Buchrezensionen

Carnacki, der Geisterdetektiv

Beim Festa-Verlag haben sie immer wieder das Talent, interessante Klassiker der Horrorliteratur auszugraben. Eine der neuesten Erscheinungen: „Carnacki, der Geisterdetektiv“ von William Hope Hodgson (1877-1918). Die neun Geschichten des Erzählbandes bewegen sich in einer Grauzone zwischen klassischer Detektiv- und Schauergeschichte. Eingebettet in eine Rahmenhandlung erzählt Carnacki, ein Ermittler des Übernatürlichen, von seinen Fällen, bei denen es meist um Spuk geht. In dem einen Haus werden von einer unbekannten Macht Türen zugestoßen und Menschen attackiert, in einem anderen dringt jede Nacht ein lautes Pfeifen aus einem Raum. Eine junge Frau wird von einem geisterhaften Pferd heimgesucht, während ein Mann in seinen Träumen jede Nacht das Grunzen von Schweinen vernimmt – und ihnen antwortet.
Carnacki ist stets zur Stelle, um die rätselhaften Ereignisse aufzuklären. Auf der einen Seite geht er beeindruckend akribisch und rational vor, ein „Sherlock Holmes des Okkulten“, wie schon der Klappentext sagt. Zugleich aber ist er alles andere als unfehlbar und furchtlos, was ihn wiederum von manchen überzeichneten Protagonisten seines Genres abhebt und zweifellos menschlicher macht. Die Aufklärung der Spukphänomene hat hierbei einen ganz besonderen Reiz, denn es kommen sowohl irdische als auch übernatürliche Erklärungen vor (mitunter gar in Kombination) – man kann sich also nie darauf verlassen, dass sich am Ende eh alles als Täuschung oder aber als unerklärlich herausstellen wird. Zugleich entwirft Hodgson eine Art Wissenschaft de Okkulten mit spezifischen Gesetzmäßigkeiten, denen auch das Übernatürliche folgt – auch das Phantastische bleibt also auf einem gewissen rationalen Boden.
Was den Stil angeht, ist Hodgson nichts vorzuwerfen: Er schafft es hervorragend, die Spukphänomene in wirkungsvoller Atmosphäre zu evozieren, wenn auch in unterschiedlicher Weise – hier als konventioneller Geisterhaus-Grusel, da als komischer Schrecken in Lovecraft-Manier. Während die Rahmengeschehnisse relativ knapp und trocken abgehandelt werden, wird das Grauen selbst schließlich breit charakterisiert, freilich ohne es dabei (vor der Zeit) zu entmystifizieren. Den Vergleich mit den großen Vertretern der Schauergeschichte braucht Hodgson hierbei nicht zu fürchten.
Abgerundet wird der Erzählband in der Festa-Ausgabe von zwei biographischen Texten über den Autor und sein Werk, der erste von niemand geringerem verfasst als Horror-Ikone H. P. Lovecraft, der Hodgsons Werk ebenfalls sehr schätzte. Obwohl rund hundert Jahre alt, sind die Geschichten um Carnacki noch immer lesenswert für all jene, die den klassischen Horror schätzen.

Nachrichten aus Mittelerde

„Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“ machten J. R. R. Tolkien zum Vater der modernen Fantasy-Literatur. Zu Lebzeiten veröffentlichte er nicht viel mehr als diese zwei Bücher – doch im Privaten schuf er einen gewaltigen Korpus an Texten, meist unvollendet, die die Entwicklung der phantastischen Welt Mittelerde über die Jahrtausende der vier Zeitalter hinweg illustrieren. Nach seinem Tod wurden Teile davon von seinem Sohn Christopher editiert und veröffentlicht – ein Ergebnis dieser Mühen ist die Textsammlung „Nachrichten aus Mittelerde“.
Eines vorweg: Wer einen stringenten Fantasy-Roman oder zumindest eine Geschichtensammlung erwartet, der sollte die Finger davon lassen. Obwohl zu weiten Teilen erzählend, hilft bei diesem Werk doch der Ansatz ungemein, es nicht vordergründig als Belletristik, sondern vielmehr als Studie über Mittelerde zu betrachten, nicht anders als man auch eine Sammlung der Originaltexte griechischer Mythen betrachten würde. Denn in der Tat hat Tolkien nicht nur vom Umfang und Inhalt her eine eigene Mythologie geschaffen – auch die Textsituation mit den zahlreichen unvollendeten, teils widersprüchlichen, aus verschiedenen Schaffensphasen bestehenden Überlieferungen sieht ganz genauso aus. So ist es auch kein Wunder, dass die Texte selbst nur einen Teil des Buches ausmachen, begleitet von umfangreichen Erläuterungen und Anmerkungen Christopher Tolkiens.
Geordnet sind die Texte nach der Chronologie Mittelerdes; es beginnt also mit dem Ersten Zeitalter. Hierbei wird eine gewisse Grundkenntnis der Geschichte dieses Zeitalters, etwa aus der Lektüre des „Silmarillions“, vorausgesetzt. Der erste Text nun ist der von „Tuor und seiner Ankunft in Gondolin“ – seiner Ankunft wohlgemerkt; die spektakuläre Zerstörung Gondolins, die in anderen Textfassungen darauf folgt, fehlt hier völlig (sie findet sich verkürzt im „Silmarillion“ und in voller Länge in den früher zu datierenden „Verschollenen Geschichten“). Diese Geschichte ist zwar handwerklich ohne Fehl (wenn man vom abrupten Schluss mittendrin absieht) und recht atmosphärisch, aber eher etwas langatmig und ohne wirkliche Spannung.
Als Herzstück des Buches indes kann man wohl den zweiten Text begreifen: „Die Geschichte der Kinder Húrins“ (rund 150 Seiten), die fast vollständige Fassung des Heldenepos über den Krieger Túrin. Es fehlen nur eine für die Handlung mittelmäßig wichtige Passage in der Mitte, zu der aber immerhin im Anhang noch, soweit vorhanden, einige Fragmente aus anderer Quelle dargeboten werden, sowie die Schilderung der „Schlacht der ungezählten Tränen“ recht am Anfang, die der Herausgeber mit der Begründung herausschnitt, dass sie im Silmarillion in nahezu gleicher Form zu finden ist (ich persönlich finde diese Streichung unnötig und schade). Der Text wurde später auch in einer „restaurierten“ Fassung ohne sichtbare Lücken unter dem Titel „Die Kinder Húrins“ veröffentlicht. Da aber auch die erhaltene Urfassung schon ziemlich ausgereift ist, dürfte der Unterschied zwischen beiden aber eher marginal sein mit dem Aspekt vielleicht, dass die restaurierte „Solofassung“ für durchschnittliche, nicht an literaturwissenschaftlichen bzw. textkritischen Aspekten interessierte Leser geeigneter sein dürfte. Für jene, die „Die Kinder Húrins“ bereits kennen, ist dieser Abschnitt in „Nachrichten aus Mittelerde“ freilich weniger interessant.
Weiter geht es mit Texten aus dem Zweiten Zeitalter: Zunächst eine wirklich hervorragend geschriebene Geschichte über den númenorischen Prinzen/König Aldarion, wenn auch ohne ausformuliertes Ende – was, zugegebenermaßen, auch schwer gewesen wäre, da die Handlung nahtlos Teil der allgemeinen Weltgeschichte ist, sodass eine Weiterführung einer Art Chronik gleichgekommen wäre. Die weitere Geschichte Númenors von Aldarion bis zu den letzten Königen erfährt man jedoch aus dem nachfolgenden Kommentar, der die dazu überlieferten Notizen Tolkiens wiedergibt, sowie dem nächsten Kapitel, einer chronikartigen Auflistung der númenorischen Könige und ihrer Regierungszeiten. Dann folgen Texte, die sich mit der Vergangenheit von Galadriel und Celeborn beschäftigen – mittelmäßig interessant. Das Dritte Zeitalter schließlich bietet vor allem einigermaßen vollständige Berichte über mehrere historische Schlachten (Isildur Tod auf den Schwertelfeldern, die Entstehung des Reiches Rohans infolge eines Bündnisses mit Gondor gegen die Ostlinge sowie die zur Zeit des Herrn der Ringe angesiedelten Schlachten an den Furten des Isen) sowie Hintergründe zu den Begebenheiten des Ringkrieges (so die Reise der Schwarzen Reiter und Gandalfs Hintergedanken zu dem Unternehmen im „Hobbit“). Der letzte Abschnitt schließlich besteht nur aus Sachtexten, betreffend das wenig bekannte Volk der Drúedain, die Istari (Zauberer) und die Palantiri. Während der Text über die Istari leider eher wenig Neues bietet, sind die anderen beiden durchaus interessant.
Zweifellos ist „Nachrichten aus Mittelerde“ nur etwas für eingefleischte Fans des tolkien’schen Universums – für die aber bedeutet es nicht nur massig neue Erkenntnisse, sondern auch ein neuerliches Abtauchen in die atmosphärische Welt dieser einzigartigen Schöpfung, wie man sie sonst in der Fantasy kaum oder gar nicht findet. Man bekommt Einblicke in die Entwicklung der Ideen und Konzepte während Tolkiens jahrzehntelanger Schaffenszeit und erfährt Hintergründe, die die Handlungen aus Büchern und Filmen in neuem Licht erscheinen lassen. Nicht zuletzt gibt es eine fast vollwertige Fassung der Túrin-Geschichte, die für sich genommen schon eine beeindruckende und als Unterhaltungsliteratur lesbare Novelle ist. Überhaupt ist das gesamte Werk durchgängig flüssig lesbar und auch unterhaltsam – anders als etwa der gewaltige literaturwissenschaftliche bis linguistische Apparat der „Verschollenen Geschichten“‚.
Wer anderes erwartet, mag in „Nachrichten aus Mittelerde“ eine bloße Resteverwertung aus Geldgier sehen – für jene indes, die sich auf das Universum einlassen wollen, bedeutet das Buch eine hervorragende Edition zahlreicher interessanter Texte, die man ungern missen möchte.

Die Etrusker

Es scheint relativ unnötig, das Thema des Sachbuches „Die Etrusker“ von Friederike Bubenheimer-Erhart näher zu erläutern. Es handelt sich erwartungsgemäß um einen allgemeinen Abriss zur Kultur der Etrusker, eines vorrömischen Volkes im antiken Italien.
Leider sind von den Etruskern nicht allzu viele Schriftquellen überliefert, sodass ein Großteil der Wissenschaft sich auf Betrachtungen archäologischer Fundstücke bezieht. Von diesen sind in dem Buch auch zahlreiche abgebildet – von Statuen und Keramik bis zu den typisch etruskischen Tumulus-Gräbern. Die Bilder sind groß und in hervorragender Qualität, schließlich handelt es sich fast um einen Bildband. Dazu kommt jedoch einiges an Text über verschiedene Aspekte der etruskischen Kultur. Geschichte, Archäologie und Kulturgeschichte gehen ziemlich fließend ineinander über und werden in den einzelnen Hauptkapiteln kaum getrennt; des Weiteren gibt es jedoch eine Reihe von Sonderseiten zu Themen wie etwa Handel, Sozialleben, Religion etc. Hinzu kommen einige eingeschobene Seiten, auf denen individuelle Etrusker vorgestellt werden, insofern sich Informationen über sie aus den Funden (meist der Grabstätten) rekonstruieren lassen – meiner Ansicht nach sehr interessante spezifische Eindrücke. Durch diese Form der Kapitelaufteilung jedoch kommt es, dass sich viele Informationen mehrfach wiederholen (das kann man nun als Kritikpunkt oder zwecks besserer Einprägung als Vorteil ansehen). Der Schreibstil ist dabei leider tendenziell recht trocken und manchmal umständlich, was aber längst nicht bei allen Themengebieten auffällt – einige Absätze, vor allem die mit archäologischem Inhalt, bleiben wenig hängen.
Ich persönlich hätte mir gerne mehr zur Ereignisgeschichte gewünscht, doch scheint dies schon allein durch die eingangs bemerkte Quellenlage problematisch zu sein. Ansonsten werden alle Bereiche dieser faszinierenden Kultur informativ abgedeckt, womit sich das Werk hervorragend als Überblick für den interessierten Laien, der noch nichts von den Etruskern wusste, eignet. Für mich sehr interessante Aspekte etwa sind die Beziehungen der Etrusker zu anderen Völkern der Antike – zuerst den Griechen und Phöniziern, später den sie schließlich assimilierenden Römern – sowie das Überleben mancher etruskischer Wörter im Lateinischen bis schließlich ins Deutsche – wer wusste etwa schon, dass die Worte „Form“ und „Person“ etruskischen Ursprungs sind?
Ein Kuriosum muss indes noch bemerkt werden: Das online (etwa bei Amazon) gezeigte, mutmaßlich computergenerierte Bild des Buches macht (zumindest auf mich) den Eindruck eines dicken, wahrscheinlich eher kleinen Buches, doch dies täuscht: Tatsächlich ist es großformatig und eher dünn (192 Seiten). Des Weiteren sei angemerkt, dass der Schutzumschlag sehr empfindlich und daher auch bei sachgemäßer Handhabung leicht zu beschädigen ist.
Im Endeffekt aber bleibt „Die Etrusker“ eine gelungene Einführung, die nicht nur alle wichtigen Bereiche charakterisiert, sondern auch durch die hochwertige Bebilderung besticht.

Rest in Pieces: Die unglaublichen Schicksale berühmter Leichen

Von so mancher Berühmtheit schon hieß es, ihr Ruf lebe über den Tod hinweg fort, mache sie gar unsterblich. Doch wie die Geschichte zeigt, gab es auch so einige Gestalten, deren ereignisreicher Weg nicht mit dem Tod endete – wortwörtlich hieß es manchmal „Rest in Pieces“, wie auch das interessante Buch von Bess Lovejoy betitelt ist. Darin geht es um nichts Geringeres als „die unglaublichen Schicksale berühmter Leichen“.
Jeder kennt natürlich den einbalsamierten Lenin – aber wer wusste schon, dass versucht wurde, Abraham Lincolns Leiche zu entführen, ja dass ein solches Vorhaben bei Charlie Chaplin sogar gelang? Dass Mozart, Descartes und manch andere post mortem ihren Schädel einbüßten, welche mithin abenteuerliche Odysseen über sich ergehen lassen mussten? Liegt Christoph Columbus nun in der Alten oder der Neuen Welt begraben – oder gar in beiden? Mussolini und Galileo Galilei, die nicht nur einmal ihren Ruheplatz wechseln mussten, Napoleon und Rasputin, von denen angeblich manch intimes Stück zurückbehalten wurde, und Jeremy Bentham, dessen Skelett man auf eigenen Wunsch zum Ausstellungsobjekt umfunktionierte – die Zahl der Berühmtheiten, deren sterbliche Überreste eine abnorme Geschichte erduldeten, ist beträchtlich. Ganze 52 Schicksale historischer Persönlichkeiten hat die Autorin Bess Lovejoy für ihr Buch recherchiert und unterhaltsam aufbereitet, damit Leute mit morbidem Interesse sich daran erfreuen können. Natürlich wiederholt sich manches Phänomen, natürlich ist die Vielzahl von Akteuren in manchen Fällen etwas unübersichtlich und verwirrend – doch das kann man schwerlich der Autorin zur Last legen, zumal das Werk doch durchgehend flüssig zu lesen ist. Ein gewisser schwarzer Humor wird gelegentlich bewusst eingesetzt, ist aber keinesfalls Selbstzweck des für sich schon grotesken Werkes. Soweit ich es beurteilen kann, sind die zahlreichen Kapitel hervorragend recherchiert, jedenfalls macht alles einen seriösen und wissenschaftlichen Eindruck (im Anhang gibt es noch ein umfangreiches Quellenregister). Zwar kennt man nicht unbedingt alle der behandelten Personen, doch die Kapitel geben stets noch eine kurze Charakterisierung wieder, welche Rolle der Mensch denn zu Lebzeiten spielte. Auszusetzen hingegen bleibt nicht wirklich etwas – es handelt sich eben um eine qualitativ gute Zusammenstellung denkbar absurder Geschichten, die doch das wahre „Leben“ (nun gut, unglückliche Wortwahl) geschrieben hat.

Leonardo da Vinci. Das zeichnerische Werk

Ziemlich einhellig gilt Leonardo da Vinci als eines der größten Genies aller Zeiten. Seine Begabungen und Erzeugnisse in (unter anderem) Malerei, Architektur, Technik und Anatomie sind legendär – und all diese fließen zusammen in dem umfangreichen Korpus von Zeichnungen, die sich bis heute von ihm erhalten haben. Unter dem wenig missverständlichen Titel „Leonardo da Vinci. Das zeichnerische Werk“ hat der Taschen-Verlag eine Edition von insgesamt 663 dieser Zeichnungen herausgegeben, das alles zum durchaus erschwinglichen Preis von 14,99€.
Im Wesentlichen besteht das Buch aus farbigen Abdrucken besagter Zeichnungen, allesamt in hervorragender Bildqualität und versehen mit einer knappen Beischrift, die Motiv, Entstehungszeit, Herstellungsverfahren, Aufbewahrungsort und Katalognummer nennt. Geordnet sind diese nach Themenbereichen, etwa Anatomie, Technik, Landkarten, Porträts, Skizzen für Gemälde etc. – jedes Kapitel eingeleitet durch einen meist drei- bis vierseitigen Text, der Grundlegendes zu diesem Bereich von Leonardos Schaffen und insbesondere künstlerische Aspekte erläutert (hinzu kommen penible Literaturangaben). An all dem ist nichts auszusetzen – kompakte, allgemeinverständliche Informationen nebst einer beträchtlichen Menge der originalen Bilder. Letztere faszinieren mal mehr, mal weniger, ganz abhängig von den Interessen des Lesers – mich etwa interessierten mehr die Konzepte für technische Apparate, insbesondere die kreativen Kriegsmaschinen, weniger hingegen die zahlreichen Körperstudien von Pferden oder Landschaftsmotive. Auf jeden Fall, das dürfte garantiert sein, bietet das Buch einen vielseitigen Überblick über das gesamte zeichnerische Schaffen des Universalgenies.
Nichtsdestotrotz gibt es eine Handvoll Aspekte, die ich beim Lesen vermisst habe:
– genauere Angaben, wie groß der Anteil der abgedruckten an den insgesamt erhaltenen Zeichnungen Leonardos ist (Wikipedia spricht von insgesamt rund 6000 Blättern), nach welchen Kriterien ausgewählt wurde und was unter den nicht abgedruckten Zeichnungen noch zu finden ist (nur weitere Variationen bekannter Motive oder noch gänzlich neue Aspekte?)
– die Gemälde, insbesondere als Vergleich zu den dazugehörigen Skizzen – vom Umfang her wäre es kein Problem, da ohnehin nur 15 gesicherte Gemälde Leonardos erhalten sind
– Informationen darüber, ob bzw. inwiefern die auf den Zeichnungen dargestellten Erfindungen (v.a. Mechanik/Kriegsmaschinen) tatsächlich neuartige Innovationen, womöglich gar ihrer Zeit voraus, oder vielmehr Ausdruck eines etablierten Zeitgeistes waren (nebensächliche Erwähnungen, dass so manches davon schon zuvor bei anderen Künstlern der Renaissance belegt ist, füttern hier leider nur an, gehen aber kaum in die Tiefe)
All dies wäre zwar schön gewesen und hätte die Qualität des Buches meines Erachtens erhöht, dürfte sich aber auch mit einer gewissen Eigenrecherche ausgleichen lassen. Nichtsdestotrotz bleibt das Gesamturteil positiv – als Überblick über das zeichnerische Vermächtnis Leonardo da Vincis ist das vorliegende Buch mehr als geeignet.

Das Zeichen des Dunklen Gottes (Ulldart – Die Dunkle Zeit 3)

Fließend geht der zweite Teil der Ulldart Reihe von Markus Heitz in den dritten über, „Das Zeichen des Dunkle Gottes“. Nunmehr steht Ulldart am Rande des Abgrunds: Der mythische Kriegsfürst Sinured ist zurückgekehrt und hat sich scheinbar auf die Seite des Königs Lodrik geschlagen – der mittlerweile nicht mehr als sympathische Identifikationsfigur taugt, da er zunehmend unter dem Einfluss des geheimnisvollen Mortva Nesreca steht. Der Berater spielt ein ganz eigenes Spiel und treibt nicht nur den Krieg voran, sondern versucht auch Lodriks einstige Vertraute aus dem Weg zu räumen. Andere Reiche Ulldarts haben sich gegen die drohende Gefahr erhoben, doch ihre Aussichten sind zweifelhaft. Ist die Rückkehr der „Dunklen Zeit“ noch abwendbar?
Die Spannung, die schon im zweiten Band empor getrieben wurde, bleibt bestehen, während nun Ulldart auf sein Verderben zuzustreben droht. Der Fokus hat sich nun etwas von Lodrik weg verlagert, der nur noch als Marionette Mortvas agiert, alle guten Vorsätze der bisherigen Geschichte sind vergessen. Nebenschauplatz ist ein Krieg zwischen den südlichen Reichen Ulldarts, der jetzt in die entscheidende Phase geht. Trotz der zahlreichen Handlungsstränge jedoch ist das Buch erstaunlich kurzweilig (bei mir an rund zwei Tagen durchgelesen). Es bleibt nicht viel zu sagen als dass der dritte Band das Niveau der vorigen hält – genau genommen sind die Grenzen zwischen den Teilen so fließend, dass man sie nur schwerlich eigenständig betrachten kann. So bleiben am Ende nur die Erinnerung an ein gutes Lesevergnügen und die Lust auf den vierten Band.

Der Orden der Schwerter (Ulldart – Die Dunkle Zeit 2)

Der zweite Teil von Markus Heitz‘ Ulldart-Reihe, „Der Orden der Schwerter“, fängt da an, wo der erste aufhörte. Prinz Lodrik, nachdem er in Granburg Erfahrung im Regieren gesammelt hat, besteigt nun den Thron von Tarpol – und, wie könnte es anders sein, muss sich mit zahlreichen Problemen und Intrigen herumschlagen. Das Nachbarreich Borasgotan fällt in Tarpol ein und scheint weit überlegen, zugleich machen die zahlreichen Brojaken (Großbauern) Lodrik das Leben schwer. Schließlich bietet sich eine fatale Möglichkeit, seiner Probleme Herr zu werden…
Nachdem der erste Band noch eine ziemlich geradlinige Handlung hatte, wird der Blickwinkel in „Der Orden der Schwerter“ breiter. Heitz schafft es hervorragend, gleichzeitig ein Panorama der Politik der ulldartischen Reiche zu bieten und zugleich die altbekannten Hauptcharaktere weiter zu begleiten. Manchmal werden Veränderungen unerwartet schnell abgefrühstückt – anstatt sie szenisch aufzubauen -, doch stets bleibt der Weg der zunehmenden Eskalation gut nachvollziehbar. Zum Stil kann wenig gesagt werden – außer dass er gut ist und ein perfekt flüssiges Lesen garantiert. Etwas ungewohnt ist mithin die mitten im Text wechselnde Erzählperspektive, doch darauf hat man sich mit der Zeit eingestellt.
„Der Orden der Schwerter“ treibt das Schicksal Ulldarts – und damit die Spannung des Lesers – unermüdlich voran und macht Lust auf den nächsten Teil.

Antike Mythen in der Kunst

Seit Jahrtausenden beflügeln die Mythen der Griechen und Römer die Phantasie der Menschen – nicht zuletzt der Künstler. Einen Überblick über Adaptionen antiker Mythen in der – freilich nachantiken – Kunst bietet das Werk „Antike Mythen in der Kunst“ von Lars Olof Larsson, erschienen im Reclam-Verlag. 100 verschiedene Kunstwerke, hauptsächlich Gemälde, aber auch Skizzen und Skulpturen, stellt der Autor darin vor und erläutert knapp den dargestellten Mythos und die historischen Hintergründe. Auf der linken Seite findet man stets ein Bild des Kunstwerks, rechts den zugehörigen Text. Letzterer muss bei der Beschränkung auf eine Seite natürlich kurz und komprimiert sein; so bleibt oft nicht viel Platz etwa für die tiefergehende Interpretation oder die womöglich ideologischen Hintergründe. Auch die Bilder leiden natürlich unter der geringen Größe und dem Schwarzweiß-Abdruck, wodurch sich manchmal nicht alles perfekt erkennen lässt – doch es ist eben kein Bildband, sondern eine knappe Reclam-Einführung.
Auch aus dem Blick eines Menschen, der keine nennenswerte Ahnung von Kunstgeschichte hat, ist dieses Buch durchaus lesenswert und interessant. Man erfährt, welche Mythen im Besonderen eine Rezeption in der Nachantike erfuhren, wieso und wie dies dargestellt wurde. Manche Motive finden sich mehrfach und lassen sich daher umso besser im zeitgeschichtlichen Kontext vergleichen, etwa das Liebespaar Ares/Mars und Aphrodite/Venus in diversen Variationen. Erstaunlich ist etwa, wie sich die Darstellungsweisen im Laufe der Zeit ändern – von mittelalterlichen Gemälden, auf denen sich die Charaktere nicht ohne Weiteres als antike Götter erkennen lassen, bis zu jenen pathetischen Darstellungen der Renaissance und des Barock. Man mag sich fragen, weshalb sich ausgerechnet in diesem Buch nicht ein Kunstwerk aus der Antike selbst findet, doch ist dies anscheinend nicht das Thema. Dafür gibt es zu Anfang noch eine interessante Einführung in die allgemeine Rezeptionsgeschichte antiker Mythen vom Mittelalter bis zur Gegenwart.
All das ist letztlich schnell durchgelesen, weil wenig umfangreich. Doch im Endeffekt hat sich die Lektüre gelohnt – man ist um einige Eindrücke antikisierender Kunst reicher.

Am Anfang war dein Ende

Bei dem Roman „Am Anfang war dein Ende“ handelt es sich um den 23. Teil einer Krimi-Reihe der Autorin Faye Kellerman, wie ich nach Beendigung feststellen musste. Im Buch selbst findet sich nicht ein Hinweis auf vorhergegangene Bände; deren Existenz lässt sich einzig aus der offensichtlich schon langen Entwicklung der Hauptfiguren erschließen. Immerhin lässt sich das Buch problemlos eigenständig lesen und verstehen – auch wenn die Beziehung zwischen den Protagonisten vielleicht manchmal ein wenig seltsam anmuten mag.
Der Krimi beginnt damit, dass die Leiche eines jungen Mannes im Wald gefunden wird, erschossen. Die forensischen Untersuchungen deuten alle auf Selbstmord hin – doch schien der brillante Mathematik-Student Elijah Wolf zuvor keinesfalls depressiv, sondern hochmotiviert. Wie sich schnell herausstellt, war sein Arbeitsumfeld an der Universität alles andere als harmonisch, sondern vielmehr ein Pfuhl von Missgunst, Lügen und egoistischem Erfolgsstreben. Und schließlich kommt es zu einem zweiten Todesfall…
„Am Anfang war dein Ende“ ist ein denkbar konventioneller, systematischer Krimi. Nach und nach ergibt sich aus den Zeugenaussagen ein Bild des komplexen Beziehungsgeflechts an der Uni, wobei so ziemlich jeder etwas zu verbergen hat. Es dauert seine Zeit, bis die Handlung Fahrt aufnimmt und zu fesseln beginnt, zumal manche Erkenntnisse sich wiederholen und es lange keinen Hinweis auf Fremdverschulden bei der Tat gibt – so besteht die erste Hälfte des Romans gewissermaßen aus der Routinearbeit der Polizisten, einen offensichtlichen Selbstmord abzuwickeln. Der Schreibstil, obwohl nichts Konkretes daran auszusetzen, weiß nicht wirklich zu fesseln. Erst spät (ab ca. zwei Dritteln des Buches) baut sich eine gewisse Dynamik auf, als sich bei den Vernehmungen neue Erkenntnisse zu häufen beginnen. Schlussendlich zieht die Handlung noch einmal an und ergibt ein Ende mit einigermaßen unerwarteter Auflösung. Das Privatleben der Ermittler spielt eine recht wichtige Nebenrolle, bleibt aber ohne wirkliche Entwicklung  bei einem Status quo, der schon auf den ersten Seiten dargelegt worden war. Etwas unglaubwürdig wirkt die Zusammensetzung des Ermittlerteams – der Polizist Peter Decker lässt nicht nur seinen mittlerweile studierenden Ex-Partner McAdams mitermitteln, sondern nimmt sogar ganz selbstverständlich seine Frau zu manchen Zeugenvernehmungen mit! auch Sympathie wecken die Charaktere wenig – Decker wirkt spießig, seine so harmonische und liebevolle Ehe nervt; McAdams soll krampfhaft jung und locker wirken, bleibt dabei aber farblos. Immer wieder wird auch auf das Forschungsgebiet des Ermordeten in der Mathematik eingegangen – das ist nicht nur für Laien unverständlich, zudem wiederholen sich die Beschreibungen schier andauernd.
Letztlich ist „Am Anfang war dein Ende“ kein richtig schlechtes Buch – doch verzichtet es mit lange dahinplätschernden Ermittlungen und einem eher trockenen Stil darauf, den Leser mitzureißen; man könnte es gar als langweilig bezeichnen.