Wunderkammer der Kulturgeschichte

Felsbilder von Tassili

„Großer Marsgott“, Jabbaren (Lhote 1959, Abb. 21)

Das Tassili-Massiv in der Sahara (Algerien) ist reich an prähistorischen Felszeichnungen. Die Datierung der mehr als 15 000 Abbildungen von Menschen und Tieren bleibt bis heute umstritten; Schätzungen schwanken zwischen einem Alter von sechs- bis zwölftausend Jahren.3:5f Die dortigen Darstellungen grotesker humanoider Wesen bieten bereits seit ihrer Entdeckung Anlass zu Deutungen als außerirdische Raumfahrer, maßgeblich popularisiert durch Erich von Däniken seit dessen ersten Büchern.
Mit den Felsbildern von Tasili untrennbar verbunden ist der Name Henri Lhote. Der französische Forschungsreisende und Ethnologe – ein Schüler von Henri Breuil, dem Begründer der Erforschung der frankokantabrischen Höhlenkunst – widmete sein Leben der Entdeckung und Dokumentation jener prähistorischen Kunstwerke der Sahara, denen er einen Status gleichberechtigt mit den berühmten Höhlenmalereien Frankreichs einräumte. Auf sein Buch A la découverte des fresques du Tassili (1958, dt. Die Felsbilder der Sahara) geht auch die Bezeichnung eines gewissen Bildtypus als „Marsmenschen“ zurück, weshalb ihm oft eine Einstellung im Sinne der Prä-Astronautik – fast ein Jahrzehnt vor EvDs Erinnerungen an die Zukunft – unterstellt wird.

Verschiedene „Rundköpfe“ (u.a. Bogenschütze), Jabbaren (Lhote 1959, Abb. 22)

Am Sandsteinmassiv von Jabbaren (Tuareg für Riesen nach den dortigen Felsbildern) stieß Lhote 1938 auf einige der ältesten und schließlich berühmtesten Felszeichnungen.1:67-69 Neben zahlreichen Tierdarstellungen und verschiedenen Mischwesen (darunter gehörnte Menschen und ein Wesen mit Elefantenkörper und Giraffenkopf) finden sich dort rundköpfige humanoide Gestalten, die Lhote als „Marsmenschen“(Martian)-Typus bezeichnete.1:69, 71 Bekannt ist der rund sechs Meter messende „große Marsgott“ (Abb. 21), dessen seitliche Kopfstrukturen an einen Helm erinnern; neben diesem treten auch „Rundköpfe“ mit Schwänzen und ohne nähere Gesichtsstrukturen auf (Abb. 22). Manche der Marsianer besitzen kleine, spitze Brüste und sind somit anscheinend als weiblich klassifiziert (Abb. 22, Pl. II). Nach den „Rundköpfigen“ benannte Lhote auch die mutmaßlich älteste Stilperiode der Tassili-Bilder (wiederum unterteilt in mehrere Phasen, gefolgt von einer „bovinen“ Periode).1:192 ff           
Ein gewaltiges Felsbild an der Fundstelle Sefar zeigt neben mehreren weiblichen „Rundköpfen“ eine riesige humanoide Gestalt mit unförmigem Kopf, die Lhote als „großen Gott“ deutet (Pl. II). Die ritualhafte Handlung und die Darstellung einer anscheinend gebärenden Frau deuten bei diesem Bild auf den Kontext eines Fruchtbarkeitskultes hin.1:207

Rundköpfe und „Großer Gott“, Sefar (Lhote 1959, Pl. II)

Deutung als Außerirdische. Bereits in seinem Erstlingswerk Erinnerungen an die Zukunft stellte Erich von Däniken eine Deutung der „Rundköpfe“ von Tassili als Außerirdische vor: „Uns will, ohne die Phantasie sonderlich zu strapazieren, scheinen, daß der große Marsgott in einem Raum- oder Taucheranzug dargestellt wurde. Auf seinen wuchtigen, plumpen Schultern liegt ein Helm, der durch eine Art von Gelenk mit dem Rumpf verbunden ist. Dort, wo Mund und Nase hingehören, zeigt der Helm verschiedene Schlitze.“EvD 1:47 Den „großen Gott“ von Sefar nennt von Däniken im Kontext von RiesenEvD 2:49, die Auswüchse eines gehörnten Mannes interpretiert er als Antennen (Abb. 37)EvD 2:71. Einen schwerelos dahingleitenden „Rundkopf“ des Fundplatzes Ti-n-Tazarift deutet Lhote als „Schwimmer“, von Däniken als Figur in einem „enganliegenden Raumfahreranzug mit Steuergeräten an den Schultern und Antennenstäben am Schutzhelm“ (Abb. 43)EvD 2:18.

Gehörnte Gestalt und Frau, Aouanrhet (Lhote 1959, Abb. 37)

In der Tat ist die prä-astronautische Deutung schon längt in der von Lhote geprägten Bezeichnung „Marsmenschen“ für die rundköpfigen Gestalten mit seltsamem Gesicht angelegt. So wird dieser auch von verschiedener Seite – darunter (bislang) die deutsche und englische Wikipedia – als früher Anhänger der Prä-Astronautik dargestellt, der eine solche Deutung tatsächlich postuliert habe. Die Realität sieht jedoch anders aus, wie aus Lhotes eigener Erklärung für die Bezeichnung hervorgeht:

Die Umrisse sind einfach und kunstlos, der runde Kopf, bei dem als einzige Besonderheit ein doppeltes Oval in der Mitte des Gesichts angedeutet ist, erinnert an das Bild, das wir uns gewöhnlich vom Marmenschen machen. Marsmenschen! Wäre das nicht ein zugkräftiger Titel für eine Sensationsreportage, der ungeahnte Perspektiven erschließt! Sollten Marsmenschen wirklich in die Sahara gekommen sein, dann nur vor Jahrtausenden, denn die Malereien der Rundköpfe im Tassili sind, soweit wir wissen, die allerältesten.“2:88

Daraus geht eindeutig hervor, dass Lhote eben nicht tatsächlich von außerirdischen Besuchern in grauer Vorzeit ausging, sondern die zeitgenössische Vorstellung von Außerirdischen vielmehr satirisch rezipierte. Kreative Namen für die von ihm entdeckten Felsbilder prägt er auch an anderer Stelle – etwa als er eine weibliche Figur bei Jabbaren nach der Romanfigur von Pierre Benoit Antinea nannte, explizit ohne damit etwas über die tatsächliche Bedeutung des Kunstwerks aussagen zu wollen.1:182 Auf einem Missverständnis basiert weiterhin die bisweilen wiederholte Behauptung, Lhote habe den von ihm entdeckten „Margott“ Jabbaren getauft – hierbei handelt es sich um den Fundort, der in der Bildunterschrift „Jabbaren. Der große Marsgott.“2:88 wie auch bei allen anderen Illustrationen des Buches vor der Bezeichnung genannt wird.
Über die bloße Bezeichnung hinausgehende Spekulationen über Außerirdische finden sich in Lhotes Werk nicht – indes distanzierte er sich deutlich von für ihn unverständlichen Hypothesen, die in den von ihm entdeckten Felsbildern die Überreste von Atlantis erkennen wollten und sich dabei auf das angebliche Wissen gewisser „theosophischer Sekten“ beriefen. Platons Atlantis-Bericht betrachtete er als reine Fiktion.1:181-190

„Schwimmer“, Ti-n-Tazarift (Lhote 1959, Abb. 43)

Könnte aber – unabhängig von den Ansichten Henri Lhotes – die Deutung der „Rundköpfe“ als Außerirdische in Raumanzügen doch berechtigt sein? In manchen Darstellungen (Abb. 22) scheinen die „Marsmenschen“ neben normalen Menschen aufzutreten, was eine Verschiedenheit von diesen nahelegt.
Von akademischer Seite vorgeschlagen wurde eine Deutung der seltsamen Gesichter als Masken. In der Tat finden sich in Sefar auch verschiedene Darstellungen von Masken bzw. Menschen mit Masken (Abb. 52/53), die solchen gleichen, die zu Lhotes Zeiten noch immer in Westafrika Verwendung fanden.1:223 Auch wenn ein solcher Zusammenhang für die Gestalt der „Marsmenschen“ bislang nicht belegt ist und somit eine bloße Hypothese verbleibt, so wäre diese gemäß Ockhams Rasiermesser der außerirdischen Deutung doch tendenziell vorzuziehen.
Gegen eine Deutung der Gestalten als Raumanzüge sprechen außerdem weitere Details: Einige der weiblichen „Rundköpfe“ in Pl. II (um den „großen Gott von Sefar“ herum) besitzen eindeutig Brüste sowie in einem Fall die Andeutung einer Vulva, womit sie offenbar nackt (und nicht in Raumanzügen) dargestellt sind. Einer der „Rundköpfe“ in Abb. 22 trägt in seiner Hand außerdem einen Bogen, was schwer mit der Vorstellung technologisch fortgeschrittener Außerirdischer zu vereinbaren ist.

Wenn es sich tatsächlich, wie von den Anhängern der Prä-Astronautik angenommen, um Darstellungen jener Außerirdischen handeln sollte, die angeblich so viele verschiedene Kulturen besuchten – müssten sich dann nicht ganz ähnliche Darstellungen auch in anderen Kulturen finden? Die in einschlägigen Publikationen angeführten Felsbilder, Reliefs, Statuen und Figurinen teilen zwar ihren oberflächlichen Anschein technologischer Details (oder zumindest das Vorhandensein irgendeiner Form von Helmen), unterscheiden sich untereinander jedoch viel zu sehr, als dass sie einander bestätigen würden. Mit möglicherweise einer Ausnahme:

Figurine aus Cuenca, Ecuador (Quelle 1 / Quelle 2)

Eine Keramikfigurine der Jama-Coaque-Kultur in Ecuador, aufbewahrt im Museo de las Culturas Aborigines in Cuenca, besitzt einen ähnlichen runden Kopf mit seitlichen Aufsätzen/Schläuchen(?), einer runden Mund(?)öffnung und einer Art Collier oder Halskragen bei gleichzeitig recht stämmigem Körperbau. Obgleich die Figurine in grenzwissenschaftlichen Werken immer wieder erwähnt wird (sie war sogar in der Ausstellung Unsolved Mysteries zu sehen), scheint zu meiner eigenen Verwunderung bislang niemand einen Zusammenhang zu den „Marsmenschen“ von Tassili angemerkt zu haben. Wenn auch die Ähnlichkeit womöglich eher auf Zufall zurückgehen mag (wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es irgendwo in der weltweiten Kulturgeschichte mindestens eine oberflächlich ähnliche Darstellung gibt?), so ist sie doch zu bemerkenswert, um sie unerwähnt zu lassen.

Die Frage nach der tatsächlichen Bedeutung der spezifischen Darstellungsform der „Marsmenschen“ von Tassili muss bis auf Weiteres offen bleiben. Anders als die Alien-Deutung würden Interpretationen als mythische (Misch-)Wesen oder maskierte Menschen (Schamanen?) in dieser Kunst- und Kulturepoche jedoch eindeutige Parallelen finden.

Q Henri Lhote: A la découverte des fresques du Tassili

          1Englisch: The search for the Tassili frescoes; the story of the prehistoric rock-paintings of the Sahara. Hutchinon & Co., London u.a. 1959.

          2Deutsch: Die Felsbilder der Sahara. Entdeckung einer 8000-jährigen Kultur. Zettner, Würzburg u.a. 1963.

Anm.: Ich habe mich entschieden, vorwiegend aus der englischen Ausgabe zu zitieren, da diese im Internet allgemein zugänglich und die Überprüfung somit besser möglich ist.

3David Coulson / Alec Campbell: Rock Art of the Tassili n Ajjer, Algeria

T/R EvD 1, Erinnerungen an die Zukunft (47-49) / EvD 2, Zurück zu den Sternen (18, 49, 71, 96-99, 147) / Unsolved Mysteries (204) / Reinhard Habeck, Bilder, die es nicht geben dürfte (38 f)

Zur Figurine aus Ecuador: Reinhard Habeck, Dinge, die es nicht geben dürfte (146 f) / Unsolved Mysteries (209)

Aliens zwischen Bergen – Ein Tag im JungfrauPark Interlaken

Ein Freizeitpark über die Theorien der Prä-Astronautik? Gibt es – in Interlaken (Schweiz). Eröffnet 2003 als Mystery Park unter Mitwirkung Erich von Dänikens, ist er nach Insolvenz und Verkauf seit 2010 unter dem Namen JungfrauPark zu besuchen. Das Programm besteht neben einigen Bereichen für Kinder vor allem aus mehreren Filmvorführungen und Rekonstruktionen zur Prä-Astronautik, angelehnt an die Werke von Dänikens. Zusammen mit meinem Freund Sait Can Kutsal habe ich den Park letzten Juli im Rahmen eines Uniprojekts besucht und näher unter die Lupe genommen. Was hat man sich unter einem Freizeitpark zur Grenzwissenschaft vorzustellen, was ist inhaltlich von den Darbietungen zu halten – und was sind die Gründe für den bis heute ausbleibenden Erfolg des JungfrauParks? Unsere Eindrücke schildern wir im folgenden Artikel:

Aliens zwischen Bergen – Ein Tag im JungfrauPark Interlaken

ParaMagazin 9: Meganthropus & Denisova-Mensch

ParaMagazin: Ausgabe 9ParaMagazin Augabe 9 – in Kürze erhältlich!

Das Titelthema: Ein Aufsatz von mir über Meganthropus und die Denisova-Menschen. Vermögen Skelettfunde vorzeitlicher Hominiden wirklich die einstige Existenz von Riesen zu belegen?

Außerdem enthalten: 
Ein dämonischer Kontakt – Eine junge Frau beschwört aus Interesse mit ihren Freundinnen Geister, doch aus dem Spiel wird schnell eine gefährliche Situation, als sich ein Dämon offenbart.

Der Fluch der alten Eiche – Eine Jahrhunderte alte Eiche in einem hessischen Waldstück, gespalten vom Blitz, ist immer wieder der Ort unheimlicher Begebenheiten.

Weitere Themen im Heft.

Tucson-Artefakte

Tucson Artifacts (Robert C. Hyde)
Die Artefakte 18, 8, 13 und 1 (Foto: Robert C. Hyde, Quelle s.u.)

1924 kam es an der Silverbell Road bei Tucson, Arizona zur Entdeckung von 32 rätselhaften Bleiobjekten, die seitdem als Tucson- oder Silverbell-Artefakte bekannt sind.
Auf dem Rückweg von einem Ausflug nach Picture Rocks (westlich von Tucson) stießen der Polizist Charles Manier und seine Familie auf einen alten Kalkbrennofen, aus dem ein Metallstück ragte. Dieses stellte sich, nachdem Manier es aus dem Untergrund befreit hatte, als zwei aneinandergeklebte, mit Inschriften versehene Kreuze aus Blei heraus.1:8 Eine lateinische Inschrift auf beiden Kreuzen berichtete von einer scheinbaren römischen Expedition nach Amerika, die mit dem Jahr 800 A.D. angegeben wird.
Manier übergab den Fund an das Arizona State Museum. Zusammen mit Thomas Bent widmete er sich anschließend der Suche nach weiteren Artefakten, die bald von Erfolg gekrönt war: Eingeschlossen in zementartige Caliche (ein Sediment aus Kalziumkarbonat und Anteilen von Kies, Sand, Silt und Ton), wurden zwischen 1924 und 1925 insgesamt 32 Objekte ähnlicher Machart entdeckt. Bei den Ausgrabungen waren zeitweilig auch der Geologieprofessor Thomas S. Lovering und der ehemalige Geologieprofessor Cilfton J. Sarle anwesend.1:16 Die Artefakte wurden bereits kurz nach der Entdeckung an der University of Arizona untersucht, wo man jedoch von Anfang an eine skeptische Position einnahm.1:14 Aktuell werden die Artefakte vom Arizona Historical Society Museum verwahrt.

Beschreibung. Mit Ausnahme von Fund 2 bestehen sämtliche Objekte aus massivem Blei. Viele von ihnen sind mit eingeritzten Zeichen versehen, darunter geometrische Pläne (?) auf mehreren Schwertern und lateinische sowie hebräische Inschriften auf den Kreuzen. Diese scheinen von einer römisch-jüdischen Kolonie mit dem Namen Calalus zu berichten, die im Frühmittelalter in den heutigen Vereinigten Staaten bestand und Kriege mit den Tolteken ausfocht. Es werden die Namen von vier Königen – Theodorus, Jacobus, Israel I. und Israel II.  – erwähnt.1:28 Besonders sticht ein am 5. April 1925 entdecktes Schwert hervor, das auf dem Heft die eingeritzte Abbildung eines Dinosauriers (genauer: eines Sauropoden wie Diplodocus oder Apatosaurus) trägt.

Der Fund umfasst folgende Objekte sowie deren nach der Reihenfolge der Entdeckung vergebene Nummern (Fragmente desselben Objekts jeweils mit Bindestrich):

  • Fünf Kreuzpaare (1, 3, 5, 6, 7) sowie ein einzelnes Kreuz (4). Bei der Auffindung der ersten Kreuze wurden beide durch eine übelriechende, petroleumähnliche Substanz zusammengehalten.1:8 f
  • eine dreieinhalb Kilo schwere Tafel aus Caliche mit mehreren eingezeichneten Köpfen und Inschriften (2)
  • sechs Schwerter (8, 11, 16-23, 24, 26) sowie Schwert (12) mit der Darstellung eines Dinosauriers auf dem Griff, außerdem zwei Schwertfragmente (15 und 17)
  • drei vollständige Speere (9, 19-21, 25-28-30), ein Speerschaft (32) sowie fünf Speerspitzen (10, 14, 22, 27-29, 31)
  • ein flaches, schaufel- oder fächerartiges Objekt, beschrieben mit den Jahresdaten A.D. 560 und A.D. 7051:20 (13)
  • ein großes Kreuz mit einer darum gewundenen Schlange (18) sowie eines mit halbmondförmiger und mehreren runden Verzierungen (20)1:104-Ende

Diskussion. Als Hauptargument für die Echtheit der Funde wurde wiederholt deren vollkommene Einbettung in festes Sediment angeführt. Dies stellte sich jedoch als Fehleinschätzung heraus: Der Geologe James Quinlan untersuchte die Fundstätte und datierte die Entstehung der Caliche ins Pleistozän, womit dieses mindestens 10 000 Jahre alt und damit viel älter wäre als die Artefakte gemäß ihren Inschriften sein sollten.1:62f James Frank Breazeale, ein Experte für Caliche in Arizona, geht sogar von einer Entstehung noch vor der Erhebung der nahen Tucson-Berge und somit einem Alter von vielmehr 100 000 Jahren aus.1:66 Es ist folglich auszuschließen, dass die Artefakte, wie oft behauptet, tatsächlich mit der Entstehung des Sediments eingeschlossen wurden; ein solches Alter widerspräche nicht nur allen bisherigen Erkenntnissen über die Entwicklung der menschlichen Zivilisation, sondern auch den auf den Artefakten selbst genannten Daten. Weiterhin konnte Quinlan nachweisen, dass ein Gemisch von Lehm, Sand und Kies innerhalb kurzer Zeit aushärten kann und danach von natürlicher Caliche kaum zu unterscheiden ist – so gelang ihm experimentell der Einschluss eines Bleistabes in scheinbar festes Gestein.1:64 Es lässt sich folglich die Einbettung in das Gestein nicht als Beleg für ein hohes Alter heranziehen, da die Zementierung des umgebenden Materials in nur wenigen Jahren erfolgen kann.1:68 Die Artefakte dürften folglich sekundär in ihrer Fundstelle deponiert worden sein. Für die nachträgliche Einführung der Objekte in den Untergrund spricht zudem ein Loch, das über das darin steckende Objekt hinausging.1:53
Für eine neuzeitliche Herstellung, d.h. Fälschung (wahrscheinlich im 20. Jhd.1:61), sprechen noch weitere Argumente:

  • Die Herstellung von Waffen aus Blei ist unrealistisch, da dieses zu schwer ist und sich nicht zu einer Klinge schärfen lässt. Bleierne Waffen sind aus keiner anderen Kultur bezeugt.1:69
  • Der Hüttenprüfer Thomas G. Chapman identifizierte das verwendete Blei als eine synthetische Antimon-Legierung, die rezentem „type metal“ (welches zum Drucken Verwendung findet) gleicht und somit mit ziemlicher Sicherheit modernen Ursprungs sei.1:71
  • Die Inschriften auf den Kreuzen sind unzusammenhängend und ergeben keinen wirklichen Sinn. Wie Frank Fowler 1926 und präziser George Hawley 1928 herausstellten, handelt es sich bei den Sätzen zudem fast ausschließlich um Versatzstücke aus einem von drei zeitgenössischen Lehrbüchern: Harkness‘s Latin Grammar (1881), Allen and Greenough‘s Latin Grammar (1903) oder Rouf‘s Standard Dictionary of Facts (1914). Jene Auflage von Allen and Greenough‘s Latin Grammar von 1903, die als einzige alle fraglichen Phrasen enthält, wurde in der High School von Tucson verwendet.1:72-75
  • Auch der Dinosaurier auf dem Schwert (einschließlich des erhoben dargestellten Schwanzes) erinnert stark an die Darstellung eines Sauropoden in dem damals verbreiteten Sachbuch The First Story Ever Told.1:18 f
  • Es besteht keinerlei archäologischer Kontext für eine römische Gemeinde im präkolumbischen Tucson – weder für die anzunehmenden Siedlungen, noch deren materielle Erzeugnisse oder die angeblich geschlagenen Schlachten.1:69 Auch eine rituelle Deponierung kann mangels eines entsprechenden Kontextes und aufgrund der weiten, scheinbar willkürlichen Streuung der Funde eher ausgeschlossen werden.1:70

Im Jahr 2016 machte schließlich der Philologe und Grenzwissenschaftler Donald Yates von sich reden, indem er einen neuen Katalog der Artefakte veröffentlichte und für deren Echtheit eintrat. Ihm zufolge belegten diese eine Kolonie von Juden aus dem Heiligen Römischen Reich im 8. oder 9. Jhd.. Die Zitate von klassischen Autoren seien in einer mittelalterlichen Quelle absolut zu erwarten. Auch fänden sich auf einem Objekt das seltene frühmittelalterliche Wort urre für Erz (sonst stets als urbe „Stadt“ gelesen) sowie Zitate einer lateinischen Bibelfassung, die potenziellen Fälschern Anfang des 20. Jahrhunderts nicht bekannt gewesen sein könnten.2 Jason Colavito kritisierte Yates‘ Thesen: So weise etwa dessen historisches Modell verschiedene chronologische Fehler auf; auch entsprechen Yates‘ geglättete Übersetzungen nicht dem stark fehlerhaften Latein der Inschriften. Die Übereinstimmung der ausgewählten Textbausteine mit den neuzeitlichen Lehrbüchern gehe zudem weit über eine zufällige Korrelation hinaus; im Gegensatz zu Zitaten klassischer Autoren im Mittelalter seien zudem bei Änderungen die Formen nicht grammatikalisch korrekt angepasst worden. Die von Yates angeführte Bibelfassung Vetus Latina sei anders als von diesem behauptet nie verloren und durchaus auch (u.a. in Form zahlreicher Zitate) im frühen 20. Jhd. verfügbar gewesen. Das Wort urre für Erz sei sonst im Lateinischen selbst gar nicht belegt, sondern eine rein hypothetische Form, abgeleitet u.a. aus dem Baskischen. Zudem seien die beiden r im angeblichen urre deutlich verschieden, wobei letzteres vielmehr an ein missglücktes b (also doch urbe „Stadt“) erinnere.3
Die Tucson-Artefakte können also mit großer Sicherheit als Fabrikate des frühen 20. Jahrhunderts betrachtet werden. Wer sie allerdings herstellte und an ihrem Fundplatz deponierte, ist bis heute nicht aufgeklärt worden. In Betracht gezogen wurden neben den Findern selbst bereits Freimaurer (aufgrund einschlägiger Symbolik), Mormonen und sogar der bereits mit den Michigan-Relikten verbundene Daniel Soper, all diese jedoch ohne konkrete Belege.1:92

Die Publikation der Wahl zu den Tucson-Artefakten stellt Don Burgess‘ umfangreicher Artikel Romans in Tucson? dar, welcher neben einem detaillierten Abriss der Ereignisse und der beteiligten Personen auch die zentralen Forschungsergebnisse, zahlreiche mit den Artefakten zusammenhängende Quellen im Originalwortlaut sowie hochauflösende Fotos sämtlicher Objekte beinhaltet.

Q/T Thomas Bent: The Tucson Artifacts. Privatdruck, Tucson 1964.

Q/T Robert Hyde / Donald N. Yates: The Tucson Artifacts. A Photography Album with Transcriptions and Translations of the Medieval Latin. Privatdruck, Minneapolis 2016.

Ü/GD 1Don Burgess: Romans in Tucson?: The Story of an Archaeological Hoax. Journal of the Southwest 51/1 (2009), 3-102.

T/B 2Tara Macisaac: Tucson Artifacts Suggest Romans Made It to New World in 8th Century: Expert

GD 3Jason Colavito: Is Early Medieval Latin the Key to Unlocking the Tucson Lead Artifacts?

R Luc Bürgin, Lexikon der verbotenen Archäologie

Kernbohrungen im alten Ägypten

Gegenüberstellung ägyptischer und moderner Kernbohrtechnik im JungfrauPark Interlaken

An zahlreichen Bauwerken des alten Ägypten finden sich scheinbar perfekte Bohrlöcher, sogenannte Kernbohrungen, die in der Grenzwissenschaft häufig als Beleg für unbekannte Hochtechnologie wie etwa Diamantbohrer betrachtet werden. Dass solche Kernbohrungen jedoch sehr wohl dem handwerklichen Kenntnisstand der alten Ägypter entsprechen, wird etwa von Rainer Lorenz (auf seiner Website Benben und in einem Artikel auf mysteria3000.de) dargelegt.

Befund. Unter Kernbohrungen versteht man die Bohrung eines Loches mit einem hohlen Bohrer, der somit einen Kern in der Mitte belässt, welcher anschließend abgebrochen wird. Hierzu werden heutzutage in der Regel sogenannte Widia-Bohrer (hart wie Diamant) oder Bohrer mit echten Diamanten verwendet.
Solche Bohrungen sind auch aus dem alten Ägypten verschiedentlich bezeugt, so etwa in Steingefäßen und Keulenkopfen sowie als Verankerungslöcher in Türrahmen, besonders häufig anzufinden in Tempeln. Bereits seit dem Neolithikum sind Kernbohrungen in Hartgestein etwa für Keulenköpfe belegt, ab der 3. Dynastie auch für Gebäude. Mit der Einführung von Bronzewerkzeugen im Mittleren Reich werden sie selten. Dass es sich um Kernbohrungen handelt, wird bisweilen durch die noch zu erkennende Bruchstelle des Kerns (so etwa im Taltempel des Chephren) belegt.
Im alten Ägypten existierten zwei verschiedene Arten von Bohrern: Der ssnht- oder hmt-Bohrer (ein Kurbelbohrer zur Steinbearbeitung) sowie der htjt-Bohrer (ein Drill- oder Fidelbohrer für die Tischlerei und Perlenherstellung). Ersterer ist bildlich gut bezeugt; seine Darstellung wurde zur allgemeinen Hieroglyphe für „Handwerk“. Es handelte sich um ein Kupferrohr – geg. ergänzt durch eine Steinspitze (z.B. aus Diorit) – mit einer Kurbel und angehängten Gewichten. Gebohrt wurde unter Zunahme eines Abrasivs wie etwa Quarzsand – so wurde das Wort für „Schleifsand“ (hmwt) auch mit dem Hieroglyphenzeichen des Bohrers geschrieben. Aus dem Absusir der 5. Dynastie existiert die Reliefdarstellung eines Mannes, der mit der beschriebenen Art Bohrer eine Vase bohrt. Die ägyptischen Bohrtechniken sind also durch bildliche und schriftliche Zeugnisse gut überliefert.

Kontroverse. Bereits Flinders Petrie erinnerten die an ägyptischen Bauwerken vorgefundenen Bohrlöcher an den Einsatz von Diamantwerkzeugen (oder allenfalls noch Korund). Auch in der Grenzwissenschaft wird häufig angenommen, dass Kernbohrungen insbesondere in Hartgesteinen mit der Technologie der alten Ägypter nicht möglich gewesen seien, was somit auf eine vergessene (womöglich außerirdische) Hochtechnologie schließen lässt. Besonders häufig erwähnt werden die Kernbohrungen am Pyramidentempel des Sahure in Abusir.
Behauptet wird in der Regel, dass sich ein hartes Gestein (wie der quarzhaltige Granit) nicht mit einem ebenso harten Schleifmittel (Quarzsand) bearbeiten lasse. Dies trifft so nicht zu, wie beispielsweise an Diamant ersichtlich, der (mangels Existenz eines härteren Materials) mit Diamantstaub bearbeitet wird. Hinzu kommt, dass der Quarzanteil in den fraglichen Gesteinen sehr gering ist, so etwa 5% bei Diorit. Allein die Mohshärte sagt zudem wenig über die Bearbeitungsfähigkeit des Gesteins aus, wofür neben anderen Faktoren vielmehr die Art der Gesteinsverfestigung (Diagenese) entscheidend ist – so ist der Sandstein trotz hohen Quarzanteils sehr leicht zu bearbeiten, da nur durch Kieselsäure gebunden.
Die geringe Härte des Kupferrohres ist hierbei kein Nach-, sondern ein Vorteil: Dadurch pressen sich die Quarzkörner des Schleifpulvers in das weiche Kupfer ein, was diesen gewissermaßen selbst zu einem Quarzbohrer macht – vergleichbar einem Schleifpapier.
Am Pyramidenbezirk des Chephren in Gizeh wurden in den Bohrlöchern in der Tat Schmirgel und Kupferteilchen nachgewiesen, in Bohrungen in Sakkara fand sich durch Kupfer grün verfärbter Quarzsand. Grüne Verfärbungen (durch Kupfer) finden sich weiterhin bei einem Bohrkern aus Sakkara sowie dem berühmten Sarkophag des Sechemchet, welcher offenbar durch Kernbohrungen ausgehöhlt wurde.
Bohrlöcher wie Bohrkerne sind durchweg leicht konisch geformt – Indiz dafür, dass auch der Bohrer selbst sich bei fortschreitender Bohrung abnutzte und somit schmaler wurde, was bei modernen Bohrern mit Diamantaufsatz nicht zu erwarten wäre.
Diamant oder Korund als stattdessen vorgeschlagenes „Schneidematerial“ lassen sich in Ägypten hingegen nicht nachweisen; der Import und das anschließende Verschwinden der zu erwartenden riesigen Mengen wären unrealistisch.

Experimente. Versuche zur Steinbearbeitung durch Kernbohrung mittels altägyptischer Methoden führte der Archäologe Denys Stocks von der University of Mancheter durch. Die Bohrungen gelangen problemlos mit Kupferrohren und trockenem Quarzsand, wobei wie beschrieben der Schleifsand sich im Kupfer festsetzte und dadurch die eigentliche Bohrarbeit leistete. Granit und Diorit konnten mit einer Effektivität von 2cm3/Stunde gebohrt werden, der weichere Alabaster sogar mit 30cm3/Stunde. Die Experimente glückten auch mit Granit, Quarzit, Basalt und Grauwacke. Weitere Experimente vor Ort in Assuan replizierten die Methoden der Ägypter bis ins Detail, wobei die Ergebnisse exakt dem archäologischen Befund entsprechen. Ein 6 cm tiefes Bohrloch ließ sich innerhalb von etwa 20 Stunden, wobei einem geübten Arbeiter eine womöglich doppelt so hohe Geschwindigkeit zuzutrauen sei – anders als bisweilen behauptet konnten alle nötigen Bohrungen eines Bauwerks also sehr wohl in akzeptabler Zeit vollbracht werden.

Die Herstellung von Kernbohrungen allein durch Kupferbohrer mit Quarzsand und ohne weitere unbekannte Hochtechnologie muss somit als gesichert gelten: Der archäologische Befund belegt beide Bestandteile zweifelsfrei und Experimente bestätigen deren Wirksamkeit. Die Annahme unbekannter Faktoren, die über untergeordnete Details hinausgehen, ist somit obsolet.

GD Rainer Lorenz: Kernbohrungen im alten Ägypten
https://mysteria3000.de/magazin/kernbohrungen-im-alten-agypten/
Teil 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 4 / Teil 5 / Teil 6

R Luc Bürgin, Geheimakte Archäologie (203-206) / Erich von Däniken u.a., Jäger verlorenen Wissens (98 f)

Handabdruck aus der Kreidezeit

Alleged Human Hand Print

Zu den Exponaten des Creation Evidence Museums von Carl Baugh in Glen Rose, Texas gehört auch ein angeblich menschlicher Handabdruck in kreidezeitlichem Gestein, der von manchen Kreationisten als weiterer Beleg gegen die Evolution propagiert wird. Der Abdruck zeige sogar deutliche Spuren des Daumennagels, der Haut zwischen Daumen und Zeigefinger sowie des Eindrucks der Mittelfingerspitze.

Diskussion. Der mutmaßliche Handabdruck besitzt wie die meisten postulierten „Out-of-Place-Fossilien“ keinen dokumentierten Fundkontext; der sichere Beleg für einen tatsächlich kreidezeitlichen Ursprung fehlt also. Der Biologe Glen Kuban nahm den Abdruck persönlich in Augenschein, konnte aufgrund der kurzen ihm gewährten Zeit jedoch nicht genau bestimmen, ob es sich um ein altes oder neuzeitliches Relikt handelt – oder ob womöglich ein prähistorischer Abdruck modern überarbeitet wurde, zumal ein Teil des Fossils einen deutlicheren Eindruck auf ihn gemacht habe als der Rest. Derartiges sei in Anbetracht der Präsentation anderer gefälschter Abdrücke durch Baugh zumindest nicht auszuschließen. Eine Untersuchung durch Experten indes scheint dieser zu verweigern. Für die Echtheit des Abdrucks gibt es somit aktuell keine hinreichenden Belege.

T http://www.hissheep.org/evolution/the_geologic_column_exposed_and_debunked.html

GD Glen Kuban: Alleged Human Hand Print in Cretaceous Rock (Bild von dort)

Mischwesen bei Eusebius

Und sie hätten erzeugt Menschen, doppeltbeflügelte; dazu auch andere mit vier Flügeln und zwei Gesichtern und einem Leib und zwei Köpfen, Frauen- und Männer(köpfen), und zwei Naturen, männlichen und weiblichen; weiter noch andere Menschen, mit Schenkeln von Ziegen und Hörnern am Kopfe; noch andere, pferdefüßige; und andere von Pferdegestalt an der Hinterseite und Menschen(gestalt) an der Vorderseite, welche der Hippokentauren Formen haben; erzeugt hätten sie auch Stiere, menschenköpfige, und Hunde, vierleibige, deren Schweife nach Art der Fischschwänze rückseits aus den Hinterteilen hervorliefen; auch Pferde mit Hundeköpfen; und Menschen sowie noch andere Ungeheuer, pferdeköpfige und menschenleibige und nach Art der Fische beschwänzte; dazu weiter auch allerlei drachenförmige Unwesen; und Fische und Reptilien und Schlangen und eine Menge von Wunderwesen, mannigfaltig gearteten und untereinander verschieden geformten“

„und Menschen sowie noch andere Ungeheuer, pferdeköpfige und menschenleibige und nach Art der Fische beschwänzte“

Erich von Däniken zitierte erstmals in Die Augen der Sphinx diese Passage des frühchristlichen Geschichtsschreibers Eusebius, in dem jener zahlreiche mythische Mischwesen aufzählt. Als Quelle des Eusebius wird der ägyptische Geschichtsschreiber Manetho angegeben. Diese Mischwesen seien in grauer Vorzeit von den Göttern erschaffen worden und damit ein Beispiel für genetische Experimente außerirdischer Besucher, wie sie auch den rätselhaften Bestattungen im Serapeum und anderen Fällen abnormer Tiermumien zugrunde liegen sollen. Zahlreiche andere Autoren wie Hartwig Hausdorf und Walter-Jörg Langbein übernahmen den Gedankengang und zitierten die Eusebius-Passage ebenfalls im selben Kontext von Mischwesen, Gentechnik und Serapeum.

Diskussion. Die stets mitzitierte Aussage, Eusebius habe die Passage von Manetho übernommen, ist falsch. Vielmehr stammt die „Monsterparade“ ursprünglich aus der nicht erhaltenen Babyloniaká des babylonisch-hellenistischen Geschichtsschreiber Berossos. Damit entfällt jeglicher direkte Bezug zu Ägypten, den Tiermumien und dem Serapeum von Sakkara im Speziellen. Weitere Fehler der modernen Interpretationen erschließen sich bei einer Betrachtung der gesamten Textstelle im Kontext. Berossos beschreibt hier die Entstehung des Kosmos nach babylonischen Vorstellungen, wie sie sich in fast identischer Form auch im keilschriftlich erhaltenen Epos Enūma Elîš finden. In den Mund gelegt ist der Bericht dem mythischen Fischwesen Oannes, welcher bei Berossos als Kulturstifter auftritt (wiederum basierend auf älteren babylonischen Überlieferungen):

Es war, sagt er [Oannes], einstens, da durch das (Welt-)All hin Finsternis und Wasser war. Und es waren daselbst gewisse andere Untiere, von denen ein Teil selbsterzeugte waren, und mit lebenerzeugenden Formen ausgestattete; und sie hätten erzeugt Menschen, doppeltbeflügelte; dazu auch andere mit vier Flügeln und zwei Gesichtern und einem Leib und zwei Köpfen, Frauen- und Männer(köpfen), und zwei Naturen, männlichen und weiblichen; weiter noch andere Menschen, mit Schenkeln von Ziegen und Hörnern am Kopfe; noch andere, pferdefüßige; und andere von Pferdegestalt an der Hinterseite und Menschen(gestalt) an der Vorderseite, welche der Hippokentauren Formen haben; erzeugt hätten sie auch Stiere, menschenköpfige, und Hunde, vierleibige, deren Schweife nach Art der Fischschwänze rückseits aus den Hinterteilen hervorliefen; auch Pferde mit Hundeköpfen; und Menschen sowie noch andere Ungeheuer, pferdeköpfige und menschenleibige und nach Art der Fische beschwänzte; dazu weiter auch allerlei drachenförmige Unwesen; und Fische und Reptilien und Schlangen und eine Menge von Wunderwesen, mannigfaltig gearteten und untereinander verschieden geformten, deren Bilder sie im Tempel des Belos eins neben dem andern dargestellt aufbewahrten. Und es habe über alle diese ein Weib geherrscht, dessen Name Markaye heiße, das auf chaldäisch Thalattha genannt werde und auf griechisch verdolmetscht werde Thalattha [das ist Meer].           
Während nun dieses Sämtliche aufgeregt stand zu einer chaotischen Masse, sei Belos [=der babylonische Hauptgott Marduk] dagegen angestürmt und habe das Weib mitten entzwei gespalten: aus der einen Hälfte habe er gemacht die Erde, aus der andern Hälfte den Himmel; und auch die andern Tiere, die in ihr waren, habe er vernichtet. Sinnbildlicherweise aber, sagt er, und in übertragener Bedeutung sei solches mythologisiert worden über die Naturen: daß nämlich, als noch überall Feuchtigkeit und Wasser war und allein die Ungeheuer in demselben waren, jener Gott sich das Haupt abgeschlagen habe, und das Blut, das von ihm herabrann, die andern Götter aufgefangen, mit Erde verknetet und Menschen daraus gebildet hätten; weshalb diese auch weise und des Geistes des Göttergeschlechtes teilhaftig würden.         
Und von Belos sagt man, der auf griechisch Dios [Zeus] übersetzt wird und auf armenisch Aramazd [Ahura Mazda, der Gott des Zoroastrismus bzw. der Perser], er habe die Finsternis mitten durchschnitten und habe getrennt von einander den Himmel und die Erde, und habe ordnend eingerichtet die Welt; die Untiere aber hätten nicht ertragen des Lichtes Kraft und seien untergegangen. Belos aber, als er eine öde und fruchtbare Gegend sah, habe einem von den Göttern Befehl gegeben von dem Blute, das von seinem abgetrennten Haupte herabfließe, mit Erde zu vermischen und Menschen zu bilden, sowie andere Tiere und wildes Vieh, die diese Luft ertragen könnten. Gegründet habe Belos die Gestirne und die Sonne und den Mond und die fünf Wandelsterne.1:7 f (Hervorhebungen LI)

Die Quelle spricht also nicht davon, dass jene Mischwesen von den (anthropomorphen) Göttern erschaffen wurden, die die Prä-Astronautiker mit den von ihnen postulierten Außerirdischen gleichsetzen. Vielmehr handelt es sich bei den Ungeheuern um Urwesen, die im kosmischen Urmeer vor der Weltschöpfung leben und entweder aus sich selbst heraus entstehen oder sich untereinander vermehren. Es wird ausdrücklich betont, dass die Mischwesen in historischen Zeiten längst nicht mehr am Leben waren: Sie wurden entweder von Belos (dem babylonischen Nationalgott Marduk) vernichtet oder starben im Zuge der sich anschließenden Weltschöpfung, da sie das Licht bzw. die Luft nicht ertragen konnten.     
Im älteren Enūma Elîš tritt eine vergleichbare Gruppe von elf verschiedenen Ungeheuern auf, die von der Urgottheit Tiāmtu (auch Tiamat, bei Berossos Thalatta oder Markaye) als Armee gegen die jüngeren Götter geschickt und von Marduk gebunden werden. Auch hier finden sich Fischmensch, Stiermensch und verschiedene Arten von Drachen bzw. Schlangenwesen, wobei die anderen Arten von Mischwesen sich unterscheiden. Dies fußt wiederum auf älteren Traditionen, nach denen eine Gruppe von Ungeheuern (darunter Fischmann und mehrere Drachen) vom Gott Ninurta besiegt wurde.

Eine eingehendere Analyse der Textstellen findet sich in meinem Aufsatz Eusebius‘ Monsterparade (unten).

Q 1Josef Karst (Hg.): Eusebius Werke. Fünfter Band. Die Chronik. J. O. Hinrichs’sche Buchhandlung Leipzig, Leipzig 1911, 6-8. 

Q Gerald P. Verbrugge / John M. Wickersham: Berossos and Manetho, Introduced and Translated. Native Traditions in Ancient Mesopotamia and Egypt. The University of Michigan Press, Ann Arbor 2003, 44f.

T Erich von Däniken: Die Augen der Sphinx. Neue Fragen an das alte Land am Nil. C. Bertelsmann, München 1989, 68f.

R Walter-Jörg Langbein, Kreaturen der Nacht (150f) / Hartwig Hausdorf, Götterbotschaft in den Genen / Hartwig Hausdorf, Nicht von dieser Welt

GD Leif Inselmann: Eusebius‘ Monsterparade – Ein Zitat auf seiner Reise durch die Jahrtausende

 

dazu auch andere mit vier Flügeln und zwei Gesichtern und einem Leib und zwei Köpfen
– Orthostaten aus Tell Halaf, Vorderasiatisches Museum Berlin

„Menschliche“ Hände aus der Kreidezeit

Im Besitz der Sammlung von Jamie Gutierrez in Bogota, Kolumbien befindet sich ein kreidezeitlicher Felsblock mit den Fossilien zweier Hände, die von verschiedenen Kreationisten – so etwa Carl Baugh, Eigentümer des Creation Evidence Museums – als menschlich und somit Beweis gegen die Evolution angesehen werden.
Wie jedoch bereits eine Reihe qualifizierter Biologen und Paläontologen feststellte, handelt es sich bei den versteinerten Gliedern nicht um die Hände eines Menschen, sondern einer prähistorischen Meeresschildkröte (möglicherweise der Oberfamilie Chelonioidea). Auch bei Meeresschildkröten besitzen alle Finger bis auf den verkürzten Daumen drei Glieder und vier Reihen Handwurzelknochen. Jedoch unterscheiden sie sich in mehreren Punkten deutlich von menschlichen Händen, so den gekrümmten und verkürzten ersten zwei Fingern, flachen und eckigen Handwurzelknochen, abgeflachten Fingerendknochen und einem riesigen, abstehenden Erbsenbein (beim Menschen ein winziger Handwurzelknochen). Alle diese Merkmale sind an dem vorliegenden Fossil gut zu erkennen. Außerdem sind beim Menschen die Glieder des Zeige- und Mittelfingers annähernd gleich lang, während das Fossil deutliche Größenunterschiede zeigt. Auch zeigt der Fels Fragmente eines Schildkrötenpanzers. Schon einer oberflächlichen Betrachtung hält die These eines menschlichen Ursprungs also nicht stand, womit die „Hände aus der Kreidezeit“ zu den eher plumpen „Out-of-Place-Fossilien“ zählen.

GD Glen Kuban: Alleged Cretaceous „Human Hand Bones“ (Bilder von dort)

R Jason Mason, Mein Vater war ein MiB 2 (58)

Metallbibliothek von Ecuador

Eine undurchsichtige Kontroverse rankt sich um die angebliche Existenz eines gewaltigen Höhlensystems unter Ecuador und eine darin verborgene sogenannte „Metallbibliothek“.

Die Däniken-Kontroverse. Als Entdecker der Höhlen gilt der Argentinier Juan Moricz, der 1965 auf erste unterirdische Gänge gestoßen sein soll.1:10 19681:46 oder ‘69 habe er eine Expedition an jenen Ort geführt und mehrere Nebeneingänge untersucht, das Vorhaben dann jedoch wegen Unstimmigkeiten innerhalb der Gruppe abgebrochen.2:122 Bereits 1969 hinterlegte Moricz eine amtliche Urkunde, in der er „seine“ Entdeckung für sich beanspruchte und eine wissenschaftliche Erforschung durch die ecuadorianische Regierung forderte.1:8 Obwohl alle Teilnehmer der Expedition zur Verschwiegenheit verpflichtet worden waren, kam es zu einer Meldung in der Zeitung El Telegrafo, von der 1970 Erich von Däniken Kenntnis erhielt.2:119 Diesem gelang es mit einigem Aufwand, mit Moricz Anwalt Matheus Pena Kontakt aufzunehmen und schließlich 1972 ein Treffen mit diesem in Ecuador zu organisieren.1:10 In seinem kurz darauf erschienenen dritten Buch Aussaat und Kosmos beschrieb von Däniken den anschließenden Besuch der Höhlen zusammen mit Moricz und Pena:
Hinter einem in den Fels geschnittenen Eingang, „breit wie ein Scheunentor“, ginge es mit einem Seilzug hinab in jene Gänge mit rechtwinkligen und glatt polierten Steinwänden. Sie erreichten eine Halle, „groß wie der Hangar für einen Jumbo-Jet“, von der weitere Stollen in verschiedene Richtungen abgingen.1:12 Man fand ein mit Gold beschichtetes Skelett am Boden sowie in einem riesigen Saal von 110 x 130 m1:13 schließlich einen Tisch mit Stühlen aus unbekanntem Material1:14, dahinter zahlreiche Figuren von Tieren aus Gold – darunter auch Saurier und Elefanten – sowie gegenüber eine „Bibliothek“ aus tausenden von dünnen Metallplatten, mit einer unbekannten Schrift beschrieben.1:14 Auch zahlreiche Steinfiguren, darunter ein aus Stein gemeißeltes Skelett und eine groteske an einen Clown und Astronauten erinnernde Figur auf einem Sockel hätten sich dort befunden, zudem zwei Meter hohe Statuen mit drei oder sieben Köpfen.1:15-19
Die auf die Veröffentlichung folgenden Ereignisse (bzw. seine Version von diesen) beschrieb von Däniken detailliert in dem 2007 erschienenen Buch Falsch informiert!. 1972 veröffentlichte der Stern einem Artikel, demzufolge Moricz und Pena abgestritten hätten, von Däniken je in die fragliche Höhle geführt zu haben.2:146f Von Däniken selbst, bereits zuvor von der vernichtenden Kritik informiert, gab wenig später zu, tatsächlich nie selbst in jenen Höhlen gewesen zu sein. Vielmehr habe er nur einen Blick in einen Seiteneingang werfen dürfen; die Beschreibung in Aussaat und Kosmos entspräche den Erzählungen Moriczs und auch die gezeigten Fotos stammten von jenem.2:145f Moricz habe ihm erlaubt, die Fotos und Informationen für ein Buch zu verwenden, um die Entdeckung noch vor Moricz eigener Publikation bekannt zu machen2:131,138; im Gegenzug habe von Däniken angeboten, finanzielle Mittel für eine neue Expedition aufzutreiben.2:131 Die Konzipierung des Kapitels gehe vielmehr auf den Verleger Utz Utermann zurück2:140 und sei zudem vor der Veröffentlichung mit Moricz abgesprochen worden.2:138
Im Anschluss habe von Däniken versucht, Moricz und Pena zu kontaktieren und nach mehreren vergeblichen Versuchen die Antwort erhalten, man habe den Journalisten des Stern dieselben Ausführungen gegeben wie seinerzeit ihm; die Leugnungen im Artikel seien Lügen.2:147f Zusammen mit dem Econ-Verlag plante von Däniken in der Folge tatsächlich eine Expedition, um die Existenz des Höhlensystems nachzuweisen und sich selbst zu entlasten – doch scheiterte diese wiederum an Moricz und Pena, die von Däniken nun direkt beschuldigten, alles in Aussaat und Kosmos Publizierte erfunden und gegen deren Willen veröffentlicht zu haben.2:155 Bei dieser Aussage blieb Moricz weiterhin, so auch in einem Interview des Spiegel 1973, wo er erneut aussagte, von Däniken nie in die beschriebenen Höhlen geführt oder dessen Falschaussagen abgesegnet zu haben.4 Schließlich forderte er mehrfach hohe Geldsummen als Schadenersatz.2:163 Obgleich er von Däniken der Lüge bezichtigte, hielt Juan Moricz bis zu seinem Tod am 27.02.1991 an der Existenz des Höhlensystems fest.2:174

Weitere Expeditionen. Später plante der Filmemacher James Mobley eine neue Expedition zu den von Däniken und Moricz beschriebenen Höhlen, die er bereits anderthalb Jahre vor Moricz ausgiebig untersucht habe2:162 – ein Film jedoch erschien nie, nach angeblichen Aussagen von Däniken gegenüber aufgrund gewaltiger Bestechungsgelder.2:174     
Bekannter ist eine Expedition zu den „Tayos-Höhlen“, die Stanley Hall 1976 gemeinsam mit dem Astronauten Neil Armstrong führte – diese jedoch habe nichts Relevantes gefunden und auch Armstrong verneinte Däniken gegenüber jede Kenntnis der angeblichen Geheimnisse.2:164 Auch weitere Expeditionen, so eine deutsche im Jahr 1982, erkundeten die Tayos-Höhlen und fanden sie leer vor; die riesigen Hallen und angeblichen Schätze existierten nicht.2:166
Später indes zeigte sich Stanley Hall Erich von Däniken gegenüber überzeugt, die „Metallbibliothek“ befände sich nicht in den Tayos-Höhlen, sondern an einem anderen Ort.2:171 In seinem Buch Tayos Gold veröffentlichte er die Geschichte des angeblich einzigen wirklichen Augenzeugen Lucio Petronio Jaramillo Abarca, der bereits vor Juan Moricz die eigentliche Höhle mit der Metallbibliothek betreten und dort einen Tag und eine Nacht verbracht habe.2:172 Im Mai 1998 jedoch wurde Jaramillo vor seinem Haus erschossen2:173 Bis heute wurden die von Moricz, von Däniken und Jaramillo beschriebenen Höhlen und Schätze weder lokalisiert noch untersucht und fotografiert; unabhängige Belege für ihre Existenz existieren nicht.

T 1Erich von Däniken: Aussaat und Kosmos. Spuren und Pläne außerirdischer Intelligenzen. Kopp, Rottenburg 2015.

Q 2Erich von Däniken: Falsch informiert! Vom unmöglichsten Buch der Welt, Henochs Zaubergärten und einer verborgenen Bibliothek aus Metall. Kopp, Rottenburg 2007.

T 3Stan Hall: Tayos Gold. Neue Beweise für die Metallbibliothek und ihre Herkunft aus Atlantis. Kopp, Rottenburg 2008.

Q 4https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42645392.html

R Luc Bürgin, Geheimakte Archäologie (51-62)