Buchrezensionen

Die Archäologie-Verschwörung

Der Buchtitel „Die Archäologie-Verschwörung“ sagt eigentlich schon alles. Bei dem pseudowissenschaftlichen Werk von über 400 Seiten handelt es sich um einen Sammelband, herausgegeben von J. Douglas Kenyon, dem Herausgeber des amerikanischen Mystery-Magazins „Atlantis Rising“. In zahlreichen Artikeln fasst er selbst die Thesen verschiedener grenz- bzw. pseudowissenschaftlicher Publizisten zusammen, mitunter anhand persönlicher Gespräche, in anderen Kapiteln wiederum kommen diese Autoren selbst zu Wort – eine Mischung aus Anthologie und Überblickswerk also. Bei diesen zahlreichen Appetithäppchen handele es sich um „das Allerbeste, das das Magazin zu bieten hat“ (S. 13), was nach Lektüre des Buches nicht mehr unbedingt für besagtes Magazin spricht. Das Buch teilt sich auf in mehrere mehr oder weniger abgegrenzte Abschnitte rund um die Themen Katastrophismus, Atlantis und Hochtechnologie im alten Ägypten. Das fachliche Niveau variiert hierbei zu einem gewissen Grad, jedoch allgemein auf einem ziemlich niedrigen Niveau. Grundsätzlich besteht schon ein Großteil des Werkes letztlich aus nicht viel mehr als sich immer wieder wiederholenden Anklagen gegen die akademische Wissenschaft und ihre Ablehnung bzw. Ignoranz derartiger Theorien. Abgesehen davon, dass dies nur bedingt der Fall ist (wiederholt gab es fachwissenschaftliche Auseinandersetzungen mit grenzwissenschaftlichen Theorien), beweist vorliegendes Werk hervorragend, wie angemessen eine solche Haltung doch ist. Gebetsmühlenartig wiederholen die Autoren ihre ganz knapp verschwörungstheoretischen Vorwürfe, die Wissenschaft ignoriere oder unterdrücke besagtes Wissen – wobei ihnen doch trotz hunderter Seiten kein anderes Motiv einfällt als die Angst, „die Lehrbücher umschreiben zu müssen“. Tatsächlich werden Lehrbücher ständig umgeschrieben, und genau das ist der Sinn der Wissenschaft. Man denke hierbei nur an wissenschaftliche Umwälzungen wie die mittlerweile anerkannte Präsenz der Wikinger in Amerika, das durch Funde wie etwa die Schöninger Speere längst begrabene Bild des „tumben Steinzeitmenschen“, die Entdeckung neuer Hochkulturen wie der Jiroft- und Oxus-Zivilisation, die häufigen Umbenennungen prähistorischer Spezies auf Basis neuer Erkenntnisse (den Brontosaurus gibt es wieder, Indricotherium nicht mehr und ist der Neandertaler nun eine Unterart des Homo sapiens?), die Wandlung von Rekonstruktionen (Spinosaurus lief nun vermutlich auf vier Beinen) und nicht zuletzt die mittlerweile ganz selbstverständliche Tatsache REALER Katastrophen in der Erdgeschichte (in Abgrenzung von den fiktiven Katastrophen der Katastrophisten) wie dem Kreide-Tertiär-Impakt und dem perm-triassischen Massenaussterben. Von einem starren Beharren auf alten Dogmen, wie leichtfertig vorgeworfen, kann in Bezug auf die akademische Wissenschaft schwerlich die Rede sein. Vielmehr hat deren kritische bzw. ignorante Haltung zwei Ursachen: 1) muss man jede neue Hypothese zu widerlegen versuchen – erst das Scheitern der Widerlegung adelt die Theorie – und 2) haben die Pseudowissenschaftler selten bis nie versucht, auf wissenschaftlichem Niveau zu publizieren, sodass ein akademischer Diskurs darüber zustande kommen könnte. Wissenschaft fordert Belege für Hypothesen – und daher im Folgenden Belege für die mangelnde Fachqualität des Buches „Die Archäologie-Verschwörung“:
Ein schon publizistischer Makel ist die überwältigende Redundanz des Werkes – nicht zuletzt aufgrund des Ursprunges in Magazinartikeln wiederholen sich Behauptungen und Gedankengänge ständig; anstatt einer stringenten Argumentation wird in jeweils mehreren Artikeln praktisch dasselbe erzählt. Auf die Spitze treiben es die Kapitel „Das Geheimnis des Ursprungs Indiens“ (129-140) und „Indien – 30 000 v.u.Z.“ (269-281), wo über mehrere Seiten hinweg ganze Absätze wortwörtlich (!) oder nur mit dezenten Variationen wiederholt werden! Wenn es schon das „Allerbeste, das das Magazin zu bieten hat“ ist, kann man etwas ja auch gerne einmal zweimal sagen.
Auch inhaltlich vermag das Buch nicht wirklich zu überzeugen. Es beginnt mit der eigentlich aus dem frühen 19. Jahrhundert stammenden Theorie des Katastrophismus, d.h. der Hypothese, dass es keine lange Erdgeschichte und Evolution gab, sondern das heutige Angesicht der Erde durch globale Katastrophen geprägt wurde, von denen die letzte mit der von vielen Kulturen berichteten Sintflut identisch sei. Prophet dieses Neo-Katastrophismus ist Immanuel Velikovsky, der bereits in den 50er Jahren behauptete, die Venus habe sich in historischer Zeit der Erde angenähert und globale Zerstörung bewirkt. Mehrere Kapitel gelten allein der Verherrlichung Velikovskys und seines „Martyriums“ (er wurde von der Wissenschaft nicht ernst genommen), jedoch ohne dessen Beweisführungen selbst wiederzugeben. Immerhin eine zentrale These wird mehrfach wiederholt: Die große Verleugnung unserer Vergangenheit sei auf ein kollektives Trauma der Menschheit durch jene Katastrophen zurückzuführen, aufgrund dessen wir nach wie vor in einem „Schockzustand“ leben und uns nicht erinnern können bzw. wollen. Weshalb Traumata erblich sein sollten, wie sie sich etwa in den Genen zu manifestieren pflegen, diese Erklärung bleiben Velikovsky und seine Jünger uns freilich schuldig (Regel Nr. 1 der Genetik: Erworbene Eigenschaften werden nicht vererbt – und nein, auch die Epigenetik gibt derartiges nicht her). Von dieser reichlich lächerlichen, doch zentralen Behauptung abgesehen bleibt es auch nach etlichen Seiten bei der einzigen Aussage, dass man Velikovsky selbst lesen sollte, wenn man sich ein Bild von dessen Theorien machen will – ob man nun daran glaubt oder nicht. Ähnlich verfahren wird mit dem deutlich jüngeren und doch in grenzwissenschaftlichen Kreisen längst berühmten Buch „Verbotene Archäologie“ von Michael Cremo, einer Auflistung mutmaßlicher Belege für eine Existenz von Menschen vor vielen Millionen Jahren. Auch hier muss man letztlich das fragliche Buch lesen und beurteilen, um bestimmen zu können, ob die Erwähnung bei Kenyon einen Wert hat. (Es scheint, dass Cremos Datierungen vor allem wissenschaftlichen Publikationen des 19. Jahrhunderts entstammen, als die absoluten und relativen Datierungsmethoden noch lange nicht so ausgereift waren wie heute, wobei in der Art auch einige der erwähnten Fundplätze mittlerweile umdatiert wurden, doch wäre prinzipiell eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Werk vonnöten.)
Der Katastrophismus, wie er in „Die Archäologie-Verschwörung“ dargestellt wird, ist jedenfalls … man ahnt es wohl. Die zwei ersten Kapitel stellen ihn zunächst einmal als eine Alternative zu den beiden Konzepten Evolution und Kreationismus dar – was der Katastrophismus schon grundsätzlich nicht sein kann, denn er erklärt nicht (nicht einmal schlecht, wie der Kreationismus) die Entstehung der verschiedenen Lebensformen, nur ihre Auslöschung. Auch wenn es hier formell anders dargestellt wird, ist die Grundlage von Katastrophismus letztlich doch immer nur eine weitere Form von Kreationismus. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass die Autoren ihre Angriffe hier vor allem gegen die Evolutionstheorie richten – und dabei vor allem sich selbst und ihre fachliche Unfähigkeit bloßstellen. Das einzige wirkliche Argument, das Will Hart in „Darwins Niedergang“ ins Felde führt, ist das angebliche Fehlen von Übergangsformen im Fossilbericht. Daher im Folgenden eine kleine und nicht annähernd vollständige Auswahl von bisher gefundenen „Übergangsformen“. Zwischen Fischen und Amphibien: Panderichthys, Tiktaalik, Acanthostega, Ichthyostega; zwischen Dinosauriern und Vögeln: Microraptor, Archaeopteryx, Rahonavis, Jeholornis; zwischen Huftieren und Walen: Pakicetus, Ambulocetus, Rodhocetus, Indocetus, Basilosaurus; zwischen anderen Menschenaffen und Menschen: Orrorin, Sahelanthropus, Paranthropus, Autralopithecus africanus/afarensis/robustus, Homo habilis/erectus/ergaster/heidelbergensis/sapiens idaltu. (Präventiv noch die Bemerkung, dass nicht jede der angeführten Arten ein direkter Vorfahr sein muss, sondern womöglich auch ein Seitenzweig der dadurch verdeutlichten Entwicklungslinie sein kann.) Dass, wie von Hart immer wieder betont, die unmittelbaren Vorfahren der Blütenpflanzen bislang nicht identifiziert wurden (wenngleich zeitlich und verwandtschaftlich bereits stark eingeengt), stellt in Anbetracht dessen ein eher kosmetisches Problem dar (zumal die Koevolution mit bestäubenden Insekten von beidseitigem Vorteil ist – da weniger Konkurrenz & exklusivere Bestäubung – und sich somit evolutionstechnisch hervorragend begründen lässt). Das Pseudoargument der „fehlenden Bindeglieder“ taucht in einem späteren Abschnitt des Buches noch einmal in ganz ähnlicher Form auf, nämlich in Bezug auf die ägyptischen Pyramiden: „Wo stehen – um beim Beispiel der Großen Pyramide in Gizeh zu bleiben – die bei einer Entwicklung vom Primitiven zum Höheren notwendigerweise existierenden kleineren, viel kleineren Pyramiden, die sozusagen als Vorserienmuster dienten?“ (300). Hätte der Autor (zufälligerweise abermals Will Hart) vor dieser Publikation auch nur ein grundlegendes Werk über die ägyptischen Pyramiden konsultiert, so wäre er auf die Stufenpyramide des Djoser in Sakkara gestoßen, der man noch deutlich die Entwicklung aus den früheren (und zuhauf gefundenen) Mastabagräbern ansieht, sowie auf die drei (!) Pyramiden von Cheops Vater Snofru, von denen nach zwei missglückten Experimenten (bei der Meidum-Pyramide stürzte die Umhüllung herunter, die „Knickpyramide“ hat einen Knick) erst die dritte zum erwünschten Ergebnis führte.
Auch sonst ist, anders als behauptet die Evolution keinesfalls „noch nicht bewiesen“ (27). Zu den Beweisen zählen neben dem überwältigenden Fossilbericht unter anderem die beobachtete Evolution etwa bei Bakterien (dort sogar fundamentaler Art), aber auch Insekten und Fischen, außerdem das Vorhandensein von Rudimenten und Atavismen (von Vorfahren ererbte, jetzt nutzlose Merkmale) wie etwa die Beinreste bei Walen und Schlangen sowie nicht zuletzt die genetische Verbreitung von Mutationen, deren Menge an Übereinstimmungen bei verschiedenen Arten genau deren Verwandtschaftsgrad angibt, welcher sich zeitlich und genealogisch mit dem Fossilbericht deckt. Diese Belege werden von den Autoren natürlich nicht erwähnt; vielmehr beweisen diese ihre Unkenntnis dessen, worüber sie zu argumentieren glauben, auch durch Aussagen wie jene: „Wir haben alle gelernt, dass sich die Fische zu Amphibien verwandelten, die Amphibien zu Reptilien wurden, die Reptilien sich dann zu Vögeln weiterentwickelten und die Vögel dann zu den Säugetieren führten“ (27). Es wäre in der Art eine interessante Frage, wo Will Hart seine Kenntnisse der Evolutionstheorie erworben hat – kein Wissenschaftler (und wohl auch kaum die Mehrzahl der allgemeinen Bevölkerung) hält Vögel für die Vorfahren der Säugetiere. (Diese stammen vielmehr von einer heute ausgestorbenen Schwestergruppe der Reptilien, den Synapsiden, ab.)
Der nächste Abschnitt widmet sich den möglichen vorzeitlichen Kulturen, die womöglich Opfer jenes letzten hypothetischen Kataklysmus geworden sind – wenngleich illustriert an nur drei Beispielen, der Sphinx von Gizeh, jenen Ruinen auf dem Meeresboden vor Indien und dem Yonaguni-Monument im Meer bei Japan. Auch hier müsste man sich vielmehr mit den zugrundeliegenden Publikationen auseinandersetzen, wobei zumindest die Rückdatierung der Sphinx durch Robert Schoch einer wissenschaftlichen Diskussion durchaus zugänglich sein dürfte. „Die Archäologie-Verschwörung“ bietet an dieser Stelle jedoch nur einige oberflächliche Informationen nebst vielen Behauptungen. Es folgen mehrere Kapitel über Atlantis, die maßgeblich die Thesen Graham Hancocks zu einer vorzeitlichen „Erdkrustenverschiebung“ nacherzählen, auch diese weitgehend redundant. Einzig die Widerlegung der in Mode gekommenen Santorin-Identifikation von Atlantis durch Frank Joseph bietet in sich abgeschlossen eine recht solide Argumentation.
Andere Kapitel bewegen sich vollkommen im Bereich der Esoterik, so etwa Joseph Rays Lobpreisung auf René Adolphe Schwaller de Lubiczs „The Temple of Man“, wo dessen Interpretation des Karnak-Tempels als Sinnbild kosmischer Wahrheiten auf eine schier religiöse Stufe gelobt wird. Auch hier ist keine Auseinandersetzung möglich – werden doch nicht wirklich die (mutmaßlichen) Argumente und Gedankengänge wiedergegeben, sondern nur die Thesen Schwaller de Lubiczs‘ ins Grenzenlose verherrlicht. Die esoterischen Kapitel über die „Weisheit der Alten“ (wer sind eigentlich diese „Alten“, von denen immer die Rede ist?) halten sich allgemein recht wenig mit Argumentation auf und beschränken sich weitgehend auf kühne Behauptungen. Bezeichnend auch, dass selbsternannte „Seher“ wie Edgar Cayce und Rudolf Steiner als glaubwürdige Quellen präsentiert werden, ohne ihre Thesen und Qualifikationen auch nur zu hinterfragen.
Mehrere Kapitel des Ingenieurs Christopher Dunn widmen sich der Deutung der Cheops-Pyramide als Kraftwerk sowie der angeblich unmöglichen Präzision der Steinbearbeitung im alten Ägypten. Diese Abschnitte scheinen bodenständiger und sind einer Analyse zumindest zugänglich. Und auch wenn ich mich mit Dunn nicht auf technischer Ebene auseinanderzusetzen vermag, so bleibt doch trotz allem ein zentraler Kritikpunkt: Dunn betrachtet die ägyptischen Monumente einzig aus einer physischen und modernen Perspektive, ohne jemals auf die zur Verfügung stehenden ägyptischen Quellen einzugehen, so etwa die Papyri Jarf A und B, das Logbuch einer Arbeitskolonne der Cheops-Pyramide, die Steine zum Gizeh-Plateau schiffte, sowie die Pyramidentexte, die zumindest die späteren Pyramiden eindeutig als Grabmäler identifizieren. Besonders betont Dunn die Unmöglichkeit der hohen Präzision, mit der die Ägypter Stein bearbeiteten. Dies wirkt auf den ersten Blick plausibel. Leider geht er jedoch allenfalls rudimentär auf bisherige Hypothesen und Experimente zur antiken Steinbearbeitung ein (bzw. nur auf die, die scheiterten) – zu nennen wären pars pro toto etwa die Experimente von Jean-Pierre Protzen und Stella Nair, die die Präzision der in grenzwissenschaftlichen Publikationen so beliebten Megalithstrukturen von Tiahuanaco nur unter Einsatz von Steinwerkzeugen erfolgreich reproduzieren konnten. Ansonsten sticht Christopher Dunn unter den Autoren des Buches jedoch insofern heraus, dass er zumindest in einem Teil des von ihm behandelten Themas über tatsächliche Kenntnisse verfügt.
Nachdem überraschenderweise Außerirdische das ganze Buch über kaum eine Rolle gespielt haben, streifen schließlich zumindest die Artikel des letzten Abschnitts dieses Thema. Extrem kurz und kaum repräsentativ wird das Werk von Zecharia Sitchin vorgestellt (der anders als behauptet kein Sumerisch beherrschte und einen Großteil der von ihm mesopotamischen Mythen zugeschriebenen Thesen schlichtweg erfand, doch das ist eine andere Geschichte). Ein Beitrag von Len Kasten (der auch schon ein Buch über „Die geheime Weltherrschaft der Reptiloiden“ veröffentlichte) widmet sich möglichen Hinweisen auf eine außerirdische Ursache hinter den sogenannten Pulsaren, Heraugeber Kenyon schreibt noch über Strukturen auf Mars und Mond und ein letzter Beitrag versucht Physik mit reiner Esoterik zu verbinden (und ist, empirisch betrachtet, relativ substanzlos).
„Die Archäologie-Verschwörung“ ist durchaus lehrreich. Nicht über die wahre Vergangenheit der Erde, wohl aber über die Methodik der Pseudowissenschaftler. Sehr wohl gibt es unkonventionelle Themen, über die sich ernsthaft diskutieren lässt – man denke etwa an die durchaus professionell formulierte Theorie Hans Giffhorns zum altweltlichen Ursprung der Chachapoya, und auch andere Themen (Prä-Astronautik, Atlantis, Kryptozoologie) lassen sich empirisch erforschen. J. Douglas Kenyon und die seinen bestätigen mit ihrem Gemeinschaftwerk jedoch die Gesamtheit der negativen Vorurteile, die die akademische Wissenschaft (offensichtlich nicht ganz zu Unrecht) über ihre Zunft hegt: Sie ignorieren die wissenschaftlichen Publikationen und bekannten Fakten zu den Themen, über die sie sich äußern, argumentieren stattdessen gegen allerlei Strohmänner, zeigen durchweg (allenfalls Robert Schoch teilweise ausgenommen) eine starke Nähe zu Verschwörungstheorien, unseriösen Quellen (Seher etc.) und willkürlich-esoterischen Weltkonzepten, und vor allem: Sie ziehen niemals wirklich in Betracht, dass sie falsch liegen könnten – allein dies ist wohl Ursache genug für jene selektive und bigotte Betrachtung von Fakten, bar jeder Quellenkritik alles übernehmend, was den eigenen Thesen entspricht, und auf schier dummdreiste Art und Weise kritisch gegenüber allem anderen, ohne die Position der Gegenseite auch nur einmal eingehend zu recherchieren (siehe Evolution). Abermals, um den zwangsläufig zu erwartenden Vorwürfen vorzubeugen: Doch, es ist möglich, auch unkonventionelle Hypothesen zu diskutieren, wozu sicher viele Wissenschaftler auch bereit wären – doch nicht auf einer Basis, die sich schon methodisch in solcher Weise selbst disqualifiziert. Das Buch selbst enthält letztlich nicht wirklich etwas von Wert – selbst wenn man annähme, die darin zitierten und hochgelobten Werke (etwa Cremos „Verbotene Archäologie“, das Lebenswerk Velikovskys und am ehesten noch die ägyptologischen Publikationen) seien für sich ernstzunehmen (was ich pro forma nicht kategorisch ausschließen will), so könnten doch allein diese selbst darüber Aufschluss geben. Weitere Lektüre steht an, viele Theorien sind zu hinterfragen – über Kenyons „Archäologie-Verschwörung“ indes ist fast alles Wichtige gesagt: Ein höchst polemisches, dabei zugleich relativ substanzarmes Buch, über weite Teile redundant und sich in Wiederholungen ergötzend, das mehr über seine Autoren aussagt als über ihre Forschungsfelder.

Geheimakte Archäologie

Bildergebnis für geheimakte archäologie„Geheimakte Archäologie“ von Luc Bürgin ist ein weiteres typisches Exemplar grenzwissenschaftlicher Literatur zur sogenannten „verbotenen Archäologie“. Wie in dem Genre üblich, stellt der Autor eine Reihe rätselhafter archäologischer Funde vor, die (anscheinend) noch immer einer Erklärung harren. Keiner von diesen ist hierbei wirklich neu; es handelt sich samt und sonders um alte Bekannte des Genres: Zunächst die berühmten und kontroversen Großsammlungen – die Funde aus Burrow’s Cave, die Michigan-Relikte, Pater Crespis Metallbibliothek, die Figuren von Acambaro und die Funde von Glozel (Frankreich). Der zweite Abschnitt behandelt jeweils sehr knapp Themen der Kryptozoologie, darunter der Minnesota-Eismann und der de-Loys-Affe, gefolgt von verschiedenen alten Bauwerken (Yonaguni-Monument, Pyramiden im Rock Lake, Geheimkammer der Cheops-Pyramide …) und den sogenannten Out-of-place-artifacts (darunter das Coso-Artefakt, der Metallkeil von Aiud und der versteinerte Hammer von London, Texas). Ein letztes Kapitel geht auf den angeblichen „Bibelcode“ ein.
Bei dieser Anzahl der behandelten Themen kann natürlich keine wirklich tiefe Auseinandersetzung erwartet werden. Und in der Tat sind die meisten Kapitel extrem knapp, oft nur wenige Seiten, in denen kurz die zentralen Informationen dargestellt werden – noch oberflächlicher also als die meisten ähnlich gearteten Bücher des Genres (z.B. von Erich von Däniken, Reinhard Habeck oder Hartwig Hausdorf). Aus der Reihe fällt indes das allererste Kapitel über die gemeinhin als Fälschungen identifizierten Funde aus Burrow’s Cave – dieses ist als einziges umfangreicher und dringt etwas in die Tiefe, wenn dort die Kontroverse relativ penibel aufgerollt wird, auch anhand mehrerer Originaldokumente (etwa Briefe) – zumal Luc Bürgin hier offensichtlich auch selbst aktive Forschung betrieben, sprich mit den Beteiligten korrespondiert hat. Dieses Kapitel kann also als nützlicher Beitrag zum Thema gelten, von den inhaltlichen Implikationen einmal ganz abgesehen. Auch die beiden nächsten Kapitel (Crespi-Sammlung & Michigan-Artefakte) sind noch einigermaßen ausführlich, der Rest dann schließlich deutlich knapper. Hingegen mangelt es dem Buch grundsätzlich nicht an Bildern – viele Fotografien der Funde illustrieren die Artikel, was nur zu loben ist. Hinzu kommen Abdrucke zahlreicher originaler Dokumente zur Fund- und Forschungsgeschichte mancher Objekte im Anhang, was dem Leser bei einer eventuellen eigenen Recherche unterstützt.
Luc Bürgin ist ganz klar ein Befürworter, nicht Kritiker der grenzwissenschaftlichen Interpretation von Funden. Nichtsdestotrotz werden zumindest bei einigen Themen auch alternative Erklärungen wiedergegeben, z.B. beim Hammer von London (der wahrscheinlich nicht aus der Kreidezeit stammt, sondern schlichtweg in eine moderne Steinkonkretion eingeschlossen ist). Dies ist löblich, wobei eine Auseinandersetzung mit entsprechenden Gegendarstellungen bei den meisten der Funde (z.B. die Acambaro-Figuren) doch fehlt.  Grundsätzlich enthält sich Bürgin weitgehend der eigenen Interpretation und der Ausschlachtung der Funde für konkrete Thesen (Außerirdische, Atlantis, Junge-Erde-Kreationismus …), sondern lässt sie vielmehr als Mysterium stehen. Aus der kritischen Haltung dem wissenschaftlichen Establishment gegenüber macht er trotzdem keinen Hehl, ist dem doch die gesamte umfangreiche Einleitung gewidmet. Mit einer Aufzählung von zahlreichen Revisionen (meist Rückdatierungen) wissenschaftlicher Lehrmeinungen in den letzten Jahrzehnten versucht er deren Fehlbarkeit zu belegen, was aber letztlich doch ein Schuss ins eigene Bein ist – beweist er damit doch vielmehr, dass die akademische Wissenschaft sehr wohl im Angesicht neuer Funde ihre Theorien revidiert, anstatt dogmatisch am Alten festzuhalten.
Das kurze und unterhaltsame Buch ist schnell durchgelesen. Viele der behandelten Themen sind in diesem Genre altbekannt, womit das Buch allenfalls als Überblickswerk taugt, im Falle von Burrow’s Cave und durch die Dokumente ist jedoch zumindest ein gewisser (grenz)wissenschaftlicher Mehrwert geboten. Letztlich ist es kein in diesem Genre wirklich herausstechendes Buch – weder positiv durch inhaltliche Qualität noch negativ durch ein überdurchschnittliches Maß falscher und pseudowissenschaftlicher Aussagen, die sich beide im soliden Mittelfeld bewegen.

Falsch informiert!

Seit über fünfzig Jahren nun veröffentlicht der Schweizer Autor Erich von Däniken ein Buch nach dem anderen mit dem Ziel, das Wirken von Außerirdischen in der grauen Vorzeit des Menschen nachzuweisen. Zu den eher schwächeren Werken gehört „Falsch informiert!“, 2007 erschienen.
Abgesehen von einem weiteren Exkurs zu den leidlich bekannten Nazca-Linien am Ende konzentriert sich das Buch in seiner Gänze auf ein Thema: Mysteriöse Bücher, die den Menschen vor Urzeiten von den Göttern – sprich: Außerirdischen – vermacht wurden. Es beginnt mit dem bis heute nicht entzifferten Voynich-Manuskript – eine solide historische Darstellung, jedoch von eher geringer Relevanz für die nachfolgenden Theorien. Im Zentrum steht zweierlei: Zum einen das apokryphe Buch Henoch, das dem vorsintflutlichen Patriarchen nach eigener Aussage von Engeln diktiert wurde – diesem räumt Däniken unter zahlreichen weiteren Überlieferungen solcher „göttlichen Bücher“ eine Sonderstellung ein und konzentriert sich fortan fast nur darauf, was wohl der plastischen Darstellung von Henochs Kontakt mit den (mutmaßlichen) Außerirdischen geschuldet sein dürfte.
Auf der archäologischen Seite wiederum widmet er sich der ominösen „Metallbibliothek“ des Pater Crespi in Ecuador, einem Korpus von tausenden Stücken aus Stein sowie Gold oder anderen Metallen, deren Authentizität höchst zweifelhaft ist (wobei zumindest ein Teil zweifellos aus modernen, sprich gefälschten Stücken bestehen dürfte). Eng damit in Verbindung steht eine angeblich in einem Höhlensystem gefundene „Metallbibliothek“, die längst zu dem vielleicht fatalsten „Forschungsobjekt“ Dänikens geworden ist: Bereits im Buch „Aussaat und Kosmos“ (1972) behauptete er, von dem Entdecker Juan Moricz in einen Teil der Höhlen geführt worden zu sein. Eine undurchsichtige Affäre entspannte sich daraus, als man ihm später Lügen vorwarf, besagter Moricz von der früheren Zusammenarbeit nichts mehr wissen wollte, Däniken nur noch in einem Seiteneingang des Höhlensystems gewesen zu sein behauptete und spätere Expeditionen nur eine leere und natürliche Höhle vorfanden – woraufhin man die angebliche Metallbibliothek in eine andere Höhle weiter entfernt verlegte, zu der noch dazu ein noch früherer Entdecker auftauchte, der schließlich unter ominösen Umständen ermordet wurde, während schließlich ein gewisser Stanley Hall ebenfalls eine angeblich erfolgreiche Expedition führte … und so weiter und so fort. Es dürfte schwer bis unmöglich sein, die Affäre letztlich aufzuklären und zu rekonstruieren, wer wann und wie oft gelogen hat – können doch weder Juan Moricz noch Erich von Däniken selbst als wirklich seriöse Quellen gelten. „Falsch informiert!“, Dänikens zweiter größerer Beitrag zu der Kontroverse, klärt den Sachverhalt zwar auch nicht letztendlich auf und bringt auch keine wirklich neuen Informationen zu den angeblichen Fundstücken (so diese je existiert haben), doch es dokumentiert immerhin ausführlich – auch anhand etlicher Briefe und anderer Dokumente (so kann man ein Buch auch vollkriegen) – zumindest Dänikens Version der Ereignisse. Für eine letztendliche Rekonstruktion dürfte das Buch also durchaus hilfreich sein, auch wenn man bei allen beteiligten Akteuren ein unbestimmbares Maß an Unwahrheiten in Betracht ziehen muss. Lange Rede, kurzer Sinn: Die „Metallbibliothek“ ist nach wie vor nicht gefunden und gesichert worden, bis auf Weiteres existiert sie nur in Erzählungen.
Dies hält Däniken indes nicht davon ab, bereits ein komplexes Szenario darum zu konstruieren: War da nicht jene Gründungslegende der Mormonen, derzufolge Joseph Smith die Geschichte der nach Amerika ausgewanderten Stämme Israels von einigen vergrabenen Metallplatten her rekonstruierte? Passt dies nicht zu der Geschichte von Henoch, der im Auftrag Gottes himmlische Bücher über die Geheimnisse des Universums verfasste? Das Buch Henoch wurde auch tatsächlich in der Zeit vor der Sintflut vom in den Himmel entrückten Patriarchen Henoch verfasst, ist sich Däniken sicher – schließlich steht dies dort schwarz auf weiß, und hätten etwaige Autoren des Werkes lügen sollen? Diese Leichtgläubigkeit ist bezeichnend: Ein Werk ist glaubwürdig und stammt wirklich von dem zugeschriebenen Autor, weil es selbst dies behauptet. Anstelle eines bloßen Hinweises darauf, dass auch „Lügen“ (in der Theologie nennt man das auch „Redaktion“) ernsthaft in Betracht gezogen werden sollten, ließe sich auch ein vergleichbares Beispiel anführen: Das babylonische Epos Enuma Eliš, nach eigener Aussage in Abstimmung mit dem Gott Marduk niedergeschrieben und penibel kopiert, sowie auch der dem Fischwesen Oannes in den Mund gelegte Bericht des Berossos – beides Werke, die auch Däniken zitiert und anscheinend für glaubwürdig hält – berichten übereinstimmend, Marduk habe Himmel und Erde aus dem auseinandergerissenen Körper der Urgöttin Tiamat geschaffen. Ist dies also ebenso glaubwürdig wie Henoch und dementsprechend als authentischer Tatsachenbericht zu betrachten? Wenn nein – ab welchem Maß von „mythischem“ Charakter darf man von einer wörtlichen Interpretation absehen, und womit begründet ein Erich von Däniken ausgerechnet diese Grenze?
Bleiben wir noch beim Enuma Eliš: Däniken erwähnt das Epos und berichtet von der darin enthaltenen Sintfluterzählung (128) – die das Enuma Eliš jedoch gar nicht beinhaltet (er meint anscheinend die Schilderung im Atramḫasis-Epos). Im Gilgamesch-Epos indes werde Enkidu von einem Adler in den Himmel getragen (59) – eine ähnliche Szene existiert tatsächlich, doch geschieht dieses Ereignis ausdrücklich im Traum Enkidus; dieser wird dort von einem Dämon mit Adlerkrallen zwar gepackt, aber nicht in den Himmel entrückt, sondern überwältigt und in die Unterwelt verschleppt, eindeutiges Vorzeichen seines nahen Todes (vgl. Tafel VII, 165ff). Weniger peripher ist indes, dass Däniken die Auswanderung der israelitischen Stämme aus dem Buch Mormon in die Zeit Henochs datiert, da sie als „Jarediten“ von Henochs Vater Jared, also auch von Henoch selbst abstammen (128, 175), was nicht nur insofern sinnlos ist, da nach biblischer Überlieferung über den einzigen Sintflutüberlebenden Noah alle Menschen von dessen Vorfahren Henoch und Jared abstammen müssen – es widerspricht auch der an anderer Stelle (127) überlieferten Aussage, die Auswanderung habe zu Zeiten des Turmbaus von Babel, also nach der Sintflut und somit lange nach Henoch, stattgefunden. Selbst wenn man die Bibel an dieser Stelle ernst nimmt, wie Däniken es tut, so gibt sie doch seine Argumentation nicht her. Derart plumpe Fehler, die bereits bei einer oberflächlichen Kenntnis der Quellen auffallen sollten, zeugen von einem literarischen Standard, der irgendwo zwischen beeindruckender Inkompetenz und bewusster Täuschung rangiert.
Nicht vergessen werden sollte natürlich das weitere große Thema des Buches, das sich bereits im Titel andeutet: Die ultimative Ladung Wissenschafts-Bashing, eine über etliche Seiten (und immer wieder nebenher) ausgebreitete Tirade über die angebliche Blindheit und Verbohrtheit des Wissenschaftsbetriebs, deren Idiotie Erich von Däniken anscheinend als einzig Vernünftiger gegenüberstehe. Gelingt es ihm in seinen anderen Büchern noch meistens, diese Einstellung in elegante Formulierungen zu verpacken und mit scheinbar plausiblen Beweismitteln zu unterfüttern, so ist in „Falsch informiert!“ der Bogen doch eindeutig überspannt – maßlos polemische, ja fast schon vulgäre Lästerei, der dann doch nur wieder das „Common-Sense-Argument“ entgegengesetzt wird, es sei ja offensichtlich, dass die antiken Texte von Außerirdischen und ihrer Technologie handelten.
In seinen anderen Büchern, die ich bislang las, mögen Dänikens Theorien – obgleich größtenteils widerlegbar – bisweilen noch faszinierend und bedenkenswert gewesen sein. „Falsch informiert!“ indes macht da eine Ausnahme: Bis auf die simple Feststellung, dass viele Überlieferungen von göttlich diktierten Büchern handeln (wobei einige der schönsten Beispiele etwa aus dem alten Orient Däniken offenbar noch unbekannt waren), sowie einen gewissen Beitrag zur Aufarbeitung der ohnehin zweifelhaften Kontroverse um die Metallbibliothek enthält das Buch keinerlei neues Sachmaterial (sowohl Henoch als auch Pater Crespi und die Nazca-Linien sind wahrlich ein alter Hut), dafür aber wissenschaftsfeindliche Monologe so bislang kaum gekannten Ausmaßes, von den üblichen Fehlschlüssen einmal abgesehen (einmal mehr: Wie sollten sich unabhängig entstandene Außerirdische mit Menschen paaren können?). Auch für den Autor, der zurecht als Pseudowissenschaftler gilt, ist „Falsch informiert!“ somit ein ziemlicher Tiefpunkt.

Shivers VIII – Neue Horrorgeschichten

Cemetery Dance Germany, Band 2, Shivers VIIINachdem die neue Reihe „Cemetery Dance“ jüngst mit der relativ kurzen Novelle „Widow’s Point“ startete, läuft  sie nunmehr mit ihrem zweiten Teil zu größerem Format auf: „Shivers VIII – Neue Horrorgeschichten“ lautet der Titel der rund 400 Seiten starken Anthologie, unter deren Mitwirkenden sich so große Namen wie Jack Ketchum, Laird Barron und nicht zuletzt Stephen King befinden. Shivers 1-7 erschienen zwar bereits zuvor in englischer Sprache, sind jedoch nie auf Deutsch erschienen.
Besonders wirbt der Buchheim-Verlag natürlich mit der enthaltenen Geschichte „Squad D“ von Stephen King, die mit diesem Buch tatsächlich ihre erste Veröffentlichung erfährt. In einer dezent unheimlichen, mehr aber noch deprimierenden Weise setzt sich die Story mit den Folgen des Vietnam-Krieges auseinander – literarisch durchaus respektabel, jedoch letztlich sehr kurz und damit eher wenig herausstechend. Ansonsten bietet das Buch eine bunte Sammlung verschiedenster Texte, deren Länge wie auch Unterhaltungswert breit variieren: Mal geht es um eine alte Messie-Frau mit dunklem Geheimnis, dann um bedenkliche Sandkastenspiele im Kinder-Ferienlager oder eine Affäre in Brasilien mit verstörendem Ergebnis. Ein Dieb alter Maya-Artefakte ersteht von den Toten auf, eine Katzenfigur entwickelt schrecklichen Blutdurst und ein Mann versucht seiner in einen Zombie verwandelten Frau Nahrung zu verschaffen. Bei weitem nicht alle Geschichten sind dabei im engeren Sinne dem Genre Horror zuzurechnen, ist dafür doch der Faktor des Unheimlichen oder Verstörenden oftmals eher nicht ausreichend – vielmehr könnte man den Inhalt der Anthologie unter „düstere Belletristik“ subsumieren: Das Spektrum reicht vom allzu bodenständigen, aber brillant inszenierten Mord eines alten Mannes an seiner Frau mit anschließendem Suizid in „Die Stunde dazwischen“ über Mystery in „Der Stuhl“ von Bentley Little und mehr explizite Fantasy in Ian Rogers‘ „Augen wie vergiftete Brunnen“ bis hin zu zunehmend psychedelischen Texten wie „Verklärung“ von Richard Christian Matheson und „Gamma“ von Laird Barron. Geschichten letzteren Typs, von denen es mehrere gibt, waren für mich die deutlichsten Durchhänger des Buches – traumartige Schilderungen, bei denen sich mitunter nur schwer fassen lässt, worum genau es eigentlich geht. Indes birgt die Sammlung auch etwa den großartigen Mystery-Thriller „Ms. Wysle und der Lakritze-Mann“, in dem eine allzu reaktionäre Lehrerin etwas zu rücksichtslos gegen ihre Schüler durchgreift, oder die echte Horrorgeschichte „Mama schläft“, die bedrückend Spannung aufbaut und doch ein unerwartet schockierendes Ende erreicht.
Letztlich sind eigentlich alle Geschichten in der Anthologie „Shivers VIII“ handwerklich hochwertig geschrieben – flüssig wegzulesen und in der Inszenierung der Ereignisse von professioneller Qualität. Indes schwankt doch der Unterhaltungswert –  zu zahlreich waren für meinen Geschmack jene schwer verständlichen Geschichten, die eine klare Inszenierung zugunsten der bloßen Atmosphäre aufgeben (um damit was eigentlich zu untermalen?) und den Leser relativ ratlos zurücklassen. In Sachen echter Horror mag es bessere Sammlungen geben, doch abseits dieses verengten Blickwinkels ist „Shivers VIII“ doch mit Genuss zu lesen – auf jeden Fall eine vielseitige Zusammenstellung haufenweise beunruhigender Ideen.

Skulduggery Pleasant – Mitternacht

Nach „Das Sterben des Lichts“ glaubte man die Serie fast schon beendet – da fügte Derek Landy seiner „Skulduggery Pleasant-Reihe“ (der letzten Jugenbuchreihe, die ich nach wie vor weiterverfolge) mit „Auferstehung“ noch einen weiteren Teil samt Cliffhanger hinzu. Diesem folgte nunmehr der nächste Band „Mitternacht“ nach, der relativ nahtlos an den Vorgänger anschließt.
Nachdem der letzte Band auf die Auferstehung der gefährlichen neuen Antagonistin Abyssinia hinauslief, war man natürlich gespannt auf den Fortgang dieses Handlungsstrangs. Zur allgemeinen Verwunderung für Leser und Figuren gleichermaßen ist Abyssinia jedoch zunächst einmal wenig interessiert daran, Blut und Zerstörung über die Welt zu bringen. Dies wurmt nicht zuletzt ihren zunehmend frustrierten Gefolgsmann Cadaverus Gant, der schließlich das Schicksal selbst in die Hand nimmt. Sein Ziel: Immer noch Rache an Walküre Unruh für den Tod seines früheren Kumpanen Jeremia Wallow. Sein Plan: Unter anderem die Entführung von Walküres kleiner Schwester Alison …
Ganz wie erwartet setzt „Mitternacht“ die Reihe nach wohlbekanntem Muster fort: Allerlei kauzige Charaktere, witzige bis groteske Dialoge, trotz teils mehrerer Handlungsstränge ein flottes Erzähltempo und flüssiger Stil. So ist natürlich auch dieser Band wieder beste Unterhaltung für zumindest zwei Tage, denn die 500 Seiten lassen sich allzu schmackhaft verschlingen. Eine positive Überraschung indes gelingt nicht mehr wirklich. Ein wenig fehlt die epische Dimension, die viele der früheren Bände so spannend machte – nicht zuletzt weil wider Erwarten die so pathetisch vorbereitete Abyssinia relativ kurz kommt. Wie schon der Vorgänger „Auferstehung“ (und anders als die ersten neun Bände) wirkt auch „Mitternacht“ nicht mehr wie ein in sich vollständiges Werk im Rahmen eines größeren Handlungsbogens; vielmehr wird ein Spannungsbogen über mehrere (teils noch nicht erschienene) Bände angedeutet, was dem einzelnen etwas den individuellen Reiz nimmt. Nachdem nun Protagonistin Walküre mehr oder weniger erwachsen geworden ist, wurde ja Omen Darkly als neue jugendliche Identifikationsfigur eingeführt – ein schon fast überzeichneter Loser und dankbares Objekt des Fremdschämens, mit dem ich nach wie vor nicht recht warm zu werden vermag. Fundamental neue Handlungselemente wurden mit diesem Band nicht ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, mehrere jedoch bereits nebensächlich angedeutet.
Als Unterhaltungsroman funktioniert wie erwartet auch „Mitternacht“: Flüssig und unterhaltsam von Anfang bis Ende, abermals ein lockeres Lesevergnügen. Allein – es fehlt weitgehend der große inhaltliche Reiz, hat sich doch das Verhältnis von angefangenen und tatsächlich auserzählten Handlungselementen etwas suboptimal verschoben. Umso gespannter kann man indes auf den nächsten Band sein. Dass Derek Landy Handlungen auch lange zuvor aufgebaute Plots sinnvoll wieder aufnimmt, hat er in den früheren Bänden bewiesen – und solche Cliffhanger gibt es spätestens nach diesem Band zur Genüge …

Vampir 2: Das siebente Opfer

Bildergebnis für das siebente opferUnter dem Titel „Das siebente Opfer“ geht die „Vampir“-Reihe des Zaubermond-Verlags in die zweite Runde – mit deutlicher Verbesserung gegenüber dem ersten Band. Das Buch enthält vier Geschichten mit jeweils knapp über hundert Seiten, eine jede von einem anderen Autor.
In „Der Teufelmacher“ von Hugh Walker geht eine parapsychologische Forschungsorganisation einer Reihe satanistischer Entführungsfälle auf den Grund – mit unerwarteter Auflösung. In „Baphomet“ von Uwe Voehl wird ein Mann von seinem okkultistischen Freund aus Schulzeiten entführt, um auf einem rätselhaften Anwesen der Rückkehr Baphomets zu dienen. Vom Fund der „Maske des Seth“ in einem ägyptischen Grab und dessen fatalen Folgen berichtet die Titelgeschichte „Das siebente Opfer“ von Bernd Frenz. Und schließlich setzt Jo Zybell mit „Baal“ die im ersten Band begonnene Reihe um den Journalisten Tom Percival fort, der sich einmal mehr einer Sekte von Satanisten und dem Druidenorden aus dem ersten Teil stellen muss.
Waren die Geschichten im ersten Band noch relativ zäh und unspektakulär, ist mit dem zweiten ein deutlicher Qualitätsgewinn eingetreten: Obgleich doch die vierte Geschichte noch etwas verwirrend ist und leicht am Fehlen eines roten Fadens krankt (auch die Titelgestalt Baal wird dann doch nur oberflächlich angeschnitten), so lesen sich letztlich alle vier Geschichten flüssig und spannend weg. Ein gewisses Maß an Klischees mag in diesem Genre mitunter schwer zu verhindern sein, doch immerhin vermeiden die Geschichten grobe Stereotype und Logikfehler weitgehend; auch die ägyptischen Hintergründe der Titelgeschichte werden ziemlich wirklichkeitsgetreu dargestellt. Auch bei der ziemlich abgenutzten Satanisten-Thematik gelingt es den Autoren zum Teil, neue Akzente zu setzen – auch wenn zu hoffen bleibt, dass sich dieses jetzt so oft behandelte Thema in den folgenden Bänden nicht ebenso zahlreich fortsetzt. Die Novellen haben genau die richtige Länge – ausreichend umfangreich in der Inszenierung, aber nicht langatmig. Zu loben ist auch die etwas größere Schrift als im allzu klein bedruckten ersten Band, was den Lesefluss verglichen mit jenem deutlich verbessert. So ergibt „Das siebente Opfer“ letztlich ein solides Stück Unterhaltungsliteratur – vier kurzweilige Mystery-Novellen, von denen jede ein bis zwei Stunden angenehmes Lesevergnügen verspricht.

Kleopatra – Die ewige Diva

Kleopatra VII. ist zweifellos eine der bekanntesten Gestalten der Antike, davon wohl die mit Abstand prominenteste weibliche – als ambivalente Geliebte Cäsars und Mark Antons ebenso wie in ihrer Rolle als Herrscherin, seltener auch als Mutter und Göttin. So ist es auch kein Wunder, dass sie ungebrochen über zweitausend Jahre eine lebendige Rezeption in Kunst und Literatur erfuhr, von der Ikonographie zu Lebzeiten bis hin zu Darstellungen im modernen Film. Dieser Rezeptionsgeschichte widmete sich auch eine Ausstellung in Bonn, zu der auch ein gleichnamiger Katalog erschien: „Kleopatra – Die ewige Diva“.
Auf rund 150 Seiten sind Textbeiträge versammelt – ihr Spektrum reicht von der Lebensgeschichte der historischen Person und ihrer zeitgenössischen Darstellung in Form von Statuen über verschiedene Epochen der Malerei – die vor allem immer wieder ihren dramatischen Tod, aber auch andere plakative Szenen zahlreich illustrierten – bis zur Moderne mit Film und Mode. Es ist wahrlich interessant zu beobachten, wie eine eigentliche einem konkreten historischen Kontext entstammende Person zwei Jahrtausende lang immer wieder in ihrem Erscheinungsbild der jeweiligen Gegenwart angepasst wurde: Die allzu europäischen Darstellungen Kleopatras etwa aus Mittelalter und Renaissance mögen uns heute naiv und einfältig erscheinen, doch lässt uns diese Aneinanderreihung doch nicht zuletzt jenes Bild hinterfragen, das wir heutigen Menschen selbst von jener Frau im Kopf haben – obgleich doch dieses moderne Bild nur allzu sehr von den frühen Verfilmungen geprägt ist, insbesondere jener von 1963 mit Liz Taylor in der Hauptrolle. Ein Kritikpunkt an dem Buch ist jedoch seine massive inhaltliche Redundanz: Zahlreiche allgemeine Bemerkungen zu Lebens- und Rezeptionsgeschichte finden sich letztlich in so ziemlich jedem Kapitel wiederholt, was von einer zu einem gewissen Grad mangelhaften Abstimmung zwischen den verschiedenen Autoren der Beiträge zeugen dürfte. Ein weiterer hochinteressanter Aspekt sind die modernen, bisweilen ideologisch getragenen Diskussionen über die mutmaßliche Hautfarbe Kleopatras (die, so zumindest die Meinung gewisser Strömungen, durchaus dunkel gewesen sein könnte). Während aber die Fragestellung und ihre Rezeption gut angesprochen werden, fehlt leider eine Konfrontation mit dem wissenschaftlichen Kenntnisstand unserer Zeit zu dieser Frage, womit man dann letztlich doch nicht beurteilen kann, ob es sich hierbei überhaupt um eine wissenschaftliche bzw. historische oder nur eine abstruse ideologische Diskussion handelt – und wie letztlich die wahrscheinlichste Antwort wäre.
Die zweite, rund ebenso seitenreiche Hälfte des Buches ist dem Katalog der bildlichen Darstellungen aller Zeiten (größtenteils Gemälden) gewidmet. Durchge“lesen“ ist dies schnell, unter kunsthistorischem Interesse indes mag man einige Zeit vor der faszinierenden Auswahl verweilen.
Unter historischen Gesichtspunkten ist das Buch eher wenig ergiebig und auch sonst wiederholt sich vieles in den Textbeiträgen. Wer sich jedoch maßgeblich für die Rezeptionsgeschichte jener berühmten letzten Königin der Ptolemäer in der bildenden Kunst interessiert, wird seine helle Freude an diesem doch erstaunlich preisgünstigen Prachtband über Kleopatra finden – eine gewaltige Anzahl groß abgedruckter Bildwerke samt ausführlichen Hintergründen illustriert perfekt die Wandlung ihres Bildes über etliche Jahrhunderte hinweg.

Antike mit Biss

Wahrscheinlich ist die Gruselgeschichte so alt wie die Menschheit selbst. So ist es auch kein Wunder, dass schon aus der klassischen Antike zahlreiche solche Begebenheiten überliefert sind, aus fiktionaler wie berichtender Literatur gleichermaßen. Eine kleine Zahl dieser hat Cornelius Hartz in dem Büchlein „Antike mit Biss“ zusammengestellt. In vier Abschnitten – zu den Themen „Vampire“, Hexen und Werwölfe, Gespenster und schließlich Verstümmelung und Tod – sind insgesamt zwanzig Originalquellen in deutscher Übersetzung abgedruckt, begleitet von einer kurzen Einleitung zu Werk und Autor. Eigentlich eine vielversprechende Idee – doch letztlich stellt sich die Auswahl doch als ziemlich unspektakulär heraus.
Vampire kommen eigentlich doch nicht vor, die darunter gefassten Geschichten haben allenfalls einen gewissen Bezug zum Bluttrinken – jedoch eher in rituellem Kontext. Ganz nett sind die Werwolf- und Gespenstergeschichten, die über „Hexen“ indes haben nicht wirklich unheimlichen Reiz – so wird dort auch etwa die wohlbekannte Kirke-Episode aus der Odyssee abgedruckt (und damit einmal mehr die weit verbreitete, aber mythologisch falsche Identifikation der Göttin Kirke als „Märchenhexe“ weiter bedient). Im letzten Abschnitt wurden schließlich einfach ein paar Anekdoten zu irgendwie unschönen Praktiken (wie etwa Kannibalismus) zusammengestellt, wobei Herodots „Der verstoßene Königssohn“ letztlich doch ganz eindeutig keine Horrorgeschichte ist, sondern eine typische Geburtslegende (nämlich Kyros‘ des Großen).
Das Buch mit knapp über hundert Seiten ist schnell durchgelesen – dabei jedoch letztlich recht enttäuschend. Alle Texte sind sehr kurz, dabei jedoch manchmal zäh – was nicht zuletzt an den teils uralten (und daher urheberrechtsfreien) Übersetzungen liegt, bei Homer und Ovid etwa im zum Lesen schwergängigen Hexameter. Bei der geringen Zahl der Geschichten hat man nicht wirklich das Gefühl, einen repräsentativen Eindruck von den „Gruselgeschichten der Antike“ gewonnen zu haben, zumal ein Großteil der Texte relativ gezwungen den modernen Themen zugeordnet scheint. Überwiegend sind es eben keine richtigen „Gruselgeschichten“, sondern Texte aus ganz anderen Kontexten, die bloß vereinzelte inhaltliche Bezüge aufweisen. So scheint die Sammlung auch irgendwie lieblos und nicht ganz professionell zusammengestellt, hätte es für eine solche Kompilation doch sicherlich zahlreiche weit geeignetere Texte in der antiken Literatur gegeben – so etwa allein schon im „Buch der Wunder“ des Phlegon von Tralleis.
Einzelne Texte sind in der Tat recht unterhaltsam und interessant, doch bilden sie die Minderheit in der ohnehin nicht großen Zahl der Quellen. Horror, Grusel und vor allem die implizierten Parallelen zu unseren modernen Schreckgestalten sucht man weitgehend vergebens – es fehlt dem Werk also letztlich jeder Reiz, mit dem es oberflächlich zu werben versucht.

Die Elementare

Bildergebnis für die elementare festaSeit Generationen sind die beiden Ferienhäuser von Beldame an der Küste Alabamas im Besitz der Familien Savage und McCray. Ein drittes Haus ist verlassen und wird zunehmend vom Sand verschlungen. Unheimliche Erlebnisse verbinden die Älteren damit – und als die Familien nach langer Zeit erneut ihren Urlaub in Beldame verbringen, regt sich das gestaltlose Grauen im dritten Haus von neuem …
„Die Elementare“ von Michael McDowell ist der vierte Band der Reihe „Pulp Legends“ – und abermals hat man im Rahmen dessen einen wahren Schatz ausgegraben, vielleicht sogar den bisher besten Band der Reihe. Oberflächlich betrachtet ist es eine Geisterhausgeschichte. Und doch wirkt das Buch nur allzu frisch und unverbraucht, was gleichsam an Setting wie Inszenierung liegt: Von großartiger Atmosphäre ist der Schauplatz Beldame, auch ohne langatmige Beschreibungen so plastisch und lebendig wie nur zu wünschen. Das Umfeld von amerikanischem Süden und Strand unterscheidet sich deutlich von dem klassischer Geisterhäuser – trotzdem und deshalb entsteht eine ganz besondere Wirkung schon allein des Ortes. Nicht die Dunkelheit der Nacht beherbergt hier das Böse; es tritt gleichsam in der brütenden Sonnenhitze des Tages auf. Die Natur des Grauens bleibt trotz zahlreicher Andeutungen doch irgendwie im Dunkeln, es wird durch keine Entmystifizierungen relativiert.
Doch ist der Großteil des Werkes letztlich den Figuren gewidmet, den eng verflochtenen Familien McCray und Savage mit ihrer weit zurückreichenden Geschichte, die durch zahlreiche Rückgriffe lebendig wird. Die Charakterzeichnung ist pointiert und individuell – zur großen Freude des Lesers gelingt es McDowell, in solchem Genre verbreitete Klischees weitgehend zu umschiffen. So bleibt auch das Handeln der Charaktere allzu nachvollziehbar, alles andere als gezwungen und irrational. Regelmäßig sorgt der beißende Zynismus der Figuren, ganz besonders aber des Luker McCray, der auch angesichts der verkorksten eigenen Familie kein Blatt vor den Mund nimmt, für Erheiterung. So liest sich auch das gesamte Buch flüssig weg, trotz des langsamen Spannungsaufbaus niemals langatmig, was vor allem dem fesselnden Spiel der Charaktere geschuldet ist.
„Die Elementare“ ist ein auf ganzer Linie vollendetes Werk: Komplexe und (im literarischen Sinne) sympathische Charaktere, ein einzigartig atmosphärisches Setting und ein sich dezent steigerndes Grauen, das beide verbindet.