Giants on Record

Gab es einst Riesen?
Diese Frage mutet lächerlich an. An Theorien über die Existenz von Yetis, Aliens und überlebenden Sauriern haben wir uns ja mittlerweile gewöhnt – aber Riesen? Tatsächlich, obwohl im allgemeinen Bewusstsein wenig präsent, ist die sogenannte „Gigantologie“ eine blühende Disziplin – und wartet mit wesentlich besseren Belegen auf als jede der zuvor genannten Thesen. Das Buch „Giants on Record“ von Hugh Newman und Jim Vieira ist der beste Beleg dafür. Das Thema darin: die womögliche Existenz einer Menschenrasse von gewaltigen Proportionen (gewöhnlich 2 – 3 Meter) bis in jüngste Vergangenheit, vor allem verbreitet auf dem Territorium der USA.
Diese Annahme mag auf jeden, der erstmalig damit in Berührung kommt, unglaubwürdig wirken, doch tatsächlich sind die Belege zahlreich: Unzählige Zeitungsartikel und Stadtchroniken vor allem aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert berichten in bemerkenswerter Übereinstimmung von Funden ungewöhnlich großer Skelette überall in den USA (mit einer auffälligen Konzentration in den Mounds von Ohio). Über 1500 Quellen haben die Autoren nach eigener Aussage zusammengetragen, von denen über 180 in das Buch Eingang fanden. Jeder einzelne Fund wird anhand von Originalzitaten samt Quellenangaben dargeboten und in der Regel zusätzlich kommentiert. Oft sind Abzüge der fraglichen Artikel oder, soweit vorhanden, Fotos oder Bilder zum Kontext vorhanden. Hinzu kommen nicht nur einige Quellen aus Regionen außerhalb der USA (u.a. Kanada, Patagonien, antarktische Inseln), sondern auch Erwähnungen lebender „Riesen“ in den Berichten europäischer Seefahrer, die das noch weitgehend unerforschte Amerika erschlossen. Nicht nur wurden zahlreiche der erwähnten Funde durch Anthropologen und andere Wissenschaftler begutachtet – auch die angesehene Smithsonian Institution verzeichnet zahlreiche Riesenfunde in ihren Jahrespublikationen. Ein weiterer Apekt trägt zur Glaubwürdigkeit der Funde bei, nämlich die erstaunliche Übereinstimmung gewisser Details, die immer wieder erwähnt werden: die spezifische Größe, besonders der Schädel bzw. Kiefer (die, immer wieder erwähnt, über den Kiefer eines großen Normalmenschen passen), das Vorhandensein doppelter Zahnreihen und der gute Erhaltungszustand der Zähne sowie weitere Einzelheiten der Riesengräber. Insofern ist „Giants on Record“ vor allem eine beeindruckende Quellensammlung, die die Ausmaße dieses erstaunlichen Phänomens deutlich macht – auch wenn das zulasten de Unterhaltungswertes gehen mag, so ist es doch vom wissenschaftlichen Standpunkt aus nur zu begrüßen. Neben Funden und historischen Berichten nehmen auch Legenden der amerikanischen Ureinwohner einen gewissen Raum ein, zumal sie erstere oft bestätigen bzw. ergänzen; auch erwähnt werden einige der zahlreichen nachweislichen Riesen-Fakes.
Die Gigantologie hat es als wissenschaftliche Theorie bzw. Disziplin schwer – nicht zuletzt deshalb, weil sie traditionell leider allzu oft in verhängnisvoller Partnerschaft mit weniger vernünftigen Theorien steht, vor allem dem Dreigespann von Kreationismus, Präastronautik und/oder Atlantisforschung. Die undurchsichtige Rolle der Smithsonian Institution (in deren Obhut anscheinend so manches Riesenskelett spurlos verschwand) ebnet zudem den Boden für Verschwörungstheorien. Den Autoren von „Giants on Record“ gelingt es jedoch hervorragend, diese Aspekte zu umschiffen und sich auf das bloße Faktenmaterial zu konzentrieren. So werden die Smithsonian-Angelegenheiten absolut differenziert und vernünftig beurteilt und die kurzen Erwähnungen von Riesen in den Schriften verschiedener esoterischer Bewegungen mit Distanz betrachtet. Einzig im letzten Kapitel, wo die möglichen Ursprünge des Riesengeschlechts erläutert werden, kommen neben vernünftigen Gedanken zur Stammesgeschichte des Menschen auch die Atlantisforscher und manch andere kontroverse (gar pseudowissenschaftliche) Theorien zu Wort – zwar hätte man sich hier eine stärkere Abgrenzung wünschen können, doch immerhin machen die Autoren sich diese Thesen nicht völlig zu Eigen, sodass sie letztlich nebst anderen inmitten eines großen Fragezeichens stehen.
Das Buch ist zwar auf Englisch (deutsche Literatur zum Thema scheint nicht zu existieren), doch dieses ist sehr gut verständlich und flüssig zu lesen. Zumindest mir schien das Buch trotz des hohen Anteils sich ähnelnder Originalquellen keinesfalls langweilig, sondern durchaus spannend, was wohl nicht zuletzt am faszinierenden Thema liegen dürfte. Tatsächlich ist „Giants on Record“, so mein Urteil, von allen grenzwissenschaftlichen Werken, die ich bisher las (immerhin ein ganzes Billy-Regal-Fach), das mit Abstand fundierteste. Natürlich wirkt es höchst seltsam, dass heutzutage anscheinend kein Riesenskelett mehr auffindbar ist (viele zerfielen angeblich direkt nach dem Ausgraben, andere gingen in die Hände privater Sammler und eine ganze Menge wurde von der Smithsonian Institution eingesackt und nie wieder gesehen). Doch abgesehen vom Mangel an noch verfügbaren Skelettresten scheint die Existenz der Riesen so gut belegt zu sein wie man es sich in der Wissenschaft nur wünschen kann. Welches Urteil man sich selbst am Ende auch bilden mag – „Giants on Record“ ist eine hervorragend kommentierte Sammlung erstaunlichen Materials, die den Anthropologen, Altamerikanisten etc. auf jeden Fall eine eingehende Diskussion wert sein sollte. Wer sich in dieser Angelegenheit ein Urteil bilden will, der lese zunächst besagtes Buch.

Ich las die Hardcover-Version des Buches – positiv angemerkt sei bei dieser noch der hochwertige Einband sowie der robuste Schutzumschlag, der im Gegensatz zu den meisten Exemplaren seiner Gattung diesem Namen auch gerecht wird.

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