Aktuelles von der Schreibfront: „Gilgameschs Aufstieg“

Twilight-Line Medien

Nachdem ich nun längere Zeit nichts über aktuelle Schreibprojekte verlautbaren lies, hier einmal die Vorstellung meines derzeitigen Projekts: „Die Chroniken von Tilmun: Gilgameschs Aufstieg“.

„Die Chroniken von Tilmun“ ist eine Reihe von Science-Fiction-Kurzromanen des Autors Alexander Knörr. Kernhandlung der Geschichte: Die Götter, die unsere Ahnen anbeteten, waren keine – sondern eine Rasse hochentwickelter Außerirdischer, die Nukarib. Diese kehren nun im Jahr 2012 unter ihrem Anführer Enkidu zur Erde zurück, um die Menschheit von neuem zu versklaven. Doch natürlich erwachsen auch Widerstandsbewegungen …

Derzeitig erscheint die Reihe im Twilightline-Verlag. Nun ist letztes Jahr beschlossen worden, die Reihe durch Beiträge anderer Autoren zu erweitern – und, man ahnt es schon, ich bin einer von diesen.
Mein erstes Werk hierzu wird eine Kurzroman-Trilogie über den sumerischen König und Helden Gilgamesch sein und dementsprechend im alten Sumer des frühen 3. Jahrtausends vor Christus spielen (d.h. gewissermaßen ein Prequel zur Hauptreihe). Den ersten Band „Gilgameschs Aufstieg“ habe ich bereits begonnen – aktuell misst das Manuskript 23.799 Wörter oder ca. 85 Seiten (wohl etwa die Hälfte des fertigen Bandes). Darin erzähle ich – weitgehend fiktiv, da literarische Vorbilder fehlen – den Weg Gilgameschs zur Macht. Die beiden folgenden Bände, aktuell als „Gilgameschs Heldentaten“ und „Gilgameschs Schicksal“ betitelt, werden dann weitgehend die Handlung des bekannten Gilgamesch-Epos unter präastronautischem Vorzeichen nacherzählen. In dieser Reihe greife ich zahlreiche mythologische Texte und Themen auf, füge allerdings auch manch eigenes hinzu (etwa eine Parallelhandlung um die Götter der elamischen Kultur – gab es so etwa schon einmal?). Die Gilgamesch-Trilogie wird sich auch ohne Kenntnis der übrigen Reihe lesen und verstehen lassen.

Voraussichtlich nächsten Montag wird zudem die ersten Ausgabe eines „Tilmun-Magazins“ mit Hintergründen zur Reihe erscheinen.

Siehe hier einige der bereits erschienenen Bände der Tilmun-Reihe:

Drachenfeind (Die Feuerreiter seiner Majestät 8)

„Drachenfeind“ ist der nunmehr achte Teil der historischen Fantasy-Serie „Die Feuerreiter seiner Majestät“ von Naomi Novik, die unter Beteiligung von Drachen die napoleonischen Kriege nacherzählt.
Diesmal werden die Protagonisten nach China entsandt, um mit dieser mächtigen Nation ein Bündnis gegen Napoleon zu schmieden. Unpraktischer Weise jedoch erleiden sie vor Japan Schiffbruch. Drachenkapitän Laurence kann sich auf das japanische Festland retten – doch er hat sein Gedächtnis verloren und erinnert sich nicht länger an die bisherigen Abenteuer mit seinem Drachen Temeraire. Er findet seine Gefährten wieder (diesbezüglich lügt übrigens der Klappentext), doch man ist einander weiterhin fremd. Anstatt aber ihre Beziehung wieder auf Kurs zu bringen, liegen zunächst andere Herausforderungen an – das Bündnis mit China, die dortigen Intrigen und natürlich Napoleon, der gerade gegen Russland marschiert.

Zunächst freilich kommt das Buch etwas langsam in Gange. Ist aber der erste Teil überwunden, liest sich der Rest denkbar flüssig weg, die über 500 Seiten verfliegen förmlich. Bei den vorigen Bänden fehlte es mir persönlich etwas an Action (zugunsten umso längerer Reiseszenen etc.) – dies gilt auch hier zunächst, gleicht sich im späteren Verlauf der Handlung aber wieder aus. Einen besonderen Reiz hat der letzte Teil, der in Russland spielt – hier gelingt es der Autorin hervorragend, den Krieg als tödliches Katz-und-Maus-Spiel zu inszenieren, das gleichzeitig die persönlichen Protagonisten und den allgemeinen Verlauf im Auge behält. Leider endet der Roman schließlich mit einem recht offenen Ende ohne wirklichen Höhepunkt, wo direkt zum nächsten Teil übergeleitet wird. Die Spannung freilich ist auszuhalten, da dem Leser höchstwahrscheinlich ohnehin durch die reale Geschichte der Ausgang gespoilert wurde.
Letztendlich hält „Drachenfeind“ die Qualität der Vorgänger, die letzten Bände vielleicht sogar überbietend. Auf den nächsten Teil also kann man gespannt sein.

Das Buch der verschollenen Geschichten 1 & 2

So manche begeisterte Leser des „Herrn der Ringe“ beginnen irgendwann einmal das „Silmarillion“ und sind wenig später frustriert über Stil und Komplexität des Werkes. Weniger bekannt: Von den meisten im Silmarillion erzählten Geschichten existieren noch ältere, detaillierter ausformulierte Fassungen, die J. R. R. Tolkien in früheren Jahrzehnten lange vor seinen berühmten Romanen niederschrieb. Obwohl zeitlebens unveröffentlicht und als Gesamtwerk nie vollendet, sind die meisten dieser „Verschollenen Geschichten“ doch inhaltlich vollständig und lesbar. Eingebettet sollten sie ursprünglich in eine Rahmenhandlung sein, die von dem Seefahrer Eriol erzählt, welcher auf der fernen Insel Tol Eressa bei den Elben landet und sich deren Mythologie bzw. Geschichte erzählen lässt. Freilich gibt es gerade bei den Übergängen zwischen den Geschichten so einige Lücken; auch sind einige der in der Mitte eingeplanten Geschichten letztlich nie geschrieben worden. Das Ergebnis: Einleitende Bemerkungen vor und ein zig Seiten langer Kommentar nach einem jeden Text, indem Christopher Tolkien, Sohn des Autors und Herausgeber, die komplexe Quellenlage darlegt, Hintergründe erläutert und die Texte mit anderen Varianten, Konzeptentwürfen und den späteren Fassungen im Silmarillion abgleicht. Das ist mitunter interessant, doch bisweilen dürfte ein bloßes Überfliegen der zahlreichen Kleinigkeiten dem Lesegenuss zuträglicher sein.
Doch all das soll nicht vom Kern des in zwei Teilen veröffentlichten Werkes ablenken, den Geschichten nämlich. Jene im ersten Band berichten vor allem von der Erschaffung und Formung der Welt durch die Valar (~Götter) – der Gesang der Ainur, die ersten Konflikte mit dem abtrünnigen Melko (später Melkor/Morgoth), Erschaffung und Zerstörung der zwei Bäume von Valinor et cetera. Zugegeben, diese Texte sind trotz des visionär-atmosphärischen Stils oft langatmig (etwa wenn genauestens die Behausungen von allen hohen Valar beschrieben werden). Ob man nun diese detaillierten Fassungen oder die gekürzten im Silmarillion bevorzugt (oder, Ilúvatar verhüte, keine von beiden!), ist wohl Geschmackssache.
Etwas anders sieht es beim zweiten Teil der „Verschollenen Geschichten“ aus, bei dem der Schwerpunkt auf den Heldengeschichten des 1. Zeitalters liegt. So finden wir hier alle drei großen Erzählungen: die von Beren und Luthien (zu diesem Zeitpunkt noch „Tinúviel“), die von Túrin Turambar und jene vom Fall Gondolins, alle drei vollständig und ausformuliert. Die Geschichte von Tinúviel ist nicht so viel ausführlicher als jene spätere Fassung im Silmarillion, unterscheidet sich jedoch in einigen Handlungselementen von jener – man kann sie schwerlich als besser oder schlechter bewerten. Hingegen unterscheidet sich die Túrin-Geschichte inhaltlich eher wenig von der späteren Fassung (in „Nachrichten aus Mittelerde“ und geglättet/rekonstruiert in „Die Kinder Húrins“), ist aber etwas kürzer – wenn auch noch ausführlicher als jene im Silmarillion. Wo indes eindeutig die „Verschollenen Geschichten“ hervorragen, ist „Der Fall von Gondolin“ (im Silmarillion in wenigen Sätzen abgefrühstückt und auch sonst in keiner anderen vollständigen Fassung erhalten). Diese Schilderung der Eroberung der Elbenstadt Gondolin durch die Truppen Morgoths von Novellenlänge stellt meines Erachtens den besten Teil der „Verschollenen Geschichten“ dar. Hier ist die Atmosphäre nicht abgehoben-mythologisch wie bei manch anderen Texten, sondern allzu lebendig direkt im Geschehen verwurzelt, vom Spannungs- und Unterhaltungswert auf einer Stufe mit den ausgereiften Meisterwerken Tolkiens (besonders bemerkenswert: die an moderne Panzer erinnernden mechanischen Drachen).
Ohne jeden Zweifel: Die „Verschollenen Geschichten“ sind etwas für Nerds, schon allein des massiven philologischen Kommentars wegen. Mutmaßlich dürfte auch das Verständnis ohne ein gewisses Vorwissen zum 1. Zeitalter durchaus erschwert sein. Im Verhältnis zum Silmarillion indes stellen die „Verschollenen Geschichten“ weder eine „eingängigere“ Alternative noch eine bloße überflüssige Frühfassung dar; vielmehr haben beide Werke ihren eigenen Reiz und erleichtern wiederum das Verständnis des jeweils anderen. Für solche schließlich, die liebend gerne in die Tiefen phantastischer Welten eintauchen (und ich meine: TIEFEN), sind diese frühen, doch bemerkenswert ausgereiften Tolkien-Werke eine Goldgrube. Definitiv verdienen es die „Verschollenen Geschichten“, in einer Reihe mit den anderen großen Mittelerde-Werken genannt zu werden.

Kleine Anmerkung: Ich las die im als „Die Sagen von Mittelerde“ betitelten Sammelschuber enthaltene Ausgabe des Werkes. Über die wohl inhaltsgleiche, hier gezeigte Ausgabe vermag ich bzgl. Aufmachung etc. kein Urteil abzugeben.

Geschichten aus dem gefährlichen Königreich

Den Namen J. R. R. Tolkien verbindet man stets nur mit den berühmten Mittelerde-Erzählungen – tatsächlich aber umfasst dessen Werk noch einiges mehr, so etwa einige unabhängige, märchenhafte Fantasy-Geschichten. In dem Band „Geschichten aus dem gefährlichen Königreich“ liegen diese alle auf einem Haufen vor, zusammen mit einer Reihe von Gedichten.
Die erste Geschichte, „Bauer Giles von Ham“ ist eine etwas satirische Fantasy-Geschichte über einen Bauern, der unfreiwillig – und trotzdem erstaunlich erfolgreich – zum Bekämpfer von Riesen und Drachen avanciert. Locker zu lesen und geeignet für wohl alle Altersstufen, da harmlos aber nicht kindlich.
Anders „Roverandom“, eine hundert Seiten lange Erzählung, die offensichtlich für eine kindliche Zielgruppe konzipiert ist. Ob für erwachsene Leser geeignet, ist wohl Geschmackssache, doch die allgemeine Qualität dieser Geschichte über die Abenteuer eines verzauberten Hundes ist nicht zu bemängeln. „Der Schmied von Großholzingen“ und „Blatt von Tüftler“, die beiden übrigen Geschichten, sind etwas innovativer. Beide berichten einerseits recht nüchtern die erstaunlichen Schicksale der Protagonisten, leben zugleich aber maßgeblich von der märchenhaft-phantastischen Atmosphäre einzelner Passagen – zwar ohne die Ausstrahlung gewaltiger Brillanz, doch durchaus lesenswert.
Wenig sagen kann ich indes zu den außerdem im Buch enthaltenen Gedichten (von denen zwei von der aus dem „Herrn der Ringe“ bekannten Figur Tom Bombadil handeln) – schlichtweg mangels eines Sinns für Gedichte nämlich. Immerhin scheint die Übersetzung ins Deutsche weitgehend ganz gut gelungen.
Wenn man die „Geschichten aus dem gefährlichen Königreich“ nicht kennt, hat man weder als allgemeiner Leser noch als Mittelerde-Interessierter etwas verpasst. Doch unterhaltsam sind sie schon – und für wirkliche Tolkien-Fans sowieso unvermeidbar. Gerade auch als (Vorlese)Buch für Kinder mag das Werk sehr wohl Qualität haben; zu loben ist außerdem natürlich die hochwertige Ausgabe samt Illustrationen, die sich gut neben manch anderen Tolkien-Werken im Regal einfügt.

The Best of SNAFU: Military Horror

Selbst erfahrene Kämpfer treffen bisweilen auf Bedrohungen, für die sie nicht ausgebildet wurden: Zombies, Riesenskorpione, Zeitreisende Zwerge, Mongolische Todeswürmer. All dies findet sich in „The Best of SNAFU“, einer Auswahl der (mutmaßlich) besten Geschichten der gleichnamigen Reihe, von der ich zuvor noch nie gehört hatte. Acht Erzählungen sind es insgesamt, in ihrer Länge rangierend zwischen Kurzgeschichte und Novelle, vereint auf über 470 Seiten. „Military Horror“ ist der Untertitel und wohl eine Art genauere Genrebeschreibung. In der Tat haben die Geschichten militärischen Kontext und entsprechende Protagonisten, zum Glück aber ohne nennenswerte „Militärromantik“ und entsprechenden Pathos. Als Horror indes würde ich das Genre nicht wirklich bezeichnen, vielmehr handelt es sich um Action mit Fantasy- oder Science-Fiction-Elementen. Tatsächlich gelingt es sämtlichen Autoren dabei, ein richtiges Maß zu finden: Durchweg hält sich die Spannung wie in einem Thriller, der keine Pause einlegt, meist in geradlinigen Plots ohne wirkliche Sprünge, doch trotz aller Action ohne in stupiden Trash abzugleiten. Dafür haben die Stories auch genau die richtige Länge, sodass sich in einem Rutsch durcherzählen und dabei trotzdem eine angemessene Handlung aufbauen lässt. Es ist schwer zu sagen, welche Geschichte am meisten besticht. Dafür sind sie eigentlich zu unterschiedlich, spielt doch die eine in einer klassischen Zombie-Postapokalypse, andere dagegen im Urwald Afrikas, der mongolischen Einöde, dem mittelalterlichen Skandinavien oder gar der Zeit der Kreuzzüge. Es wäre verfehlt, allzu tiefgehende Gedanken und Handlungen zu erwarten – was das Buch indes verspricht, das liefert es: Nämlich dynamische Unterhaltung ohne Durststrecken, professionell geschrieben und fachlich fundiert, wo erforderlich, aber vor allem spannend vom Anfang bis zum Ende.

Horror Cinema

Das Genre des Horrorfilmes hat bekanntlich einen ambivalenten Ruf, werden seine Vertreter doch von so manchen als bloßer Schund, wenn nicht gar gefährlich aufgefasst. Jene Kritiker wird man schwerlich belehren können, doch zum Glück gibt es andere Experten, die sich dieser Filmgattung mit mehr Professionalität nähern. Einen breiten Rundumschlag nimmt dabei das dicke Werk „Horror Cinema“ des TASCHEN-Verlags vor. Reich illustriert mit zahlreichen Szenenbildern und historischen Filmplakaten gibt dieses auf 640 Seiten zunächst einen Überblick über die wichtigsten Untergenres des filmischen Horrors (darunter etwa „Slasher und Serienmörder“, „Kannibalen, Freaks und Hinterwäldler“, „Die Lebenden Toten“ und sogar „Ungeheuer in Frauengestalt“), wobei die wichtigsten Titel angeschnitten werden. Die zweite Hälfte dann behandelt insgesamt 50 Musterbeispiele des Horrorfilms genauer, wobei die gesamte Vielfalt des Genres abgebildet wird: So reicht der Bogen von Schwarzweiß-Klassikern wie „Nosferatu“ und „Frankenstein“ über „Psycho“ und „Der Exorzist“ bis hin zu modernen Vertretern wie „Scream“, „The Sixth Sense“ und „Blair Witch Projekt“. 2017 veröffentlicht, ist das Buch damit sogar annähernd auf dem Stand der Zeit, obgleich es nie lange dauert, bis ein solches Werk wieder teilweise veraltet ist.
Es versteht sich wohl von selbst, dass ein Werk mit so vielen Unterkapiteln und Informationen schwerlich am Stück durchzulesen ist – nichtsdestotrotz jedoch gelingt den Autoren ein sehr flüssiger und gut zu lesender Stil, bei dem einzig die zahlreichen Bildunterschriften den Lesefluss stören. Ein ambivalenter Aspekt ist indes das Bemühen, bei den meisten behandelten Filmen nicht zu „spoilern“, sprich das Ende nicht zu verraten – einerseits erhält es zu einem gewissen Grad die Spannung, wenn man die Filme noch nicht gesehen hat, andererseits (etwa bei „Psycho“) behindert der Verzicht auf Offenbarung der Endpointe mitunter die Analyse. Unvermeidlich ist leider, dass all die Filmvorstellungen, schon allein dem Umfang geschuldet, oberflächlich bleiben müssen und somit mitunter eher wenig Neues bringen. Zudem ein wenig amüsant bleibt das Bemühen der Artikel, jeden einzelnen Film besonders zu loben (bei der Auswahl von Klassikern natürlich berechtigt) und auf den noch immer vorhandenen Horror-Faktor hinzuweisen (oft genug Ansichtssache).
Das mögen gewisse Kritikpunkte sein, doch sie verblassen angesichts der generellen Qualität des Buches. Wirklich hochwertig ist es durch die vielen Bilder, repräsentativ indes durch den breiten Schnitt durch Zeiten und Subgenres. Zumindest zum Teil dürfte es auch Horrorfilmkennern noch neues bringen – und seien es nur nebensächliche Filmerwähnungen wie die der skurrilen Nosferatu-Adaption „Shadow of the Vampire“. Auf jeden Fall ist und bleibt es ein hervorragendes Übersichtswerk über Geschichte und Perlen des Horrorfilms von den Anfängen bis zu den 2000ern.

Phlegon: Das Buch der Wunder

Der Mensch steht auf Sensationsgeschichten – das war zweitausend Jahre vor der BILD-Zeitung und skurrilen Internet-Blogs nicht anders als jetzt. So ist es auch kein Wunder, dass sich im 2. Jhd. n. Chr. ein Herr namens Phlegon von Tralleis hinsetzte und eine Sammlung erstaunlicher Anekdoten zusammenstellte – das „Buch der Wunder“. Leider ist heute nur noch ein Teil davon erhalten, kaum dreißig Seiten nämlich – in einem kurzen Rutsch durchzulesen. Darin nun finden sich allerlei mysteriöse Anekdoten: Berichte von Menschen, die nach ihrem Tode als Geister oder Untote wiederkehren (und mithin gar die Zukunft vorhersagen), von Missgeburten verschiedener Art, von Hermaphroditen und Androgynen, Geschlechtsänderungen, angeblich gefundenen Knochen von Riesen und so weiter.
Die erste und umfangreichste Geschichte berichtet von einer Frau, die nach ihrem Tod als Wiedergängerin zur Geliebten eines Mannes wird – eine wirkmächtige Geschichte, die unter anderem Geschichten von Theophile Gautier, Washington Irving und Goethes Ballade „Die Braut von Korinth“ inspirierte. Etwas enttäuschend indes fand ich den Abschnitt über die Riesenfunde, bei denen es sich überwiegend nur um einzelne Knochen von beeindruckender Größe handelte, womit sie höchstwahrscheinlich prähistorischen Tieren zuzuordnen sein dürften. Interessant ist das Buch in seiner Gesamtheit vor allem dahingehend, dass es abseits der bekannten (epischen/literarischen) Mythologie einen Eindruck vom (Aber-)Glauben der antiken Menschen vermittelt und von den „Wundern“, die diese in ihrer Umwelt beobachteten.
Es gibt heute offensichtlich zwei Editionen des Werkes, von denen jene mit dem blauen Umschlag offensichtlich die umfangreichere ist. Sie enthält nicht nur den gesamten Text, zweisprachig in Deutsch und Griechisch, sowie einen Kommentar zur Werksgeschichte, sondern darüber hinaus alle drei der oben erwähnten Adaptionen jener Untoten-Legende. Für ein so kleines antikes Werk ist damit eine respektabel zusammengestellte Publikation entstanden, bei der einzig der abartig hohe Preis, unter dem sie gehandelt wird, zu bemängeln ist. Über die weit billigere andere Ausgabe von bloß 62 Seiten hingegen vermag ich nicht zu urteilen. Lesenswert jedenfalls ist Phlegons Anekdotensammlung auf jeden Fall und man wünscht sich schnell, es sei mehr davon erhalten beziehungsweise verfasst worden.

Europäische Vorzeit (Kunst im Bild)

„Europäische Vorzeit“, ein Band der Reihe „Kunst im Bild“, will dem geneigten Leser unter Einsatz von Bildern die Kunst der europäischen Vorzeit nahebringen. Und gut, dass die Reihe nicht „Kunst im Text“ heißt – denn während die Bilder allesamt von guter Qualität und interessant anzuschauen sind, stellen sich die dazugehörigen Wortergüsse leider als ziemlicher Murks heraus.
Freilich, das Buch ist schon etwas älter, von 1985 nämlich. Doch auch von damaligen (Kunst-)Historikern hätte man eine gewisse Professionalität erwarten können, die der Autor Walter Torbrügge hier leider nicht an den Tag legt. Inwiefern? Zunächst wäre da der Aspekt des Aufbaus: Das Buch ist chronologisch in ein paar Zeitabschnitte gegliedert (Paläo- und Mesolithikum, Neolithikum, Bronze- und frühe Eisenzeit usw.), darin jedoch findet keine wirklich sichtbare Unterteilung statt. So hat man praktisch nie eine Vorstellung, in welcher Kultur man sich mit den gerade erörterten Kunstobjekten eigentlich bewegt, zumal der Autor hier eindeutige Zuordnungen meist konsequent vermeidet – so findet sich höchstens einmal im gesamten Buch das Wort „Linienbandkeramik“ (kleine Anmerkung für Nicht-Ur- und Frühgeschichtler: Das war die wichtigste Kultur des europäischen Neolithikums). Stattdessen wird ziemlich willkürlich zwischen einzelnen Kulturen gesprungen, ganz ohne Sinn für Zeit und Region. Besonders schön ist etwa die direkte Überleitung von der Zeit des Hellenismus zur Megalithkultur von Malta, bei der der unvorbelastete Leser denken wird, die maltesischen Megalithtempel seien während oder nach der Zeit der römischen Republik erbaut worden und nicht etwa Jahrtausende zuvor.
Der zweite große Kritikpunkt ist inhaltlicher Art: Nämlich hält der Autor starr, ja geradezu lächerlich ideologisch an dem Dogma fest, jegliche nennenswerte Kulturleistung im „primitiven“ Europa sei ein Import oder Imitat der Hochkulturen des Mittelmeerraums (was sich erstaunlicherweise durch alle Zeiten zieht). Mehr noch, der Autor ist sich nicht zu schade, gelegentlich Wörter wie etwa „barbarisch“ zu verwenden, wenn er die mitteleuropäischen Kulturen und all ihre Kunsterzeugnisse konsequent abwertet. „Insgesamt aber kann Europa sich noch nicht aus seinem prähistorischen Stadium lösen, es bleibt im Wesen barbarisch und Kostgänger der alten Hochkulturen und ihrer mediterranen Nachfolger“, so Torbrügge auf Seite 155, womit die sich durch das ganze Buch ziehende Kernaussage hinreichend zusammengefasst wäre. Ganz abgesehen davon hängt der Autor der weitverbreiteten Hybris mancher Altertumskundler an, stets ganz genau wissen zu meinen, was die Menschen früherer Zeiten genau dachten und glaubten. Die angeblichen kultischen Funktionen und Hintergründe verschiedener Objekte, bar jeder empirischen Grundlage, werden durchweg ganz selbstverständlich und meist ohne jegliche Relativierung, die einem Wissenschaftler gut zu Gesicht stünde, gepredigt.
Bei einem völligen Durchfall auf der inhaltlichen Ebene sind es letztlich allein die zahlreichen Bilder des auf hochwertigem Papier gedruckten Bandes, die an diesem einen gewissen Wert besitzen. Aber, diese Hypothese wage ich, solche dürften sich auch in inhaltlich qualifizierteren Werken finden.