From Hell


Ein Comic mit 492 Seiten. Nachdem ich von „Watchmen“ begeistert und von „Providence“ enttäuscht worden war, hatte ich einen gewissen Respekt vor diesem weiteren Werk des bekannten Comic-Autors Alan Moore. Doch das erwies sich als unbegründet, die fette Graphic Novel als Meisterwerk.
„From Hell“ dreht sich um die Mordserie des Jack the Ripper im London des Jahres 1888, welche hier in den Kontext einer größeren Verschwörung gestellt wird – doch würde es dem Werk kaum gerecht, es darauf zu reduzieren. Nicht nur ist es eine meisterhaft recherchierte Wiedergabe und Interpretation der historischen Ereignisse, sondern überdies auch eine schier monumentale Vision über London, den Geist des viktorianischen Zeitalters, über Freimaurerei und Esoterik.
Es dauert etwas, bis man in das Buch hineingefunden hat. Das liegt natürlich an den zunächst verwirrenden Szenen am Anfang, die für den Laien nichts mit dem Hauptthema zu tun haben scheinen, und nicht zuletzt am Zeichenstil. Jener ist schwarzweiß, damit durchgehend düster, oftmals recht undeutlich, ja geradezu skizzenhaft. Doch nicht nur schafft dies eine nur allzu passende Atmosphäre; auch wird so die historisch leider notwendige Darstellung der expliziten Gewaltszenen möglich und, weil abstrahiert, erträglich. Positiv hervorzuheben ist die Schrift, die im Gegensatz zu manch anderen Graphic Novels durchgehend angenehm zu lesen ist. Es dauerte bei mir jedoch nicht lange, bis ich mich an den Stil gewöhnt hatte und das Buch kaum noch aus der Hand legen konnte – so schwanden die 492 Seiten innerhalb von zwei Tagen dahin.
Welch brillantes Werk „From Hell“ tatsächlich ist, zeichnet sich zwar schon bald ab, wird einem in vollem Umfang aber erst beim Lesen des 55 Seiten langen (!) Anhangs bewusst, der penibel von Kapitel zu Kapitel die historischen und künstlerischen Hintergründe erläutert. Die Autoren Alan Moore (Text) und Eddie Campbell (Zeichnungen) recherchierten zehn Jahre für das Werk – und das merkt man diesem an; seien es die durchweg historischen Figuren, teils wortwörtlich so gesprochene Zitate, die bis ins kleinste Detail ausgestalteten Schauplätze, auch die Verknüpfung mit anderen Ereignissen derselben Zeit. Genau erläutert Moore im Anhang, was Historie, was Theorie und eigene Fiktion ist, aus welchen Quellen sich die ersteren beiden herleiten und wo gegebenenfalls kreative Änderungen in Kauf genommen wurden. Wie sich herausstellt, ist das Werk bald so vielschichtig wie die homerischen Epen, in Sachen Recherche und unterschwelligen Anspielungen noch eine Liga vor „Watchmen“. Nicht jedem mögen die visionenhaften, schwer verständlichen Szenen am Ende gefallen – mir indes schon, obgleich ich solcherlei Stilmitteln sonst eher ablehnend gegenüberstehe.
Als absolut brillant hervorzuheben ist überdies der Anhang 2, in dem wunderbar zynisch in einem weiteren Comic die Rezeptionsgeschichte der Mordserie rekapituliert wird, mit all den zahlreichen Autoren und ihren Theorien zum wahren Mörder.
Zu schade, dass die deutsche Ausgabe derzeitig oft vergriffen und, wenn verfügbar, meist sehr teuer ist. Ich kann aber nur empfehlen zuzuschlagen, sobald sich ein Angebot eröffnet.
„From Hell“ ist letztlich also nicht nur eine Geschichte, die, einmal eingetaucht, gut unterhält, sondern ein beachtlich vielschichtiges Monumentalwerk voller historischer Fakten und Referenzen, wie es in der Weltliteratur nur selten vorkommt.

Die Blausteinkriege 1: Das Erbe von Berun

„Die Blausteinkriege – Das Erbe von Berun“ – ein Fantasyroman von den Gebrüdern T. S. Orgel, erster Teil einer Serie, angesiedelt natürlich in einer pseudomittelalterlichen Fantasiewelt. Soweit die oberflächlichen Fakten.
Das Kaiserreich Berun steckt in einer Krise: Das Protektorat Macouban strebt seine Unabhängigkeit an, der Nachbar Kolno im Norden macht Probleme und innerhalb des Reiches jagt eine Intrige die andere. In dieses Pulverfass geraten Marten, ein kaiserlicher Schwertmann, und Sara, eine mittellose Diebin im Dienste eines Unterweltpatriarchen. Und dann wäre da noch der unberechenbare Faktor des Blausteins – ein Stoff, mit dessen Hilfe manche Menschen übernatürliche Kräfte entfesseln können.
Man könnte bei dem Buch einwenden, dass es natürlich so manche Klischees repliziert: Das magisch begabte Mädchen mit traumatischer Vergangenheit, der verlorene Königssohn, die Aufteilung der Welt in ein bröckelndes Reich und primitive Barbaren… Man könnte auch einwenden, dass der Roman als Beginn einer Serie natürlich zu keinem Abschluss der Handlung kommt, ja nicht einmal zu einem vorläufigen Finale.
Doch wichtiger für die Bewertung ist letztlich vor allem ein Faktum: Es liest sich spannend und flüssig, einfach gelungene Unterhaltung. Es gibt keine wirklichen Längen, auch wenn beim Wechsel zwischen den Erzählsträngen gerne mit Cliffhangern gearbeitet wird. Die Magie nimmt bisher eine eher periphere Rolle ein und dominiert nicht die Handlung, sondern wird sehr gewählt eingesetzt – das kann man so oder so bewerten, ich jedenfalls finde es passend. Innovativ ist zudem der historische Hintergrund der Welt, der ohne unangenehme Infodumps in die Handlung eingeflochten wird. Ebenso mag es die Gemüter spalten, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse in diesem Roman gerne einmal unübersichtlich sind, dass also viele ambivalente Figuren auftreten und kein konkreter Antagonist zu fassen ist. Das ist jedoch auch ein Aspekt, der der Handlung einen gewissen Realismus verleiht.
Im Endeffekt eben ein Fantasyroman mit solchen und solchen Aspekten, der aber zweifellos gut unterhält und Lust auf die Fortsetzung macht.

Illumanati – Von Göttern, Dämonen und Seekühen

Mein neuestes Buch ist veröffentlicht: „Illumanati – Von Göttern, Dämonen und Seekühen“. Eine Sammlung satirischer Kurzgeschichten, von amüsant bis grotesk.
Das e-book ist bei Amazon online; die Taschenbuchausgabe soll innerhalb der nächsten Tage folgen.

Seekühe regieren im Geheimen die Welt. Ein Dämon nistet sich als unliebsamer Mitbewohner ein. Und Götter vertreiben sich die Zeit mit absonderlichen Projekten. Ganz abgesehen von der Bürokratie des Himmels, die den Engeln zunehmend über den Kopf wächst…
Acht satirische Geschichten geleiten den Leser durch die Absurditäten menschlicher Vorstellungskraft, von der Jagd auf C-Prominente bis hin zum etwas anderen Exorzismus. Die Verletzung religiöser Gefühle wird billigend in Kauf genommen.

 

Inhalt:
Der Dämon auf dem Sofa
Illumanati
Himmlische Verhältnisse
Gottesaustreibung
Zwei Propheten und ein Götze
Bervenis Moralproblem
Eine (rechtsesoterische) Dystopie
Schieß den Star!

 

Mythen und Sagen des Nordens

Das Buch „Mythen und Sagen des Nordens“ von Edmund Jacoby stellt verschiedene Mythen und Sagen des germanisch-keltisch-slawischen Kulturraumes vor, das dürfte aus dem Titel hinreichend hervorgehen. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf den Sagen, also den Erzählungen über Menschen, während die Mythen (Erzählungen über Götter) nur einen recht kleinen Teil einnehmen und mehr dazu da sind, die Hintergründe der Sagen verständlich zu machen. Jeder dürfte schon einmal von Siegfried, Beowulf oder König Artus gehört haben – aber wie steht es mit Cú Chullain, Dietrich von Bern oder Walther und Hildegunde? Allerlei Sagenkreise des europäischen Mittelalters werden in dem Buch behandelt, wobei insbesondere die weitverzweigten Verbindungen sichtbar werden – etwa dass das Nibelungenlied neben der Siegfriedsage auch an Dietrich von Bern oder Wieland den Schmied anknüpft, zwei ebenfalls bedeutsame, aber eigentlich eigenständige Sagenhelden.
Freilich finden sich sicher viele Werke, die auf mehr oder minder unterhaltsame Weise reihenweise alte Sagen nacherzählen. „Mythen und Sagen des Nordens“ sticht aus diesen jedoch durch einen Aspekt heraus: Ein hoher Stellenwert wird hier den Quellen und der Überlieferungsgeschichte eingeräumt, im Klartext also: Aus welchen Quellen speist sich die Sage? Wann ist der Stoff erstmals belegt? Und welche historischen Personen und Ereignisse standen dafür Pate? Ein ganz neuer Blick auf manche Überlieferung offenbart sich durch Analyse der Ursprünge, etwa wenn Motive deutlich auf Mythen der klassischen Antike zurückgehen oder sich deutlich historische und/oder propagandistische Grundlagen ausfindig machen lassen. Gerade die Pluralität der zugrundeliegenden Quellen wird sonst gerne ignoriert, hier aber differenziert kenntlich gemacht. So mag wohl jedem der Name Artus etwa sagen, doch wer ist sich der genauen Verwicklungen der zahlreichen Figuren dieses so umfangreichen Sagenzyklus bewusst, die in modernen Adaptionen (etwa Filmen) bestenfalls rudimentär wiedergegeben werden? Zudem bietet das Ende eines jeden Kapitels noch Empfehlungen in Sachen Literatur (neben allgemeinen Werken auch Editionen der Originaltexte) und anderen Medien für jeden, der sich näher damit auseinandersetzen will. Reich illustriert mit Bildern aus allen Zeiten (von Mittelalter bis Renaissance und moderner Film) ist das Buch außerdem. Einziger Kritikpunkt ist, dass sich oft Informationen wiederholen und etwa in den Kapiteln ebenso wie auf den weiterführenden Infoseiten zu finden sind.
Doch letztlich ist „Mythen und Sagen des Nordens“ ein nur allzu empfehlenswertes Buch. Es ist auf der einen Seite ein leicht verständlicher Überblick über bekannte und unbekannte Sagen, zugleich aber auch ein quellenkritisches Werk mit vielen Hintergrundinformationen.

Hohle Köpfe

„Hohle Köpfe“ war mein erster Roman des berühmten Fantasy-Autors Terry Pratchett.
Obwohl vom Setting her eindeutig Fantasy – es gibt Zwerge, Trolle, Vampire etc. – ist die Handlung doch vielmehr die eines Krimis, natürlich durchsetzt mit humoristisch-grotesken Elementen. In der Stadt Ankh-Morpork werden auf einmal mehrere alte Männer ermordet, anscheinend von einem Golem. Doch was steckt dahinter? Und was haben ein Giftattentat auf den Regenten und die Gerüchte um die adlige Abstammung eines einfachen Wachmanns damit zu tun? Sir Samuel Mumm und die von ihm angeführte Stadtwache versuchen dem auf den Grund zu gehen…
Zunächst ist das Buch mit den zahlreichen Figuren und Handlungselementen ziemlich unübersichtlich; erst nach etwas über 100 Seiten kristallisiert sich eine klare Handlung heraus – nachdem es zunächst anstrengend zu lesen war, wird es dann erträglicher. Was die Spannung angeht, ist der Roman eher mittelmäßig – die Priorität wird vielmehr auf den Humor gelegt. Und der ist … genau richtig, ebenfalls mittelmäßig. Es gibt durchaus hin und wieder einen amüsanten Einfall, der einen zum Schmunzeln bringt, doch die Mehrzahl der Gags bleibt auf einem Niveau irgendwo zwischen trivial und peinlich. Immerhin nicht vulgär zwar, aber doch nur selten lustig. Manches wirkt geradezu zu billig, etwa die Benennung mancher Charaktere. Ist ein Zwerg mit dem Namen Grinsi Kleinpo lustig? Das mag jeder Leser für sich entscheiden.
Jedenfalls bringt „Hohle Köpfe“, wenn auch keine komplette Enttäuschung, doch nichts wirklich Herausragendes mit sich. Eine langsame, kaum in Gang kommende Handlung, einigermaßen gut gezeichnete Charaktere und ein nur unregelmäßig zündender Humor machen das Buch zu einem soliden 3-Sterne-Werk: Keine Schande, aber doch eben nur mittelmäßig. Kein hinreichender Beleg jedenfalls für die so große Popularität des Autors.

Die Religionsstifter

Über Thema und Motivation des Sachbuches „Die Religionsstifter: Leben und Lehren“ von Walter Vogel (in der Reihe marixwissen) muss wohl nicht viel gesagt werden – es behandelt, stellen Sie sich vor, Leben und Lehren der Religionsstifter. Das sind im Einzelnen: Mose, Buddha, Jesus und Mohammed als Begründer der Weltreligionen sowie in kürzeren Kapiteln Echnaton (ägyptischer Aton-Monotheismus), Zarathustra (Zoroastrismus), Mahavira (Jainismus), Konfuzius (Konfuzianismus), Laozi (Taoismus), Mani (Manichäismus), Guru Nanak (Sikhismus) und Baha’ullah (Baha’i).
Auf 192 Seiten kann man natürlich nicht mehr erwarten als einen oberflächlichen Abriss der Biografien und Lehren eben genannter Gestalten – doch das gelingt recht gut. Das Buch ist sehr systematisch und übersichtlich, nichtsdestotrotz aber flüssig konstruiert. In der Tat ist der Schreibstil eher schlicht, damit massentauglich, und die Informationen gehen selten in die Tiefe. Kurz und prägnant werden stattdessen die relevanten Fakten dargelegt, historisch fragwürdige Überlieferungen zudem diskutiert. Bei Mose gelingt dies  nur mäßig gut, geht doch die durchaus sachliche Erörterung weitgehend von der Hypothese aus, jener habe tatsächlich gelebt und der Exodus wirklich stattgefunden. Hierbei kommt die nur allzu berechtigte Möglichkeit zu kurz, Mose samt seiner Geschichte könne schlicht und einfach in Mythos sein. Auch werden die unschönen Aspekte der biblischen Überlieferung (etwa die zahlreichen Völkermorde auf Veranlassung Mosis) in klassisch christlicher Manier (der Autor ist Theologe) ausgespart. Bei Jesus hingegen gelingt eine ziemlich gute und empirische Gegenüberstellung von Mythos und Wissenschaft, auch wenn seine Lehre wie immer auf den Aspekt der Nächstenliebe verkürzt wird (und z.B. die fanatischen Höllendrohungen des Neuen Testaments dezent ignoriert werden). Insofern zeigt sich auch inhaltlich eine gewisse Oberflächlichkeit des Autors, der (zumindest bei diesen beiden) mehr um die Zusammenfassung des populär etablierten Bildes als um eine schriftgetreue Darstellung bemüht ist. Bei den übrigen Propheten mag es ähnlich sein, doch fehlt mir das Vorwissen für eine nähere Beurteilung. Bei jenen bleibt der Eindruck des Buches durchweg positiv: Eine knappe, auf das wichtige beschränkte Darstellung mehrerer Gestalten, von denen man zuvor kaum etwas wusste. Insofern dürfte das Buch für alle religionshistorischen Laien unter den Lesern wirklich bereichernd sein, gibt es doch einen für das Allgemeinwissen hinreichenden Eindruck gleich mehrerer wichtiger Persönlichkeiten. Allerdings hätte der Aspekt der jeweils begründeten Lehren bei den späteren Propheten gerne ausführlicher sein können; hier ist das Buch meines Erachtens etwas zu viel verkürzt. Allerdings bietet der Anhang Hinweise auf weiterführende Literatur zu jeder der zuvor behandelten Gestalten.

Im Fazit also: Eine im großen und ganzen gelungene Darstellung von Leben und Lehren der wichtigen Religionsgründer der Geschichte, gemacht für Laien, denen es entweder ein solides Allgemeinwissen oder den Grundstock für eine nähere Beschäftigung verschafft. Bei Mose und Jesus jedoch sollte man es differenzierter betrachten; hier dürfte eine Lektüre der zugrundeliegenden Bibelbücher ratsam sein.

Zwischen Koran und Kafka

Schon die Grundvoraussetzungen des Buches „Zwischen Koran und Kafka: West-östliche Erkundungen“ lassen auf ein interessantes, ja bedeutsames Werk hoffen: Der Autor, Navid Kermani, ist Deutsch-Iraner und versiert in der Geschichte beider (und nicht nur dieser) Kulturen; nun schreibt er über Literatur. Deutsche Literatur vor allem, mit dem Schwerpunkt auf Zusammenhängen und Parallelen dieser mit der orientalischen Kultur. Fünfzehn Kapitel – oder vielmehr selbstständige Aufsätze – sind es, in denen allerlei Facetten der Literaturgeschichte aufgezeigt und in neue Kontexte gestellt werden. Es geht um Goethe, Lessing und Wagner ebenso wie um den Koran, das schiitische Passionsspiel oder die moderne iranische, eben nicht islamische Literatur von Hedayat. Tatsächlich ist eben genanntes Leitthema nicht durchgehend präsent; es wäre sogar zu weit gegangen, von einem homogenen Werk zu sprechen, sind doch manche Kapitel ursprünglich etwa Reden zu bestimmten Anlässen – doch reihen sich auch und insbesondere diese hervorragend in das Gesamtwerk ein.
Auffallend ist der Sprachstil des Buches: Es ist nicht der nüchtern-sachliche Stil der meisten anderen Sachbücher, sondern ein nur allzu literarischer, mithin poetischer. Wie jedes Werk lässt sich auch „Zwischen Koran und Kafka“ nur verstehen und bewerten, wenn man dessen Grundphilosophie, dessen Anspruch an sich selbst erkennt. Es will ganz offenkundig keine Wissenschaft sein und würde an deren Maßstäben auch hoffnungslos scheitern, ist das Werk doch, wenn auch voller Informationen, so doch durchweg subjektiv und emotional. Wertungen sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel, persönliche Anekdoten des Autors ebenso zu finden wie Exkurse ins Seelenleben der besprochenen Autoren. Es sind eben Essays (oder Reden), die weniger konkretes Wissen darlegen oder zu einer Schlussfolgerung gelangen wollen, als vielmehr Themen subjektiv und in neuen Facetten beleuchten, geführt nicht von Dramaturgie oder wissenschaftlicher Methodik, sondern abschweifend, sich von den Gedanken des Autors treiben lassend.
Dieser Stil bringt unweigerlich mit sich, dass man mit dem Autor mal einverstanden, mal weniger einverstanden ist, ihn mal bewundert, sich ein anderes Mal über ihn aufregt. Da sind auf der einen Seite etwa intelligente Gedanken zum Thema Nationalismus, von Lessing bis zum NSU, zu nationaler Identität gerade deutscher Kultur, oder auch die schonungslos realistische Schilderung der afrikanischen Flüchtlingsbewegung – Kapitel, bei denen nicht nur die konkreten Informationen, sondern ebenso die Gedankengänge den Leser bereichern. Auf der anderen Seite zeigt sich, wenn es um Religion geht, neben beträchtlicher Bildung auch eine gewisse Verblendung. Es geht nicht im Entferntesten darum, dem Muslim Navid Kermani seine Interpretation des Islams, nämlich eine individuelle, friedliche und metaphorische, mithin pantheistische, fast mystische, vorzuhalten und dem die These von der grundsätzlich gewalttätigen und faschistischen Orientierung der Religion, sprich dem Fundamentalismus als „wahrem Islam“, entgegenzusetzen, wie sie im Westen und auch im Islam selbst weit verbreitet ist. Es ist unmöglich, eine von beiden Interpretationen empirisch als die „richtige“ oder „wesenhaft islamische“ zu identifizieren – sehr wohl aber kann man Kermani dafür kritisieren, dass er in seiner lobenswert humanistischen Orientierung die seine als ebensolche darstellt, ohne die unbestreitbare Pluralität der Islambilder zu beachten. Ebenso ist auch die Einstellung zum Christentum nur allzu positiv, ja naiv, wird doch die Bibel (nicht die wie auch immer definierten „christlichen Werte“, nein die konkrete Bibel) als Fundament des westlichen Humanismus dargestellt, wo diese ihm doch faktisch eher entgegensteht. Hier zeigt sich im Fazit der größte Kritikpunkt an dem Werk bzw. der dahinterstehenden Geisteshaltung des Autors: Nicht nur sind viele Gedanken des Buches subjektiv – das ist nicht nur Recht, sondern gerade Pflicht im Rahmen der zugrundeliegenden Literaturgattung – sondern mehr noch, das Subjektive wird oft genug gleichgesetzt mit absoluter Wahrheit. Das zeigt sich nicht nur in kontroversen Bereichen wie der Religion, sondern ebenso sehr beim Urteil über deutsche Theaterkultur und die Nachkriegsliteratur.
Doch auch dieser Kritikpunkt kann eine grundsätzlich positive Wertung des Werkes nicht verhindern: Nicht nur ist der bloße Stil Literatur in Höchstform, zudem bildet das Buch über so viele Ausschnitte deutscher und morgenländischer Kultur, regt nicht zuletzt immer wieder zum Nachdenken an. Ein Werk, zutiefst subjektiv und normativ, das aber nichtsdestotrotz einen wertvollen Beitrag zur kulturellen und vor allem interkulturellen Bildung leisten kann.

Das Gewölbe des Himmels 1: Der Vergessene

„Das Gewölbe des Himmels: Der Vergessene“ ist der erste Band der gleichnamigen Fantasy-Romanreihe von Peter Orullian. Allein dies lässt natürlich schon erwarten, dass die Geschichte nicht zu einem Ende kommt, wobei man dann auch nicht enttäuscht wird. Und sonst so?
Hauptfigur des Romans ist der junge Tahn Junell, der – wo auch sonst? – in einem kleinen Dorf am Ende der Welt lebt, dem Helligtal. Dann aber bricht das Böse in seine heile Welt ein: Ein Bar’dyn (so etwas ähnliches wie ein Ork, nur stärker) verschleppt das neugeborene Baby seiner Schwester Wendra, Tahn kann ihn nicht aufhalten. Wenig später erschient der Sheson (eine Art esoterischer Zauberer) Vendanji samt Begleitung im Ort und nimmt Tahn, Wendra sowie dessen Freund Sutter mit auf eine weite Reise, auf der natürlich allerlei Gefahren auf sie warten.

Unübersehbar ist schon hierbei die Aneinanderreihung von Fantasy-Klischees, allen voran der Archetyp der „Heldenreise“ – doch leider schafft es der Autor nicht, aus diesen etablierten Versatzstücken einen allzu guten Roman zu machen. Zunächst einmal fehlt weitgehend ein roter Faden; der Großteil der Ereignisse besitzt keine wirkliche Relevanz für den (bisher nur zu erahnenden) Hauptkonflikt. Die Protagonisten reisen eben durch die Lande, treffen auf mancherlei Gestalten und werden in regelmäßigen Abständen von den bösen Bar’dyn angegriffen. Das Böse ist in dieser Welt archetypisch, personifiziert durch den verbannten Gott Quietus und dessen Brut – ohne nähere Motive und Tiefe, sondern einfach nur böse. Immer wieder verliert sich die Handlung in (meines Erachtens) Nebensächlichkeiten. Die Geschichte der Welt wird durch regelmäßiges Info-Dumping geschildert, ohne dass in diesem ersten Band ein direkter Bezug zu den Protagonisten vorhanden wäre. Doch eine wirklich atmosphärische historische Tiefe bewirkt das leider auch nicht; die Historie bleibt recht abstrakt. Da helfen auch die unzähligen, mithin unnötigen Fantasy-Begriffe nicht, die man sich kaum wird merken können (und das sage ich hiermit zum ersten Mal über einen Fantasy-Roman, ich kann es selbst kaum fassen!). Trotz der mithin absatz- oder seitenlangen Erläuterungen schafft es der Mystiker aus Berufung Vendanji dennoch, den anderen andauernd relevantes Wissen vorzuenthalten, weil die Floskel „zu einem späteren Zeitpunkt“ ja schließlich ein Zeichen beträchtlicher Weisheit ist. Überhaupt (und dies ist eine vollkommen subjektive Betrachtung) wirken die Mitglieder der Heldengruppe allesamt nicht sonderlich sympathisch, geschweige denn zur Identifikation einladend, vielmehr recht eindimensional in ihren jeweiligen Eigenheiten. Bis zum Ende weiß man nicht wirklich, wieso die Protagonisten Vendanji folgen und was überhaupt ihr Ziel ist; vielmehr scheinen klassische Genre-Topoi Begründung genug zu sein. Tahn jedenfalls ist irgendwie wichtig (wie grundsätzlich jeder unbedeutende junge Mann, der in einem kleinen Dorf von einem Zauberer aufgelesen wird), wieso oder inwiefern erfahren wir noch nicht.

Doch das Hauptproblem ist und bleibt die Dramaturgie: Sie existiert nicht wirklich. Der gesamte erste Band umfasst letztlich nur ein kleines Stück Handlung, aufgebläht auf über 600 Seiten. Das ist zwar nicht unbedingt zäh, sondern recht flüssig zu lesen, aber Spannung kommt nicht wirklich auf. Am Ende bricht das Buch so abrupt ab, dass es direkt mit dem zweiten Band weitergehen kann, ohne dass es eine Zäsur der Handlung (oder gar einen Höhepunkt!) gegeben hätte.
Was lässt sich Positives über das Buch sagen? Eigentlich bleibt da nur die gewisse Mindestqualität, die ein jedes Buch aus einem großen Publikumsverlag aufweist. Es ist nun auch nicht wirklich so, dass Peter Orullian irgendeine innovative Neuerfindung in seine Welt eingebunden hätte – nein, im Wesentlichen handelt es sich bei allem um Variationen etablierter Stereotype.

Im Fazit also: „Das Gewölbe des Himmels“ versucht, Mainstream-Fantasy zu sein, scheitert aber am Fehlen einer Dramaturgie oder anderen Handlungselementen, die ein Weiterlesen befeuern würden. Mag sein, dass das all das eben Genannte Vorbereitung ist auf die viel brillanteren Fortsetzungen. Doch Band 1 gibt keinerlei Motivation, sich mit diesen auseinanderzusetzen.

Providence: Bd. 1

Comic-Legende Alan Moore interpretiert Horror-Altmeister H. P. Lovecraft. Das weckt unweigerlich hohe Erwartungen. Laut Klappentext wird die neue Comic-Reihe „Providence“ sogar schon als „Watchmen des Horrors“ gefeiert.
Die Handlung ist relativ simpel: Der Journalist Robert Black hört von einem mysteriösen Buch, das ein Araber im 8. Jhd. über Alchemie schrieb (nein, nicht das Necronomicon, sondern nur daran angelehnt). Er versucht, die angebliche englische Übersetzung des Werkes zu finden, und begegnet auf seinem Weg durch New York und Neuengland nacheinander verschiedenen skurrilen Charakteren. Vier Abschnitte umfasst der erste Band, jeder angelehnt an eine Geschichte Lovecrafts. Dazwischen finden sich umfangreiche Textpassagen mit Tagebucheinträgen des Protagonisten, die aber wenig zur Handlung beitragen (neben Ideen zu eigenen literarischen Kompositionen rekapituliert Black vor allem das, was man gerade gesehen hat) und wegen der Pseudo-Schreibschrift anstrengend zu lesen sind.
Was ein gewaltiges Potenzial hätte, scheitert zumindest in Bezug auf den Unterhaltungswert. Wirkliche Spannung kommt nicht auf, die Handlung ist ziemlich dünn. Das Grauen in Alan Moores Werk ist subtil – ein Euphemismus dafür, dass keine der Szenen bis zur Auflösung bzw. Offenbarung des übernatürlichen Phänomens weitergesponnen, sondern stets vorher abgebrochen wird, um den Protagonisten zur nächsten Station zu schicken. Wer die zugrundeliegenden Lovecraft-Geschichten (etwa „Schatten über Innsmouth“ und „Das Grauen von Dunwich“) kennt, der weiß, worum es geht und worauf angespielt wird. Nicht-Lovecraft-Kenner dürften indes ziemlich ratlos vor dem Werk sitzen und sich fragen, wann es denn endlich losgeht. In der Tat liest sich das Werk wie eine Aneinanderreihung mehrerer Einleitungen vielversprechender Horrorgeschichten, mehr aber auch nicht. Hier offenbart sich ein nur allzu künstlerisches und innovatives Motiv, das der Protagonist im letzten seiner Tagebuchexkurse sogar indirekt auf den Punkt bringt: Im Gegensatz zu allen klassischen Horror- und Mystery-Geschichten geht der Protagonist eben nicht jeder Spur nach und deckt letztendlich das Grauen auf, sondern lässt die Anfangssituation so stehen und zieht weiter. Er wundert sich zwar, erklärt aber durchgehend bis zum Schluss alles nach seinem ursprünglichen Weltbild. Das ist natürlich eine interessante Idee und musste einmal ausprobiert werden – doch die mithin unrealistische Neugier aller klassischen Protagonisten kommt wohl nicht von ungefähr, bleibt bei Moores Ansatz doch jegliche Spannung aus. Natürlich kann man noch vielerlei andere Konzepte in das Werk hineininterpretieren – zweifellos hat der Autor sich auch so manches dabei gedacht. Hier aber sollen solch Interpretationen nicht über den Kern einer Bewertung hinwegtäuschen: Bis auf den angegebenen Aspekt des „hypersubtilen“ Horrors fügt Moore dem Lovecraft-Erbe nicht wirklich etwas hinzu, sondern kaut im Wesentlichen die Ideen des Altmeisters von neuem durch (ohne die letztendlichen Pointen). Es fehlt am Ende ein (zumindest vorläufiger) Abschluss der Geschichte; stattdessen kann man sich vorstellen, dass es endlos so weitergeht. Ohne Spannung, ohne wirklichen Horror, ohne Dramaturgie oder Pointen… Letztlich nur eine Reihe von Dialogen mit ziemlich geringem Gehalt, im Fluss noch behindert durch die seitenlangen, anstrengend zu lesenden Tagebuchpassagen. Durch die latente Homosexualität des Protagonisten und seine jüdische Abstammung soll diesem wohl Tiefe verliehen werden – doch diese und die Story laufen aneinander vorbei; es findet kein Dialog zwischen beiden Motiven statt: In den storyrelevanten Szenen, wenn man überhaupt davon reden kann, erscheint Black nur als farbloser Beobachter. Laut Rückseite des Comics ist das Werk ab 18 Jahren empfohlen, was aber wohl nichts mit Horror, sondern vielmehr mit ein paar Nacktszenen zu tun haben dürfte.
Die so angepriesene „Dekonstruktion“ Lovecrafts sehe ich nicht, nur eine weitere Hommage, die nicht eine der besten unter den so vielen ist. Hier bleibt Alan Moore sowohl hinter seinen eigenen Möglichkeiten als auch hinter der literarischen Vorlage zurück. Einzig Zeichner Jacen Burrows hat einen guten Job gemacht. Wer immer „Providence“ als „Watchmen des Horrors“ feiert – ich bin es nicht.