Buchrezensionen

Der Untergang von Eden

Ich konnte es selbst kaum glauben, doch es ist mir gelungen, im Internet ein Exemplar des seit langem ausverkauften und meist aberwitzig teuer gehandelten Buches „Der Untergang von Eden“ zu ergattern. Bei dieser auf 500 Exemplare limitierten und von Autor, Herausgeber und Illustrator signierten Sammlerausgabe handelt es sich um eine Sammlung von fünf Kurzgeschichten nebst mehreren Sonetten des Autors S. P. Somtow.
Maria erzählt Paulus vom Leben ihres Sohnes Jesus, das so gar nicht den Vorstellungen des späteren Christentum entsprach. Ein Junge verliebt sich in eine Mutantin und will sie durch eine Operation heilen. Vor Gericht wird ein Vampirkult erörtert. Ein alter Mann erzählt von seinen Kindheitserlebnissen mit dem Serienmörder Si Ui. Und dann noch einmal Jesus, wobei nun seine Freundschaft zu einem Vampir im Mittelpunkt steht. Soweit die Handlungen der Stories: drastisch, mithin erotisch bis obszön – aber vor allem grotesk und auf erstaunliche Weise innovativ. Themen, die aus dem Mainstream herausstechen und die Somtow faszinierend inszeniert – sei es die grotesk-absurde, recht lustige Vorladung eines Vampirs vor Gericht oder die tragische, ja irgendwie fast sympathische Charakterisierung des Kindermörders Si Ui, eingebettet in das dramatische historische Setting in China und Thailand kurz nach dem 2. Weltkrieg. Unterhaltsam geschrieben sind die Geschichten noch dazu, sodass es eigentlich gar nichts an ihnen auszusetzen gibt.
Für die deutsche Sammlerausgabe wurde dem Kurzgeschichtenband zudem eine Sammlung von Sonetten angefügt – die einen über Serienmörder, die anderen Satire der amerikanischen Politik. Diese sind nur auf Englisch abgedruckt – eine Übersetzung ist bei Gedichten ja oft genug problematisch. Letztendlich konnte ich mit diesen jedoch aufgrund des mangelnden Verständnisses (und einer allgemein unlyrischen Veranlagung?) nicht allzu viel anfangen.
Recht schnell ist das Werk von rund 250 Seiten durchgelesen – doch es lohnte sich. Faszinierende Geschichten eines wahren Genies … nun ja, und Sonette.

Demon Road 2: Höllennacht in Desolation Hill

Nachdem Derek Landy in „Demon Road – Hölle und Highway“ die jugendliche Dämonin Amber Lamont auf einen aberwitzigen Roadtrip durch die halben USA führte, schlägt er nun in der Fortsetzung „Höllennacht in Desolation Hill“ eine etwas andere Richtung ein. Diesmal ist der Raum der Handlung begrenzt auf die einsame Stadt Desolation Hill in Alaska, in der sich Amber vor dem Leuchtenden Dämon und seinen Lakaien zu verstecken versucht. Doch das Buch wäre ja auch schrecklich unspektakulär, wenn dieser Ort nicht noch seine ganz eigenen Probleme mit sich bringen würde…
Grundsätzlich kann man schon sagen, dass das Niveau des ersten Teils gehalten wird. Es gibt in der ersten Hälfte ein paar Längen, doch auch die lesen sich noch flüssig von der Hand. Wieder gibt es so einige neue Figuren und Handlungselemente, doch nicht so viele mehr oder minder unabhängige Episoden wie im ersten Band – nicht nur die räumliche Verortung, sondern auch die Handlung ist hier dichter und zusammenhängender. Man kann jedoch nicht sagen, dass das den Unterhaltungswert insgesamt positiv oder negativ tangiert. Letztlich fließt alles zu einem dynamischen Finale mit recht folgerichtigem, aber trotzdem unerwarteten Ausgang hin. Mit Action bis hin zum Splatter wird erneut nicht gegeizt, ebenso wenig mit dem für Derek Landy typischen trockenen Humor.
So ist letztlich der zweite Band in manchen Belangen etwas anders als der erste, aber immer noch ohne Zweifel eine harmonische Fortsetzung und gelungene Fantasy-Unterhaltung, die keinem (wohlmeinenden) Leser von „Hölle und Highway“ missfallen dürfte. Auf den dritten Band der Trilogie kann man gespannt sein.

Der Glaubenswahn

Glauben Sie auch noch an den lieben Gott? Wenn ja, muss ich Sie enttäuschen: Er hat nie existiert.
Dass das Alte Testament ein paar unschöne Stellen hat, ist weithin bekannt – dass diese Stellen aber den größten Teil ausmachen, weniger. (Kleiner Fun Fact: Allein der Block der Vernichtungsphantasien im Buch Ezechiel ist umfangreicher als das gesamte Markus-Evangelium.) Das merkt man schnell, wenn man die Bibel durchliest. Aber wer tut das schon? Für all diejenigen, die sich dem nicht stellen wollen, gibt es jetzt jedoch eine Alternative: „Der Glaubenswahn – Von den Anfängen des religiösen Extremismus im Alten Testament“ von Heinz-Werner Kubitza. Nachdem das Neue Testament schon in einem anderen Werk auseinander genommen wurde, gibt es hier die penible Auseinandersetzung mit dem älteren und weit größeren Teil der Bibel. Im Wesentlichen ist „Der Glaubenswahn“ eine systematische und kommentierte Herausstellung all der Stellen, die ein guter Christ lieber nicht so gerne hört – also all jene, die Gott etwa als Sadisten, Rassisten, Narzissten, Doppelmoralisten, Massen- und Völkermörder, erbärmliche Witzgestalt oder Sexualstraftäter zeigen. Da liest man von all den zahlreichen Massakern, die jener in den Texten des AT beging oder anordnete, seinen endlosen Hasstiraden und seinen mehr als krankhaften Vernichtungsphantasien, seinen absurden Gesetzen, vom pathologischen Geisteszustand seiner Propheten und ihren nie in Erfüllung gegangenen Prophezeiungen – alles belegt mit zahlreichen ausgewählten Bibelzitaten. Doch dabei bleibt es nicht, denn auch die Ursprünge dieser heutzutage ethisch nicht mehr haltbaren Stellen werden erläutert: die Konkurrenz verschiedener religiöser Strömungen im antiken Israel, von denen sich letztlich die radikalste durchsetzte; die unterschiedlichen Intentionen und Erzähltraditionen, die zu einem oft widersprüchlichen Textgemenge führten und so weiter. Auch mit anderen Mythen als dem vom guten Gott wird aufgeräumt, etwa jenem, das Alte Testament deute auf Jesus hin. So ist das Werk letztlich nicht nur eine Anklage gegen den fiktiven Gott der Christen und Juden, sondern auch und vor allem gegen die Akteure und Prozesse, die ihn erst geschaffen haben. Regelmäßig geht der Autor in polemischer Weise auf die Gläubigen und ihre Geistesverrenkungen ein, mit denen sie mehr schlecht als recht ihr Weltbild aufrecht zu halten versuchen. Das stimmt zwar alles, doch leider wiederholt sich Kubitza dabei öfters und wirkt, obwohl richtig liegend, wenig sachlich. Auch wenn der Grundton natürlich unvermeidlich einer bestimmten Richtung folgt und dabei (wie eigentlich jede Argumentation) selektiv vorgeht, verzichtet der Autor nicht darauf, sich die Frage danach zu stellen, was an der Bibel noch wertvoll oder bewahrenswert sein mag – was letztlich wenig ist, aber immerhin etwas. Ansonsten indes ist keinerlei Kritik notwendig – es präsentiert sich dem Leser ein penibel recherchiertes Werk, das zugleich unterhaltsam zu lesen ist. Wer die Bibel noch nicht kennt (und damit seid insbesondere ihr gemeint, ihr sogenannten Christen), der sollte es lesen – und wer sie doch kennt, der wird immer noch vieles an erhellenden Hintergrundinformationen daraus mitnehmen.

Minoische Kultur

gebrauchtes Buch – Stylianos Alexiou – Minoische KulturDie Kultur der Minoer im alten Kreta (ca. 2000-1400 v. Chr.) ist faszinierend – und doch relativ unbekannt. Im Prinzip also ein hehres Ansinnen, ein knappes und kostengünstiges Übersichtswerk über diese zu verfassen, wie es Stylianos Alexiou mit seinem Buch „Minoische Kultur“ getan hat. Auf rund 150 Seiten bietet er einen knappen Abriss über die Geschichte der Minoer mit besonderem Schwerpunkt auf den archäologischen Relikten (v.a. Keramik), aber auch den (mutmaßlichen) religiösen Vorstellungen des Volkes. So bekommt der interessierte Leser eine Vielzahl von Informationen präsentiert, die einen Großteil der Wissenschaft der alten Minoer abdecken. Der Stil ist recht trocken und wenig innovativ, aber noch gut lesbar.
Jedoch wurde das Buch 1964 verfasst (meine Ausgabe stammt aus dem Jahre 1976) – und das merkt man ihm an. So werden mittlerweile längst überholte Theorien vertreten, etwa die von einer Religion basierend auf einer Großen Muttergöttin und einem jugendlichen Gott an ihrer Seite; auch wird der Untergang der Mykenischen Kultur noch kausal mit der Dorischen Wanderung in Verbindung gebracht. Besser konnte es der Autor natürlich noch nicht wissen, doch auch andernorts zeigt er seinen Zeitgeist nicht in bestem Licht: Da spricht Alexiou ganz schamlos von der „rassischen Verwandschaft“ der Minoer, drückt sich höchst wertend aus in Bezug auf Kulturblüten sowie -niedergänge und weiß natürlich stets genau, was „der primitive Mensch“ dachte und glaubte. Überdies scheint immer wieder eine beträchtliche wissenschaftliche Arroganz durch, wenn der Autor andauernd mangelhaft oder kaum belegte Hypothesen als alternativlos ausgibt. Formeln wie „zweifellos“ und „mit Sicherheit“ ziehen sich durch das ganze Werk; von einer selbstkritischen Einstellung oder gar einem Eingeständnis von Nichtwissen ist nichts zu spüren. So drängt sich manchmal fast ein Vergleich mit früheren Zeiten auf, als es den sogenannten Wissenschaftlern mehr auf Unterhaltung denn auf seriösen Erkenntnisgewinn ankam und man Lücken im Zweifel lieber mit Behauptungen füllte. Und nicht zuletzt zieht er mehrfach Homer unkritisch als historische Quelle hinzu.
Natürlich dient das Buch der Information und zumindest die Erkenntnisse zur Keramik dürften sich seit der Abfassung nicht allzu sehr geändert haben. Ich weiß nun nicht, wie es um den wissenschaftlichen Standard zu Stylianos Alexious Zeiten bestellt war – aber aus heutiger Perspektive ist das Werk nicht nur überholt, sondern auch unprofessionell.

Verbrannte Zungen

Groß prangt der Name Chuck Palahniuk auf dem Cover des Buches „Verbrannte Zungen“. Manch einer mag enttäuscht sein, sobald er herausfindet, dass tatsächlich mit Ausnahme des Vorwortes kein Stück dieser Anthologie vom berühmten Fight-Club-Autor stammt – doch für solcherlei Gefühle gibt es keinen Grund. Einem Workshop für aufstrebende Autoren entsprungen, ist es den Herausgebern des Buches nämlich gelungen, eine einzigartige Auswahl von acht Geschichten zu bilden, die selbst dem großen Namen auf dem Cover alle Ehre machen würden. Das Genre lässt sich schwerlich definieren: Drama, Sozialfiktion, menschliche Schicksale … jedenfalls irgendwie grotesk und gerne in höchstem Maße kontrovers, gar verstörend. Der gemeinsame Selbstmord einiger Schülerinnen und dessen Hintergründe, ein Student zwischen Lernstress und der Aussicht auf soziale Kontakte, ein langsam den Verstand verlierender Exsoldat und ein Fan, der sich etwas zu sehr mit dem von ihm bewunderten Autor identifiziert – da ist für jeden was dabei. Die Geschichten sind drastisch, aber trotzdem – womöglich gar deshalb – absolut fesselnd, davon abgesehen von handwerklicher Perfektion. Die Auflösung der Geschichte „Melody“ erschloss sich mir zwar nicht wirklich, doch auch diese glänzte immerhin durch Unterhaltsamkeit und solide Inszenierung. Es ist hier eben diese Art von Geschichten, die weniger von der Pointe leben, als vielmehr ihren Wert in der Gesamtheit des Textes tragen – skurril bis obszön, aber eben auch irgendwie genial. Kritikpunkt kann einzig und allein der recht geringe Umfang des Werkes sein, der kaum für mehr als einen Tag ausreicht.
Doch zurück bleibt ein flaues Gefühl. Im Vorwort verglich Palahniuk das vorliegende Werk mit anderen, mit denen man zunächst nichts anfangen kann, um dann Ewigkeiten nach dem ersten Beiseitelegen ihren Wert zu erkennen. Habe ich nun etwas falsch gemacht, wenn ich schon beim erstmaligen Lesen begeistert war von „Verbrannte Zungen?“

Geköpft und gepfählt: Archäologen auf der Jagd nach den Untoten

Nicht erst seit den „Vampir-Epidemien“ des 18. Jahrhunderts, die in ganz Europa Wissenschaft wie Dichtung beflügelten, fürchtet der Mensch die Wiederkehr der Toten. Vielmehr scheint da Motiv des Untoten, der in böser Absicht sein Grab verlässt, ein universelles Phänomen zu sein, wie Angelika Franz und Daniel Nösler in ihrem Buch „Geköpft und gepfählt – Archäologen auf der Jagd nach den Untoten“ beweisen. Während es auf dem Markt schon so einige Werke gibt, die den Vampirglauben Osteuropas in all seiner Vielschichtigkeit behandeln, stellt dieses (nach eigener Aussage erstmalig) die archäologische Situation in ganz Europa dar. Tatsächlich nämlich finden sich schon seit der Steinzeit immer wieder Gräber, bei denen die Hinterbliebenen offenbar eine Rückkehr der Toten zu verhindern suchten, etwa durch schwere Steine, Fesseln, Enthauptungen oder Pfählungen – alles Methoden, wie man sie auch aus den Schriften und Sagen kennt. Zahlreiche dieser Funde aus etlichen Jahrhunderten und verschiedenen Ländern (viele auch aus Deutschland) beschreiben die Autoren – freilich ohne dass es durch die Masse ähnlicher Fälle langweilig wird. Hinzu kommen Abschnitte, die, soweit heute noch belegbar, die kulturhistorischen Parallelen aufzeigen – etwa die bekannten Berichte bezüglich Vampiren, das Vorkommen von Untoten in den nordischen Sagas und stichprobenweise Sagen aus Mittelalter und Antike. Nicht zuletzt werden auch Fälle aus relativ moderner Zeit sowie (knapp) Sagentraditionen aus anderen Weltteilen behandelt.
Es ist klar, dass man bei der Fülle von Material unmöglich die Gesamtheit des Untoten-Phänomens abdecken kann, also bleiben eben erwähnte Anekdoten nur einige von vielen. Doch der Kern des Buches ist schließlich die archäologische Dimension – und die wird mehr als umfangreich dargelegt, dabei auch kritisch und differenziert bei der Interpretation. Flüssig und unterhaltsam ist das Werk dabei zu lesen, die archäologischen Details tun dem keinen Abbruch. Positiv anzumerken ist außerdem das umfangreiche Quellenverzeichnis. Das ergibt im Endeffekt eine nur allzu informative Studie über ein unerwartet verbreitetes Phänomen, angereichert mit zahlreichen Ausblicken auf die historisch bzw. philologisch fassbare Seite der Medaille.

Alraune: Die Geschichte eines lebenden Wesens

„Alraune: Die Geschichte eine lebenden Wesens“ gilt als eines der bekanntesten Werke des deutschen Schriftstellers Hanns Heinz Ewers (1871-1943). Und wie schon viele seiner Werke jenem durch ihre Thematisierung von Tod und Sexualität einen zweifelhaften Ruf einbrachten, so gilt dies auch für die Thematik von „Alraune“: Der Legende nach entsteht die Alraune genannte Pflanze, der magische Kräfte nachgesagt werden, aus dem auf die Erde fallenden Samen eines erhängten Verbrechers. Dies inspiriert den Professor ten Brinken und seinen verantwortungslosen Neffen Frank Braun dazu, den Prozess in Form der gerade erfundenen künstlichen Befruchtung nachzuvollziehen. Das scheint erfolgreich – eine mehr oder minder freiwillig angeworbene Prostituierte trägt den post mortem gezeugten Nachwuchs eines hingerichteten Mörders aus und es entsteht ein lebendes Mädchen, dem der allzu passende Name Alraune gegeben wird. Doch als Alraune nun heranwächst, bringt sie ihrem Ziehvater ten Brinken nicht nur Glück wie ihr botanisches Vorbild, sondern entwickelt sich auch zu einer äußerst manipulativen und bösartigen Gestalt. Jeder scheint dem attraktiven Mädchen zu verfallen – wo immer sie auftaucht, ist Übel die Folge…
Wie bei einem 1911 veröffentlichten Buch zu erwarten, ist der Schreibstil altmodisch – doch alles andere als zäh oder gar langweilig. Nicht nur liest sich das Werk durchweg flüssig und spannend, immer wieder hat es auch einen gewissen Humor. Ewers‘ Stil ist poetisch, dichterisch, doch der prosaischen Handlung stets angemessen, manchmal gar steigert er sich zu einem schieren Wahn, der den Leser mitreißt, wobei dieses in der Literaturkritik inflationär gebrauchte Wort es längst nicht mehr hinreichend beschreiben kann. Der Stil wie auch das Setting seiner Zeit tragen natürlich unweigerlich zur lebendigen Atmosphäre bei, wie man es bei zeitgenössischen Werken schwerlich bemerken kann. Eine ganze Reihe von Charakteren zieht sich dabei, sich entwickelnd, durch den ganzen Roman; Charakterisierung und vor allem Entwicklung sind wahrlich zu loben. Mehr ein Thriller denn ein phantastischer Roman ist „Alraune“ bei genauerem Hinsehen, so wie die Handlung sich stetig aufbaut und dabei unaufhaltsam der Eskalation entgegenstrebt. Gerade der letzte Teil der Geschichte zeichnet sich durch eine beachtliche Spannung und Unvorhersehbarkeit aus.
Einziger Kritikpunkt: Die paar Textblöcke an Anfang, Mitte und Schluss, die anscheinend eine Art Rahmenhandlung darstellen – diese sind so poetisch verfasst, dass sie keinen wirklich erkennbaren Sinn mehr ergeben.
„Alraune“ – der erste Roman von H.H.E., den ich bisher las – überzeugte letztlich auf ganzer Linie: Zu seiner Zeit sicher revolutionär, gar blasphemisch, stellt das Werk auch heute noch eine hervorragende Unterhaltung dar.

Injustice – Götter unter uns: Das erste Jahr: Bd. 2

Das Videospiel „Injustice“ rund um die DC-Superhelden Superman, Batman & Co. ist anscheinend ein Hit – ich kann es nicht beurteilen, hab’s nie gespielt. Jedenfalls inspirierte dieses offenkundig eine eigene Comic-Reihe mit gleichnamigem Titel. Die Story ist so dramatisch, wie man es sich in jenem Universum nur denken kann: Dem Joker ist es gelungen, Supermans Geliebte Lois Lane zu töten und die Stadt Metropolis zu zerstören – was den „Mann aus Stahl“ nicht nur traumatisiert, sondern auch zu einem fortan konsequenteren Umgang mit Verbrechern veranlasst. Gemeinsam mit Wonder Woman, Green Lantern und einer Reihe anderer Superhelden wird nun die Aufgabe in Angriff genommen, die Welt von allem Unrecht zu säubern – koste es was es wolle. Kein Wunder, dass sich die „Justice League“ durch ihr neues Vorgehen mit Batman verwirft, der weiterhin seine hohen moralischen Standards hochhält. Obwohl zunächst keine Partei die Eskalation beabsichtigt, wird sie infolge der verhärteten Fronten zunehmend unvermeidbar…

Ich muss zugeben, dass ich mangels eines entsprechenden Angebots im Comicregal mit dem zweiten Band anfing, mir also die Vorgeschichte aus Klappentext und Andeutungen erschließen musste – was aber problemlos funktioniert, nur manche Fragen bleiben (Wieso versteht sich Superman auf einmal so gut mit Lex Luthor?). Ebenso ist dieser zweite Band natürlich nicht der letzte und bietet somit keine Auflösung der Handlung am Ende – vielmehr steht dort die endgültige Eskalation, die das eigentliche Setting erst begründet. Das ist keinesfalls ein Kritikpunkt: Gerade dieser stückweise Aufbau des Konflikts gibt dem Werk seinen Reiz. Und mit Action wird weiß Gott nicht gegeizt, zumal noch so manche andere Schurken und Antihelden ihren Auftritt haben. Zugleich aber bemüht sich der Comic erfolgreich um eine gute Charakterzeichnung und stellt insbesondere die inneren Konflikte der verschiedenen Helden (?) dar. Nicht zuletzt ist „Injustice“ gewissermaßen die Synthese einer ganz grundlegenden Frage des Superhelden-Genres: Wenn man die Macht besitzt, das Unrecht zu bekämpfen – wie weit darf man gehen? Welchem Wert ist im Zweifel der Vorzug zu geben – Freiheit, Selbstbestimmung, Moral oder vielmehr der objektiven Reduktion von Leid? So ist es letztlich schwer, nur mit einer Seite der Konfliktparteien zu sympathisieren, verstehen kann man irgendwie beide. Obwohl sich „Injustice“ anders als die großen, für ihre Tiefgründigkeit bekannten Klassiker des Genre wie „Watchmen“ oder „Die Rückkehr des Dunklen Ritters“ nicht um irgendeine stilistische Besonderheit, ja besondere literarische oder zeichnerische Kunstfertigkeit bemüht, ist es doch ein Werk, das denkbar hervorragend die Ambivalenzen der Superhelden-Thematik herausstellt. Was den Stil angeht – der ist, was Bilder wie Text angeht, eher gewöhnlich, heißt unterhaltsam und eingängig. Nicht unwahrscheinlich, dass ich mir auch die weiteren Teile der Reihe genehmigen werde.

Die Stadt der Singenden Flamme

Clark Ashton Smith – schon in jungen Jahren wurde er von der Kritik als Genie gefeiert, doch weder zu Lebzeiten (1893-1961) noch jemals danach wurde ihm massenwirksame Anerkennung zuteil. Er war nicht nur Zeitgenosse, sondern auch Freund des bekannteren H. P. Lovecraft und wird daher nur allzu oft mit jenem verglichen, was nur zum Teil Sinn macht. Neben seiner Betätigung als Dichter, Maler und Bildhauer schuf Smith einen Korpus von zahlreichen Kurzgeschichten im Genre der Phantastik, die zeit seines Lebens vor allem in Magazinen erschienen, so sie nicht als zu anspruchsvoll abgelehnt wurden. Der Festa-Verlag bringt nun erstmals die Gesamtheit der Geschichten in einer sechsbändigen Reihe heraus, von der „Die Stadt der Singenden Flamme“ der erste ist.

Die Geschichten sind höchst unterschiedlich, haben eigentlich nur eines gemein: Den visionären, poetischen Stil, der stets den Dichter durchscheinen lässt, während phantastische Orte und Wesenheiten den Weg des jeweiligen Erzählers kreuzen. Den Anfang macht „Die Stadt der Singenden Flamme“, dicht gefolgt von der Fortsetzung „Jenseits der Singenden Flamme“ – eine bildgewaltige, bisweilen groteske Reise in eine Welt jenseits der unseren. Manche der Geschichten, so „Das neunte Skelett“ und „Aus den Grüften der Erinnerung“ werden zurecht als Prosa-Gedichte bezeichnet, denn die Handlung tritt völlig hinter der blumigen Sprache zurück. Während man auch Science-Fiction in Form von „Die Schrecken der Venus“ und einen Schritt in Richtung des Unheimlichen bei „Die Auferweckung der Klapperschlange“ findet, bildet ein Zyklus den Kern des ersten Bandes: Die Erzählungen aus Hyperboräa, einem fiktiven nördlichen Kontinent in grauer Vorzeit. Die meisten dieser Geschichten zeichnen sich aus durch die Emanation überirdischer Kräfte, wie man sie in ganz ähnlicher Form in Lovecrafts Cthulhu-Mythos erwarten würde, eingebettet in das phantastische Vorzeit-Setting von Hyperboräa. So sind diese Erzählungen auch die Geburtsstunde der außerirdischen Gottheit Tsathoggua und des „Buches von Eibon“, die auch Lovecraft in manchen Texten erwähnte. Das Highlight des Bandes sind meiner Meinung nach „Die Geschichte des Satampra Zeiros“, „Das Tor zum Saturn“ und „Das Manuskript des Athammaus“ – nicht nur beschwören diese den kosmischen Schrecken denkbar atmosphärisch und lebendig, auch unterhaltsam, sondern sind überdies gewürzt mit einem gewissen trockenen Humor, der einen immer wieder zum Schmunzeln bringt. 
Clark Ashton Smith blieb großer finanzieller Erfolg ebenso wie ein Kultstatus seiner Werke immer versagt – was maßgeblich an seinem einzigartigen, alles andere als massentauglichen Stil liegen dürfte. Auch wenn er infolge der Assoziation mit Lovecraft und dem Magazin Weird Tales gerne in die Nähe der dunklen Phantastik und Horrorliteratur gestellt wird, so ist an Smiths Werken nichts unheimlich. Ebenso fehlt zumindest bei vielen Geschichten das Element der Spannung – Action, Fragestellungen und Plot-Twists fehlen weitgehend. So ist das, was Smith ausmacht und bei seinen Fans den Reiz seiner Werke bedingen dürfte, letztlich vor allem die poetische Sprache und die fantasievollen Einfälle bei der Beschreibung der fremdartigen Welten von Hyperboräa bis zur Venus. In der Folge machen etwa Wegbeschreibungen einen nicht unwesentlichen Teil aus; die Handlung tritt oft zugunsten des bloßen Settings zurück. Das ist auf seine Art brillant und beschwört traumartig erstaunliche Bilder herauf, hilft aber auf der anderen Seite eher wenig, einen Leser zu fesseln. Konzentriert muss man lesen, so leicht auch manchmal das Abschweifen sein mag.
Zu loben ist hingegen auf jeden Fall die mit allerlei Hintergrundinformationen versehene Ausgabe des Festa-Verlags: Nebst einer umfänglichen Biografie des Autors und einer Einleitung in seinen Hyperboräa-Zyklus gibt es einen Kommentar zu fast jeder der Geschichten, in denen der der Weg der Veröffentlichung nachvollzogen wird – vor allem anhand von Zitaten aus der umfangreichen Briefkorrespondenz Smiths, was einen faszinierenden Einblick in den Schaffensprozess gibt.
Clark Ashton Smith ist irgendwie genial – und doch mithin ein wenig schwergängig. Sein Werk ist Fantasy in Reinform, doch bei aller Prosa oft mehr Lyrik als Epik. Ein Lesevergnügen für Kenner, doch nichts für jene, die schon Lovecraft als zu anspruchsvoll empfinden.