Cart Ruts

Als Cart Ruts (“Karrenspuren”) bezeichnet man – vermutlich fälschlich – gewisse ins Felsgestein eingeschnittene Rillen, die sich an verschiedenen Stellen der Insel Malta finden. Oft verlaufen diese paarweise, was an Schienen für Fahrzeuge denken lässt – davon abgeleitet auch der Name „Clapham Junction“ (nach dem gleichnamigen Bahnhof in London) für die größte Ansammlung der Spuren nahe den Dingli-Klippen im Süden Maltas. Die Spurbreite beträgt rund 1,41, variiert jedoch leicht.1:266 Ursprung und Zweck der Spuren sind bis heute ungeklärt. Mittlerweile sind ähnliche Spuren auch in anderen Ländern entdeckt worden, so etwa in Italien, Lybien, der Provence und Sizilien.1:264

Diskussion. Im Laufe der Zeiten sind verschiedene Hypothesen über den Zweck der anscheinend menschengemachten Strukturen entstanden – doch eine jede scheitert an den Befunden. Der klassische Erklärungsansatz sah die Cart Ruts als Spurrillen für eine Form von Wagen oder von Rindern gezogener Schlitten. Dieser Verwendung stehen jedoch verschiedene Beobachtungen entgegen:

  • Die Rillen sind bis zu 60 cm tief1:266, weshalb man von einem Wagen mit unrealistisch hohen Rädern ausgehen müsste. Solche Räder – wie auch die vorgeschlagenen Schlitten – hätten darin keine Kurven fahren können.
  • Zwischen den Spuren finden sich keine Abnutzungsspuren, wie sie von Füßen oder Hufen der Zugtiere zu erwarten wären1:268 – im krassen Gegensatz zu den tief ins Gestein eingeschnittenen Spuren selbst.
  • Für die Annahme einer Entstehung durch bloße Abnutzung müsste man davon ausgehen, dass über lange Zeit – trotz zunächst noch gar nicht vorhandener Spurrinnen – stets genau derselbe Weg für die Fahrzeuge hätte gewählt werden müssen. Neben dem Fehlen von Spuren der Zugtiere spricht die teils variierende Tiefe dagegen – einzelne Stücke scheinen in den nicht gleichmäßig herausgemeißelten (?) Spuren „stehen geblieben“ zu sein.
  • An manchen Stellen erreichen Spuren an Hängen einen Steigungswinkel von bis zu 45°.1:269
  • Die Spuren von Ghar Zerrieq bei Mtahleb führen sogar geradewegs über eine Klippe und verlaufen darunter weiter. Dies lässt sich jedoch möglicherweise durch den Abbruch des dortigen Felsgesteins erklären.1:268

Dass die „Fahrrinnen“ zum Transport der Steine für die megalithischen Tempel von Malta Verwendung fanden, wie bereits vermutet, ist auszuschließen, da keine der Spuren zu den Tempeln führt.1:265 Ebenso scheitert die Interpretation als Bewässerungssystem an der Lage, denn nirgendwo ist ein Zusammenhang der Spuren mit Wasserflächen festzustellen1:268, zumal die Wege über Anhöhen hinweg unverständlich bleiben. Der Archäologe David H. Trump schlägt die Hypothese vor, dass ein Großteil der Spuren einst dünn mit Erdreich bedeckt gewesen sein könnte – dies könnte das Fehlen der Zugtierspuren erklären; zudem hätte das Sediment als Schleifmittel den Abnutzungsprozess beschleunigt.

Datierung. Die zeitliche Einordnung der Spuren ist umstritten. Da manche von ihnen durch phönizische Grabschächte (letzte Jahrhunderte v. Chr.) geschnitten werden, muss ihre Entstehung davor erfolgt sein.1:265 An mehreren Stellen – so in den Buchten von Marsaxlokk und Mellieha – führen die Spuren ins Meer und verlaufen ein Stück unter Wasser, was auf einen Meeresspiegelanstieg nach ihrer Entstehung schließen lässt.1:265 Grenzwissenschaftler wie Erich von Däniken und Hartwig Hausdorf datieren daher die Cart Ruts sowie die als gleichzeitig betrachteten Megalithtempel (von denen einer sowie ein postulierter weiterer sich ebenfalls im Meer befinden) in die Zeit vor dem Ende der letzten Eiszeit (vor über 10 000 Jahren), da zu jenem Zeitpunkt der Meeresspiegel deutlich tiefer lag als heute.2:72 Tatsächlich hatte dieser auch in der Antike noch nicht den heutigen Stand erreicht und lag tiefer. Während sich nach Trump der fragliche Zeitpunkt (und damit die Entstehungszeit der Cart Ruts) nicht genau terminieren lässt (ebenso wie der Verlust der vermuteten Erdschichten an der Oberfläche)1:269, geht Joachim von Freeden von einem um rund 10 m tieferen Meeresspiegelstand zur Zeit der Tempel (~ 4. Jt. v. Chr.) aus, was die unterseeischen Spuren und Tempel erklären dürfte.3

Ü 1David H. Trump: Malta. Prehistory and Temples. Midsea Books, Malta 2002.

R 2Hartwig Hausdorf, Begegnungen mit dem Unfassbaren (69-74)

GD 3https://mysteria3000.de/magazin/malta-megalithtempel-und-karrenspuren/

Bilder Leif Inselmann („Clapham Junction” / San Gwann, Malta)

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