Buchrezensionen

The First Fossile Hunters

Seit langem schon versuchte das mächtige Sparta, die Nachbarstadt Tegea zu erobern – erfolglos. Um Rat gefragt, erwiderte das Orakel von Delphi, Tegea werde erst dann fallen, wenn die Gebeine des Helden Orestes, Sohn des Agamemnon, gefunden und nach Sparta gebracht würden. Und tatsächlich fand man schließlich in Tegea einen Sarg von sieben Ellen Länge (ca. 3,3m), darin ein Skelett von ebensolcher Größe. Der Heros war gefunden, Sparta triumphierte.
Diese Geschichte, die der griechische Geschichtsschreiber Herodot berichtet, ist kein Einzelfall. Immer wieder, über die gesamte römisch-hellenistische Welt verstreut, tauchten im Laufe der Jahrhunderte riesige Knochen auf, die nur von vorzeitlichen Heroen, Riesen oder Ungeheuern stammen konnten. Haben sich die antiken Autoren all dies nur ausgedacht, ist all dies nur Mythos ohne realen Kern? Oder gab es, wie manche Grenzwissenschaftler behaupten, tatsächlich einst ein Geschlecht von Giganten auf der Erde?
In ihrem Buch „The First Fossile Hunters“ bietet Adrienne Mayor eine alternative Deutung an: Kann es nämlich ein Zufall sein, dass fast alle überlieferten Fundorte riesenhafter Knochen sich decken mit heute als solchen bekannten Fossillagerstätten? Wie dieses faszinierende Buch zeigt, waren Fossilien, die versteinerten Überreste vorzeitlicher Lebewesen, den alten Griechen und Römern alles andere als unbekannt – einzig die Deutung unterschied sich von der unseren.
So lassen sich die scheinbaren Heroengebeine mutmaßlich auf Überreste von Mammuts und Mastodonten zurückführen, die man mit etwas Kreativität nur allzu leicht in humanoider Stellung auslegen kann. Auf Samos indes berichtet sogar schon der Mythos, wohl inspiriert von riesenhaften Knochen in der Erde, von als Neaden bezeichneten Ungeheuern, die durch ihr lautes Geschrei den Erdboden spalteten und darin versanken. Am beeindruckendsten aber dürfte Adrienne Mayors Deutung des Greifen sein: Über Jahrhunderte gehörte dieses Fabelwesen, das im fernen Osten Gold bewachte, zum Weltbild der Griechen, ohne je Teil der Mythologie zu werden. Diese Überlieferungen dürften auf die Skythen zurückgehen, die schon damals bis in die fernen Weiten Asiens reisten und Handel trieben – bis in die Wüste Gobi, die nicht nur wertvolles Gold, sondern allzu oft auch Skelette des Dinosauriers Protoceratops freigibt. Wie die Autorin penibel darlegt, kann es kaum einen Zweifel an einer Verbindung der beiden vierbeinigen, mit Vogelschnäbeln ausgestatteten Geschöpfe geben.
Allzu oft müssen Historiker und Mythosforscher kapitulieren, wenn sie den letztendlichen Ursprung eines Mythos oder einer Sage suchen. „The First Fossile Hunters“ indes bietet allzu logische, fundierte – und außerdem spannende – Deutungsangebote, um zumindest einige der alten Überlieferungen zu dekonstruieren. Doch mehr noch – Mayor zeichnet außerdem ein faszinierendes Portrait des damaligen Umgangs mit fossilen Überresten. Es gab bereits Rekonstruktionsversuche und teils allzu wahrheitsgemäße Deutungen; auch das Konzept des Aussterbens von Arten ist kaum eine Erkenntnis der Neuzeit. Die römischen Kaiser Augustus und Tiberius stellten sogar buchstäblich ein Museum auf die Beine, um jene geheimnisvollen Relikte der Vorzeit zu sammeln.
Leider ist das Buch bislang nur auf Englisch erschienen, doch dieses ist eingängig und gut zu lesen. Zur Freude jedes wissenschaftlich interessierten Lesers werden die unzähligen Quellen penibel aufgelistet und sorgsam kommentiert (in Fußnoten, ohne den Lesefluss zu stören); sämtliche relevanten Stellen der Primärquellen sind im Anhang sogar noch gesondert gesammelt.
All dies ergibt letztlich eines der interessantesten mir bekannten Bücher zur Mythologie und alten Geschichte (kombiniert es doch mit Paläontologie und Altertumswissenschaft gleich zwei meiner zentralen Interessen) – ein Werk, das buchstäblich die Augen öffnet für eine ganz neue Dimension der Mythosforschung. Man kann nur hoffen, dieser Ansatz möge auch andere Forscher zur Neubetrachtung manch alter Quellen inspirieren. Die Ambitionen sollten sich wohl mobilisieren lassen – wer kann schon von sich behaupten, den Ursprung des Greifen entdeckt zu haben?

Die Zivilisation der Göttin

Bildergebnis für die zivilisation der göttinUnzählige Relikte der jungsteinzeitlichen Kulturen Europas wurden von Archäologen zu Tage gefördert, systematisiert, interpretiert – und doch ist vieles über unsere Vorgeschichte nach wie vor umstritten. Einen zweifellos beeindruckenden und wichtigen, wenngleich kontroversen Beitrag dazu liefert „Die Zivilisation der Göttin“ von Marija Gimbutas. Dabei handelt es sich buchstäblich um ein Monumentalwerk: Auf 400 dreispaltigen Seiten Text zuzüglich einem fast 150-seitigen Anhang wird praktisch das ganze Neolithikum Europas dargestellt – von Vinca, Karanowo und anderen Kulturen auf dem Balkan des 6. Jahrtausends vor Christus, Linienbandkeramik und Trichterbecher-Kultur in Mitteleuropa, Malta mit seinen beeindruckenden Megalithtempeln und den Erbauern von Henges und Hofgräbern in Britannien bis hin zu den wenig bekannten Kulturen des westlichen Mittelmeerraumes. Eingegangen wird dabei gleichsam auf die typische Keramik, Architektur, Begräbnisarten – und Religion und Gesellschaft. Ebendiese beiden letzten Punkte sind es, in denen die Autorin sich vom weitgehenden Mainstream der Wissenschaft abwendet und ein, nennen wir es alternatives, System der europäischen Vorgeschichte entwirft. Der Kern dessen ist, was populärwissenschaftlich gerne als „Matriarchatstheorien“ bezeichnet wird (ein Begriff, den Gimbutas selbst nicht verwendet und der das weite Feld der Angelegenheit wohl unzureichend charakterisiert): Ihr zufolge war die dominierende Religion des europäischen Neolithikums die Verehrung einer Göttin in verschiedenen Formen (vielleicht auch mehrerer), begleitet von einer nicht-patriarchalischen Sozialstruktur, in der auch und gerade Frauen zentrale Rollen in Kult und Gesellschaft innehatten. Dieses durchweg friedliche „alte Europa“ endete schließlich durch drei Invasionsströme indoeuropäischer, patriarchalisch veranlagter Steppennomaden aus dem heutigen Russland. Nur zur Erinnerung: Marija Gimbutas war in der Tat eine anerkannte Koryphäe ihres Faches (sie entwickelte u.a. die Kurganhypothese und leitete mehrere Ausgrabungen auf dem Balkan), was man auch an dem beträchtlichen Detailwissen das ganze Buch hindurch erkennt. Was also ist zu halten von der Religion der „Großen Göttin“, der „matrifokalen“/“matrilinearen“ Gesellschaft und der schlussendlichen Kurgan-Invasion? Handelt es sich um eine wissenschaftliche Revolution oder doch nur um eine Instrumentalisierung der Vergangenheit als Projektionsfläche für moderne Konflikte?
Mir fehlt es zweifellos an Fachwissen, die einzelnen Sachdetails der dargestellten Ausgrabungsbefunde zu kritisieren. Soweit beurteilbar, ist der Autorin diesbezüglich nichts vorzuwerfen. Anders jedoch, wenn es an das Thema Religion geht: Die zu diesem Thema vorgebrachten, als Tatsachen oder zwangsläufige Schlussfolgerungen verkauften Thesen sind letztlich nichts als Fantasie. Ja, Figuren und Darstellungen weiblichen Geschlechts mit deutlich betonten Geschlechtsorganen sind in großer Zahl aus jenen Kulturen belegt, was in der Tat einen Göttinnen- bzw. Fruchtbarkeitskult nahelegt. Doch Gimbutas geht weiter: Fast alles ist bei ihr irgendwie ein Symbol für Wiedergeburt und Lebenserneuerung, jede große Nase identifiziert eine Figur eindeutig als Vogelgöttin, jede weiß gefärbte Frauenstatuette ist die Göttin des Todes und der zyklischen Wiederauferstehung. Belege dafür? Keine. Vieles mag in Ansätzen berechtigte Hypothesen ergeben, doch weder die Sicherheit noch die expliziten Details, die Gimbutas darlegt, lassen sich an den Funden festmachen. So ist letztlich auch die weiblich geprägte Gesellschaft zwar denkbar, aber letztlich eine Fiktion – einziges Indiz dafür sind die fehlenden Geschlechtsdisparitäten in den neolithischen Gräbern, was allenfalls eine gewisse Gleichberechtigung denkbar erscheinen lässt, wenn auch nicht sicher belegt. Wahrlich utopisch erscheint die Vision einer schier pazifistischen Gesellschaft in damaliger Zeit. Es dürfte naheliegend sein, dass vor der Erfindung der Metallwirtschaft bei allgemein kleineren politischen Strukturen eine weniger hierarchische Gesellschaft bestand, was Kriege und andere strukturelle Konflikte begrenzte. Doch absoluter Friede scheint nicht nur dem gesunden Menschenverstand bei allgemeiner Anschauung aller bekannten historischen Kulturen zu widersprechen, auch die archäologischen Funde sprechen teils eine andere Sprache (Stichwort: Massaker von Asparn/Schletz). Auch die These der Kurgan-Invasion ist von verschiedenen Wissenschaftlern zurückgewiesen worden, wobei mir selbst die fachliche Qualifikation zur Beurteilung fehlt. Zu erwähnen ist zu guter Letzt, dass Gimbutas das ganze Alteuropa als mehr oder weniger einheitlichen Kulturraum darstellt, der sich zumindest in Sachen Religion und Gesellschaft ganz homogen als Ganzes betrachten lässt – ein sehr zweifelhafter Ansatz, wenn es um die mehr als dreitausendjährige Geschichte eines ganzen Kontinents geht.
Letztlich also sind religiöse Vorstellungen und Gesellschaftsmodell, wie sie Marija Gimbutas präsentiert, zwar zum Teil denkbare, aber letztlich gegenstandslose, weil weitgehend unbegründete Hypothesen. Zugutehalten muss man dem Buch jedoch, dass es, veranschaulicht an zahlreichen Bildern,  einen breiten und umfangreichen Überblick über die faszinierenden Kulturen des europäischen Neolithikums bietet. Hochinteressant etwa sind auch die Ausführungen zur schon im 6. Jt. v. Chr. entstandenen (Proto?-)Schrift der Vinca-Kultur oder auch dem Ursprung der minoischen Kultur Kretas. Nicht zuletzt übt sich an diesem Buch auch die Fähigkeit des quellenkritischen Lesens, wobei das schwerlich als Kompliment zu werten ist. Die darin vertretenen Thesen mögen zu kritisieren sein, doch lesenswert ist das Werk zweifellos.

Die Elixiere des Teufels

„Die Elixiere des Teufels“ ist zweifellos eines der bekanntesten Werke von E. T. A. Hoffmann, dem deutschen Altmeister der Schwarzen Romantik. Im Mittelpunkt der komplexen Geschichte steht der Mönch Medardus, der in seinem Kloster zum Mitwisser eines alten Geheimnisses wird: Unter den Reliquien befindet sich eines der berüchtigten „Elixiere des Teufels“ – und Medardus, dem das Predigen nicht mehr gelingt, kann nicht widerstehen, davon zu kosten. Fortan bestimmt ein dunkler Fluch sein Leben. Auf der wenig später folgenden Reise nach Rom stürzt durch sein Verschulden ein ihm erstaunlich ähnlich sehender Graf in einen Abgrund, woraufhin Medardus zeitweilig dessen Identität anzunehmen gezwungen ist. Nicht nur tötet er wenig später zwei Mitglieder der Grafenfamilie, auch verliebt er sich schließlich unsterblich in die schöne Aurelie. Die Flucht vor Mensch und Fluch geht weiter, schließlich sieht sich Medardus noch dazu von einem rätselhaften Doppelgänger verfolgt. Nach und nach erst entwirrt sich das Beziehungsgeflecht, das nicht zuletzt seine Vergangenheit bestimmt – doch entkommen vermag Medardus dem ihm auf dem Fuße folgenden Übel nicht …
An sich eine interessante Handlung, gerade durch die unerwarteten, wenn auch von langer Hand vorbereiteten Offenbarungen zum Ende hin. Dem Autor ist wahrlich ein gewisser Respekt zu sollen für die Konzeption des gesamten Plots. Doch leider – wie bei allem, was ich bislang von ihm gelesen habe – schreibt E. T. A. Hoffmann schrecklich zäh und langweilig. Gerade die langen, eingeschobenen Exkurse in die Vergangenheit, deren Sinn sich erst viel später offenbart, sind beim Lesen schrecklich öde und unübersichtlich, da zu fehlender Konzentration führend. Auch der Rest bleibt viel zu lang und blumig ausgeschmückt, sodass die Handlung unter dem Wulst aus zähen Dialogen, Beschreibungen und Berichten schier untergeht. Es gibt kein Eintauchen in diese Geschichte, die man stets nur oberflächlich miterlebt und die daher nie zu fesseln weiß. Das hat keinesfalls mit dem bloßen Alter des Textes und Autors zu tun, kommt dies doch bei anderen Werken dieses oder eines früheren Zeitalters nicht in dem Maße vor.
Letztlich hätte „Die Elixiere des Teufels“ ein großartiger Roman werden können, hätte ihn ein Autor mit Sinn für Spannung und Unterhaltung geschrieben. Auch die abnorme Psychologie des Medardus hätte einen grandiosen Thriller tragen können, wäre sie nicht viel zu willkürlich inszeniert worden. Doch so, leider, hat der hochberühmte Herr Hoffmann nur ein schrecklich zähes Werk hinterlassen, das mehr Arbeit als Vergnügen für seine Leser bereithält.

Die Chroniken von Araluen 1: Die Ruinen von Gorlan

Sein ganzes Leben hat der Waisenjunge Will davon geträumt, Ritter zu werden. Als es aber so weit ist, in einen Beruf einzutreten, teilt man ihn dem mysteriösen Waldläufer Walt als Lehrling zu. Und natürlich stehen die beiden bald vor ungeahnten Herausforderungen, denn der böse Herrscher Morgarath rüstet zum Krieg gegen das Königreich von Araluen …
Was wie eine relativ fantasielose Fantasy-Geschichte voller Stereotype klingt, ist bei näherer Betrachtung auch genau das: Eine Aneinanderreihung altbekannter Motive und Klischees, wie sie gefühlt schon in hundert ähnlichen Jugend-Fantasy-Romanen rekombiniert worden sind. Natürlich ist „Die Ruinen von Gorlan“ nur der erste Band der ganzen Reihe „Die Chroniken von Araluen“ von John Flanagan, in dem zugegebenermaßen auf der Handlungsebene noch nicht allzu viel passiert – es kann also schwerlich die gesamte Reihe beurteilt werden – doch zumindest in diesem Rahmen ist nicht wirklich etwas zu erkennen, das sich als Innovation oder kreativer Einfall bezeichnen ließe. Außer dass die obligatorischen barbarischen Lakaien des Bösen hier ausnahmsweise nicht „Orks“, sondern „Wargals“ heißen.
Bei alledem darf man natürlich einen maßgeblichen Aspekt nicht vergessen: Den Unterhaltungswert. Tatsächlich nämlich liest sich das Buch flüssig und angenehm weg, ohne nennenswerte Längen und lebendig geschrieben. So ist die Lektüre, obgleich wenig darüber hinaus bereichernd, doch ziemlich angenehm. Gewissermaßen literarisches Fast Food also. Aber Hand aufs Herz – fast jeder mag Hamburger, so wenig Kreativität und Nährwert man auch darin finden mag.

Der Marsianer

Spätestens durch die Verfilmung mit Matt Damon wurde „Der Marsianer“ von Andy Weir weltbekannt. Und liest man das Buch, so merkt man auch schnell den Grund dafür.
Das Szenario ist relativ schnell erzählt: Ares 3 ist die dritte bemannte Mission zum Mars – und endet in einem Desaster. Aufgrund eines unerwartet starken Sandsturmes muss die Crew den Planeten frühzeitig wieder verlassen, jedoch wird dabei der tot geglaubte, weil bewusstlos gewordene Astronaut Mark Watney zurückgelassen. Wenig später findet er sich allein auf dem Mars wieder, ohne Kommunikationsmittel und mit nicht genügend Nahrungsmitteln zum langfristigen Überleben. Doch nach und nach gewinnt Watney die Kontrolle über seine Situation zurück und wendet all sein Geschick auf, zu überleben und zur Erde zurückzukehren …
Geschrieben ist „Der Marsianer“ überwiegend in Form von Mark Watneys Logbuch, in dem dieser seine Gedanken und Pläne darlegt, das Leben auf dem Mars zu meistern, durchbrochen nur von gelegentlichen konventionell erzählten Szenen aus Sicht der NASA-Mitarbeiter auf der Erde. Doch keinesfalls bedeutet das einen trockenen Stil – im Gegenteil: Watney bzw. Weir legt nicht nur einen guten Humor an den Tag, sondern auch einen zutiefst unterhaltsamen Sprachstil, der auch gerade davon profitiert, dass im Logbuch nur Relevantes wiedergegeben, Nebensächliches aber weggelassen wird.
Man kann das Buch schwerlich als richtige Science-Fiction bezeichnen, orientiert es sich doch so sehr an der realen Raumfahrt mit ihren Möglichkeiten und Problemen, dass man sich ohne Weiteres vorstellen kann, dass ebensolche Szenarien in wenigen Jahrzehnten Realität werden. Tatsächlich ist kaum vorzustellen, wie viel brillant recherchiertes Fachwissen in diesem Roman steckt. Mit höchster naturwissenschaftlicher Präzision, doch trotzdem allgemeinverständlich und unterhaltsam, erklärt der brillante Watney seine Bemühungen, trotz begrenzter Mittel Wasser herzustellen, Kartoffeln zu züchten, schließlich auch die Kommunikation zur Erde wiederherzustellen. Kaum jemals, wenn überhaupt, habe ich einen Roman gelesen, der in einem derartigem Maße naturwissenschaftliche Aspekte zu einer fesselnden Story rekombiniert. Obwohl eigentlich so fern und fremd, schafft „Der Marsianer“ ein gewaltiges Gefühl von Realismus wie nur wenige Geschichten, die in vertrauten Regionen spielen. Buchstäblich werden in dieser modernen Robinson-Crusoe-Geschichte die so leicht zu vergessenen Grenzen des heutigen Kosmos ausgelotet, ganz wie bei den gefährlichen Entdeckerfahrten früherer Zeitalter. Buchstäblich: „Der Marsianer“ ist, woran gute Science-Fiction sich zu messen hat.

Jenseits von Top Secret

Das Thema UFOs wird von vielen Menschen belächelt. Ein oberflächlich nicht aus der Luft gegriffenes Urteil, wo doch der Großteil der einschlägigen Literatur keinesfalls die Maßstäbe von Wissenschaftlichkeit erfüllt, ja mehr noch, die Grenzen hin zu Esoterik und Verschwörungstheorien oft fließend sind. Eine allzu willkommene Abwechslung bietet da „Jenseits von Top Secret“, das Monumentalwerk des UFO-Forschers Timothy Good. „Eine Dokumentation“ steht schon auf dem Cover – und genau das ist es. Auf 700 Seiten sind unzählige Augenzeugenberichte und Dokumente zusammengetragen, die umfassend die Masse der UFO-Sichtungen seit den 30er Jahren illustrieren. Einen Schwerpunkt nimmt dabei die Rolle der Geheimdienste und Regierungen ein. Interessieren diese sich für das UFO-Phänomen – halten sie womöglich gar Informationen vor der Öffentlichkeit zurück? Besonders ersteres kann ohne Zweifel bejaht werden, letzteres scheint zumindest in Teilen wahrscheinlich. Zu zahlreichen Aussagen von Politikern oder Geheimdienstangestellten kommen Geheimdienstdokumente, die auf Anfrage freigegeben wurden. Darüber hinaus bleibt ein riesiger Korpus weiterer dokumentierter Sichtungen von UFOs, größtenteils im Originalwortlaut, darunter auch unzählige, die auf (Militär-)Piloten zurückgehen oder sich zugleich auf Beobachtungen mehrerer Menschen oder gar Instrumente stützen können. All das ergibt letztlich ein gewaltiges Werk, das sehr gut als Übersicht über das gesamte Phänomen dienen kann – obgleich die abgedruckten doch nur einen kleinen Teil der buchstäblich zehntausenden existierenden Quellen ausmachen. Weitgehend ausgeklammert wird dabei jedoch der Aspekt der angeblichen Alien-Entführungen, deren Glaubwürdigkeit ohnehin als deutlich geringer einzuschätzen sein dürfte. Überhaupt hält sich der Autor begrüßenswerter Weise weitgehend zurück mit Interpretationen, Theorien und Beschuldigungen, wie sie in diesem Genre leider allzu weit verbreitet sind, und lässt stattdessen einfach die Quellen sprechen. Das macht „Jenseits von Top Secret“ trotz des kontroversen Themas zu einem wertvollen wissenschaftlichen Beitrag. Auf der anderen Seite aber: Es ist eine dementsprechend trockene Lektüre, extrem zäh und langweilig. Ein Buch, das man weniger zur Unterhaltung liest, als vielmehr zur Erweiterung des eigenen Horizontes. Und hat man das schließlich durchgezogen, so ist man in Anbetracht der erdrückenden Zahl von Belegen durchaus um einige Erkenntnisse reicher: Das UFO-Phänomen existiert, physisch und empirisch – und zahlreiche Regierungen interessieren sich seit Jahrzehnten dafür. Auf einem anderen Blatt indes steht, ob die Informationen, die Staaten mutmaßlich zurückhalten, tatsächlich ein nennenswert neues Licht auf die Sache werfen würden, und natürlich, ob es sich bei UFOs tatsächlich um außerirdische Raumschiffe handelt – denn das ist, obgleich bislang nicht wirklich eine bessere Erklärung vorgelegt wurde, eine nicht nur gewagte, sondern auch unbelegte Hypothese. Viele Fragen bleiben offen, viel wissenschaftliche Arbeit ist auf diesem Gebiet noch zu leisten. Doch was immer noch vor uns liegt – Timothy Goods „Jenseits von Top Secret“ dürfte als Meilenstein der UFO-Forschung zählen. Auch wenn es sich, bildlich gesprochen, um wissenschaftliches Schwarzbrot handelt.

Rüdiger Nehberg: Die Autobiographie

Manche Leute sind einfach erstaunlich. Einer davon ist Rüdiger Nehberg: Angefangen als Bäcker, mauserte er sich zum Survival-Experten, der u.a. ohne Ausrüstung durch ganz Deutschland marschierte, schrieb zahlreiche Bücher und engagiert sich – erstaunlich erfolgreich – als Aktivist für Menschen in der 3. Welt. Ein Mann, dessen Autobiografie dementsprechend vielseitig und unterhaltsam ausfällt. Tatsächlich handelt es sich bei dieser nicht nur um eine Rekapitulation des ganzen bisherigen Lebens, sondern auch eine gewisse Vorstellung zahlreicher derer Projekte, die er im Laufe der schon über siebzig Jahre in Angriff nahm: Reisen ab der Jugendzeit und sein lebenslanges Interesse für Schlangen ebenso wie anspruchsvolle Reisen an die erstaunlichsten Orte, Engagement für die Yanomami-Indianer des brasialianischen Regenwaldes und der Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung in Nordostafrika. Und doch ist es kein moralistisches Buch – sondern eines, das nur allzu bodenständig gelebten Idealismus zelebriert. Auch der Schreibstil ist weitgehend zu loben: Nehberg beweist durchweg guten Humor und einen Sinn für flüssige Erzählen, auch wenn die Sätze doch tendenziell eher kurz ausfallen (was, wie darin erläutert, wohl auf eine Empfehlung zur besseren Vermarktbarkeit zurückzuführen ist).
Ich hatte ansonsten bislang noch keine Autobiographien gelesen (das kommunistische Propagandawerk „Wie der Stahl gehärtet wurde“ zählt hoffentlich nicht), geschweige denn nennenswertes Interesse daran. Dieses Buch aber hat sich ohne jeden Zweifel gelohnt. Unterhaltsam und spannend, weil real, zum Nachdenken anregend und in mancher Hinsicht aufklärerisch. Das Buch eines Mannes, der wirklich etwas zu erzählen hat.

Isländersagas 1

Während sich im Deutschland des Mittelalters die Dichter vorwiegend für Ritter und Minne begeisterten, entstand im spärlich besiedelten Island eine ganze Literaturgattung, die bis heute nichts von ihrem Reiz verloren hat: Die Sagas. Anders als viele andere Texte dieser Zeit durchweg in (auch jetzt noch gut lesbarer) Prosa abgefasst, berichteten die meist anonymen Autoren von großen Kriegern, die in ferne Länder aufbrachen, um Ruhm und Reichtum zu erwerben, von Streitigkeiten zwischen Bauern, die in Rechtsprozessen und blutigen Fehden endeten, von historischen Ereignissen wie der Entdeckung Islands, Grönlands und Amerikas sowie der Christianisierung Islands, ja bisweilen gar von unverwundbaren Berserkern und Wiedergängern. Auszeichnen tun sich die Sagas vor allem durch ihre schnörkellose, pragmatische Sprache und ihre allzu historische (bzw. historisch wirkende) Verankerung im Leben von Menschen, die wirklich gelebt haben oder gelebt haben könnten. So zeigen die Sagas auch keinen durchkonzipierten Handlungsbogen, sondern berichten gnadenlos die familiäre Vorgeschichte sowie Nebenstränge der Ereignisse und machen nicht vor (aber auch nicht immer direkt nach) dem Tod des Helden Halt.

Zur Freude aller an historischer Literatur interessierten Leser brachte der Fischer-Verlag einen ganzen Korpus von Sagas (ob tatsächlich alle, ist mir nicht bekannt) in vier Bänden heraus (zuzüglich einem fünften mit Hintergrundinformationen). Der erste ist mit 912 Seiten und einem Preis von 32€ der dickste und kostspieligste – doch beides stellt sich beim Lesen als allzu berechtigt heraus. Enthalten sind neben mehreren kürzeren Erzählungen – etwa denen von Gunnlaug Schlangenzunge, Hühner-Thorir oder dem kriegerischen Björn aus dem Hítardal – auch die zwei wohl längsten und möglicherweise bekanntesten Sagas: Die „Saga von Egill Skallagrimsson“ beschreibt das für einen Sagahelden ungewöhnlich lange Leben des Kriegers und Sklalden Egill, der gleichsam durch seine Kampfeskraft und seinen ambivalenten Charakter hervorsticht. Die längste Saga überhaupt indes ist „Brennu-Njálls Saga“. In ihr geht es vor allem um die Fehde zwischen zwei Höfen, der nacheinander zahlreiche Männer zum Opfer fallen – obwohl der weise alte Mann Njall in diesem „Gerichtsthriller des Mittelalters“ stets um juristischen Ausgleich bemüht ist. Mit unter anderem diesen beiden Meisterwerken der Weltliteratur versammelt der erste Band einen gewaltigen und mehr als repräsentativen Korpus der alten Isländersagas. Zu den bloßen Texten kommen noch in großem Maße Anmerkungen etwa zu bestimmten Begriffen und jeweils eine knappe Einführung vor jeder Saga, wodurch sich der Kontext besser erschließt. Fachspezifisches Vorwissen ist zum Verständnis nicht vonnöten – mitbringen muss der Leser nur das nötige Interesse. Anstrengend und unübersichtlich sind natürlich immer die den Sagas so eigenen langen Genealogien, doch ansonsten lesen diese sich erstaunlich flüssig. Kaum eine andere vorneuzeitliche Literaturtradition, mag man fast meinen, ermöglicht – abseits aller heroischen und mythischen Stoffe – einen so lebendigen Einblick in die Lebenswirklichkeit eines vergangenen Volkes wie die Sagas, die ein relativ realistisches Zeugnis der damaligen Kultur und Literatur von höchsten Niveau in einem sind. Dafür ist dieser erste Band mehr als ein gelungener Einstieg.

Nimrods letzte Jagd

Der alte Orient im frühen 6. Jahrhundert vor Christus: Nach dem Untergang des mächtigen Assyrischen Reiches kämpfen verschiedene Mächte um die Vorherrschaft. Das Bündnis zwischen den Medern und dem Neubabylonischen Reich unter Nebukadnezar II. ist zunehmend brüchig, zahlreiche mittlere Völker – Griechen, Lyder, Skythen, Perser, aber auch Ägypten und Juda – konkurrieren um die Macht. Vor diesem Hintergrund nun spielt Josef Nyárys historischer Roman „Nimrods letzte Jagd“.
Einst war Dagon ein Feldherr des Assyrischen Reiches – nun, zwanzig Jahre nach dessen Fall, verlebt er seinen Lebensabend auf Zypern. Bis, ausgerechnet am Fest der Ischtar, eine Truhe mit dem Kopf seines Sohnes bei ihm eintrifft, die das Siegel des Mederkönig Kyaxares trägt. So macht sich Dagon nun auf, seine alten Gefährten aus assyrischen Tagen um sich zu versammeln und Rache für den Mord an seinem Sohn zu nehmen. Ihr Weg führt sie durch den ganzen alten Orient – und zunehmend zeichnet sich ab, dass nicht jeder der ist, der er zu sein vorgibt …
Ob nun Sprachstil, Beschreibung der Schauplätze oder die zahlreichen historischen Gestalten – Nyáry beweist eine beeindruckende Vertrautheit mit den geschichtlichen Ausgangsstoffen und lässt den Leser allzu lebendig in die Geschichte eintauchen. Natürlich wird vieles von all dem fiktionale Ausgestaltung sein und einer strengen wissenschaftlichen Kritik kaum standhalten – doch die im Genre nötige Qualität wird schon dadurch erreicht, dass man Fakt und Fiktion kaum voneinander trennen kann. Aus diesen Grundlagen wird eine komplexe, gar epische Geschichte gewoben, die trotzdem folgerichtig und durchweg spannend bleibt. Brillant sind gleichsam das durchdachte Netz der teils fiktiven, teil historischen Akteure und ebenso die szenische Inszenierung, die trotz der weit gespreizten Handlung ohne wirkliche Längen und Durststrecken auskommt. Soweit ein mehr als großartiger Roman mit Genialität in zahlreichen Dimensionen, den zu lesen eine wirkliche Freude ist.
Doch bei all dem bleibt ein Aspekt, wo sich der Autor völlig verrennt, je nach Vorprägung des Lesers bis ins Abstoßende gehend – nämlich die religiöse Dimension. Völlig ahistorisch wird das exilische Judentum gleichartig einem neuzeitlichen, evangelischen Pseudochristentum dargestellt, samt Pazifismus und Ethik mit Teufel und Jenseits. Das grenzt, wenn man zum Vergleich die Bibel kennt, ans Groteske, wenn etwa kranke Misanthropen wie die Propheten Jeremia und Ezechiel (die in ihren Schriften noch die ganze Welt brennen sehen wollten) als moralisch überlegene Pazifisten dargestellt werden. Zu guter Letzt wird dieses erstaunlich missionarische Proto-Christentum zur ultimativen Wahrheit und letzten Erkenntnis hochstilisiert, die natürlich nur die gewaltaffinen, ewiggestrigen Heiden nicht einsehen. Wirklich schade, wo doch Josef Nyáry in seinem Buch „Die Vinland-Saga“ schon eine wesentlich neutralere und historisch angemessenere Sichtweise auf das Christentum zeigte. Doch gerade bei dem Ausmaß, das diese religiöse Heuchelei zum Ende des Romans hin annimmt, kann man einfach nicht mehr darüber hinwegsehen – es bleibt auf ewig der bittere Nachgeschmack der Erkenntnis, dass hier ein Werk von höchstem Potenzial verdorben wurde.