Buchrezensionen

Mythen und Sagen des Nordens

Das Buch „Mythen und Sagen des Nordens“ von Edmund Jacoby stellt verschiedene Mythen und Sagen des germanisch-keltisch-slawischen Kulturraumes vor, das dürfte aus dem Titel hinreichend hervorgehen. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf den Sagen, also den Erzählungen über Menschen, während die Mythen (Erzählungen über Götter) nur einen recht kleinen Teil einnehmen und mehr dazu da sind, die Hintergründe der Sagen verständlich zu machen. Jeder dürfte schon einmal von Siegfried, Beowulf oder König Artus gehört haben – aber wie steht es mit Cú Chullain, Dietrich von Bern oder Walther und Hildegunde? Allerlei Sagenkreise des europäischen Mittelalters werden in dem Buch behandelt, wobei insbesondere die weitverzweigten Verbindungen sichtbar werden – etwa dass das Nibelungenlied neben der Siegfriedsage auch an Dietrich von Bern oder Wieland den Schmied anknüpft, zwei ebenfalls bedeutsame, aber eigentlich eigenständige Sagenhelden.
Freilich finden sich sicher viele Werke, die auf mehr oder minder unterhaltsame Weise reihenweise alte Sagen nacherzählen. „Mythen und Sagen des Nordens“ sticht aus diesen jedoch durch einen Aspekt heraus: Ein hoher Stellenwert wird hier den Quellen und der Überlieferungsgeschichte eingeräumt, im Klartext also: Aus welchen Quellen speist sich die Sage? Wann ist der Stoff erstmals belegt? Und welche historischen Personen und Ereignisse standen dafür Pate? Ein ganz neuer Blick auf manche Überlieferung offenbart sich durch Analyse der Ursprünge, etwa wenn Motive deutlich auf Mythen der klassischen Antike zurückgehen oder sich deutlich historische und/oder propagandistische Grundlagen ausfindig machen lassen. Gerade die Pluralität der zugrundeliegenden Quellen wird sonst gerne ignoriert, hier aber differenziert kenntlich gemacht. So mag wohl jedem der Name Artus etwa sagen, doch wer ist sich der genauen Verwicklungen der zahlreichen Figuren dieses so umfangreichen Sagenzyklus bewusst, die in modernen Adaptionen (etwa Filmen) bestenfalls rudimentär wiedergegeben werden? Zudem bietet das Ende eines jeden Kapitels noch Empfehlungen in Sachen Literatur (neben allgemeinen Werken auch Editionen der Originaltexte) und anderen Medien für jeden, der sich näher damit auseinandersetzen will. Reich illustriert mit Bildern aus allen Zeiten (von Mittelalter bis Renaissance und moderner Film) ist das Buch außerdem. Einziger Kritikpunkt ist, dass sich oft Informationen wiederholen und etwa in den Kapiteln ebenso wie auf den weiterführenden Infoseiten zu finden sind.
Doch letztlich ist „Mythen und Sagen des Nordens“ ein nur allzu empfehlenswertes Buch. Es ist auf der einen Seite ein leicht verständlicher Überblick über bekannte und unbekannte Sagen, zugleich aber auch ein quellenkritisches Werk mit vielen Hintergrundinformationen.

Hohle Köpfe

„Hohle Köpfe“ war mein erster Roman des berühmten Fantasy-Autors Terry Pratchett.
Obwohl vom Setting her eindeutig Fantasy – es gibt Zwerge, Trolle, Vampire etc. – ist die Handlung doch vielmehr die eines Krimis, natürlich durchsetzt mit humoristisch-grotesken Elementen. In der Stadt Ankh-Morpork werden auf einmal mehrere alte Männer ermordet, anscheinend von einem Golem. Doch was steckt dahinter? Und was haben ein Giftattentat auf den Regenten und die Gerüchte um die adlige Abstammung eines einfachen Wachmanns damit zu tun? Sir Samuel Mumm und die von ihm angeführte Stadtwache versuchen dem auf den Grund zu gehen…
Zunächst ist das Buch mit den zahlreichen Figuren und Handlungselementen ziemlich unübersichtlich; erst nach etwas über 100 Seiten kristallisiert sich eine klare Handlung heraus – nachdem es zunächst anstrengend zu lesen war, wird es dann erträglicher. Was die Spannung angeht, ist der Roman eher mittelmäßig – die Priorität wird vielmehr auf den Humor gelegt. Und der ist … genau richtig, ebenfalls mittelmäßig. Es gibt durchaus hin und wieder einen amüsanten Einfall, der einen zum Schmunzeln bringt, doch die Mehrzahl der Gags bleibt auf einem Niveau irgendwo zwischen trivial und peinlich. Immerhin nicht vulgär zwar, aber doch nur selten lustig. Manches wirkt geradezu zu billig, etwa die Benennung mancher Charaktere. Ist ein Zwerg mit dem Namen Grinsi Kleinpo lustig? Das mag jeder Leser für sich entscheiden.
Jedenfalls bringt „Hohle Köpfe“, wenn auch keine komplette Enttäuschung, doch nichts wirklich Herausragendes mit sich. Eine langsame, kaum in Gang kommende Handlung, einigermaßen gut gezeichnete Charaktere und ein nur unregelmäßig zündender Humor machen das Buch zu einem soliden 3-Sterne-Werk: Keine Schande, aber doch eben nur mittelmäßig. Kein hinreichender Beleg jedenfalls für die so große Popularität des Autors.

Die Religionsstifter

Über Thema und Motivation des Sachbuches „Die Religionsstifter: Leben und Lehren“ von Walter Vogel (in der Reihe marixwissen) muss wohl nicht viel gesagt werden – es behandelt, stellen Sie sich vor, Leben und Lehren der Religionsstifter. Das sind im Einzelnen: Mose, Buddha, Jesus und Mohammed als Begründer der Weltreligionen sowie in kürzeren Kapiteln Echnaton (ägyptischer Aton-Monotheismus), Zarathustra (Zoroastrismus), Mahavira (Jainismus), Konfuzius (Konfuzianismus), Laozi (Taoismus), Mani (Manichäismus), Guru Nanak (Sikhismus) und Baha’ullah (Baha’i).
Auf 192 Seiten kann man natürlich nicht mehr erwarten als einen oberflächlichen Abriss der Biografien und Lehren eben genannter Gestalten – doch das gelingt recht gut. Das Buch ist sehr systematisch und übersichtlich, nichtsdestotrotz aber flüssig konstruiert. In der Tat ist der Schreibstil eher schlicht, damit massentauglich, und die Informationen gehen selten in die Tiefe. Kurz und prägnant werden stattdessen die relevanten Fakten dargelegt, historisch fragwürdige Überlieferungen zudem diskutiert. Bei Mose gelingt dies  nur mäßig gut, geht doch die durchaus sachliche Erörterung weitgehend von der Hypothese aus, jener habe tatsächlich gelebt und der Exodus wirklich stattgefunden. Hierbei kommt die nur allzu berechtigte Möglichkeit zu kurz, Mose samt seiner Geschichte könne schlicht und einfach in Mythos sein. Auch werden die unschönen Aspekte der biblischen Überlieferung (etwa die zahlreichen Völkermorde auf Veranlassung Mosis) in klassisch christlicher Manier (der Autor ist Theologe) ausgespart. Bei Jesus hingegen gelingt eine ziemlich gute und empirische Gegenüberstellung von Mythos und Wissenschaft, auch wenn seine Lehre wie immer auf den Aspekt der Nächstenliebe verkürzt wird (und z.B. die fanatischen Höllendrohungen des Neuen Testaments dezent ignoriert werden). Insofern zeigt sich auch inhaltlich eine gewisse Oberflächlichkeit des Autors, der (zumindest bei diesen beiden) mehr um die Zusammenfassung des populär etablierten Bildes als um eine schriftgetreue Darstellung bemüht ist. Bei den übrigen Propheten mag es ähnlich sein, doch fehlt mir das Vorwissen für eine nähere Beurteilung. Bei jenen bleibt der Eindruck des Buches durchweg positiv: Eine knappe, auf das wichtige beschränkte Darstellung mehrerer Gestalten, von denen man zuvor kaum etwas wusste. Insofern dürfte das Buch für alle religionshistorischen Laien unter den Lesern wirklich bereichernd sein, gibt es doch einen für das Allgemeinwissen hinreichenden Eindruck gleich mehrerer wichtiger Persönlichkeiten. Allerdings hätte der Aspekt der jeweils begründeten Lehren bei den späteren Propheten gerne ausführlicher sein können; hier ist das Buch meines Erachtens etwas zu viel verkürzt. Allerdings bietet der Anhang Hinweise auf weiterführende Literatur zu jeder der zuvor behandelten Gestalten.

Im Fazit also: Eine im großen und ganzen gelungene Darstellung von Leben und Lehren der wichtigen Religionsgründer der Geschichte, gemacht für Laien, denen es entweder ein solides Allgemeinwissen oder den Grundstock für eine nähere Beschäftigung verschafft. Bei Mose und Jesus jedoch sollte man es differenzierter betrachten; hier dürfte eine Lektüre der zugrundeliegenden Bibelbücher ratsam sein.

Zwischen Koran und Kafka

Schon die Grundvoraussetzungen des Buches „Zwischen Koran und Kafka: West-östliche Erkundungen“ lassen auf ein interessantes, ja bedeutsames Werk hoffen: Der Autor, Navid Kermani, ist Deutsch-Iraner und versiert in der Geschichte beider (und nicht nur dieser) Kulturen; nun schreibt er über Literatur. Deutsche Literatur vor allem, mit dem Schwerpunkt auf Zusammenhängen und Parallelen dieser mit der orientalischen Kultur. Fünfzehn Kapitel – oder vielmehr selbstständige Aufsätze – sind es, in denen allerlei Facetten der Literaturgeschichte aufgezeigt und in neue Kontexte gestellt werden. Es geht um Goethe, Lessing und Wagner ebenso wie um den Koran, das schiitische Passionsspiel oder die moderne iranische, eben nicht islamische Literatur von Hedayat. Tatsächlich ist eben genanntes Leitthema nicht durchgehend präsent; es wäre sogar zu weit gegangen, von einem homogenen Werk zu sprechen, sind doch manche Kapitel ursprünglich etwa Reden zu bestimmten Anlässen – doch reihen sich auch und insbesondere diese hervorragend in das Gesamtwerk ein.
Auffallend ist der Sprachstil des Buches: Es ist nicht der nüchtern-sachliche Stil der meisten anderen Sachbücher, sondern ein nur allzu literarischer, mithin poetischer. Wie jedes Werk lässt sich auch „Zwischen Koran und Kafka“ nur verstehen und bewerten, wenn man dessen Grundphilosophie, dessen Anspruch an sich selbst erkennt. Es will ganz offenkundig keine Wissenschaft sein und würde an deren Maßstäben auch hoffnungslos scheitern, ist das Werk doch, wenn auch voller Informationen, so doch durchweg subjektiv und emotional. Wertungen sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel, persönliche Anekdoten des Autors ebenso zu finden wie Exkurse ins Seelenleben der besprochenen Autoren. Es sind eben Essays (oder Reden), die weniger konkretes Wissen darlegen oder zu einer Schlussfolgerung gelangen wollen, als vielmehr Themen subjektiv und in neuen Facetten beleuchten, geführt nicht von Dramaturgie oder wissenschaftlicher Methodik, sondern abschweifend, sich von den Gedanken des Autors treiben lassend.
Dieser Stil bringt unweigerlich mit sich, dass man mit dem Autor mal einverstanden, mal weniger einverstanden ist, ihn mal bewundert, sich ein anderes Mal über ihn aufregt. Da sind auf der einen Seite etwa intelligente Gedanken zum Thema Nationalismus, von Lessing bis zum NSU, zu nationaler Identität gerade deutscher Kultur, oder auch die schonungslos realistische Schilderung der afrikanischen Flüchtlingsbewegung – Kapitel, bei denen nicht nur die konkreten Informationen, sondern ebenso die Gedankengänge den Leser bereichern. Auf der anderen Seite zeigt sich, wenn es um Religion geht, neben beträchtlicher Bildung auch eine gewisse Verblendung. Es geht nicht im Entferntesten darum, dem Muslim Navid Kermani seine Interpretation des Islams, nämlich eine individuelle, friedliche und metaphorische, mithin pantheistische, fast mystische, vorzuhalten und dem die These von der grundsätzlich gewalttätigen und faschistischen Orientierung der Religion, sprich dem Fundamentalismus als „wahrem Islam“, entgegenzusetzen, wie sie im Westen und auch im Islam selbst weit verbreitet ist. Es ist unmöglich, eine von beiden Interpretationen empirisch als die „richtige“ oder „wesenhaft islamische“ zu identifizieren – sehr wohl aber kann man Kermani dafür kritisieren, dass er in seiner lobenswert humanistischen Orientierung die seine als ebensolche darstellt, ohne die unbestreitbare Pluralität der Islambilder zu beachten. Ebenso ist auch die Einstellung zum Christentum nur allzu positiv, ja naiv, wird doch die Bibel (nicht die wie auch immer definierten „christlichen Werte“, nein die konkrete Bibel) als Fundament des westlichen Humanismus dargestellt, wo diese ihm doch faktisch eher entgegensteht. Hier zeigt sich im Fazit der größte Kritikpunkt an dem Werk bzw. der dahinterstehenden Geisteshaltung des Autors: Nicht nur sind viele Gedanken des Buches subjektiv – das ist nicht nur Recht, sondern gerade Pflicht im Rahmen der zugrundeliegenden Literaturgattung – sondern mehr noch, das Subjektive wird oft genug gleichgesetzt mit absoluter Wahrheit. Das zeigt sich nicht nur in kontroversen Bereichen wie der Religion, sondern ebenso sehr beim Urteil über deutsche Theaterkultur und die Nachkriegsliteratur.
Doch auch dieser Kritikpunkt kann eine grundsätzlich positive Wertung des Werkes nicht verhindern: Nicht nur ist der bloße Stil Literatur in Höchstform, zudem bildet das Buch über so viele Ausschnitte deutscher und morgenländischer Kultur, regt nicht zuletzt immer wieder zum Nachdenken an. Ein Werk, zutiefst subjektiv und normativ, das aber nichtsdestotrotz einen wertvollen Beitrag zur kulturellen und vor allem interkulturellen Bildung leisten kann.

Das Gewölbe des Himmels 1: Der Vergessene

„Das Gewölbe des Himmels: Der Vergessene“ ist der erste Band der gleichnamigen Fantasy-Romanreihe von Peter Orullian. Allein dies lässt natürlich schon erwarten, dass die Geschichte nicht zu einem Ende kommt, wobei man dann auch nicht enttäuscht wird. Und sonst so?
Hauptfigur des Romans ist der junge Tahn Junell, der – wo auch sonst? – in einem kleinen Dorf am Ende der Welt lebt, dem Helligtal. Dann aber bricht das Böse in seine heile Welt ein: Ein Bar’dyn (so etwas ähnliches wie ein Ork, nur stärker) verschleppt das neugeborene Baby seiner Schwester Wendra, Tahn kann ihn nicht aufhalten. Wenig später erschient der Sheson (eine Art esoterischer Zauberer) Vendanji samt Begleitung im Ort und nimmt Tahn, Wendra sowie dessen Freund Sutter mit auf eine weite Reise, auf der natürlich allerlei Gefahren auf sie warten.

Unübersehbar ist schon hierbei die Aneinanderreihung von Fantasy-Klischees, allen voran der Archetyp der „Heldenreise“ – doch leider schafft es der Autor nicht, aus diesen etablierten Versatzstücken einen allzu guten Roman zu machen. Zunächst einmal fehlt weitgehend ein roter Faden; der Großteil der Ereignisse besitzt keine wirkliche Relevanz für den (bisher nur zu erahnenden) Hauptkonflikt. Die Protagonisten reisen eben durch die Lande, treffen auf mancherlei Gestalten und werden in regelmäßigen Abständen von den bösen Bar’dyn angegriffen. Das Böse ist in dieser Welt archetypisch, personifiziert durch den verbannten Gott Quietus und dessen Brut – ohne nähere Motive und Tiefe, sondern einfach nur böse. Immer wieder verliert sich die Handlung in (meines Erachtens) Nebensächlichkeiten. Die Geschichte der Welt wird durch regelmäßiges Info-Dumping geschildert, ohne dass in diesem ersten Band ein direkter Bezug zu den Protagonisten vorhanden wäre. Doch eine wirklich atmosphärische historische Tiefe bewirkt das leider auch nicht; die Historie bleibt recht abstrakt. Da helfen auch die unzähligen, mithin unnötigen Fantasy-Begriffe nicht, die man sich kaum wird merken können (und das sage ich hiermit zum ersten Mal über einen Fantasy-Roman, ich kann es selbst kaum fassen!). Trotz der mithin absatz- oder seitenlangen Erläuterungen schafft es der Mystiker aus Berufung Vendanji dennoch, den anderen andauernd relevantes Wissen vorzuenthalten, weil die Floskel „zu einem späteren Zeitpunkt“ ja schließlich ein Zeichen beträchtlicher Weisheit ist. Überhaupt (und dies ist eine vollkommen subjektive Betrachtung) wirken die Mitglieder der Heldengruppe allesamt nicht sonderlich sympathisch, geschweige denn zur Identifikation einladend, vielmehr recht eindimensional in ihren jeweiligen Eigenheiten. Bis zum Ende weiß man nicht wirklich, wieso die Protagonisten Vendanji folgen und was überhaupt ihr Ziel ist; vielmehr scheinen klassische Genre-Topoi Begründung genug zu sein. Tahn jedenfalls ist irgendwie wichtig (wie grundsätzlich jeder unbedeutende junge Mann, der in einem kleinen Dorf von einem Zauberer aufgelesen wird), wieso oder inwiefern erfahren wir noch nicht.

Doch das Hauptproblem ist und bleibt die Dramaturgie: Sie existiert nicht wirklich. Der gesamte erste Band umfasst letztlich nur ein kleines Stück Handlung, aufgebläht auf über 600 Seiten. Das ist zwar nicht unbedingt zäh, sondern recht flüssig zu lesen, aber Spannung kommt nicht wirklich auf. Am Ende bricht das Buch so abrupt ab, dass es direkt mit dem zweiten Band weitergehen kann, ohne dass es eine Zäsur der Handlung (oder gar einen Höhepunkt!) gegeben hätte.
Was lässt sich Positives über das Buch sagen? Eigentlich bleibt da nur die gewisse Mindestqualität, die ein jedes Buch aus einem großen Publikumsverlag aufweist. Es ist nun auch nicht wirklich so, dass Peter Orullian irgendeine innovative Neuerfindung in seine Welt eingebunden hätte – nein, im Wesentlichen handelt es sich bei allem um Variationen etablierter Stereotype.

Im Fazit also: „Das Gewölbe des Himmels“ versucht, Mainstream-Fantasy zu sein, scheitert aber am Fehlen einer Dramaturgie oder anderen Handlungselementen, die ein Weiterlesen befeuern würden. Mag sein, dass das all das eben Genannte Vorbereitung ist auf die viel brillanteren Fortsetzungen. Doch Band 1 gibt keinerlei Motivation, sich mit diesen auseinanderzusetzen.

Providence: Bd. 1

Comic-Legende Alan Moore interpretiert Horror-Altmeister H. P. Lovecraft. Das weckt unweigerlich hohe Erwartungen. Laut Klappentext wird die neue Comic-Reihe „Providence“ sogar schon als „Watchmen des Horrors“ gefeiert.
Die Handlung ist relativ simpel: Der Journalist Robert Black hört von einem mysteriösen Buch, das ein Araber im 8. Jhd. über Alchemie schrieb (nein, nicht das Necronomicon, sondern nur daran angelehnt). Er versucht, die angebliche englische Übersetzung des Werkes zu finden, und begegnet auf seinem Weg durch New York und Neuengland nacheinander verschiedenen skurrilen Charakteren. Vier Abschnitte umfasst der erste Band, jeder angelehnt an eine Geschichte Lovecrafts. Dazwischen finden sich umfangreiche Textpassagen mit Tagebucheinträgen des Protagonisten, die aber wenig zur Handlung beitragen (neben Ideen zu eigenen literarischen Kompositionen rekapituliert Black vor allem das, was man gerade gesehen hat) und wegen der Pseudo-Schreibschrift anstrengend zu lesen sind.
Was ein gewaltiges Potenzial hätte, scheitert zumindest in Bezug auf den Unterhaltungswert. Wirkliche Spannung kommt nicht auf, die Handlung ist ziemlich dünn. Das Grauen in Alan Moores Werk ist subtil – ein Euphemismus dafür, dass keine der Szenen bis zur Auflösung bzw. Offenbarung des übernatürlichen Phänomens weitergesponnen, sondern stets vorher abgebrochen wird, um den Protagonisten zur nächsten Station zu schicken. Wer die zugrundeliegenden Lovecraft-Geschichten (etwa „Schatten über Innsmouth“ und „Das Grauen von Dunwich“) kennt, der weiß, worum es geht und worauf angespielt wird. Nicht-Lovecraft-Kenner dürften indes ziemlich ratlos vor dem Werk sitzen und sich fragen, wann es denn endlich losgeht. In der Tat liest sich das Werk wie eine Aneinanderreihung mehrerer Einleitungen vielversprechender Horrorgeschichten, mehr aber auch nicht. Hier offenbart sich ein nur allzu künstlerisches und innovatives Motiv, das der Protagonist im letzten seiner Tagebuchexkurse sogar indirekt auf den Punkt bringt: Im Gegensatz zu allen klassischen Horror- und Mystery-Geschichten geht der Protagonist eben nicht jeder Spur nach und deckt letztendlich das Grauen auf, sondern lässt die Anfangssituation so stehen und zieht weiter. Er wundert sich zwar, erklärt aber durchgehend bis zum Schluss alles nach seinem ursprünglichen Weltbild. Das ist natürlich eine interessante Idee und musste einmal ausprobiert werden – doch die mithin unrealistische Neugier aller klassischen Protagonisten kommt wohl nicht von ungefähr, bleibt bei Moores Ansatz doch jegliche Spannung aus. Natürlich kann man noch vielerlei andere Konzepte in das Werk hineininterpretieren – zweifellos hat der Autor sich auch so manches dabei gedacht. Hier aber sollen solch Interpretationen nicht über den Kern einer Bewertung hinwegtäuschen: Bis auf den angegebenen Aspekt des „hypersubtilen“ Horrors fügt Moore dem Lovecraft-Erbe nicht wirklich etwas hinzu, sondern kaut im Wesentlichen die Ideen des Altmeisters von neuem durch (ohne die letztendlichen Pointen). Es fehlt am Ende ein (zumindest vorläufiger) Abschluss der Geschichte; stattdessen kann man sich vorstellen, dass es endlos so weitergeht. Ohne Spannung, ohne wirklichen Horror, ohne Dramaturgie oder Pointen… Letztlich nur eine Reihe von Dialogen mit ziemlich geringem Gehalt, im Fluss noch behindert durch die seitenlangen, anstrengend zu lesenden Tagebuchpassagen. Durch die latente Homosexualität des Protagonisten und seine jüdische Abstammung soll diesem wohl Tiefe verliehen werden – doch diese und die Story laufen aneinander vorbei; es findet kein Dialog zwischen beiden Motiven statt: In den storyrelevanten Szenen, wenn man überhaupt davon reden kann, erscheint Black nur als farbloser Beobachter. Laut Rückseite des Comics ist das Werk ab 18 Jahren empfohlen, was aber wohl nichts mit Horror, sondern vielmehr mit ein paar Nacktszenen zu tun haben dürfte.
Die so angepriesene „Dekonstruktion“ Lovecrafts sehe ich nicht, nur eine weitere Hommage, die nicht eine der besten unter den so vielen ist. Hier bleibt Alan Moore sowohl hinter seinen eigenen Möglichkeiten als auch hinter der literarischen Vorlage zurück. Einzig Zeichner Jacen Burrows hat einen guten Job gemacht. Wer immer „Providence“ als „Watchmen des Horrors“ feiert – ich bin es nicht.

Des Teufels Gebetbuch

„Des Teufels Gebetbuch“ – das ist nicht nur eine alte, abwertende Bezeichnung der Christen für das Kartenspiel, sondern auch der Titel des neuesten Romans von Markus Heitz. Und wie schon angedeutet, geht es darin im Karten.
Tadeus Boch ist ein ehemaliger Profispieler, infolge seiner Spielzucht und Drogenexzesse jedoch verarmt und immer auf der Hut, nicht wieder mit dem Spielen anzufangen. Dann aber wird er in einen Konflikt hineingezogen, der sich anscheinend um ein unbekanntes Spiel mit dem Namen Superieur dreht. Infolge eines für manche tödlichen Treffens fällt ihm eine Karte in die Hände, deren mysteriöse Ausstrahlung ihn sofort in ihren Bann zieht. Diese gehört zu einem ganzen Deck, für das mehrere Fraktionen liebend gerne über Leichen gehen…
Tatsächlich ist der Roman von 672 Seiten weniger Fantasy, als vielmehr ein spannender Thriller mit übernatürlichen Elementen. Einmal mehr schafft es der Autor, den Leser einfach beeindruckend effektiv zu fesseln – selbst schon am Anfang, bevor die eigentliche Handlung sich abzeichnet. Auf lange Überleitungen wird verzichtet, stattdessen geht es in mehreren Handlungssträngen von Szene zu Szene, ohne dass die Spannung bzw. Unterhaltung jemals abreißen würde. Hinzu kommt ein historischer Handlungsstrang in der Vergangenheit um die Entstehung des numinosen Kartenspiels m 18. Jahrhundert – ebenso wie der Rest pointiert, spannend und niemals langweilig. Besonders gut gemacht und authentisch finde ich die emotionale Entwicklung des Protagonisten Tadeus, der selbst immer mehr der magischen Karte verfällt, bis die Grenze zwischen Gut und Böse verwischt. Abgerundet wird das Werk durch einen umfangreichen Anhang, der sachlich und gut verständlich die historische Entwicklung des Kartenspiels darlegt – Ergebnis der umfangreichen Recherchen des Autors. So hat das Buch sogar noch einen informativen Charakter.
Letztlich lässt sich nicht viel mehr sagen, als dass „Des Teufels Gebetbuch“ ein hervorragender Roman ist, wie (bisher) immer bei Heitz spannend, flüssig und innovativ.

Imagon

„Imagon“ von Michael Marrak ist eine weitere Hommage an H. P. Lovecraft und seinen Mythos um die „Großen Alten“ etc. Im Zentrum steht der Wissenschaftler Poul Silis, der zu einem erstaunlichen Fund nach Grönland beordert wird. Dort nämlich ist auf unerklärte Weise ein riesiger Krater in das ewige Eis geschmolzen, unter dem die Reste einer vorzeitlichen Ruinenstadt sichtbar werden. Und wie zu erwarten, ist dort unten nicht alles so tot, wie es sein sollte – ein mysteriöses Virus wird freigesetzt, zugleich scheint dort unten etwas Uraltes, Fremdartiges zu schlafen… Und wie passt eigentlich Pouls jüngst verstorbene Freundin Nauna ins Bild, die irgendwie etwas damit zu tun haben muss?
Die Ausgangsprämisse ist die gleiche wie in so manchen Werken, die sich von H. P. Lovecrafts Novelle „Berge des Wahnsinns“ inspirieren lassen. Letztendlich aber nimmt die Handlung hier noch einen ganz anderen, unerwarteten Verlauf. Obwohl zweifellos von Lovecraft inspiriert – es werden sogar die „Shogghoten“ übernommen – entwickelt Marrak eine eigene Kosmologie voller urzeitlicher, extraterrestrischer Gottheiten. Dargestellt wird diese maßgeblich durch (scheinbare) Überlieferungen der Inuit, wobei zum Teil auch Verbindungen zu anderen alten Kulturen gezogen werden (natürlich müssen auch mal wieder die Sumerer hinhalten, obwohl das Beschriebene tatsächlich nicht das Geringste mit sumerischer Mythologie zu tun hat). Das ist manchmal recht verwirrend, aber auch faszinierend.
Doch trotz bewährter Thematik kommt letztlich ein eher mittelmäßiger Roman dabei heraus. Weite Teile von „Imagon“ sind ziemlich langatmig – es dauert etwa bis zur Hälfte des Wälzers von 570 Seiten, bis erstmalig wirklich Spannung aufkommt. Vieles ist sehr in die Länge gezogen und mit teils unnötigen Details überfrachtet, die leider keine solche Atmosphäre erzeugen können wir bei Lovecraft, sondern im Gegenteil ein tieferes Eintauchen eher verhindern. Der subtile Schrecken, der den klassischen Cthulhu-Mythos ausmacht, ja eigentlich jeder Horror, fehlt. Gerade im ersten Teil nimmt das Seelenleben des Protagonisten einen zu großen Stellenwert ein, während das eigentlich Interessante – der vorzeitliche „Tempel“ – ziemlich nebensächlich bleibt. Später wird es dann besser; die Geheimnisse werden nach und nach gelüftet. Das Ende schließlich ist recht unspektakulär und ohne wirklichen Höhepunkt.
Der Roman ist letztlich nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut, weil wenig spannend und unterhaltsam – kein Vergleich zu Lovecrafts Original. Eine weitere, mehr empfehlenswerte Adaption der Thematik stellt etwa „Frozen – Tod im Eis“ von Jens Schumacher dar. Man bereut zwar nicht, „Imagon“ gekauft und gelesen zu haben, doch eine wirkliche Bereicherung ist es nicht.

Batman: Killing Joke

„The Killing Joke“ gilt als eine der berühmtesten, brillantesten und richtungsweisendsten Geschichten in der Historie der Batman-Comics – getextet von Comic-Legende Alan Moore („Watchmen“), gezeichnet von dem zweifellos talentierten Brian Bolland. Die Handlung, ohne zu viel zu verraten, ist dieselbe wie in unzähligen anderen Comics und Filmen um DCs beliebten Helden Batman: Der Joker ist mal wieder auf freiem Fuß und will seinen alten Erzfeind fertigmachen, diesmal mit einem denkbar perfiden Plan, der auf psychologischen Terror setzt. Parallel wird die bzw. eine mögliche Vorgeschichte des altbekannten Superschurken im Clownskostüm erzählt.
Was ist dran an den zahlreichen so rühmenden Stimmen über den Comic? Zunächst einmal ist die Geschichte denkbar kurz, nämlich 48 Seiten. Meines Erachtens hätte die Handlung mehr Wirkung entfaltet, wäre sie auf den doppelten oder dreifachen Umfang ausgedehnt worden. So aber wurden manche brillante Gedanken nur angeschnitten, obwohl man sie zweifellos noch tiefer hätte ausführen können, vor allem der psychologische Konflikt zwischen den Kontrahenten sowie das Vorgehen des Jokers mit dem gefangenen Jim Gordon. Doch das, was geboten wird, hat es in sich: Diese 48 Seiten sind großartig inszeniert und enthalten manch wirkungsvolle Szene, die absolut in Erinnerung bleibt (zumal der Comic weit ernster ist als der Großteil dieses Genres). Das Ende mag vielleicht nicht für jeden befriedigend sein, aber es regt zu Interpretationen ein – immerhin gibt es noch einen passenden Witz.
Auf jeden Fall muss auf die aktuellen Ausgaben von „The Killing Joke“ eingegangen werden. Es existieren nämlich mehrere, die zwar zum Verwechseln ähnlich, doch nicht identisch sind. Die eine, erschienen 2008, enthält neben der Titelgeschichte noch mehrere weitere Kurzgeschichten, nämlich Brian Bollands „Ein ganz normaler Typ“, die Batman/Clayface-Geschichte „Tödliche Liebe“ und die allererste Joker-Geschichte von 1940. Es existiert zudem eine teurere Hardcover-Ausgabe desselben Inhalts, die zudem die Blu-ray der Zeichentrickverfilmung von „The Killing Joke“ beinhaltet. Die Ausgabe von 2017 indes, deren Cover mit der anderen Fassung nahezu identisch ist, enthält zwar auch „Ein ganz normaler Typ“, anstatt der anderen Geschichten jedoch eine Galerie von diversen Coverbildern aus der Hand von Brian Bolland. Die in beiden enthaltene Zusatzgeschichte ist unterhaltsam, interessant und großartig gezeichnet, aber sehr kurz – über „Tödliche Liebe“ und die alte Joker-Geschichte kann ich nicht urteilen, da sie in meiner Ausgabe fehlen.
All diese Ausgaben enthalten eine neue Kolorierung des Zeichners, die allgemein düsterer ist als die ursprüngliche in früheren Ausgaben. Meines Erachtens sind diese sowie allgemein die Zeichenqualität, ebenso auch die handwerkliche Verarbeitung (Papier, Farbe, Textkästchen) so gut, wie man es sich bei einem Comic nur wünschen kann, also allererste Sahne. Besonders bei der Bildergalerie in der neueren Ausgabe ist das natürlich wünschenswert.
Letztlich ist es in der Tat eine Geschichte, die in ihrer Qualität heraussticht, was sich in der bildlichen Inszenierung und den Thematiken bemerkbar macht – doch schade ist die Kürze, hier scheint manch Potenzial ungenutzt zu bleiben. Eine gute Geschichte, doch ob nun die beste, ist eine subjektive Angelegenheit. An der Aufmachung jedenfalls wird der Comic nicht scheitern, wobei man sich natürlich über die verschiedenen Ausgaben informieren und entsprechend wählen sollte.