Kommentare zur Grenzwissenschaft

Neue Rubrik: Wunderkammer der Kulturgeschichte

Könnte es einst eine Rasse von Riesen gegeben haben? Wer war außer den Wikingern (und den Indianern) noch alles vor Kolumbus in Amerika? Woher wissen wir eigentlich, dass Cheops die Pyramide gebaut hat? Waren es nicht doch eher Aliens – jene, die auch schon die riesigen Linien in die Hochebene von Nazca gekratzt und eine Landeplattform in Baalbek errichtet haben? Und wieso ist auf einem alten Tempel in Kambodscha ein Stegosaurus dargestellt – könnten unsere Vorfahren den Urzeitechsen noch begegnet sein?

Schon seit längerem interessiere ich mich für grenzwissenschaftliche Theorien über unsere Vergangenheit (die Leser meiner Rezensionen dürften es längst bemerkt haben). Da wäre die Hypothese der Prä-Astronautik, die besagt, dass die Erde vor vielen Jahrtausenden von Außerirdischen besucht wurde. Diffusionistische Theorien (zum Beispiel in diesem Buch) gehen von Kontakten zwischen Kulturen aus, die nach konventioneller Lehrmeinung keinen Kontakt gehabt haben – eine ganze Reihe scheinbar der alten Welt entstammender Fundstücke in Amerika zeugt davon. Kreationisten versuchen mit kuriosen Funden die Evolution zu widerlegen (siehe meine Rezension zu „Mein Vater war ein MiB 2„), Nationalisten die Überlegenheit eines Volkes zu beweisen. Manche Legende hat sich als Wahrheit herausgestellt – Troja und Rungholt wurden ausgegraben, die Wikinger waren tatsächlich in Amerika. Viele mehr wurden durch die Wissenschaft widerlegt – die Michigan-Relikte sind Fälschungen, Tiahuanaco wurde wirklich mit Steinwerkzeugen errichtet und die Denisova-Menschen waren doch keine Riesen. Einige wenige schließlich bleiben bis heute rätselhaft – noch immer etwa hat niemand eine Erklärung für die „Karrenspuren“ von Malta gefunden.
Für Laien sind derartige Theorien und ihre Beweismittel oft auf den ersten Blick glaubwürdig und kaum zu überprüfen, umso mehr, da die einschlägigen Publikationen die Argumente der Gegenseite oft verschweigen. Und obgleich zahlreiche scheinbare Mysterien längst von der Wissenschaft aufgeklärt wurden, erzielen solche Gegendarstellungen doch keine nennenswerte Reichweite und die Thesen bleiben de facto unwidersprochen in der öffentlichen Wahrnehmung.

Nach bisher nur vereinzelten Essays zum Thema – so zum Serapeum von Sakkara, den Mischwesen im Werk des Eusebius von Caesarea und den kruden Theorien Michael Tellingers – habe ich nun das Projekt „Wunderkammer der Kulturgeschichte“ ins Leben gerufen. In Form eines enzyklopädischen Nachschlagewerkes sollen nach und nach immer mehr Beweismittel der Grenz- und Pseudowissenschaften aufgearbeitet und allgemeinverständlich dem Stand der Forschung gegenübergestellt werden. Bei allem theoretischen Anspruch auf Vorurteilsfreiheit läuft dies doch in der Regel auf eine Widerlegung hinaus. Das Rückgrat der Wissenschaft ist die kritische Überprüfung – was widerlegt werden kann, ist zu widerlegen, und erst die Überprüfung mit positivem Ergebnis adelt eine neue Theorie. So mag dieses Lexikon jeden Interessierten über all die vielen erwiesenen Irrtümer und Fehldarstellungen aufklären, die noch immer in vielen Publikationen weiter kursieren, und dem Unentschlossenen als kritisches Nachschlagewerk zur Verfügung stehen. Profitieren können auch nicht zuletzt die Vertreter unkonventioneller Theorien – schließlich kann jede seriöse Suche nach Außerirdischen, verschwundenen Völkern und anderen Rätseln erst dann erfolgversprechend sein, wenn sie nicht länger durch einen Wust von Fakes und Fehlinterpretationen behindert wird.

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Wunderkammer der Kulturgeschichte

Bisher sieht’s dort noch etwas kahl aus, doch das dürfte sich in nächster Zeit ändern. Ein paar erste Artikel sind schon hochgeladen, weitere (bereits fertig geschrieben) werden in den nächsten Tagen folgen. Immerhin hab ich’s schon geschafft, einen griffigen Titel zu finden und ein dazu passendes Logo zu entwerfen. Dank gebührt Gimp, Powerpoint und den ausgezeichneten Tafeln von Austen Henry Layard in „The Monuments of Ninive“.

Anregungen für weitere Themen sowie insbesondere Hinweise auf fundierte wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit diesen sind jederzeit willkommen!

Fakten und Fiktionen: Archäologie vs. Pseudowissenschaft

„Fakten und Fiktionen: Archäologie vs. Pseudowissenschaft“. Kaum zu glauben, dass sich die renommierte Reihe „Zaberns Bildbände zur Archäologie“ auf solch kontroverses Terrain begibt – und doch bitter nötig, florieren doch pseudowissenschaftliche Thesen über unsere Vergangenheit heutzutage mehr denn je. Herausgegeben von dem Ägyptologen Stefan Baumann, versammelt der großformatige Band eine Reihe von Beiträgen verschiedener Autoren rund um unwissenschaftliche Deutungen der Geschichte, von Atlantis bis Zecharia Sitchin. Natürlich sind sämtliche Autoren der akademischen Wissenschaft („Schulwissenschaft“) zugehörig, folglich den behandelten Theorien gegenüber kritisch bis ablehnend eingestellt – trotzdem gelingt es ihnen in der Regel, nicht arrogant den Zeigefinger akademischer Überheblichkeit zu erheben und ihre doch bisweilen durchaus harten Anschuldigungen gegen die Vertreter der Gegenseite hinreichend zu belegen. Erwähnenswert ist hier auch die kritische Antwort auf die zweifelhafte Interpretation des „Berliner Goldhuts“ als astronomisches bzw. kalendarisches Artefakt – geschieht diese letztlich pseudowissenschaftliche Darstellung doch nicht etwa durch außerakademische Autoren, sondern aus der Mitte des wissenschaftlichen Mainstreams heraus, wie auch in der musealen Präsentation des Objekts unübersehbar.
Die einzelnen Kapitel stecken dabei ein weites Spektrum ab: Zunächst gibt Baumann selbst eine Einführung in die Situation und charakteristische Argumentationsmuster der Grenzwissenschaft; darauf folgt ein historischer Rückblick auf die pseudowissenschaftliche Geschichtsvereinnahmung etwa im Faschismus und Kolonialismus durch Markus Bittermann. Beides im Prinzip hochinteressante Themen und gut geschriebene Beiträge – jedoch leiden beide stark an ihrer Kürze, womit sie einen nur unzureichenden Überblick zu geben vermögen. Es schließt sich ein Exkurs über die Auffindung der Moorleiche „Moora“ und deren Rezeption in den Medien (etwa „Galileo Mystery“) an – für sich ebenfalls interessant, auch wenn hier das Hauptthema des Buches etwas großzügig ausgelegt wird. Gerlinde Bigga gibt als nächstes einen (unvermeidlich) knappen, aber doch breiten und fundierten Überblick über die Geschichte der Interpretation von Fossilien, vom Museum des Kaisers Augustus bis zum Zeitalter Darwins. Sehr interessant sind mehrere der folgenden Kapitel, die sich mit spezifischen archäologischen Themen befassen – so etwa der Kunst der Späteiszeit (im Kontrast zum vorgestrigen Bild eines „primitiven Steinzeitmenschen“), dem angeblichen Petrusgrab unter dem Vatikan (das, wie hier sehr gut herausgestellt wird, mit ziemlicher Sicherheit nie existiert hat) oder der diffusen Entstehung Roms, die selbst in populärwissenschaftlichen Darstellungen noch immer gerne auf Romulus und Remus verkürzt wird. Joscha Gretzinger stellt den teils bis heute wirkmächtigen pseudowissenschaftlichen Rassentheorien die empirischen Fakten der Genetik entgegen, ein weit über die Grenzen der Archäologie und Anthropologie hinaus sozial relevantes Thema. Das Highlight des Buches, ebenfalls verfasst vom Herausgeber Stefan Baumann, ist schließlich ein Kapitel über die Rezeption des alten Ägypten durch Grenzwissenschaftler wie etwa Erich von Däniken, in dem er eines nach dem anderen eine ganze Reihe einschlägiger Funde und Thesen anhand der ägyptologischen Erkenntnisse widerlegt (Datierung, Zweck, Bauweise und angebliche astronomische Ausrichtung der Pyramiden; Helikopter etc. von Abydos, „Glühbirnen von Dendera“, „Flugzeug von Sakkara“, „Bagdad-Batterien“) – knapp und doch bemerkenswert stringent, dabei durchweg durch Belege gestützt. Etwas weniger breit gefächert ist der nächste Artikel bezüglich der Thesen Zecharia Sitchins (sumerische Götter, die Anunnaki, kamen einst vom zwölften Planeten Nibiru und erschufen die Menschheit). Dieser hat zwar ebenso eine ordentliche fachliche Qualität, konzentriert sich aber auf nur zwei zentrale Aspekte im Werk Sitchins: Die „Dingir-Rakete“ und die These des 12. Planeten. Schließlich gibt es auch noch ein Kapitel über das schon so oft lokalisierte Atlantis, wobei hier der Überblick zugunsten einer fast ausschließlichen Betrachtung der Thesen Eberhard Zanggers (Atlantis sei identisch mit Troia) zurückgestellt wird – der schwächste Beitrag im Buch, da über eine Reihe von Argumenten gegen Zangger hinaus vollkommen oberflächlich; auf andere Atlantis-Hypothesen wird nicht einmal eingegangen und diese letztlich alle relativ pauschal abgelehnt.
Davon vielleicht abgesehen weisen letztlich alle Beiträge in „Fakten und Fiktionen“ (bei gleichzeitig allgemeiner Verständlichkeit) eine hohe wissenschaftliche Qualität auf – die Argumente sind folgerichtig und nicht erzwungen, zugrunde liegt eine wirkliche Auseinandersetzung und keine oberflächliche Ablehnung. Indes gelingt es dem Werk doch nur bedingt, einen Überblick über das gewaltige Themenfeld zu bieten – dafür ist es mit kaum mehr als 140 Seiten einfach nicht umfangreich genug. Während einige Artikel penibel einzelne, klar umgrenzte Themenfelder aufarbeiten (u.a. Petrusgrab, Rom), sind die weiter gespannten dann doch zu kurz und oberflächlich für das eigentlich so komplexe Thema – nicht sachlich mangelhaft, aber doch unvollständig. Ebenso bleiben zentrale Themen der „alternativen Archäologie“ außen vor – so etwa das meiste aus dem Umkreis des Kreationismus und Katastrophismus (u.a. deren „Out-of-Place-Artefakte“ sowie scheinbare Beweise für eine Koexistenz von Menschen und Sauriern), weite Teile der Prä-Astronautik (bis auf Ägypten und Sitchin, beides großartig, leider nicht repräsentiert, so etwa Dänikens zahlreiche Südamerika-Fundstellen), Diffusionismus und seine scheinbaren Belege (so die vielen ominösen Fundkomplexe Amerikas) und einiges mehr. Gerade in Anbetracht des stolzen Preises von 39,95€ hätte man neben der soliden Qualität auch durchaus etwas mehr Quantität erwarten können. Immerhin die vorliegenden Beiträge gleichen ihren allzu knappen Umfang durch eine gute Ausstattung mit Quellenangaben aus, die der weiteren Recherche dienen können.
Anders als man vielleicht erwarten könnte, ist „Fakten und Fiktionen“ also alles andere als ein Überblickswerk – auch insofern, dass manche der behandelten Themen kaum die Themen der heute aktuellen Grenz- bzw. Pseudowissenschaft berühren. Was hingegen vorliegt, ist von nicht zu beanstandender Qualität und durchweg lehrreich. Letztlich also nicht ganz das Buch, das wir verdienen, aber doch eines, das wir sehr gut gebrauchen können.

Die Archäologie-Verschwörung

Der Buchtitel „Die Archäologie-Verschwörung“ sagt eigentlich schon alles. Bei dem pseudowissenschaftlichen Werk von über 400 Seiten handelt es sich um einen Sammelband, herausgegeben von J. Douglas Kenyon, dem Herausgeber des amerikanischen Mystery-Magazins „Atlantis Rising“. In zahlreichen Artikeln fasst er selbst die Thesen verschiedener grenz- bzw. pseudowissenschaftlicher Publizisten zusammen, mitunter anhand persönlicher Gespräche, in anderen Kapiteln wiederum kommen diese Autoren selbst zu Wort – eine Mischung aus Anthologie und Überblickswerk also. Bei diesen zahlreichen Appetithäppchen handele es sich um „das Allerbeste, das das Magazin zu bieten hat“ (S. 13), was nach Lektüre des Buches nicht mehr unbedingt für besagtes Magazin spricht. Das Buch teilt sich auf in mehrere mehr oder weniger abgegrenzte Abschnitte rund um die Themen Katastrophismus, Atlantis und Hochtechnologie im alten Ägypten. Das fachliche Niveau variiert hierbei zu einem gewissen Grad, jedoch allgemein auf einem ziemlich niedrigen Niveau. Grundsätzlich besteht schon ein Großteil des Werkes letztlich aus nicht viel mehr als sich immer wieder wiederholenden Anklagen gegen die akademische Wissenschaft und ihre Ablehnung bzw. Ignoranz derartiger Theorien. Abgesehen davon, dass dies nur bedingt der Fall ist (wiederholt gab es fachwissenschaftliche Auseinandersetzungen mit grenzwissenschaftlichen Theorien), beweist vorliegendes Werk hervorragend, wie angemessen eine solche Haltung doch ist. Gebetsmühlenartig wiederholen die Autoren ihre ganz knapp verschwörungstheoretischen Vorwürfe, die Wissenschaft ignoriere oder unterdrücke besagtes Wissen – wobei ihnen doch trotz hunderter Seiten kein anderes Motiv einfällt als die Angst, „die Lehrbücher umschreiben zu müssen“. Tatsächlich werden Lehrbücher ständig umgeschrieben, und genau das ist der Sinn der Wissenschaft. Man denke hierbei nur an wissenschaftliche Umwälzungen wie die mittlerweile anerkannte Präsenz der Wikinger in Amerika, das durch Funde wie etwa die Schöninger Speere längst begrabene Bild des „tumben Steinzeitmenschen“, die Entdeckung neuer Hochkulturen wie der Jiroft- und Oxus-Zivilisation, die häufigen Umbenennungen prähistorischer Spezies auf Basis neuer Erkenntnisse (den Brontosaurus gibt es wieder, Indricotherium nicht mehr und ist der Neandertaler nun eine Unterart des Homo sapiens?), die Wandlung von Rekonstruktionen (Spinosaurus lief nun vermutlich auf vier Beinen) und nicht zuletzt die mittlerweile ganz selbstverständliche Tatsache REALER Katastrophen in der Erdgeschichte (in Abgrenzung von den fiktiven Katastrophen der Katastrophisten) wie dem Kreide-Tertiär-Impakt und dem perm-triassischen Massenaussterben. Von einem starren Beharren auf alten Dogmen, wie leichtfertig vorgeworfen, kann in Bezug auf die akademische Wissenschaft schwerlich die Rede sein. Vielmehr hat deren kritische bzw. ignorante Haltung zwei Ursachen: 1) muss man jede neue Hypothese zu widerlegen versuchen – erst das Scheitern der Widerlegung adelt die Theorie – und 2) haben die Pseudowissenschaftler selten bis nie versucht, auf wissenschaftlichem Niveau zu publizieren, sodass ein akademischer Diskurs darüber zustande kommen könnte. Wissenschaft fordert Belege für Hypothesen – und daher im Folgenden Belege für die mangelnde Fachqualität des Buches „Die Archäologie-Verschwörung“:
Ein schon publizistischer Makel ist die überwältigende Redundanz des Werkes – nicht zuletzt aufgrund des Ursprunges in Magazinartikeln wiederholen sich Behauptungen und Gedankengänge ständig; anstatt einer stringenten Argumentation wird in jeweils mehreren Artikeln praktisch dasselbe erzählt. Auf die Spitze treiben es die Kapitel „Das Geheimnis des Ursprungs Indiens“ (129-140) und „Indien – 30 000 v.u.Z.“ (269-281), wo über mehrere Seiten hinweg ganze Absätze wortwörtlich (!) oder nur mit dezenten Variationen wiederholt werden! Wenn es schon das „Allerbeste, das das Magazin zu bieten hat“ ist, kann man etwas ja auch gerne einmal zweimal sagen.
Auch inhaltlich vermag das Buch nicht wirklich zu überzeugen. Es beginnt mit der eigentlich aus dem frühen 19. Jahrhundert stammenden Theorie des Katastrophismus, d.h. der Hypothese, dass es keine lange Erdgeschichte und Evolution gab, sondern das heutige Angesicht der Erde durch globale Katastrophen geprägt wurde, von denen die letzte mit der von vielen Kulturen berichteten Sintflut identisch sei. Prophet dieses Neo-Katastrophismus ist Immanuel Velikovsky, der bereits in den 50er Jahren behauptete, die Venus habe sich in historischer Zeit der Erde angenähert und globale Zerstörung bewirkt. Mehrere Kapitel gelten allein der Verherrlichung Velikovskys und seines „Martyriums“ (er wurde von der Wissenschaft nicht ernst genommen), jedoch ohne dessen Beweisführungen selbst wiederzugeben. Immerhin eine zentrale These wird mehrfach wiederholt: Die große Verleugnung unserer Vergangenheit sei auf ein kollektives Trauma der Menschheit durch jene Katastrophen zurückzuführen, aufgrund dessen wir nach wie vor in einem „Schockzustand“ leben und uns nicht erinnern können bzw. wollen. Weshalb Traumata erblich sein sollten, wie sie sich etwa in den Genen zu manifestieren pflegen, diese Erklärung bleiben Velikovsky und seine Jünger uns freilich schuldig (Regel Nr. 1 der Genetik: Erworbene Eigenschaften werden nicht vererbt – und nein, auch die Epigenetik gibt derartiges nicht her). Von dieser reichlich lächerlichen, doch zentralen Behauptung abgesehen bleibt es auch nach etlichen Seiten bei der einzigen Aussage, dass man Velikovsky selbst lesen sollte, wenn man sich ein Bild von dessen Theorien machen will – ob man nun daran glaubt oder nicht. Ähnlich verfahren wird mit dem deutlich jüngeren und doch in grenzwissenschaftlichen Kreisen längst berühmten Buch „Verbotene Archäologie“ von Michael Cremo, einer Auflistung mutmaßlicher Belege für eine Existenz von Menschen vor vielen Millionen Jahren. Auch hier muss man letztlich das fragliche Buch lesen und beurteilen, um bestimmen zu können, ob die Erwähnung bei Kenyon einen Wert hat. (Es scheint, dass Cremos Datierungen vor allem wissenschaftlichen Publikationen des 19. Jahrhunderts entstammen, als die absoluten und relativen Datierungsmethoden noch lange nicht so ausgereift waren wie heute, wobei in der Art auch einige der erwähnten Fundplätze mittlerweile umdatiert wurden, doch wäre prinzipiell eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Werk vonnöten.)
Der Katastrophismus, wie er in „Die Archäologie-Verschwörung“ dargestellt wird, ist jedenfalls … man ahnt es wohl. Die zwei ersten Kapitel stellen ihn zunächst einmal als eine Alternative zu den beiden Konzepten Evolution und Kreationismus dar – was der Katastrophismus schon grundsätzlich nicht sein kann, denn er erklärt nicht (nicht einmal schlecht, wie der Kreationismus) die Entstehung der verschiedenen Lebensformen, nur ihre Auslöschung. Auch wenn es hier formell anders dargestellt wird, ist die Grundlage von Katastrophismus letztlich doch immer nur eine weitere Form von Kreationismus. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass die Autoren ihre Angriffe hier vor allem gegen die Evolutionstheorie richten – und dabei vor allem sich selbst und ihre fachliche Unfähigkeit bloßstellen. Das einzige wirkliche Argument, das Will Hart in „Darwins Niedergang“ ins Felde führt, ist das angebliche Fehlen von Übergangsformen im Fossilbericht. Daher im Folgenden eine kleine und nicht annähernd vollständige Auswahl von bisher gefundenen „Übergangsformen“. Zwischen Fischen und Amphibien: Panderichthys, Tiktaalik, Acanthostega, Ichthyostega; zwischen Dinosauriern und Vögeln: Microraptor, Archaeopteryx, Rahonavis, Jeholornis; zwischen Huftieren und Walen: Pakicetus, Ambulocetus, Rodhocetus, Indocetus, Basilosaurus; zwischen anderen Menschenaffen und Menschen: Orrorin, Sahelanthropus, Paranthropus, Autralopithecus africanus/afarensis/robustus, Homo habilis/erectus/ergaster/heidelbergensis/sapiens idaltu. (Präventiv noch die Bemerkung, dass nicht jede der angeführten Arten ein direkter Vorfahr sein muss, sondern womöglich auch ein Seitenzweig der dadurch verdeutlichten Entwicklungslinie sein kann.) Dass, wie von Hart immer wieder betont, die unmittelbaren Vorfahren der Blütenpflanzen bislang nicht identifiziert wurden (wenngleich zeitlich und verwandtschaftlich bereits stark eingeengt), stellt in Anbetracht dessen ein eher kosmetisches Problem dar (zumal die Koevolution mit bestäubenden Insekten von beidseitigem Vorteil ist – da weniger Konkurrenz & exklusivere Bestäubung – und sich somit evolutionstechnisch hervorragend begründen lässt). Das Pseudoargument der „fehlenden Bindeglieder“ taucht in einem späteren Abschnitt des Buches noch einmal in ganz ähnlicher Form auf, nämlich in Bezug auf die ägyptischen Pyramiden: „Wo stehen – um beim Beispiel der Großen Pyramide in Gizeh zu bleiben – die bei einer Entwicklung vom Primitiven zum Höheren notwendigerweise existierenden kleineren, viel kleineren Pyramiden, die sozusagen als Vorserienmuster dienten?“ (300). Hätte der Autor (zufälligerweise abermals Will Hart) vor dieser Publikation auch nur ein grundlegendes Werk über die ägyptischen Pyramiden konsultiert, so wäre er auf die Stufenpyramide des Djoser in Sakkara gestoßen, der man noch deutlich die Entwicklung aus den früheren (und zuhauf gefundenen) Mastabagräbern ansieht, sowie auf die drei (!) Pyramiden von Cheops Vater Snofru, von denen nach zwei missglückten Experimenten (bei der Meidum-Pyramide stürzte die Umhüllung herunter, die „Knickpyramide“ hat einen Knick) erst die dritte zum erwünschten Ergebnis führte.
Auch sonst ist, anders als behauptet die Evolution keinesfalls „noch nicht bewiesen“ (27). Zu den Beweisen zählen neben dem überwältigenden Fossilbericht unter anderem die beobachtete Evolution etwa bei Bakterien (dort sogar fundamentaler Art), aber auch Insekten und Fischen, außerdem das Vorhandensein von Rudimenten und Atavismen (von Vorfahren ererbte, jetzt nutzlose Merkmale) wie etwa die Beinreste bei Walen und Schlangen sowie nicht zuletzt die genetische Verbreitung von Mutationen, deren Menge an Übereinstimmungen bei verschiedenen Arten genau deren Verwandtschaftsgrad angibt, welcher sich zeitlich und genealogisch mit dem Fossilbericht deckt. Diese Belege werden von den Autoren natürlich nicht erwähnt; vielmehr beweisen diese ihre Unkenntnis dessen, worüber sie zu argumentieren glauben, auch durch Aussagen wie jene: „Wir haben alle gelernt, dass sich die Fische zu Amphibien verwandelten, die Amphibien zu Reptilien wurden, die Reptilien sich dann zu Vögeln weiterentwickelten und die Vögel dann zu den Säugetieren führten“ (27). Es wäre in der Art eine interessante Frage, wo Will Hart seine Kenntnisse der Evolutionstheorie erworben hat – kein Wissenschaftler (und wohl auch kaum die Mehrzahl der allgemeinen Bevölkerung) hält Vögel für die Vorfahren der Säugetiere. (Diese stammen vielmehr von einer heute ausgestorbenen Schwestergruppe der Reptilien, den Synapsiden, ab.)
Der nächste Abschnitt widmet sich den möglichen vorzeitlichen Kulturen, die womöglich Opfer jenes letzten hypothetischen Kataklysmus geworden sind – wenngleich illustriert an nur drei Beispielen, der Sphinx von Gizeh, jenen Ruinen auf dem Meeresboden vor Indien und dem Yonaguni-Monument im Meer bei Japan. Auch hier müsste man sich vielmehr mit den zugrundeliegenden Publikationen auseinandersetzen, wobei zumindest die Rückdatierung der Sphinx durch Robert Schoch einer wissenschaftlichen Diskussion durchaus zugänglich sein dürfte. „Die Archäologie-Verschwörung“ bietet an dieser Stelle jedoch nur einige oberflächliche Informationen nebst vielen Behauptungen. Es folgen mehrere Kapitel über Atlantis, die maßgeblich die Thesen Graham Hancocks zu einer vorzeitlichen „Erdkrustenverschiebung“ nacherzählen, auch diese weitgehend redundant. Einzig die Widerlegung der in Mode gekommenen Santorin-Identifikation von Atlantis durch Frank Joseph bietet in sich abgeschlossen eine recht solide Argumentation.
Andere Kapitel bewegen sich vollkommen im Bereich der Esoterik, so etwa Joseph Rays Lobpreisung auf René Adolphe Schwaller de Lubiczs „The Temple of Man“, wo dessen Interpretation des Karnak-Tempels als Sinnbild kosmischer Wahrheiten auf eine schier religiöse Stufe gelobt wird. Auch hier ist keine Auseinandersetzung möglich – werden doch nicht wirklich die (mutmaßlichen) Argumente und Gedankengänge wiedergegeben, sondern nur die Thesen Schwaller de Lubiczs‘ ins Grenzenlose verherrlicht. Die esoterischen Kapitel über die „Weisheit der Alten“ (wer sind eigentlich diese „Alten“, von denen immer die Rede ist?) halten sich allgemein recht wenig mit Argumentation auf und beschränken sich weitgehend auf kühne Behauptungen. Bezeichnend auch, dass selbsternannte „Seher“ wie Edgar Cayce und Rudolf Steiner als glaubwürdige Quellen präsentiert werden, ohne ihre Thesen und Qualifikationen auch nur zu hinterfragen.
Mehrere Kapitel des Ingenieurs Christopher Dunn widmen sich der Deutung der Cheops-Pyramide als Kraftwerk sowie der angeblich unmöglichen Präzision der Steinbearbeitung im alten Ägypten. Diese Abschnitte scheinen bodenständiger und sind einer Analyse zumindest zugänglich. Und auch wenn ich mich mit Dunn nicht auf technischer Ebene auseinanderzusetzen vermag, so bleibt doch trotz allem ein zentraler Kritikpunkt: Dunn betrachtet die ägyptischen Monumente einzig aus einer physischen und modernen Perspektive, ohne jemals auf die zur Verfügung stehenden ägyptischen Quellen einzugehen, so etwa die Papyri Jarf A und B, das Logbuch einer Arbeitskolonne der Cheops-Pyramide, die Steine zum Gizeh-Plateau schiffte, sowie die Pyramidentexte, die zumindest die späteren Pyramiden eindeutig als Grabmäler identifizieren. Besonders betont Dunn die Unmöglichkeit der hohen Präzision, mit der die Ägypter Stein bearbeiteten. Dies wirkt auf den ersten Blick plausibel. Leider geht er jedoch allenfalls rudimentär auf bisherige Hypothesen und Experimente zur antiken Steinbearbeitung ein (bzw. nur auf die, die scheiterten) – zu nennen wären pars pro toto etwa die Experimente von Jean-Pierre Protzen und Stella Nair, die die Präzision der in grenzwissenschaftlichen Publikationen so beliebten Megalithstrukturen von Tiahuanaco nur unter Einsatz von Steinwerkzeugen erfolgreich reproduzieren konnten. Ansonsten sticht Christopher Dunn unter den Autoren des Buches jedoch insofern heraus, dass er zumindest in einem Teil des von ihm behandelten Themas über tatsächliche Kenntnisse verfügt.
Nachdem überraschenderweise Außerirdische das ganze Buch über kaum eine Rolle gespielt haben, streifen schließlich zumindest die Artikel des letzten Abschnitts dieses Thema. Extrem kurz und kaum repräsentativ wird das Werk von Zecharia Sitchin vorgestellt (der anders als behauptet kein Sumerisch beherrschte und einen Großteil der von ihm mesopotamischen Mythen zugeschriebenen Thesen schlichtweg erfand, doch das ist eine andere Geschichte). Ein Beitrag von Len Kasten (der auch schon ein Buch über „Die geheime Weltherrschaft der Reptiloiden“ veröffentlichte) widmet sich möglichen Hinweisen auf eine außerirdische Ursache hinter den sogenannten Pulsaren, Heraugeber Kenyon schreibt noch über Strukturen auf Mars und Mond und ein letzter Beitrag versucht Physik mit reiner Esoterik zu verbinden (und ist, empirisch betrachtet, relativ substanzlos).
„Die Archäologie-Verschwörung“ ist durchaus lehrreich. Nicht über die wahre Vergangenheit der Erde, wohl aber über die Methodik der Pseudowissenschaftler. Sehr wohl gibt es unkonventionelle Themen, über die sich ernsthaft diskutieren lässt – man denke etwa an die durchaus professionell formulierte Theorie Hans Giffhorns zum altweltlichen Ursprung der Chachapoya, und auch andere Themen (Prä-Astronautik, Atlantis, Kryptozoologie) lassen sich empirisch erforschen. J. Douglas Kenyon und die seinen bestätigen mit ihrem Gemeinschaftwerk jedoch die Gesamtheit der negativen Vorurteile, die die akademische Wissenschaft (offensichtlich nicht ganz zu Unrecht) über ihre Zunft hegt: Sie ignorieren die wissenschaftlichen Publikationen und bekannten Fakten zu den Themen, über die sie sich äußern, argumentieren stattdessen gegen allerlei Strohmänner, zeigen durchweg (allenfalls Robert Schoch teilweise ausgenommen) eine starke Nähe zu Verschwörungstheorien, unseriösen Quellen (Seher etc.) und willkürlich-esoterischen Weltkonzepten, und vor allem: Sie ziehen niemals wirklich in Betracht, dass sie falsch liegen könnten – allein dies ist wohl Ursache genug für jene selektive und bigotte Betrachtung von Fakten, bar jeder Quellenkritik alles übernehmend, was den eigenen Thesen entspricht, und auf schier dummdreiste Art und Weise kritisch gegenüber allem anderen, ohne die Position der Gegenseite auch nur einmal eingehend zu recherchieren (siehe Evolution). Abermals, um den zwangsläufig zu erwartenden Vorwürfen vorzubeugen: Doch, es ist möglich, auch unkonventionelle Hypothesen zu diskutieren, wozu sicher viele Wissenschaftler auch bereit wären – doch nicht auf einer Basis, die sich schon methodisch in solcher Weise selbst disqualifiziert. Das Buch selbst enthält letztlich nicht wirklich etwas von Wert – selbst wenn man annähme, die darin zitierten und hochgelobten Werke (etwa Cremos „Verbotene Archäologie“, das Lebenswerk Velikovskys und am ehesten noch die ägyptologischen Publikationen) seien für sich ernstzunehmen (was ich pro forma nicht kategorisch ausschließen will), so könnten doch allein diese selbst darüber Aufschluss geben. Weitere Lektüre steht an, viele Theorien sind zu hinterfragen – über Kenyons „Archäologie-Verschwörung“ indes ist fast alles Wichtige gesagt: Ein höchst polemisches, dabei zugleich relativ substanzarmes Buch, über weite Teile redundant und sich in Wiederholungen ergötzend, das mehr über seine Autoren aussagt als über ihre Forschungsfelder.

Geheimakte Archäologie

Bildergebnis für geheimakte archäologie„Geheimakte Archäologie“ von Luc Bürgin ist ein weiteres typisches Exemplar grenzwissenschaftlicher Literatur zur sogenannten „verbotenen Archäologie“. Wie in dem Genre üblich, stellt der Autor eine Reihe rätselhafter archäologischer Funde vor, die (anscheinend) noch immer einer Erklärung harren. Keiner von diesen ist hierbei wirklich neu; es handelt sich samt und sonders um alte Bekannte des Genres: Zunächst die berühmten und kontroversen Großsammlungen – die Funde aus Burrow’s Cave, die Michigan-Relikte, Pater Crespis Metallbibliothek, die Figuren von Acambaro und die Funde von Glozel (Frankreich). Der zweite Abschnitt behandelt jeweils sehr knapp Themen der Kryptozoologie, darunter der Minnesota-Eismann und der de-Loys-Affe, gefolgt von verschiedenen alten Bauwerken (Yonaguni-Monument, Pyramiden im Rock Lake, Geheimkammer der Cheops-Pyramide …) und den sogenannten Out-of-place-artifacts (darunter das Coso-Artefakt, der Metallkeil von Aiud und der versteinerte Hammer von London, Texas). Ein letztes Kapitel geht auf den angeblichen „Bibelcode“ ein.
Bei dieser Anzahl der behandelten Themen kann natürlich keine wirklich tiefe Auseinandersetzung erwartet werden. Und in der Tat sind die meisten Kapitel extrem knapp, oft nur wenige Seiten, in denen kurz die zentralen Informationen dargestellt werden – noch oberflächlicher also als die meisten ähnlich gearteten Bücher des Genres (z.B. von Erich von Däniken, Reinhard Habeck oder Hartwig Hausdorf). Aus der Reihe fällt indes das allererste Kapitel über die gemeinhin als Fälschungen identifizierten Funde aus Burrow’s Cave – dieses ist als einziges umfangreicher und dringt etwas in die Tiefe, wenn dort die Kontroverse relativ penibel aufgerollt wird, auch anhand mehrerer Originaldokumente (etwa Briefe) – zumal Luc Bürgin hier offensichtlich auch selbst aktive Forschung betrieben, sprich mit den Beteiligten korrespondiert hat. Dieses Kapitel kann also als nützlicher Beitrag zum Thema gelten, von den inhaltlichen Implikationen einmal ganz abgesehen. Auch die beiden nächsten Kapitel (Crespi-Sammlung & Michigan-Artefakte) sind noch einigermaßen ausführlich, der Rest dann schließlich deutlich knapper. Hingegen mangelt es dem Buch grundsätzlich nicht an Bildern – viele Fotografien der Funde illustrieren die Artikel, was nur zu loben ist. Hinzu kommen Abdrucke zahlreicher originaler Dokumente zur Fund- und Forschungsgeschichte mancher Objekte im Anhang, was dem Leser bei einer eventuellen eigenen Recherche unterstützt.
Luc Bürgin ist ganz klar ein Befürworter, nicht Kritiker der grenzwissenschaftlichen Interpretation von Funden. Nichtsdestotrotz werden zumindest bei einigen Themen auch alternative Erklärungen wiedergegeben, z.B. beim Hammer von London (der wahrscheinlich nicht aus der Kreidezeit stammt, sondern schlichtweg in eine moderne Steinkonkretion eingeschlossen ist). Dies ist löblich, wobei eine Auseinandersetzung mit entsprechenden Gegendarstellungen bei den meisten der Funde (z.B. die Acambaro-Figuren) doch fehlt.  Grundsätzlich enthält sich Bürgin weitgehend der eigenen Interpretation und der Ausschlachtung der Funde für konkrete Thesen (Außerirdische, Atlantis, Junge-Erde-Kreationismus …), sondern lässt sie vielmehr als Mysterium stehen. Aus der kritischen Haltung dem wissenschaftlichen Establishment gegenüber macht er trotzdem keinen Hehl, ist dem doch die gesamte umfangreiche Einleitung gewidmet. Mit einer Aufzählung von zahlreichen Revisionen (meist Rückdatierungen) wissenschaftlicher Lehrmeinungen in den letzten Jahrzehnten versucht er deren Fehlbarkeit zu belegen, was aber letztlich doch ein Schuss ins eigene Bein ist – beweist er damit doch vielmehr, dass die akademische Wissenschaft sehr wohl im Angesicht neuer Funde ihre Theorien revidiert, anstatt dogmatisch am Alten festzuhalten.
Das kurze und unterhaltsame Buch ist schnell durchgelesen. Viele der behandelten Themen sind in diesem Genre altbekannt, womit das Buch allenfalls als Überblickswerk taugt, im Falle von Burrow’s Cave und durch die Dokumente ist jedoch zumindest ein gewisser (grenz)wissenschaftlicher Mehrwert geboten. Letztlich ist es kein in diesem Genre wirklich herausstechendes Buch – weder positiv durch inhaltliche Qualität noch negativ durch ein überdurchschnittliches Maß falscher und pseudowissenschaftlicher Aussagen, die sich beide im soliden Mittelfeld bewegen.

Falsch informiert!

Seit über fünfzig Jahren nun veröffentlicht der Schweizer Autor Erich von Däniken ein Buch nach dem anderen mit dem Ziel, das Wirken von Außerirdischen in der grauen Vorzeit des Menschen nachzuweisen. Zu den eher schwächeren Werken gehört „Falsch informiert!“, 2007 erschienen.
Abgesehen von einem weiteren Exkurs zu den leidlich bekannten Nazca-Linien am Ende konzentriert sich das Buch in seiner Gänze auf ein Thema: Mysteriöse Bücher, die den Menschen vor Urzeiten von den Göttern – sprich: Außerirdischen – vermacht wurden. Es beginnt mit dem bis heute nicht entzifferten Voynich-Manuskript – eine solide historische Darstellung, jedoch von eher geringer Relevanz für die nachfolgenden Theorien. Im Zentrum steht zweierlei: Zum einen das apokryphe Buch Henoch, das dem vorsintflutlichen Patriarchen nach eigener Aussage von Engeln diktiert wurde – diesem räumt Däniken unter zahlreichen weiteren Überlieferungen solcher „göttlichen Bücher“ eine Sonderstellung ein und konzentriert sich fortan fast nur darauf, was wohl der plastischen Darstellung von Henochs Kontakt mit den (mutmaßlichen) Außerirdischen geschuldet sein dürfte.
Auf der archäologischen Seite wiederum widmet er sich der ominösen „Metallbibliothek“ des Pater Crespi in Ecuador, einem Korpus von tausenden Stücken aus Stein sowie Gold oder anderen Metallen, deren Authentizität höchst zweifelhaft ist (wobei zumindest ein Teil zweifellos aus modernen, sprich gefälschten Stücken bestehen dürfte). Eng damit in Verbindung steht eine angeblich in einem Höhlensystem gefundene „Metallbibliothek“, die längst zu dem vielleicht fatalsten „Forschungsobjekt“ Dänikens geworden ist: Bereits im Buch „Aussaat und Kosmos“ (1972) behauptete er, von dem Entdecker Juan Moricz in einen Teil der Höhlen geführt worden zu sein. Eine undurchsichtige Affäre entspannte sich daraus, als man ihm später Lügen vorwarf, besagter Moricz von der früheren Zusammenarbeit nichts mehr wissen wollte, Däniken nur noch in einem Seiteneingang des Höhlensystems gewesen zu sein behauptete und spätere Expeditionen nur eine leere und natürliche Höhle vorfanden – woraufhin man die angebliche Metallbibliothek in eine andere Höhle weiter entfernt verlegte, zu der noch dazu ein noch früherer Entdecker auftauchte, der schließlich unter ominösen Umständen ermordet wurde, während schließlich ein gewisser Stanley Hall ebenfalls eine angeblich erfolgreiche Expedition führte … und so weiter und so fort. Es dürfte schwer bis unmöglich sein, die Affäre letztlich aufzuklären und zu rekonstruieren, wer wann und wie oft gelogen hat – können doch weder Juan Moricz noch Erich von Däniken selbst als wirklich seriöse Quellen gelten. „Falsch informiert!“, Dänikens zweiter größerer Beitrag zu der Kontroverse, klärt den Sachverhalt zwar auch nicht letztendlich auf und bringt auch keine wirklich neuen Informationen zu den angeblichen Fundstücken (so diese je existiert haben), doch es dokumentiert immerhin ausführlich – auch anhand etlicher Briefe und anderer Dokumente (so kann man ein Buch auch vollkriegen) – zumindest Dänikens Version der Ereignisse. Für eine letztendliche Rekonstruktion dürfte das Buch also durchaus hilfreich sein, auch wenn man bei allen beteiligten Akteuren ein unbestimmbares Maß an Unwahrheiten in Betracht ziehen muss. Lange Rede, kurzer Sinn: Die „Metallbibliothek“ ist nach wie vor nicht gefunden und gesichert worden, bis auf Weiteres existiert sie nur in Erzählungen.
Dies hält Däniken indes nicht davon ab, bereits ein komplexes Szenario darum zu konstruieren: War da nicht jene Gründungslegende der Mormonen, derzufolge Joseph Smith die Geschichte der nach Amerika ausgewanderten Stämme Israels von einigen vergrabenen Metallplatten her rekonstruierte? Passt dies nicht zu der Geschichte von Henoch, der im Auftrag Gottes himmlische Bücher über die Geheimnisse des Universums verfasste? Das Buch Henoch wurde auch tatsächlich in der Zeit vor der Sintflut vom in den Himmel entrückten Patriarchen Henoch verfasst, ist sich Däniken sicher – schließlich steht dies dort schwarz auf weiß, und hätten etwaige Autoren des Werkes lügen sollen? Diese Leichtgläubigkeit ist bezeichnend: Ein Werk ist glaubwürdig und stammt wirklich von dem zugeschriebenen Autor, weil es selbst dies behauptet. Anstelle eines bloßen Hinweises darauf, dass auch „Lügen“ (in der Theologie nennt man das auch „Redaktion“) ernsthaft in Betracht gezogen werden sollten, ließe sich auch ein vergleichbares Beispiel anführen: Das babylonische Epos Enuma Eliš, nach eigener Aussage in Abstimmung mit dem Gott Marduk niedergeschrieben und penibel kopiert, sowie auch der dem Fischwesen Oannes in den Mund gelegte Bericht des Berossos – beides Werke, die auch Däniken zitiert und anscheinend für glaubwürdig hält – berichten übereinstimmend, Marduk habe Himmel und Erde aus dem auseinandergerissenen Körper der Urgöttin Tiamat geschaffen. Ist dies also ebenso glaubwürdig wie Henoch und dementsprechend als authentischer Tatsachenbericht zu betrachten? Wenn nein – ab welchem Maß von „mythischem“ Charakter darf man von einer wörtlichen Interpretation absehen, und womit begründet ein Erich von Däniken ausgerechnet diese Grenze?
Bleiben wir noch beim Enuma Eliš: Däniken erwähnt das Epos und berichtet von der darin enthaltenen Sintfluterzählung (128) – die das Enuma Eliš jedoch gar nicht beinhaltet (er meint anscheinend die Schilderung im Atramḫasis-Epos). Im Gilgamesch-Epos indes werde Enkidu von einem Adler in den Himmel getragen (59) – eine ähnliche Szene existiert tatsächlich, doch geschieht dieses Ereignis ausdrücklich im Traum Enkidus; dieser wird dort von einem Dämon mit Adlerkrallen zwar gepackt, aber nicht in den Himmel entrückt, sondern überwältigt und in die Unterwelt verschleppt, eindeutiges Vorzeichen seines nahen Todes (vgl. Tafel VII, 165ff). Weniger peripher ist indes, dass Däniken die Auswanderung der israelitischen Stämme aus dem Buch Mormon in die Zeit Henochs datiert, da sie als „Jarediten“ von Henochs Vater Jared, also auch von Henoch selbst abstammen (128, 175), was nicht nur insofern sinnlos ist, da nach biblischer Überlieferung über den einzigen Sintflutüberlebenden Noah alle Menschen von dessen Vorfahren Henoch und Jared abstammen müssen – es widerspricht auch der an anderer Stelle (127) überlieferten Aussage, die Auswanderung habe zu Zeiten des Turmbaus von Babel, also nach der Sintflut und somit lange nach Henoch, stattgefunden. Selbst wenn man die Bibel an dieser Stelle ernst nimmt, wie Däniken es tut, so gibt sie doch seine Argumentation nicht her. Derart plumpe Fehler, die bereits bei einer oberflächlichen Kenntnis der Quellen auffallen sollten, zeugen von einem literarischen Standard, der irgendwo zwischen beeindruckender Inkompetenz und bewusster Täuschung rangiert.
Nicht vergessen werden sollte natürlich das weitere große Thema des Buches, das sich bereits im Titel andeutet: Die ultimative Ladung Wissenschafts-Bashing, eine über etliche Seiten (und immer wieder nebenher) ausgebreitete Tirade über die angebliche Blindheit und Verbohrtheit des Wissenschaftsbetriebs, deren Idiotie Erich von Däniken anscheinend als einzig Vernünftiger gegenüberstehe. Gelingt es ihm in seinen anderen Büchern noch meistens, diese Einstellung in elegante Formulierungen zu verpacken und mit scheinbar plausiblen Beweismitteln zu unterfüttern, so ist in „Falsch informiert!“ der Bogen doch eindeutig überspannt – maßlos polemische, ja fast schon vulgäre Lästerei, der dann doch nur wieder das „Common-Sense-Argument“ entgegengesetzt wird, es sei ja offensichtlich, dass die antiken Texte von Außerirdischen und ihrer Technologie handelten.
In seinen anderen Büchern, die ich bislang las, mögen Dänikens Theorien – obgleich größtenteils widerlegbar – bisweilen noch faszinierend und bedenkenswert gewesen sein. „Falsch informiert!“ indes macht da eine Ausnahme: Bis auf die simple Feststellung, dass viele Überlieferungen von göttlich diktierten Büchern handeln (wobei einige der schönsten Beispiele etwa aus dem alten Orient Däniken offenbar noch unbekannt waren), sowie einen gewissen Beitrag zur Aufarbeitung der ohnehin zweifelhaften Kontroverse um die Metallbibliothek enthält das Buch keinerlei neues Sachmaterial (sowohl Henoch als auch Pater Crespi und die Nazca-Linien sind wahrlich ein alter Hut), dafür aber wissenschaftsfeindliche Monologe so bislang kaum gekannten Ausmaßes, von den üblichen Fehlschlüssen einmal abgesehen (einmal mehr: Wie sollten sich unabhängig entstandene Außerirdische mit Menschen paaren können?). Auch für den Autor, der zurecht als Pseudowissenschaftler gilt, ist „Falsch informiert!“ somit ein ziemlicher Tiefpunkt.

Unsolved Mysteries: Die Welt des Unerklärlichen

Liebhabern des Mysteriösen, der sogenannten „alternativen Archäologie“, sind sie wohlbekannt: die Tonfiguren von Acambaro aus Mexiko, von denen einige aussehen wie Dinosaurier; jener in Felsgestein eingeschlossene Eisenhammer, der angeblich aus der Kreidezeit stammen soll; die vielen Figurinen aus Südamerika, die aussehen wie Astronauten in Raumanzügen … Inzwischen haben sich viele dieser mysteriösen Relikte angesammelt, zusammengetragen von Anhängern der Prä-Astronautik, Kreationisten, modernen Geheimnisjägern. Genug auf jeden Fall, dass Klaus Dona im Jahr 2001 die Ausstellung „Unsolved Mysteries – die Welt des Unerklärlichen“ ins Leben rief, die für eine begrenzte Zeit zahlreiche Originale dieser Stücke erstmalig in Europa versammelte.
Nicht zuletzt aufgrund meines damaligen Alters von rund drei Jahren war es mir nicht möglich, die Ausstellung zu besuchen – doch wie die meisten anderen archäologischen Ausstellungen brachte auch „Unsolved Mysteries“ einen Katalog heraus, der reich bebildert und kommentiert die zahlreichen Exponate darstellt. Es bedurfte einer gewissen Mühe, das Buch im Internet-Gebrauchthandel aufzustöbern, da es längst nicht mehr nachgedruckt und aufgrund von Namensähnlichkeiten gerne einmal verwechselt oder missverständlich angeboten wird. (Einigermaßen auf der sicheren Seite ist man mit der ISBN 3-9501474-0-3, zumal auch kein alleiniger Autor oder Herausgeber genannt ist.)

Ganz egal, ob man Anhänger der fraglichen Theorien ist oder nicht, ist der Katalog doch eine Bereicherung, schon allein durch die Darstellung so vieler einzelner Stücke mitsamt Bildern, mehr als in den üblichen Monographien des Genres der grenzwissenschaftlichen Archäologie. Insofern eignet es sich zu dem Thema gut als oberflächliches Nachschlagewerk.
Doch wie ist es um den Sachinhalt bestellt? Wie viele Ausstellungskataloge gliedert sich das Buch in zwei Hälften: Einen mit Artikeln zu verschiedenen Themen, geschrieben teils von bekannten Autoren des Genres, sowie einen zweiten mit dem Katalog der Objekte. Die Autoren des Katalogteils bleiben ungenannt – auf jeden Fall aber dürfte Reinhard Habeck (der auch als Mitherausgeber fungiert) einen maßgeblichen Teil dazu beigesteuert haben, scheint doch die Beschreibung eines der „Astronauten“ fast wortgleich mit der in seinem Buch „Dinge, die es nicht geben dürfte“.
Die Texte des ersten Teils sind von sehr unterschiedlicher Qualität. Besonders die ersten leiden alle an einem recht simplen Sprachstil, der vielleicht in Hinblick auf Massentauglichkeit gewählt wurde. Einigermaßen fundiert und interessant geschrieben sind die Beiträge über Prä-Astronautik und Cargo-Kulte von Ulrich Dopatka und Peter Fiebag/Horst Dunkel, ebenso Andrew Collins‘ Abschnitt über die Pyramiden. Andere wie die Artikel über die Funde von Acambaro und Glozel bleiben ziemlich schlicht und oberflächlich. Highlight ist indes das von dem berüchtigten Neokatastrophisten Hans-Joachim Zillmer verfasste Kapitel, in dem dieser wieder einmal versucht, die Evolution mit Funden und Behauptungen zugunsten einer fast kreationistischen Katastrophentheorie zu widerlegen. Nicht nur, dass er dabei (wie zu erwarten) wissenschaftliche Fakten ignoriert oder einfach ablehnt, gegen eine Strohpuppe der Wissenschaft aus dem 19. Jahrhundert argumentiert und längst widerlegte Beweise präsentiert: Auch zitiert er gerne andere Autoren, die darin nur wieder ihn selbst zitieren und loben. Am erstaunlichsten ist indes die Erwähnung einer alten Tonfigur (S. 37) – im Rahmen einer Aufzählung von Funden gleich zweimal, wortwörtlich identisch!

Doch zeugt dieser Schnitzer nun von Zillmers Inkompetenz oder vielmehr von der des Lektors? Letzterem ist ganz bestimmt kein Vorwurf zu machen, müssen wir doch in Anbetracht des Gesamtwerkes davon ausgehen, dass er höchstwahrscheinlich nicht existierte. In der Tat nämlich strotzt das Buch vor Fehlern – neben diversen inhaltlichen (womit gar nicht einmal die zentralen argumentativen Knackpunkte gemeint sind, sondern vor allem die Kleinigkeiten) vor allem auch zahllose orthografische in vielerlei Form. Mit Fug und Recht kann man da von einem lieblos und schlampig zusammengestellten Werk sprechen.

Und der Katalogteil? Die Fotografien sind samt und sonders mittelmäßig – einigermaßen akzeptabel noch, aber nicht ansatzweise dem gewohnten Standard von Ausstellungskatalogen entsprechend (zumal alle Stücke offensichtlich in der Ausstellung und nicht etwa in einem professionellen Studio fotografiert wurden). Doch sie erfüllen ihren Zweck und bieten doch eine hinreichende Illustration zahlreicher erstaunlicher Themen: Neben Astronauten-Figurinen und Kristallschädeln auch eine ganze Reihe mutmaßlicher Belegstücke für präkolumbische Kontakte zwischen alter und neuer Welt, etliche Stücke aus einschlägig bekannten Sammlungen wie der Burrows Cave und der „Metallbibliothek“ des Pater Crespi, erstaunliche Stücke des Fundortes Glozel (Frankreich) und eine beträchtliche Zahl solcher vor allem aus Südamerika, die nicht von grenzwissenschaftlicher Relevanz sind, sondern einfach nur erstaunlich. Nicht zuletzt ist es den Ausstellern gelungen, die bekanntesten Exponate des berüchtigten Creation Evidence Museums in Glen Rose, Texas, für ihre Ausstellung zu entleihen – zwar alle längst als stumpfe Fehlinterpretationen enttarnt (siehe etwa die Website von Glen Kuban), die nicht ansatzweie ihren Anpruch einlösen, die etablierte Erdgeschichte zu widerlegen, doch nichtsdestotrotz berühmt in diesem Genre. Schade ist indes, dass die meisten der Acambaro-Figuren ohne Abbildung bleiben, was die Beschreibungen der Einzelstücke ziemlich öde und beliebig macht. Positiv zu erwähnen sind indes die peniblen Daten wie Größe sowie Fund- und Aufbewahrungsort aller Stücke, während die beistehenden Texte hingegen eher oberflächlich bleiben.

Fachlich bzw. wissenschaftlich war von Anfang an nicht viel von dem Katalog „Unsolved Mysteries“ zu erwarten – natürlich wird nicht auf dem Stand der tatsächlichen Erkenntnisse berichtet und argumentiert, der doch über einige der Stücke und Themen längst hinweggegangen ist. Gleichzeitig wird ein Spagat versucht zwischen mysterienfreundlichem Agnostizismus (Habeck), fanatischem Geschichtsrevisionismus (Zillmer) und einer noch relativ konventionell ausgerichteten Erzählerinstanz mancher Einleitungen. Handwerklich enttäuscht das Werk durch die zahlreichen Fehler. Immerhin als zweitklassige Zusammenstellung so vieler bebilderter Funde taugt es doch etwas – zumindest, solange auf dem Markt keine erstklassige existiert. Beim Gebrauchtkauf sollte man einfach ein Angebot für unter einen Euro abwarten (wie ich es tat) – dann lohnt es sich auf jeden Fall.

Kritik der Prä-Astronautik – eine Doppelrezension

1968 veröffentlichte Erich von Däniken sein Buch „Erinnerungen an die Zukunft“ – nicht das erste Werk der sogenannten Prä-Astronautik, doch definitiv das, welches die These, in grauer Vorzeit hätten Außerirdische Einfluss auf die menschliche Zivilisation genommen, mehr als jedes zuvor einem breiten Publikum nahebrachte. Bis heute folgten zig weitere Bücher des Autors, die Zahl der dadurch inspirierten „Forscher“ ist Legion. Natürlich war das Werk von Dänikens von Anfang an heftiger Kritik ausgesetzt, die ihm Unplausibilität, Lügen, Quellenverdrehungen und sogar Plagiat vorwirft. Bis heute wird die Prä-Astronautik von der akademischen Wissenschaft nicht ernst genommen – was niemand öfter oder vehementer betont als die Prä-Astronautiker selbst. Doch welcher Art sind diese so vernichtenden Kritiken der „richtigen“ Wissenschaft eigentlich?
Es braucht einige Zeit, sie zu finden, sind sie doch weit weniger zahlreich und auflagenstark als das von ihnen behandelte Objekt. Zwei kritische Repliken fand und las ich – mit einem Fazit, das unterschiedlicher kaum sein könnte.

Bildergebnis für erinnerungen an die wirklichkeitZu den Kritikern der ersten Stunde gehörte Gerhard Gadow, der 1971, damals noch Schüler, die Gegendarstellung mit dem einfallsreichen Titel „Erinnerungen an die Wirklichkeit“ veröffentlichte.
Mit rund 100 Seiten ist das Büchlein nicht umfangreich und schnell durchgelesen – doch der Qualität tut das keinen Abbruch. In erster Linie nimmt Gadow sich Dänikens Quellen vor – mit fatalem Ergebnis: So wird etwa anhand einer ganzen Reihe Zitate nachgewiesen, dass Däniken zahlreiche Informationen, ja mitunter kaum umformuliert ganze Passagen samt Fehlern aus Robert Charroux‘ „Phantastische Vergangenheit“ übernahm, einem früheren und weniger bekannten Werk der Prä-Astronautik. An anderer Stelle, so bleibt kein anderer Schluss möglich, muss Däniken Informationen in den ihm bekannten Quellen, die seinen Thesen widersprechen, bewusst ignoriert haben. Doch auch abseits der bloßen Quellenkritik schlägt Gadow gnadenlos, doch wohl fundiert zu: Gleich mehrere der angeblichen Beweismittel Dänikens werden empirisch widerlegt – so etwa die Karte des Piri Reis (die überhaupt nicht das darstellt, was man ihr zuschreibt, und der bei Däniken eine moderne Karte als angeblicher Zwilling beigesellt wurde) oder das immer wieder beliebte Thema der Osterinsel-Statuen (die, wie moderne Experimente zeigen, sehr wohl bewegt werden konnten und ganz und gar nicht in Dänikens Hypothesen sie betreffend passen). Bei all dem bleiben manch harte Worte natürlich nicht aus, doch beschränkt sich Gadow auf das, was er wirklich aus seinen Beweisführungen ableiten kann – fundierte Urteile statt polemischer Schmähkritik. Natürlich finden sich auch in diesem Buch marginale Kritikpunkte, die sich aber überwiegend aus der Zeit der Entstehung herleiten lassen – als die Hieroglyphen der Grabplatte von Palenque einfach noch nicht entziffert waren und man durchaus noch das Wort „Neger“ benutzen konnte, ohne sich wie heute als eindeutiger Rassist zu outen. Davon unberührt bleibt freilich der Kern der Ausführungen, deren Schlussfolgerungen heute so aktuell sind wie damals. Trotz geringem Umfang letztlich ein vorzügliches Werk, das in nicht viel mehr Worten als notwendig Dänikens erstes Buch geradezu seziert.

Bildergebnis für beweisnot glanz und elend

Einen anderen Eindruck indes macht das Buch „Beweisnot: Glanz und Elend der Astronautengötter, das Ende einer Legende“ von Emil-Heinz Schmitz. Mit mehr als doppelt so vielen Seiten, zumal auch als Harcover erhältlich, macht es einen deutlich hochwertigeren Eindruck als Gerhard Gadows Broschüre. Der Inhalt freilich vermag diesen Anspruch weniger einzulösen. 
Das Buch beginnt mit reihenweise Zitaten aus dem Werk „Und sie waren doch da“ von Wilhelm Selhus – einem satirischen Sachbuch, das überspitzt die Erkenntnismethoden der Prä-Astronautiker parodiert. Eigentlich eine geeignete Einleitung – doch Schmitz übertreibt es schon hier. Über zig Seiten gibt er Selhus‘ „neologische“ Schlussfolgerungen wieder und behandelt sie wie mit vollem Ernst – was heißt, dass er stets über deren Unplausibilität herzieht und somit plump jeden ironischen Charakter vermiest. Es folgt ein historische Abriss über die frühe Geschichte der Prä-Astronautik-Theorie, die im Wesentlichen das Ziel verfolgt, zu belegen, dass Däniken bei weitem nicht der erste war, sondern seine Theorien auf einem schon längst allzu fruchtbaren Feld aufbaute. Das gelingt – einigermaßen interessant, im Laufe der Ausführungen dann aber doch eher trocken. Der schließlich überwiegende Teil des Buches ist dem Bemühen einer „Auseinandersetzung“ mit der prä-astronautischen Theorie gewidmet. Doch trotz zahlreicher penibler Fußnoten (wie sie die kritisierten Grenzwissenschaftler oft vermissen lassen, die aber trotzdem nicht alleine für Wissenschaftlichkeit ausreichen) kommt dabei nur ein anstrengend zu lesender Wust heraus, der am ehesten zum Fremdschämen einlädt. De facto besteht Schmitz‘ Kritik daraus, dass er zahlreiche oft ellenlange Passagen prä-astronautischer Werke wörtlich zitiert und deren Inhalt anschließend mit nichts als hämischen Kommentaren über deren Unglaubwürdigkeit abtut. Offensichtlich hat Schmitz wirklich zahlreiche Quellen gesichtet, wofür ihm ein gewisser Respekt gebührt – doch jeden eigenen Beitrag von Substanz sucht man vergeblich. Die auf die unzähligen Zitate folgende Kritik bleibt meist bei Urteilen wie folgenden: „Selbstverständlich! Man muss nur die nötige Phantasie entwickeln.“ (91); „Nun ja, der Phantasie sind wirklich keine Grenzen gesetzt.“ (Ebd.); „Das ist die Ansicht eines streitbaren Sonntagsforschers, mehr nicht! In Wirklichkeit beweisen all diese Überlieferungen gar nichts.“ (112); „Wir haben zu diesem „Raumfahrer“ nichts weiter zu sagen und überlassen es dem Leser, sich anhand der Abbildung sein eigenes Urteil zu bilden.“ (217f); abermals: „Der Leser möge selbst die Antwort geben!“ (224) und nicht zuletzt „Da kann man nur sagen: O armer Götter-Erich!“ (114). Ja, ich schließe mich der Ansicht Schmitz‘ an, dass viele der zitierten Thesen und Interpretationen ganz einfach unplausibel bis lächerlich sind und sich bisweilen durch bloßen gesunden Menschenverstand widerlegen lassen. Doch für diese Feststellung brauche ich kein Buch, das mir das sagt! Wenn der Leser sicher von selbst zum richtigen Urteil gelangen wird, wie ja oft genug postuliert, dann ist das Buch überflüssig. Schmitz indes geht in seiner deutlich zur Schau gestellten Borniertheit ganz selbstverständlich davon aus, dass all die genannten Theorien sich ohnehin schon selbst demaskieren und in ihrer Lächerlichkeit keine weitere Diskussion wert sind. Das ziemt sich vielleicht gerade noch für einen Kabarettisten, unter keinen Umständen aber für einen Autor mit wissenschaftlichem Anspruch. Fast wirkt es, als wolle Schmitz auf jeden Fall all jene Klischees bestätigen, die seine Gegner in den Grenzwissenschaften über den akademischen Betrieb kultivieren. 
Freilich – bisweilen gibt es in der Tat Gegenargumente. Hin und wieder zitiert Schmitz etwa ebenso umfangreich die Kommentare richtiger Wissenschaftler, die dann auch bisweilen wirkliche Sachargumente, oft aber auch nur ein wertendes Fazit beinhalten. So manche der angebotenen alternativen Erklärungen sind indes selbst wenig fundiert (wie etwa die These, Hörner hätten in Babylonien die Venus symbolisiert, S. 222) oder aber von unglaublicher Banalität („Mythen sind immer einfach nur phantastische Ausschmückungen“). Eigene Argumente, die hin und wieder gegen grenzwissenschaftliche Thesen angeführt werden, sind meist ziemlich platt – womit sie manchmal richtig liegen, öfters aber auch am Kern der Sache vorbeigehen. Kaum eine Auseinandersetzung gibt es indes mit jenen „handfesten“ Argumenten der Prä-Astronautiker. Die sind nämlich durchaus vorhanden, auch wenn sie sich bei näherer Betrachtung meist als schlichte Fehldarstellungen und -interpretationen herausstellen. Derartiges bleibt oft unwidersprochen oder wird ebenso als lächerlich abgetan, obwohl eine sachliche Widerlegung möglich und sinnvoll (allerdings mit größerem Rechercheaufwand verbunden) gewesen wäre. Ja, zugegeben, es finden sich auch einige sinnvolle Widerlegungen und verwertbare Argumente – doch machen sie eben nur einen auffällig geringen Teil eines Buches aus, das fast ausschließlich aus Zitaten und hämischer Polemik zu bestehen scheint. Auffällig ist dabei auch der inflationäre Gebrauch abwertender Aussagen über die fraglichen Autoren wie etwa Erich von Däniken (der die Dummheit seiner Leser ausnutze, nur aufs Geldverdienen aus sei etc.) – vieles davon mag stimmen, doch man hätte es belegen müssen, zumal ein derartig salopp-polemischer Tonfall sich ganz allgemein in einem solchen Werk wenig ziemt.

So könnten die beiden Bücher dann verschiedener kaum sein: Das eine weist penibel Plagiat, Quellenverdrehung und Unplausibilität nach und wird dabei nie polemischer als daraus resultierend (was schon genug ist), das andere indes ergötzt sich nur in bornierter Häme, bläht sich selbst durch eine Flut von Zitaten ohne Auseinandersetzung und mit wenig eigenem Beitrag auf und belegt seine Thesen nur hin wieder besser als die von ihm kritisierten Grenzwissenschaftler.
Was lernen wir daraus? Was ein Erich von Däniken postuliert, ist unseriös und nicht haltbar – doch nur weil man sich dagegen stellt, ist man selbst nicht unbedingt professioneller.

Mein Vater war ein MiB 2: Missing Link

Mein Vater war ein MiB - Band 2Das Genre der Verschwörungsliteratur erlebte einen neuen Höhepunkt, als ein unter dem Pseudonym Jason Mason bekannter Autor im letzten Jahr sein Monumentalwerk „Mein Vater war ein MiB“ veröffentlichte. Mason, nach eigener Aussage wirklich der Sohn eines Man in Black, versammelte darin Behauptungen zahlreicher Pseudowissenschaftler, Verschwörungstheoretiker und selbsternannter Whistleblower über Aliens, Zeitreisen, Reptiloiden, Riesen, UFOs im Dritten Reich und was immer sonst uns bekanntlich von der Verschwörung khasarojüdisch-satanistischer Freimaurer-Illuminaten verheimlicht wird. Kaum ein Jahr nach jenem grotesken, wenngleich teils unterhaltsamen Machwerk erschien nun eine Fortsetzung: „Mein Vater war ein MiB 2: Missing Link“.
Während der erste Band noch zahlreiche unabhängige Aspekte pseudowissenschaftlicher Phantastik rezipierte, konzentriert sich der zweite weitgehend auf einen einzigen: Den Frontalangriff auf das Rückgrat des wissenschaftlich-naturalistischen Weltbildes, die Evolutionstheorie. Diesen ewigen Dorn im Auge jedes anständigen Spinners versucht Mason zu widerlegen – durch der Evolution scheinbar widersprechende Fundstücke, pseudowissenschaftliche Argumentation und einen guten Schuss ganz konkrete Verschwörungstheorien. Die These: Von Anfang an war die Evolutionstheorie nichts als eine Erfindung satanistischer Freimaurer, um die Menschen von ihren wahren Ursprüngen abzubringen, die irgendwo zwischen göttlicher und außerirdischer Schöpfung rangieren.
War Band 1 noch eine ungeordnete Zusammenstellung zahlreicher Denktraditionen, kristallisiert sich hier nun eine klare und mehr als beängstigende Ideologie heraus: Im Wesentlichen christlicher Kreationismus, ergänzt durch Prä-Astronautik und zutiefst nationalsozialistisches Gedankengut – eine eierlegende Wollmilchsau menschlichen Irrsinns also. Doch damit ist das Fazit schon vorweggenommen – was genau denn führt Mason an, wie ist es zu bewerten?

Beginnen wir mit dem in der Wissenschaft wichtigsten Apekt: Der Quellenarbeit. Zur allgemeinen Überraschung beinhaltet das Buch am Ende ein umfangreiches Literaturverzeichnis, auf das durch zahlreiche Fußnoten verwiesen wird. Doch die Furcht, tatsächlich einmal einem wohl fundierten Werk gegenüberzustehen, zerschlägt sich denkbar schnell: Bei keinem einzigen erwähnten Buch werden Seitenzahlen genannt; die Fußnoten gelten stets für einen ganzen Textabschnitt – ein direkter Beleg einzelner zur Argumentation relevanter Informationen findet also niemals statt. Vielmehr stellen die aufgeführten Quellen überwiegend Machwerke anderer pseudowissenschaftlicher, oft etwa kreationistischer Autoren dar, deren komplexe Ideenkonstrukte in Gänze und unreflektiert übernommen werden, ohne die dahinterstehenden Beweisführungen wiederzugeben bzw. zu hinterfragen. Insofern stellt das Buch – vielleicht nicht ganz so plakativ, aber letztlich ebenso wie der erste Teil – in weiten Teilen schlichtweg eine Kompilation verschiedenen einschlägigen Gedankenguts dar, wobei „Beweisführungen“ allenfalls übernommen, aber kaum selbst entwickelt werden.
Wie in diesem Genre zwangsläufig zu erwarten, unterliegt der Autor dabei zwangsläufig einer Wahrnehmungsverzerrung bei der Quellenbewertung: Was in das eigene Konzept passt, wird kritiklos zitiert, was ihm widerspricht, hingegen kategorisch abgelehnt. So ist es auch kein Problem, einerseits die gesamte Zunft der Wissenschaft als eine mit allgemeiner Desinformation beauftragte Verschwörung zu charakterisieren, zugleich aber Erkenntnisse und Aussagen ebendieser Wissenschaft zu zitieren, wann immer sie die eigenen Thesen zu bestätigen scheinen. Wenn man tatsächlich die Existenz einer weltweiten Verschwörung annimmt, die über schier unbeschränkte Fähigkeiten verfügt, um falsche Belege zu fälschen und echte zu unterdrücken (wie explizit postuliert) – auf welcher Basis kann man überhaupt noch irgendeine Quelle zitieren? Müsste nicht auch davon ausgegangen werden, dass gerade im Feld der „Aufklärer“ jenseits des wissenschaftlichen Mainstreams ebenfalls Desinformation betrieben wird? Wenn die Verschwörer Millionen von Fossilfunden und anderen Belegen fälschen – wieso nicht auch ein ganzes Pantheon pseudowissenschaftlicher Theorien und Beweismittel für diese, um von der Wahrheit abzulenken und die Zunft der Verschwörungstheoretiker unglaubwürdig zu machen?

Doch ab von der Form – was geben die Argumente her? Das Hauptanliegen des Buches (abgesehen vom finanziellen Erlös) ist natürlich die Zerschlagung der Evolutionstheorie. Diese ist selbstverständlich die Erfindung einer Verschwörung satanistischer Freimaurer – obgleich es dafür natürlich keine Belege gibt, die über einzelne nachgewiesene Fälschungen (etwa den Piltdown-Menschen und die gefälschten Datierungen des Anthropologen Reiner Protsch, beide letztlich von akademischen Wissenschaftlern aufgedeckt) sowie die bloße Mitgliedschaft mancher früher Verfechter der Evolutionstheorie bei den Freimaurern hinausgehen. Besonders kurios etwa wird es, wenn schon die „Beringerschen Lügensteine“, über hundert Jahre vor Veröffentlichung von Darwins „Über die Entstehung der Arten“ hergestellt, als Beispiel wissenschaftlicher Beweisfälschung pro Evolution angeführt werden (230ff). Eine These also, deren Widerlegung weder möglich (weil dogmatisch-verschwörungstheoretisch) noch nötig (weil gänzlich unbelegt) ist.
Anders sieht es aus mit den zahlreichen Sachargumenten, die Jason Mason gegen die Evolution zu Felde führt. Diese nämlich lesen sich wie ein Best-Of der bekanntesten und stumpfsinnigsten Pseudoargumente der kreationistischen Gemeinde und zeugen von fundamentalem Unverständnis biologischer Grundlagen. Im Folgenden eine unvollständige, aber repräsentative Auswahl:

  • „Manche Wesen waren in der Vergangenheit größer, also hat es keine Evolution gegeben.“ (z.B. Riesenlibellen, -tausendfüßer, -faultiere, -haie, -schildkröten auf S. 123ff) Die dahinterstehende Überzeugung: Evolution bedeutet permanente und zielgerichtete Höherentwickelung nach dem Motto „Größer, stärker, besser!“ – eine gänzlich antievolutionäre Vorstellung, denn auch und gerade große und „stärkere“ Lebewesen weisen gegenüber ihren vermeintlich schwächeren Verwandten Selektionsnachteile auf: Sie brauchen mehr Ressourcen (Nahrung, Raum) und haben eine geringere Reproduktionsrate (wachsen länger, werden daher später geschlechtsreif, gebären weniger Junge pro Wurf). Aus diesem Grund sind die großen und starken „Luxusprodukte“ der Evolution, bei gewöhnlichen Bedingungen noch überlegen, bei Ressourcenknappheit und anderen Umweltveränderungen oft die ersten, die aussterben (zumal sie sich dank längerer Generationenfolge weniger schnell an Veränderungen anpassen können). Evolution bedeutet nicht zwangsläufig eine Entwicklung zum „absolut“ Besseren, sondern Anpassung an gegebene oder sich ändernde Umweltbedingungen. Auf genau diesem Missverständnis basiert auch Masons Überzeugung, die Überreste von Riesen, die mutmaßlich in amerikanischen Grabhügeln gefunden wurden, seien ein Beweis gegen die (so ja nie behauptete) lineare Entwicklung des Menschen. Selbst sähe man die historische Existenz von Riesen als gesichert an, wären sie doch vielmehr als weiterer Zweig des menschlichen Stammbaumes anzusehen, der schlussendlich seinen kleineren Verwandten doch selektiv unterlegen war – da sich langsamer vermehrend und daher von geringerer Zahl, möglicherweise auch intellektuell dem Homo sapiens oder immunologisch dessen Krankheitserregern nicht gewachsen.
  • Selbige Grundannahme steht hinter dem Hinweis auf zahlreiche Gebrechen und/oder Schwächen des Menschen (196): „Das bedeutet, dass der Mensch bei weitem nicht so gut an das Überleben in der Natur angepasst ist wie die Affen […]“ – nun, eben deshalb, da wir eine andere ökologische Nische einnehmen als jene. Nach Mason indes müsste ein „höher entwickeltes“ Wesen dem vorangegangenen in jeder Hinsicht überlegen sein, also der Mensch beispielsweise auch besser klettern können, stärker sein etc. als ein Affe – eine Vorstellung, die eher in ein Modell nationalsozialistischen Übermenschentums passt als in die tatsächliche Evolution. Beispiel: Füße können entweder fürs Laufen oder fürs Klettern optimiert sein (was Mason auf S. 196 nicht versteht) – beides zusammen geht nicht oder wäre nur ein Kompromiss, in beide Richtungen nicht perfekt.
  • „Manche Lebewesen haben sich lange Zeit nicht verändert.“ (z.B. 180 Quastenflosser und 183f Schnabeltier) Eine Art entwickelt sich nur dann signifikant weiter, wenn ein Selektionsdruck besteht, etwa durch veränderte Umweltbedingungen – ein Wesen wie etwa ein Hai oder Krokodil, die seit Urzeiten ihre ökologische Nische perfekt ausfüllen, haben keinen Bedarf nach grundlegender Weiterentwicklung, wozu auch? Gerade das Schnabeltier indes ist ein schlechtes Beispiel, unterscheiden sich doch seine frühen Vertreter deutlich von den heutigen (so hatten jene noch Zähne und waren größer).
  • „Es gibt keine Zwischenformen. Wir sehen auch heute keine Wesen, die sich gerade zu anderen weiterentwickeln.“ Kein Lebewesen ist einfach nur „Zwischenform“ auf dem Weg zu einer nächsten Spezies – ein jedes stellt eine überlebensfähige, an ihre Umwelt angepasste Art dar. Das Konzept des „Missing Links“ (ein Wort, das heute fast nur noch von Kreationisten verwendet wird) entsteht überhaupt erst durch die zwangsläufigen Lücken in den Fossilfunden – tatsächlich gab es niemals Lücken oder Sprünge, sondern nur eine stetige Entwicklung. Insofern ist eine jede Art, die nicht direkt ausstirbt, „Zwischenform“ zu einer nächsten – und beobachten tun wir es bei größeren Tieren allein deshalb nicht, weil die Zeiträume des fließenden Übergangs zu groß für unsere Betrachtung sind (abgesehen davon, dass ein Ausschnitt wie „jetzt“ per definitionem keine Entwicklung zeigen kann). Und doch, die „Übergangsformen“, wenn man dieses Konzept unbedingt aufrecht erhalten will, wurden in großer Zahl gefunden – was Jason Mason indirekt auch eingesteht, denn er hält sich lange daran auf, etwa den Archäopteryx sowie sämtliche Urmenschenfossilien (ohne Belege) als Fälschungen zu bezeichnen. Ersterer sei ein manipulierter Dinosaurier (was ist eigentlich mit den ganzen anderen Funden gefiederter Dinosaurier, etwa aus China?), letztere einfach nur Affen oder moderne Menschen. Ignoriert wird natürlich, dass die Funde von Urmenschen (u. a. Australopithecus afarensis, africanus, robustus; Homo habilis, erectus, ergaster, heidelbergensis etc.) inzwischen so zahlreich sind, dass sie längst einen so fließenden Übergang ohne jegliche Zäsur zeigen, dass man kaum eine Art scharf von der nächsten abgrenzen kann, vom „Affen“ Australopithecus bis zum modernen Homo sapiens.
    Pro forma noch einmal eine kleine, unvollständige Auswahl anderer „Übergangsformen“, etwa zwischen Fischen und Amphibien (Panderichthys, Tiktaalik, Acanthostega …), zwischen Landtieren und Walen (Pakicetus, Ambulocetus, Rodhocetus, Indocetus) oder Seekühen (Pezosiren, eine Seekuh mit Beinen).
  • „Wenn Menschen sich aus Affen entwickelt haben, wieso gibt es dann noch Affen?“ Der ultimative Klassikerspruch, um dümmliches Unverständnis zu signalisieren. Niemand behauptete jemals (außer Kreationisten), Menschen hätten sich aus heutigen Menschenaffen entwickelt – diese stellen eine Schwestergruppe dar. Genauso gut könnte man sagen: „Wenn mein Cousin mein Vorfahr ist, wieso gibt es ihn dann noch?“. Weshalb sich aber die neuen Affen oder auch alle anderen Tiere nicht zu menschenartigen Wesen weiterentwickeln? Möglicherweise deshalb, weil aktuell kein Selektionsdruck gegeben ist, der etwa eine Entwicklung hin zum vollständig aufrechten Gang (beim Klettern unnütz bis schädlich) oder einem größeren Gehirn (das auch deutlich mehr Energie verbraucht) erzwingen würde, oder weil die Mutation der richtigen Gene statistisch unwahrscheinlich und daher nur bei wenigen Arten je geschehen ist.
  • „Mutation bringt niemals nützliche Merkmale hervor, sondern nur Schäden.“ Objektiv falsch, wie beispielsweise das von Richard Lenski an Darmbakterien der Art Escherichia coli durchgeführte Experiment beweist – diese entwickelten allein durch Mutation und einen entsprechenden Selektionsdruck innerhalb von 31.500 Generationen die Fähigkeit, Citrat anstelle von Glucose als Nahrungquelle zu verwenden.

Im vorliegenden Umfang konnten natürlich nur einige der vorgebrachten „Argumente“ berücksichtigt und nur oberflächlich diskutiert werden. Bezeichnend ist indes auch, dass die zahlreichen von der Wissenschaft bislang vorgebrachten Beweise für die Evolution von Mason überwiegend ignoriert (und auch wenn nicht, nur mit platten Behauptungen und Fehlschlüssen beantwortet) werden. Darunter zu nennen wären unter anderem: das Vorhandensein von nutzlosen Rudimenten aus früheren Entwicklungsphasen (z.B. Reste von Hintergliedmaßen bei Walen und Schlangen, Gänsehaut beim Menschen), als Atavismen bekannte deaktivierte, aber genetisch noch vorhandene Merkmale (z. B. der Plan zur Metamorphose beim Axolotl), die homologe Konstruktion von Organen verwandter Wesen nach gleichartigem Grundplan (z. B. die Vordergliedmaßen der Wirbeltiere, die die gleichen Knochen aufweisen, ob bei Mensch, Wal, Fledermaus, Saurier, Vogel oder Amphibium) sowie die nach kreationistischen Kriterien sinnlose bis absurde Konstruktion mancher Organe (z. B. der rückläufige Kehlkopfnerv, der bei der Giraffe entwicklungsbedingt einen unnötigen Umweg von fast fünf Metern macht). Hinzu kommen genetische Belege (Frequenz von Mutationen), die den Grad der Verwandtschaft erkennen lassen und sich mit dem Fossilbericht decken. Detaillierter damit auseinandergesetzt hat sich beispielsweise Richard Dawkins in seinem Werk „The Greatest Show on Earth“ (Dt. „Die Schöpfungslüge).

Doch auch wenn die theoretischen Argumente widerlegbar sind – was ist mit den zahlreichen Fundstücken, die Mason anführt, die nicht in die bekannte Chronologie der Erdgeschichte zu passen scheinen? Tatsächlich nennt er etwa 40 solche kuriosen Artefakte, von „300 Millionen Jahre alten“ Metallschrauben, Wagenrad und Eisentopf, einer „200 Millionen Jahre alten Schuhsohle“ und einem 2 Milliarden Jahre alten Atomreaktor bis hin zu Steintafeln mit Darstellungen von Außerirdischen und/oder Dinosauriern.
Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, jedes einzelne Fundstück zu überprüfen, doch schon ein oberflächlicher Blick zeigt eine grundsätzlich mangelhafte Quellenarbeit, ist doch eine ganze Reihe dieser „Beweise“ längst widerlegt:

  • Die immer wieder gerne zitierten Spuren im Paluxy River von Glen Rose, Texas (132ff) etwa, die riesige menschliche Fußabdrücke zusammen mit denen von Dinosauriern zeigen sollen, stellten sich als ausschließlich zu Dinosauriern gehörig heraus, wobei bei einigen durch Erosion der seitlichen Zehen der oberflächlich menschenartige Eindruck entsteht.
  • Die in Bolivien gefundene „Fuente-Magna-Schüssel“ (76ff) soll Zeichen in sumerischer Keilschrift zeigen, wobei auch eine angebliche Übersetzung durchs Internet geistert – als der Keilschrift mächtiger Altorientalist kann ich jedoch versichern, dass die Zeichen mit jener bis auf eine rudimentäre optische Ähnlichkeit rein gar nichts zu tun haben und wohl eher als bloß dekoratives Muster zu betrachten sind.
  • Von den berüchtigten „Steinen von Ica“ aus Peru (92ff), die Darstellungen u.a. von Dinosauriern und chirurgischen Operationen zeigen, sind zumindest einige nachweislich gefälscht, zumal auch die Saurierdarstellungen (etwa mit schleifendem Schwanz) als zoologisch fehlerhaft gelten müssen.
  • Gleich mehrere Artefakte (u.a. ein Eisentopf, ein Wagenrad, eine Goldkette und eine Glocke) wurden angeblich in Millionen Jahre alter Kohle gefunden. Tatsächlich können sich Kohlekonkretionen in relativ kurzer Zeit (wenige Jahre) um etwa in Minen vergessene Objekte bilden und so oberflächlich den Eindruck masiver Kohle erwecken. Keines der genannten Stücke wurde naturwissenschaftlich darauf untersucht; sie alle sind zudem ohne dokumentierten Fundkontext und damit als wissenschaftliche Beweismittel zweifelhaft bis wertlos.
  • Der fehlende Fundkontext macht auch verschiedene andere Funde (beispielsweise die Michigan-Relikte sowie die Sammlungen von Pater Crespi, aus Ojuelos de Jalisco und der Burrows Cave) zu unzuverlässigen Beweismitteln.

Soweit der pseudowissenschaftliche Teil des Machwerkes – bleiben jedoch nach wie vor die durchweg verschwörungstheoretischen, radikalchristlichen und offen nationalsozialistischen Aspekte. Eine hervorragende Zusammenfassung all dessen findet sich auf S. 285:

„Die moderne „Wissenschaft“ ist also ein System, das keine echte Wissenschaft, sondern einen Glauben der hebräischen Freimaurerei darstellt, die damit das Christentum bekämpft, wobei die christlichen Nationen, die verschiedenen Menschenrassen und die Moral diesen satanischen Lehren im Wege stehen. Die Freimaurerei will nicht die „Evolution der Seele“ fördern, sondern einen rassisch vermischten Völkerbrei erschaffen, um die große Verwirrung von Babylon wieder aufzuheben. Ziel des Ganzen ist trotzdem ein System der Götzenanbetung wie im alten Babylon und eine leicht zu kontrollierende dumme, hellbraune Sklavenrasse unter der Herrschaft einer auserwählten rassisch-reinen Elite.“

Denn „Im Klartext heißt das, die Rassenmischung stellt eine noch größere Degeneration dar.“ (214), genauer: „durch Rassenmischung soll das alte göttliche Erbe und die arische Rasse vernichtet werden“ (331). Fast schon nebensächlich fällt da die Erwähnung der berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion“ (308) ins Gewicht, wobei der antisemitische Aspekt ansonsten eher in den Hintergrund tritt, zumal er ja schon im ersten Band ausgewalzt wurde. Betonung und Verherrlichung der „arischen Rasse“ ziehen sich ganz selbstverständlich durch das ganze Werk, für den historischen Nationalsozialismus indes hat Mason nur gute Worte übrig. Dessen unschöne Taten werden mit keinem Wort erwähnt, gepriesen hingegen die Bemühungen um die Wiedererlangung alten arisch-esoterischen Wissens (u.a. 331), wo sich wieder auf das deutsche Ahnenerbe-Projekt und dessen aus der braunesoterischen Literatur einschlägig bekannte Verbindungen zu den uralten Hochkulturen Shambhalla und Agartha unter dem Himalaya bzw. im Inneren der Erde bezogen wird. (Dass hier – u. a. S. 175 – ganz selbstverständlich die Hohlwelt-Theorie rezipiert wird, ist dabei nur ein Aspekt von vielen.) Man könnte noch länger auf dem Nazi-Thema herumreiten, doch soll dem an dieser Stelle genüge getan sein.

Zurückkommen will ich indes noch auf die „Götzenanbetung wie im alten Babylon“, die Mason von ganz besonderer Wichtigkeit zu sein scheint. So begegnen wir im Laufe des Buches einer ganzen Reihe pseudobabylonischer Gottheiten, die allesamt nicht der tatsächlich babylonischen, sondern vielmehr der jüdischen bzw. christlichen Tradition entstammen:

  • Wieder aufgewärmt wird natürlich die alte Legende von Kindsopfern für den Gott Baal bzw. Moloch (u. a. 145f), wie man sie aus einigen Stellen des Alten Testaments kennt. Unabhängige archäologische oder schriftliche Belege dafür aus den fraglichen Kulturen selbst fehlen bislang – auch der in diesem Kontext oft diskutierte Kinderfriedhof von Karthago hält keine eindeutigen Belege für Opferung bereit. Der Mangel an Quellen beweist nicht, dass es derartige Praktiken nicht gegeben hat – jedoch, dass man schwerlich von einem unzweifelhaften Faktum sprechen kann.
  • In verschiedenen Kontexten werden mesopotamische Reliefs von Gestalten mit Raubvogelkopf gezeigt und ganz selbstverständlich als Gottheit namens Nisroch betitelt (u. a. 437). Eine solche freilich ist aus dem alten Mesopotamien nicht bezeugt – der Name geht auf eine einzige Erwähnung im Alten Testament zurück, dort jedoch ohne jeglichen Bezug zu den vogelköpfigen Mischwesen. Jene werden vielmehr als Apkallu oder einfach „vogelköpfige Genien“ bezeichnet. Nisroch glaubt Mason nicht zuletzt auch auf den Reliefs von Göbekli Tepe wiederzuerkennen (117).
  • Mason zufolge beten die verschwörerischen Freimaurer nicht nur den Satan an, sondern auch die fischgestaltige Gottheit Dagon, welche somit auch die Irrlehre der Evolution widerspiegelt. Tatsächlich ist eine fischartige Darstellung Dagāns, wie der Gott nach aktuellem wissenschaftlichen Stand tatsächlich hieß, aus dem alten Orient weder literarisch noch ikonographisch bezeugt, sondern vielmehr einer nachantiken Ableitung des Namens von der Wurzel dag („Fisch“) geschuldet, die heute allgemein verworfen wird.
  • Auch die aus der Bibel und späteren jüdischen Legenden bekannte Gestalt des Königs Nimrod taucht immer wieder auf (u. a. 438) und wird als Begründer der babylonischen Religion direkt nach der Sintflut (allein schon ein Anachronismus) dargestellt. Indes ist Nimrod in keiner babylonischen, assyrischen oder sumerischen Quelle bezeugt. Die Tradition von Nimrod als Begründer einer Mysterienreligion geht vielmehr nicht auf babylonische Überlieferungen zurück (keine solche erwähnt einen Nimrod), sondern auf die Theorien des radikalen Pastors Alexander Hislop, der im 19. Jahrhundert die katholische Kirche mit seinem Werk „The Two Babylons“ als heidnische Götzenverehrung darstellte (was schon damals den Erkenntnissen der Wissenschaft widersprach, umso mehr natürlich seit der Entzifferung der originär mesopotamischen Schriftzeugnisse).
  • Immer wieder nebensächlich werden auch Zecharia Sitchins Theorien von den Anunnaki zitiert, dem zufolge die sumerischen Götter hochentwickelte Außerirdische waren und einst die Menschheit schufen. Dieser wäre ein Thema für sich – genug sei an dieser Stelle damit gesagt, dass weite Teile von dessen Werk (u.a. Planet Nibiru, Goldabbau in Afrika) sich nicht an den sumerischen und akkadischen Quellen belegen lassen (so spricht etwa das Atramhasis-Epos bezüglich der Arbeit der Götter nicht von Bergbau, sondern dem Graben der Flüsse Euphrat und Tigris).

Viel und noch viel mehr könnte und müsste geschrieben werden über die zahlreichen anderen Themen, die Mason in seinem zweiten Monumentalwerk anschneidet: Die Annahme weltverändernder Kataklysmen wie der biblischen Sintflut, das Überleben von Dinosauriern bis in die historische Zeit, wo sie als Drachen bekannt wurden, Yeti und Bigfoot, Riesen und langschädelige Außerirdische und natürlich die zahlreichen archäologischen Fundstücke, von denen manche nach offenkundigen Fälschungen aussehen, während andere bar jeden Kontextes wohl für immer rätselhaft bleiben werden. Enttäuscht hat mich indes, dass die im ersten Band noch immer wieder präsenten Reptiloiden diesmal gar nicht vorkamen, von einer nebensächlichen Erwähnung im Nachwort einmal abgesehen – vielleicht ist dies ein einziger Grund, auf einen dritten Teil zu hoffen. Die Riesen wären für sich ein hochinteressantes Thema, doch werden sie hier ja eher nebensächlich behandelt (eine umfassende Quellensammlung, auf der jede Kritik aufbauen könnte und sollte, stellt etwa Hugh Newmans und Jim Vieiras „Giants on Record“ dar).
Zahlreiche von Mason angeführte Argumente und angebliche Funde bleiben vorerst unwiderlegt, obgleich diese im Angesicht der zahlreichen fachlichen Verfehlungen mit arg beschädigter Glaubwürdigkeit dastehen dürften. Kleinere Sachfehler indes sind Legion, wenn Mason etwa die sumerische Göttin Inana mit ihrem Vater Nanna gleichsetzt (371), eine große Ähnlichkeit der sumerischen mit der ungarischen Sprache postuliert (462) oder ganz einfach von „Rezessionen“ zum Werk Ernst Haeckels schreibt (233). Eine bloße REZENSION indes kann einem solch monumentalen und gleichsam irrsinnigen (Mach)Werk unmöglich gerecht werden. Hinreichend belegt sein dürften hingegen Jason Masons weltanschauliche Ausrichtung (kreationistischer Nazi mit Hang zu multiplem Aberglauben), seine Fachqualifikation (keine) und seine Methodik (alles irgendwie Kuriose ohne jegliche Quellenkritik aufgreifen und ideologisch passend umdeuten). Kulturwissenschaftlich ist das Werk zweifelsohne interessant, dokumentiert es doch wie kaum ein zweites die fruchtbare Symbiose von Kreationismus, Rechtsextremismus und jeder anderen Form von Pseudowissenschaft mit all ihren charakteristischen Mechanismen moderner Mythologie. Beim ersten Band noch fungierte offiziell der (u. a. für seine Thesen zu jüdischen Weltverschwörungen und Bündnissen zwischen Nazis und Außerirdischen) bekannte Verschwörungstheoretiker Jan Udo Holey / Jan van Helsing als Herausgeber und steuerte sogar das Vorwort bei – entgegen allen Erwartungen schaffte es Jason Mason mit seinem zweiten Werk sogar, jenen an Wahn und Extremismus zu überbieten. Auf jeden Fall, so meine Schätzung, dürfte Jason Mason mit diesem Buch eine verheerende Saat ausgebracht haben – durch die zahlreichen genannten „Beweise“ und Scheinargumente für unkritische Leser weit glaubwürdiger und ideologisch gefährlicher noch als der an Science-Fiction gemahnende erste Teil.

Diese Rezension wurde gefördert durch die Stiftung atheistischer Reptilien für interkulturelle Zusammenarbeit und Vermischung der Rassen (SaRiZVR), Iguana Rothschild u.a.

Göbekli Tepe – Die Geburt der Götter

Göbekli Tepe: 9600 v. Chr. errichtet, älteste Megalithanlage der Welt, die Erbauer und ihre Absichten noch immer unbekannt – welches vorzeitliche Monument könnte prädestinierter sein für grenzwissenschaftliche Spekulationen? Es überrascht wenig, dass im einschlägig bekannten Kopp-Verlag (in dessen Programm Erich von Däniken noch so ziemlich das vernünftige Ende des Spektrums darstellt) ein Buch nur über dieses Thema erschien, „Göbekli Tepe – Die Geburt der Götter“ von Andrew Collins.
Was dann aber für deutlich größere Überraschung sorgt, beginnt man das Buch zu lesen, ist die doch unerwartet hohe Seriosität des Werkes. Obgleich der Klappentext schon mit den berüchtigten Anunnaki wirbt, jenen Göttern von einem anderen Planeten, die zahlreichen pseudowissenschaftlichen Publizisten zufolge einst die Menschheit erschufen, sucht man Außerirdische doch letztlich vergeblich. Mehr noch – alles, was Collins in seinem Buch postuliert, liegt durchaus noch im Bereich dessen, was nach bisherigen Erkenntnissen durchaus so hätte gewesen sein können. Und obgleich der Grenzwissenschaftler Graham Hancock das Vorwort verfasste, obwohl Collins selbst schon manch andere kontroverse Bücher veröffentlichte – nicht einmal eindeutige Behauptungen betreffend vorzeitliche Hochkulturen werden gemacht, weder Atlantis noch Ancient Aliens. Doch was besagt das Buch nun wirklich, wie ist es zu bewerten?
Der erste Abschnitt beginnt zunächst mit einer einigermaßen umfassenden und allgemeinverständlichen Darstellung der Funde am Göbekli Tepe, an der sich wissenschaftlich eigentlich nichts aussetzen lässt. Collins Quelle ist dabei hauptsächlich das auf Deutsch unter dem Titel Sie bauten die ersten Tempel erschienene Buch des Chefausgräbers Klaus Schmidt, die praktisch alternativlose Standardpublikation also – bezeichnend auch, dass man das in den Grenzwissenschaften so beliebte Wissenschaftler-Bashing bei Collins vergeblich sucht. Noch in anderer Weise zeigt dieser überraschende Professionalität, belegt er doch jede wichtige Information mit Quellenangaben – direkt mit Fußnote und Seitenangabe, nicht nur in Form einer bloßen Bibliographie ohne konkrete Bezüge wie bei den meisten Autoren des Genres. So scheinen denn auch die Sachaussagen durchweg weitgehend stimmig zu sein – zumindest fielen mir spontan keine direkten Fehler oder offensichtlich unseriöses Gedankengut auf (besonders gut zu beurteilen, da ich das viel zitierte Buch von Klaus Schmidt kurz zuvor las).
Nach dieser oberflächlichen Darstellung beginnt Collins damit, Stück für Stück seine Theorien auszubreiten. Diese lassen sich etwa wie folgt zusammenfassen: Gegen 10 900 v. Chr. verursacht ein Meteoriteneinschlag einen rapiden Temperatursturz, in der Wissenschaft als Jüngere Dryaszeit bezeichnet – tatsächlich handelt es sich dabei nicht bloß um neokatastrophistisches Gedankengut unseriöser Pseudowissenschaftler, sondern um ein in der Wissenschaft ernsthaft diskutiertes Modell. In jenen letzten Jahrtausenden des Jungpaläolithikums breitet sich die sogenannte Swiderische Kultur aus, deren Vertreter gegen 9 600 v. Chr., am Ende der Jüngeren Dryas, bis ins südöstliche Anatolien vorstoßen und dort, unterstützt durch die Etablierung einer neuen Art von Religion, die Errichtung Göbekli Tepes initiieren. Jene fremden Kulturbringer, die sich auch etwa in der Schädelform von örtlichen Zeitgenossen unterschieden, seien schließlich auch als die Anunna(ki) der mesopotamischen und die „Wächter“ der jüdisch-henochischen Tradition in Erinnerung geblieben.
Zunächst fällt also auf, dass Collins auf alle offensichtlich phantastischen Hypothesen verzichtet – es ist ein Modell, wie es durchaus hätte gewesen sein können. Doch ist es das auch? Am meisten zu kritisieren ist das Vorgehen Collins‘, Analogien oder gar direkte Verbindungen zu zahlreichen räumlich und zeitlich weit entfernten Kulturen anzunehmen und daraus Schlussfolgerungen abzuleiten. Gerade die Rekonstruktion der Religion steht dabei auf besonders tönernen Füßen, werden hierbei doch Verbindungen bis hin zur ägyptischen oder nordischen Mythologie sowie natürlich der Bibel bemüht. Einen besonderen Stellenwert, gerade im letzten Teil des Buches, nimmt der legendäre Garten Eden ein, welcher der biblischen Darstellung zufolge durchaus im fraglichen Gebiet verortet gewesen sein dürfte – diese Lokalisierung zwar belegt Collins plausibel, nicht aber die tatsächliche Verbindung der steinzeitlichen Ereignisse zu dem viel jüngeren Mythos. Auch die Verbindung zu den Anunnaki und Wächtern, deren Geschichten bekanntlich viele Jahrtausende nach der Zeit von Göbekli Tepe aufgezeichnet wurden, ist damit trotz manch erstaunlicher Korrelationen bestenfalls spekulativ.
Es besteht kaum ein Zweifel, dass sich mythische Traditionen mündlich auch über sehr lange Zeit in wiedererkennbarer Form halten können – so zeigte etwa der Hethitologe Volkert Haas plausible Verbindungen etwa zwischen armenischen Volkssagen und den über zwei Jahrtausende älteren hurritischen Mythostexten auf. Doch fehlen diese viel früheren Schriftzeugnisse – wie im Fall des steinzeitlichen Göbekli Tepe – und muss man sich dementsprechend auf bloße bildliche Darstellungen verlassen, so ist eine derartige Verbindung zwar immer noch nicht ausgeschlossen, sehr wohl aber außerhalb jeder seriösen wissenschaftlichen Nachweisbarkeit. All die mythologischen Annahmen in Collins Werk bewegen sich also auf rein spekulativer Basis und sind de facto wissenschaftlich wertlos – womit sich auch die postulierten Beweggründe für die Errichtung von Göbekli Tepe erledigen. Wieder einmal kann man die naheliegende Faustregel bestätigt sehen, dass konkrete Thesen zur Religion in der Steinzeit, egal aus welcher Ecke vorgebracht, letztlich immer in unbelegbarer Pseudowissenschaft münden. Als eine solide, empirisch zugängliche Angelegenheit ist die mutmaßliche Verbindung zwischen dem anatolischen Epipaläolithikum und dem swiderischen Kulturkreis zu sehen, wo Collins‘ archäologische Beweisführung plausibel wirkt, obgleich ich die letztendliche Wahrheit mangels Fachwissen nicht beurteilen kann.
Herausstechend kurios nimmt sich dagegen ein einziger weiterer Aspekt aus, dem im späteren Verlauf des Buches viel Aufmerksamkeit gewidmet wird: Collins‘ Suche nach einem alten Kloster im Umland der mythisch aufgeladenen Gegend, das er – buchstäblich und in vollem Ernst – im Traum gesehen haben will. Am Ende findet er auch die Reste eines solchen, die mit den Erwartungen aus der „Vision“ und den sonstigen Recherchen konform gehen. In diesem Kontext wird Collins auch sehr pathetisch – die Suche nach „Eden“ scheint nicht zuletzt eine sehr persönliche, man könnte sagen selbstfinderische Dimension gehabt zu haben. Ob wir es hier mit einem großen, glücklichen Zufall oder nicht vielmehr einer späteren Erfindung des prophetischen Traums zu tun haben, kann wiederum nur spekuliert werden.
So ist „Göbekli Tepe – Die Geburt der Götter“ schließlich ein ziemlich widersprüchliches, auf jeden Fall aber unkonventionelles Buch. Trotz des einschlägigen literarischen Umfeldes erhebt sich Collins doch in seiner Professionalität deutlich über andere Grenzwissenschaftler: Weder Adaption noch offene Sympathie lässt er etablierten Themen und Klischees der Pseudowissenschaft wie Aliens, verschollenen Hochkulturen etc. zukommen, während er zugleich eine wohl fundierte Textarbeit mit guter Quellendokumentation vorweist. Ohne Zweifel hat Collins eine Masse an Literatur gesichtet und einen gewaltigen Haufen interessanter Sachverhalte in Eigenarbeit zusammengetragen, darunter auch allerlei durchaus bemerkenswerte Verbindungen aufgetan. Auf der anderen Seite stehen de facto unhaltbare Ableitungen aus viel zu entfernten Kulturen, worauf weite Teile der Theorien gerade zur Religion in der Vorzeit aufbauen. Ebenso sind die mutmaßlichen Ursprünge so beliebter Überlieferungen wie von den Anunna(ki), den Wächtern und dem Garten Eden zwar faszinierend, der anzunehmende Überlieferungsweg aber letztlich doch konstruiert und unbelegt. Collins lässt keinen Zweifel daran, dass sein Ansinnen maßgeblich von Wunschdenken getrieben ist, was letztlich in der Sache mit dem erträumten Kloster gipfelt. Bei allen Mängeln ist es im Endeffekt aber durchaus ein Buch, das man als kritischer Konsument mit Gewinn lesen kann, zeigt es doch allerlei interessante Phänomene und Denkanstöße auf, dessen Kernthesen aber letztlich Glaubenssache – sprich: Pseudowissenschaft – bleiben.