefacts/petroglyphs-inscriptions-and-reliefs/the-los-lunas-inscription/

B Brainardo (Public Domain)
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:10_Commandment_Rock.jpg

Davenport Tablets

Fundumstände. Nachdem er im Jahr 1868 nach Davenport, Iowa, gezogen war, widmete sich der Reverend Jacob Gass Ausgrabungen an den örtlichen Grabhügeln, wobei er einige respektable Funde machte. Im Januar 1877 stieß er in einem der Mounds auf zwei Schiefertafeln mit rätselhaften Gravuren; der Fund wurde wenig später am 26.01. in der zweiten Ausgabe der Proceedings of the Davenport Academy of Sciences (82) verkündet. Diese Davenport Tablets fallen in den Kreis des sogenannten Moundbuilder-Mythos – sie schienen einen Beleg für den in der alten Welt vermuteten Ursprung der Moundbuilder-Kultur zu liefern.1:27f

Beschreibung. Die größere der beiden Platten (mittlerweile auseinandergebrochen) ist auf beiden Seiten graviert. Die eine zeigt neben Darstellungen von Sonne und Mond sowie kleinen menschlichen Gestalten zwei einen Halbkreis von drei Linien, darin und darum zahlreiche Schriftzeichen in lateinischer und griechischer sowie möglicherweise weiterer Schriften; die Rückseite zeigt eine Reihe einfach gezeichneter Tiere und Pflanzen. Die zweite, kleinere Tafel ist nur auf einer Seite graviert; sie zeigt mehrere konzentrische Kreise, die etwa als Tierkreis gedeutet wurden. Sie weist darüber hinaus zwei Löcher auf.1:29-32

Diskussion. Die Davenport Tablets wurden schnell – unter anderem von dem Ethnologen und Widerleger des Moundbuilder-Mythos Cyrus Thomas – als moderne Fälschungen identifiziert. Schon oberflächlich sprechen dafür die amateurhafte Gestaltung des Dargestellten sowie die offenbar sinnlose Kombination verschiedener Schriftsysteme, für die es keinen nachvollziehbaren Grund gibt. Der Schiefer, aus dem die Tafeln bestehen, ist der gleiche, aus dem auch das Dach eines nahe der Davenport Academy befindlichen Bordells besteht – auch die beiden Löcher auf der zweiten Tafel entsprechen exakt den Nagellöchern der Dachpfannen zur Befestigung am Hausdach.1:31
Reverend Gass berichtete über den Fund der Tafeln, das Erdreich über diesen sei lose und aufgewühlt gewesen, Knochen darin durcheinandergebracht, was für einen gestörten Kontext und folglich eine Deponierung der Tafeln im Mound spricht. Eine der Tafeln sei zudem in einer Umhüllung aus Steinen am Fuße des Hügels gefunden worden, die nicht mit Erde verfüllt war – was bei einer angenommenen Ruhezeit von rund zweitausend Jahren eine Unmöglichkeit darstellt.1:31
Als Verantwortliche der Fälschung und Deponierung kommen die Mitglieder der örtlichen Davenport Academy in Betracht, die dem jüngst zugezogenen und unbeliebten Ausländer Gass seine archäologischen Erfolge missgönnten. Einen solchen Plan behauptete auch der örtliche Richter James Willis Bollinger, der jedoch aufgrund seines Alters von damals neun Jahren selbst nicht aktiv an der Deponierung der Tafeln mitgewirkt haben kann. Der genaue Schuldige ist heute nicht mehr zu ermitteln.1:32f

Ü Marshall McKusick: The Davenport Conspiracy. Iowa State University Press, Ames 1991.

Ü 1Kenneth L. Feder: Archaeological Oddities. A Field Guide to Forty Claims of Lost Civilisations, Ancient Visitors, and Other Strange Sites in North America. Rowman & Littlefield, Lanham/London 2019, 26-34.

Ü http://pseudoarchaeology.org/a05/a05-pinsky.htm

B Popular Science Monthly Volume 51, 1897