Kommentare zur Grenzwissenschaft

Mein Vater war ein MiB 2: Missing Link

Mein Vater war ein MiB - Band 2Das Genre der Verschwörungsliteratur erlebte einen neuen Höhepunkt, als ein unter dem Pseudonym Jason Mason bekannter Autor im letzten Jahr sein Monumentalwerk „Mein Vater war ein MiB“ veröffentlichte. Mason, nach eigener Aussage wirklich der Sohn eines Man in Black, versammelte darin Behauptungen zahlreicher Pseudowissenschaftler, Verschwörungstheoretiker und selbsternannter Whistleblower über Aliens, Zeitreisen, Reptiloiden, Riesen, UFOs im Dritten Reich und was immer sonst uns bekanntlich von der Verschwörung khasarojüdisch-satanistischer Freimaurer-Illuminaten verheimlicht wird. Kaum ein Jahr nach jenem grotesken, wenngleich teils unterhaltsamen Machwerk erschien nun eine Fortsetzung: „Mein Vater war ein MiB 2: Missing Link“.
Während der erste Band noch zahlreiche unabhängige Aspekte pseudowissenschaftlicher Phantastik rezipierte, konzentriert sich der zweite weitgehend auf einen einzigen: Den Frontalangriff auf das Rückgrat des wissenschaftlich-naturalistischen Weltbildes, die Evolutionstheorie. Diesen ewigen Dorn im Auge jedes anständigen Spinners versucht Mason zu widerlegen – durch der Evolution scheinbar widersprechende Fundstücke, pseudowissenschaftliche Argumentation und einen guten Schuss ganz konkrete Verschwörungstheorien. Die These: Von Anfang an war die Evolutionstheorie nichts als eine Erfindung satanistischer Freimaurer, um die Menschen von ihren wahren Ursprüngen abzubringen, die irgendwo zwischen göttlicher und außerirdischer Schöpfung rangieren.
War Band 1 noch eine ungeordnete Zusammenstellung zahlreicher Denktraditionen, kristallisiert sich hier nun eine klare und mehr als beängstigende Ideologie heraus: Im Wesentlichen christlicher Kreationismus, ergänzt durch Prä-Astronautik und zutiefst nationalsozialistisches Gedankengut – eine eierlegende Wollmilchsau menschlichen Irrsinns also. Doch damit ist das Fazit schon vorweggenommen – was genau denn führt Mason an, wie ist es zu bewerten?

Beginnen wir mit dem in der Wissenschaft wichtigsten Apekt: Der Quellenarbeit. Zur allgemeinen Überraschung beinhaltet das Buch am Ende ein umfangreiches Literaturverzeichnis, auf das durch zahlreiche Fußnoten verwiesen wird. Doch die Furcht, tatsächlich einmal einem wohl fundierten Werk gegenüberzustehen, zerschlägt sich denkbar schnell: Bei keinem einzigen erwähnten Buch werden Seitenzahlen genannt; die Fußnoten gelten stets für einen ganzen Textabschnitt – ein direkter Beleg einzelner zur Argumentation relevanter Informationen findet also niemals statt. Vielmehr stellen die aufgeführten Quellen überwiegend Machwerke anderer pseudowissenschaftlicher, oft etwa kreationistischer Autoren dar, deren komplexe Ideenkonstrukte in Gänze und unreflektiert übernommen werden, ohne die dahinterstehenden Beweisführungen wiederzugeben bzw. zu hinterfragen. Insofern stellt das Buch – vielleicht nicht ganz so plakativ, aber letztlich ebenso wie der erste Teil – in weiten Teilen schlichtweg eine Kompilation verschiedenen einschlägigen Gedankenguts dar, wobei „Beweisführungen“ allenfalls übernommen, aber kaum selbst entwickelt werden.
Wie in diesem Genre zwangsläufig zu erwarten, unterliegt der Autor dabei zwangsläufig einer Wahrnehmungsverzerrung bei der Quellenbewertung: Was in das eigene Konzept passt, wird kritiklos zitiert, was ihm widerspricht, hingegen kategorisch abgelehnt. So ist es auch kein Problem, einerseits die gesamte Zunft der Wissenschaft als eine mit allgemeiner Desinformation beauftragte Verschwörung zu charakterisieren, zugleich aber Erkenntnisse und Aussagen ebendieser Wissenschaft zu zitieren, wann immer sie die eigenen Thesen zu bestätigen scheinen. Wenn man tatsächlich die Existenz einer weltweiten Verschwörung annimmt, die über schier unbeschränkte Fähigkeiten verfügt, um falsche Belege zu fälschen und echte zu unterdrücken (wie explizit postuliert) – auf welcher Basis kann man überhaupt noch irgendeine Quelle zitieren? Müsste nicht auch davon ausgegangen werden, dass gerade im Feld der „Aufklärer“ jenseits des wissenschaftlichen Mainstreams ebenfalls Desinformation betrieben wird? Wenn die Verschwörer Millionen von Fossilfunden und anderen Belegen fälschen – wieso nicht auch ein ganzes Pantheon pseudowissenschaftlicher Theorien und Beweismittel für diese, um von der Wahrheit abzulenken und die Zunft der Verschwörungstheoretiker unglaubwürdig zu machen?

Doch ab von der Form – was geben die Argumente her? Das Hauptanliegen des Buches (abgesehen vom finanziellen Erlös) ist natürlich die Zerschlagung der Evolutionstheorie. Diese ist selbstverständlich die Erfindung einer Verschwörung satanistischer Freimaurer – obgleich es dafür natürlich keine Belege gibt, die über einzelne nachgewiesene Fälschungen (etwa den Piltdown-Menschen und die gefälschten Datierungen des Anthropologen Reiner Protsch, beide letztlich von akademischen Wissenschaftlern aufgedeckt) sowie die bloße Mitgliedschaft mancher früher Verfechter der Evolutionstheorie bei den Freimaurern hinausgehen. Besonders kurios etwa wird es, wenn schon die „Beringerschen Lügensteine“, über hundert Jahre vor Veröffentlichung von Darwins „Über die Entstehung der Arten“ hergestellt, als Beispiel wissenschaftlicher Beweisfälschung pro Evolution angeführt werden (230ff). Eine These also, deren Widerlegung weder möglich (weil dogmatisch-verschwörungstheoretisch) noch nötig (weil gänzlich unbelegt) ist.
Anders sieht es aus mit den zahlreichen Sachargumenten, die Jason Mason gegen die Evolution zu Felde führt. Diese nämlich lesen sich wie ein Best-Of der bekanntesten und stumpfsinnigsten Pseudoargumente der kreationistischen Gemeinde und zeugen von fundamentalem Unverständnis biologischer Grundlagen. Im Folgenden eine unvollständige, aber repräsentative Auswahl:

  • „Manche Wesen waren in der Vergangenheit größer, also hat es keine Evolution gegeben.“ (z.B. Riesenlibellen, -tausendfüßer, -faultiere, -haie, -schildkröten auf S. 123ff) Die dahinterstehende Überzeugung: Evolution bedeutet permanente und zielgerichtete Höherentwickelung nach dem Motto „Größer, stärker, besser!“ – eine gänzlich antievolutionäre Vorstellung, denn auch und gerade große und „stärkere“ Lebewesen weisen gegenüber ihren vermeintlich schwächeren Verwandten Selektionsnachteile auf: Sie brauchen mehr Ressourcen (Nahrung, Raum) und haben eine geringere Reproduktionsrate (wachsen länger, werden daher später geschlechtsreif, gebären weniger Junge pro Wurf). Aus diesem Grund sind die großen und starken „Luxusprodukte“ der Evolution, bei gewöhnlichen Bedingungen noch überlegen, bei Ressourcenknappheit und anderen Umweltveränderungen oft die ersten, die aussterben (zumal sie sich dank längerer Generationenfolge weniger schnell an Veränderungen anpassen können). Evolution bedeutet nicht zwangsläufig eine Entwicklung zum „absolut“ Besseren, sondern Anpassung an gegebene oder sich ändernde Umweltbedingungen. Auf genau diesem Missverständnis basiert auch Masons Überzeugung, die Überreste von Riesen, die mutmaßlich in amerikanischen Grabhügeln gefunden wurden, seien ein Beweis gegen die (so ja nie behauptete) lineare Entwicklung des Menschen. Selbst sähe man die historische Existenz von Riesen als gesichert an, wären sie doch vielmehr als weiterer Zweig des menschlichen Stammbaumes anzusehen, der schlussendlich seinen kleineren Verwandten doch selektiv unterlegen war – da sich langsamer vermehrend und daher von geringerer Zahl, möglicherweise auch intellektuell dem Homo sapiens oder immunologisch dessen Krankheitserregern nicht gewachsen.
  • Selbige Grundannahme steht hinter dem Hinweis auf zahlreiche Gebrechen und/oder Schwächen des Menschen (196): „Das bedeutet, dass der Mensch bei weitem nicht so gut an das Überleben in der Natur angepasst ist wie die Affen […]“ – nun, eben deshalb, da wir eine andere ökologische Nische einnehmen als jene. Nach Mason indes müsste ein „höher entwickeltes“ Wesen dem vorangegangenen in jeder Hinsicht überlegen sein, also der Mensch beispielsweise auch besser klettern können, stärker sein etc. als ein Affe – eine Vorstellung, die eher in ein Modell nationalsozialistischen Übermenschentums passt als in die tatsächliche Evolution. Beispiel: Füße können entweder fürs Laufen oder fürs Klettern optimiert sein (was Mason auf S. 196 nicht versteht) – beides zusammen geht nicht oder wäre nur ein Kompromiss, in beide Richtungen nicht perfekt.
  • „Manche Lebewesen haben sich lange Zeit nicht verändert.“ (z.B. 180 Quastenflosser und 183f Schnabeltier) Eine Art entwickelt sich nur dann signifikant weiter, wenn ein Selektionsdruck besteht, etwa durch veränderte Umweltbedingungen – ein Wesen wie etwa ein Hai oder Krokodil, die seit Urzeiten ihre ökologische Nische perfekt ausfüllen, haben keinen Bedarf nach grundlegender Weiterentwicklung, wozu auch? Gerade das Schnabeltier indes ist ein schlechtes Beispiel, unterscheiden sich doch seine frühen Vertreter deutlich von den heutigen (so hatten jene noch Zähne und waren größer).
  • „Es gibt keine Zwischenformen. Wir sehen auch heute keine Wesen, die sich gerade zu anderen weiterentwickeln.“ Kein Lebewesen ist einfach nur „Zwischenform“ auf dem Weg zu einer nächsten Spezies – ein jedes stellt eine überlebensfähige, an ihre Umwelt angepasste Art dar. Das Konzept des „Missing Links“ (ein Wort, das heute fast nur noch von Kreationisten verwendet wird) entsteht überhaupt erst durch die zwangsläufigen Lücken in den Fossilfunden – tatsächlich gab es niemals Lücken oder Sprünge, sondern nur eine stetige Entwicklung. Insofern ist eine jede Art, die nicht direkt ausstirbt, „Zwischenform“ zu einer nächsten – und beobachten tun wir es bei größeren Tieren allein deshalb nicht, weil die Zeiträume des fließenden Übergangs zu groß für unsere Betrachtung sind (abgesehen davon, dass ein Ausschnitt wie „jetzt“ per definitionem keine Entwicklung zeigen kann). Und doch, die „Übergangsformen“, wenn man dieses Konzept unbedingt aufrecht erhalten will, wurden in großer Zahl gefunden – was Jason Mason indirekt auch eingesteht, denn er hält sich lange daran auf, etwa den Archäopteryx sowie sämtliche Urmenschenfossilien (ohne Belege) als Fälschungen zu bezeichnen. Ersterer sei ein manipulierter Dinosaurier (was ist eigentlich mit den ganzen anderen Funden gefiederter Dinosaurier, etwa aus China?), letztere einfach nur Affen oder moderne Menschen. Ignoriert wird natürlich, dass die Funde von Urmenschen (u. a. Australopithecus afarensis, africanus, robustus; Homo habilis, erectus, ergaster, heidelbergensis etc.) inzwischen so zahlreich sind, dass sie längst einen so fließenden Übergang ohne jegliche Zäsur zeigen, dass man kaum eine Art scharf von der nächsten abgrenzen kann, vom „Affen“ Australopithecus bis zum modernen Homo sapiens.
    Pro forma noch einmal eine kleine, unvollständige Auswahl anderer „Übergangsformen“, etwa zwischen Fischen und Amphibien (Panderichthys, Tiktaalik, Acanthostega …), zwischen Landtieren und Walen (Pakicetus, Ambulocetus, Rodhocetus, Indocetus) oder Seekühen (Pezosiren, eine Seekuh mit Beinen).
  • „Wenn Menschen sich aus Affen entwickelt haben, wieso gibt es dann noch Affen?“ Der ultimative Klassikerspruch, um dümmliches Unverständnis zu signalisieren. Niemand behauptete jemals (außer Kreationisten), Menschen hätten sich aus heutigen Menschenaffen entwickelt – diese stellen eine Schwestergruppe dar. Genauso gut könnte man sagen: „Wenn mein Cousin mein Vorfahr ist, wieso gibt es ihn dann noch?“. Weshalb sich aber die neuen Affen oder auch alle anderen Tiere nicht zu menschenartigen Wesen weiterentwickeln? Möglicherweise deshalb, weil aktuell kein Selektionsdruck gegeben ist, der etwa eine Entwicklung hin zum vollständig aufrechten Gang (beim Klettern unnütz bis schädlich) oder einem größeren Gehirn (das auch deutlich mehr Energie verbraucht) erzwingen würde, oder weil die Mutation der richtigen Gene statistisch unwahrscheinlich und daher nur bei wenigen Arten je geschehen ist.
  • „Mutation bringt niemals nützliche Merkmale hervor, sondern nur Schäden.“ Objektiv falsch, wie beispielsweise das von Richard Lenski an Darmbakterien der Art Escherichia coli durchgeführte Experiment beweist – diese entwickelten allein durch Mutation und einen entsprechenden Selektionsdruck innerhalb von 31.500 Generationen die Fähigkeit, Citrat anstelle von Glucose als Nahrungquelle zu verwenden.

Im vorliegenden Umfang konnten natürlich nur einige der vorgebrachten „Argumente“ berücksichtigt und nur oberflächlich diskutiert werden. Bezeichnend ist indes auch, dass die zahlreichen von der Wissenschaft bislang vorgebrachten Beweise für die Evolution von Mason überwiegend ignoriert (und auch wenn nicht, nur mit platten Behauptungen und Fehlschlüssen beantwortet) werden. Darunter zu nennen wären unter anderem: das Vorhandensein von nutzlosen Rudimenten aus früheren Entwicklungsphasen (z.B. Reste von Hintergliedmaßen bei Walen und Schlangen, Gänsehaut beim Menschen), als Atavismen bekannte deaktivierte, aber genetisch noch vorhandene Merkmale (z. B. der Plan zur Metamorphose beim Axolotl), die homologe Konstruktion von Organen verwandter Wesen nach gleichartigem Grundplan (z. B. die Vordergliedmaßen der Wirbeltiere, die die gleichen Knochen aufweisen, ob bei Mensch, Wal, Fledermaus, Saurier, Vogel oder Amphibium) sowie die nach kreationistischen Kriterien sinnlose bis absurde Konstruktion mancher Organe (z. B. der rückläufige Kehlkopfnerv, der bei der Giraffe entwicklungsbedingt einen unnötigen Umweg von fast fünf Metern macht). Hinzu kommen genetische Belege (Frequenz von Mutationen), die den Grad der Verwandtschaft erkennen lassen und sich mit dem Fossilbericht decken. Detaillierter damit auseinandergesetzt hat sich beispielsweise Richard Dawkins in seinem Werk „The Greatest Show on Earth“ (Dt. „Die Schöpfungslüge).

Doch auch wenn die theoretischen Argumente widerlegbar sind – was ist mit den zahlreichen Fundstücken, die Mason anführt, die nicht in die bekannte Chronologie der Erdgeschichte zu passen scheinen? Tatsächlich nennt er etwa 40 solche kuriosen Artefakte, von „300 Millionen Jahre alten“ Metallschrauben, Wagenrad und Eisentopf, einer „200 Millionen Jahre alten Schuhsohle“ und einem 2 Milliarden Jahre alten Atomreaktor bis hin zu Steintafeln mit Darstellungen von Außerirdischen und/oder Dinosauriern.
Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, jedes einzelne Fundstück zu überprüfen, doch schon ein oberflächlicher Blick zeigt eine grundsätzlich mangelhafte Quellenarbeit, ist doch eine ganze Reihe dieser „Beweise“ längst widerlegt:

  • Die immer wieder gerne zitierten Spuren im Paluxy River von Glen Rose, Texas (132ff) etwa, die riesige menschliche Fußabdrücke zusammen mit denen von Dinosauriern zeigen sollen, stellten sich als ausschließlich zu Dinosauriern gehörig heraus, wobei bei einigen durch Erosion der seitlichen Zehen der oberflächlich menschenartige Eindruck entsteht.
  • Die in Bolivien gefundene „Fuente-Magna-Schüssel“ (76ff) soll Zeichen in sumerischer Keilschrift zeigen, wobei auch eine angebliche Übersetzung durchs Internet geistert – als der Keilschrift mächtiger Altorientalist kann ich jedoch versichern, dass die Zeichen mit jener bis auf eine rudimentäre optische Ähnlichkeit rein gar nichts zu tun haben und wohl eher als bloß dekoratives Muster zu betrachten sind.
  • Von den berüchtigten „Steinen von Ica“ aus Peru (92ff), die Darstellungen u.a. von Dinosauriern und chirurgischen Operationen zeigen, sind zumindest einige nachweislich gefälscht, zumal auch die Saurierdarstellungen (etwa mit schleifendem Schwanz) als zoologisch fehlerhaft gelten müssen.
  • Gleich mehrere Artefakte (u.a. ein Eisentopf, ein Wagenrad, eine Goldkette und eine Glocke) wurden angeblich in Millionen Jahre alter Kohle gefunden. Tatsächlich können sich Kohlekonkretionen in relativ kurzer Zeit (wenige Jahre) um etwa in Minen vergessene Objekte bilden und so oberflächlich den Eindruck masiver Kohle erwecken. Keines der genannten Stücke wurde naturwissenschaftlich darauf untersucht; sie alle sind zudem ohne dokumentierten Fundkontext und damit als wissenschaftliche Beweismittel zweifelhaft bis wertlos.
  • Der fehlende Fundkontext macht auch verschiedene andere Funde (beispielsweise die Michigan-Relikte sowie die Sammlungen von Pater Crespi, aus Ojuelos de Jalisco und der Burrows Cave) zu unzuverlässigen Beweismitteln.

Soweit der pseudowissenschaftliche Teil des Machwerkes – bleiben jedoch nach wie vor die durchweg verschwörungstheoretischen, radikalchristlichen und offen nationalsozialistischen Aspekte. Eine hervorragende Zusammenfassung all dessen findet sich auf S. 285:

„Die moderne „Wissenschaft“ ist also ein System, das keine echte Wissenschaft, sondern einen Glauben der hebräischen Freimaurerei darstellt, die damit das Christentum bekämpft, wobei die christlichen Nationen, die verschiedenen Menschenrassen und die Moral diesen satanischen Lehren im Wege stehen. Die Freimaurerei will nicht die „Evolution der Seele“ fördern, sondern einen rassisch vermischten Völkerbrei erschaffen, um die große Verwirrung von Babylon wieder aufzuheben. Ziel des Ganzen ist trotzdem ein System der Götzenanbetung wie im alten Babylon und eine leicht zu kontrollierende dumme, hellbraune Sklavenrasse unter der Herrschaft einer auserwählten rassisch-reinen Elite.“

Denn „Im Klartext heißt das, die Rassenmischung stellt eine noch größere Degeneration dar.“ (214), genauer: „durch Rassenmischung soll das alte göttliche Erbe und die arische Rasse vernichtet werden“ (331). Fast schon nebensächlich fällt da die Erwähnung der berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion“ (308) ins Gewicht, wobei der antisemitische Aspekt ansonsten eher in den Hintergrund tritt, zumal er ja schon im ersten Band ausgewalzt wurde. Betonung und Verherrlichung der „arischen Rasse“ ziehen sich ganz selbstverständlich durch das ganze Werk, für den historischen Nationalsozialismus indes hat Mason nur gute Worte übrig. Dessen unschöne Taten werden mit keinem Wort erwähnt, gepriesen hingegen die Bemühungen um die Wiedererlangung alten arisch-esoterischen Wissens (u.a. 331), wo sich wieder auf das deutsche Ahnenerbe-Projekt und dessen aus der braunesoterischen Literatur einschlägig bekannte Verbindungen zu den uralten Hochkulturen Shambhalla und Agartha unter dem Himalaya bzw. im Inneren der Erde bezogen wird. (Dass hier – u. a. S. 175 – ganz selbstverständlich die Hohlwelt-Theorie rezipiert wird, ist dabei nur ein Aspekt von vielen.) Man könnte noch länger auf dem Nazi-Thema herumreiten, doch soll dem an dieser Stelle genüge getan sein.

Zurückkommen will ich indes noch auf die „Götzenanbetung wie im alten Babylon“, die Mason von ganz besonderer Wichtigkeit zu sein scheint. So begegnen wir im Laufe des Buches einer ganzen Reihe pseudobabylonischer Gottheiten, die allesamt nicht der tatsächlich babylonischen, sondern vielmehr der jüdischen bzw. christlichen Tradition entstammen:

  • Wieder aufgewärmt wird natürlich die alte Legende von Kindsopfern für den Gott Baal bzw. Moloch (u. a. 145f), wie man sie aus einigen Stellen des Alten Testaments kennt. Unabhängige archäologische oder schriftliche Belege dafür aus den fraglichen Kulturen selbst fehlen bislang – auch der in diesem Kontext oft diskutierte Kinderfriedhof von Karthago hält keine eindeutigen Belege für Opferung bereit. Der Mangel an Quellen beweist nicht, dass es derartige Praktiken nicht gegeben hat – jedoch, dass man schwerlich von einem unzweifelhaften Faktum sprechen kann.
  • In verschiedenen Kontexten werden mesopotamische Reliefs von Gestalten mit Raubvogelkopf gezeigt und ganz selbstverständlich als Gottheit namens Nisroch betitelt (u. a. 437). Eine solche freilich ist aus dem alten Mesopotamien nicht bezeugt – der Name geht auf eine einzige Erwähnung im Alten Testament zurück, dort jedoch ohne jeglichen Bezug zu den vogelköpfigen Mischwesen. Jene werden vielmehr als Apkallu oder einfach „vogelköpfige Genien“ bezeichnet. Nisroch glaubt Mason nicht zuletzt auch auf den Reliefs von Göbekli Tepe wiederzuerkennen (117).
  • Mason zufolge beten die verschwörerischen Freimaurer nicht nur den Satan an, sondern auch die fischgestaltige Gottheit Dagon, welche somit auch die Irrlehre der Evolution widerspiegelt. Tatsächlich ist eine fischartige Darstellung Dagāns, wie der Gott nach aktuellem wissenschaftlichen Stand tatsächlich hieß, aus dem alten Orient weder literarisch noch ikonographisch bezeugt, sondern vielmehr einer nachantiken Ableitung des Namens von der Wurzel dag („Fisch“) geschuldet, die heute allgemein verworfen wird.
  • Auch die aus der Bibel und späteren jüdischen Legenden bekannte Gestalt des Königs Nimrod taucht immer wieder auf (u. a. 438) und wird als Begründer der babylonischen Religion direkt nach der Sintflut (allein schon ein Anachronismus) dargestellt. Indes ist Nimrod in keiner babylonischen, assyrischen oder sumerischen Quelle bezeugt. Die Tradition von Nimrod als Begründer einer Mysterienreligion geht vielmehr nicht auf babylonische Überlieferungen zurück (keine solche erwähnt einen Nimrod), sondern auf die Theorien des radikalen Pastors Alexander Hislop, der im 19. Jahrhundert die katholische Kirche mit seinem Werk „The Two Babylons“ als heidnische Götzenverehrung darstellte (was schon damals den Erkenntnissen der Wissenschaft widersprach, umso mehr natürlich seit der Entzifferung der originär mesopotamischen Schriftzeugnisse).
  • Immer wieder nebensächlich werden auch Zecharia Sitchins Theorien von den Anunnaki zitiert, dem zufolge die sumerischen Götter hochentwickelte Außerirdische waren und einst die Menschheit schufen. Dieser wäre ein Thema für sich – genug sei an dieser Stelle damit gesagt, dass weite Teile von dessen Werk (u.a. Planet Nibiru, Goldabbau in Afrika) sich nicht an den sumerischen und akkadischen Quellen belegen lassen (so spricht etwa das Atramhasis-Epos bezüglich der Arbeit der Götter nicht von Bergbau, sondern dem Graben der Flüsse Euphrat und Tigris).

Viel und noch viel mehr könnte und müsste geschrieben werden über die zahlreichen anderen Themen, die Mason in seinem zweiten Monumentalwerk anschneidet: Die Annahme weltverändernder Kataklysmen wie der biblischen Sintflut, das Überleben von Dinosauriern bis in die historische Zeit, wo sie als Drachen bekannt wurden, Yeti und Bigfoot, Riesen und langschädelige Außerirdische und natürlich die zahlreichen archäologischen Fundstücke, von denen manche nach offenkundigen Fälschungen aussehen, während andere bar jeden Kontextes wohl für immer rätselhaft bleiben werden. Enttäuscht hat mich indes, dass die im ersten Band noch immer wieder präsenten Reptiloiden diesmal gar nicht vorkamen, von einer nebensächlichen Erwähnung im Nachwort einmal abgesehen – vielleicht ist dies ein einziger Grund, auf einen dritten Teil zu hoffen. Die Riesen wären für sich ein hochinteressantes Thema, doch werden sie hier ja eher nebensächlich behandelt (eine umfassende Quellensammlung, auf der jede Kritik aufbauen könnte und sollte, stellt etwa Hugh Newmans und Jim Vieiras „Giants on Record“ dar).
Zahlreiche von Mason angeführte Argumente und angebliche Funde bleiben vorerst unwiderlegt, obgleich diese im Angesicht der zahlreichen fachlichen Verfehlungen mit arg beschädigter Glaubwürdigkeit dastehen dürften. Kleinere Sachfehler indes sind Legion, wenn Mason etwa die sumerische Göttin Inana mit ihrem Vater Nanna gleichsetzt (371), eine große Ähnlichkeit der sumerischen mit der ungarischen Sprache postuliert (462) oder ganz einfach von „Rezessionen“ zum Werk Ernst Haeckels schreibt (233). Eine bloße REZENSION indes kann einem solch monumentalen und gleichsam irrsinnigen (Mach)Werk unmöglich gerecht werden. Hinreichend belegt sein dürften hingegen Jason Masons weltanschauliche Ausrichtung (kreationistischer Nazi mit Hang zu multiplem Aberglauben), seine Fachqualifikation (keine) und seine Methodik (alles irgendwie Kuriose ohne jegliche Quellenkritik aufgreifen und ideologisch passend umdeuten). Kulturwissenschaftlich ist das Werk zweifelsohne interessant, dokumentiert es doch wie kaum ein zweites die fruchtbare Symbiose von Kreationismus, Rechtsextremismus und jeder anderen Form von Pseudowissenschaft mit all ihren charakteristischen Mechanismen moderner Mythologie. Beim ersten Band noch fungierte offiziell der (u. a. für seine Thesen zu jüdischen Weltverschwörungen und Bündnissen zwischen Nazis und Außerirdischen) bekannte Verschwörungstheoretiker Jan Udo Holey / Jan van Helsing als Herausgeber und steuerte sogar das Vorwort bei – entgegen allen Erwartungen schaffte es Jason Mason mit seinem zweiten Werk sogar, jenen an Wahn und Extremismus zu überbieten. Auf jeden Fall, so meine Schätzung, dürfte Jason Mason mit diesem Buch eine verheerende Saat ausgebracht haben – durch die zahlreichen genannten „Beweise“ und Scheinargumente für unkritische Leser weit glaubwürdiger und ideologisch gefährlicher noch als der an Science-Fiction gemahnende erste Teil.

Diese Rezension wurde gefördert durch die Stiftung atheistischer Reptilien für interkulturelle Zusammenarbeit und Vermischung der Rassen (SaRiZVR), Iguana Rothschild u.a.

Göbekli Tepe – Die Geburt der Götter

Göbekli Tepe: 9600 v. Chr. errichtet, älteste Megalithanlage der Welt, die Erbauer und ihre Absichten noch immer unbekannt – welches vorzeitliche Monument könnte prädestinierter sein für grenzwissenschaftliche Spekulationen? Es überrascht wenig, dass im einschlägig bekannten Kopp-Verlag (in dessen Programm Erich von Däniken noch so ziemlich das vernünftige Ende des Spektrums darstellt) ein Buch nur über dieses Thema erschien, „Göbekli Tepe – Die Geburt der Götter“ von Andrew Collins.
Was dann aber für deutlich größere Überraschung sorgt, beginnt man das Buch zu lesen, ist die doch unerwartet hohe Seriosität des Werkes. Obgleich der Klappentext schon mit den berüchtigten Anunnaki wirbt, jenen Göttern von einem anderen Planeten, die zahlreichen pseudowissenschaftlichen Publizisten zufolge einst die Menschheit erschufen, sucht man Außerirdische doch letztlich vergeblich. Mehr noch – alles, was Collins in seinem Buch postuliert, liegt durchaus noch im Bereich dessen, was nach bisherigen Erkenntnissen durchaus so hätte gewesen sein können. Und obgleich der Grenzwissenschaftler Graham Hancock das Vorwort verfasste, obwohl Collins selbst schon manch andere kontroverse Bücher veröffentlichte – nicht einmal eindeutige Behauptungen betreffend vorzeitliche Hochkulturen werden gemacht, weder Atlantis noch Ancient Aliens. Doch was besagt das Buch nun wirklich, wie ist es zu bewerten?
Der erste Abschnitt beginnt zunächst mit einer einigermaßen umfassenden und allgemeinverständlichen Darstellung der Funde am Göbekli Tepe, an der sich wissenschaftlich eigentlich nichts aussetzen lässt. Collins Quelle ist dabei hauptsächlich das auf Deutsch unter dem Titel Sie bauten die ersten Tempel erschienene Buch des Chefausgräbers Klaus Schmidt, die praktisch alternativlose Standardpublikation also – bezeichnend auch, dass man das in den Grenzwissenschaften so beliebte Wissenschaftler-Bashing bei Collins vergeblich sucht. Noch in anderer Weise zeigt dieser überraschende Professionalität, belegt er doch jede wichtige Information mit Quellenangaben – direkt mit Fußnote und Seitenangabe, nicht nur in Form einer bloßen Bibliographie ohne konkrete Bezüge wie bei den meisten Autoren des Genres. So scheinen denn auch die Sachaussagen durchweg weitgehend stimmig zu sein – zumindest fielen mir spontan keine direkten Fehler oder offensichtlich unseriöses Gedankengut auf (besonders gut zu beurteilen, da ich das viel zitierte Buch von Klaus Schmidt kurz zuvor las).
Nach dieser oberflächlichen Darstellung beginnt Collins damit, Stück für Stück seine Theorien auszubreiten. Diese lassen sich etwa wie folgt zusammenfassen: Gegen 10 900 v. Chr. verursacht ein Meteoriteneinschlag einen rapiden Temperatursturz, in der Wissenschaft als Jüngere Dryaszeit bezeichnet – tatsächlich handelt es sich dabei nicht bloß um neokatastrophistisches Gedankengut unseriöser Pseudowissenschaftler, sondern um ein in der Wissenschaft ernsthaft diskutiertes Modell. In jenen letzten Jahrtausenden des Jungpaläolithikums breitet sich die sogenannte Swiderische Kultur aus, deren Vertreter gegen 9 600 v. Chr., am Ende der Jüngeren Dryas, bis ins südöstliche Anatolien vorstoßen und dort, unterstützt durch die Etablierung einer neuen Art von Religion, die Errichtung Göbekli Tepes initiieren. Jene fremden Kulturbringer, die sich auch etwa in der Schädelform von örtlichen Zeitgenossen unterschieden, seien schließlich auch als die Anunna(ki) der mesopotamischen und die „Wächter“ der jüdisch-henochischen Tradition in Erinnerung geblieben.
Zunächst fällt also auf, dass Collins auf alle offensichtlich phantastischen Hypothesen verzichtet – es ist ein Modell, wie es durchaus hätte gewesen sein können. Doch ist es das auch? Am meisten zu kritisieren ist das Vorgehen Collins‘, Analogien oder gar direkte Verbindungen zu zahlreichen räumlich und zeitlich weit entfernten Kulturen anzunehmen und daraus Schlussfolgerungen abzuleiten. Gerade die Rekonstruktion der Religion steht dabei auf besonders tönernen Füßen, werden hierbei doch Verbindungen bis hin zur ägyptischen oder nordischen Mythologie sowie natürlich der Bibel bemüht. Einen besonderen Stellenwert, gerade im letzten Teil des Buches, nimmt der legendäre Garten Eden ein, welcher der biblischen Darstellung zufolge durchaus im fraglichen Gebiet verortet gewesen sein dürfte – diese Lokalisierung zwar belegt Collins plausibel, nicht aber die tatsächliche Verbindung der steinzeitlichen Ereignisse zu dem viel jüngeren Mythos. Auch die Verbindung zu den Anunnaki und Wächtern, deren Geschichten bekanntlich viele Jahrtausende nach der Zeit von Göbekli Tepe aufgezeichnet wurden, ist damit trotz manch erstaunlicher Korrelationen bestenfalls spekulativ.
Es besteht kaum ein Zweifel, dass sich mythische Traditionen mündlich auch über sehr lange Zeit in wiedererkennbarer Form halten können – so zeigte etwa der Hethitologe Volkert Haas plausible Verbindungen etwa zwischen armenischen Volkssagen und den über zwei Jahrtausende älteren hurritischen Mythostexten auf. Doch fehlen diese viel früheren Schriftzeugnisse – wie im Fall des steinzeitlichen Göbekli Tepe – und muss man sich dementsprechend auf bloße bildliche Darstellungen verlassen, so ist eine derartige Verbindung zwar immer noch nicht ausgeschlossen, sehr wohl aber außerhalb jeder seriösen wissenschaftlichen Nachweisbarkeit. All die mythologischen Annahmen in Collins Werk bewegen sich also auf rein spekulativer Basis und sind de facto wissenschaftlich wertlos – womit sich auch die postulierten Beweggründe für die Errichtung von Göbekli Tepe erledigen. Wieder einmal kann man die naheliegende Faustregel bestätigt sehen, dass konkrete Thesen zur Religion in der Steinzeit, egal aus welcher Ecke vorgebracht, letztlich immer in unbelegbarer Pseudowissenschaft münden. Als eine solide, empirisch zugängliche Angelegenheit ist die mutmaßliche Verbindung zwischen dem anatolischen Epipaläolithikum und dem swiderischen Kulturkreis zu sehen, wo Collins‘ archäologische Beweisführung plausibel wirkt, obgleich ich die letztendliche Wahrheit mangels Fachwissen nicht beurteilen kann.
Herausstechend kurios nimmt sich dagegen ein einziger weiterer Aspekt aus, dem im späteren Verlauf des Buches viel Aufmerksamkeit gewidmet wird: Collins‘ Suche nach einem alten Kloster im Umland der mythisch aufgeladenen Gegend, das er – buchstäblich und in vollem Ernst – im Traum gesehen haben will. Am Ende findet er auch die Reste eines solchen, die mit den Erwartungen aus der „Vision“ und den sonstigen Recherchen konform gehen. In diesem Kontext wird Collins auch sehr pathetisch – die Suche nach „Eden“ scheint nicht zuletzt eine sehr persönliche, man könnte sagen selbstfinderische Dimension gehabt zu haben. Ob wir es hier mit einem großen, glücklichen Zufall oder nicht vielmehr einer späteren Erfindung des prophetischen Traums zu tun haben, kann wiederum nur spekuliert werden.
So ist „Göbekli Tepe – Die Geburt der Götter“ schließlich ein ziemlich widersprüchliches, auf jeden Fall aber unkonventionelles Buch. Trotz des einschlägigen literarischen Umfeldes erhebt sich Collins doch in seiner Professionalität deutlich über andere Grenzwissenschaftler: Weder Adaption noch offene Sympathie lässt er etablierten Themen und Klischees der Pseudowissenschaft wie Aliens, verschollenen Hochkulturen etc. zukommen, während er zugleich eine wohl fundierte Textarbeit mit guter Quellendokumentation vorweist. Ohne Zweifel hat Collins eine Masse an Literatur gesichtet und einen gewaltigen Haufen interessanter Sachverhalte in Eigenarbeit zusammengetragen, darunter auch allerlei durchaus bemerkenswerte Verbindungen aufgetan. Auf der anderen Seite stehen de facto unhaltbare Ableitungen aus viel zu entfernten Kulturen, worauf weite Teile der Theorien gerade zur Religion in der Vorzeit aufbauen. Ebenso sind die mutmaßlichen Ursprünge so beliebter Überlieferungen wie von den Anunna(ki), den Wächtern und dem Garten Eden zwar faszinierend, der anzunehmende Überlieferungsweg aber letztlich doch konstruiert und unbelegt. Collins lässt keinen Zweifel daran, dass sein Ansinnen maßgeblich von Wunschdenken getrieben ist, was letztlich in der Sache mit dem erträumten Kloster gipfelt. Bei allen Mängeln ist es im Endeffekt aber durchaus ein Buch, das man als kritischer Konsument mit Gewinn lesen kann, zeigt es doch allerlei interessante Phänomene und Denkanstöße auf, dessen Kernthesen aber letztlich Glaubenssache – sprich: Pseudowissenschaft – bleiben.

Phantastische Wissenschaft

Im Bermudadreieck verschwinden regelmäßig Flugzeuge. Der afrikanische Stamm der Dogon kannte schon vor Jahrhunderten den genauen Aufbau des Sirius-Systems. Und die alten Ägypter hatten schon Glühbirnen.
So manche mal mehr, mal weniger plausibel scheinende Theorien wurden bereits publiziert – und bleiben, obgleich unwissenschaftlich, oft unwidersprochen. Zu der weit übersichtlicheren Menge kritischer Literatur gehört indes das Werk „Phantastische Wissenschaft“ von Markus Pössel, eine gnadenlose Replik gegen die Thesen gleich zwei grenzwissenschaftlicher Autoren: Erich von Däniken und Johannes von Buttlar. Ersterer publiziert bekanntlich über Außerirdische, die unsere frühen Vorfahren besucht haben sollen, letzterer über alles Mögliche von UFOs bis zur angeblichen Überwindung des Alterns selbst. Allerdings geht Pössel in seiner Kritik gar nicht auf das gesamte Werk der beiden ein – das wäre schon allein praktisch unmöglich. Vielmehr pickt er sich eine Handvoll Aspekte heraus, die quasi exemplarisch für die jeweiligen Arbeitsmethoden der Autoren stehen können, und diskutiert diese umso ausführlicher.
Erstes Thema sind die sogenannten „Glühbirnen von Dendera“, eine Gruppe von ägyptischen Reliefs mit bemerkenswerter Ähnlichkeit zu moderner Technologie – die doch tatsächlich, studiert man umliegende Inschriften und vergleichbare Darstellungen, nur den Sonnenlauf des Gottes Harsomtus darstellen. Auch die sogenannten „Batterien von Bagdad“, die tatsächlich keine Batterien sind, werden bei dieser Gelegenheit behandelt. Das zweite Kapitel widmet sich eingangs erwähnten Dogon, denen ein schier überirdisches Wissen über den Stern Sirius nachgesagt wird. Wie wir aber bald erfahren, ist auch dies ein Mythos – die Angaben wurden aus dem Kontext gerissen, deutlich widersprechende Aspekte nicht beachtet und schließlich ist sogar die Quelle massiv fehlerbehaftet. Unter dem Stichwort „Evolution und Kreationismus“ geht Pössel anschließend Tendenzen der von Däniken geprägten Prä-Astronautik nach, die menschliche Evolution falsch zu verstehen, zu kritisieren und zugunsten einer Form von „Intelligent Design“ abzulehnen. Bei dieser Gelegenheit gibt es zunächst einen umfangreichen Crashkurs der allgemeinen Grundlagen der Evolutionstheorie, wohl fundiert und verständlich, der die Diskussion des Objekts zwar deutlich ausbremst, den meisten Lesern aber ganz allgemein positiv zur Bildung gereichen dürfte. Auch was Johannes von Buttlar angeht, kommen genau drei Themen zur Sprache: Das angebliche Verschwinden von Flugzeugen im Bermudadreieck, anhand des wohl berühmtesten Falls penibel rekonstruiert und widerlegt, das grundsätzliche Problem von Augenzeugenberichten gerade in Hinblick auf UFO-Sichtungen – wie bei der Evolution auch hier mehr allgemein als spezifisch, aber trotzdem umso lehrreicher – und schließlich die Physik von schwarzen Löchern. Bei letzterem geht Pössel tatsächlich nur nebensächlich auf Buttlar ein, wofür die vorangehenden ausführlichen Erläuterungen, zumal für Laien wohl teils schwer verständlich, nicht wirklich notwendig sind.
Beachtlich ist allein schon, dass der Autor gleichsam die Ägyptologie, Evolutionsbiologie und Astrophysik publizierfähig zu beherrschen scheint. Die Argumentationen indes sind sachlich und mehr als umfassend, wobei sie gerade von der so eingeschränkten Auswahl der Themenschwerpunkte profitieren. Was man eben nicht erwarten darf, ist eine akribische Dekonstruktion eines jeden Themas und Arguments, das die behandelten Autoren je vorgebracht haben, dafür reichen Umfang und Schwerpunktsetzung nicht. Zwar sind es damit letztlich nur eine Handvoll konkrete Sachverhalte, die Pössel behandelt, doch die zeigen bereits – einerseits exemplarisch, andererseits durch Vermittlung ganz fundamentalen Grundwissens der modernen Wissenschaft – mehr als deutlich die chronischen Probleme der Grenzwissenschaftler, von unprofessioneller Quellenarbeit und fehlender Fachqualifikation bis hin zu mutmaßlich direkter Desinformation. Mit Ausnahme des letzten ist jedes Kapitel ausnehmend lehrreich und hochinteressant für jeden kritischen an der Grenzwissenschaft interessierten Leser, nicht nur auf Däniken und Buttlar bezogen, sondern als intellektuelles Rüstzeug der gesamten Pseudowissenschaft gegenüber. Schade, dass dieses Buch nicht Anfang einer Reihe ist.

Irrtümer und Fälschungen der Archäologie

Fand Heinrich Schliemann in Troia tatsächlich den Schatz des Priamos? Berichten Inschriften auf ägyptischen Skarabäen von der Erstumseglung Afrikas? Und wurde in Quedlinburg tatsächlich das Skelett eines Einhorns gefunden?
Vom 23.03. bis zum 09.09. fand im LWL-Museum für Archäologie in Herne die Ausstellung „Irrtümer und Fälschungen der Archäologie“ statt. Mit dabei: Zahlreiche Originale von mehr oder minder berühmten Funden der letzten Jahrhunderte, die sich als gefälscht oder falsch interpretiert herausstellten: Eine scheinbare „Bügelkrone“ aus einem Fürstengrab, die sich schließlich als Rand eines simplen Eimers entpuppte. Die sogenannten Necho-Skarabäen und zahlreiche andere neuzeitlich gefälschte ägyptische Altertümer, ebenso die vom Amateurarchäologen Johann Michael Kaufmann hergestellten „römischen“ Tonfiguren aus Rheinzabern. Die berühmte „Tiara des Saitaphernes“, deren Hersteller zwar außergewöhnlich begabt, doch kein Goldschmied der hellenistischen Zeit war. Ein Schädel, dessen Alter mal eben ein paar hunderttausend Jahre zu hoch datiert wurde, ein noch immer nicht identifiziertes Steinobjekt und nicht zuletzt eines der berühmten Hitlertagebücher des Fälschers Konrad Kujau. Allesamt Objekte, die ihrer Zeit manchen Archäologen und Historiker recht dumm dastehen ließen – und doch heute wieder von Interesse und wissenschaftshistorischer Relevanz sind. Highlight der Sammlung aber stellten – in Anlehnung an David Macaulays satirische Graphic Novel „Motel der Mysterien“ – eine Reihe von Funden dar, die der Archäologe Howard Carson im Jahre 4022 in einer Nekropole des untergegangenen Volkes der Yankees machte: Die durch ein magisches Siegel mit dem Bannspruch „Do not disturb“ verschlossene Grabkammer enthielt unter zahlreichen weiteren Funden etwa einen Altar (Fernseher), eine heilige Urne (Toilettenschüssel), mehrere wertvolle Ohrgehänge (Zahnbürsten) und ein magisches Amulett (Badewannenstöpsel).
Da es aber naturgemäß nicht jeder zu der (durchaus gelungenen) Ausstellung schaffen konnte und nicht zuletzt auch einige der Glücklichen ein gewisses Andenken begehren würden, erschien nebenher der gleichnamige und sehr schön aufgemachte Ausstellungskatalog. Das Werk ist in zwei Hälften geteilt: Die erste legt in relativ ausführlichen Kapiteln die Hintergründe zu den verschiedenen Themen der Funde dar, darunter auch eine Handvoll nicht in der Ausstellung vorkommende, die zweite Hälfte schließlich zeigt das gesamte Inventar der Ausstellungsstücke. An jenem Katalog ist nichts auszusetzen – ein jedes Objekt wird mit Foto, Grunddaten und einem erklärenden Text dargestellt, sodass man praktisch die gesamte Ausstellung in Buchform vorliegen hat. Und auch der Kapitelteil stellt sich als hervorragend heraus – jeweils von einem eigenen qualifizierten Forscher geschrieben, wird (mit Fußnoten!) fundiert und zugleich gut verständlich die Geschichte jedes Themas nacherzählt, von der mittelalterlichen Diskussion über Einhörner über die zahlreichen Fälschungen des 19. Jahrhunderts bis zu den Hitlertagebüchern und der fast noch aktuellen Affäre um den Schädel von Paderborn-Sande. Positiv hervorzuheben, obwohl natürlich in der zugrundeliegenden Ausstellung begründet, ist die Auswahl der Themen, von denen viele aus dem deutschen Raum stammen und trotzdem/daher weitgehend unbekannt sind, sodass man sich anstatt einer neuerlichen Exhumierung des Piltdown-Menschen und anderer „Klassiker“ interessanten neuen Funden konfrontiert sieht. Fachlich scheint nichts zu bemängeln sein; die Texte sind interessant und umfassend, Fragen bleiben keine offen. Einziger Durchhänger ist der Artikel um die „Würzburger Lügensteine“ (die nicht einmal in der Ausstellung auftauchten) – dieser ist völlig wirr und ohne konkreten roten Faden geschrieben, die Lügensteine selbst nur am Rande streifend, eine ziemliche Enttäuschung. Entschädigt wird man dafür immerhin durch einen recht guten Artikel über die ebenfalls nicht in der Ausstellung enthaltenen „Pseudo-Moabitica“.
Der Klassiker „Motel der Mysterien„, Grundlage für den humoristischen Einstieg der Ausstellung, ist passend zu dieser jüngst in einer neuen Ausgabe erschienen. Der Ausstellungskatalog stellt für diese indes eine hervorragende Ergänzung dar, indem er in einem Anfangskapitel auf zahlreiche Hintergründe des satirischen Werkes eingeht, so etwa die direkte Inspiration durch Bilder historischer Archäologen und die Veröffentlichungsgeschichte – hinzu kommt natürlich der Korpus der tatsächlichen Objekte im Objektteil.
Ausstellungskataloge gehören oft zu den Perlen archäologischer Literatur – und „Irrtümer und Fälschungen der Archäologie“ macht da keine Ausnahme. Eine hervorragende Einführung zu diversen spannenden Fällen der Wissenschaftsgeschichte, ergänzt durch einen umfassenden Katalog und die amüsanten „Motel der Mysterien“-Bezüge – letztlich bis auf das Lügenstein-Kapitel eine lohnenswerte Anschaffung für jeden an der Archäologie interessierten Leser.

Verbotene Ägyptologie

Schon Herodot war fasziniert von der uralten ägyptischen Hochkultur – und bis heute hat sich wenig daran geändert. So ist wohl auch keine andere Zivilisation mit so vielen grenz- und pseudowissenschaftlichen Theorien verbunden. Besonders die Pyramiden von Gizeh mussten schon für manchen erstaunlichen Zweck herhalten – als Kraftwerke, Kornspeicher, vorsintflutliche Archive oder gar Landemarkierungen für Außerirdische. Ein Paradefall für die grenzwissenschaftliche Ägyptenrezeption ist zweifellos das Werk „Verbotene Ägyptologie“ von Erdogan Ercivan. Die darin aufgestellten Thesen sind relativ schnell umrissen: Es gab schon vor Urzeiten eine hochtechnisierte Zivilisation als Vorläufer des antiken Ägypten, die etliche Jahrtausende vor die ersten bekannten Hochkulturen zurückreicht. Alle nennenswerten kulturellen Erfindungen wurden zuerst von dieser Kultur oder aber den Ägyptern gemacht, einschließlich Strom, Radioaktivität und der Entdeckung Amerikas und Australiens. Pyramiden und Sphinx sind natürlich viele Jahrtausende älter und auf keinen Fall von Cheops oder Chephren erbaut. Und bis heute gibt es systematische Bestrebungen, dieses Wissen zu unterdrücken, wobei die Vertreter der akademischen Wissenschaft keine Ahnung haben und/oder bewusst alle neuen Erkenntnisse vertuschen.

Wer nun auf den ersten Blick plausible Archäologie-Mystik im Stile Erich von Dänikens erwartet, wird herbe enttäuscht – diese Qualität nämlich erreicht Ercivan bei weitem nicht. So scheitert sein Werk zunächst einmal schon an der Form: Es gibt nicht wirklich abgegrenzte Kapitel oder Argumentationsgänge – vielmehr wird rein assoziativ von einem Gedanken zum benachbarten nächsten gesprungen, wie man es normalerweise allenfalls in einem Einleitungskapitel praktiziert: A ist so, A hängt zusammen mit B, B erinnert an C, in Quelle C fand man aber auch Information D … Insofern enthält das Buch zwar sehr viele, auch richtige Informationen zu unserer Vorgeschichte – doch sind diese zumeist für die (sollte man meinen) zugrundeliegende Argumentation völlig irrelevant. Oft wird gar nicht klar, was genau Ercivan mit einer Information eigentlich belegen will – stringente Beweisführungen sucht man weitgehend vergebens.

So dauert es auch über hundert Seiten, bis erstmalig tatsächlich (mutmaßliche) Funde präsentiert werden, die das etablierte wissenschaftliche Weltbild ins Wanken bringen könnten; bis dahin bleibt es überwiegend bei Behauptungen, Suggestivfragen und traditionell verschwörungstheoretischem Wissenschaftler-Bashing. Dabei kristallisieren sich einige charakteristische Argumentationsmuster heraus: Etwas hat irgendwie Ähnlichkeit zu einem Sachverhalt der altägyptischen Kultur, also stammt es ursprünglich aus dieser. Ein Wort klingt ähnlich wie ein beliebiges ägyptisches Wort, also ist das Ding eine ägyptische Erfindung – und die Bedeutung des ägyptischen Wortes verrät weiteres über seine Eigenschaften. Irgendetwas wurde irgendwann einmal von einem Wissenschaftler geschrieben – also kann man es je nach Fasson als unzweifelhaftes Faktum oder als Beweis für den Irrtum der gesamten wissenschaftlichen Zunft sehen. Eine weitere Eigenart Ercivans ist es, kuriose und beeindruckende, aber tatsächlich von niemandem in Frage gestellte Fakten als revolutionäre Erkenntnisse zu präsentieren, die die Wissenschaft nicht wahrhaben wolle – so beispielsweise die Zählsteine des altorientalischen Neolithikums (111), astronomische Kenntnisse und Schädeltrepanation in der Steinzeit etc. Wenn neue Funde alte Theorien widerlegen (das Grundprinzip der Wissenschaft), so stellt er dies suggestiv als Belege gegen die wissenschaftliche Lehrmeinung dar (die sich den neuen Belegen ja meist einfach anpasste).
Die sogenannte „Verbotene Archäologie“, mir zuvor nur als sensationsheischende Genre-Bezeichnung innerhalb der Grenzwissenschaften bekannt, ist Ercivan zufolge eine fast schon institutionalisierte Wissenschaft, die nur von einer kleinen Gruppe Eingeweihter praktiziert wird, welche sich an „vorherbestimmten Treffpunkten“ zur Diskussion kontroverser Funde zusammensetzen (92, 97). solcherlei verschwörungstheoretisches Gedankengut von geheimen Fraktionen und verheimlichten Fakten (natürlich nicht ohne im Kontext irrelevante Erwähnung der Freimaurer) zieht sich durch das ganze Buch.

Wo tatsächlich einmal Funde genannt werden, die den Theorien des wissenschaftlichen Mainstreams direkt widersprechen, da fehlen Quellen oder sind denkbar unscharf: „Darüber hinaus ist mir aus sicherer Quelle bekannt, daß in Gisr-el-Mudir eine unterirdische Anlage mit Tempelsäulen entdeckt wurde, die mit einem modern anmutenden Hydraulikmechanismus ausgestattet sind“ (93). Zwar gibt es sogar ziemlich häufig wörtliche Zitate im Text, von Wissenschaftlern und aus alten Überlieferungen – doch nur seltenst werden die exakten Quellen genannt, was diese Aussprüche faktisch unbrauchbar macht. Einzig Papyri werden öfters spezifisch benannt, mesopotamische Überlieferungen oder Aussagen von Wissenschaftlern hingegen nie. Aussagen von Wissenschaftlern gibt es dabei sehr wohl, bisweilen auch kritische – doch werden jene, selbst wenn sie Argumente nennen, stets trivial beiseite gewischt, allenfalls noch durch implizierte Verschwörungsthesen abgelehnt, während bestätigende Aussagen stets für bare Münze genommen werden, auch und gerade wenn sie nur Behauptungen und keine Argumente enthalten.
Auch wenn der Großteil des Buches aus rein assoziativ verbundenen Informationen ohne wirklichen argumentativen Wert besteht, so nennt Ercivan doch schließlich in der Tat einige Funde, die, wenn die vorgebrachten Aussagen stimmen, so manche bisherige Vorstellung von der Menschheitsgeschichte über den Haufen werfen würden. Darunter sind einerseits einige Klassiker, die immer wieder in den Grenzwissenschaften zitiert werden – wie die „Glühbirnen von Dendera“ und das Yonaguni-Monument -, aber auch einige, von denen ich zuvor nicht gehört hatte. Bei jenen handelt es sich überwiegend um Gebäude oder Schriftdenkmäler, denen schlichtweg ein wesentlich höheres Alter zugeschrieben wird als bislang, was sie jeweils in gewisse Perioden der Steinzeit (bzw. der hypothetischen vorzeitlichen Hochkultur) datieren würde. Dazu kann man jedoch in der Regel erst einmal wenig sagen, denn es fehlen explizite und verlässliche Quellen für die vorgebrachten Informationen. Sicherlich würde sich eine nähere Untersuchung und Diskussion so mancher dieser Funde lohnen – doch ist der Autor offensichtlich weder willens noch fähig dazu, zumal dies dem populärwissenschaftlichen Anspruch des Werkes schaden könnte. Manche Funde wie etwa das Megalithgrab von Newgrange werden zwar recht ausführlich dargestellt, bei anderen aber wundert die trotz potentiell revolutionärem Gehalt sehr oberflächliche, ja nebensächliche Darstellung (z.B. 144: Ägypter experimentierten mit Radioaktivität).

Und wie es in den Grenzwissenschaften Sitte ist, wenngleich nicht zwangsläufig so extrem, gilt bei Ercivan doch grundsätzlich jede Überlieferung oder These als glaubwürdig, wenn sie nur ein gewisses Alter hat. Seien es antike Mythen – oder auch andere alte, doch nicht SO alte Aussagen wie die eines arabischen Historikers des Mittelalters über die Pyramiden und die Sphinx sowie eines englischen Hofarchitekten des 16. Jhds. über die Ursprünge von Stonehenge (zu deren Zeiten die wahre Bedeutung der Monumente längst vergessen war). Keine Stelle aber bringt seinen Umgang mit Quellen besser auf den Punkt als folgende:

„Bezeichnenderweise will sich kein Wissenschaftler mit Reputation mit den in Mythen überlieferten Fakten ernsthaft beschäftigen. Dabei hätten sie durchaus eine Legitimation dafür. Denn bereits 1865 [sic!] schrieb der hochangesehene Professor Alfred Wollheim da Fonseca über seine unzähligen Untersuchungen zur Mythologie: ‚Derjenige hat keine Ahnung von der Bedeutung, der hier nur unsinnige Fabeln und schöne Allegorien erblickt. Die Mythologie ist etwa ganz anderes: Sie ist der erhabenste Ausdruck der erhabensten Wahrheit. Eigentlich ist sie sogar weit mehr: Sie ist auch die Urgeschichte der Menschheit.“ (133-134)

Merke: Wenn ein Mann vor über hundert Jahren in einem protowissenschaftlichen Zeitalter Mythen sehr erhaben fand, dann musst auch du sie ernst nehmen. Was Erdogan Ercivan indes von den von mir hier so sehnsüchtig bemühten wissenschaftlichen Standards hält, wird an anderer Stelle klar:

„Deshalb wimmelt es in philologischen Fachbüchern von Erläuterungen und der heutigen Gesellschaftsordnung angepaßten Interpretationsversuchen der Gelehrten, die entweder in eckigen Klammern stehen oder in den sogenannten Fußnotenteil verbannt werden. Der interessierte Leser versinkt bei seinem Studium an diesen Textüberlieferungen im tiefen Morast akademischer Wichtigtuerei!“

Abseits all dieser vielen methodischen Unschönheiten finden sich jedoch auch simple Sachfehler in dem Buch: Seite 56 etwa zeigt einen bekannten sumerischen Statuenkopf, ohne jede Begründung als „Das älteste Volk von Jericho“ betitelt (nein, die Sumerer hatten nichts zu suchen im Jahrtausende vor ihnen florierenden Jericho). Laut Seite 65 stammen Schnabeltiere von Nagern ab (aber wieso legen sie dann Eier?). Das babylonische Epos Enuma Eliš ordnet er völlig anachronistisch den (viel früheren) Sumerern zu (127), den Unhold Humbaba aus dem Gilgamesch-Epos beschreibt er entgegen den Überlieferungen als „feurigen Stier“ und zeigt dazu noch zwei Siegelbilder ohne jede Verbindung zum Gilgamesch-Epos (148f). Soweit nur einige, die direkt ins Auge springen.

Was also bleibt im Fazit? Erdogan Ercivan nennt in der Tat eine ganze Reihe faszinierender Funde und Überlieferungen. Indes machen es seine selektive Auswahl von Fakten, selektive und willkürliche Quellenbewertung, der Hang zur Postulierung von Zusammenhängen auf rein assoziativer Basis, zutiefst dogmatisch-verschwörungstheoretisches Gedankengut sowie vor allem das grundsätzliche Fehlen konkreter Belege unmöglich, irgendetwas von all dem ohne aufwendige eigene Recherchen ernst zu nehmen, selbst wenn es einem gelänge, aus der völlig unübersichtlichen und zusammenhanglosen Textstruktur ohne jeden roten Faden einen konkreten Gehalt zu extrahieren. Ein Buch also, das mehr über geistige Strömungen unserer Zeit aussagt als über das Zeitalter der alten Ägypter.

Michael Tellinger und die Anunnaki in Afrika: Kritik

Die sumerischen Götter waren tatsächlich Außerirdische – das wissen wir spätestens seit Zecharia Sitchins Präastronautik-Klassiker “Der zwölfte Planet“. Anunnaki nannten die alten Sumerer und Babylonier diese Besucher, die vor über 400 000 Jahren von ihrem Heimatplaneten Nibiru, der auf einer elliptischen Umlaufbahn von 3 600 Jahren die Sonne umrundet, zur Erde kamen und dort mittels Gentechnik den modernen Menschen schufen, auf dass dieser an ihrer statt die Mühsal des Bergbaus ertrage. All dies geht aus den uralten Keilschrifttexten der Sumerer hervor – meint zumindest Sitchin. Und mittlerweile eine ganze Reihe weiterer selbsternannter Forscher, die den Mut fanden, auch gegen die Dogmen der ignoranten Schulwissenschaft den Geheimnissen der Anunnaki nachzuspüren.
Einer dieser Herren ist Michael Tellinger, nach Klappentext des Kopp-Verlages „Autor, Wissenschaftler und Forscher“, der gleich zwei Bücher zum Thema verfasste: In “Die Sklavenrasse der Götter“ erklärt er, wie die Anunnaki den sumerischen Tontafeln (sprich: den zweifelhaften Behauptungen Zecharia Sitchins) zufolge den Menschen als Arbeitssklaven schufen und ihm ein ganzes Paket genetischer Deformationen mit auf den Weg gaben, von denen Grausamkeit, Sklaverei und Gier nach Gold nur einige sind. Im zweiten Buch “Die afrikanischen Tempel der Anunnaki“ meint Tellinger sogar, die von Sitchin postulierten Goldminen und Monumente der Anunnaki in Südafrika gefunden zu haben, und präsentiert dem interessierten Leser stolz einen farbenfrohen Bildband voller uralter Steinkreise. Endlich die von uns allen ersehnte Offenbarung über die lange verheimlichten Ursprünge der Menschheit? Oder doch nur das wirre Werk eines Autors, der bestenfalls als drittklassiges Imitat eines in der Fachwelt verspotteten Pseudowissenschaftlers gelten kann? Die nähere Untersuchung der beiden Werke tendiert stark zu letzterem Urteil.

Im Falle dieser beiden Bücher war es mit einfachen Rezensionen nicht getan – zu groß ist das Ausmaß der darin zur Schau gestellten fachlichen Inkompetenz, zu leicht und verführerisch die gnadenlose Widerlegung durch die Wissenschaft. So entstand nach der Lektüre von „Die Sklavenrasse der Götter“ („Die afrikanischen Tempel der Anunnaki“ hatte ich schon zuvor gelesen und kommentiert) eine umfangreiche Replik – zu den Thesen der Bücher, der Methodik des Autors, seinen Fehlern und nicht zuletzt dem überschaubaren wissenschaftlichen Gehalt.

Herunterzuladen ist das 27-Seiten-Werk genau hier:

Michael Tellinger und die Anunnaki in Afrika

Wie schon mein Artikel zum Serapeum von Sakkara wurde auch diese Kritik auf der kritischen Infoseite Mysteria3000 veröffentlicht, wenn auch der Länge wegen in drei Teilen:

Teil I / Teil II / Teil III

Tore zur Unterwelt: Das Geheimnis der unterirdischen Gänge aus uralter Zeit

Unsere Welt birgt viele Rätsel. Doch kann es sein, dass in Österreich, also fast schon vor unserer Haustür, der Erdboden durchzogen ist von teils kilometerlangen Gängen, penibel in den harten Stein gehauen, so alt, dass niemand weiß, wer sie erbaut hat? Heinrich und Ingrid Kusch jedenfalls sind dieser Ansicht und haben dem mysteriösen Phänomen der „Erdställe“ ein hübsch aufgemachtes Buch gewidmet, „Tore zur Unterwelt“ (später folgte noch ein zweiter Band „Versiegelte Unterwelt“).
Und tatsächlich, das Werk macht auf den ersten Blick einen seriösen Eindruck: Keine Aliens oder andere plakative Thesen, nicht im Kopp-Verlag erschienen, die Autoren sind beides Wissenschaftler mit akademischer Vorgeschichte und Position.
Und in der Tat, das Phänomen der Erdställe ist real (was auch eigentlich niemand abstreitet). Unter zahlreichen Häusern insbesondere in der Steiermark finden sich niedrige Tunnel, oft mit engen Schlupflöchern, die geradewegs mitten hinein in den Fels führen. Schon seit über hundert Jahren wird darüber geforscht; die Wissenschaft favorisiert einen Ursprung als „Schutzräume“, in die sich die Bewohner etwa bei Überfällen zurückziehen konnten. Eine Annahme, die schwerlich der teils hunderte von Metern oder gar Kilometer langen Tunnel gerecht wird, die die Kuschs in ihrem Buch beschreiben, zumal sich aus dem Mittelalter keine schriftlichen Quellen zu ihrer Entstehung finden. Mehr noch, vor kurzem soll im alten Stift Vorau eine Karte aufgetaucht sein, die ein ganzes Tunnelsystem unter der Ortschaft skizziert. Und kann es ein Zufall sein, dass die weiten unterirdischen Tunnel sich mit zahlreichen darüber aufgestellten Lochsteinen, Menhiren der Megalithzeit, decken?
Wer das Buch so liest, ohne sich ganz genau auf alle Einzelheiten zu konzentrieren, der bekommt in der Tat den Eindruck, hier habe man ein archäologisches Rätsel aus grauer Vorzeit vor sich, das noch am ehesten von einer verschwunden Hochkultur zeugt, die es niemals gegeben haben dürfte. (Aliens? Atlantis? Zwerge? Das bleibt der eigenen Fantasie überlassen.) Doch bei näherer Betrachtung fallen einem gewisse Unstimmigkeiten auf. Worauf basiert die dreidimensionale Grafik der Gänge unter Stift Vorau, wenn diese doch, wie im Text erwähnt, alle mit Erdreich verfüllt und daher unzugänglich sind? Woher kennen die Autoren die Maße eines unterirdischen Raumes, der nur mit einer Bohrung angeschnitten wurde? Wieso gibt es keine trockenen Zahlen und unverständliche Bilanzen naturwissenschaftlicher Untersuchungsmethoden wie Bodenradar oder Radiokarbondatierung?
Im Endeffekt stellt sich heraus, dass es sich bei dem gesamten Werk, obwohl schön aufgemacht mit den zahlreichen Fotos, um vollkommenen Murks handelt. Denn keiner der ewig langen, von den Kuschs so detailreich ausgemalten Gänge wurde wirklich betreten, geschweige denn mit wissenschaftlichen Methoden geortet. Vielmehr, das scheint im Buch nur peripher durch, wird jedoch durch Vorträge und andere Aussagen der Kuschs bestätigt, sind all diese Gänge mithilfe „radiästhetischer Untersuchungen“ – will heißen: mit der Wünschelrute – „gemutet“ worden. Im Klartext: Diese Gänge existieren nur in der Einbildung der Esoteriker, die an diese pseudowissenschaftliche Methode glauben. Es gibt keinerlei wissenschaftlichen Beleg – weder für die Länge der Gänge, noch ihren Zusammenhang mit den Lochsteinen, noch für ihr angebliches Alter, ja meistens nicht einmal für ihre Existenz. Aber was ist mit all den Fotos? Diese zeigen, teils ganz vermischt, verschiedene Gänge aus den letzten tausend Jahren, auf dem Cover etwa einen rund 300 Jahre alten, sprich neuzeitlichen, Wassergang. Die Erdställe indes, denn diese existieren tatsächlich, stammen aus dem Mittelalter, wie inzwischen durch Radiokarbondatierungen ziemlich zweifelsfrei erwiesen wurde, und sind nicht ansatzweise so lang und verzweigt wie die im Buch postulierten Gänge. Soweit die oberflächliche Kurzfassung der Fakten. Der Erdstallforscher Josef Weichenberger schrieb einen umfangreichen Kommentar zu dem Buch, in dem er dieses penibel auseinandernimmt, worauf zur näheren Beschäftigung verwiesen sei: http://www.erdstallforschung.at/?p=797
„Tore zur Unterwelt“ ist also ein pseudowissenschaftliches Buch – und gerade deshalb so verführerisch glaubwürdig auf den ersten Blick, weil es eben nicht mit plakativen Behauptungen von Aliens, Riesen und kosmischen Katastrophen hausieren geht wie die meisten Werke des Genres, und weil die pseudowissenschaftliche Methodik sich nur allzu leicht überlesen lässt. Der Autor Heinrich Kusch soll, wenn man verschiedenen Sekundärquellen im Internet glauben kann, auch einmal in einem Vortrag die Überzeugung geäußert haben, er werde infolge seiner Forschungen von vorzeitlichen Echsenmenschen verfolgt – doch davon merkt man kaum etwas im Buch selbst. Ein Werk, das lehrreich ist wie kaum ein anderes – wenn es um die Erkenntnis geht, wie leicht man durch ein Buch manipuliert werden kann.

Monstersärge und Pseudomumien – Kontroversen um ägyptische Stierbestattungen

Vor kurzem wurde mein erster Sachtext (außerhalb dieser Website) veröffentlicht! 

Die riesigen Steinsarkophage im Serapeum von Sakkara gelten der Geschichtswissenschaft als Begräbnisstätte der heiligen Apis-Stiere. Erich von Däniken und weitere Grenzwissenschaftler sind da anderer Ansicht, fand sich doch anstatt kompletter Stiermumien allenfalls eine bituminöse Masse voller zerbrochener Knochensplitter darin. Wurden im Serapeum etwa gefürchtete Mischwesen bestattet – oder gibt es eine naheliegendere Erklärung für solch groteske Bestattungsformen? 

Der Artikel entstand infolge eines Referates zu selbigem Thema, das ich in der Uni (Einführung in die ägyptische Archäologie und Denkmälerkunde) hielt – ergänzt durch einige zusätzliche Infos, die sich in der Zwischenzeit auftaten, nunmehr mit der Diskussion der grenzwissenschaftlichen Theorien im Zentrum. Bei der Suche nach einem geeigneten Medium zur Publikation stieß ich auf den kritischen Blog Mysteria3000, der den Text auch gleich veröffentlichte.

Hier online zu lesen:

Monstersärge und Pseudomumien

Und hier zum Download: Monstersärge und Pseudomumien

 

Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Egipto,_1882_“Sepulcro_de_Apis“_(20814894493).jpg

Die Zivilisation der Göttin

Bildergebnis für die zivilisation der göttinUnzählige Relikte der jungsteinzeitlichen Kulturen Europas wurden von Archäologen zu Tage gefördert, systematisiert, interpretiert – und doch ist vieles über unsere Vorgeschichte nach wie vor umstritten. Einen zweifellos beeindruckenden und wichtigen, wenngleich kontroversen Beitrag dazu liefert „Die Zivilisation der Göttin“ von Marija Gimbutas. Dabei handelt es sich buchstäblich um ein Monumentalwerk: Auf 400 dreispaltigen Seiten Text zuzüglich einem fast 150-seitigen Anhang wird praktisch das ganze Neolithikum Europas dargestellt – von Vinca, Karanowo und anderen Kulturen auf dem Balkan des 6. Jahrtausends vor Christus, Linienbandkeramik und Trichterbecher-Kultur in Mitteleuropa, Malta mit seinen beeindruckenden Megalithtempeln und den Erbauern von Henges und Hofgräbern in Britannien bis hin zu den wenig bekannten Kulturen des westlichen Mittelmeerraumes. Eingegangen wird dabei gleichsam auf die typische Keramik, Architektur, Begräbnisarten – und Religion und Gesellschaft. Ebendiese beiden letzten Punkte sind es, in denen die Autorin sich vom weitgehenden Mainstream der Wissenschaft abwendet und ein, nennen wir es alternatives, System der europäischen Vorgeschichte entwirft. Der Kern dessen ist, was populärwissenschaftlich gerne als „Matriarchatstheorien“ bezeichnet wird (ein Begriff, den Gimbutas selbst nicht verwendet und der das weite Feld der Angelegenheit wohl unzureichend charakterisiert): Ihr zufolge war die dominierende Religion des europäischen Neolithikums die Verehrung einer Göttin in verschiedenen Formen (vielleicht auch mehrerer), begleitet von einer nicht-patriarchalischen Sozialstruktur, in der auch und gerade Frauen zentrale Rollen in Kult und Gesellschaft innehatten. Dieses durchweg friedliche „alte Europa“ endete schließlich durch drei Invasionsströme indoeuropäischer, patriarchalisch veranlagter Steppennomaden aus dem heutigen Russland. Nur zur Erinnerung: Marija Gimbutas war in der Tat eine anerkannte Koryphäe ihres Faches (sie entwickelte u.a. die Kurganhypothese und leitete mehrere Ausgrabungen auf dem Balkan), was man auch an dem beträchtlichen Detailwissen das ganze Buch hindurch erkennt. Was also ist zu halten von der Religion der „Großen Göttin“, der „matrifokalen“/“matrilinearen“ Gesellschaft und der schlussendlichen Kurgan-Invasion? Handelt es sich um eine wissenschaftliche Revolution oder doch nur um eine Instrumentalisierung der Vergangenheit als Projektionsfläche für moderne Konflikte?
Mir fehlt es zweifellos an Fachwissen, die einzelnen Sachdetails der dargestellten Ausgrabungsbefunde zu kritisieren. Soweit beurteilbar, ist der Autorin diesbezüglich nichts vorzuwerfen. Anders jedoch, wenn es an das Thema Religion geht: Die zu diesem Thema vorgebrachten, als Tatsachen oder zwangsläufige Schlussfolgerungen verkauften Thesen sind letztlich nichts als Fantasie. Ja, Figuren und Darstellungen weiblichen Geschlechts mit deutlich betonten Geschlechtsorganen sind in großer Zahl aus jenen Kulturen belegt, was in der Tat einen Göttinnen- bzw. Fruchtbarkeitskult nahelegt. Doch Gimbutas geht weiter: Fast alles ist bei ihr irgendwie ein Symbol für Wiedergeburt und Lebenserneuerung, jede große Nase identifiziert eine Figur eindeutig als Vogelgöttin, jede weiß gefärbte Frauenstatuette ist die Göttin des Todes und der zyklischen Wiederauferstehung. Belege dafür? Keine. Vieles mag in Ansätzen berechtigte Hypothesen ergeben, doch weder die Sicherheit noch die expliziten Details, die Gimbutas darlegt, lassen sich an den Funden festmachen. So ist letztlich auch die weiblich geprägte Gesellschaft zwar denkbar, aber letztlich eine Fiktion – einziges Indiz dafür sind die fehlenden Geschlechtsdisparitäten in den neolithischen Gräbern, was allenfalls eine gewisse Gleichberechtigung denkbar erscheinen lässt, wenn auch nicht sicher belegt. Wahrlich utopisch erscheint die Vision einer schier pazifistischen Gesellschaft in damaliger Zeit. Es dürfte naheliegend sein, dass vor der Erfindung der Metallwirtschaft bei allgemein kleineren politischen Strukturen eine weniger hierarchische Gesellschaft bestand, was Kriege und andere strukturelle Konflikte begrenzte. Doch absoluter Friede scheint nicht nur dem gesunden Menschenverstand bei allgemeiner Anschauung aller bekannten historischen Kulturen zu widersprechen, auch die archäologischen Funde sprechen teils eine andere Sprache (Stichwort: Massaker von Asparn/Schletz). Auch die These der Kurgan-Invasion ist von verschiedenen Wissenschaftlern zurückgewiesen worden, wobei mir selbst die fachliche Qualifikation zur Beurteilung fehlt. Zu erwähnen ist zu guter Letzt, dass Gimbutas das ganze Alteuropa als mehr oder weniger einheitlichen Kulturraum darstellt, der sich zumindest in Sachen Religion und Gesellschaft ganz homogen als Ganzes betrachten lässt – ein sehr zweifelhafter Ansatz, wenn es um die mehr als dreitausendjährige Geschichte eines ganzen Kontinents geht.
Letztlich also sind religiöse Vorstellungen und Gesellschaftsmodell, wie sie Marija Gimbutas präsentiert, zwar zum Teil denkbare, aber letztlich gegenstandslose, weil weitgehend unbegründete Hypothesen. Zugutehalten muss man dem Buch jedoch, dass es, veranschaulicht an zahlreichen Bildern,  einen breiten und umfangreichen Überblick über die faszinierenden Kulturen des europäischen Neolithikums bietet. Hochinteressant etwa sind auch die Ausführungen zur schon im 6. Jt. v. Chr. entstandenen (Proto?-)Schrift der Vinca-Kultur oder auch dem Ursprung der minoischen Kultur Kretas. Nicht zuletzt übt sich an diesem Buch auch die Fähigkeit des quellenkritischen Lesens, wobei das schwerlich als Kompliment zu werten ist. Die darin vertretenen Thesen mögen zu kritisieren sein, doch lesenswert ist das Werk zweifellos.