Buchrezensionen

Sie bauten die ersten Tempel

Siebentausend Jahre vor den Pyramiden war Göbekli Tepe.
Als der Archäologe Klaus Schmidt im Oktober 1994 auf einem wenig beachteten Berg in der südlichen Türkei auf rätselhafte Steinobjekte stieß, die von frühere Besucher als muslimische Grabsteine missdeutet hatten, zeichnete sich alsbald eine historische Sensation ab: Was die Grabungskampagnen in den nächsten Jahren zutage förderten, war nicht weniger als die bislang älteste bekannte Megalithanlage der Welt, ein Heiligtum der Jäger und Sammler vor mehr als elftausend Jahren, sogar noch mehrere Jahrhunderte vor der Erfindung des Ackerbaus errichtet. Göbekli Tepe – ein Fund, wie man ihn vielleicht eher in den Schriften eines von Däniken erwarten würde, konnte sich doch bislang niemand vorstellen, die noch nicht einmal sesshaften Menschen der gerade erst beginnenden Jungsteinzeit hätten derartiges vollbringen können. In Zusammenarbeit mit türkischen Stellen grub das Deutsche Archäologische Institut die Anlage aus – bis jetzt nur Teile, vier monumentale Räume mit meterhohen Steinpfeilern, von denen bekanntermaßen noch zahlreiche weitere unter der Erde schlummern. Untrennbar verbunden ist das Projekt mit dem Namen Klaus Schmidt, der die Ausgrabungen mehrere Jahre leitete und letztlich auch die wohl zentrale populärwissenschaftliche Publikation darüber verfasste: „Sie bauten die ersten Tempel – Das rätselhafte Heiligtum der Steinzeitjäger / am Göbekli Tepe“ (Untertitel variierte in verschiedenen Auflagen). Da die archäologische Gesamtpublikation noch aussteht, ist dies bislang das Werk der Wahl zu dem faszinierenden Fundort.
Schmidt beginnt mit der Entdeckung der Anlage durch ihn und andere Archäologen, wobei er auch das Umland eingehend beschreibt. Es folgt – nicht die Beschreibung Göbekli Tepes, sondern zunächst ein allgemeiner Abriss des gesamten vorderasiatischen Neolithikums mitsamt seinen prominentesten Fundstellen: Jericho, Çatalhöyük, Ain Ghazal und weitere – nicht einfach seitenfüllender Ballast, sondern die notwendige Voraussetzung zum wirklichen Verständnis der neuen Funde. So erläutert Schmidt auch einige weniger bekannte und auch etwas jüngere Fundorte gleich in der Nähe, die die Form der markanten „T-Pfeiler“ mit Göbekli Tepe teilen und somit dessen Einbindung in einen ganzen kulturellen Horizont illustrieren. Der eingehenden Beschreibung der Stätte selbst ist der nächste Abschnitt gewidmet: Systematisch beschreibt Schmidt jede der vier bisher ausgegrabenen Kreisanlagen, darin jeden einzelnen der megalithischen Pfeiler und ihre rätselhaften Tierreliefs. Interpretationen sind zwar immer wieder dezent eingestreut, im Wesentlichen aber in den letzten Abschnitt vertagt. Dass es sich bei Göbekli Tepe um irgendeine Form von Kultstätte handeln muss, ist schwerlich zu bezweifeln – der genaue Zweck bleibt mangels schriftlicher Hinterlassenschaften jedoch rätselhaft. Sehr zu loben ist Schmidts wissenschaftliches Vorgehen, nicht schlichtweg eine Hypothese als unzweifelhafte Wahrheit zu präsentieren – vielmehr bleibt er stets differenziert und allzu vorsichtig bei allen Vermutungen, obgleich er es nicht versäumt, zumindest denkbare Verbindungen und Deutungen (etwa bzgl. Totenkult, Schamanismus, Neolithisierung und hypothetische Verknüpfungen zu weit jüngeren Mythen) aufzuzeigen.
So ist „Sie bauten die ersten Tempel“ letztlich nicht nur qua mangelnder Konkurrenz und des Autors, der dazu qualifizierter nicht sein könnte, sondern auch für sich eine hervorragende Dokumentation. Eine detaillierte Beschreibung findet ebenso Platz wie der weitgespannte kulturhistorische Kontext und nicht zuletzt die Interpretation. Da der Stil verständlich ist und Hintergründe eingehend erklärt werden, dürfte das Werk für Fachleute wie interessierte Laien gleichsam zugänglich sein. Schade ist einzig die bis heute unvollständige Ausgrabung von Göbekli Tepe, die noch viele weitere Sensationen erwarten lässt, auch wenn der 2014 verstorbene Klaus Schmidt dies weder wird miterleben noch publizieren können. Bis dahin aber bleibt „Sie bauten die ersten Tempel“ das unverzichtbare Standardwerk, das allein durch die fortschreitenden Erkenntnisse an Qualität einbüßen mag.

Ein Dinosaurier im Heuhaufen

Stephen Jay Gould (1941-2002) war einer der wohl bekanntesten Paläontologen und Evolutionsbiologen der jüngeren Vergangenheit, nicht zuletzt maßgeblicher Begründer der evolutionären Theorie des Punktualismus. Über Jahre hinweg verfasste er zahlreiche Essays – einen im Monat – zu verschiedensten Themen, fachlich fundiert und gleichsam populärwissenschaftlich verständlich. Mehrere Sammlungen dieser Essays erschienen auch hierzulande, wobei das Buch mit dem kuriosen Titel „Ein Dinosaurier im Heuhaufen – Streifzüge durch die Naturgeschichte“ eine davon ist.
Was einem entgegentritt, schlägt man den 480 Seiten zählenden Wälzer auf, stellt sich als alles andere denn dröge fachwissenschaftliche Studien heraus – vielmehr ist es Gould gelungen, eine ganze Reihe hochinteressanter Themen zu finden, auf die wahrscheinlich kaum ein anderer Autor kommen würde. Der Dinosaurier steht hierbei nur pars pro toto im Titel – liegt doch der Schwerpunkt keinesfalls nur auf den populären Urzeitechsen, sondern spannt sich über allerlei Phänomene der Natur-, vor allem aber auch Wissenschaftsgeschichte. Wieso wurden in Fachpublikationen des 19. Jahrhunderts Schneckenhäuser stets spiegelverkehrt dargestellt? Was hatte man sich damals unter von Frauen verfassten Büchern zur Naturkunde vorzustellen? Was hat es mit dem neuen Ordnungskonzept der Exponate im New Yorker Naturkundemuseum auf sich? Und wie bewertet ein echter Paläontologe eigentlich den Film „Jurassic Park“? Oft sind es gerade die kleinen, auf den ersten Blick wenig spektakulären Funde und Phänomene, die Gould zum Thema seiner Aufsätze macht, im Zweifel lieber prähistorische Meeresschnecken als Tyrannosaurier. All solche Themen werden als Aufhänger für teils noch weitreichendere Exkurse genutzt, etwa die Fundgeschichte der Walvorfahren als Musterbeispiel für die Bestätigung evolutionärer Theorien. Interessanter als die nichtmenschlichen Geschöpfe selbst sind dabei allzu oft die Gedanken zur menschlichen Rezeption der Naturgeschichte, damals wie heute. Seien es vergessen geglaubte Gestalten der Anfangsjahre der Wissenschaft, seien es Exempla wissenschaftlicher Methodik oder (zum Zeitpunkt der Veröffentlichung) hochaktuelle Forschungen wie die Theorie vom Aussterben der Saurier durch einen Meteoriteneinschlag. Gerade diese Kombination der bloßen Fakten mit jenen Aspekten der Wissenschaft als solcher um sie herum – der Forschungsgeschichte, der Forschungspraxis – ist es, die die Texte unter populärwissenschaftlichen Darstellungen so einzigartig und faszinierend macht. Obwohl ein Sachbuch und in so viele einzelne Teile gegliedert, liest sich das Werk erfrischend flüssig dahin, einem Roman an Fesselungsvermögen ebenbürtig.
Goulds Theorie dea Punktualismus mag inzwischen durch neuere Erkenntnisse relativiert sein, wissenschaftlich unhaltbar sind weiterhin seine liberalen Ansichten zur Vereinbarkeit von Wissenschaft und Religion – doch weder das eine noch das andere schmälert das Werk an sich, das (wie vermutlich noch einige andere) die mehr als berechtigte Popularität des Autors beweist. Mit seinen pointierten und interessanten Essays hat Gould tatsächlich ein Lebenswerk hinterlassen, das vielen Wissenschaftlern zum Vorbild gereichen sollte, die perfekte Symbiose von Wissenschaft und Literatur, besonders denkwürdig durch die so innovativ-eigentümlichen Themen, derer er sich dabei annimmt. Ein großartiges Buch – und sicher nicht das letzte des Autors, das den Weg in mein Regal findet.
Was genau es nun aber mit dem Saurier und dem Heuhaufen auf sich hat, soll an dieser Stelle einmal nicht gespoilert werden. Nur dass es eine Metapher ist, sei bereits angedeutet – Gras gab es im fernen Mesozoikum schließlich noch nicht.

Motel der Mysterien

Wir schreiben das Jahr 4022. Durch Zufall macht der Amateurarchäologe Howard Carson, der sich zuvor vor allem durch zweifelhafte Experimente zur Erhöhung der Höckerzahl bei Kamelen einen Namen gemacht hatte, eine spektakuläre Entdeckung: Das „Motel der Mysterien“, eine Nekropole des geheimnisvollen Volkes der Yankees, das zweitausend Jahre zuvor auf rätselhafte Weise unterging. Zur allgemeinen Überraschung stößt Carson hinter einem uralten Siegel mit der mehrsprachigen Fluchformel „Do not disturb“ auf eine noch unberührte Grabkammer des frühen 21. Jahrhunderts, die viel über die kulturellen und religiösen Gewohnheiten der Yankees offenbart. Besonders die Nebenkammer enthielt zahlreiche Prachtstücke, so etwa die „heilige Urne“ aus Porzellan, vor der mutmaßlich kultische Gesänge abgehalten wurden, oder auch der wertvolle Sarkophag aus „Plasticus aeternus“, in dem sich ein Toter mit kultischer Haube fand.

David Macaulays Graphic Novel „Motel der Mysterien“ dokumentiert Entdeckung und Erforschung dieses bedeutsamen archäologischen Fundplatzes. Es ist wohl keine Übertreibung, das Werk als eine der grandiosesten Wissenschaftssatiren der Weltliteratur zu bezeichnen. Brillant ahmt Macaulray den Stil archäologischer Publikationen nach, Funde mit allerlei Fantasie – und im Zweifel stets als „kultisch“ – zu interpretieren, selbst solche profanen Objekte wie einen Badewannenstöpsel, der zum „magischen Amulett“ wird, oder ein rätselhaftes Behältnis mit der Aufschrift „ICE“, was natürlich nur „Innereien- und Cerebrum-Eimer“, also Aufbewahrungsort für die Organe des Toten, bedeuten kann.
Besonders sticht einem Macaulays Genialität ins Auge, vergleicht man die Bildkompositionen mit manch historischen Bildern – mit einiger Detailverliebtheit etwa wurden jene Fotos von der Öffnung des Grabes Tutanchamuns durch Howard Carter nachgestellt; auch auf manch andere berühmte Archäologen finden sich unzweideutige Bezüge.

Nicht zuletzt wurde das Buch zum Vorbild eines Teils der Ausstellung „Irrtümer und Fälschungen der Archäologie“ im LWL-Museum Herne, wo man eine ganze Reihe der Funde aus der geheimnisvollen Grabkammer präsentierte. Der dazugehörige Ausstellungsband bildet insofern eine geeignete Ergänzung zu der Graphic Novel, dass er in einem Beitrag von David Macaulay selbst so einige Hintergründe beleuchtet und schließlich auch noch eingehend das gesamte Inventar des Fundplatzes samt Fotos und Kommentar darstellt.
Für Gelehrte der Archäologie mag das Werk einen allzu guten Spiegel darstellen, der vor manch gewagter Überinterpretation warnt – diese aber ebenso wie jeder andere Leser werden auf jeden Fall ihren Spaß daran haben, denn bei aller fachlichen Brillanz ist das „Motel der Mysterien“ doch vor allem eines: Eine herausragend witzige Satire.

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Knochenlese

Kathy Reichs dürfte vielen ein Begriff sein – forensische Anthropologin und, Themen ihrer unschönen und doch faszinierenden Profession verarbeitend, Autorin zahlreicher Bestseller, die nicht zuletzt lose die erfolgreiche Krimiserie „Bones“ inspirierten.
„Knochenlese“ ist das fünfte Buch der Bestsellerreihe, wenngleich das erste, das ich las. In diesem nun ist die Protagonistin Tempe Brennan (die tatsächlich annähernd nichts mit der gleichnamigen Figur der Serie zu tun hat) in Guatemala unterwegs, um dort Opfer in Massengräbern des jüngsten Bürgerkriegs zu identifizieren. Da werden unerwartet Leichenreste in einem Faultank geborgen – und da Brennan zufälligerweise auch Autorin eines Artikels über den Zerfall von Leichen in Faultanks ist, zieht die örtliche Polizei sie gleich hinzu. Handelt es sich bei der Toten womöglich um die jüngst verschwundene Tochter eines Politikers? Zu allem Überfluss scheinen mächtige Stellen der Anthropologin Steine in den Weg zu legen. Was mag hinter dem Mord stecken, der alsbald nicht mehr alleine dasteht?
Wie zu erwarten, stellt der Roman maßgeblich Aspekte der Forensik in den Mittelpunkt, Untersuchungen an stark verwesten Leichen nämlich. Anhand gleich mehrerer Fälle wird dies relativ breit ausgewalzt, ganz nebenbei lernt man sogar noch etwas über Knochenanalysen. Detailliert und offenkundig fundiert, für manchen Leser vielleicht abstoßend, doch letztlich genau was man erwartet. Schade nur, dass das Buch abseits dieses morbide-faszinierenden Rückgrats wenig zu bieten hat. Über die ersten hundert Seiten scheinen die Ermittlungen als solche nicht wirklich ins Laufen zu kommen, auch danach glänzen sie nicht unbedingt durch raffinierte Charaktere oder allzu mitreißende Wendungen. Den Großteil des Buches geht es tatsächlich weniger um Suchen und Finden eines Mörders, als vielmehr nur um die Identifizierung besagten ersten Mordopfers, während im Hintergrund noch der Verdacht eines Serientäters im Raum steht. Zum Ende hin werden noch gewisse allzu weitgreifende Aspekte eingebracht, die nicht ganz zum vorherigen Beziehungsgeflecht passen, doch das ist in diesem Genre gerade noch akzeptabel. Dies alles würde im Grunde also einen soliden Krimi machen, dessen inhaltliche Stärken und dramaturgische Durchschnittlichkeit sich etwa die Waage halten. Was einen jedoch beim Lesen weit mehr zum Würgen bringt als die plastische Beschreibung von Leichenverfall in Faultanks, das sind die ständigen inneren Monologe der Protagonistin und Erzählerin. Wahrlich, die so qualifizierte Dr. Brennan stellt sich schon auf den ersten Seiten als emotionaler Jammerlappen heraus, die während ihrer Arbeit größtenteils damit beschäftigt ist, über das Ausmaß des Grauens schockiert zu sein und ihre eigene Betroffenheit zu kultivieren. Man sollte meinen, eine forensische Anthropologin, deren Beruf und Berufung es ist, verfaulte Leichen zu untersuchen, besäße zumindest eine gewisse Distanz, anstatt in solch übertriebenem Maße unter der Anteilnahme an ihren Befunden zu leiden. Zynisch gesprochen ließe sich behaupten, dass, wäre das Buch von einem Mann geschrieben worden, dieser sich in Anbetracht der völlig emotional-überzeichneten Charakterisierung seiner Protagonistin bald den Vorwurf eines sexistisch-antiquierten Frauenbildes anzuhören hätte, ohne dass ein solcher Vorwurf aus der Luft gegriffen wäre. Es dürfte indes zu bezweifeln sein, dass die Autorin auch in dieser Angelegenheit sich selbst in das Buch hineingeschrieben hat – angesichts ihrer realen Profession sehr unrealistisch, auch ihr solch überdramatisierte Gefühlsregungen zu unterstellen. Vielmehr wage ich darin eine literarische Masche zu vermuten, um wenig gekonnt Tiefgründigkeit und emotionale Identifikation zu inszenieren. Reichs Erfolg zeigt, dass diese Form von Faultank-Verwesungs-Seifenoper offenbar viele begeisterte Anhänger*innen findet – wer wollte nicht schon einmal den „Tatort“ mit den bewegendsten Folgen von „Sturm der Liebe“ kombiniert sehen? Ganz richtig: Ich.
Was also bleibt? Eine durchschnittliche Krimihandlung, zwar herausragend fundiert, was die forensischen Grundlagen angeht, doch passagenweise unerträglich, nicht durch traditionellen Ekel, sondern plump überzeichnete Emotionalisierung. Schade, dass fachliche nicht zwangsläufig auch literarische Kompetenz bedeutet. Für einen Buchliebhaber hart, dies auszusprechen, doch da schaue ich mir lieber die Serie an. Nicht obwohl, sondern gerade weil sie bis auf den bloßen Namen der Protagonistin nichts mit den Büchern zu tun hat.

Verbotene Ägyptologie

Schon Herodot war fasziniert von der uralten ägyptischen Hochkultur – und bis heute hat sich wenig daran geändert. So ist wohl auch keine andere Zivilisation mit so vielen grenz- und pseudowissenschaftlichen Theorien verbunden. Besonders die Pyramiden von Gizeh mussten schon für manchen erstaunlichen Zweck herhalten – als Kraftwerke, Kornspeicher, vorsintflutliche Archive oder gar Landemarkierungen für Außerirdische. Ein Paradefall für die grenzwissenschaftliche Ägyptenrezeption ist zweifellos das Werk „Verbotene Ägyptologie“ von Erdogan Ercivan. Die darin aufgestellten Thesen sind relativ schnell umrissen: Es gab schon vor Urzeiten eine hochtechnisierte Zivilisation als Vorläufer des antiken Ägypten, die etliche Jahrtausende vor die ersten bekannten Hochkulturen zurückreicht. Alle nennenswerten kulturellen Erfindungen wurden zuerst von dieser Kultur oder aber den Ägyptern gemacht, einschließlich Strom, Radioaktivität und der Entdeckung Amerikas und Australiens. Pyramiden und Sphinx sind natürlich viele Jahrtausende älter und auf keinen Fall von Cheops oder Chephren erbaut. Und bis heute gibt es systematische Bestrebungen, dieses Wissen zu unterdrücken, wobei die Vertreter der akademischen Wissenschaft keine Ahnung haben und/oder bewusst alle neuen Erkenntnisse vertuschen.

Wer nun auf den ersten Blick plausible Archäologie-Mystik im Stile Erich von Dänikens erwartet, wird herbe enttäuscht – diese Qualität nämlich erreicht Ercivan bei weitem nicht. So scheitert sein Werk zunächst einmal schon an der Form: Es gibt nicht wirklich abgegrenzte Kapitel oder Argumentationsgänge – vielmehr wird rein assoziativ von einem Gedanken zum benachbarten nächsten gesprungen, wie man es normalerweise allenfalls in einem Einleitungskapitel praktiziert: A ist so, A hängt zusammen mit B, B erinnert an C, in Quelle C fand man aber auch Information D … Insofern enthält das Buch zwar sehr viele, auch richtige Informationen zu unserer Vorgeschichte – doch sind diese zumeist für die (sollte man meinen) zugrundeliegende Argumentation völlig irrelevant. Oft wird gar nicht klar, was genau Ercivan mit einer Information eigentlich belegen will – stringente Beweisführungen sucht man weitgehend vergebens.

So dauert es auch über hundert Seiten, bis erstmalig tatsächlich (mutmaßliche) Funde präsentiert werden, die das etablierte wissenschaftliche Weltbild ins Wanken bringen könnten; bis dahin bleibt es überwiegend bei Behauptungen, Suggestivfragen und traditionell verschwörungstheoretischem Wissenschaftler-Bashing. Dabei kristallisieren sich einige charakteristische Argumentationsmuster heraus: Etwas hat irgendwie Ähnlichkeit zu einem Sachverhalt der altägyptischen Kultur, also stammt es ursprünglich aus dieser. Ein Wort klingt ähnlich wie ein beliebiges ägyptisches Wort, also ist das Ding eine ägyptische Erfindung – und die Bedeutung des ägyptischen Wortes verrät weiteres über seine Eigenschaften. Irgendetwas wurde irgendwann einmal von einem Wissenschaftler geschrieben – also kann man es je nach Fasson als unzweifelhaftes Faktum oder als Beweis für den Irrtum der gesamten wissenschaftlichen Zunft sehen. Eine weitere Eigenart Ercivans ist es, kuriose und beeindruckende, aber tatsächlich von niemandem in Frage gestellte Fakten als revolutionäre Erkenntnisse zu präsentieren, die die Wissenschaft nicht wahrhaben wolle – so beispielsweise die Zählsteine des altorientalischen Neolithikums (111), astronomische Kenntnisse und Schädeltrepanation in der Steinzeit etc. Wenn neue Funde alte Theorien widerlegen (das Grundprinzip der Wissenschaft), so stellt er dies suggestiv als Belege gegen die wissenschaftliche Lehrmeinung dar (die sich den neuen Belegen ja meist einfach anpasste).
Die sogenannte „Verbotene Archäologie“, mir zuvor nur als sensationsheischende Genre-Bezeichnung innerhalb der Grenzwissenschaften bekannt, ist Ercivan zufolge eine fast schon institutionalisierte Wissenschaft, die nur von einer kleinen Gruppe Eingeweihter praktiziert wird, welche sich an „vorherbestimmten Treffpunkten“ zur Diskussion kontroverser Funde zusammensetzen (92, 97). solcherlei verschwörungstheoretisches Gedankengut von geheimen Fraktionen und verheimlichten Fakten (natürlich nicht ohne im Kontext irrelevante Erwähnung der Freimaurer) zieht sich durch das ganze Buch.

Wo tatsächlich einmal Funde genannt werden, die den Theorien des wissenschaftlichen Mainstreams direkt widersprechen, da fehlen Quellen oder sind denkbar unscharf: „Darüber hinaus ist mir aus sicherer Quelle bekannt, daß in Gisr-el-Mudir eine unterirdische Anlage mit Tempelsäulen entdeckt wurde, die mit einem modern anmutenden Hydraulikmechanismus ausgestattet sind“ (93). Zwar gibt es sogar ziemlich häufig wörtliche Zitate im Text, von Wissenschaftlern und aus alten Überlieferungen – doch nur seltenst werden die exakten Quellen genannt, was diese Aussprüche faktisch unbrauchbar macht. Einzig Papyri werden öfters spezifisch benannt, mesopotamische Überlieferungen oder Aussagen von Wissenschaftlern hingegen nie. Aussagen von Wissenschaftlern gibt es dabei sehr wohl, bisweilen auch kritische – doch werden jene, selbst wenn sie Argumente nennen, stets trivial beiseite gewischt, allenfalls noch durch implizierte Verschwörungsthesen abgelehnt, während bestätigende Aussagen stets für bare Münze genommen werden, auch und gerade wenn sie nur Behauptungen und keine Argumente enthalten.
Auch wenn der Großteil des Buches aus rein assoziativ verbundenen Informationen ohne wirklichen argumentativen Wert besteht, so nennt Ercivan doch schließlich in der Tat einige Funde, die, wenn die vorgebrachten Aussagen stimmen, so manche bisherige Vorstellung von der Menschheitsgeschichte über den Haufen werfen würden. Darunter sind einerseits einige Klassiker, die immer wieder in den Grenzwissenschaften zitiert werden – wie die „Glühbirnen von Dendera“ und das Yonaguni-Monument -, aber auch einige, von denen ich zuvor nicht gehört hatte. Bei jenen handelt es sich überwiegend um Gebäude oder Schriftdenkmäler, denen schlichtweg ein wesentlich höheres Alter zugeschrieben wird als bislang, was sie jeweils in gewisse Perioden der Steinzeit (bzw. der hypothetischen vorzeitlichen Hochkultur) datieren würde. Dazu kann man jedoch in der Regel erst einmal wenig sagen, denn es fehlen explizite und verlässliche Quellen für die vorgebrachten Informationen. Sicherlich würde sich eine nähere Untersuchung und Diskussion so mancher dieser Funde lohnen – doch ist der Autor offensichtlich weder willens noch fähig dazu, zumal dies dem populärwissenschaftlichen Anspruch des Werkes schaden könnte. Manche Funde wie etwa das Megalithgrab von Newgrange werden zwar recht ausführlich dargestellt, bei anderen aber wundert die trotz potentiell revolutionärem Gehalt sehr oberflächliche, ja nebensächliche Darstellung (z.B. 144: Ägypter experimentierten mit Radioaktivität).

Und wie es in den Grenzwissenschaften Sitte ist, wenngleich nicht zwangsläufig so extrem, gilt bei Ercivan doch grundsätzlich jede Überlieferung oder These als glaubwürdig, wenn sie nur ein gewisses Alter hat. Seien es antike Mythen – oder auch andere alte, doch nicht SO alte Aussagen wie die eines arabischen Historikers des Mittelalters über die Pyramiden und die Sphinx sowie eines englischen Hofarchitekten des 16. Jhds. über die Ursprünge von Stonehenge (zu deren Zeiten die wahre Bedeutung der Monumente längst vergessen war). Keine Stelle aber bringt seinen Umgang mit Quellen besser auf den Punkt als folgende:

„Bezeichnenderweise will sich kein Wissenschaftler mit Reputation mit den in Mythen überlieferten Fakten ernsthaft beschäftigen. Dabei hätten sie durchaus eine Legitimation dafür. Denn bereits 1865 [sic!] schrieb der hochangesehene Professor Alfred Wollheim da Fonseca über seine unzähligen Untersuchungen zur Mythologie: ‚Derjenige hat keine Ahnung von der Bedeutung, der hier nur unsinnige Fabeln und schöne Allegorien erblickt. Die Mythologie ist etwa ganz anderes: Sie ist der erhabenste Ausdruck der erhabensten Wahrheit. Eigentlich ist sie sogar weit mehr: Sie ist auch die Urgeschichte der Menschheit.“ (133-134)

Merke: Wenn ein Mann vor über hundert Jahren in einem protowissenschaftlichen Zeitalter Mythen sehr erhaben fand, dann musst auch du sie ernst nehmen. Was Erdogan Ercivan indes von den von mir hier so sehnsüchtig bemühten wissenschaftlichen Standards hält, wird an anderer Stelle klar:

„Deshalb wimmelt es in philologischen Fachbüchern von Erläuterungen und der heutigen Gesellschaftsordnung angepaßten Interpretationsversuchen der Gelehrten, die entweder in eckigen Klammern stehen oder in den sogenannten Fußnotenteil verbannt werden. Der interessierte Leser versinkt bei seinem Studium an diesen Textüberlieferungen im tiefen Morast akademischer Wichtigtuerei!“

Abseits all dieser vielen methodischen Unschönheiten finden sich jedoch auch simple Sachfehler in dem Buch: Seite 56 etwa zeigt einen bekannten sumerischen Statuenkopf, ohne jede Begründung als „Das älteste Volk von Jericho“ betitelt (nein, die Sumerer hatten nichts zu suchen im Jahrtausende vor ihnen florierenden Jericho). Laut Seite 65 stammen Schnabeltiere von Nagern ab (aber wieso legen sie dann Eier?). Das babylonische Epos Enuma Eliš ordnet er völlig anachronistisch den (viel früheren) Sumerern zu (127), den Unhold Humbaba aus dem Gilgamesch-Epos beschreibt er entgegen den Überlieferungen als „feurigen Stier“ und zeigt dazu noch zwei Siegelbilder ohne jede Verbindung zum Gilgamesch-Epos (148f). Soweit nur einige, die direkt ins Auge springen.

Was also bleibt im Fazit? Erdogan Ercivan nennt in der Tat eine ganze Reihe faszinierender Funde und Überlieferungen. Indes machen es seine selektive Auswahl von Fakten, selektive und willkürliche Quellenbewertung, der Hang zur Postulierung von Zusammenhängen auf rein assoziativer Basis, zutiefst dogmatisch-verschwörungstheoretisches Gedankengut sowie vor allem das grundsätzliche Fehlen konkreter Belege unmöglich, irgendetwas von all dem ohne aufwendige eigene Recherchen ernst zu nehmen, selbst wenn es einem gelänge, aus der völlig unübersichtlichen und zusammenhanglosen Textstruktur ohne jeden roten Faden einen konkreten Gehalt zu extrahieren. Ein Buch also, das mehr über geistige Strömungen unserer Zeit aussagt als über das Zeitalter der alten Ägypter.

Draculas Erben

„Draculas Erben“ – ein wohl ziemlich selbsterklärender Titel für eine Horror-Anthologie, gerade wenn auch noch ein Vampir das Cover ziert. Denn ja, in diesem Buch geht es um Vampire. Ganze 33 Geschichten verschiedener Autoren zu dem Thema sind vertreten, was das Buch mit 400 Seiten zum bislang mit Abstand dicksten Ableger der Anthologien-Reihe „Dunkle Seiten“ im Verlag Twilightline macht.
Im Großen und Ganzen halten letztlich auch alle Geschichten ein gewisses Mindestniveau und unterhalten absolut solide, auch wenn bisweilen orthographische Fehler auffallen. Doch wenn man nach dem Lesen um eine Erkenntnis reicher ist, dann wohl um jene: Das Vampir-Genre ist mittlerweile ziemlich ausgelutscht. Spätestens seit Bram Stokers „Dracula“ ist der Vampir eine etablierte Größe in der dunklen Phantastik und brachte vielerlei interessante Neuinterpretationen hervor. Doch solche sind in der vorliegenden Anthologie mit wenigen Ausnahmen („Legenden“ und vielleicht noch „Friss den Clown“, letztere aber nur wegen des Clowns) eher nicht zu finden. Vielmehr bewegen sich alle im Rahmen des traditionellen Hollywood-Vampirs, der Blut saugt und nicht altert, zum Glück aber nicht in der Sonne glitzert. Kaum beherrschbarer Blutdurst, Vampirjäger, dunkle Parallelgesellschaften – alles wiederkehrende Motive in immer neuer Rekombination, die einen nicht mehr unbedingt mitreißen. So bleibt „Draculas Erben“ letztlich doch eher im Mittelmaß stecken – solide Geschichten, die treu ein stagnierendes Genre bedienen, ohne dieses aber erinnerungswürdig zu bereichern.

Mohamed: Eine Abrechnung

So energisch wie wohl nie zuvor in Deutschland wird zurzeit über den Islam gestritten. Letztlich eint nur eines die Rechten und ganz Linken, die Feinde und Befürworter: Sie haben von der Religion selbst denkbar wenig Ahnung, wie wohl der Großteil der abendländischen Bevölkerung. Umso mehr ein Grund, den Islam zu verstehen, will man über ihn urteilen – und damit fängt man am besten ganz am Anfang an, bei seinem Gründer. „Mohamed: Eine Abrechnung“ lautet der unmissverständliche Titel des Buches des bekannten Islamkritikers Hamed Abdel-Samad, in dem dieser Leben und Wirken des islamischen Propheten unter die Lupe nimmt.
Was dabei herauskommt, ist ein komplexes, aber plausibles Psychogramm eines Mannes, von dessen Persönlichkeit wir doch erstaunlich vieles wissen, obwohl er vor tausendvierhundert Jahren lebte. Selten der Koran, umso mehr aber die Hadithe – ein riesiger Korpus von Aussprüchen und Anekdoten über Mohamed – sowie andere mittelalterliche Quellen (etwa Biographien) geben Aufschluss über dessen Leben, Wirken und Psyche. Aufgewachsen als Waise ohne dauerhafte Bezugspersonen, zumal mit einer zweifelhaften Abstammung, gelangt der junge Mohamed erst durch Heirat mit der wesentlich älteren Khadidscha zu wirtschaftlichem Erfolg. Mit etwa vierzig Jahren beginnt, was Muslime Offenbarung, Psychologen wohl eher komplexe Wahnvorstellungen nennen. Nach Jahren des Misserfolgs bei der Verkündigung der neuen Lehre radikalisiert sich diese zunehmend, bis es der selbsternannte Prophet schließlich durch Überzeugung und Allianzen zum mächtigen Feldherrn bringt, der von Medina aus auch seine alte Heimat Mekka zurückerobert.
Abdel-Samads „Abrechnung“ mit dem für über eine Milliarde Menschen über alles heiligen Propheten ist schonungslos, bezweckt sie doch das, was dem Islam als äußerste Blasphemie entgegensteht: Seinen Begründer als Menschen zu betrachten. Als Menschen mit einer komplexen Psyche, in vielerlei Hinsicht krankhaft, doch auch deutlichen Wandlungen im Laufe des Lebens unterworfen, mit einem gestörten Verhältnis zu Frauen, das sich in gleichsam Angst und Besitzsucht äußert, in ständigem Wechselspiel mit einem imaginären Verbündeten, der die Auslebung tiefsitzender Fantasien möglich macht und legitimiert. Dabei wird weder der historische Kontext außer Acht gelassen, nicht zuletzt die Glaubwürdigkeit der verschiedenen Quellen, noch die konkreten Auswirkungen dieser einen Person und ihrer Rezeption auf die daraus entstandene Religion – bis heute. Vielleicht mögen Experten, die selbst genauso vertraut mit der komplexen Materie sind wie der Autor, zu manch anderen Schlüssen kommen – auf den interessierten Laien jedenfalls wirken sie glaubwürdig, gar zwingend. Man kann wohl mit Fug und Recht behaupten, dass es Hamed Abdel-Samad gelungen ist, in allgemeinverständlicher Sprache eine mehr als aufschlussreiche Analyse dessen zu schaffen, worauf der Islam tatsächlich basiert – nicht  rechtsextrem, rassistisch und polemisch, sondern rational und nüchtern. So wird auch der Koran als das betrachtet, was er ist – nicht ein reines Manifest von entweder Hass oder Liebe, wie es Feinde und Verteidiger des Islam jeweils behaupten, sondern der direkte Ausfluss einer sich wandelnden, teils spontanen und auch widersprüchlichen Psyche, eines (teils sehr gestörten) Menschen eben. Um ein wirklich zitierfähiges Standardwerk zu sein, hätte das Buch bisweilen mehr konkreter Quellenangaben auch bei allen Kleinigkeiten bedurft, so der vielleicht einzige Makel, doch hätte darunter womöglich die populärwissenschaftliche Lesbarkeit gelitten. Nichtsdestotrotz ist es ein Sachbuch, das man lesen sollte, gerade um sich im heutigen „postfaktischen Zeitalter“ der emotionalisierten Debatten eine Meinung zu bilden. Ein Affront gegen eine Weltreligion, doch ein absolut nötiger.

Michael Tellinger und die Anunnaki in Afrika: Kritik

Die sumerischen Götter waren tatsächlich Außerirdische – das wissen wir spätestens seit Zecharia Sitchins Präastronautik-Klassiker “Der zwölfte Planet“. Anunnaki nannten die alten Sumerer und Babylonier diese Besucher, die vor über 400 000 Jahren von ihrem Heimatplaneten Nibiru, der auf einer elliptischen Umlaufbahn von 3 600 Jahren die Sonne umrundet, zur Erde kamen und dort mittels Gentechnik den modernen Menschen schufen, auf dass dieser an ihrer statt die Mühsal des Bergbaus ertrage. All dies geht aus den uralten Keilschrifttexten der Sumerer hervor – meint zumindest Sitchin. Und mittlerweile eine ganze Reihe weiterer selbsternannter Forscher, die den Mut fanden, auch gegen die Dogmen der ignoranten Schulwissenschaft den Geheimnissen der Anunnaki nachzuspüren.
Einer dieser Herren ist Michael Tellinger, nach Klappentext des Kopp-Verlages „Autor, Wissenschaftler und Forscher“, der gleich zwei Bücher zum Thema verfasste: In “Die Sklavenrasse der Götter“ erklärt er, wie die Anunnaki den sumerischen Tontafeln (sprich: den zweifelhaften Behauptungen Zecharia Sitchins) zufolge den Menschen als Arbeitssklaven schufen und ihm ein ganzes Paket genetischer Deformationen mit auf den Weg gaben, von denen Grausamkeit, Sklaverei und Gier nach Gold nur einige sind. Im zweiten Buch “Die afrikanischen Tempel der Anunnaki“ meint Tellinger sogar, die von Sitchin postulierten Goldminen und Monumente der Anunnaki in Südafrika gefunden zu haben, und präsentiert dem interessierten Leser stolz einen farbenfrohen Bildband voller uralter Steinkreise. Endlich die von uns allen ersehnte Offenbarung über die lange verheimlichten Ursprünge der Menschheit? Oder doch nur das wirre Werk eines Autors, der bestenfalls als drittklassiges Imitat eines in der Fachwelt verspotteten Pseudowissenschaftlers gelten kann? Die nähere Untersuchung der beiden Werke tendiert stark zu letzterem Urteil.

Im Falle dieser beiden Bücher war es mit einfachen Rezensionen nicht getan – zu groß ist das Ausmaß der darin zur Schau gestellten fachlichen Inkompetenz, zu leicht und verführerisch die gnadenlose Widerlegung durch die Wissenschaft. So entstand nach der Lektüre von „Die Sklavenrasse der Götter“ („Die afrikanischen Tempel der Anunnaki“ hatte ich schon zuvor gelesen und kommentiert) eine umfangreiche Replik – zu den Thesen der Bücher, der Methodik des Autors, seinen Fehlern und nicht zuletzt dem überschaubaren wissenschaftlichen Gehalt.

Herunterzuladen ist das 27-Seiten-Werk genau hier: Michael Tellinger und die Anunnaki in Afrika

Wie schon mein Artikel zum Serapeum von Sakkara wurde auch diese Kritik auf der kritischen Infoseite Mysteria3000 veröffentlicht, wenn auch der Länge wegen in drei Teilen:

Teil I / Teil II / Teil III

Tore zur Unterwelt: Das Geheimnis der unterirdischen Gänge aus uralter Zeit

Unsere Welt birgt viele Rätsel. Doch kann es sein, dass in Österreich, also fast schon vor unserer Haustür, der Erdboden durchzogen ist von teils kilometerlangen Gängen, penibel in den harten Stein gehauen, so alt, dass niemand weiß, wer sie erbaut hat? Heinrich und Ingrid Kusch jedenfalls sind dieser Ansicht und haben dem mysteriösen Phänomen der „Erdställe“ ein hübsch aufgemachtes Buch gewidmet, „Tore zur Unterwelt“ (später folgte noch ein zweiter Band „Versiegelte Unterwelt“).
Und tatsächlich, das Werk macht auf den ersten Blick einen seriösen Eindruck: Keine Aliens oder andere plakative Thesen, nicht im Kopp-Verlag erschienen, die Autoren sind beides Wissenschaftler mit akademischer Vorgeschichte und Position.
Und in der Tat, das Phänomen der Erdställe ist real (was auch eigentlich niemand abstreitet). Unter zahlreichen Häusern insbesondere in der Steiermark finden sich niedrige Tunnel, oft mit engen Schlupflöchern, die geradewegs mitten hinein in den Fels führen. Schon seit über hundert Jahren wird darüber geforscht; die Wissenschaft favorisiert einen Ursprung als „Schutzräume“, in die sich die Bewohner etwa bei Überfällen zurückziehen konnten. Eine Annahme, die schwerlich der teils hunderte von Metern oder gar Kilometer langen Tunnel gerecht wird, die die Kuschs in ihrem Buch beschreiben, zumal sich aus dem Mittelalter keine schriftlichen Quellen zu ihrer Entstehung finden. Mehr noch, vor kurzem soll im alten Stift Vorau eine Karte aufgetaucht sein, die ein ganzes Tunnelsystem unter der Ortschaft skizziert. Und kann es ein Zufall sein, dass die weiten unterirdischen Tunnel sich mit zahlreichen darüber aufgestellten Lochsteinen, Menhiren der Megalithzeit, decken?
Wer das Buch so liest, ohne sich ganz genau auf alle Einzelheiten zu konzentrieren, der bekommt in der Tat den Eindruck, hier habe man ein archäologisches Rätsel aus grauer Vorzeit vor sich, das noch am ehesten von einer verschwunden Hochkultur zeugt, die es niemals gegeben haben dürfte. (Aliens? Atlantis? Zwerge? Das bleibt der eigenen Fantasie überlassen.) Doch bei näherer Betrachtung fallen einem gewisse Unstimmigkeiten auf. Worauf basiert die dreidimensionale Grafik der Gänge unter Stift Vorau, wenn diese doch, wie im Text erwähnt, alle mit Erdreich verfüllt und daher unzugänglich sind? Woher kennen die Autoren die Maße eines unterirdischen Raumes, der nur mit einer Bohrung angeschnitten wurde? Wieso gibt es keine trockenen Zahlen und unverständliche Bilanzen naturwissenschaftlicher Untersuchungsmethoden wie Bodenradar oder Radiokarbondatierung?
Im Endeffekt stellt sich heraus, dass es sich bei dem gesamten Werk, obwohl schön aufgemacht mit den zahlreichen Fotos, um vollkommenen Murks handelt. Denn keiner der ewig langen, von den Kuschs so detailreich ausgemalten Gänge wurde wirklich betreten, geschweige denn mit wissenschaftlichen Methoden geortet. Vielmehr, das scheint im Buch nur peripher durch, wird jedoch durch Vorträge und andere Aussagen der Kuschs bestätigt, sind all diese Gänge mithilfe „radiästhetischer Untersuchungen“ – will heißen: mit der Wünschelrute – „gemutet“ worden. Im Klartext: Diese Gänge existieren nur in der Einbildung der Esoteriker, die an diese pseudowissenschaftliche Methode glauben. Es gibt keinerlei wissenschaftlichen Beleg – weder für die Länge der Gänge, noch ihren Zusammenhang mit den Lochsteinen, noch für ihr angebliches Alter, ja meistens nicht einmal für ihre Existenz. Aber was ist mit all den Fotos? Diese zeigen, teils ganz vermischt, verschiedene Gänge aus den letzten tausend Jahren, auf dem Cover etwa einen rund 300 Jahre alten, sprich neuzeitlichen, Wassergang. Die Erdställe indes, denn diese existieren tatsächlich, stammen aus dem Mittelalter, wie inzwischen durch Radiokarbondatierungen ziemlich zweifelsfrei erwiesen wurde, und sind nicht ansatzweise so lang und verzweigt wie die im Buch postulierten Gänge. Soweit die oberflächliche Kurzfassung der Fakten. Der Erdstallforscher Josef Weichenberger schrieb einen umfangreichen Kommentar zu dem Buch, in dem er dieses penibel auseinandernimmt, worauf zur näheren Beschäftigung verwiesen sei: http://www.erdstallforschung.at/?p=797
„Tore zur Unterwelt“ ist also ein pseudowissenschaftliches Buch – und gerade deshalb so verführerisch glaubwürdig auf den ersten Blick, weil es eben nicht mit plakativen Behauptungen von Aliens, Riesen und kosmischen Katastrophen hausieren geht wie die meisten Werke des Genres, und weil die pseudowissenschaftliche Methodik sich nur allzu leicht überlesen lässt. Der Autor Heinrich Kusch soll, wenn man verschiedenen Sekundärquellen im Internet glauben kann, auch einmal in einem Vortrag die Überzeugung geäußert haben, er werde infolge seiner Forschungen von vorzeitlichen Echsenmenschen verfolgt – doch davon merkt man kaum etwas im Buch selbst. Ein Werk, das lehrreich ist wie kaum ein anderes – wenn es um die Erkenntnis geht, wie leicht man durch ein Buch manipuliert werden kann.