Buchrezensionen

Jenseits von Top Secret

Das Thema UFOs wird von vielen Menschen belächelt. Ein oberflächlich nicht aus der Luft gegriffenes Urteil, wo doch der Großteil der einschlägigen Literatur keinesfalls die Maßstäbe von Wissenschaftlichkeit erfüllt, ja mehr noch, die Grenzen hin zu Esoterik und Verschwörungstheorien oft fließend sind. Eine allzu willkommene Abwechslung bietet da „Jenseits von Top Secret“, das Monumentalwerk des UFO-Forschers Timothy Good. „Eine Dokumentation“ steht schon auf dem Cover – und genau das ist es. Auf 700 Seiten sind unzählige Augenzeugenberichte und Dokumente zusammengetragen, die umfassend die Masse der UFO-Sichtungen seit den 30er Jahren illustrieren. Einen Schwerpunkt nimmt dabei die Rolle der Geheimdienste und Regierungen ein. Interessieren diese sich für das UFO-Phänomen – halten sie womöglich gar Informationen vor der Öffentlichkeit zurück? Besonders ersteres kann ohne Zweifel bejaht werden, letzteres scheint zumindest in Teilen wahrscheinlich. Zu zahlreichen Aussagen von Politikern oder Geheimdienstangestellten kommen Geheimdienstdokumente, die auf Anfrage freigegeben wurden. Darüber hinaus bleibt ein riesiger Korpus weiterer dokumentierter Sichtungen von UFOs, größtenteils im Originalwortlaut, darunter auch unzählige, die auf (Militär-)Piloten zurückgehen oder sich zugleich auf Beobachtungen mehrerer Menschen oder gar Instrumente stützen können. All das ergibt letztlich ein gewaltiges Werk, das sehr gut als Übersicht über das gesamte Phänomen dienen kann – obgleich die abgedruckten doch nur einen kleinen Teil der buchstäblich zehntausenden existierenden Quellen ausmachen. Weitgehend ausgeklammert wird dabei jedoch der Aspekt der angeblichen Alien-Entführungen, deren Glaubwürdigkeit ohnehin als deutlich geringer einzuschätzen sein dürfte. Überhaupt hält sich der Autor begrüßenswerter Weise weitgehend zurück mit Interpretationen, Theorien und Beschuldigungen, wie sie in diesem Genre leider allzu weit verbreitet sind, und lässt stattdessen einfach die Quellen sprechen. Das macht „Jenseits von Top Secret“ trotz des kontroversen Themas zu einem wertvollen wissenschaftlichen Beitrag. Auf der anderen Seite aber: Es ist eine dementsprechend trockene Lektüre, extrem zäh und langweilig. Ein Buch, das man weniger zur Unterhaltung liest, als vielmehr zur Erweiterung des eigenen Horizontes. Und hat man das schließlich durchgezogen, so ist man in Anbetracht der erdrückenden Zahl von Belegen durchaus um einige Erkenntnisse reicher: Das UFO-Phänomen existiert, physisch und empirisch – und zahlreiche Regierungen interessieren sich seit Jahrzehnten dafür. Auf einem anderen Blatt indes steht, ob die Informationen, die Staaten mutmaßlich zurückhalten, tatsächlich ein nennenswert neues Licht auf die Sache werfen würden, und natürlich, ob es sich bei UFOs tatsächlich um außerirdische Raumschiffe handelt – denn das ist, obgleich bislang nicht wirklich eine bessere Erklärung vorgelegt wurde, eine nicht nur gewagte, sondern auch unbelegte Hypothese. Viele Fragen bleiben offen, viel wissenschaftliche Arbeit ist auf diesem Gebiet noch zu leisten. Doch was immer noch vor uns liegt – Timothy Goods „Jenseits von Top Secret“ dürfte als Meilenstein der UFO-Forschung zählen. Auch wenn es sich, bildlich gesprochen, um wissenschaftliches Schwarzbrot handelt.

Rüdiger Nehberg: Die Autobiographie

Manche Leute sind einfach erstaunlich. Einer davon ist Rüdiger Nehberg: Angefangen als Bäcker, mauserte er sich zum Survival-Experten, der u.a. ohne Ausrüstung durch ganz Deutschland marschierte, schrieb zahlreiche Bücher und engagiert sich – erstaunlich erfolgreich – als Aktivist für Menschen in der 3. Welt. Ein Mann, dessen Autobiografie dementsprechend vielseitig und unterhaltsam ausfällt. Tatsächlich handelt es sich bei dieser nicht nur um eine Rekapitulation des ganzen bisherigen Lebens, sondern auch eine gewisse Vorstellung zahlreicher derer Projekte, die er im Laufe der schon über siebzig Jahre in Angriff nahm: Reisen ab der Jugendzeit und sein lebenslanges Interesse für Schlangen ebenso wie anspruchsvolle Reisen an die erstaunlichsten Orte, Engagement für die Yanomami-Indianer des brasialianischen Regenwaldes und der Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung in Nordostafrika. Und doch ist es kein moralistisches Buch – sondern eines, das nur allzu bodenständig gelebten Idealismus zelebriert. Auch der Schreibstil ist weitgehend zu loben: Nehberg beweist durchweg guten Humor und einen Sinn für flüssige Erzählen, auch wenn die Sätze doch tendenziell eher kurz ausfallen (was, wie darin erläutert, wohl auf eine Empfehlung zur besseren Vermarktbarkeit zurückzuführen ist).
Ich hatte ansonsten bislang noch keine Autobiographien gelesen (das kommunistische Propagandawerk „Wie der Stahl gehärtet wurde“ zählt hoffentlich nicht), geschweige denn nennenswertes Interesse daran. Dieses Buch aber hat sich ohne jeden Zweifel gelohnt. Unterhaltsam und spannend, weil real, zum Nachdenken anregend und in mancher Hinsicht aufklärerisch. Das Buch eines Mannes, der wirklich etwas zu erzählen hat.

Isländersagas 1

Während sich im Deutschland des Mittelalters die Dichter vorwiegend für Ritter und Minne begeisterten, entstand im spärlich besiedelten Island eine ganze Literaturgattung, die bis heute nichts von ihrem Reiz verloren hat: Die Sagas. Anders als viele andere Texte dieser Zeit durchweg in (auch jetzt noch gut lesbarer) Prosa abgefasst, berichteten die meist anonymen Autoren von großen Kriegern, die in ferne Länder aufbrachen, um Ruhm und Reichtum zu erwerben, von Streitigkeiten zwischen Bauern, die in Rechtsprozessen und blutigen Fehden endeten, von historischen Ereignissen wie der Entdeckung Islands, Grönlands und Amerikas sowie der Christianisierung Islands, ja bisweilen gar von unverwundbaren Berserkern und Wiedergängern. Auszeichnen tun sich die Sagas vor allem durch ihre schnörkellose, pragmatische Sprache und ihre allzu historische (bzw. historisch wirkende) Verankerung im Leben von Menschen, die wirklich gelebt haben oder gelebt haben könnten. So zeigen die Sagas auch keinen durchkonzipierten Handlungsbogen, sondern berichten gnadenlos die familiäre Vorgeschichte sowie Nebenstränge der Ereignisse und machen nicht vor (aber auch nicht immer direkt nach) dem Tod des Helden Halt.

Zur Freude aller an historischer Literatur interessierten Leser brachte der Fischer-Verlag einen ganzen Korpus von Sagas (ob tatsächlich alle, ist mir nicht bekannt) in vier Bänden heraus (zuzüglich einem fünften mit Hintergrundinformationen). Der erste ist mit 912 Seiten und einem Preis von 32€ der dickste und kostspieligste – doch beides stellt sich beim Lesen als allzu berechtigt heraus. Enthalten sind neben mehreren kürzeren Erzählungen – etwa denen von Gunnlaug Schlangenzunge, Hühner-Thorir oder dem kriegerischen Björn aus dem Hítardal – auch die zwei wohl längsten und möglicherweise bekanntesten Sagas: Die „Saga von Egill Skallagrimsson“ beschreibt das für einen Sagahelden ungewöhnlich lange Leben des Kriegers und Sklalden Egill, der gleichsam durch seine Kampfeskraft und seinen ambivalenten Charakter hervorsticht. Die längste Saga überhaupt indes ist „Brennu-Njálls Saga“. In ihr geht es vor allem um die Fehde zwischen zwei Höfen, der nacheinander zahlreiche Männer zum Opfer fallen – obwohl der weise alte Mann Njall in diesem „Gerichtsthriller des Mittelalters“ stets um juristischen Ausgleich bemüht ist. Mit unter anderem diesen beiden Meisterwerken der Weltliteratur versammelt der erste Band einen gewaltigen und mehr als repräsentativen Korpus der alten Isländersagas. Zu den bloßen Texten kommen noch in großem Maße Anmerkungen etwa zu bestimmten Begriffen und jeweils eine knappe Einführung vor jeder Saga, wodurch sich der Kontext besser erschließt. Fachspezifisches Vorwissen ist zum Verständnis nicht vonnöten – mitbringen muss der Leser nur das nötige Interesse. Anstrengend und unübersichtlich sind natürlich immer die den Sagas so eigenen langen Genealogien, doch ansonsten lesen diese sich erstaunlich flüssig. Kaum eine andere vorneuzeitliche Literaturtradition, mag man fast meinen, ermöglicht – abseits aller heroischen und mythischen Stoffe – einen so lebendigen Einblick in die Lebenswirklichkeit eines vergangenen Volkes wie die Sagas, die ein relativ realistisches Zeugnis der damaligen Kultur und Literatur von höchsten Niveau in einem sind. Dafür ist dieser erste Band mehr als ein gelungener Einstieg.

Nimrods letzte Jagd

Der alte Orient im frühen 6. Jahrhundert vor Christus: Nach dem Untergang des mächtigen Assyrischen Reiches kämpfen verschiedene Mächte um die Vorherrschaft. Das Bündnis zwischen den Medern und dem Neubabylonischen Reich unter Nebukadnezar II. ist zunehmend brüchig, zahlreiche mittlere Völker – Griechen, Lyder, Skythen, Perser, aber auch Ägypten und Juda – konkurrieren um die Macht. Vor diesem Hintergrund nun spielt Josef Nyárys historischer Roman „Nimrods letzte Jagd“.
Einst war Dagon ein Feldherr des Assyrischen Reiches – nun, zwanzig Jahre nach dessen Fall, verlebt er seinen Lebensabend auf Zypern. Bis, ausgerechnet am Fest der Ischtar, eine Truhe mit dem Kopf seines Sohnes bei ihm eintrifft, die das Siegel des Mederkönig Kyaxares trägt. So macht sich Dagon nun auf, seine alten Gefährten aus assyrischen Tagen um sich zu versammeln und Rache für den Mord an seinem Sohn zu nehmen. Ihr Weg führt sie durch den ganzen alten Orient – und zunehmend zeichnet sich ab, dass nicht jeder der ist, der er zu sein vorgibt …
Ob nun Sprachstil, Beschreibung der Schauplätze oder die zahlreichen historischen Gestalten – Nyáry beweist eine beeindruckende Vertrautheit mit den geschichtlichen Ausgangsstoffen und lässt den Leser allzu lebendig in die Geschichte eintauchen. Natürlich wird vieles von all dem fiktionale Ausgestaltung sein und einer strengen wissenschaftlichen Kritik kaum standhalten – doch die im Genre nötige Qualität wird schon dadurch erreicht, dass man Fakt und Fiktion kaum voneinander trennen kann. Aus diesen Grundlagen wird eine komplexe, gar epische Geschichte gewoben, die trotzdem folgerichtig und durchweg spannend bleibt. Brillant sind gleichsam das durchdachte Netz der teils fiktiven, teil historischen Akteure und ebenso die szenische Inszenierung, die trotz der weit gespreizten Handlung ohne wirkliche Längen und Durststrecken auskommt. Soweit ein mehr als großartiger Roman mit Genialität in zahlreichen Dimensionen, den zu lesen eine wirkliche Freude ist.
Doch bei all dem bleibt ein Aspekt, wo sich der Autor völlig verrennt, je nach Vorprägung des Lesers bis ins Abstoßende gehend – nämlich die religiöse Dimension. Völlig ahistorisch wird das exilische Judentum gleichartig einem neuzeitlichen, evangelischen Pseudochristentum dargestellt, samt Pazifismus und Ethik mit Teufel und Jenseits. Das grenzt, wenn man zum Vergleich die Bibel kennt, ans Groteske, wenn etwa kranke Misanthropen wie die Propheten Jeremia und Ezechiel (die in ihren Schriften noch die ganze Welt brennen sehen wollten) als moralisch überlegene Pazifisten dargestellt werden. Zu guter Letzt wird dieses erstaunlich missionarische Proto-Christentum zur ultimativen Wahrheit und letzten Erkenntnis hochstilisiert, die natürlich nur die gewaltaffinen, ewiggestrigen Heiden nicht einsehen. Wirklich schade, wo doch Josef Nyáry in seinem Buch „Die Vinland-Saga“ schon eine wesentlich neutralere und historisch angemessenere Sichtweise auf das Christentum zeigte. Doch gerade bei dem Ausmaß, das diese religiöse Heuchelei zum Ende des Romans hin annimmt, kann man einfach nicht mehr darüber hinwegsehen – es bleibt auf ewig der bittere Nachgeschmack der Erkenntnis, dass hier ein Werk von höchstem Potenzial verdorben wurde.

In Ewigkeit

Es ist schwer, das Genre des Werkes „In Ewigkeit“ von Ian Cushing genau einzugrenzen: Drama, philosophisches Werk, irgendwie zu einem gewissen Teil auch Mystery und Psychothriller – all das steckt in diesem Büchlein von 196 Seiten.
Die erste Hälfte ist das autobiografische Manuskript eines Mannes, der gerade durch eine neue Lebensweise der Spontanität einen Ausweg aus seiner allgemeinen Sinnkrise gefunden zu haben scheint – nur um dann erneut Opfer eines traumatischen Schicksalsschlages zu werden. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Zurechtkommen mit einem solchen Verlust, mündend aber in einem ganz neuen Blick auf das Thema Jenseits . Die zweite Hälfte dann stellt die Vorgeschichte der ersten dar – in Form des schon zuvor erwähnten Tagesbuches des Protagonisten, das dessen geistige Entwicklung dokumentiert. Hemmungslos realistisch werden wir Zeuge eines existenzialistischen Geistes, der zunehmend die Kontrolle über sein zur Qual gewordenes Leben zurückzugewinnen versucht – und dabei, in seinem Nihilismus alle klassische Moral hinterfragend, sogar zum Mörder wird. Dieser zweite Abschnitt wurde tatsächlich schon zuvor eigenständig unter dem Titel „Fünf Minuten – Ein Tagebuch“ veröffentlicht – doch diese jetzige Erweiterung ist alles andere als schädlich, sondern vielmehr eine interessante Weiterführung.
Obwohl ein Großteil des Werkes weniger der Sachhandlung, als vielmehr der Psyche des Protagonisten gilt, liest sich „In Ewigkeit“ nur allzu flüssig weg – was nicht zuletzt an der beachtlichen Sprachbeherrschung des Autors liegt, der sein Werk mit allerlei Zynismus, Anspielungen und innovativen Sprachbildern füllt. Besonders der unspektakuläre, mit klassischer Dramaturgie brechende Charakter des Tagebuchteils verleiht der Geschichte eine allzu realistische Verortung im hiesigen Leben. Zwar gefiel mir diese zweite Hälfte subjektiv besser (wohl auch wegen der offenen Amoralität), doch auch die erste hat seinen ganz eigenen Reiz und ist ohnehin zu kurzweilig, um jemals Längen aufkommen zu lassen.
So ergibt all dies zusammen ein zwar unkonventionelles, aber gleichsam tiefes und unterhaltsames Werk. Zwar mag der Tod die einzige Gewissheit sein, wie schon unser existenzialistischer Protagonist erkennt, doch immerhin bleibt vorher meist noch genügend Zeit für solche Bücher. Ein Lichtblick in dieser allzu düsteren Welt.

Drachenfeind (Die Feuerreiter seiner Majestät 8)

„Drachenfeind“ ist der nunmehr achte Teil der historischen Fantasy-Serie „Die Feuerreiter seiner Majestät“ von Naomi Novik, die unter Beteiligung von Drachen die napoleonischen Kriege nacherzählt.
Diesmal werden die Protagonisten nach China entsandt, um mit dieser mächtigen Nation ein Bündnis gegen Napoleon zu schmieden. Unpraktischer Weise jedoch erleiden sie vor Japan Schiffbruch. Drachenkapitän Laurence kann sich auf das japanische Festland retten – doch er hat sein Gedächtnis verloren und erinnert sich nicht länger an die bisherigen Abenteuer mit seinem Drachen Temeraire. Er findet seine Gefährten wieder (diesbezüglich lügt übrigens der Klappentext), doch man ist einander weiterhin fremd. Anstatt aber ihre Beziehung wieder auf Kurs zu bringen, liegen zunächst andere Herausforderungen an – das Bündnis mit China, die dortigen Intrigen und natürlich Napoleon, der gerade gegen Russland marschiert.

Zunächst freilich kommt das Buch etwas langsam in Gange. Ist aber der erste Teil überwunden, liest sich der Rest denkbar flüssig weg, die über 500 Seiten verfliegen förmlich. Bei den vorigen Bänden fehlte es mir persönlich etwas an Action (zugunsten umso längerer Reiseszenen etc.) – dies gilt auch hier zunächst, gleicht sich im späteren Verlauf der Handlung aber wieder aus. Einen besonderen Reiz hat der letzte Teil, der in Russland spielt – hier gelingt es der Autorin hervorragend, den Krieg als tödliches Katz-und-Maus-Spiel zu inszenieren, das gleichzeitig die persönlichen Protagonisten und den allgemeinen Verlauf im Auge behält. Leider endet der Roman schließlich mit einem recht offenen Ende ohne wirklichen Höhepunkt, wo direkt zum nächsten Teil übergeleitet wird. Die Spannung freilich ist auszuhalten, da dem Leser höchstwahrscheinlich ohnehin durch die reale Geschichte der Ausgang gespoilert wurde.
Letztendlich hält „Drachenfeind“ die Qualität der Vorgänger, die letzten Bände vielleicht sogar überbietend. Auf den nächsten Teil also kann man gespannt sein.

Das Buch der verschollenen Geschichten 1 & 2

So manche begeisterte Leser des „Herrn der Ringe“ beginnen irgendwann einmal das „Silmarillion“ und sind wenig später frustriert über Stil und Komplexität des Werkes. Weniger bekannt: Von den meisten im Silmarillion erzählten Geschichten existieren noch ältere, detaillierter ausformulierte Fassungen, die J. R. R. Tolkien in früheren Jahrzehnten lange vor seinen berühmten Romanen niederschrieb. Obwohl zeitlebens unveröffentlicht und als Gesamtwerk nie vollendet, sind die meisten dieser „Verschollenen Geschichten“ doch inhaltlich vollständig und lesbar. Eingebettet sollten sie ursprünglich in eine Rahmenhandlung sein, die von dem Seefahrer Eriol erzählt, welcher auf der fernen Insel Tol Eressa bei den Elben landet und sich deren Mythologie bzw. Geschichte erzählen lässt. Freilich gibt es gerade bei den Übergängen zwischen den Geschichten so einige Lücken; auch sind einige der in der Mitte eingeplanten Geschichten letztlich nie geschrieben worden. Das Ergebnis: Einleitende Bemerkungen vor und ein zig Seiten langer Kommentar nach einem jeden Text, indem Christopher Tolkien, Sohn des Autors und Herausgeber, die komplexe Quellenlage darlegt, Hintergründe erläutert und die Texte mit anderen Varianten, Konzeptentwürfen und den späteren Fassungen im Silmarillion abgleicht. Das ist mitunter interessant, doch bisweilen dürfte ein bloßes Überfliegen der zahlreichen Kleinigkeiten dem Lesegenuss zuträglicher sein.
Doch all das soll nicht vom Kern des in zwei Teilen veröffentlichten Werkes ablenken, den Geschichten nämlich. Jene im ersten Band berichten vor allem von der Erschaffung und Formung der Welt durch die Valar (~Götter) – der Gesang der Ainur, die ersten Konflikte mit dem abtrünnigen Melko (später Melkor/Morgoth), Erschaffung und Zerstörung der zwei Bäume von Valinor et cetera. Zugegeben, diese Texte sind trotz des visionär-atmosphärischen Stils oft langatmig (etwa wenn genauestens die Behausungen von allen hohen Valar beschrieben werden). Ob man nun diese detaillierten Fassungen oder die gekürzten im Silmarillion bevorzugt (oder, Ilúvatar verhüte, keine von beiden!), ist wohl Geschmackssache.
Etwas anders sieht es beim zweiten Teil der „Verschollenen Geschichten“ aus, bei dem der Schwerpunkt auf den Heldengeschichten des 1. Zeitalters liegt. So finden wir hier alle drei großen Erzählungen: die von Beren und Luthien (zu diesem Zeitpunkt noch „Tinúviel“), die von Túrin Turambar und jene vom Fall Gondolins, alle drei vollständig und ausformuliert. Die Geschichte von Tinúviel ist nicht so viel ausführlicher als jene spätere Fassung im Silmarillion, unterscheidet sich jedoch in einigen Handlungselementen von jener – man kann sie schwerlich als besser oder schlechter bewerten. Hingegen unterscheidet sich die Túrin-Geschichte inhaltlich eher wenig von der späteren Fassung (in „Nachrichten aus Mittelerde“ und geglättet/rekonstruiert in „Die Kinder Húrins“), ist aber etwas kürzer – wenn auch noch ausführlicher als jene im Silmarillion. Wo indes eindeutig die „Verschollenen Geschichten“ hervorragen, ist „Der Fall von Gondolin“ (im Silmarillion in wenigen Sätzen abgefrühstückt und auch sonst in keiner anderen vollständigen Fassung erhalten). Diese Schilderung der Eroberung der Elbenstadt Gondolin durch die Truppen Morgoths von Novellenlänge stellt meines Erachtens den besten Teil der „Verschollenen Geschichten“ dar. Hier ist die Atmosphäre nicht abgehoben-mythologisch wie bei manch anderen Texten, sondern allzu lebendig direkt im Geschehen verwurzelt, vom Spannungs- und Unterhaltungswert auf einer Stufe mit den ausgereiften Meisterwerken Tolkiens (besonders bemerkenswert: die an moderne Panzer erinnernden mechanischen Drachen).
Ohne jeden Zweifel: Die „Verschollenen Geschichten“ sind etwas für Nerds, schon allein des massiven philologischen Kommentars wegen. Mutmaßlich dürfte auch das Verständnis ohne ein gewisses Vorwissen zum 1. Zeitalter durchaus erschwert sein. Im Verhältnis zum Silmarillion indes stellen die „Verschollenen Geschichten“ weder eine „eingängigere“ Alternative noch eine bloße überflüssige Frühfassung dar; vielmehr haben beide Werke ihren eigenen Reiz und erleichtern wiederum das Verständnis des jeweils anderen. Für solche schließlich, die liebend gerne in die Tiefen phantastischer Welten eintauchen (und ich meine: TIEFEN), sind diese frühen, doch bemerkenswert ausgereiften Tolkien-Werke eine Goldgrube. Definitiv verdienen es die „Verschollenen Geschichten“, in einer Reihe mit den anderen großen Mittelerde-Werken genannt zu werden.

Kleine Anmerkung: Ich las die im als „Die Sagen von Mittelerde“ betitelten Sammelschuber enthaltene Ausgabe des Werkes. Über die wohl inhaltsgleiche, hier gezeigte Ausgabe vermag ich bzgl. Aufmachung etc. kein Urteil abzugeben.

Geschichten aus dem gefährlichen Königreich

Den Namen J. R. R. Tolkien verbindet man stets nur mit den berühmten Mittelerde-Erzählungen – tatsächlich aber umfasst dessen Werk noch einiges mehr, so etwa einige unabhängige, märchenhafte Fantasy-Geschichten. In dem Band „Geschichten aus dem gefährlichen Königreich“ liegen diese alle auf einem Haufen vor, zusammen mit einer Reihe von Gedichten.
Die erste Geschichte, „Bauer Giles von Ham“ ist eine etwas satirische Fantasy-Geschichte über einen Bauern, der unfreiwillig – und trotzdem erstaunlich erfolgreich – zum Bekämpfer von Riesen und Drachen avanciert. Locker zu lesen und geeignet für wohl alle Altersstufen, da harmlos aber nicht kindlich.
Anders „Roverandom“, eine hundert Seiten lange Erzählung, die offensichtlich für eine kindliche Zielgruppe konzipiert ist. Ob für erwachsene Leser geeignet, ist wohl Geschmackssache, doch die allgemeine Qualität dieser Geschichte über die Abenteuer eines verzauberten Hundes ist nicht zu bemängeln. „Der Schmied von Großholzingen“ und „Blatt von Tüftler“, die beiden übrigen Geschichten, sind etwas innovativer. Beide berichten einerseits recht nüchtern die erstaunlichen Schicksale der Protagonisten, leben zugleich aber maßgeblich von der märchenhaft-phantastischen Atmosphäre einzelner Passagen – zwar ohne die Ausstrahlung gewaltiger Brillanz, doch durchaus lesenswert.
Wenig sagen kann ich indes zu den außerdem im Buch enthaltenen Gedichten (von denen zwei von der aus dem „Herrn der Ringe“ bekannten Figur Tom Bombadil handeln) – schlichtweg mangels eines Sinns für Gedichte nämlich. Immerhin scheint die Übersetzung ins Deutsche weitgehend ganz gut gelungen.
Wenn man die „Geschichten aus dem gefährlichen Königreich“ nicht kennt, hat man weder als allgemeiner Leser noch als Mittelerde-Interessierter etwas verpasst. Doch unterhaltsam sind sie schon – und für wirkliche Tolkien-Fans sowieso unvermeidbar. Gerade auch als (Vorlese)Buch für Kinder mag das Werk sehr wohl Qualität haben; zu loben ist außerdem natürlich die hochwertige Ausgabe samt Illustrationen, die sich gut neben manch anderen Tolkien-Werken im Regal einfügt.

The Best of SNAFU: Military Horror

Selbst erfahrene Kämpfer treffen bisweilen auf Bedrohungen, für die sie nicht ausgebildet wurden: Zombies, Riesenskorpione, Zeitreisende Zwerge, Mongolische Todeswürmer. All dies findet sich in „The Best of SNAFU“, einer Auswahl der (mutmaßlich) besten Geschichten der gleichnamigen Reihe, von der ich zuvor noch nie gehört hatte. Acht Erzählungen sind es insgesamt, in ihrer Länge rangierend zwischen Kurzgeschichte und Novelle, vereint auf über 470 Seiten. „Military Horror“ ist der Untertitel und wohl eine Art genauere Genrebeschreibung. In der Tat haben die Geschichten militärischen Kontext und entsprechende Protagonisten, zum Glück aber ohne nennenswerte „Militärromantik“ und entsprechenden Pathos. Als Horror indes würde ich das Genre nicht wirklich bezeichnen, vielmehr handelt es sich um Action mit Fantasy- oder Science-Fiction-Elementen. Tatsächlich gelingt es sämtlichen Autoren dabei, ein richtiges Maß zu finden: Durchweg hält sich die Spannung wie in einem Thriller, der keine Pause einlegt, meist in geradlinigen Plots ohne wirkliche Sprünge, doch trotz aller Action ohne in stupiden Trash abzugleiten. Dafür haben die Stories auch genau die richtige Länge, sodass sich in einem Rutsch durcherzählen und dabei trotzdem eine angemessene Handlung aufbauen lässt. Es ist schwer zu sagen, welche Geschichte am meisten besticht. Dafür sind sie eigentlich zu unterschiedlich, spielt doch die eine in einer klassischen Zombie-Postapokalypse, andere dagegen im Urwald Afrikas, der mongolischen Einöde, dem mittelalterlichen Skandinavien oder gar der Zeit der Kreuzzüge. Es wäre verfehlt, allzu tiefgehende Gedanken und Handlungen zu erwarten – was das Buch indes verspricht, das liefert es: Nämlich dynamische Unterhaltung ohne Durststrecken, professionell geschrieben und fachlich fundiert, wo erforderlich, aber vor allem spannend vom Anfang bis zum Ende.