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Riesenfinger von Bir Hooker

1988 machte der Schweizer Diskothekenausstatter und Mysterybegeisterte Gregor Spörri in Ägypten eine rätselhafte Entdeckung. Nachdem ein Experiment, hypothetische Kräfte in der Cheops-Pyramide zu aktivieren, erfolglos verlaufen war, kam er in Kontakt mit dem Barkeeper seines Hotels, der einer Familie von Grabräubern entstammte und Spörri für einen Antiquitätenhändler hielt. Dieser organisierte ihm ein Taxi zu seinem Onkel Nagib, welcher nahe der kleinen Siedlung Bir Hooker bei Sadat City lebte. Gegen einen Obolus von 300 Dollar – nur zu zahlen, wenn das Versprochene ihm sein Geld wert sei – zeigte Nagib Spörri ein Objekt aus dem Nachlass seines Vaters, das er als einziges nie zu verkaufen beabsichtigte. Es handelte sich hierbei um einen mumifizierten Finger – von menschlicher Gestalt, doch insgesamt 38,4 cm lang, weitaus größer als jedes Glied menschlichen Ursprungs. Spörri durfte den Finger zwar nicht erwerben, doch wurde ihm erlaubt, diesen in der Hand zu halten und (mit einem Geldschein als Maßstab) zu fotografieren. Weiterhin zeigte Nagib ein Röntgenbild sowie ein „Echtheitszertifikat“, die angeblich in den 60er Jahren in einem Spital in Kairo angefertigt worden waren; auch diese konnte Spörri abfotografieren.
Nach seiner Rückkehr in die Heimat stieß Spörri mit seinen Nachforschungen auf Ablehnung, woraufhin er diese lange nicht weiterverfolgte. 2012 veröffentlichte er den fiktionalen Science-Fiction-Roman Lost God, in dem er die Erlebnisse aufgriff und so erneut ins Licht der Öffentlichkeit rückte. Bei einer erneuten Reise nach Ägypten konnte er das Bauernhaus von Nagib nicht mehr wiederfinden – die Gegend in der Nähe von Bir Hooker war bereits Anfang der 90er Jahre überbaut worden und das mysteriöse Erbstück somit im Dunkel der Geschichte verschwunden.1

Diskussion. Die Annahme einer Fälschung des Objekts aus monetären Gründen liegt nahe, doch fehlen dafür konkrete Belege. Da das Relikt selbst unglücklicherweise nicht mehr auffindbar ist, muss sich der Versuch einer Deutung auf die Handvoll Fotos beschränken, die Spörri 1988 schoss (u.a. oben/unten). Offenbar gehen alle in einschlägigen Berichten zu dem Finger vorliegenden Informationen auf die Publikationen Spörris (Roman, Website, mehrere Artikel in Magazinen) zurück – so auch die einzigen skeptischen Stimmen.
Mit der Bitte um eine Diagnose kontaktierte Spörri den Schweizer Mumienexperten Frank Rühli, welcher bereits die Gletschermumie Ötzi sowie die Mumie des Tutanchamun untersuchte, sowie den bekannten Kriminalbiologen Mark Benecke. Beide stimmen darin überein, dass eine sichere Beurteilung allein anhand der Fotos nicht möglich sei, und ziehen als denkbare alternative Erklärung einen etwa durch Makrodaktylie krankhaft vergrößerten Finger in Betracht. Rühli merkt jedoch den extrem dickwandig erscheinenden Knochen an, welcher eher an einen Tierknochen erinnere. Beide schließen eine Fälschung nicht aus, bei der es sich jedoch um eine „sehr gut gemachte Arbeit“ handeln müsse (Rühli).2
Gegen eine Erklärung durch Makrodaktylie führt Spörri die korrekten Proportionen des Fingers und insbesondere des Knochens an – in solchen krankhaften Fällen seien die vergrößerten Weichteile eines Gliedes in der Regel deutlich deformiert, während der Knochen eine normale Größe behalte.2 Bis auf Weiteres ist der Fall also als ungeklärt zu betrachten, da sich der Nachweis von Fälschung, Fehlinterpretation oder Authentizität aktuell jeder Belegbarkeit entzieht.

Gesondert zu bewerten sind die von Spörri (und anderen grenzwissenschaftlichen Rezipienten) vertretenen Theorien zum weiteren Kontext vorzeitlicher Riesen. Neben mythologischen Berichten (u.a. dem Alten Testament) sowie Berichten über mutmaßliche Funde von Riesenskeletten3 führt Spörri unter anderem auch das einschlägig bekannte Serapeum von Sakkara an – zwar ohne Erwähnung der aufschlussreichen Apisstelen, jedoch nicht mit der in einschlägigen Publikationen häufigen, auf Erich von Däniken zurückgehenden Falschdarstellung der Befunde.

Ü 1Luc Bürgin: Das Relikt von Bir Hooker. Mysteries 5/2010, 19-22.

Ü Luc Bürgin: Die Monster-Kralle von Bir Hooker. Mysteries 2/2012, 10-15.

Gregor Spörri: Das Relikt von Bir Hooker: Die Entdeckung.

2 Gregor Spörri: Das Rlikt von Bir Hooker: Analysen.

3 Gregor Spörri: Berichte über Riesen.

4 Gregor Spörri: Die Gruft der Riesen in Sakkara.

R Gregor Spörri: Lost God. Das Jüngste Gericht. Z-Productions 2018. (hier Rezension)

R Reinhard Habeck, Wesen, die es nicht geben dürfte (173-178) / Jason Mason, Mein Vater war ein MiB (299 f) / Umfangreiche Bibliographie HIER

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Gregor Spörri.

Lost God – Das Jüngste Gericht

Im Jahr 1988 machte Gregor Spörri in Ägypten eine rätselhafte Entdeckung, die sein Leben verändern sollte: Ein alter Araber namens Nagib zeigte ihm ein Objekt, das sich seit Generationen im Familienbesitz befinde – allem Anschein nach der mumifizierte Finger eines Riesen
Längst hat der mysteriöse Fund, der nie wieder aufgespürt werden konnte, Eingang in das Pantheon grenzwissenschaftlicher Theorien rund um die biblischen Nephilim und außerirdische Besucher in der Vorzeit gefunden. Obwohl er selbst eine derartige gewagte Deutung unterstützt, verzichtete Spörri angesichts des Fehlens sicherer Daten auf eine Publikation als Sachbuch – und verarbeitete das Erlebnis stattdessen als Teil eines Romans. 2012 erschien „Lost God – Tag der Verdammnis“, 2018 in überarbeiteter Form erneut veröffentlicht als „Lost God – Das Jüngste Gericht“.

Im Erdorbit wird ein rätselhaftes Objekt ausgemacht, das nicht von der Erde zu stammen scheint. Erste Fotos zeigen ein halbmondförmiges Symbol darauf, das militante Islamisten als Ankündigung der nahenden Apokalypse interpretieren und zum letzten Kampf aufrufen. Während die menschliche Gesellschaft zunehmend in Chaos verfällt, lässt die amerikanische Regierung ein altes Space Shuttle reaktivieren, um eine Astronautenmannschaft zum mutmaßlichen Raumschiff hinaufzuschicken und dem Spuk ein Ende zu bereiten. Derweil landen riesige Kugeln, gewaltige Zerstörung anrichtend, auf der Erde und stellen Wissenschaftler vor ein Rätsel. So muss schon bald der eilig herbeizitierte Erich von Däniken einem überforderten Präsident Trump erklären, dass es sich keinesfalls um den ersten Besuch einer außerirdischen Macht auf der Erde handelt – doch keiner von beiden vermag das Folgende zu ahnen, sind die scheinbar primitiven Sonden doch nur Vorbote des nahenden Weltuntergangs …

Obwohl als Erstlingswerk im Eigenverlag veröffentlicht, gelingt Spörri doch auf Anhieb ein beachtlich spannender Science-Fiction-Thriller. Ständig wechseln die Perspektiven – wiederum häufig genug, dass man nicht aus der Handlung rausgeworfen wird – und bewirken so ein rasantes Erzähltempo, das keine Pausen lässt. Dabei bleibt trotzdem noch Platz für eine Menge hintergründiger Informationen: Relativ zu Beginn wird im erwähnten Präsidenten-Briefing die Grundannahme der Präastronautik skizziert – hier wahrscheinlich weniger als Imitation als vielmehr ernst gemeint, so oder so aber eine authentische Wiedergabe der einschlägigen Argumentationen von Däniken & Co. Auch der eingangs erwähnte reale Fund wurde so mit einer fiktiven, aber passenden Hintergrundstory ausgestattet, auch wenn dieser Handlungsstrang eigentlich nur einen Nebenaspekt der Haupthandlung darstellt. Viel Sorgfalt verwendete Spörri ganz offensichtlich auf die Raumschiffdarstellungen – sowohl das technisch authentisch dargestellte Space Shuttle wie auch die außerirdischen, darunter das – bei aller Übertreibung – doch möglichst sinnvoll konstruierte Mutterschiff. Zu den spannendsten Passagen gehören tatsächlich die Untersuchung und Interpretation der außerirdischen Kugelschiffe, bei denen die detailverliebte Detektivarbeit dann doch zu gänzlich unerwartetem Ergebnis führt. Wie die außerirdischen Aggressoren am Ende dargestellt werden, ist auf verstörende und doch allzu weltliche Art an die Himmelsbeschreibungen im apokryphen Buch Henoch angelehnt, dem Vorbild gegenüber schrecklich folgerichtig und doch gar nicht dem zu erwartenden Bild entsprechend. Schließlich enthält das Buch ein nicht geringes Maß an satirischen Aspekten und auch Selbstironie – sich selbst lässt Spörri ganz nebensächlich ums Leben kommen, Erich von Däniken erlebt seine erste desillusionierende Begegnung mit einer nichtmenschlichen Lebensform – und Donald Trump entspricht leider ziemlich seinem realen Vorbild.
„Lost God“ ist ohne Zweifel ein unkonventioneller Roman – teils fast schon trashige Science-Fiction in eher schlichtem Stil kombiniert mit allzu durchdachten technischen Überlegungen, der ziemlich ernst gemeinten Adaption realer grenzwissenschaftlicher Thesen und eigener Erlebnisse sowie mancher teils satirischen Kritik unserer heutigen sozialen Verhältnisse. Irgendwie ergibt das alles ein rundes Ganzes, das den Leser wirklich bis zur dramatischen letzten Seite gespannt mitreißt – die kurzweilige Lektüre lohnt sich für Fans von Science-Fiction und/oder gewagten Alien-Theorien auf jeden Fall.

Die normale Ausgabe des Buches ist über Amazon, signierte Exemplare zudem über die Seite von Gregor Spörri erhältlich.

Triassischer Riesenkrake

Die auffällig deponierten Wirbelknochen des Shonisaurus U (MacMenamin 2016, 137 / Fig. 9.3)

2011 präsentierte der Paläontologe Mark McMenamin auf der Jahresversammlung der Geological Society of America in Minneapolis eine unglaublich scheinende Theorie: Im Trias-Zeitalter (ca. 252 – 201 Mio. Jahre v. u. Z.) habe es eine Art von Riesenkraken gegeben, die die bislang größten bekannten Meeresreptilien der damaligen Zeit jagten und offenbar ein bemerkenswertes Maß an Intelligenz aufwiesen.
McMenamin hat sich nicht nur als Professor für Geologie am Mount Holyoke College in South Hardley (Massachusetts) und als Paläontologe auf dem Gebiet der Kambrischen Explosion und Ediacara-Fauna einen Namen gemacht, sondern auch durch unkonventionelle bis gewagte Theorien etwa bezüglich numismatischer Evidenzen für eine Präsenz der antiken Karthager in Amerika. Seine Kraken-Hypothese, 2011 erstmals in einem Artikel und später ausführlicher in seiner Monographie Dynamic Paleontology erläutert, gründet sich auf inzwischen zwei Fossilfunde in der Luning-Formation des Berlin-Ichthyosaur State Park in Nevada.
Der Fund von insgesamt neun Exemplaren des bis zu 14 m langen Ichthyosauriers Shonisaurus popularis warf bereits bei der Entdeckung Anfang der 50er Jahre die Frage nach der Ursache für solch eine Ansammlung auf. Die Erklärung des Finders Charles L. Camp, es handle sich bei den fossilen Individuen um eine massenhafte Strandung, konnte durch neuere Forschungen widerlegt werden, da es sich bei der fraglichen Schicht nicht um Küsten-, sondern vielmehr Tiefseeboden handelte.2:136 Eine andere alternative Idee geht von einer Vergiftung der Tiere durch eine Algenblüte aus – eine bekannte Todesursache für Meereswirbeltiere, auch wenn dies im vorliegenden Fall ohne konkreten Beleg bleibt. Dagegen spreche jedoch neben der Betroffenheit nur einer einzigen Spezies die enge Anhäufung im tiefen Wasser, die bei einer Vergiftung in oberen Wasserschichten unwahrscheinlich erscheint – solcherart verendete Wale tendieren vielmehr zu einer weiteren Verstreuung.2:142f McMenamin führt den Tod der großen Ichthyosaurier hingegen auf einen noch größeren Beutegreifer zurück – einen Kraken:

We hypothesize that the shonisaurs were killed and carried to the site by an enormous Triassic cephalopod, a “kraken,” with estimated length of approximately 30 m, twice that of the modern Colossal Squid Mesonychoteuthis. In this scenario, shonisaurs were ambushed by a Triassic kraken, drowned, and dumped on a midden like that of a modern octopus.1/2:133

Die zunächst angenommene Größe des Tintenfisches von 30 m wurde von MacMenamin später relativiert; den Aussagen in Dynamic Paleontology zufolge könne es sich auch um einen Kraken von etwa derselben Größe seines Opfers (d. h. ca. 14 m) gehandelt haben.2:145
Das zentrale Indiz für diese „Riesenkraken-Hypothese“ stellt noch vor der ungeklärten Todesursache der Meeressaurier eine ominöse Anordnung von Wirbelknochen des Shonisaurus-Exemplars U (links) dar, die schwerlich auf natürliche Prozesse zurückzuführen sei und vielmehr vom Spielverhalten eines großen Kopffüßers zeuge. Mehr noch, spekulierte McMenamin, erinnere die Komposition aus zwei parallelen Reihen der runden Wirbelknochen an die Anordnung der Saugnäpfe am Arm eines Oktopus – als Erzeugnis eines erstaunlich intelligenten Tieres sei sie also möglicherweise das älteste „Selbstportrait“ eines Lebewesens überhaupt.

The proposed Triassic kraken, which could have been the most intelligent invertebrate ever, arranged the vertebral discs in biserial patterns, with individual pieces nesting in a fitted fashion as if they were part of a puzzle. The arranged vertebrae resemble the pattern of sucker discs on a cephalopod tentacle, with each amphicoelous vertebra strongly resembling a coleoid sucker. Thus the tessellated vertebral disc pavement may represent the earliest known self-portrait.”1:2:133

Das Verhalten, etwa Haie zu töten und bei deren Zerfleischung mit dem Schnabel die „abgenagte“ Wirbelsäule übrig zu lassen, sei von modernen Oktopoden durchaus belegt – und auch für teils komplexe Arrangements von Objekten wie etwa den Überresten von Muscheln und Krabben gebe es dokumentierte Beispiele.2:151f                  

Wenig überraschend stieß die Kraken-Hypothese auf ein beträchtliches mediales Echo, insbesondere in Online-Medien, wobei tendenziell ein skeptischer Ton überwiegt (etwa hier, hier und hier). 2013 wurde MacMenamin vom Ausstellungsmanager des Nevada State Museums Thomas Dyer auf ein weiteres Fossil eines Shonisaurus aufmerksam gemacht, das Jahre zuvor im exakten Zustand seiner Auffindung in einer Ausstellung gezeigt worden war (unten).2:145f Die Anordnung der fossilen Überreste scheint die Riesenkraken-Hypothese zu bestätigen: Auch hier wurde eine Gruppe gebrochener Wirbel in zwei parallelen Reihen deutlich entfernt vom übrigen Skelett aufgefunden, seitlich des Brustkorbes ist zudem eine auffällige Häufung von Knochenstücken zu erkennen. Dreieckige Einschnitte an den Wirbeln könnten vom Schnabel eines Tintenfisches herrühren.2:149f Die Rippen des Tieres wiesen infolge einer mutmaßlichen Zusammenstauchung auf beiden Seiten Brüche auf.2:147-49
Später (in der Monographie fehlt die Erwähnung noch) stieß McMenamin im Berlin-Ichthyosaur State Park in der Tat auf ein steinernes Objekt, bei dem es sich (anhand des Vergleichs mit dem Schnabel eines modernen Humboldt-Kalmars) in der Tat um den Schnabel eines triassischen Tintenfischs handeln könnte – allerdings ist dessen Identifikation als solcher unsicher und der Zustand zu fragmentarisch, um eine konkrete Größenschätzung vorzunehmen.3

Nach McMenamins Berechnungen zufolge tendiert die Wahrscheinlichkeit einer Entstehung des Wirbelmusters bei Exemplar U durch natürliche Strömungen gegen Null, da es sich bei der beobachteten Formation um eine „hydrodynamisch instabile Anordnung“ handle, die durch solche Strömungen, die in der Lage sind, einen einzigen Wirbelknochen zu bewegen, mit statistischer Sicherheit zerstört werden würde.2:140 Wenn folglich Strömungen vorlagen, die die Formation hätten erzeugen können, so hätten sie diese auch zwangläufig wieder auseinandergetrieben.
Der Paläontologe David Fastovsky jedoch wendet dagegen ein, das angewandte Rechenverfahren sei vollkommen ungeeignet, die Bewegungen schwerer Wirbelknochen auf dem Meeresgrund zuverlässig zu simulieren; vielmehr lasse sich deren Anordnung problemlos durch das Auseinanderfallen der zunächst festen Wirbelsäule erklären. Auch sei das Verhalten des räuberischen Riesentintenfischs insofern unglaubwürdig, dass heutige Oktopusse ihre Abfälle eben nicht in systematischen Mustern aufschichten und auch große Kopffüßer vielmehr Beute großer Wirbeltiere (Pottwale) seien und nicht deren Jäger.3

Nach MacMenamin hingegen sei die Kraken-Hypothese die beste und bislang einzige Erklärung für gleich mehrere sonst unerklärliche Befunde: Die Akkumulation von neun Shonisauriern an einem Tiefseegrund ohne Spuren anderer Lebewesen, das in zwei Fällen beobachtete Arrangement von Wirbelknochen in einem durch natürliche Faktoren höchst unwahrscheinlichen Muster sowie die Rippenbrüche und auffällig konzentrierten Kleinknochen des zweiten Exemplars. Zu trennen ist die Zurückführung der Befunde auf einen prähistorischen Cephalopoden wiederum von der gewagteren Interpretation der Wirbel als Abbild von dessen Saugnäpfen.2:138 Das zentrale Gegenargument gegen die Hypothese bleibt hierbei nach wie vor die noch dünne Beleglage angesichts einer großen Behauptung, die nach Ansicht vieler eine solche Deutung der Befunde nicht rechtfertige – zumal keine Fossilien des mutmaßlichen Riesenkraken selbst vorliegen. Die beste Möglichkeit zur Verifizierung der Hypothese liegt somit darin, einen erhalten gebliebenen Schnabel (oder je nach Art andere fossilisierte Hartteile) des „Kraken“ zu finden.2:151

Plan des Shonisaurus-Skeletts in einer Ausstellung des Nevada State Museums, zeichnerische Rekonstruktion anhand von Fotos der Ausstellung (McMenamin 2016, 148 / Fig. 9.9)

T 1Mark. A. S. McMenamin / Dianna L. Schulte McMenamin: Triassic Kraken: The Berlin Ichthyosaur death asemblage interpreted as a giant cephalopod midden. Geological Society of America Abstracts with Programs 43/5, 310.

T Mark A. S. MecMenamin: Unusual Arrangement of Bones at Ichthyosaur State Park in Nevada. 21st Century Science & Technology 24/4 (2011-2012), 55-58.

T 2Mark A.S. McMenamin: Dynamic Paleontology. Using Quantification and Other Tools to Decipher the History of Life. Springer, Basel 2016, 131-158.

B McMenamin 2016, Fig. 9.3, Fig. 9.9

GD 3 LiveScience: Kraken Fossil ‘Evidence’ Revives Debate Over Ancient Sea Monster’s Existence

In eigener Sache: Rubrik „Buchrezensionen“ überarbeitet

Nachdem die Zahl der Buchrezensionen inzwischen zu unübersichtlicher Masse angewachsen ist, habe ich die einstige Überblicksseite nunmehr auf mehrere thematisch geordnete Seiten aufgeteilt.

Die neuen Einzelrubriken sind: Sachbücher / Fantasy / Horror & MysteryKrimi, Thriller, Sci-Fi, HistorischesKlassikerComics & Graphic Novels. Alle sind direkt über die Reiter in der Oberleiste unter Buchrezensionen anwählbar.

Zum „Portal“ der Buchrezensionen geht es hier.

Großsteingräber, Grabenwerke, Langhügel – Frühe Monumentalbauten Mitteleuropas

Noch heute prägen uralte Monumente die Landschaften Norddeutschlands. Die aus tonnenschweren, unbearbeiteten Felsen errichteten Großsteingräber – „Hünengräber“ im Volksmund – wurden einst vorzeitlichen Riesen zugeschrieben, ebenso wie die noch gewaltigeren Langbetten. Heutzutage gilt ihre Einordnung in die jungsteinzeitliche Trichterbecherkultur, genauer die Zeit zwischen ca. 3 500 und 2 800 v. Chr., als sicher. Weniger bekannt, wenngleich mit einer Länge von 40 – 50 Metern nicht weniger mächtig, sind die nichtmegalithischen Langhügel jener Zeit, die neben Dolmen und den oft vergessenen Einzelgräbern die Vielfalt jungsteinzeitlicher Bestattungsformen illustrieren.
Seit 2009 werden diese Relikte durch das Schwerpunktprogramm „Frühe Monumentalität und soziale Differenzierung“ der Christian-Albrechts-Universität Kiel untersucht. Zu den zahlreichen daraus hervorgegangenen Publikationen gehört auch der Sonderband der Zeitschrift „Archäologie in Deutschland“ mit dem Titel „Großsteingräber, Grabenwerke, Langhügel – Frühe Monumentalbauten Mitteleuropas“, der mittlerweile auch als gebundene Ausgabe und kostenlose Online-Publikation erschienen ist. Der Autor Johannes Müller ist Professor für Ur- und Frühgeschichte an der Uni Kiel und dürfte somit wohl als einer der kompetentesten Ansprechpartner zum vorliegenden Thema gelten. 112 Seiten mögen für ein solches Buch nicht viel erscheinen, doch beinhalten diese durchaus eine reichhaltige Zusammenstellung interessanter Informationen und aktuellster Forschungsergebnisse.
Entgegen dem, was man vielleicht erwarten mag, handelt es sich nicht um einen Bildband „die schönsten Großsteingräber Norddeutschlands“, sondern eben eine wissenschaftliche Zeitschriftenpublikation. Der Titel scheint ein Werk über die „frühen Monumentalbauten Mitteleuropas“ zu implizieren (wobei die Großsteingräber neben Grabenwerken und Langhügeln eben nur ein Aspekt sind), doch trifft dies den Nagel nicht auf den Kopf. Vielmehr dreht sich ein großer Teil des Bandes um die kulturhistorischen Kontexte ebendieser „frühen Monumentalität“ – anstatt im Däniken-Stil die beeindruckendsten Einzelmonumente abzubilden und zu beschreiben, gehen mehrere Abschnitte etwa auf die klimatisch-naturräumlichen Voraussetzungen der nordeuropäischen Jungsteinzeit, eine präzisierte Feinchronologie der Trichterbecherkultur und deren profane Überreste ein. Ziemlich trocken und anstrengend zu lesen, wenngleich durchaus informativ, ist etwa ein Abschnitt über die Vielfalt der Haustypen der TBK; andere Abschnitte befassen sich unter anderem mit den Rohstoffen Flint, Kupfer, Bernstein und Gold in jener Phase.
Besonders zu befürworten ist dieser Ansatz, sobald es an die Großmonumente selber geht: Den bekannten kollektiven Großsteingräbern wird die Vielfalt der weniger bekannten Bestattungsformen gegenübergestellt, mit denen diese koexistierten und sich bisweilen auch überschnitten. So gab es durchaus Einzelgräber in der Trichterbecherkultur, manchmal mit Steinpackungen oder in noch nicht megalithischen Steinkisten, vor und auch noch während der Megalithzeit – und auf der anderen Seite die titelgebenden Langhügel, die auch ganz ohne Steine monumentale Dimensionen erreichen. Als besonders interessantes Beispiel fungiert hier der Grabkomplex Rastorf LA 6a: Wo zuvor ein profaner Hof stand, errichtete man in einer ersten Bestattungsphase noch innerhalb der Hausruinen einen Dolmen, nach und nach ergänzt durch weitere Einzelgräber, die schließlich zu einem (später nochmals erweiterten) Langhügel verbunden wurden – ähnlich der Langhügel von Flintbek, ebenfalls mit mehreren Dolmen und Einzelgrabkammern sowie darunter den aktuell ältesten bezeugten Wagenspuren. Schließlich wird auch auf die klassischen Dolmen und Ganggräber in verschiedenen Formen eingegangen – ihre Typologie, ihre Verbreitung, die dort gemachten Funde sowie schließlich auch die Frage der Errichtung, welche etwa experimentell durch die Errichtung eines Großsteingrabes auf dem Campus der Kieler Uni nachvollzogen wurde. Neben den menschlichen Überresten, wie sich in zumindest manchen Megalithgräbern noch bei Ausgrabungen fanden, wird auch auf die Art der einstigen Benutzung eingegangen, als die Gräber offenbar als lebendige Anlagen eines Totenkultes fungierten. Neben einer Reihe von Einzelbeispielen – so etwa der Brutkamp bei Albersdorf oder der Denghoog auf Sylt – nimmt man auch die überregionale Verbreitung und Vernetzung megalithischer Bestattungssitten rund um die Trichterbecherkultur in den Blick. Weniger Grabbauten, aber nicht weniger monumental sind die in einem der letzten Kapitel behandelten Grabenwerke – bekannt eher aus südlicheren neolithischen Traditionen wie etwa der Michelsberger Kultur, aber sehr wohl auch im Norden bezeugt, was auf einen entsprechenden Fluss von Kulturtraditionen schließen lässt.
Das Werk mag manchmal trockener sein, als es eine simple Publikation nur über Großsteingräber hätte sein können. Jedoch gelingt dem vorliegenden Band etwas viel Wertvolleres: Ein breites Panorama der Trichterbecherzeit mit ihrer Umwelt, ihren Siedlungen und ihrer Wirtschaftsweise einerseits, zugleich die Einordnung der monumentalen Grabbauten selbst in den historischen Kontext, dem sie entstammen – ihre Ursprünge, ihre Errichtung und Weiternutzung, das Zusammenspiel mit anderen Kulturtraditionen sowohl lokal wie überregional. All dies wird reichhaltig illustriert mit Fotos sowohl der Monumente wie auch aktueller Grabungen sowie zahlreichen Graphiken. So ist „Großsteingräber, Grabenwerke, Langhügel“ letztlich eine hervorragende Grundlage für jede Beschäftigung mit der „frühen Monumentalität“ Nordeuropas, die es nicht beim bloßen Ansehen beeindruckender Steinbauten belassen will.

3300 BC – Mysteriöse Steinzeittote und ihre Welt

Eine der faszinierendsten und meistdiskutierten Epochen der europäischen Vorgeschichte stellt das Neolithikum dar. Doch während gerade die Neolithisierung – die Ablösung der nacheiszeitlichen Jäger und Sammler durch Ackerbauern etwa der linienbandkeramischen Kultur – immer wieder Objekt größten Interesses ist, tritt das Jung- bis Spätneolithikum, genauer das vierte Jahrtausend vor Christus, allzu häufig in den Hintergrund. Es war dies nicht nur die Blütezeit der europäischen Megalithkulturen, von der Trichterbecherkultur mit ihren Hünengräbern und Langbetten im Norden bis zu den Erbauern der riesigen Megalithtempel von Malta im Süden, sondern auch die Zeit einer „zweiten neolithischen Revolution“, gekennzeichnet durch die erstmalige Entdeckung des Rades und der tierischen Zugkraft, die mit Pflug und Wagen nie zuvor gekannte Möglichkeiten der Landnutzung eröffneten. Ausgerechnet dieser Zeit widmete sich die Ausstellung „3300 BC – Mysteriöse Steinzeittote und ihre Welt“ des Museums für Vorgeschichte in Halle, zu der auch der gleichnamige Katalog erschien.
Im Zentrum der Ausstellung standen die neuesten Ausgrabungen am Erdwerk von Salzmünde, eponymer Fundplatz der Salzmünder Kultur (ca. 3400-3050 v. Chr.). Zu den beeindruckendsten Funden zählen mehrere verzierte Trommeln aus Ton, meisterhaft bearbeitete Prunkäxte aus Stein – und die namensgebenden „mysteriösen Steinzeittoten“. Neben Steinkisten sind besonders die sogenannten Scherbenpackungsgräber für die Salzmünder Kultur charakteristisch, in denen die Toten unter einer dicken Schicht zu Scherben zerschlagener Keramik beigesetzt wurden – einzigartig dabei das dicht gedrängte Begräbnis von ganzen neun Individuen, darunter fünf Kindern, unter deren Scherbenpackung offenbar ein Haus rituell abgebrannt wurde.
Der Katalog widmet den Funden von Salzmünde mehrere Kapitel – detailliert beschrieben die Funde, die historischen Kontexte und Interpretationen, am allermeisten natürlich die teils rätselhaften Bestattungen, welche zusätzlich zur Erläuterung im Fließtext mitsamt den Erkenntnissen der anthropologischen Untersuchungen in Form von Steckbriefen vorgestellt werden.
Doch bildet Salzmünde hierbei nur den Aufhänger für ein viel weiteres Panorama des europäischen Jung- und Spätneolithikums – auf fast 400 Seiten vereint „3300 BC“ eine Vielzahl an Beiträgen zu dieser Zeitepoche, weit über die Grenzen Sachsen-Anhalts hinaus:

  • zahlreiche allgemeine Artikel zum Neolithikum – zur Neolithisierung und der „zweiten neolithischen Revolution“, Bevölkerungsdynamik, Krieg und nicht zuletzt der (regionalen) Forschungsgeschichte
  • verbunden mit der erstmaligen Einführung von Zugtieren auch Kapitel über die spektakulären Rinderbestattungen von Profen und Niederwünsch
  • das Phänomen der hochwertigen Jadeitbeile, die während des Neolithikums durch weite Teile Europas gehandelt und jüngst in einem neuen Forschungsprojekt erforscht wurden
  • die oft romantisch verklärten Pfahlbausiedlungen im Alpenraum
  • Ötzi, ohne Zweifel der berühmteste „mysteriöse Steinzeittote“ von allen
  • die Megalithanlagen des Nordens (Trichterbecherkultur), der Dölauer Heide, der Bretagne, der Iberischen Halbinsel, Maltas, Irlands, Italiens und sogar der Orkney-Inseln
  • der blutige Ritualort Herxheim und fünf weitere Kapitel allein zum Phänomen der neolithischen Erdwerke
  • mehrere Beiträge aus der Ethnologie zum Thema Ahnenkult, die – zumindest annähernd durch Analogien – die oft rätselhaften Funde der Vorgeschichte etwas verständlicher zu machen versuchen

Großartig allein schon ist der Versuch, neben allerlei fundierten allgemeinen wie speziellen Themen auch noch die europäische Megalithik in einer solchen Breite darzustellen, dabei eingebunden auch mehrere recht unbekannte und doch nicht weniger beeindruckende Monumente. Doch so sehr mir auch das Herz aufgeht, im Kapitel zur norddeutschen Megalithik den wunderbaren Dolmen von Goosefeld nahe meines Heimatortes abgebildet zu sehen, so bleiben doch leider die Kapitel zu den Megalithkulturen überwiegend recht kurz. Im Umfang eines einzigen solchen Sammelbandes ist jedes einzelne weitere dieser zahlreichen archäologischen „Appetithäppchen“ respektabel, doch trotz hervorragender Abbildungen bleibt es schlichtweg unmöglich, etwa die Monumentalbauten der Trichterbecherkultur oder der maltesischen Megalithzeit auf oft unter fünf Seiten einigermaßen repräsentativ darzustellen – hier muss dann doch im Zweifel auf andere Publikationen zurückgegriffen werden, wozu aber immerhin überall eine Auswahl an Literaturverweisen gegeben wird (überhaupt ist die gute Ausstattung des Bandes mit Quellen zu einem jeden Kapitel positiv hervorzuheben). Anders sieht es etwa beim Thema Erdwerke aus; hier gelingt mit einer guten Auswahl an Beispielen auf verhältnismäßig mehr Raum ein etwas repräsentativerer Überblick.
Auch wenn ich die zugrunde liegende Ausstellung leider nie besuchen konnte – zum Glück sind immerhin zahlreiche der spektakulären Funde (Prunkäxte, Rinderbestattungen etc.) auch dauerhaft in Halle ausgestellt – so genügt doch schon der informative Katalog zur Begeisterung. Dass die Zusammenstellung der einzelnen Themen manchmal etwas willkürlich wirkt, tut dem Sammelband keinen Abbruch – im Gegenteil, ein Überblick über so viele der interessantesten Funde des vierten Jahrtausends v. Chr. ergibt insgesamt ein Panorama mit vielen Reizen für den interessierten Ur- und Frühgeschichtler. Die Präsentation geizt nicht mit großartigen Bildern und prägnanten Graphiken, wann immer diese angemessen sind, und erläutert dabei mehr zu all jenen archäologischen Highlights, als man realistischerweise aufnehmen kann. Sowohl als allgemeiner Überblick über die Monumentalbauten, Bestattungssitten und grundlegenden Prozesse des Jung- und Spätneolithikums wie auch als spezielle Darstellung gerade der vielfältigen Funde von Salzmünde bleibt „3300 BC“ in Erinnerung – ein Sammelband, den man als Vorgeschichtsinteressierter nicht nur durchlesen, sondern auch später wieder aufschlagen wird.

Der Mönch

Die Sünde blüht oft dort am besten, wo man sie am meisten zu unterdrücken sucht. Als 1796 Matthew Gregory Lewis im Alter von nicht einmal zwanzig Jahren den Schauerroman „Der Mönch“ veröffentlichte, muss dieser einem Skandal gleichgekommen sein, ein Dolchstoß mitten in das Herz der wohlkultivierten christlichen Moralfassade. Auch heute noch hat er als ein Meisterwerk der Gothic Novel zu gelten – jetzt sicher weniger schockierend als einst, doch längst noch mehr als man es erwartet.
Ambrosio ist der Inbegriff eines vorbildlichen Christen. Niemals hat der strenggläubige Mönch sich eine Sünde zuschulden kommen lassen, bei jeder Predigt verzaubert er die Menschen mit seinem Charisma. Seine Moral kennt keine Ausnahmen: Als er von der heimlichen Liebschaft einer jungen Nonne und ihrer geplanten Flucht erfährt, liefert Ambrosio sie ohne Zögern der geistlichen Obrigkeit aus. Dann aber wird sein moralischer Kompass auf eine Probe gestellt: Der junge Mönchsanwärter Rosario enthüllt ihm, dass er eigentlich eine Frau und nur aus Liebe zu Ambrosio dem Kloster beigetreten ist. Zunächst noch mit seinem Keuschheitsgelübde hadernd, kann doch der Mönch der allgegenwärtigen Versuchung nicht lange widerstehen. Währenddessen macht sich Don Lorenzo, Bruder der unglückseligen Nonne Agnes, zusammen mit ihrem Geliebten Raymond auf die Suche nach seiner Schwester, die von der unerbittlichen Äbtissin des Klosters gefangen gehalten wird. Ambrosio indes manövriert sich immer tiefer in den Sumpf des Lasters hinein – was als lange unterdrückte Leidenschaft begann, wandelt sich schon bald zur Sucht, bis Ambrosio von nichts anderem mehr getrieben ist als dem Zwang zur Sünde. Die Lust an seiner ersten Liebschaft verlierend, richtet sich seine obzessive Begierde ausgerechnet auf die unschuldige Antonia, die Angebetete Lorenzos …

„Der Mönch“ ist ein schonungsloser Roman. Was sich über 300 Seiten als Thriller aufbaut, wächst sich zum metaphysischen Kampf um die Seele Ambrosios aus, der schließlich, bis zuletzt unentschieden, in der Katastrophe endet. Satan triumphiert, kein Happy End gibt es für Schuldige wie Unschuldige gleichermaßen – bezeichnend, wenn ausgerechnet die berüchtigte Inquisition am Ende wie ein Retter erscheint. Es hat ohne Zweifel seinen Grund, dass Lewis‘ Werk noch heute als Klassiker des Genres gilt: Parallel und doch verflochten werden zwei Geschichten erzählt, beide für sich ein Sittenspiegel christlicher Bigotterie. Die Entzauberung lasterhafter Mönche und Nonnen mag in guter Tradition stehen, immer wieder ein dankbares Thema. Geradezu modern aber nimmt sich der Blick aus, den das Werk auf die strenge christliche Morallehre nimmt – die Enthaltsamkeit der Geistlichen wird als unerfüllbare Illusion offenbart, die ungerechten Zwänge des Glaubens der wahren Liebe zwischen Agnes und Raymond gegenübergestellt. Während die Äbtissin ihrer Grausamkeit unter dem Deckmantel der Moral freien Lauf lässt, ist es bei Ambrosio ganz offensichtlich allein die Abgeschiedenheit von der Welt, eben die Abwesenheit jedweder Versuchung, die ihn seine Tugend aufrecht erhalten lässt – die zu Beginn viel gerühmte Moral wird als Heuchelei entlarvt, die der Verführung letztendlich nichts entgegenzusetzen hat. Einmal aufgebrochen, offenbart sich hinter der tugendhaften Schale nichts als ein deformierter Charakter, der keinerlei natürliche Aversion zur Sünde mehr besitzt.
Auch nach über zweihundert Jahren ist „Der Mönch“ ein lesenswertes Werk. Klosterintrigen, Teufelspakt und Inquisition, allzu klassische Motive des Schauerromans, bilden zusammen mit einer wohldurchdachten Story einen überzeitlich guten Thriller, der stellenweise die Nerven der heutigen Leser noch zu strapazieren vermag wie einst den guten Geschmack der früheren.

Eine anonyme Übersetzung aus dem Jahr 1799 ist vielfach erhältlich, so etwa in der meinen Ausgabe, gemeinsam mit E. T. A. Hoffmanns Die Elixiere des Teufels im Sammelband der Area-Horror-Reihe. Erst vor kurzem erschien auch – mit einem Vorwort von Stephen King in limitierter Auflage – eine Neuübersetzung des Klassikers durch den zeitgenössischen Horrorautor Michael Siefener im Festa-Verlag.

 

 

Die Deutschen und ihre Mythen

Was haben Arminius und Martin Luther gemeinsam? Sie beide machten sich mit ihrem Aufstand gegen Rom einen Namen – und wurden dafür noch Jahrhunderte nach ihrem Tod als Heroen verehrt, weit über ihre historischen Taten hinaus als Sinnbilder deutschen Widerstands gegen den nationalen Feind der jeweiligen Epoche. Dies sind nur zwei jener zahlreichen „Nationalmythen“, die lange als Ikonen deutscher Identität gepflegt wurden, gleichsam diese Identität zu konstruieren halfen – obgleich doch besagten Männern selbst solch ein Verständnis von „Deutschtum“ zu Lebzeiten allzu fremd gewesen wäre.
„Die Deutschen und ihre Mythen“ heißt das Buch des bekannten Politikwissenschaftlers und de-facto-Historikers Herfried Münkler, das eine ganze Reihe solcher deutschen Mythen darstellt und so einen Eindruck gewährt in einen bedeutsamen Teil der Geisteswelt unserer Kultur, wie er sich über mehrere Jahrhunderte teils bis in die Gegenwart zieht. Denn wie jedes Land schuf sich auch Deutschland – umso mehr, da es gerade im neunzehnten Jahrhundert inmitten eines Flickenteppichs ungeeinter Kleinstaaten seine sich abzeichnende Identität verhandeln musste – ein Pantheon von Erzählungen, die seinen Platz in der Welt zu beschreiben hatten, Hoffnungen kanalisierten und als Exempla eines vermeintlich „deutschen“ Charakters galten, oft genug auch als unausweichliches Schicksal über mythosversessenen Patrioten schwebten: Unberührt von moderner Textkritik schuf man aus Tacitus‘ Germania ein Sittenbild des edlen, naturverbundenen und unverbildeten Germanen, den man dem intellektuellen und „überkultivierten“ Charakter der romanischen Völker gegenüberstellte. Vor 1871 verkörperte die Gestalt des Königs Friedrich Barbarossa, der im Inneren des Kyffhäusergebirges schlafen und dereinst wieder zu neuer Macht erwachen sollte, die Sehnsucht nach einer Wiederauferstehung eines geeinten Reiches. Der Untergang der Burgunden im Nibelungenlied avancierte nicht trotz, sondern gerade wegen des tragisch übersteigerten Kadavergehorsams zum moralischen Ideal, dem man nacheiferte bis hin zur mythisch überhöhten Todessehnsucht und der fatalen Schicksalsergebenheit, in der sich die Führer der Dritten Reiches schließlich wähnten. Und schließlich wäre da auch Faust, aus dessen widersprüchlichem Charakter in der Darstellung Goethes man eine ganze Reihe verschiedenster typisch „deutscher“ Charakterzüge erkennen wollte. Wie kaum anders zu erwarten, erlebten die Mythen eine Hochzeit im nationalistisch aufgeladenen neunzehnten Jahrhundert, vielfach in Literatur und Propaganda ausgeschlachtet und immer wieder neuinterpretiert. Was im Kaiserreich und schließlich, teils ins Groteske hochstilisiert, im Nationalsozialismus eine blühende Rezeption erlebte, kam mit dem Jahr 1945 fast gänzlich zum Erliegen – ein wohl seltener, wenn nicht historisch einzigartiger kultureller Schnitt, jener Bruch mit fast der Gesamtheit identitätsstiftender Erzählungen, der eine solch distanzierte Untersuchung wie von Seiten Münklers vielleicht erst möglich und nötig machte. Auch die wenigen großen Erzählungen der Nachkriegszeit – Währungsreform und Wirtschaftswunder im Westen, antifaschistischer Widerstand und alliierter Bombenterror im Osten – werden behandelt, doch wird angesichts dessen doch die Mythenarmut des heutigen Deutschlands offenbar, in dem kollektive Nationalgeschichten zunehmend von kurzlebigen PR-Konstrukten verdrängt worden sind.
Auf rund 600 Seiten – davon jedoch ein respektabler Teil Anhang mit unzähligen hintergründigen Erläuterungen – entwirft Münkler ein repräsentatives Panorama jener bedeutsamen Erzählungen der  deutschen Geschichte. Nicht geht es darum, diese historisch zu dekonstruieren, ihren Inhalt etwa an historischen Fakten zu messen (wie es etwa bei Luthers Thesenanschlag oder dem berühmten Gang nach Canossa zu desillusionierenden Ergebnissen führen würde) – vielmehr steht die Rezeption der Mythen im Mittelpunkt. Auch diese ist nicht als statisch aufzufassen – vielmehr zeichnen sich Mythen gerade dadurch aus, dass sie im Laufe der Zeit und auch zeitgleich verschiedene Formen annehmen, mithin in völlig entgegengesetzte Richtungen ausgedeutet werden. So scheint dann auch ein beträchtlicher Sachverstand bei Münkler durch, wenn genaue historische Abrisse mit einer Vielzahl von Auszügen der zeitgenössischen Literatur und sonstigen Geistesgeschichte verbunden werden. Und obwohl es sich eigentlich um ein Sachbuch handelt, das man sicher auch deutlich trockener hätte gestalten können, gelingt dem Autor ein durchgehend sehr flüssig zu lesender Stil, der trotz viel Stoff ohne wirkliche Längen auskommt. Schade allein, dass zig Seiten auf teils umfangreiche Fußnoten im Anhang entfallen, die man im natürlichen Lesefluss doch leider auslassen muss, will man nicht permanent hin und zurück blättern. Natürlich hätte Münkler unmöglich alle deutschen Nationalmythen in einer Monographie behandeln können – gewisse Aspekte fehlen zwangsläufig, seien es nun Bismarck oder auch das eigentlich potentiell hochinteressante Thema der Rezeption des Dritten Reiches im historischen Denken der Nachkriegsgenerationen. Insgesamt aber bildet „Die Deutschen und ihre Mythen“ einen fundierten Rundumschlag über einen Großteil jener Motive und Erzählungen, die im Geschichts- und Nationaldenken der Deutschen einen großen Stellenwert haben oder – häufiger – hatten, von der ikonischen Varusschlacht bis hin zum preußischen Sittenideal und der Schlagzeile „Wir sind Papst“.

„Schwarzer Obelisk“ jetzt überarbeitet

Seltsame Kreaturen auf einem assyrischen Obelisken – groteske Mischwesen aus Mensch und Tier oder einfach nur Affen?
Nach neuen Recherchen habe ich nun meinen Artikel über den Schwarzen Obelisken des Assyrerkönigs Salmanassar III. grundlegend überarbeitet.

Neue Aspekte:
– Diskussion der ungewöhnlichen Schreibungen auf dem Obelisken
– Weitere Affendarstellungen aus Mesopotamien
– Das Vorbild für die gewagten Thesen Erich von Dänikens – der völkisch-rassistische Rechtsesoteriker Jörg Lanz von Liebenfels
– Wieso man auch als Grenzwissenschaftler keine Zahlen ungeprüft übernehmen sollte

Der Schwarze Obelisk Salmanassars III. [sic!]