Die afrikanischen Tempel der Anunnaki

Bereits vor Jahrzehnten stellte der umstrittene Autor Zecharia Sitchin die These auf, die sumerischen Götter seien tatsächlich Außerirdische gewesen, die die Erde auf der Suche nach Gold kolonialisierten und dazu schließlich den Menschen erschufen. So wenig bei genauerer Betrachtung auch daran sein mag – es reichte, um eine Reihe von Nachahmern auf den Plan zu rufen, die die moderne Mythologie um die „Anunnaki“ weiterführen. Einer von diesen ist Michael Tellinger, der in Südafrika (zufälligerweise seiner Heimat) die erste von den Anunnaki begründete Zivilisation gefunden haben will.
Das Buch heißt „Die afrikanischen Tempel der Anunnaki“ – auch wenn freilich nichts darin mit Tempeln zu tun hat. Vielmehr präsentiert Tellinger eine ganze Reihe von alten Steinkreisen, welche er als mystische Energiegewinnungsanlagen aus grauer Vorzeit deutet.
Zunächst einmal: Für bescheidene 9,95€ bekommt man hier ein Buch aus hochwertigem Papier, gefüllt mit haufenweise Farbfotos in hoher Qualität, sogar mit Lesebändchen. Soweit das positive, jetzt geht es an den Inhalt.
Erstaunlich sind zweifellos die große Zahl und die Form der südafrikanischen Steinkreise, die von der Schulwissenschaft als Viehgehege aus jüngerer Vergangenheit gedeutet werden. Dass sie aber keine Eingänge und mit ihren im Kreis angeordneten Kammern eine recht abnorme Form besitzen, das macht sich Tellinger zunutze – und scheitert trotzdem daran, eine glaubwürdige Theorie zu fabrizieren. Im gesamten Buch liefert er nicht einen Beleg für das von ihm postulierte Alter der Strukturen von hunderttausenden Jahren. Davon abgesehen deutet dort nichts auf den Einsatz anachronistischer Technologie hin – was im Genre der Präastronautik schon ziemlich armselig ist, wenn man sich ansieht, was andere Autoren vorzuweisen haben. Kaum nötig zu erwähnen, dass die von Tellinger immer wieder beschworene Verbindung zu den Sumerern und den Anunnaki gänzlich unbelegt bleibt – darüber hinaus offenbart er beträchtliche Wissenslücken und Fehlvorstellungen, was die Kultur und Überlieferungen der Sumerer angeht. Es scheint, dass er die ganze Anunnaki-Thematik nur von anderen einschlägigen Autoren wie etwa Sitchin abgeschrieben hat, ohne selbst die geringste Ahnung von Altorientalistik und sumerischer Mythologie zu besitzen. Besonders lustig: als Beleg führt er stets „die sumerischen Tontafeln“ an, ohne jemals näher zu bestimmen, auf welchen Text er sich denn bezieht (die meisten „den sumerischen Tontafeln“ zugeschriebenen Behauptungen finden sich dort im Übrigen nicht). Als wäre all das noch nicht genug, bekundet Tellinger offen seine Nähe zu manch esoterischem und verschwörungstheoretischem Gedankengut: Die Steinkreise dienten natürlich der Energiegewinnung auf Basis von Schall (!?) – ein Prinzip, das in der Gegenwart natürlich von der bösen Industrie unter Verschluss gehalten wird. Als glaubwürdige Quelle nennt Tellinger Credo Mutwa, einen traditionellen Schamanen, welcher schon David Ickes Reptiloiden-Theorie bestätigte. Und dass die Anunnaki unter ihrem Anführer Enki in Südafrika waren, ist ihm von mehreren Personen mit übersinnlicher Wahrnehmung bestätigt worden. Unnötig zu erwähnen, dass er außerdem die Bibel als glaubwürdige Geschichtsquelle angibt.
Im Endeffekt also wäre es besser gewesen, man hätte „Die afrikanischen Tempel der Anunnaki“ als Bilderbuch gedruckt. Die Bilder nämlich sind durchaus interessant anzusehen und öffnen das Bewusstsein für eine vielleicht erstaunliche Kultur, die man noch gar nicht auf dem Schirm hatte. Der Inhalt indes ist Murks von der ersten bis zur letzten Seite – unplausibel bis absurd, fachlich minderwertig und schrecklich esoterisch.

Die Thematik und der bescheidene Umfang machten es möglich, der Inhalt es nötig, sich mit diesem Buch etwas detaillierter auseinanderzusetzen. So verfasste ich parallel zum Lesen eine achtzehn Seiten lange Diskussion – will heißen Widerlegung – des Werkes, in der ich es Kapitel für Kapitel auseinandernehme und anhand von Zitaten so manchen Fehlschluss und Irrglauben des Autors offenlege.
Lesen Sie es hier: Der afrikanische Irrsinn der Anunnaki

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