Buchrezensionen

Erzählungen aus dem Land Sumer

Ob nun für Wissenschaftler oder interessierte Laien – oft ist ein Blick in die Originaltexte einer alten Kultur aufschlussreicher als jede Sekundärliteratur über diese. Schade, dass deutsche Editionen der altorientalischen Mythentexte häufig sehr teuer, um nicht zu sagen unbezahlbar sind (von dem Standardwerk „Texte aus der Umwelt des Alten Testaments“ etwa kostet jeder Band weit über einhundert Euro). In Anbetracht dessen bewegt sich die Textsammlung „Erzählungen aus dem Land Sumer“ mit „nur“ 38€ im absolut gemäßigtem Bereich. Doch das, so mein Urteil, ist das Werk auch wert.
Das Buch enthält auf 467 Seiten eine Reihe sumerischer Texte in deutscher Übersetzung. Am prägnantesten sind natürlich die mythischen Erzählungen, die da wären:

  • „Als die Sonne noch nicht leuchtete“ – eine nur halbseitige kosmogonische Erzählung, die nicht wirklich in Erinnerung bleibt
  • „Enki und Ninchursanga“
  • „Enlil und Ninlil“
  • „Lugale“ (Der Kampf des Gottes Ninurta gegen den Steindämon Asag)
  • „Das Lied auf die Hacke“ (durch die Skurrilität eines der Highlights des Buches)
  • die Bauhymne des Gudea von Lagasch (einer der längsten sumerischen Texte überhaupt, der ausführlich Planung und Bau eines neuen Tempels beschreibt, eingebettet in mythische Motive)
  • „Enmerkara und der Herr von Arata“
  • das zweiteilige Lugalbanda-Epos nebst einer weiteren kurzen Lugalbanda-Erzählung
  • „Gilgamesch und Akka“, „Gilgamesch und Chuwawa“ sowie „Gilgamesch, Enkidu und die Unterwelt“
  • „Der Fluch über Akkade“
  • Das Ninmešarra-Lied der Hohepriesterin Enḫeduana (das älteste Werk überhaupt mit namentlich zu fassendem Autor!)
  • „Inanas Kampf und Sieg über Ebich“
  • „Enkis Reise nach Nippur“
  • „Inannas Gang in die Unterwelt“ (nicht zu verwechseln mit der akkadischen Variante, die auch als „Ischtars Höllenfahrt“ bekannt ist)
  • „Dumuzis Traum“

Natürlich sind dies nur einige der zahlreichen sumerischen Mythoserzählungen, doch zweifellos eine gute und umfangreiche Auswahl. So viele mehr gäbe es nicht; die wohl wichtigsten Texte sind enthalten.
Hinzu kommen einige weltliche Erzählungen, die das Leben der Menschen und vor allem den Schulalltag im alten Mesopotamien illustrieren. Ein gewisses Highlight: „Aus dem Leben eines Schülers“, wo schamlos eine etwas andere Methode zur Erlangung guter Noten aufgezeigt wird.

Jedes Kapitel wird eingeleitet durch einen umfangreichen Kommentar, der historischen Hintergrund, Interpretation und eine Handlungszusammenfassung wiedergibt. Zur Interpretation muss natürlich noch gesagt sein, dass es sich dabei meist nicht um gesichertes Wissen, sondern um moderne Mutmaßungen handelt – Deutungen, die auch in der akademischen Wissenschaft oft nicht unumstritten sind und daher nicht unhinterfragt übernommen werden sollten. Fußnoten und Anmerkungen erklären bisweilen schwer verständliche oder umstrittene Stellen.
Auch ein Anhang mit Glossar und umfangreichen Literaturangaben fehlt nicht. Zudem sei noch einmal die hochwertige Ausführung des Buches gelobt, die auch in dieser Preisklasse leider nicht immer selbstverständlich ist. Zweifellos haben Herausgeber Konrad Volk sowie die zahlreichen beteiligten Autoren der einzelnen Kapitel beeindruckende Arbeit geleistet.
„Erzählungen aus dem Land Sumer“ ist letztlich ein hervorragendes Werk, bereichernd und bezahlbar nicht nur für Altorientalisten, sondern auch für interessierte Laien (wobei ein gewisses Vorwissen absolut hilfreich ist).

 

Auch interessant: Als die Götter Mensch waren, ebenfalls eine Sammlung mesopotamischer Texte, wobei hier auch einige akkadische Klassiker enthalten sind.

Before Watchmen: Ozymandias

Die Graphik Novel Watchmen ist ein Klassiker – kein Wunder, dass es früher oder später zu einer Reihe von Veröffentlichungen kommen musste, die darauf aufbauen. „Ozymandias“ (geschrieben von Len Wein, gezeichnet von Jae Lee) ist der erste Teil der „Before Watchmen“-Reihe, den ich las, und dreht sich um die gleichnamige Figur des Comics.
Adrian Veidt alias Ozymandias gilt als klügster Mann der Welt, neben seiner Tätigkeit als maskierter Rächer kontrolliert er ein gewaltiges Firmenimperium. Er ist der ultimative Held und der ultimative Schurke in einem – ein skrupelloser Idealist und damit die für mich vielleicht interessanteste Figur des Watchmen-Universums. Der vorliegende Comic nun behandelt seine Vorgeschichte in Form einer Autobiographie, von der frühen Kindheit bis zur Handlung von „Watchmen“. Natürlich weiß man bereits, wie die Geschichte ausgeht – der Unterhaltungswert entsteht stattdessen aus den so direkten Einblicken in den Geist des Titelhelden und Erzählers. Hier wird Autor Len Wein seinem Vorgänger Alan Moore absolut gerecht – nicht nur fügt sich die Story nahtlos an die Vorlage an, auch die Inszenierung des bereits bekannten, aber noch nie aus dieser Nähe gezeigten Charakters gelingt meisterhaft. Zwischen beiden Werke gibt es keine Disharmonien – Ozymandias ist derselbe wie zuvor und doch so lebendig wie nie.
Natürlich ist „Before Watchmen“ nur für Kenner der Vorlage wirklich ein Genuss, doch diese können ein Werk genießen, das nicht bloß kommerzielle Ausschlachtung, sondern folgerichtige Weiterführung des Klassikers ist.

Jetzt bist du dran – Unvergessliche Geschichten

Wer den Film „Fight Club“ gesehen hat, hat schon eine Vorstellung davon, was im Kopfe des Autors Chuck Palahniuk gärt. Weniger bekannt als der Bestseller, aber wahrscheinlich ebenso lesenswert sind seine Kurzgeschichten, von denen 22 in dem Band „Jetzt bist du dran – Unvergessliche Geschichten“ vereint sind.
Schwer lässt sich das Genre der Texte fassen. Es geht … um Menschen (ausgenommen die drei grotesken, verstörend modernen Tierfabeln). Diverse Menschen in sehr speziellen Situationen, ihre Gedanken und Schicksale. Seien es nun die Schüler, die erkennen, welch befreiende Wirkung doch extreme Dummheit hat, seien es ein Festival von Verrückten, die sexuellen Abenteuer eines von allen verachteten Außenseiters, arg bedenkliche Ehen oder noch bedenklichere Ereignisse unter Beteiligung von Tieren. Manches kann man als gesellschaftskritisch bezeichnen, anderes mehr als abstrus oder, nur allzu nahe an gesellschaftskritisch, voyeuristisch. Manches ist dabei vulgär, umgangssprachlich oder gar pornographisch, aber stets bewusst eingesetzt und nicht zum Selbstzweck. Oft findet man die Pointe einer Geschichte nicht, die meisten haben wahrscheinlich nicht einmal eine. Was daran reizt, ist oft weniger das Ergebnis, als vielmehr die grotesken Gedankengänge, die dahin führen – die Biographien der skurrilsten Schicksale und Einfälle, auf die die meisten Autoren gar nicht kommen würden. Nicht zuletzt die bisweilen erstaunliche Sprachbeherrschung des Autors macht diese Geschichten zu etwas … Besonderem. Direkt lustig in dem Sinne, dass es zum Lachen anregt, ist kaum etwas in dem Buch – einmal mehr ist grotesk das Wort der Wahl, das Genre, Inhalt und Intention am besten beschreibt. Natürlich gibt es wohl kaum eine Kurzgeschichtensammlung, an der alle Geschichten einen jeden Leser fesseln – zwangsläufig finden sich auch solche, deren Sinn sich nun wirklich nicht erschließt. Der Rest aber unterhält umso mehr; ein flüssiges Lesen ist garantiert. Vierhundert Seiten Kurzgeschichten, das klingt manchen vielleicht zäh, wird hier aber zu einem Genuss einer Art, wie man ihn mit ziemlicher Sicherheit noch nicht kannte.
„Jetzt bist du dran“, das ist Literatur außerhalb aller etablierten Konventionen, das ist absurd und doch meisterhaft inszeniert, teils pervers aber auch genial.

Die Halloweenbraut

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Wenn Sie Rezensionen lesen, um zu entscheiden, ob Sie das Buch kaufen möchten, dann sparen Sie sich die Zeit und überspringen Sie diese. Denn „Die Halloweenbraut“ von Bryan Smith, eine limitierte Sammlerausgabe aus dem Hause Festa, ist längst ausverkauft, die 666 Exemplare unter die Leute gekommen.
Und so gibt es nun 666 Menschen im deutschen Sprachraum, die sich über ein großartiges Buch freuen dürfen. An alle anderen da draußen: Pech gehabt – wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.
Jedenfalls besteht das Werk aus genau vier abgeschlossenen Novellen, die allesamt dem Genre Horror zuzuordnen sind. Alle haben sie eine perfekte Länge, bei der sie sich gerade noch in einem Stück lesen lassen.
Es geht los mit der Titelgeschichte „Die Halloweenbraut“. Der Protagonist hat vor kurzem seine Freundin bei einem Mordanschlag verloren – doch als er nun gerade in Depressionen versinkt, erscheint ihm kurz vor Halloween eine geisterhafte Frau. Er folgt ihr … und es zeichnet sich ab, dass sein Leben nicht mehr so sein wird wie zuvor. „Anstehen für die Todesmaschine“, die zweite Geschichte, ist denkbar derbe – auf mehreren Ebenen – das Ende dann umso überraschender, mehr sei hier nicht verraten. Die dritte Novelle „Blutrausch“ ist ein wahres Splatter-Fest des nicht umsonst als „Slasher-König“ betitelten Brian Smith. Mal wieder hat ein Mann seine Geliebte verloren – doch diesmal durch eigene Hand. Dann wird die Vergangenheit aufgerollt und man erkennt, welch schreckliche Vorgänge dorthin geführt haben. „Die diabolische Verschwörung“ schließlich ist die längste Geschichte, eine beklemmende Vision über einen Menschen, der gegen seinen Willen Teil eines Satanistenzirkels wird. Die Darstellung der Satanisten ist natürlich klischeehaft, doch das ist ein allgemein akzeptierter Topos in allen Formen der Unterhaltungsmedien.
Alle Geschichten bestechen zum einen durch ihre Spannung – man will unbedingt wissen, wie es weitergeht. Der Vorteil des Horror-Genres ist natürlich, dass man sich nicht sicher sein kann, wie es für die Protagonisten ausgeht. Mehr noch aber brilliert Smith durch die Inszenierung. Es ist nicht nur die bloße Darstellung des Sachverhalts – zu loben ist maßgeblich die innere Handlung der Geschichten. Die nur allzu lebendigen Erzähler reflektieren ihre unschönen Schicksale ausführlich, ohne sich dabei aber im Kreise der eigenen emotionalen Befindlichkeiten zu drehen. So identifiziert man sich als Leser umso mehr mit der Situation; die Einfühlung in die Emotionen kommt ganz von selbst. Ja, die Werke von Bryan Smith enthalten einen gehörigen Anteil sehr expliziter Szenen. Doch der wahre Horror kommt vielmehr durch das, was man sich für den weiteren Verlauf der Handlung vorstellt, befürchtet, ist doch die menschliche Imagination oft schlimmer als jeder dargestellte Schrecken. Bei all dem lässt sich das Buch natürlich noch flüssig lesen; ich verschlang es an einem Wochenende.
„Die Halloweenbraut“ war also, trotz des stolzen Preises, eine lohnende Anschaffung. Bryan Smith versteht es offenkundig, unangenehme Szenarien zu entwerfen und den Leser zu zwingen, diese nicht nur zu beobachten, sondern im Geiste mitzuerleben.

Weiser Herr des Himmels – Persien

Während jeder schon etwas von Herakles, Siegfried oder Osiris gehört hat oder sich zumindest leicht darüber informieren könnte, ist die Mythologie des alten Persiens (Iran) heute überhaupt nicht mehr präsent. Nicht nur finden sich kaum umfassende Darstellungen auf dem Markt – es mangelt auch an Originalquellen, sind doch keine Mythen aus der Antike selbst überliefert.
Eines der wenigen sich damit befassenden Werke ist das Buch mit dem sperrigen Titel „Weiser Herr des Himmels“ (was sich auf den zoroastrischen Gott Ahura Mazda bezieht). Zwar nicht sonderlich dick, dafür aber verständlich und reich bebildert bringt es einem die überlieferten Mythen und Sagen des alten Persiens nahe. Die Quellen, aus denen diese sich dabei speisen, sind maßgeblich zweierlei: das Avesta (die heilige Schrift der Zoroastrier) und das Schahname (Buch der Könige, eine überwiegend sagenhafte Chronik der persischen Könige und Helden). Beide sind freilich erst im Mittelalter entstanden und stehen damit am Ende einer langen Tradition, womit ihr Quellenwert für die frühere Zeit zweifelhaft ist, doch damit muss man sich nun einmal begnügen. So finden wir letztlich die zoroastrische Kosmologie von Schöpfung bis Apokalypse samt Göttern und Helden wie auch die späteren Heldensagen dargeboten.
„Weiser Herr des Himmels“ ist ein populärwissenschaftliches Werk. So populärwissenschaftlich, dass auf dem Cover nicht einmal die Namen der Autoren aufgedruckt sind. Als zitierfähige Quelle eignet es sich nicht, dafür ist es zu oberflächlich und nicht unbedingt gut genug belegt. Als leicht verdauliche Einführung für (interessierte) Laien hingegen erfüllt es durchaus seinen Zweck. So weiß man immerhin, wer Rostam und der Azhi Dahaka sind und worum es allgemein im Zoroastrismus und dem Schahname so geht – und mehr braucht der durchschnittliche Leser wahrscheinlich auch nicht. Der Schreibstil ist flüssig, die Bilder gut ausgewählt, die Verarbeitung des Buches nicht zu kritisieren.
Im Endeffekt also eine recht gelungene, wenn auch oberflächliche Darstellung eines interessanten Themas, das sonst nur allzu leicht dem Schweigen anheim fallen kann.

Tribesmen – Insel der Kannibalen

Irgendwann in den 80ern: Der abstoßende Trashfilm-Regisseur Tito Bronze will einen neuen Kannibalenfilm drehen. Drehort soll eine einsame karibische Insel sein, als Nebendarsteller die dortigen Eingeborenen fungieren. Aber als er mit seiner kleinen Filmcrew auf der Insel ankommt, sind die Einheimischen nicht aufzufinden … bis man ein Massengrab entdeckt. Trotzdem soll der Film gedreht werden – doch schon bald zeichnet sich das dunkle Geheimnis der Insel ab und das Blutvergießen nimmt seinen Lauf. Und die Kamera läuft weiter…

„Tribesmen – Insel der Kannibalen“ von Adam Cesare, erschienen im Verlag Voodoo Press, ist mit 148 Seiten nicht sonderlich umfangreich, mehr eine kurzweilige Novelle für zwischendurch. In der Tat ist die Story unterhaltsam und flüssig, die Charaktere recht gut ausgearbeitet. Entgegen der Erwartungen hält sich der Splatter-Faktor in ziemlichen Grenzen; tatsächlich ist es mehr ein kurzer Mystery-Thriller als eine klassische Kannibalengeschichte. Der Verlag preist das Buch an als „glühende Hommage“ an die alten Kannibalenfilme – doch unter diesem Vorzeichen enttäuscht das Buch eher, kommt doch Kannibalismus kaum mehr als am Rande vor.
Der Schreibstil ist eher schlicht, aber doch lebendig und flüssig zu lesen. Eine Zumutung hingegen ist das Lektorat, so denn überhaupt eines stattgefunden hat – das Büchlein strotzt vor Rechtschreib- und Kommafehlern, in einem Fall sogar ist augenscheinlich ein halber Satz versehentlich gelöscht worden. Hinzu kommt der Klappentext, der denkbar wenig mit der tatsächlichen Handlung zu tun hat und somit völlig falsche Erwartungen weckt. Vielleicht sind beide Aspekte ja Teil der Hommage an ein trashiges Filmgenre – doch auf solche Stilmittel kann ich gerne verzichten.

„Tribesmen“ ist ein nettes Buch, wenn man nichts erwartet, weder Kannibalen noch intelligente Referenzen. Zwar einfach und recht beliebig, aber unterhaltsam. Doch während der Autor noch eine halbwegs gute Arbeit abgeliefert hat, kann man dies vom Verlag in Anbetracht der Fehler und der völlig unpassenden Vermarktung nicht behaupten.

Old Man Logan

Mit dem Erscheinen des Films „Logan: The Wolverine“, dem neuesten Ableger der X-Men-Saga, rückte auch ein Comic schlagartig auf die ersten Plätze der Verkaufsranglisten: „Wolverine: Old Man Logan“ von Mark Millar („Civil War“, „Kick Ass“).
Die Handlung spielt in einer dystopischen Zukunft, nachdem die zahlreichen Schurken des Marvel-Kosmos sich verbündet und all die vielen Helden ausgelöscht haben. Amerika ist aufgeteilt zwischen Red Skull, Kingpin, Dr. Doom und den Nachkommen des Hulk, weite Gegenden sind verwüstet. Und in der Region, die einst Kalifornien war, lebt ein alter Mann, der nicht mehr Wolverine genannt werden will. Durch die schrecklichen Ereignisse gebrochen, widmet sich Logan nur mehr seiner Familie und hat jeglicher Gewalt abgeschworen. Da überredet ihn der gealterte Bogenschütze Hawkeye, ihn auf eine Reise zur anderen Küste zu begleiten, um dort eine geheimnisvolle Fracht abzuliefern. Und wird der alte Logan nun tatsächlich bei seinem erklärten Pazifismus bleiben und nie wieder seine Krallen ausfahren, wie er es sich geschworen hat? Oder doch den Kampf gegen die altbekannten Despoten aufnehmen?

Mit dem Kinofilm hat der Comic freilich nicht mehr gemein als den gealterten Protagonisten und die generell dystopische Stimmung – insofern sind beides vollkommen unabhängige und für sich zu betrachtende Werke.
„Old Man Logan“ wird angepriesen als Meisterwerk, als einer der wichtigsten Comics dieses Jahrhunderts. Um das zu beurteilen, kenne ich nicht genug andere Marvel-Comics. Doch was sich aus der individuellen Betrachtung dieses Werkes ergibt: Es handelt sich um eine spannende, kurzweilige Story ohne Längen, der hervorragend die Inszenierung der dystopischen Atmosphäre gelingt. Action kommt weiß Gott nicht zu kurz, die blutige Gewalt hat zuweilen geradezu Splatter-Charakter – was aber im Rahmen der Handlung recht angemessen scheint, zumal weniger drastische Darstellungen dem Szenario auch nicht gerecht würden. Doch man sieht – „Old Man Logan“ steht in der Tradition der actiongeladenen Superheldencomics, ein Vergleich oder gar eine Zuordnung zu anspruchsvolleren Graphic Novels ist fehl am Platz (trotz des überdurchschnittlichen Umfangs von 210 Seiten). Auch wenn die Handlung ja gerade von der Pluralität der unzähligen Marvel-Helden und Schurken lebt, wirkt sie nicht übertrieben-trashig oder krampfhaft gekünstelt, sondern in sich absolut stimmig. Die Dramatik kommt gut rüber; so manche Idee ist durchaus innovativ.

Im Endeffekt also ein großartiger, unterhaltsamer Comic mit einzigartig dramatischer, ja schockierender Atmosphäre, wobei man ihn nicht mit dem vage darauf basierenden Film einerseits oder tiefgründigeren Comics andererseits vergleichen sollte.

From Hell


Ein Comic mit 492 Seiten. Nachdem ich von „Watchmen“ begeistert und von „Providence“ enttäuscht worden war, hatte ich einen gewissen Respekt vor diesem weiteren Werk des bekannten Comic-Autors Alan Moore. Doch das erwies sich als unbegründet, die fette Graphic Novel als Meisterwerk.
„From Hell“ dreht sich um die Mordserie des Jack the Ripper im London des Jahres 1888, welche hier in den Kontext einer größeren Verschwörung gestellt wird – doch würde es dem Werk kaum gerecht, es darauf zu reduzieren. Nicht nur ist es eine meisterhaft recherchierte Wiedergabe und Interpretation der historischen Ereignisse, sondern überdies auch eine schier monumentale Vision über London, den Geist des viktorianischen Zeitalters, über Freimaurerei und Esoterik.
Es dauert etwas, bis man in das Buch hineingefunden hat. Das liegt natürlich an den zunächst verwirrenden Szenen am Anfang, die für den Laien nichts mit dem Hauptthema zu tun haben scheinen, und nicht zuletzt am Zeichenstil. Jener ist schwarzweiß, damit durchgehend düster, oftmals recht undeutlich, ja geradezu skizzenhaft. Doch nicht nur schafft dies eine nur allzu passende Atmosphäre; auch wird so die historisch leider notwendige Darstellung der expliziten Gewaltszenen möglich und, weil abstrahiert, erträglich. Positiv hervorzuheben ist die Schrift, die im Gegensatz zu manch anderen Graphic Novels durchgehend angenehm zu lesen ist. Es dauerte bei mir jedoch nicht lange, bis ich mich an den Stil gewöhnt hatte und das Buch kaum noch aus der Hand legen konnte – so schwanden die 492 Seiten innerhalb von zwei Tagen dahin.
Welch brillantes Werk „From Hell“ tatsächlich ist, zeichnet sich zwar schon bald ab, wird einem in vollem Umfang aber erst beim Lesen des 55 Seiten langen (!) Anhangs bewusst, der penibel von Kapitel zu Kapitel die historischen und künstlerischen Hintergründe erläutert. Die Autoren Alan Moore (Text) und Eddie Campbell (Zeichnungen) recherchierten zehn Jahre für das Werk – und das merkt man diesem an; seien es die durchweg historischen Figuren, teils wortwörtlich so gesprochene Zitate, die bis ins kleinste Detail ausgestalteten Schauplätze, auch die Verknüpfung mit anderen Ereignissen derselben Zeit. Genau erläutert Moore im Anhang, was Historie, was Theorie und eigene Fiktion ist, aus welchen Quellen sich die ersteren beiden herleiten und wo gegebenenfalls kreative Änderungen in Kauf genommen wurden. Wie sich herausstellt, ist das Werk bald so vielschichtig wie die homerischen Epen, in Sachen Recherche und unterschwelligen Anspielungen noch eine Liga vor „Watchmen“. Nicht jedem mögen die visionenhaften, schwer verständlichen Szenen am Ende gefallen – mir indes schon, obgleich ich solcherlei Stilmitteln sonst eher ablehnend gegenüberstehe.
Als absolut brillant hervorzuheben ist überdies der Anhang 2, in dem wunderbar zynisch in einem weiteren Comic die Rezeptionsgeschichte der Mordserie rekapituliert wird, mit all den zahlreichen Autoren und ihren Theorien zum wahren Mörder.
Zu schade, dass die deutsche Ausgabe derzeitig oft vergriffen und, wenn verfügbar, meist sehr teuer ist. Ich kann aber nur empfehlen zuzuschlagen, sobald sich ein Angebot eröffnet.
„From Hell“ ist letztlich also nicht nur eine Geschichte, die, einmal eingetaucht, gut unterhält, sondern ein beachtlich vielschichtiges Monumentalwerk voller historischer Fakten und Referenzen, wie es in der Weltliteratur nur selten vorkommt.

Die Blausteinkriege 1: Das Erbe von Berun

„Die Blausteinkriege – Das Erbe von Berun“ – ein Fantasyroman von den Gebrüdern T. S. Orgel, erster Teil einer Serie, angesiedelt natürlich in einer pseudomittelalterlichen Fantasiewelt. Soweit die oberflächlichen Fakten.
Das Kaiserreich Berun steckt in einer Krise: Das Protektorat Macouban strebt seine Unabhängigkeit an, der Nachbar Kolno im Norden macht Probleme und innerhalb des Reiches jagt eine Intrige die andere. In dieses Pulverfass geraten Marten, ein kaiserlicher Schwertmann, und Sara, eine mittellose Diebin im Dienste eines Unterweltpatriarchen. Und dann wäre da noch der unberechenbare Faktor des Blausteins – ein Stoff, mit dessen Hilfe manche Menschen übernatürliche Kräfte entfesseln können.
Man könnte bei dem Buch einwenden, dass es natürlich so manche Klischees repliziert: Das magisch begabte Mädchen mit traumatischer Vergangenheit, der verlorene Königssohn, die Aufteilung der Welt in ein bröckelndes Reich und primitive Barbaren… Man könnte auch einwenden, dass der Roman als Beginn einer Serie natürlich zu keinem Abschluss der Handlung kommt, ja nicht einmal zu einem vorläufigen Finale.
Doch wichtiger für die Bewertung ist letztlich vor allem ein Faktum: Es liest sich spannend und flüssig, einfach gelungene Unterhaltung. Es gibt keine wirklichen Längen, auch wenn beim Wechsel zwischen den Erzählsträngen gerne mit Cliffhangern gearbeitet wird. Die Magie nimmt bisher eine eher periphere Rolle ein und dominiert nicht die Handlung, sondern wird sehr gewählt eingesetzt – das kann man so oder so bewerten, ich jedenfalls finde es passend. Innovativ ist zudem der historische Hintergrund der Welt, der ohne unangenehme Infodumps in die Handlung eingeflochten wird. Ebenso mag es die Gemüter spalten, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse in diesem Roman gerne einmal unübersichtlich sind, dass also viele ambivalente Figuren auftreten und kein konkreter Antagonist zu fassen ist. Das ist jedoch auch ein Aspekt, der der Handlung einen gewissen Realismus verleiht.
Im Endeffekt eben ein Fantasyroman mit solchen und solchen Aspekten, der aber zweifellos gut unterhält und Lust auf die Fortsetzung macht.