Buchrezensionen

Verbotene Ägyptologie

Schon Herodot war fasziniert von der uralten ägyptischen Hochkultur – und bis heute hat sich wenig daran geändert. So ist wohl auch keine andere Zivilisation mit so vielen grenz- und pseudowissenschaftlichen Theorien verbunden. Besonders die Pyramiden von Gizeh mussten schon für manchen erstaunlichen Zweck herhalten – als Kraftwerke, Kornspeicher, vorsintflutliche Archive oder gar Landemarkierungen für Außerirdische. Ein Paradefall für die grenzwissenschaftliche Ägyptenrezeption ist zweifellos das Werk „Verbotene Ägyptologie“ von Erdogan Ercivan. Die darin aufgestellten Thesen sind relativ schnell umrissen: Es gab schon vor Urzeiten eine hochtechnisierte Zivilisation als Vorläufer des antiken Ägypten, die etliche Jahrtausende vor die ersten bekannten Hochkulturen zurückreicht. Alle nennenswerten kulturellen Erfindungen wurden zuerst von dieser Kultur oder aber den Ägyptern gemacht, einschließlich Strom, Radioaktivität und der Entdeckung Amerikas und Australiens. Pyramiden und Sphinx sind natürlich viele Jahrtausende älter und auf keinen Fall von Cheops oder Chephren erbaut. Und bis heute gibt es systematische Bestrebungen, dieses Wissen zu unterdrücken, wobei die Vertreter der akademischen Wissenschaft keine Ahnung haben und/oder bewusst alle neuen Erkenntnisse vertuschen.

Wer nun auf den ersten Blick plausible Archäologie-Mystik im Stile Erich von Dänikens erwartet, wird herbe enttäuscht – diese Qualität nämlich erreicht Ercivan bei weitem nicht. So scheitert sein Werk zunächst einmal schon an der Form: Es gibt nicht wirklich abgegrenzte Kapitel oder Argumentationsgänge – vielmehr wird rein assoziativ von einem Gedanken zum benachbarten nächsten gesprungen, wie man es normalerweise allenfalls in einem Einleitungskapitel praktiziert: A ist so, A hängt zusammen mit B, B erinnert an C, in Quelle C fand man aber auch Information D … Insofern enthält das Buch zwar sehr viele, auch richtige Informationen zu unserer Vorgeschichte – doch sind diese zumeist für die (sollte man meinen) zugrundeliegende Argumentation völlig irrelevant. Oft wird gar nicht klar, was genau Ercivan mit einer Information eigentlich belegen will – stringente Beweisführungen sucht man weitgehend vergebens.

So dauert es auch über hundert Seiten, bis erstmalig tatsächlich (mutmaßliche) Funde präsentiert werden, die das etablierte wissenschaftliche Weltbild ins Wanken bringen könnten; bis dahin bleibt es überwiegend bei Behauptungen, Suggestivfragen und traditionell verschwörungstheoretischem Wissenschaftler-Bashing. Dabei kristallisieren sich einige charakteristische Argumentationsmuster heraus: Etwas hat irgendwie Ähnlichkeit zu einem Sachverhalt der altägyptischen Kultur, also stammt es ursprünglich aus dieser. Ein Wort klingt ähnlich wie ein beliebiges ägyptisches Wort, also ist das Ding eine ägyptische Erfindung – und die Bedeutung des ägyptischen Wortes verrät weiteres über seine Eigenschaften. Irgendetwas wurde irgendwann einmal von einem Wissenschaftler geschrieben – also kann man es je nach Fasson als unzweifelhaftes Faktum oder als Beweis für den Irrtum der gesamten wissenschaftlichen Zunft sehen. Eine weitere Eigenart Ercivans ist es, kuriose und beeindruckende, aber tatsächlich von niemandem in Frage gestellte Fakten als revolutionäre Erkenntnisse zu präsentieren, die die Wissenschaft nicht wahrhaben wolle – so beispielsweise die Zählsteine des altorientalischen Neolithikums (111), astronomische Kenntnisse und Schädeltrepanation in der Steinzeit etc. Wenn neue Funde alte Theorien widerlegen (das Grundprinzip der Wissenschaft), so stellt er dies suggestiv als Belege gegen die wissenschaftliche Lehrmeinung dar (die sich den neuen Belegen ja meist einfach anpasste).
Die sogenannte „Verbotene Archäologie“, mir zuvor nur als sensationsheischende Genre-Bezeichnung innerhalb der Grenzwissenschaften bekannt, ist Ercivan zufolge eine fast schon institutionalisierte Wissenschaft, die nur von einer kleinen Gruppe Eingeweihter praktiziert wird, welche sich an „vorherbestimmten Treffpunkten“ zur Diskussion kontroverser Funde zusammensetzen (92, 97). solcherlei verschwörungstheoretisches Gedankengut von geheimen Fraktionen und verheimlichten Fakten (natürlich nicht ohne im Kontext irrelevante Erwähnung der Freimaurer) zieht sich durch das ganze Buch.

Wo tatsächlich einmal Funde genannt werden, die den Theorien des wissenschaftlichen Mainstreams direkt widersprechen, da fehlen Quellen oder sind denkbar unscharf: „Darüber hinaus ist mir aus sicherer Quelle bekannt, daß in Gisr-el-Mudir eine unterirdische Anlage mit Tempelsäulen entdeckt wurde, die mit einem modern anmutenden Hydraulikmechanismus ausgestattet sind“ (93). Zwar gibt es sogar ziemlich häufig wörtliche Zitate im Text, von Wissenschaftlern und aus alten Überlieferungen – doch nur seltenst werden die exakten Quellen genannt, was diese Aussprüche faktisch unbrauchbar macht. Einzig Papyri werden öfters spezifisch benannt, mesopotamische Überlieferungen oder Aussagen von Wissenschaftlern hingegen nie. Aussagen von Wissenschaftlern gibt es dabei sehr wohl, bisweilen auch kritische – doch werden jene, selbst wenn sie Argumente nennen, stets trivial beiseite gewischt, allenfalls noch durch implizierte Verschwörungsthesen abgelehnt, während bestätigende Aussagen stets für bare Münze genommen werden, auch und gerade wenn sie nur Behauptungen und keine Argumente enthalten.
Auch wenn der Großteil des Buches aus rein assoziativ verbundenen Informationen ohne wirklichen argumentativen Wert besteht, so nennt Ercivan doch schließlich in der Tat einige Funde, die, wenn die vorgebrachten Aussagen stimmen, so manche bisherige Vorstellung von der Menschheitsgeschichte über den Haufen werfen würden. Darunter sind einerseits einige Klassiker, die immer wieder in den Grenzwissenschaften zitiert werden – wie die „Glühbirnen von Dendera“ und das Yonaguni-Monument -, aber auch einige, von denen ich zuvor nicht gehört hatte. Bei jenen handelt es sich überwiegend um Gebäude oder Schriftdenkmäler, denen schlichtweg ein wesentlich höheres Alter zugeschrieben wird als bislang, was sie jeweils in gewisse Perioden der Steinzeit (bzw. der hypothetischen vorzeitlichen Hochkultur) datieren würde. Dazu kann man jedoch in der Regel erst einmal wenig sagen, denn es fehlen explizite und verlässliche Quellen für die vorgebrachten Informationen. Sicherlich würde sich eine nähere Untersuchung und Diskussion so mancher dieser Funde lohnen – doch ist der Autor offensichtlich weder willens noch fähig dazu, zumal dies dem populärwissenschaftlichen Anspruch des Werkes schaden könnte. Manche Funde wie etwa das Megalithgrab von Newgrange werden zwar recht ausführlich dargestellt, bei anderen aber wundert die trotz potentiell revolutionärem Gehalt sehr oberflächliche, ja nebensächliche Darstellung (z.B. 144: Ägypter experimentierten mit Radioaktivität).

Und wie es in den Grenzwissenschaften Sitte ist, wenngleich nicht zwangsläufig so extrem, gilt bei Ercivan doch grundsätzlich jede Überlieferung oder These als glaubwürdig, wenn sie nur ein gewisses Alter hat. Seien es antike Mythen – oder auch andere alte, doch nicht SO alte Aussagen wie die eines arabischen Historikers des Mittelalters über die Pyramiden und die Sphinx sowie eines englischen Hofarchitekten des 16. Jhds. über die Ursprünge von Stonehenge (zu deren Zeiten die wahre Bedeutung der Monumente längst vergessen war). Keine Stelle aber bringt seinen Umgang mit Quellen besser auf den Punkt als folgende:

„Bezeichnenderweise will sich kein Wissenschaftler mit Reputation mit den in Mythen überlieferten Fakten ernsthaft beschäftigen. Dabei hätten sie durchaus eine Legitimation dafür. Denn bereits 1865 [sic!] schrieb der hochangesehene Professor Alfred Wollheim da Fonseca über seine unzähligen Untersuchungen zur Mythologie: ‚Derjenige hat keine Ahnung von der Bedeutung, der hier nur unsinnige Fabeln und schöne Allegorien erblickt. Die Mythologie ist etwa ganz anderes: Sie ist der erhabenste Ausdruck der erhabensten Wahrheit. Eigentlich ist sie sogar weit mehr: Sie ist auch die Urgeschichte der Menschheit.“ (133-134)

Merke: Wenn ein Mann vor über hundert Jahren in einem protowissenschaftlichen Zeitalter Mythen sehr erhaben fand, dann musst auch du sie ernst nehmen. Was Erdogan Ercivan indes von den von mir hier so sehnsüchtig bemühten wissenschaftlichen Standards hält, wird an anderer Stelle klar:

„Deshalb wimmelt es in philologischen Fachbüchern von Erläuterungen und der heutigen Gesellschaftsordnung angepaßten Interpretationsversuchen der Gelehrten, die entweder in eckigen Klammern stehen oder in den sogenannten Fußnotenteil verbannt werden. Der interessierte Leser versinkt bei seinem Studium an diesen Textüberlieferungen im tiefen Morast akademischer Wichtigtuerei!“

Abseits all dieser vielen methodischen Unschönheiten finden sich jedoch auch simple Sachfehler in dem Buch: Seite 56 etwa zeigt einen bekannten sumerischen Statuenkopf, ohne jede Begründung als „Das älteste Volk von Jericho“ betitelt (nein, die Sumerer hatten nichts zu suchen im Jahrtausende vor ihnen florierenden Jericho). Laut Seite 65 stammen Schnabeltiere von Nagern ab (aber wieso legen sie dann Eier?). Das babylonische Epos Enuma Eliš ordnet er völlig anachronistisch den (viel früheren) Sumerern zu (127), den Unhold Humbaba aus dem Gilgamesch-Epos beschreibt er entgegen den Überlieferungen als „feurigen Stier“ und zeigt dazu noch zwei Siegelbilder ohne jede Verbindung zum Gilgamesch-Epos (148f). Soweit nur einige, die direkt ins Auge springen.

Was also bleibt im Fazit? Erdogan Ercivan nennt in der Tat eine ganze Reihe faszinierender Funde und Überlieferungen. Indes machen es seine selektive Auswahl von Fakten, selektive und willkürliche Quellenbewertung, der Hang zur Postulierung von Zusammenhängen auf rein assoziativer Basis, zutiefst dogmatisch-verschwörungstheoretisches Gedankengut sowie vor allem das grundsätzliche Fehlen konkreter Belege unmöglich, irgendetwas von all dem ohne aufwendige eigene Recherchen ernst zu nehmen, selbst wenn es einem gelänge, aus der völlig unübersichtlichen und zusammenhanglosen Textstruktur ohne jeden roten Faden einen konkreten Gehalt zu extrahieren. Ein Buch also, das mehr über geistige Strömungen unserer Zeit aussagt als über das Zeitalter der alten Ägypter.

Draculas Erben

„Draculas Erben“ – ein wohl ziemlich selbsterklärender Titel für eine Horror-Anthologie, gerade wenn auch noch ein Vampir das Cover ziert. Denn ja, in diesem Buch geht es um Vampire. Ganze 33 Geschichten verschiedener Autoren zu dem Thema sind vertreten, was das Buch mit 400 Seiten zum bislang mit Abstand dicksten Ableger der Anthologien-Reihe „Dunkle Seiten“ im Verlag Twilightline macht.
Im Großen und Ganzen halten letztlich auch alle Geschichten ein gewisses Mindestniveau und unterhalten absolut solide, auch wenn bisweilen orthographische Fehler auffallen. Doch wenn man nach dem Lesen um eine Erkenntnis reicher ist, dann wohl um jene: Das Vampir-Genre ist mittlerweile ziemlich ausgelutscht. Spätestens seit Bram Stokers „Dracula“ ist der Vampir eine etablierte Größe in der dunklen Phantastik und brachte vielerlei interessante Neuinterpretationen hervor. Doch solche sind in der vorliegenden Anthologie mit wenigen Ausnahmen („Legenden“ und vielleicht noch „Friss den Clown“, letztere aber nur wegen des Clowns) eher nicht zu finden. Vielmehr bewegen sich alle im Rahmen des traditionellen Hollywood-Vampirs, der Blut saugt und nicht altert, zum Glück aber nicht in der Sonne glitzert. Kaum beherrschbarer Blutdurst, Vampirjäger, dunkle Parallelgesellschaften – alles wiederkehrende Motive in immer neuer Rekombination, die einen nicht mehr unbedingt mitreißen. So bleibt „Draculas Erben“ letztlich doch eher im Mittelmaß stecken – solide Geschichten, die treu ein stagnierendes Genre bedienen, ohne dieses aber erinnerungswürdig zu bereichern.

Mohamed: Eine Abrechnung

So energisch wie wohl nie zuvor in Deutschland wird zurzeit über den Islam gestritten. Letztlich eint nur eines die Rechten und ganz Linken, die Feinde und Befürworter: Sie haben von der Religion selbst denkbar wenig Ahnung, wie wohl der Großteil der abendländischen Bevölkerung. Umso mehr ein Grund, den Islam zu verstehen, will man über ihn urteilen – und damit fängt man am besten ganz am Anfang an, bei seinem Gründer. „Mohamed: Eine Abrechnung“ lautet der unmissverständliche Titel des Buches des bekannten Islamkritikers Hamed Abdel-Samad, in dem dieser Leben und Wirken des islamischen Propheten unter die Lupe nimmt.
Was dabei herauskommt, ist ein komplexes, aber plausibles Psychogramm eines Mannes, von dessen Persönlichkeit wir doch erstaunlich vieles wissen, obwohl er vor tausendvierhundert Jahren lebte. Selten der Koran, umso mehr aber die Hadithe – ein riesiger Korpus von Aussprüchen und Anekdoten über Mohamed – sowie andere mittelalterliche Quellen (etwa Biographien) geben Aufschluss über dessen Leben, Wirken und Psyche. Aufgewachsen als Waise ohne dauerhafte Bezugspersonen, zumal mit einer zweifelhaften Abstammung, gelangt der junge Mohamed erst durch Heirat mit der wesentlich älteren Khadidscha zu wirtschaftlichem Erfolg. Mit etwa vierzig Jahren beginnt, was Muslime Offenbarung, Psychologen wohl eher komplexe Wahnvorstellungen nennen. Nach Jahren des Misserfolgs bei der Verkündigung der neuen Lehre radikalisiert sich diese zunehmend, bis es der selbsternannte Prophet schließlich durch Überzeugung und Allianzen zum mächtigen Feldherrn bringt, der von Medina aus auch seine alte Heimat Mekka zurückerobert.
Abdel-Samads „Abrechnung“ mit dem für über eine Milliarde Menschen über alles heiligen Propheten ist schonungslos, bezweckt sie doch das, was dem Islam als äußerste Blasphemie entgegensteht: Seinen Begründer als Menschen zu betrachten. Als Menschen mit einer komplexen Psyche, in vielerlei Hinsicht krankhaft, doch auch deutlichen Wandlungen im Laufe des Lebens unterworfen, mit einem gestörten Verhältnis zu Frauen, das sich in gleichsam Angst und Besitzsucht äußert, in ständigem Wechselspiel mit einem imaginären Verbündeten, der die Auslebung tiefsitzender Fantasien möglich macht und legitimiert. Dabei wird weder der historische Kontext außer Acht gelassen, nicht zuletzt die Glaubwürdigkeit der verschiedenen Quellen, noch die konkreten Auswirkungen dieser einen Person und ihrer Rezeption auf die daraus entstandene Religion – bis heute. Vielleicht mögen Experten, die selbst genauso vertraut mit der komplexen Materie sind wie der Autor, zu manch anderen Schlüssen kommen – auf den interessierten Laien jedenfalls wirken sie glaubwürdig, gar zwingend. Man kann wohl mit Fug und Recht behaupten, dass es Hamed Abdel-Samad gelungen ist, in allgemeinverständlicher Sprache eine mehr als aufschlussreiche Analyse dessen zu schaffen, worauf der Islam tatsächlich basiert – nicht  rechtsextrem, rassistisch und polemisch, sondern rational und nüchtern. So wird auch der Koran als das betrachtet, was er ist – nicht ein reines Manifest von entweder Hass oder Liebe, wie es Feinde und Verteidiger des Islam jeweils behaupten, sondern der direkte Ausfluss einer sich wandelnden, teils spontanen und auch widersprüchlichen Psyche, eines (teils sehr gestörten) Menschen eben. Um ein wirklich zitierfähiges Standardwerk zu sein, hätte das Buch bisweilen mehr konkreter Quellenangaben auch bei allen Kleinigkeiten bedurft, so der vielleicht einzige Makel, doch hätte darunter womöglich die populärwissenschaftliche Lesbarkeit gelitten. Nichtsdestotrotz ist es ein Sachbuch, das man lesen sollte, gerade um sich im heutigen „postfaktischen Zeitalter“ der emotionalisierten Debatten eine Meinung zu bilden. Ein Affront gegen eine Weltreligion, doch ein absolut nötiger.

Michael Tellinger und die Anunnaki in Afrika: Kritik

Die sumerischen Götter waren tatsächlich Außerirdische – das wissen wir spätestens seit Zecharia Sitchins Präastronautik-Klassiker “Der zwölfte Planet“. Anunnaki nannten die alten Sumerer und Babylonier diese Besucher, die vor über 400 000 Jahren von ihrem Heimatplaneten Nibiru, der auf einer elliptischen Umlaufbahn von 3 600 Jahren die Sonne umrundet, zur Erde kamen und dort mittels Gentechnik den modernen Menschen schufen, auf dass dieser an ihrer statt die Mühsal des Bergbaus ertrage. All dies geht aus den uralten Keilschrifttexten der Sumerer hervor – meint zumindest Sitchin. Und mittlerweile eine ganze Reihe weiterer selbsternannter Forscher, die den Mut fanden, auch gegen die Dogmen der ignoranten Schulwissenschaft den Geheimnissen der Anunnaki nachzuspüren.
Einer dieser Herren ist Michael Tellinger, nach Klappentext des Kopp-Verlages „Autor, Wissenschaftler und Forscher“, der gleich zwei Bücher zum Thema verfasste: In “Die Sklavenrasse der Götter“ erklärt er, wie die Anunnaki den sumerischen Tontafeln (sprich: den zweifelhaften Behauptungen Zecharia Sitchins) zufolge den Menschen als Arbeitssklaven schufen und ihm ein ganzes Paket genetischer Deformationen mit auf den Weg gaben, von denen Grausamkeit, Sklaverei und Gier nach Gold nur einige sind. Im zweiten Buch “Die afrikanischen Tempel der Anunnaki“ meint Tellinger sogar, die von Sitchin postulierten Goldminen und Monumente der Anunnaki in Südafrika gefunden zu haben, und präsentiert dem interessierten Leser stolz einen farbenfrohen Bildband voller uralter Steinkreise. Endlich die von uns allen ersehnte Offenbarung über die lange verheimlichten Ursprünge der Menschheit? Oder doch nur das wirre Werk eines Autors, der bestenfalls als drittklassiges Imitat eines in der Fachwelt verspotteten Pseudowissenschaftlers gelten kann? Die nähere Untersuchung der beiden Werke tendiert stark zu letzterem Urteil.

Im Falle dieser beiden Bücher war es mit einfachen Rezensionen nicht getan – zu groß ist das Ausmaß der darin zur Schau gestellten fachlichen Inkompetenz, zu leicht und verführerisch die gnadenlose Widerlegung durch die Wissenschaft. So entstand nach der Lektüre von „Die Sklavenrasse der Götter“ („Die afrikanischen Tempel der Anunnaki“ hatte ich schon zuvor gelesen und kommentiert) eine umfangreiche Replik – zu den Thesen der Bücher, der Methodik des Autors, seinen Fehlern und nicht zuletzt dem überschaubaren wissenschaftlichen Gehalt.

Herunterzuladen ist das 27-Seiten-Werk genau hier: Michael Tellinger und die Anunnaki in Afrika

Wie schon mein Artikel zum Serapeum von Sakkara wurde auch diese Kritik auf der kritischen Infoseite Mysteria3000 veröffentlicht, wenn auch der Länge wegen in drei Teilen:

Teil I / Teil II / Teil III

Tore zur Unterwelt: Das Geheimnis der unterirdischen Gänge aus uralter Zeit

Unsere Welt birgt viele Rätsel. Doch kann es sein, dass in Österreich, also fast schon vor unserer Haustür, der Erdboden durchzogen ist von teils kilometerlangen Gängen, penibel in den harten Stein gehauen, so alt, dass niemand weiß, wer sie erbaut hat? Heinrich und Ingrid Kusch jedenfalls sind dieser Ansicht und haben dem mysteriösen Phänomen der „Erdställe“ ein hübsch aufgemachtes Buch gewidmet, „Tore zur Unterwelt“ (später folgte noch ein zweiter Band „Versiegelte Unterwelt“).
Und tatsächlich, das Werk macht auf den ersten Blick einen seriösen Eindruck: Keine Aliens oder andere plakative Thesen, nicht im Kopp-Verlag erschienen, die Autoren sind beides Wissenschaftler mit akademischer Vorgeschichte und Position.
Und in der Tat, das Phänomen der Erdställe ist real (was auch eigentlich niemand abstreitet). Unter zahlreichen Häusern insbesondere in der Steiermark finden sich niedrige Tunnel, oft mit engen Schlupflöchern, die geradewegs mitten hinein in den Fels führen. Schon seit über hundert Jahren wird darüber geforscht; die Wissenschaft favorisiert einen Ursprung als „Schutzräume“, in die sich die Bewohner etwa bei Überfällen zurückziehen konnten. Eine Annahme, die schwerlich der teils hunderte von Metern oder gar Kilometer langen Tunnel gerecht wird, die die Kuschs in ihrem Buch beschreiben, zumal sich aus dem Mittelalter keine schriftlichen Quellen zu ihrer Entstehung finden. Mehr noch, vor kurzem soll im alten Stift Vorau eine Karte aufgetaucht sein, die ein ganzes Tunnelsystem unter der Ortschaft skizziert. Und kann es ein Zufall sein, dass die weiten unterirdischen Tunnel sich mit zahlreichen darüber aufgestellten Lochsteinen, Menhiren der Megalithzeit, decken?
Wer das Buch so liest, ohne sich ganz genau auf alle Einzelheiten zu konzentrieren, der bekommt in der Tat den Eindruck, hier habe man ein archäologisches Rätsel aus grauer Vorzeit vor sich, das noch am ehesten von einer verschwunden Hochkultur zeugt, die es niemals gegeben haben dürfte. (Aliens? Atlantis? Zwerge? Das bleibt der eigenen Fantasie überlassen.) Doch bei näherer Betrachtung fallen einem gewisse Unstimmigkeiten auf. Worauf basiert die dreidimensionale Grafik der Gänge unter Stift Vorau, wenn diese doch, wie im Text erwähnt, alle mit Erdreich verfüllt und daher unzugänglich sind? Woher kennen die Autoren die Maße eines unterirdischen Raumes, der nur mit einer Bohrung angeschnitten wurde? Wieso gibt es keine trockenen Zahlen und unverständliche Bilanzen naturwissenschaftlicher Untersuchungsmethoden wie Bodenradar oder Radiokarbondatierung?
Im Endeffekt stellt sich heraus, dass es sich bei dem gesamten Werk, obwohl schön aufgemacht mit den zahlreichen Fotos, um vollkommenen Murks handelt. Denn keiner der ewig langen, von den Kuschs so detailreich ausgemalten Gänge wurde wirklich betreten, geschweige denn mit wissenschaftlichen Methoden geortet. Vielmehr, das scheint im Buch nur peripher durch, wird jedoch durch Vorträge und andere Aussagen der Kuschs bestätigt, sind all diese Gänge mithilfe „radiästhetischer Untersuchungen“ – will heißen: mit der Wünschelrute – „gemutet“ worden. Im Klartext: Diese Gänge existieren nur in der Einbildung der Esoteriker, die an diese pseudowissenschaftliche Methode glauben. Es gibt keinerlei wissenschaftlichen Beleg – weder für die Länge der Gänge, noch ihren Zusammenhang mit den Lochsteinen, noch für ihr angebliches Alter, ja meistens nicht einmal für ihre Existenz. Aber was ist mit all den Fotos? Diese zeigen, teils ganz vermischt, verschiedene Gänge aus den letzten tausend Jahren, auf dem Cover etwa einen rund 300 Jahre alten, sprich neuzeitlichen, Wassergang. Die Erdställe indes, denn diese existieren tatsächlich, stammen aus dem Mittelalter, wie inzwischen durch Radiokarbondatierungen ziemlich zweifelsfrei erwiesen wurde, und sind nicht ansatzweise so lang und verzweigt wie die im Buch postulierten Gänge. Soweit die oberflächliche Kurzfassung der Fakten. Der Erdstallforscher Josef Weichenberger schrieb einen umfangreichen Kommentar zu dem Buch, in dem er dieses penibel auseinandernimmt, worauf zur näheren Beschäftigung verwiesen sei: http://www.erdstallforschung.at/?p=797
„Tore zur Unterwelt“ ist also ein pseudowissenschaftliches Buch – und gerade deshalb so verführerisch glaubwürdig auf den ersten Blick, weil es eben nicht mit plakativen Behauptungen von Aliens, Riesen und kosmischen Katastrophen hausieren geht wie die meisten Werke des Genres, und weil die pseudowissenschaftliche Methodik sich nur allzu leicht überlesen lässt. Der Autor Heinrich Kusch soll, wenn man verschiedenen Sekundärquellen im Internet glauben kann, auch einmal in einem Vortrag die Überzeugung geäußert haben, er werde infolge seiner Forschungen von vorzeitlichen Echsenmenschen verfolgt – doch davon merkt man kaum etwas im Buch selbst. Ein Werk, das lehrreich ist wie kaum ein anderes – wenn es um die Erkenntnis geht, wie leicht man durch ein Buch manipuliert werden kann.

The HoaX-Files 1: Horror, Spuk und Bloody Mary

Schon seit langem betreiben Alexa und Alexander Waschkau (und nein, das sind keine Pseudonyme) den Podcast „Hoaxilla“, in dem sie modernen Legenden und anderen Mysterien auf den Grund gehen. Dies brachte schließlich auch ein erstes Buch hervor: „The HoaX-Files: Horror, Spuk und Bloody Mary“ (dem bereits ein zweiter Band folgte).
Der Stil des Buches ist innovativ – eine Reihe kurzer Sachtexte zu verschiedenen Themen wird verbunden durch eine fiktionale Geschichte, in der die Autoren selbst in einem mysteriösen Fall auftreten. Nett gemeint, aber … meinen Geschmack trifft es irgendwie nicht ganz. Die Episoden beider Textsorten sind stets ziemlich kurz, sodass man alle paar Seiten im Wechsel begriffen ist. Die Verbindungen sind dabei meistens sehr gewollt; die Sachabschnitte werden durch meist ziemlich nebensächliche, für die Handlung nicht relevante Aspekte eingeleitet. Überhaupt ist der fiktionale Teil eher schwach und unspektakulär – ohne wirkliche Spannung und auch ohne letztendliche Auflösung, ohne dem Zweck der Überleitungen noch der eigenen Geschichte wirklich gerecht zu werden.
Anders dagegen die Sachtext-Abschnitte – die sind eher ambivalent zu betrachten. Ein jeder bietet jedenfalls eine verständliche, allgemeine Darlegung eines bestimmten Themas – darunter finden sich beispielsweise der Geistertyp der Weißen Frau, der Chupacabras, die Legenden von Spring Heeled Jack und der Bloody Mary oder auch ein allgemeines Kapitel zum Thema Hexen, jeweils unterhaltsam doch sachlich aufgezogen. Anders als eingangs erwartet bieten aber nur wenige davon neue Erkenntnisse bzw. „Forschungsergebnisse“ in Form von Widerlegungen oder einer Analyse der Ursprünge. Dies gelingt ganz gut beim mit dem Chupacabras in Verbindung gebrachten Phänomen der mysteriösen Tierverstümmelungen oder auch jener skurrilen Geschichte von einem angeblichen Bohrloch zur Hölle. Hingegen wird etwa beim Slenderman oder dem Thema Hexen nur die allgemein etablierte Datenlage zusammengefasst, die einschlägig Interessierten tendenziell bekannt sein dürfte.
So bleibt am Ende letztendlich ein ganz nettes, durchaus unterhaltsames und kurzweiliges Buch, dem es aber (wenn man mit zu hohen Ansprüchen darangeht) doch an Substanz fehlt. Weder Sachtext noch Geschichte wird genug Raum für eine (meiner Meinung nach) ausreichende Entfaltung gegeben, die Legenden werden eher oberflächlich behandelt. Zu bemerken ist außerdem noch das gelegentliche Vorkommen von Kommafehlern und fehlenden Wörtern, was zwar das Leseerlebnis nicht nachhaltig trübt, aber doch negativ auffällt. Im Endeffekt also: Ein Buch, dessen Thema viel Potenzial hätte, das aber leider nur unzureichend ausgeschöpft wurde – eben doch nur ein Kompromiss zwischen zwei Genres anstatt einer konstruktiven Symbiose.

Paläo-Art: Darstellungen der Urgeschichte

Ich dürfte nicht der einzige gewesen sein, der in seiner Kindheit Bücher über Dinosaurier durchblättert und fasziniert die lebhaften Bilder dieser ausgestorbenen Tiere betrachtet hat. Natürlich, kein solches Buch kommt ohne derartige Illustrationen aus, überall sehen wir farbenfroh rekonstruierte Urzeitwesen. Doch hinter all dem verbirgt sich, offensichtlich und doch selten bedacht, eine ganz andere Dimension – ein Zweig der Kunst nämlich, der der Darstellung prähistorischer Wesen gewidmet ist, geboren aus Fantasie und Wissenschaft, Imagination und Rekonstruktion – die Paläo-Art.
Zeit, dass sich jemand dieser Kunstform als solcher widmet – und zu unserem Glück hat es jemand getan, Herausgeberin Zoë Lescaze nämlich. „Paläo-Art: Darstellungen der Urgeschichte“ heißt das monumentale Werk, das die Geschichte der prähistorischen Kunst der ganzen letzten zweihundert Jahre aufrollt.
Allein physisch handelt es sich um einen Prachtband – überdimensional groß, unter dem Schutzumschlag ein dicker Einband mit fast an Reptilienhaut gemahnender Oberfläche, dicke Seiten, mehrere überbreite Panoramagemälde zum Ausklappen. Der stolze Neupreis von 75€ ist da allzu verständlich, obgleich jeder Interessent natürlich selbst entscheiden muss, ob es ihm das wert ist.
Inhaltlich besticht das Werk durch eine lebendige Mischung aus Abdrucken der zahlreichen Gemälde und Text, der den historischen Rahmen wiedergibt. Es beginnt mit jener für uns völlig vergessenen Zeit des frühen Interesses an Fossilien, als sich noch niemand für Dinosaurier interessierte, während stattdessen pathetische Darstellungen kämpfender Ichthyo- und Plesiosaurier die Paläo-Kunst beherrschten. Direkt an den Kunstwerken selbst verfolgt das Buch schließlich die frühen Rekonstruktionsversuche von Dinosauriern, vom berühmten Iguanodon, der mehr an einen dicken Leguan mit gehörnter Nase erinnerte, über allzu aufrechte Raubdinosaurier bis hin zu den schon vertrauteren Darstellungen der letzten Jahrzehnte. Es ist eine Geschichte des wissenschaftlichen Fortschritts in der Paläontologie, der Hand in Hand geht mit der Metamorphose ebendieser Wesen, aber auch der wechselnden Kunststile und Persönlichkeiten. Man lernt die großen Künstler kennen, die das Genre prägten, samt ihren teils erstaunlichen Biographien und beeindruckendsten Werken, aber auch die historischen Rahmenbedingungen, die all dies hervorbrachten – seien es die skrupellosen „Bone Wars“ des amerikanischen Fosilienhypes, sei es auf der anderen Seite die Sowjetunion, in der die Paläo-Art, als einziges Kunstgenre von Repressionen und Beschränkungen verschont, eine fast vergessene Blütezeit erlebte. Jede Zeit, jede Kultur, jeder Autor hat einen anderen Zugang zu jenen nie lebendig gesehenen Dinosauriern, Meeresreptilien, Mammuts und Höhlenmenschen – von halb mythischen Darstellungen wie Könige thronender Dinosaurier in der Frühzeit, die bis heute beliebten Kampf- und Tötungsszenen, Heinrich Harders fast schon surrealistische Mosaike bis hin zum mitleidlos-lebendigen Pathos der Saurier und Urmenschen Zdeněk Burians.
Viele der abgedruckten Gemälde wurden nie zuvor reproduziert, ist doch ein Großteil des Korpus (prä)historischer Kunst inzwischen vergessen, unter Geschichte und wissenschaftlichem Fortschritt untergegangen, von der „hohen“ Kunstgeschichte übergangen und geringgeschätzt. Umso magischer ist die Welt, die Lescaze in diesem beeindruckenden Bildband wieder ins Bewusstsein ruft. Ihr Buch ist mehr als bloß Information und Unterhaltung – vielmehr ein Eintauchen in doppelt altehrwürdige Gefilde, das nicht nur Kindheitserinnerungen, sondern buchstäblich Ehrfurcht erweckt.

The First Fossile Hunters

Seit langem schon versuchte das mächtige Sparta, die Nachbarstadt Tegea zu erobern – erfolglos. Um Rat gefragt, erwiderte das Orakel von Delphi, Tegea werde erst dann fallen, wenn die Gebeine des Helden Orestes, Sohn des Agamemnon, gefunden und nach Sparta gebracht würden. Und tatsächlich fand man schließlich in Tegea einen Sarg von sieben Ellen Länge (ca. 3,3m), darin ein Skelett von ebensolcher Größe. Der Heros war gefunden, Sparta triumphierte.
Diese Geschichte, die der griechische Geschichtsschreiber Herodot berichtet, ist kein Einzelfall. Immer wieder, über die gesamte römisch-hellenistische Welt verstreut, tauchten im Laufe der Jahrhunderte riesige Knochen auf, die nur von vorzeitlichen Heroen, Riesen oder Ungeheuern stammen konnten. Haben sich die antiken Autoren all dies nur ausgedacht, ist all dies nur Mythos ohne realen Kern? Oder gab es, wie manche Grenzwissenschaftler behaupten, tatsächlich einst ein Geschlecht von Giganten auf der Erde?
In ihrem Buch „The First Fossile Hunters“ bietet Adrienne Mayor eine alternative Deutung an: Kann es nämlich ein Zufall sein, dass fast alle überlieferten Fundorte riesenhafter Knochen sich decken mit heute als solchen bekannten Fossillagerstätten? Wie dieses faszinierende Buch zeigt, waren Fossilien, die versteinerten Überreste vorzeitlicher Lebewesen, den alten Griechen und Römern alles andere als unbekannt – einzig die Deutung unterschied sich von der unseren.
So lassen sich die scheinbaren Heroengebeine mutmaßlich auf Überreste von Mammuts und Mastodonten zurückführen, die man mit etwas Kreativität nur allzu leicht in humanoider Stellung auslegen kann. Auf Samos indes berichtet sogar schon der Mythos, wohl inspiriert von riesenhaften Knochen in der Erde, von als Neaden bezeichneten Ungeheuern, die durch ihr lautes Geschrei den Erdboden spalteten und darin versanken. Am beeindruckendsten aber dürfte Adrienne Mayors Deutung des Greifen sein: Über Jahrhunderte gehörte dieses Fabelwesen, das im fernen Osten Gold bewachte, zum Weltbild der Griechen, ohne je Teil der Mythologie zu werden. Diese Überlieferungen dürften auf die Skythen zurückgehen, die schon damals bis in die fernen Weiten Asiens reisten und Handel trieben – bis in die Wüste Gobi, die nicht nur wertvolles Gold, sondern allzu oft auch Skelette des Dinosauriers Protoceratops freigibt. Wie die Autorin penibel darlegt, kann es kaum einen Zweifel an einer Verbindung der beiden vierbeinigen, mit Vogelschnäbeln ausgestatteten Geschöpfe geben.
Allzu oft müssen Historiker und Mythosforscher kapitulieren, wenn sie den letztendlichen Ursprung eines Mythos oder einer Sage suchen. „The First Fossile Hunters“ indes bietet allzu logische, fundierte – und außerdem spannende – Deutungsangebote, um zumindest einige der alten Überlieferungen zu dekonstruieren. Doch mehr noch – Mayor zeichnet außerdem ein faszinierendes Portrait des damaligen Umgangs mit fossilen Überresten. Es gab bereits Rekonstruktionsversuche und teils allzu wahrheitsgemäße Deutungen; auch das Konzept des Aussterbens von Arten ist kaum eine Erkenntnis der Neuzeit. Die römischen Kaiser Augustus und Tiberius stellten sogar buchstäblich ein Museum auf die Beine, um jene geheimnisvollen Relikte der Vorzeit zu sammeln.
Leider ist das Buch bislang nur auf Englisch erschienen, doch dieses ist eingängig und gut zu lesen. Zur Freude jedes wissenschaftlich interessierten Lesers werden die unzähligen Quellen penibel aufgelistet und sorgsam kommentiert (in Fußnoten, ohne den Lesefluss zu stören); sämtliche relevanten Stellen der Primärquellen sind im Anhang sogar noch gesondert gesammelt.
All dies ergibt letztlich eines der interessantesten mir bekannten Bücher zur Mythologie und alten Geschichte (kombiniert es doch mit Paläontologie und Altertumswissenschaft gleich zwei meiner zentralen Interessen) – ein Werk, das buchstäblich die Augen öffnet für eine ganz neue Dimension der Mythosforschung. Man kann nur hoffen, dieser Ansatz möge auch andere Forscher zur Neubetrachtung manch alter Quellen inspirieren. Die Ambitionen sollten sich wohl mobilisieren lassen – wer kann schon von sich behaupten, den Ursprung des Greifen entdeckt zu haben?

Die Zivilisation der Göttin

Bildergebnis für die zivilisation der göttinUnzählige Relikte der jungsteinzeitlichen Kulturen Europas wurden von Archäologen zu Tage gefördert, systematisiert, interpretiert – und doch ist vieles über unsere Vorgeschichte nach wie vor umstritten. Einen zweifellos beeindruckenden und wichtigen, wenngleich kontroversen Beitrag dazu liefert „Die Zivilisation der Göttin“ von Marija Gimbutas. Dabei handelt es sich buchstäblich um ein Monumentalwerk: Auf 400 dreispaltigen Seiten Text zuzüglich einem fast 150-seitigen Anhang wird praktisch das ganze Neolithikum Europas dargestellt – von Vinca, Karanowo und anderen Kulturen auf dem Balkan des 6. Jahrtausends vor Christus, Linienbandkeramik und Trichterbecher-Kultur in Mitteleuropa, Malta mit seinen beeindruckenden Megalithtempeln und den Erbauern von Henges und Hofgräbern in Britannien bis hin zu den wenig bekannten Kulturen des westlichen Mittelmeerraumes. Eingegangen wird dabei gleichsam auf die typische Keramik, Architektur, Begräbnisarten – und Religion und Gesellschaft. Ebendiese beiden letzten Punkte sind es, in denen die Autorin sich vom weitgehenden Mainstream der Wissenschaft abwendet und ein, nennen wir es alternatives, System der europäischen Vorgeschichte entwirft. Der Kern dessen ist, was populärwissenschaftlich gerne als „Matriarchatstheorien“ bezeichnet wird (ein Begriff, den Gimbutas selbst nicht verwendet und der das weite Feld der Angelegenheit wohl unzureichend charakterisiert): Ihr zufolge war die dominierende Religion des europäischen Neolithikums die Verehrung einer Göttin in verschiedenen Formen (vielleicht auch mehrerer), begleitet von einer nicht-patriarchalischen Sozialstruktur, in der auch und gerade Frauen zentrale Rollen in Kult und Gesellschaft innehatten. Dieses durchweg friedliche „alte Europa“ endete schließlich durch drei Invasionsströme indoeuropäischer, patriarchalisch veranlagter Steppennomaden aus dem heutigen Russland. Nur zur Erinnerung: Marija Gimbutas war in der Tat eine anerkannte Koryphäe ihres Faches (sie entwickelte u.a. die Kurganhypothese und leitete mehrere Ausgrabungen auf dem Balkan), was man auch an dem beträchtlichen Detailwissen das ganze Buch hindurch erkennt. Was also ist zu halten von der Religion der „Großen Göttin“, der „matrifokalen“/“matrilinearen“ Gesellschaft und der schlussendlichen Kurgan-Invasion? Handelt es sich um eine wissenschaftliche Revolution oder doch nur um eine Instrumentalisierung der Vergangenheit als Projektionsfläche für moderne Konflikte?
Mir fehlt es zweifellos an Fachwissen, die einzelnen Sachdetails der dargestellten Ausgrabungsbefunde zu kritisieren. Soweit beurteilbar, ist der Autorin diesbezüglich nichts vorzuwerfen. Anders jedoch, wenn es an das Thema Religion geht: Die zu diesem Thema vorgebrachten, als Tatsachen oder zwangsläufige Schlussfolgerungen verkauften Thesen sind letztlich nichts als Fantasie. Ja, Figuren und Darstellungen weiblichen Geschlechts mit deutlich betonten Geschlechtsorganen sind in großer Zahl aus jenen Kulturen belegt, was in der Tat einen Göttinnen- bzw. Fruchtbarkeitskult nahelegt. Doch Gimbutas geht weiter: Fast alles ist bei ihr irgendwie ein Symbol für Wiedergeburt und Lebenserneuerung, jede große Nase identifiziert eine Figur eindeutig als Vogelgöttin, jede weiß gefärbte Frauenstatuette ist die Göttin des Todes und der zyklischen Wiederauferstehung. Belege dafür? Keine. Vieles mag in Ansätzen berechtigte Hypothesen ergeben, doch weder die Sicherheit noch die expliziten Details, die Gimbutas darlegt, lassen sich an den Funden festmachen. So ist letztlich auch die weiblich geprägte Gesellschaft zwar denkbar, aber letztlich eine Fiktion – einziges Indiz dafür sind die fehlenden Geschlechtsdisparitäten in den neolithischen Gräbern, was allenfalls eine gewisse Gleichberechtigung denkbar erscheinen lässt, wenn auch nicht sicher belegt. Wahrlich utopisch erscheint die Vision einer schier pazifistischen Gesellschaft in damaliger Zeit. Es dürfte naheliegend sein, dass vor der Erfindung der Metallwirtschaft bei allgemein kleineren politischen Strukturen eine weniger hierarchische Gesellschaft bestand, was Kriege und andere strukturelle Konflikte begrenzte. Doch absoluter Friede scheint nicht nur dem gesunden Menschenverstand bei allgemeiner Anschauung aller bekannten historischen Kulturen zu widersprechen, auch die archäologischen Funde sprechen teils eine andere Sprache (Stichwort: Massaker von Asparn/Schletz). Auch die These der Kurgan-Invasion ist von verschiedenen Wissenschaftlern zurückgewiesen worden, wobei mir selbst die fachliche Qualifikation zur Beurteilung fehlt. Zu erwähnen ist zu guter Letzt, dass Gimbutas das ganze Alteuropa als mehr oder weniger einheitlichen Kulturraum darstellt, der sich zumindest in Sachen Religion und Gesellschaft ganz homogen als Ganzes betrachten lässt – ein sehr zweifelhafter Ansatz, wenn es um die mehr als dreitausendjährige Geschichte eines ganzen Kontinents geht.
Letztlich also sind religiöse Vorstellungen und Gesellschaftsmodell, wie sie Marija Gimbutas präsentiert, zwar zum Teil denkbare, aber letztlich gegenstandslose, weil weitgehend unbegründete Hypothesen. Zugutehalten muss man dem Buch jedoch, dass es, veranschaulicht an zahlreichen Bildern,  einen breiten und umfangreichen Überblick über die faszinierenden Kulturen des europäischen Neolithikums bietet. Hochinteressant etwa sind auch die Ausführungen zur schon im 6. Jt. v. Chr. entstandenen (Proto?-)Schrift der Vinca-Kultur oder auch dem Ursprung der minoischen Kultur Kretas. Nicht zuletzt übt sich an diesem Buch auch die Fähigkeit des quellenkritischen Lesens, wobei das schwerlich als Kompliment zu werten ist. Die darin vertretenen Thesen mögen zu kritisieren sein, doch lesenswert ist das Werk zweifellos.