Buchrezensionen

Großsteingräber, Grabenwerke, Langhügel – Frühe Monumentalbauten Mitteleuropas

Noch heute prägen uralte Monumente die Landschaften Norddeutschlands. Die aus tonnenschweren, unbearbeiteten Felsen errichteten Großsteingräber – „Hünengräber“ im Volksmund – wurden einst vorzeitlichen Riesen zugeschrieben, ebenso wie die noch gewaltigeren Langbetten. Heutzutage gilt ihre Einordnung in die jungsteinzeitliche Trichterbecherkultur, genauer die Zeit zwischen ca. 3 500 und 2 800 v. Chr., als sicher. Weniger bekannt, wenngleich mit einer Länge von 40 – 50 Metern nicht weniger mächtig, sind die nichtmegalithischen Langhügel jener Zeit, die neben Dolmen und den oft vergessenen Einzelgräbern die Vielfalt jungsteinzeitlicher Bestattungsformen illustrieren.
Seit 2009 werden diese Relikte durch das Schwerpunktprogramm „Frühe Monumentalität und soziale Differenzierung“ der Christian-Albrechts-Universität Kiel untersucht. Zu den zahlreichen daraus hervorgegangenen Publikationen gehört auch der Sonderband der Zeitschrift „Archäologie in Deutschland“ mit dem Titel „Großsteingräber, Grabenwerke, Langhügel – Frühe Monumentalbauten Mitteleuropas“, der mittlerweile auch als gebundene Ausgabe und kostenlose Online-Publikation erschienen ist. Der Autor Johannes Müller ist Professor für Ur- und Frühgeschichte an der Uni Kiel und dürfte somit wohl als einer der kompetentesten Ansprechpartner zum vorliegenden Thema gelten. 112 Seiten mögen für ein solches Buch nicht viel erscheinen, doch beinhalten diese durchaus eine reichhaltige Zusammenstellung interessanter Informationen und aktuellster Forschungsergebnisse.
Entgegen dem, was man vielleicht erwarten mag, handelt es sich nicht um einen Bildband „die schönsten Großsteingräber Norddeutschlands“, sondern eben eine wissenschaftliche Zeitschriftenpublikation. Der Titel scheint ein Werk über die „frühen Monumentalbauten Mitteleuropas“ zu implizieren (wobei die Großsteingräber neben Grabenwerken und Langhügeln eben nur ein Aspekt sind), doch trifft dies den Nagel nicht auf den Kopf. Vielmehr dreht sich ein großer Teil des Bandes um die kulturhistorischen Kontexte ebendieser „frühen Monumentalität“ – anstatt im Däniken-Stil die beeindruckendsten Einzelmonumente abzubilden und zu beschreiben, gehen mehrere Abschnitte etwa auf die klimatisch-naturräumlichen Voraussetzungen der nordeuropäischen Jungsteinzeit, eine präzisierte Feinchronologie der Trichterbecherkultur und deren profane Überreste ein. Ziemlich trocken und anstrengend zu lesen, wenngleich durchaus informativ, ist etwa ein Abschnitt über die Vielfalt der Haustypen der TBK; andere Abschnitte befassen sich unter anderem mit den Rohstoffen Flint, Kupfer, Bernstein und Gold in jener Phase.
Besonders zu befürworten ist dieser Ansatz, sobald es an die Großmonumente selber geht: Den bekannten kollektiven Großsteingräbern wird die Vielfalt der weniger bekannten Bestattungsformen gegenübergestellt, mit denen diese koexistierten und sich bisweilen auch überschnitten. So gab es durchaus Einzelgräber in der Trichterbecherkultur, manchmal mit Steinpackungen oder in noch nicht megalithischen Steinkisten, vor und auch noch während der Megalithzeit – und auf der anderen Seite die titelgebenden Langhügel, die auch ganz ohne Steine monumentale Dimensionen erreichen. Als besonders interessantes Beispiel fungiert hier der Grabkomplex Rastorf LA 6a: Wo zuvor ein profaner Hof stand, errichtete man in einer ersten Bestattungsphase noch innerhalb der Hausruinen einen Dolmen, nach und nach ergänzt durch weitere Einzelgräber, die schließlich zu einem (später nochmals erweiterten) Langhügel verbunden wurden – ähnlich der Langhügel von Flintbek, ebenfalls mit mehreren Dolmen und Einzelgrabkammern sowie darunter den aktuell ältesten bezeugten Wagenspuren. Schließlich wird auch auf die klassischen Dolmen und Ganggräber in verschiedenen Formen eingegangen – ihre Typologie, ihre Verbreitung, die dort gemachten Funde sowie schließlich auch die Frage der Errichtung, welche etwa experimentell durch die Errichtung eines Großsteingrabes auf dem Campus der Kieler Uni nachvollzogen wurde. Neben den menschlichen Überresten, wie sich in zumindest manchen Megalithgräbern noch bei Ausgrabungen fanden, wird auch auf die Art der einstigen Benutzung eingegangen, als die Gräber offenbar als lebendige Anlagen eines Totenkultes fungierten. Neben einer Reihe von Einzelbeispielen – so etwa der Brutkamp bei Albersdorf oder der Denghoog auf Sylt – nimmt man auch die überregionale Verbreitung und Vernetzung megalithischer Bestattungssitten rund um die Trichterbecherkultur in den Blick. Weniger Grabbauten, aber nicht weniger monumental sind die in einem der letzten Kapitel behandelten Grabenwerke – bekannt eher aus südlicheren neolithischen Traditionen wie etwa der Michelsberger Kultur, aber sehr wohl auch im Norden bezeugt, was auf einen entsprechenden Fluss von Kulturtraditionen schließen lässt.
Das Werk mag manchmal trockener sein, als es eine simple Publikation nur über Großsteingräber hätte sein können. Jedoch gelingt dem vorliegenden Band etwas viel Wertvolleres: Ein breites Panorama der Trichterbecherzeit mit ihrer Umwelt, ihren Siedlungen und ihrer Wirtschaftsweise einerseits, zugleich die Einordnung der monumentalen Grabbauten selbst in den historischen Kontext, dem sie entstammen – ihre Ursprünge, ihre Errichtung und Weiternutzung, das Zusammenspiel mit anderen Kulturtraditionen sowohl lokal wie überregional. All dies wird reichhaltig illustriert mit Fotos sowohl der Monumente wie auch aktueller Grabungen sowie zahlreichen Graphiken. So ist „Großsteingräber, Grabenwerke, Langhügel“ letztlich eine hervorragende Grundlage für jede Beschäftigung mit der „frühen Monumentalität“ Nordeuropas, die es nicht beim bloßen Ansehen beeindruckender Steinbauten belassen will.

3300 BC – Mysteriöse Steinzeittote und ihre Welt

Eine der faszinierendsten und meistdiskutierten Epochen der europäischen Vorgeschichte stellt das Neolithikum dar. Doch während gerade die Neolithisierung – die Ablösung der nacheiszeitlichen Jäger und Sammler durch Ackerbauern etwa der linienbandkeramischen Kultur – immer wieder Objekt größten Interesses ist, tritt das Jung- bis Spätneolithikum, genauer das vierte Jahrtausend vor Christus, allzu häufig in den Hintergrund. Es war dies nicht nur die Blütezeit der europäischen Megalithkulturen, von der Trichterbecherkultur mit ihren Hünengräbern und Langbetten im Norden bis zu den Erbauern der riesigen Megalithtempel von Malta im Süden, sondern auch die Zeit einer „zweiten neolithischen Revolution“, gekennzeichnet durch die erstmalige Entdeckung des Rades und der tierischen Zugkraft, die mit Pflug und Wagen nie zuvor gekannte Möglichkeiten der Landnutzung eröffneten. Ausgerechnet dieser Zeit widmete sich die Ausstellung „3300 BC – Mysteriöse Steinzeittote und ihre Welt“ des Museums für Vorgeschichte in Halle, zu der auch der gleichnamige Katalog erschien.
Im Zentrum der Ausstellung standen die neuesten Ausgrabungen am Erdwerk von Salzmünde, eponymer Fundplatz der Salzmünder Kultur (ca. 3400-3050 v. Chr.). Zu den beeindruckendsten Funden zählen mehrere verzierte Trommeln aus Ton, meisterhaft bearbeitete Prunkäxte aus Stein – und die namensgebenden „mysteriösen Steinzeittoten“. Neben Steinkisten sind besonders die sogenannten Scherbenpackungsgräber für die Salzmünder Kultur charakteristisch, in denen die Toten unter einer dicken Schicht zu Scherben zerschlagener Keramik beigesetzt wurden – einzigartig dabei das dicht gedrängte Begräbnis von ganzen neun Individuen, darunter fünf Kindern, unter deren Scherbenpackung offenbar ein Haus rituell abgebrannt wurde.
Der Katalog widmet den Funden von Salzmünde mehrere Kapitel – detailliert beschrieben die Funde, die historischen Kontexte und Interpretationen, am allermeisten natürlich die teils rätselhaften Bestattungen, welche zusätzlich zur Erläuterung im Fließtext mitsamt den Erkenntnissen der anthropologischen Untersuchungen in Form von Steckbriefen vorgestellt werden.
Doch bildet Salzmünde hierbei nur den Aufhänger für ein viel weiteres Panorama des europäischen Jung- und Spätneolithikums – auf fast 400 Seiten vereint „3300 BC“ eine Vielzahl an Beiträgen zu dieser Zeitepoche, weit über die Grenzen Sachsen-Anhalts hinaus:

  • zahlreiche allgemeine Artikel zum Neolithikum – zur Neolithisierung und der „zweiten neolithischen Revolution“, Bevölkerungsdynamik, Krieg und nicht zuletzt der (regionalen) Forschungsgeschichte
  • verbunden mit der erstmaligen Einführung von Zugtieren auch Kapitel über die spektakulären Rinderbestattungen von Profen und Niederwünsch
  • das Phänomen der hochwertigen Jadeitbeile, die während des Neolithikums durch weite Teile Europas gehandelt und jüngst in einem neuen Forschungsprojekt erforscht wurden
  • die oft romantisch verklärten Pfahlbausiedlungen im Alpenraum
  • Ötzi, ohne Zweifel der berühmteste „mysteriöse Steinzeittote“ von allen
  • die Megalithanlagen des Nordens (Trichterbecherkultur), der Dölauer Heide, der Bretagne, der Iberischen Halbinsel, Maltas, Irlands, Italiens und sogar der Orkney-Inseln
  • der blutige Ritualort Herxheim und fünf weitere Kapitel allein zum Phänomen der neolithischen Erdwerke
  • mehrere Beiträge aus der Ethnologie zum Thema Ahnenkult, die – zumindest annähernd durch Analogien – die oft rätselhaften Funde der Vorgeschichte etwas verständlicher zu machen versuchen

Großartig allein schon ist der Versuch, neben allerlei fundierten allgemeinen wie speziellen Themen auch noch die europäische Megalithik in einer solchen Breite darzustellen, dabei eingebunden auch mehrere recht unbekannte und doch nicht weniger beeindruckende Monumente. Doch so sehr mir auch das Herz aufgeht, im Kapitel zur norddeutschen Megalithik den wunderbaren Dolmen von Goosefeld nahe meines Heimatortes abgebildet zu sehen, so bleiben doch leider die Kapitel zu den Megalithkulturen überwiegend recht kurz. Im Umfang eines einzigen solchen Sammelbandes ist jedes einzelne weitere dieser zahlreichen archäologischen „Appetithäppchen“ respektabel, doch trotz hervorragender Abbildungen bleibt es schlichtweg unmöglich, etwa die Monumentalbauten der Trichterbecherkultur oder der maltesischen Megalithzeit auf oft unter fünf Seiten einigermaßen repräsentativ darzustellen – hier muss dann doch im Zweifel auf andere Publikationen zurückgegriffen werden, wozu aber immerhin überall eine Auswahl an Literaturverweisen gegeben wird (überhaupt ist die gute Ausstattung des Bandes mit Quellen zu einem jeden Kapitel positiv hervorzuheben). Anders sieht es etwa beim Thema Erdwerke aus; hier gelingt mit einer guten Auswahl an Beispielen auf verhältnismäßig mehr Raum ein etwas repräsentativerer Überblick.
Auch wenn ich die zugrunde liegende Ausstellung leider nie besuchen konnte – zum Glück sind immerhin zahlreiche der spektakulären Funde (Prunkäxte, Rinderbestattungen etc.) auch dauerhaft in Halle ausgestellt – so genügt doch schon der informative Katalog zur Begeisterung. Dass die Zusammenstellung der einzelnen Themen manchmal etwas willkürlich wirkt, tut dem Sammelband keinen Abbruch – im Gegenteil, ein Überblick über so viele der interessantesten Funde des vierten Jahrtausends v. Chr. ergibt insgesamt ein Panorama mit vielen Reizen für den interessierten Ur- und Frühgeschichtler. Die Präsentation geizt nicht mit großartigen Bildern und prägnanten Graphiken, wann immer diese angemessen sind, und erläutert dabei mehr zu all jenen archäologischen Highlights, als man realistischerweise aufnehmen kann. Sowohl als allgemeiner Überblick über die Monumentalbauten, Bestattungssitten und grundlegenden Prozesse des Jung- und Spätneolithikums wie auch als spezielle Darstellung gerade der vielfältigen Funde von Salzmünde bleibt „3300 BC“ in Erinnerung – ein Sammelband, den man als Vorgeschichtsinteressierter nicht nur durchlesen, sondern auch später wieder aufschlagen wird.

Der Mönch

Die Sünde blüht oft dort am besten, wo man sie am meisten zu unterdrücken sucht. Als 1796 Matthew Gregory Lewis im Alter von nicht einmal zwanzig Jahren den Schauerroman „Der Mönch“ veröffentlichte, muss dieser einem Skandal gleichgekommen sein, ein Dolchstoß mitten in das Herz der wohlkultivierten christlichen Moralfassade. Auch heute noch hat er als ein Meisterwerk der Gothic Novel zu gelten – jetzt sicher weniger schockierend als einst, doch längst noch mehr als man es erwartet.
Ambrosio ist der Inbegriff eines vorbildlichen Christen. Niemals hat der strenggläubige Mönch sich eine Sünde zuschulden kommen lassen, bei jeder Predigt verzaubert er die Menschen mit seinem Charisma. Seine Moral kennt keine Ausnahmen: Als er von der heimlichen Liebschaft einer jungen Nonne und ihrer geplanten Flucht erfährt, liefert Ambrosio sie ohne Zögern der geistlichen Obrigkeit aus. Dann aber wird sein moralischer Kompass auf eine Probe gestellt: Der junge Mönchsanwärter Rosario enthüllt ihm, dass er eigentlich eine Frau und nur aus Liebe zu Ambrosio dem Kloster beigetreten ist. Zunächst noch mit seinem Keuschheitsgelübde hadernd, kann doch der Mönch der allgegenwärtigen Versuchung nicht lange widerstehen. Währenddessen macht sich Don Lorenzo, Bruder der unglückseligen Nonne Agnes, zusammen mit ihrem Geliebten Raymond auf die Suche nach seiner Schwester, die von der unerbittlichen Äbtissin des Klosters gefangen gehalten wird. Ambrosio indes manövriert sich immer tiefer in den Sumpf des Lasters hinein – was als lange unterdrückte Leidenschaft begann, wandelt sich schon bald zur Sucht, bis Ambrosio von nichts anderem mehr getrieben ist als dem Zwang zur Sünde. Die Lust an seiner ersten Liebschaft verlierend, richtet sich seine obzessive Begierde ausgerechnet auf die unschuldige Antonia, die Angebetete Lorenzos …

„Der Mönch“ ist ein schonungsloser Roman. Was sich über 300 Seiten als Thriller aufbaut, wächst sich zum metaphysischen Kampf um die Seele Ambrosios aus, der schließlich, bis zuletzt unentschieden, in der Katastrophe endet. Satan triumphiert, kein Happy End gibt es für Schuldige wie Unschuldige gleichermaßen – bezeichnend, wenn ausgerechnet die berüchtigte Inquisition am Ende wie ein Retter erscheint. Es hat ohne Zweifel seinen Grund, dass Lewis‘ Werk noch heute als Klassiker des Genres gilt: Parallel und doch verflochten werden zwei Geschichten erzählt, beide für sich ein Sittenspiegel christlicher Bigotterie. Die Entzauberung lasterhafter Mönche und Nonnen mag in guter Tradition stehen, immer wieder ein dankbares Thema. Geradezu modern aber nimmt sich der Blick aus, den das Werk auf die strenge christliche Morallehre nimmt – die Enthaltsamkeit der Geistlichen wird als unerfüllbare Illusion offenbart, die ungerechten Zwänge des Glaubens der wahren Liebe zwischen Agnes und Raymond gegenübergestellt. Während die Äbtissin ihrer Grausamkeit unter dem Deckmantel der Moral freien Lauf lässt, ist es bei Ambrosio ganz offensichtlich allein die Abgeschiedenheit von der Welt, eben die Abwesenheit jedweder Versuchung, die ihn seine Tugend aufrecht erhalten lässt – die zu Beginn viel gerühmte Moral wird als Heuchelei entlarvt, die der Verführung letztendlich nichts entgegenzusetzen hat. Einmal aufgebrochen, offenbart sich hinter der tugendhaften Schale nichts als ein deformierter Charakter, der keinerlei natürliche Aversion zur Sünde mehr besitzt.
Auch nach über zweihundert Jahren ist „Der Mönch“ ein lesenswertes Werk. Klosterintrigen, Teufelspakt und Inquisition, allzu klassische Motive des Schauerromans, bilden zusammen mit einer wohldurchdachten Story einen überzeitlich guten Thriller, der stellenweise die Nerven der heutigen Leser noch zu strapazieren vermag wie einst den guten Geschmack der früheren.

Eine anonyme Übersetzung aus dem Jahr 1799 ist vielfach erhältlich, so etwa in der meinen Ausgabe, gemeinsam mit E. T. A. Hoffmanns Die Elixiere des Teufels im Sammelband der Area-Horror-Reihe. Erst vor kurzem erschien auch – mit einem Vorwort von Stephen King in limitierter Auflage – eine Neuübersetzung des Klassikers durch den zeitgenössischen Horrorautor Michael Siefener im Festa-Verlag.

 

 

Die Deutschen und ihre Mythen

Was haben Arminius und Martin Luther gemeinsam? Sie beide machten sich mit ihrem Aufstand gegen Rom einen Namen – und wurden dafür noch Jahrhunderte nach ihrem Tod als Heroen verehrt, weit über ihre historischen Taten hinaus als Sinnbilder deutschen Widerstands gegen den nationalen Feind der jeweiligen Epoche. Dies sind nur zwei jener zahlreichen „Nationalmythen“, die lange als Ikonen deutscher Identität gepflegt wurden, gleichsam diese Identität zu konstruieren halfen – obgleich doch besagten Männern selbst solch ein Verständnis von „Deutschtum“ zu Lebzeiten allzu fremd gewesen wäre.
„Die Deutschen und ihre Mythen“ heißt das Buch des bekannten Politikwissenschaftlers und de-facto-Historikers Herfried Münkler, das eine ganze Reihe solcher deutschen Mythen darstellt und so einen Eindruck gewährt in einen bedeutsamen Teil der Geisteswelt unserer Kultur, wie er sich über mehrere Jahrhunderte teils bis in die Gegenwart zieht. Denn wie jedes Land schuf sich auch Deutschland – umso mehr, da es gerade im neunzehnten Jahrhundert inmitten eines Flickenteppichs ungeeinter Kleinstaaten seine sich abzeichnende Identität verhandeln musste – ein Pantheon von Erzählungen, die seinen Platz in der Welt zu beschreiben hatten, Hoffnungen kanalisierten und als Exempla eines vermeintlich „deutschen“ Charakters galten, oft genug auch als unausweichliches Schicksal über mythosversessenen Patrioten schwebten: Unberührt von moderner Textkritik schuf man aus Tacitus‘ Germania ein Sittenbild des edlen, naturverbundenen und unverbildeten Germanen, den man dem intellektuellen und „überkultivierten“ Charakter der romanischen Völker gegenüberstellte. Vor 1871 verkörperte die Gestalt des Königs Friedrich Barbarossa, der im Inneren des Kyffhäusergebirges schlafen und dereinst wieder zu neuer Macht erwachen sollte, die Sehnsucht nach einer Wiederauferstehung eines geeinten Reiches. Der Untergang der Burgunden im Nibelungenlied avancierte nicht trotz, sondern gerade wegen des tragisch übersteigerten Kadavergehorsams zum moralischen Ideal, dem man nacheiferte bis hin zur mythisch überhöhten Todessehnsucht und der fatalen Schicksalsergebenheit, in der sich die Führer der Dritten Reiches schließlich wähnten. Und schließlich wäre da auch Faust, aus dessen widersprüchlichem Charakter in der Darstellung Goethes man eine ganze Reihe verschiedenster typisch „deutscher“ Charakterzüge erkennen wollte. Wie kaum anders zu erwarten, erlebten die Mythen eine Hochzeit im nationalistisch aufgeladenen neunzehnten Jahrhundert, vielfach in Literatur und Propaganda ausgeschlachtet und immer wieder neuinterpretiert. Was im Kaiserreich und schließlich, teils ins Groteske hochstilisiert, im Nationalsozialismus eine blühende Rezeption erlebte, kam mit dem Jahr 1945 fast gänzlich zum Erliegen – ein wohl seltener, wenn nicht historisch einzigartiger kultureller Schnitt, jener Bruch mit fast der Gesamtheit identitätsstiftender Erzählungen, der eine solch distanzierte Untersuchung wie von Seiten Münklers vielleicht erst möglich und nötig machte. Auch die wenigen großen Erzählungen der Nachkriegszeit – Währungsreform und Wirtschaftswunder im Westen, antifaschistischer Widerstand und alliierter Bombenterror im Osten – werden behandelt, doch wird angesichts dessen doch die Mythenarmut des heutigen Deutschlands offenbar, in dem kollektive Nationalgeschichten zunehmend von kurzlebigen PR-Konstrukten verdrängt worden sind.
Auf rund 600 Seiten – davon jedoch ein respektabler Teil Anhang mit unzähligen hintergründigen Erläuterungen – entwirft Münkler ein repräsentatives Panorama jener bedeutsamen Erzählungen der  deutschen Geschichte. Nicht geht es darum, diese historisch zu dekonstruieren, ihren Inhalt etwa an historischen Fakten zu messen (wie es etwa bei Luthers Thesenanschlag oder dem berühmten Gang nach Canossa zu desillusionierenden Ergebnissen führen würde) – vielmehr steht die Rezeption der Mythen im Mittelpunkt. Auch diese ist nicht als statisch aufzufassen – vielmehr zeichnen sich Mythen gerade dadurch aus, dass sie im Laufe der Zeit und auch zeitgleich verschiedene Formen annehmen, mithin in völlig entgegengesetzte Richtungen ausgedeutet werden. So scheint dann auch ein beträchtlicher Sachverstand bei Münkler durch, wenn genaue historische Abrisse mit einer Vielzahl von Auszügen der zeitgenössischen Literatur und sonstigen Geistesgeschichte verbunden werden. Und obwohl es sich eigentlich um ein Sachbuch handelt, das man sicher auch deutlich trockener hätte gestalten können, gelingt dem Autor ein durchgehend sehr flüssig zu lesender Stil, der trotz viel Stoff ohne wirkliche Längen auskommt. Schade allein, dass zig Seiten auf teils umfangreiche Fußnoten im Anhang entfallen, die man im natürlichen Lesefluss doch leider auslassen muss, will man nicht permanent hin und zurück blättern. Natürlich hätte Münkler unmöglich alle deutschen Nationalmythen in einer Monographie behandeln können – gewisse Aspekte fehlen zwangsläufig, seien es nun Bismarck oder auch das eigentlich potentiell hochinteressante Thema der Rezeption des Dritten Reiches im historischen Denken der Nachkriegsgenerationen. Insgesamt aber bildet „Die Deutschen und ihre Mythen“ einen fundierten Rundumschlag über einen Großteil jener Motive und Erzählungen, die im Geschichts- und Nationaldenken der Deutschen einen großen Stellenwert haben oder – häufiger – hatten, von der ikonischen Varusschlacht bis hin zum preußischen Sittenideal und der Schlagzeile „Wir sind Papst“.

Die Träne der Zauberschen

Ein Jahr nach seiner unkonventionellen Novelle „In Ewigkeit“, die ich die Ehre hatte rezensieren zu dürfen, hat Ian Cushing nun mit „Die Träne der Zauberschen“ sein zweites Buch veröffentlicht. Der 460 Seiten starke Roman entführt uns in zwei Zeitebenen einer tragischen Geschichte von Ungerechtigkeit und Vergeltung.
Im Jahre 1611 wurde die Bäckerin Barbara unschuldig Opfer eines Schauprozesses wegen Hexerei. Die drei Freunde Jan, Dirk und Marcus ahnen vierhundert Jahre später nichts davon, dass sie ein verheerendes Erbe in sich tragen – denn der Geist Barbaras, jahrhundertelang zur Untätigkeit verdammt, sinnt auf Vergeltung an ihnen und ihren Familien …
Ian Cushing ist es einmal mehr gelungen, eine ganze Gruppe authentischer Charaktere zu entwerfen, ein jeder mit individuellem Profil und perfekt zusammenspielend in einem dicht inszenierten Szenario auf dem Weg Richtung Katastrophe. Abwechselnd beobachten wir den Prozess Barbaras im siebzehnten Jahrhundert und das zunächst so idyllische Zusammenspiel der gegenwärtigen Protagonisten, die zunehmend von dem rachsüchtigen Geist heimgesucht werden. Dabei ist die Prequel-Handlung weit mehr als nur bloße Erklärung für sinnlosen Hass einer mordenden Untoten, hat diese doch auch nach Jahrhunderten der Verdammnis und der Rachegedanken ihren ursprünglichen Charakter nicht ganz verloren. So ist dann auch das Ende ganz anders, als man es von anderen Heimsuchungsgeschichten gewohnt ist und überrascht einen schon ziemlich – ein kreativer Bruch mit Konventionen, der gleich in mehrfacher Weise zum Nachdenken anregt, doch ohne dabei weniger folgerichtig zu sein.
Gerade für ein im Self-Publishing veröffentlichtes Buch beweist „Die Träne der Zauberschen“ eine bemerkenswerte Qualität – nicht nur was das professionell gestaltete Cover angeht, sondern auch in Ausdruck und Sprache, die durchweg das Niveau massentauglicher Bestseller erreichen. Dabei ist das Buch sehr flüssig zu lesen – Cushing beweist das Talent, selbst dann unterhaltsam zu schreiben, wenn gerade nicht die spannende Handlung vorangetrieben wird und es vielmehr um die Charakterisierung der Protagonisten und ihrer Familiensituation geht, was einen guten Teil der ersten Hälfte einnimmt. Wenig später schon geht es aber Schlag auf Schlag und die Handlung zieht schneller an, als man es erwartet hätte. Man merkt durchaus, dass gar nicht einmal die Phantastik Kern des Romans ist, sondern vielmehr wirklich die handelnden (bzw. behandelten) Personen und ihr tragisches Schicksal. All das sorgt für eine umso lebendigere Identifikation mit den Figuren, gerade auch emotional außerordentlich mitreißend.
„Die Träne der Zauberschen“ ist letztlich voll und ganz zu empfehlen – spannende und flüssige Unterhaltung, schnell gelesen, doch trotzdem nicht ohne einige inhaltliche Tiefe.

Eiskalte Entscheidung (Delta Operator I)

Was, wenn man auf einmal ausgerechnet den Menschen beschützen muss, an dem Rache zu nehmen man sich geschworen hat?
Mit seinem Thriller „Eiskalte Entscheidung“ entführt Marco Gruber den Leser in die blutige Parallelwelt skrupelloser Militärs und ihrer Opfer.

Steven Crowe war Elitesoldat des Delta-Kommandos, spezialisiert auf die gefährlichsten Missionen des amerikanischen Militärs – bis seine Vorgesetzten ihn bei einer tödlichen Geheimmission im Hinterland Chinas im Stich ließen. Jahre später, als ihm die Flucht aus der Gefangenschaft glückt und er sich von seinem einstigen Arbeitgeber vergessen sieht, sinnt er auf Vergeltung an jenen, die für sein Schicksal und den Tod seiner Kameraden verantwortlich sind. Doch sein Weg kreuzt ausgerechnet eine sich anbahnende Verschwörung: Aus Furcht vor dessen Abrüstungsplänen haben mehrere ranghohe Militärs ein Mordkomplott gegen den amerikanischen Präsidenten in die Wege geleitet – und mitten in den eisigen Tiroler Alpen gerät Crowe zwischen die Fronten …

Dass man mit Marco Grubers Roman ein im Self-Publishing veröffentlichte Erstlingswerk in Händen hält, davon spürt man beim Lesen nicht viel. Vielmehr wird über mehr als 400 Seiten ein spannender und unterhaltsamer Stil gehalten, gerade auch durch den häufigen Wechsel der Erzählperspektive angenehm kurzweilig, ohne den Leser mit Nebenhandlungen hinzuhalten. Unwichtige Zwischenschritte sind minimiert, wohingegen die spannungsgeladenen Episoden umso großzügiger ausgeführt werden. Dabei beobachtet der Leser zwar beide Parteien, eine vorzeitige Enthüllung zentraler Details wird trotzdem geschickt vermieden. Zwar treten eine Handvoll Kommafehler auf, inmitten eines ansonsten doch professionellen und gut lesbaren Ausdrucks fallen diese jedoch beim Gesamteindruck nicht wirklich in Gewicht.
Ungewohnt natürlich die Konzentration auf fast ausschließlich militärische Protagonisten, lebendig (jedoch bisweilen ähnlich) charakterisiert in ihrer tiefsitzenden, selbstgerecht-charakterfesten Soldatengesinnung und meist ganz besonders hoher Qualifikation – indes bleibt kriegsverherrlichend heroische Überzeichnung doch eher fern in diesem Pantheon verblendeter Antagonisten und desillusionierter Heldenfiguren. Über die die Richtigkeit vermag ich nicht zu urteilen, doch wirkt die penible Genauigkeit militärischer Details durchweg relativ glaubwürdig.
Der Untertitel „Delta Operator I“ deutet auf den Beginn einer geplanten Reihe hin – nicht unbedingt die schlechteste Idee, denn mit „Eiskalte Entscheidung“ ist definitiv ein solider und spannender Thriller gelungen.

 

Sie erwacht

Bildergebnis für sie erwacht festaJack Ketchum ist bekannt als Autor harter, tendenziell realistischer Thriller – nicht aber von phantastischen Geschichten. Eine Ausnahme bildet hierbei allerdings der Roman „Sie erwacht “ (engl. She wakes), jüngst erschienen als sechster Teil von Festas Pulp-Legends-Reihe.
Jordan Chase ist ein erfolgreicher Geschäftsmann – und mit hellseherischen Fähigkeiten begabt. Als er auf einer Reise nach Griechenland das Schatzhaus des Atreus in Mykene betritt, spürt er plötzlich das Erwachen einer uralten Macht. Auf Kreta trifft zur selben Zeit Robert Dodgson auf die geheimnisvolle Lelia – und er, der eigentlich noch dabei ist, den tragischen Selbstmord seiner Frau zu verwinden, muss bald feststellen, dass diese weit mehr ist als eine harmlose Affäre …
„Sie erwacht“ ist kein einfacher Fantasy- oder Horrorroman. Das Buch lässt sich Zeit, das Übernatürliche und Schreckliche über die Welt hereinbrechen zu lassen. So ist zunächst ein Großteil des Buches den trivial-erotischen Urlaubsverwicklungen der Protagonisten gewidmet – freilich ohne langweilig zu werden, gelingt Jack Ketchum doch in gewohnter Manier die allzu lebendige Charakterisierung lebensnaher Figuren. Und obwohl Sachbeschreibungen kaum vorkommen, wird doch hervorragend die ganz eigene Atmosphäre Griechenlands, genauer: des exotisch-unbeschwerten Griechenland-Tourismus der achtziger Jahre, heraufbeschworen. Die Sprache ist eher schlicht und prägnant, maßgeblich ausgerichtet auf wörtliche Rede. Bei dieser Knappheit bleibt manches zunächst undurchsichtig oder angedeutet, was der Spannung aber eben keinen Abbruch tut, sondern sie eher zusätzlich entfacht. Tatsächlich wirkt das Werk trotz 400 Seiten eher wie ein Novelle, so verdichtet ist die Handlung, zwar nicht von großer inhaltlicher Tiefe, dafür aber Lebendigkeit. Und natürlich – wäre es sonst Jack Ketchum? – mündet auch diese mystisch-erotische Reise schließlich mehr und mehr in drastische Schrecken, blutig aber folgerichtig. Auch ganze vierhundert Seiten sind so in kürzester Zeit gelesen, flüssig schon von Anfang an, spannender mit jeder Seite, die das Werk langsam auf das unbekannte Finale zusteuert. Der einzige Grund, weshalb „Sie erwacht“ nicht unbedingt als Meisterwerk in Erinnerung bleibt, ist seine Kurzweiligkeit – war es bei mir doch an einem Tag durchgelesen, da so flüssig ohne irgendwelche Zäsuren dahinfließt und sich einfach kaum aus der Hand legen lässt.

Eat them Alive

„Eat them Alive“ – was klingt wie ein ziemlich blutiger Trash-Roman, ist bei genauerer Betrachtung ein ziemlich blutiger Trash-Roman. 1977 erstmals erschienen, wurde die zu Un(?)recht vergessene Perle von Pierce Nace nun vor kurzem als fünfter Teil der Pulp Legends-Reihe im Festa-Verlag erstmals in deutscher Übersetzung veröffentlicht.
Früher war Dyke Mellis ein Krimineller – bis er erfolglos versuchte, seine vier Gefährten zu hintergehen. Gefoltert und verstümmelt, kam er nur knapp mit dem Leben davon – und sinnt nunmehr seit Jahren auf Rache, zurückgezogen und vergessen auf einer kleinen Insel vor der Küste Kolumbiens. Als dann ein Tsunami die Insel verwüstet, dringen plötzlich aus unterirdischen Höhlen hunderte von riesigen, fleischfressenden Gottesanbeterinnen ans Tageslicht. Und in Dykes hasserfülltem Hirn wächst ein Plan heran. So beginnt er, die blutrünstigen Kreaturen zu zähmen, um sich mit ihrer Hilfe an seinen einstigen Gefährten zu rächen …
Zugegeben, „Eat them Alive“ ist nicht wirklich das, was man sich unter Hochliteratur vorstellt. Genau genommen besteht ein nicht unwesentlicher Teil des Buches aus plastischen Beschreibungen, wie Menschen von riesigen Gottesanbeterinnen gefressen werden. Das ist verständlicherweise nicht jedermanns Geschmack – der der großen Insekten hingegen schon. In Anbetracht dessen, dass der Verlag das Werk bereits als „Ein Gorefest, geschrieben mit der Wonne eines aggressiven Kleinkindes“ bewirbt, wäre auch keinesfalls etwas Anderes zu erwarten gewesen als diese vollendete Splatterorgie. Als kurzweilige Abwechslung aber funktioniert das Buch einigermaßen – mit rund 300 Seiten, jeweils nicht allzu eng bedruckt, ist das Werk durchaus innerhalb eines Tages durchzulesen. Der einfache, aber anschauliche und lebendige Stil ermöglicht dabei ein schnelles Eintauchen und flüssiges Durchlesen. Man würde sich freilich kein längeres Buch oder gar eine Fortsetzung wünschen – da wäre, wenn genauso inszeniert, das Thema doch recht ermüdend, woran es so schon gefährlich kratzt. Die Handlung ist zwar gerade in der ersten Hälfte gut und nachvollziehbar inszeniert (so etwa die Rückblicke und die gefährlichen ersten Zähmungsversuche), danach aber etwas zu geradlinig und wiederholend, auch wenn immerhin das Ende noch einmal mit einer weiteren Wendung überrascht. Der Hauptcharakter entwickelt sich zunehmend zum völlig überzeichneten Wahnsinnigen, was aber mit Sicherheit satirisch beabsichtigt sein dürfte (hoffentlich).
Trash? Ja, ohne Zweifel. Eigentlich der Inbegriff von Trash, Werke wie „Sharknado“ um Jahrzehnte vorwegnehmend – nur viel blutiger. Wenn man darauf steht, ist es relativ unterhaltsam. Gemessen an seinem Selbstanspruch, vermag „Eat them Alive“ voll und ganz zu überzeugen – völlig abgedrehter Tierhorror, wie man ihn noch nicht gelesen hat. Im Endeffekt also ein würdiger Kandidat für die Pulp Legends – außerhalb jeder Norm und allenfalls etwas für eingefleischte (suboptimale Wortwahl) Fans, diesmal erstmalig mehr Splatter statt einer niveauvollen Handlung. Wie viel Selbstironie in dem Werk steckt und ob es das Vermögen des Autors korrekt wiederspiegelt, ist schwer zu sagen – keine Ahnung also, ob der Autor hier ein Genre satirisch auf die Spitze treibt oder einfach nur ein infantiler Irrer ist. Zumindest eine flüssig zu lesende Ausdrucksweise scheint er (oder eher der Übersetzer?) aber beherrscht zu haben. Wer also Zerfleischungen durch riesige Gottesanbeterinnen mag, wird an dem Buch seine Freude haben. Jeder andere eher nicht.

Fakten und Fiktionen: Archäologie vs. Pseudowissenschaft

„Fakten und Fiktionen: Archäologie vs. Pseudowissenschaft“. Kaum zu glauben, dass sich die renommierte Reihe „Zaberns Bildbände zur Archäologie“ auf solch kontroverses Terrain begibt – und doch bitter nötig, florieren doch pseudowissenschaftliche Thesen über unsere Vergangenheit heutzutage mehr denn je. Herausgegeben von dem Ägyptologen Stefan Baumann, versammelt der großformatige Band eine Reihe von Beiträgen verschiedener Autoren rund um unwissenschaftliche Deutungen der Geschichte, von Atlantis bis Zecharia Sitchin. Natürlich sind sämtliche Autoren der akademischen Wissenschaft („Schulwissenschaft“) zugehörig, folglich den behandelten Theorien gegenüber kritisch bis ablehnend eingestellt – trotzdem gelingt es ihnen in der Regel, nicht arrogant den Zeigefinger akademischer Überheblichkeit zu erheben und ihre doch bisweilen durchaus harten Anschuldigungen gegen die Vertreter der Gegenseite hinreichend zu belegen. Erwähnenswert ist hier auch die kritische Antwort auf die zweifelhafte Interpretation des „Berliner Goldhuts“ als astronomisches bzw. kalendarisches Artefakt – geschieht diese letztlich pseudowissenschaftliche Darstellung doch nicht etwa durch außerakademische Autoren, sondern aus der Mitte des wissenschaftlichen Mainstreams heraus, wie auch in der musealen Präsentation des Objekts unübersehbar.
Die einzelnen Kapitel stecken dabei ein weites Spektrum ab: Zunächst gibt Baumann selbst eine Einführung in die Situation und charakteristische Argumentationsmuster der Grenzwissenschaft; darauf folgt ein historischer Rückblick auf die pseudowissenschaftliche Geschichtsvereinnahmung etwa im Faschismus und Kolonialismus durch Markus Bittermann. Beides im Prinzip hochinteressante Themen und gut geschriebene Beiträge – jedoch leiden beide stark an ihrer Kürze, womit sie einen nur unzureichenden Überblick zu geben vermögen. Es schließt sich ein Exkurs über die Auffindung der Moorleiche „Moora“ und deren Rezeption in den Medien (etwa „Galileo Mystery“) an – für sich ebenfalls interessant, auch wenn hier das Hauptthema des Buches etwas großzügig ausgelegt wird. Gerlinde Bigga gibt als nächstes einen (unvermeidlich) knappen, aber doch breiten und fundierten Überblick über die Geschichte der Interpretation von Fossilien, vom Museum des Kaisers Augustus bis zum Zeitalter Darwins. Sehr interessant sind mehrere der folgenden Kapitel, die sich mit spezifischen archäologischen Themen befassen – so etwa der Kunst der Späteiszeit (im Kontrast zum vorgestrigen Bild eines „primitiven Steinzeitmenschen“), dem angeblichen Petrusgrab unter dem Vatikan (das, wie hier sehr gut herausgestellt wird, mit ziemlicher Sicherheit nie existiert hat) oder der diffusen Entstehung Roms, die selbst in populärwissenschaftlichen Darstellungen noch immer gerne auf Romulus und Remus verkürzt wird. Joscha Gretzinger stellt den teils bis heute wirkmächtigen pseudowissenschaftlichen Rassentheorien die empirischen Fakten der Genetik entgegen, ein weit über die Grenzen der Archäologie und Anthropologie hinaus sozial relevantes Thema. Das Highlight des Buches, ebenfalls verfasst vom Herausgeber Stefan Baumann, ist schließlich ein Kapitel über die Rezeption des alten Ägypten durch Grenzwissenschaftler wie etwa Erich von Däniken, in dem er eines nach dem anderen eine ganze Reihe einschlägiger Funde und Thesen anhand der ägyptologischen Erkenntnisse widerlegt (Datierung, Zweck, Bauweise und angebliche astronomische Ausrichtung der Pyramiden; Helikopter etc. von Abydos, „Glühbirnen von Dendera“, „Flugzeug von Sakkara“, „Bagdad-Batterien“) – knapp und doch bemerkenswert stringent, dabei durchweg durch Belege gestützt. Etwas weniger breit gefächert ist der nächste Artikel bezüglich der Thesen Zecharia Sitchins (sumerische Götter, die Anunnaki, kamen einst vom zwölften Planeten Nibiru und erschufen die Menschheit). Dieser hat zwar ebenso eine ordentliche fachliche Qualität, konzentriert sich aber auf nur zwei zentrale Aspekte im Werk Sitchins: Die „Dingir-Rakete“ und die These des 12. Planeten. Schließlich gibt es auch noch ein Kapitel über das schon so oft lokalisierte Atlantis, wobei hier der Überblick zugunsten einer fast ausschließlichen Betrachtung der Thesen Eberhard Zanggers (Atlantis sei identisch mit Troia) zurückgestellt wird – der schwächste Beitrag im Buch, da über eine Reihe von Argumenten gegen Zangger hinaus vollkommen oberflächlich; auf andere Atlantis-Hypothesen wird nicht einmal eingegangen und diese letztlich alle relativ pauschal abgelehnt.
Davon vielleicht abgesehen weisen letztlich alle Beiträge in „Fakten und Fiktionen“ (bei gleichzeitig allgemeiner Verständlichkeit) eine hohe wissenschaftliche Qualität auf – die Argumente sind folgerichtig und nicht erzwungen, zugrunde liegt eine wirkliche Auseinandersetzung und keine oberflächliche Ablehnung. Indes gelingt es dem Werk doch nur bedingt, einen Überblick über das gewaltige Themenfeld zu bieten – dafür ist es mit kaum mehr als 140 Seiten einfach nicht umfangreich genug. Während einige Artikel penibel einzelne, klar umgrenzte Themenfelder aufarbeiten (u.a. Petrusgrab, Rom), sind die weiter gespannten dann doch zu kurz und oberflächlich für das eigentlich so komplexe Thema – nicht sachlich mangelhaft, aber doch unvollständig. Ebenso bleiben zentrale Themen der „alternativen Archäologie“ außen vor – so etwa das meiste aus dem Umkreis des Kreationismus und Katastrophismus (u.a. deren „Out-of-Place-Artefakte“ sowie scheinbare Beweise für eine Koexistenz von Menschen und Sauriern), weite Teile der Prä-Astronautik (bis auf Ägypten und Sitchin, beides großartig, leider nicht repräsentiert, so etwa Dänikens zahlreiche Südamerika-Fundstellen), Diffusionismus und seine scheinbaren Belege (so die vielen ominösen Fundkomplexe Amerikas) und einiges mehr. Gerade in Anbetracht des stolzen Preises von 39,95€ hätte man neben der soliden Qualität auch durchaus etwas mehr Quantität erwarten können. Immerhin die vorliegenden Beiträge gleichen ihren allzu knappen Umfang durch eine gute Ausstattung mit Quellenangaben aus, die der weiteren Recherche dienen können.
Anders als man vielleicht erwarten könnte, ist „Fakten und Fiktionen“ also alles andere als ein Überblickswerk – auch insofern, dass manche der behandelten Themen kaum die Themen der heute aktuellen Grenz- bzw. Pseudowissenschaft berühren. Was hingegen vorliegt, ist von nicht zu beanstandender Qualität und durchweg lehrreich. Letztlich also nicht ganz das Buch, das wir verdienen, aber doch eines, das wir sehr gut gebrauchen können.