Kritik der Prä-Astronautik – eine Doppelrezension

1968 veröffentlichte Erich von Däniken sein Buch „Erinnerungen an die Zukunft“ – nicht das erste Werk der sogenannten Prä-Astronautik, doch definitiv das, welches die These, in grauer Vorzeit hätten Außerirdische Einfluss auf die menschliche Zivilisation genommen, mehr als jedes zuvor einem breiten Publikum nahebrachte. Bis heute folgten zig weitere Bücher des Autors, die Zahl der dadurch inspirierten „Forscher“ ist Legion. Natürlich war das Werk von Dänikens von Anfang an heftiger Kritik ausgesetzt, die ihm Unplausibilität, Lügen, Quellenverdrehungen und sogar Plagiat vorwirft. Bis heute wird die Prä-Astronautik von der akademischen Wissenschaft nicht ernst genommen – was niemand öfter oder vehementer betont als die Prä-Astronautiker selbst. Doch welcher Art sind diese so vernichtenden Kritiken der „richtigen“ Wissenschaft eigentlich?
Es braucht einige Zeit, sie zu finden, sind sie doch weit weniger zahlreich und auflagenstark als das von ihnen behandelte Objekt. Zwei kritische Repliken fand und las ich – mit einem Fazit, das unterschiedlicher kaum sein könnte.

Bildergebnis für erinnerungen an die wirklichkeitZu den Kritikern der ersten Stunde gehörte Gerhard Gadow, der 1971, damals noch Schüler, die Gegendarstellung mit dem einfallsreichen Titel „Erinnerungen an die Wirklichkeit“ veröffentlichte.
Mit rund 100 Seiten ist das Büchlein nicht umfangreich und schnell durchgelesen – doch der Qualität tut das keinen Abbruch. In erster Linie nimmt Gadow sich Dänikens Quellen vor – mit fatalem Ergebnis: So wird etwa anhand einer ganzen Reihe Zitate nachgewiesen, dass Däniken zahlreiche Informationen, ja mitunter kaum umformuliert ganze Passagen samt Fehlern aus Robert Charroux‘ „Phantastische Vergangenheit“ übernahm, einem früheren und weniger bekannten Werk der Prä-Astronautik. An anderer Stelle, so bleibt kein anderer Schluss möglich, muss Däniken Informationen in den ihm bekannten Quellen, die seinen Thesen widersprechen, bewusst ignoriert haben. Doch auch abseits der bloßen Quellenkritik schlägt Gadow gnadenlos, doch wohl fundiert zu: Gleich mehrere der angeblichen Beweismittel Dänikens werden empirisch widerlegt – so etwa die Karte des Piri Reis (die überhaupt nicht das darstellt, was man ihr zuschreibt, und der bei Däniken eine moderne Karte als angeblicher Zwilling beigesellt wurde) oder das immer wieder beliebte Thema der Osterinsel-Statuen (die, wie moderne Experimente zeigen, sehr wohl bewegt werden konnten und ganz und gar nicht in Dänikens Hypothesen sie betreffend passen). Bei all dem bleiben manch harte Worte natürlich nicht aus, doch beschränkt sich Gadow auf das, was er wirklich aus seinen Beweisführungen ableiten kann – fundierte Urteile statt polemischer Schmähkritik. Natürlich finden sich auch in diesem Buch marginale Kritikpunkte, die sich aber überwiegend aus der Zeit der Entstehung herleiten lassen – als die Hieroglyphen der Grabplatte von Palenque einfach noch nicht entziffert waren und man durchaus noch das Wort „Neger“ benutzen konnte, ohne sich wie heute als eindeutiger Rassist zu outen. Davon unberührt bleibt freilich der Kern der Ausführungen, deren Schlussfolgerungen heute so aktuell sind wie damals. Trotz geringem Umfang letztlich ein vorzügliches Werk, das in nicht viel mehr Worten als notwendig Dänikens erstes Buch geradezu seziert.

Bildergebnis für beweisnot glanz und elend

Einen anderen Eindruck indes macht das Buch „Beweisnot: Glanz und Elend der Astronautengötter, das Ende einer Legende“ von Emil-Heinz Schmitz. Mit mehr als doppelt so vielen Seiten, zumal auch als Harcover erhältlich, macht es einen deutlich hochwertigeren Eindruck als Gerhard Gadows Broschüre. Der Inhalt freilich vermag diesen Anspruch weniger einzulösen. 
Das Buch beginnt mit reihenweise Zitaten aus dem Werk „Und sie waren doch da“ von Wilhelm Selhus – einem satirischen Sachbuch, das überspitzt die Erkenntnismethoden der Prä-Astronautiker parodiert. Eigentlich eine geeignete Einleitung – doch Schmitz übertreibt es schon hier. Über zig Seiten gibt er Selhus‘ „neologische“ Schlussfolgerungen wieder und behandelt sie wie mit vollem Ernst – was heißt, dass er stets über deren Unplausibilität herzieht und somit plump jeden ironischen Charakter vermiest. Es folgt ein historische Abriss über die frühe Geschichte der Prä-Astronautik-Theorie, die im Wesentlichen das Ziel verfolgt, zu belegen, dass Däniken bei weitem nicht der erste war, sondern seine Theorien auf einem schon längst allzu fruchtbaren Feld aufbaute. Das gelingt – einigermaßen interessant, im Laufe der Ausführungen dann aber doch eher trocken. Der schließlich überwiegende Teil des Buches ist dem Bemühen einer „Auseinandersetzung“ mit der prä-astronautischen Theorie gewidmet. Doch trotz zahlreicher penibler Fußnoten (wie sie die kritisierten Grenzwissenschaftler oft vermissen lassen, die aber trotzdem nicht alleine für Wissenschaftlichkeit ausreichen) kommt dabei nur ein anstrengend zu lesender Wust heraus, der am ehesten zum Fremdschämen einlädt. De facto besteht Schmitz‘ Kritik daraus, dass er zahlreiche oft ellenlange Passagen prä-astronautischer Werke wörtlich zitiert und deren Inhalt anschließend mit nichts als hämischen Kommentaren über deren Unglaubwürdigkeit abtut. Offensichtlich hat Schmitz wirklich zahlreiche Quellen gesichtet, wofür ihm ein gewisser Respekt gebührt – doch jeden eigenen Beitrag von Substanz sucht man vergeblich. Die auf die unzähligen Zitate folgende Kritik bleibt meist bei Urteilen wie folgenden: „Selbstverständlich! Man muss nur die nötige Phantasie entwickeln.“ (91); „Nun ja, der Phantasie sind wirklich keine Grenzen gesetzt.“ (Ebd.); „Das ist die Ansicht eines streitbaren Sonntagsforschers, mehr nicht! In Wirklichkeit beweisen all diese Überlieferungen gar nichts.“ (112); „Wir haben zu diesem „Raumfahrer“ nichts weiter zu sagen und überlassen es dem Leser, sich anhand der Abbildung sein eigenes Urteil zu bilden.“ (217f); abermals: „Der Leser möge selbst die Antwort geben!“ (224) und nicht zuletzt „Da kann man nur sagen: O armer Götter-Erich!“ (114). Ja, ich schließe mich der Ansicht Schmitz‘ an, dass viele der zitierten Thesen und Interpretationen ganz einfach unplausibel bis lächerlich sind und sich bisweilen durch bloßen gesunden Menschenverstand widerlegen lassen. Doch für diese Feststellung brauche ich kein Buch, das mir das sagt! Wenn der Leser sicher von selbst zum richtigen Urteil gelangen wird, wie ja oft genug postuliert, dann ist das Buch überflüssig. Schmitz indes geht in seiner deutlich zur Schau gestellten Borniertheit ganz selbstverständlich davon aus, dass all die genannten Theorien sich ohnehin schon selbst demaskieren und in ihrer Lächerlichkeit keine weitere Diskussion wert sind. Das ziemt sich vielleicht gerade noch für einen Kabarettisten, unter keinen Umständen aber für einen Autor mit wissenschaftlichem Anspruch. Fast wirkt es, als wolle Schmitz auf jeden Fall all jene Klischees bestätigen, die seine Gegner in den Grenzwissenschaften über den akademischen Betrieb kultivieren. 
Freilich – bisweilen gibt es in der Tat Gegenargumente. Hin und wieder zitiert Schmitz etwa ebenso umfangreich die Kommentare richtiger Wissenschaftler, die dann auch bisweilen wirkliche Sachargumente, oft aber auch nur ein wertendes Fazit beinhalten. So manche der angebotenen alternativen Erklärungen sind indes selbst wenig fundiert (wie etwa die These, Hörner hätten in Babylonien die Venus symbolisiert, S. 222) oder aber von unglaublicher Banalität („Mythen sind immer einfach nur phantastische Ausschmückungen“). Eigene Argumente, die hin und wieder gegen grenzwissenschaftliche Thesen angeführt werden, sind meist ziemlich platt – womit sie manchmal richtig liegen, öfters aber auch am Kern der Sache vorbeigehen. Kaum eine Auseinandersetzung gibt es indes mit jenen „handfesten“ Argumenten der Prä-Astronautiker. Die sind nämlich durchaus vorhanden, auch wenn sie sich bei näherer Betrachtung meist als schlichte Fehldarstellungen und -interpretationen herausstellen. Derartiges bleibt oft unwidersprochen oder wird ebenso als lächerlich abgetan, obwohl eine sachliche Widerlegung möglich und sinnvoll (allerdings mit größerem Rechercheaufwand verbunden) gewesen wäre. Ja, zugegeben, es finden sich auch einige sinnvolle Widerlegungen und verwertbare Argumente – doch machen sie eben nur einen auffällig geringen Teil eines Buches aus, das fast ausschließlich aus Zitaten und hämischer Polemik zu bestehen scheint. Auffällig ist dabei auch der inflationäre Gebrauch abwertender Aussagen über die fraglichen Autoren wie etwa Erich von Däniken (der die Dummheit seiner Leser ausnutze, nur aufs Geldverdienen aus sei etc.) – vieles davon mag stimmen, doch man hätte es belegen müssen, zumal ein derartig salopp-polemischer Tonfall sich ganz allgemein in einem solchen Werk wenig ziemt.

So könnten die beiden Bücher dann verschiedener kaum sein: Das eine weist penibel Plagiat, Quellenverdrehung und Unplausibilität nach und wird dabei nie polemischer als daraus resultierend (was schon genug ist), das andere indes ergötzt sich nur in bornierter Häme, bläht sich selbst durch eine Flut von Zitaten ohne Auseinandersetzung und mit wenig eigenem Beitrag auf und belegt seine Thesen nur hin wieder besser als die von ihm kritisierten Grenzwissenschaftler.
Was lernen wir daraus? Was ein Erich von Däniken postuliert, ist unseriös und nicht haltbar – doch nur weil man sich dagegen stellt, ist man selbst nicht unbedingt professioneller.