Buchrezensionen

Sex und Perversion im Cthulhu-Mythos

Lovecraft und Sex, das ist so eine Sache. Gibt es denn überhaupt Sexualität in den zum „Cthulhu-Mythos“ gezählten Geschichten, die Horrorlegende H. P. Lovecraft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfasste? Die Antwort kann nur lauten: Überall und gar nicht.
Bei wenigen Autoren dürfte das Verhältnis zu dahingehenden Elementen so umstritten und ambivalent sein wie bei Lovecraft. Ganze Geschichten rund um Thematiken wie Inzest, Rassenmischung und sogar die Zeugung von Hybridwesen durch Menschen und außerweltliche Wesen – und doch nicht eine explizite Szene im gesamten Lebenwerk, nicht eine Geschichte mit romantischen Thematiken und ganz allgemein ein erstaunlicher Mangel an weiblichen Figuren. Ebenso gibt die Persönlichkeit und Sexualität des anscheinend weitgehend asexuellen Autors selbst bis heute Rätsel auf. Und dann wäre da noch die ganze Schar an Autoren, deren Werke in direkter Tradition Lovecrafts stehen, doch manches wesentlich expliziter angehen. Grund genug, eine umfangreiche Abhandlung über all dies zu verfassen. Bobby Derie hat es getan: „Sex und Perversion im Cthulhu-Mythos“ heißt das Werk, mit stolzen 480 Seiten erschienen im Festa-Verlag.
Das Buch teilt sich in mehrere Bereiche: 1. Lovecraft selbst und das, was man aus den verfügbaren Quellen zu seiner Sexualität entnehmen kann; 2. Einschlägige Thematiken in seinen Werken (und einigen ihn inspirierenden Vorgängern), 3. Selbige im durch unzählige Autoren erweiterten Cthulhu-Mythos von den Zeitgenossen Robert E. Howard und Clark Ahton Smith über August Derleth, Ramsey Campbell etc. bis hin zu Edward Lee und Alan Moore sowie 4. Die Beziehung von Cthulhu-Mythos und Sexualität in allen anderen Medien von Comic und Filmen bis hin zu Internetkultur und von Lovecraft inspirierten okkultistischen Strömungen (ja, die gibt es wirklich). Das ist ein riesiger Batzen Material – Hochachtung für den Autor, der das alles zu lesen und zu interpretieren hatte! – und trotzdem unmöglich vollständig, wo sich doch längst ein ganzes Genre aus dem Erbe Lovecrafts entwickelt hat. Trotzdem dürfte das (für meinen Geschmack definitiv ausreichende) Material die Thematik umfassend, wenn nicht erschöpfend behandelt haben mit dem Potenzial, ein neue Standardwerk in diesem Bereich der Literaturwissenschaft zu werden. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem Titelthema indirekt eine ganze Kulturgeschichte des Cthulhu-Mythos (und nebenbei auch dem Vorkommen von Tentakeln in erotischen Medien) und gibt jedem Fan nebst einem allgemeinen Überblick so einige interessante neue Einblicke, ganz ab von Sex und Perversion. Freilich kommen letztere keinesfalls zu kurz: Auf Analysen aller in Betracht kommenden Lovecraft-Geschichten folgen Kapitel über allgemeine Thematiken und Motive, selbige anschließend auch in Bezug auf die übrigen Autoren und ihre Tendenzen.
Positiv hervorzuheben ist auch die sachliche, nicht von irgendwelchen Theorien oder Überzeugungen verfälschte Art des Autors, nur leicht durchbrochen von bewusst positiven Urteilen über manche spätere Mythos-Autoren, weshalb in diesen eben kein bloßer Schund zu sehen sei. Zwar bedingt die Form unweigerlich auch einmal Längen (die wahrscheinlich jeder irgendwo anders ausmachen wird), doch im Großen und Ganzen liest sich auch dieses dicke literaturtheoretische Sachbuch flüssig bis unterhaltsam. Definitiv eine Bereicherung für am Cthulhu-Mythos Interessierte (und, wie eigentlich klar sein sollte, nur für diese) – ein Buch, das zeigt, dass die einschlägige Tradition in Lovecrafts Werk und Erbe weit mehr zu bieten hat als doppeldeutige Tentakel.

Die Geliebten Toten

H. P. Lovecraft schuf eine ganze Menge erstaunlicher Geschichten, von denen viele heutzutage zu den Grundpfeilern der modernen Horrorliteratur und Phantastik gehören. Doch während diese mittlerweile in zahlreichen Editionen erhältlich sind (beispielsweise die vier- und die sechsbändige Gesamtausgabe des Festa-Verlags), gibt es einen weiteren Korpus an weniger bekannten Geschichten: Die nämlich, die Lovecraft in Zusammenarbeit mit anderen Autoren bzw. al deren Ghostwriter verfasste. Einige von diesen erschienen schon früher in den Suhrkampf-Ausgaben „Das Grauen im Museum“ und „Azathoth“, doch nun bringt das Haus Festa sie erstmalig in ihrer Gesamtheit heraus. „Die Geliebten Toten“ ist hierbei der erste von bald drei Bänden.
Zwanzig teils grundverschiedene Geschichten umfasst das Werk. Es beginnt mit einigen kürzeren, die mit ihrem poetischen Stil und der teils undurchsichtigen, so vorhandenen Handlung mehr Prosagedichte denn Geschichten im eigentlichen Sinne sind. Obgleich auch hier der visionäre Stil Lovecrafts deutlich durchscheint, konnte ich mit den Werken dieser Textgattung nicht sonderlich viel anfangen.
Darauf folgt aber eine ganze Reihe von Erzählungen in typischer Lovecraft-Manier. Es ist natürlich schwer zu sagen, welchen Anteil dieser und welchen die anderen Autoren daran hatten, was ja von bloßer Überarbeitung bis zur Auftragsarbeit auf Basis einiger Ideen gehen kann. Doch unabhängig von den Verwicklungen der Autorenschaft enttäuschen die Texte nicht. Die Titelgeschichte „Die Geliebten Toten“ (verfasst mit C. M. Eddy jr.) – die eindringliche Autobiografie eines Mannes, der sich ungesund zu Toten hingezogen führt – ist hierbei zweifellos ein Highlight: Unterhaltsam geschrieben, dabei zugleich tief und lebendig in der Ausleuchtung des Charakters. „Das letzte Experiment“ von Lovecraft und Adolphe de Castro ist mit 81 Seiten mehr eine Novelle denn eine Kurzgeschichte und könnte durchaus unter die großen Cthulhu-Mythos-Geschichten gezählt werden. Diese dramatische Geschichte eines visionären Arztes besticht durch die Figuren, die ausführlich aufgebaute Handlung und vor allem den die meiste Zeit nur dezenten Einsatz des Übernatürlichen. Dazu kommt eine ganze Reihe weiterer kurzer, für sich stehender Horrorgeschichten, die mithin den Cthulhu-Mythos leicht anschneiden, und durchweg eine ordentliche Qualität und erstaunliche Einfälle vorzuweisen haben. Da wäre klassisch-gotischer Grusel in „Der Wolf, der Gespenster fraß“ und „Zwei schwarze Flaschen“, ebenso aber auch wissenschaftsbasierte Weird-Fiction in „Asche“ und „Die elektrische Hinrichtungsmaschine“. Zu guter Letzt gibt es noch ein paar unvollendete Fragmente von eigenen Geschichten Lovecrafts (leider in dieser Ausgabe nicht als solche gekennzeichnet), die allenfalls für Lovecraft-Kenner, weniger aber für den an bloßer Unterhaltung interessierten Leser geeignet sind.
Trotz der Fragmente und pseudolyrischen Kompositionen, die meinen Geschmack nicht ganz trafen, erweist sich „Die Geliebten Toten“ letztlich als ein Werk, das nicht nur in Hinblick auf die Vollständigkeit der Lovecraft-Sammlung besticht, sondern auch hervorragende Unterhaltung im altbekannten Lovecraft-Stil bietet. Liebhaber des Horror-Altmeisters sollten darauf nicht verzichten.

Grimm Fairy Tales: Bd. 1

Auf dem Cover des Comics ist Rotkäppchen dargestellt: Ein Samuraischwert in der Hand, deutlich sexualisiert gezeichnet. Die Erwartung, die daraus folgt, ist klar: Eine neue, moderne Adaption altbekannter Märchen, mit viel Action sicherlich, nebst gewissen Splatter-Einlagen und einer mehr oder minder latenten Erotik wahrscheinlich. Umso mehr, da die Werbung des Verlags auf der letzten Seite das Werk (bzw. die Serie) in direkten Kontext zu der entsprechend gearteten „Wonderland“-Reihe stellt.
Was man letztlich bekommt, ist dann aber doch um einiges harmloser. Eine Neuerzählung von sechs alten Märchen der Gebrüder Grimm – ein jedes eingebettet in eine moderne Rahmenhandlung mit inhaltlichen Bezügen zum entsprechenden Szenario. Stets steht eine Person vor einer ethischen Entscheidung und wird daraufhin über ein rätselhaftes Buch und dessen genauso rätselhafte Besitzerin mit dem entsprechenden Märchen konfrontiert. Wie erwartet, weicht die Nacherzählung der Märchen stets in gewissen Punkten vom Original ab – doch welche Maxime dahintersteckt, wird nicht richtig klar: Weder sind es, wie die Vermarktung des Werkes naheliegt, actionlastige Trash-Varianten der altbekannten Erzählungen, noch handelt es sich um die berüchtigten „unzensierten“ älteren Varianten vor der Edition durch die Brüder Grimm, auch ein erhöhter Realismus zulasten der übernatürlichen Märchenmotive ist nicht beabsichtigt. Abgesehen natürlich vom Unterschied zwischen bildlich dargestellter und (wie im Märchen) distanziert berichteter Geschichte sind die Neuinterpretationen nicht brutaler als das Original (vgl. etwa Rotkäppchen oder Hänsel & Gretel). Tendenziell vielleicht etwas tiefenpsychologischer, aber auch das nicht in größerem Maße ausgereizt, nicht zuletzt in der geringen Länge der einzelnen Episoden begründet. Vielmehr verbirgt sich hinter dem reißerischen Cover bloß eine leicht abgewandelte Nacherzählung der Märchen samt einem zwanghaft belehrenden modernen Kontext, der auf stereotype Figuren und plakative Handlungen setzt. Nicht nur die daraus abgeleiteten moralischen Leitlinien, sondern mithin auch der Vergleich als solcher sind durchaus diskutabel.
Und abseits des allgemeinen Erzählkonzepts? Der Unterhaltungswert ist eher mittelmäßig. Nicht als Euphemismus für miserabel, sondern wirklich mittelmäßig – es lässt sich ganz gut lesen, ohne den Leser aber jemals wirklich mitzunehmen. Spannung kommt schon allein deshalb kaum auf, weil man die meisten Geschichten ja in Grundzügen bereits kennt. Auch Zeichnungen & Bildsprache sind in Ordnung, aber weder in die eine noch die andere Richtung auffallend.
Im Fazit also: Beim Kauf erwartete ich etwas Anderes, stattdessen gibt es eben mittelmäßig gut aktualisierte und inszenierte Nacherzählungen von Märchen. Lesbar, aber macht nicht unbedingt Lust auf den zweiten Teil.

Deadpool: Tote Präsidenten

Man ist von dem Comic-Antihelden Deadpool ja schon einiges gewohnt – ob nun seine absurden Sprüche, sein regelmäßiges Durchbrechen der Vierten Wand oder die Ambition, das ganze Marvel-Universum und noch dazu seine eigenen Inkarnationen aus Paralleldimensionen umzubringen. Kein Wunder also, dass gerade dieser Söldner im roten Anzug es in der Miniserie „Tote Präsidenten“ ist, der mit der Beseitigung einer ganz neuen Gefahr betraut wird: Im Glauben, damit die Vereinigten Staaten von Amerika zu retten, ist nämlich ein Nekromant auf die dumme Idee gekommen, sämtliche ehemaligen US-Präsidenten von den Toten auferstehen zu lassen. Doch die fassen alsbald den Entschluss, ihr Land zunächst einmal zu zerstören, um dann von vorne anzufangen. Ob nun Ronald Reagan, der am liebsten eine Waffe im Weltraum einsetzen will, Teddy Roosewelt, der im nächstgelegenen Zoo sein Hobby der Großwildjagd wieder aufleben lässt, oder Abraham Lincoln, der sich jetzt angewöhnt hat, seine Gegner von hinten zu erschießen – es ist einiges zu tun für Marvels wohl absurdesten Helden. An der Seite von SHIELD, unterstützt von Dr. Strange und dem Geist von Benjamin Franklin, macht dieser sich also daran, die ganzen untoten Präsidenten von Washington bis Nixon und Kennedy ins Grab zurückzuschicken…
Natürlich ist die Story Trash – nichts anderes erwartet man. Action, coole Sprüche und noch mehr Action – eingebettet in ein natürlich hochpolitisches Szenario. Aber der absurde Einfall gelingt. Es hagelt Gags auf jeder Seite, andauernd kommen unerwartete Anspielungen auf bekannte Filme, die Eigenheiten der Präsidenten oder was auch immer. Platt? Vielleicht. Gezwungen? Manchmal. Und doch irrwitzig komisch vom Anfang bis zum Schluss. So ist auch eine Lanze für den Übersetzer zu brechen, der bei der Übertragung der Kalauer und diversen mutmaßlich neuen Witzen der deutschen Fassung eine beeindruckende Leistung erbracht hat. Ich persönlich hatte auch kein Problem damit, die doch sehr auf die amerikanische Geschichte und Politik zentrierten Anspielungen zu verstehen – zumal die weniger bekannten Präsidenten auch als genau das betrachtet und mithin sogar extra vorgestellt werden.
Eine Geschichte letztlich, die sich problemlos in den Marvel-Kosmos einfügt und doch etwas ganz Neues bringt – eben ein Kampf zwischen dem unsterblichen Mutanten Deadpool und einem Haufen historischer Präsidenten. Durchweg unterhaltsam und Comedy pur, reiht sich dieser absurd-groteske Comic als Glanzstück unter den mir bislang bekannten Marvel-Publikationen ein. Man kann nur hoffen, dass irgendwann die Fortsetzung „Lebende Präsidenten“ erscheint – Potenzial genug gibt es ja.

Die Protokolle der Weisen von Zion: Die Grundlage des modernen Antisemitismus – eine Fälschung. Text und Kommentar

Sie sind die Mutter aller Verschwörungstheorien: Die angeblichen Mitschriften von Vorträgen, die den Plan der Juden zur Erringung der Weltherrschaft skizzieren – die sogenannten Protokolle der Weisen von Zion. Obwohl schon vor über hundert Jahren als Fake entlarvt, erfreut sich dieses antisemitische Pamphlet auch heute noch großer Beliebtheit bei Nazis, Verschwörungstheoretikern und anderen radikalen Spinnern (wer das nicht glaubt, der lese nur einmal die anderen Amazon-Rezensionen dazu). Doch ist das umso mehr ein Grund, auch als Nicht-Antisemit Bescheid zu wissen über dieses Machwerk und seine Hintergründe. Eine Möglichkeit dazu bietet die kommentierte Ausgabe unter dem Titel „Die Protokolle der Weisen von Zion: Die Grundlage des modernen Antisemitismus – eine Fälschung“, herausgegeben von Jeffrey L. Sammons.
Zunächst einmal enthält das Buch auf 128 Seiten den kompletten Text der berüchtigten Protokolle. Was darin steht, scheint manchmal in der Tat verführerisch naheliegend, glaubt man doch so manches nur allzu leicht in der Politik der Vergangenheit und Gegenwart wiederzuerkennen. Mehr noch aber ist das Werk denkbar plump und durchschaubar, zumindest für den unvoreingenommenen Leser. Es sollte eigentlich leicht zu erkennen sein, mit welcher Intention die Protokolle verfasst wurden – zum einen natürlich, um das ewige Feindbild Weltjudentum als unsichtbare Macht des Bösen zu bedienen, vielleicht mehr noch aber als Verherrlichung der Monarchie, zu deren Zeiten das Werk entstand, und somit als Pamphlet gegen die sich ausbreitende Demokratie. Doch zuallererst sind die Protokolle denkbar zäh und öde, gerade wenn es an die Vorträge zum Thema Wirtschaft geht.
Neben dem Originaltext enthält das Buch ein Einleitungskapitel und ein kürzeres Nachwort. Ersteres skizziert kurz und übersichtlich, aber eingehend genug die Entstehung und Geschichte der Protokolle – so etwa die oft vernachlässigte Tatsache, dass diese sich in direkter Linie aus mehreren ursprünglich fiktionalen Texten (einem Sensationsroman und einem philosophischen Streitgespräch) herleiten. Die Anmerkungen im Text halten sich letztlich in angenehmen Grenzen, doch werden hier an einigen Stellen in den Fußnoten Auszüge der Vorbildtexte gegenübergestellt, was (ebenso wie ein längerer Auszug am Ende des Buches) als fundierte Beweisführung für den eben genannten wahren Ursprung der Protokolle dient. Und obwohl bereits auf dem Cover plakativ der Begriff „Eine Fälschung“ steht, wohl um keinen Zweifel an der kritischen Intention der Publikation zu lassen, geht die Einleitung gleich in den ersten Sätzen darauf ein, wie missverständlich diese Bezeichnung eigentlich ist – impliziert „Fälschung“ doch für gewöhnlich ein zu imitierendes Original. Was die Rezeptionsgeschichte der Protokolle nach dem 2. Weltkrieg angeht, bleibt das Einleitungskapitel aber leider sehr knapp; hier hätte man sich mehr wünschen können. Einziger Kritikpunkt bleibt die doch oft extrem wertende, ja abfällige Ausdrucksweise, was die Protokolle und ihre Rezipienten angeht. Ich schließe mich diesen Betrachtungen zwar uneingeschränkt an – doch hat ein solcher Stil in einem seriösen Sachbuch eigentlich nichts verloren und sollte allenfalls in sehr geringem Maße auftreten. Man muss dem Leser wohl kaum klarmachen, wie böse Antisemitismus mit all seinen Ausdrucksformen ist, gilt dies doch hierzulande weitgehend als Grundkonsens.
Natürlich wird auch diese Ausgabe nicht verhindern können, dass die Protokolle weiterhin von vielen Menschen ernst genommen werden. Nicht zuletzt dürften sie deshalb trotz der Widerlegung des jüdischen Ursprungs nachhaltig so beliebt sein, weil sie schon vor über hundert Jahren Leute ein detailliertes Konzept zur Erringung der Weltherrschaft skizzierten, das man mit einer verschwörungstheoretischen Grundhaltung nur allzu leicht in realen politischen Entwicklungen wiedererkennen kann – letztlich sind die Protokolle eben der Prototyp eines Plans zur unterschwelligen Errichtung einer Neuen Weltordnung. Ein (zumindest oberflächlich) einleuchtender Plan, den man letztlich jeder gerade bevorzugten Partei angeblicher Verschwörer anlasten kann, ob jüdisch oder nicht. Ganz abgesehen natürlich davon, dass echte Anhänger solcher Positionen auch mühelos einen gedanklichen Weg finden, die Entstehung doch trotz aller Fakten wieder den Juden zuzuschieben.
Das wird sich schwerlich ändern lassen – doch immerhin trägt die vorliegende Ausgabe für alle Anderen zur Aufklärung bei. Kurz und knapp und ohne eine Seite zu viel bietet sie alles, was von ihr zu erwarten wäre – eben den Grundtext dieser leider kulturhistorisch nur allzu relevanten Schrift nebst fundierten Erläuterungen zu ihrem Ursprung, ohne dass der pejorative Stil die Qualität nennenswert mindern würde.

How to Survive a Sharknado and Other Unnatural Disasters

Inzwischen dürfte ein gewisses Allgemeinwissen, wie man sich im Falle einer Zombie-Apokalypse zu verhalten hat, flächendeckend bekannt sein. Aber was, wenn nicht blutrünstige Untote das Problem sind, sondern durch die Luft fliegende Haie – ein Sharknado? Was, wenn in einem „Boaricane“ kybernetisch verbesserte Wildschweine von Himmel regnen, wenn in einem „Arachnoquake“ riesige Spinnen dem bebenden Erdboden entsteigen, wenn dem Militär mal wieder ein Sharktopus entkommen ist? Die meisten Menschen wären solchen Szenarien denkbar hilflos ausgeliefert. Wer weiß schon, wie man einen Basilisken, ein mechanisches Krokodil oder einen Geisterhai bekämpft?
Doch zum Glück gibt es hier Abhilfe: Den vielseitigen Überlebensratgeber „How to Survive a Sharknado and Other Unnatural Disasters – Fight Back When Monsters and Mother Nature Attack“ von Andrew Shaffer. Zwar ist das Werk leider nur auf Englisch erhältlich, doch was ist das schon für ein Preis verglichen mit dem eigenen Leben?
35 verschiedene Monster und abnorme Katastrophen, bekannt oder weniger bekannt aus diversen Trash-Filmen, werden hier vorgestellt, von populären wie dem Sharknado bis zu unbekannten wie der Beeclipse oder der Piranhaconda. Nebst allgemeinen Infos und einem Bericht über den ersten dokumentierten Vorfall gibt es Tipps der Kategorien „Avoid“ und „Survive“ – Vermeiden und Überleben. Trotz des todernsten Themas verzichtet der Autor dabei nicht auf einen gewissen oft trockenen Humor, der das Lesen der Fakten und Überlebensstrategien angenehm auflockert. Hübsche Illustrationen der Monster und Katastrophen fehlen natürlich auch nicht, hinzu kommen noch diverse Hintergrundinformationen zu historischen Vorfällen, wissenschaftlichen Theorien und allgemeinen Überlebensratschlägen. Da kann man auch verschmerzen, dass das Buch in manchen Belangen nicht mehr ganz aktuell ist – so finden beispielsweise die vier weiteren verheerenden Sharknado-Katastrophen wie auch alle anderen Vorfälle nach 2014 keine Erwähnung mehr. Manche Pedanten könnten womöglich noch die wissenschaftliche Genauigkeit bemängeln, aber welche Rolle spielt das noch, wenn Haie durch die Luft fliegen und es ums nackte Überleben geht?

Tiere

Tiere von [Steinfurt, Kim]Die Prämisse der kurzen Novelle „Tiere“ von Kim Steinfurt lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Was, wenn einmal wir die Tiere sind?
In diesem kurzen Büchlein gibt es keinen Kontext, keine übergeordnete Handlung. Wir erfahren nicht, wie es dazu kam, dass die Welt allem Anschein nach nun von einer höheren Spezies beherrscht wird, ja wer diese Spezies überhaupt ist. Das spielt aber auch keine wirkliche Rolle, denn wichtig ist nur das Ergebnis: Dass Menschen nun in der Position sind, die wir über Jahrtausende hinweg den Tieren aufgezwungen haben. Vier exemplarische Schicksale bekommt der Leser nacheinander präsentiert, jedes von ihnen nicht individuell, sondern stellvertretend für unzählige. Menschen in einem vollautomatischen Mastbetrieb oder als überzüchtetes Haustier – eine Synthese unserer Urängste einerseits, eine Blasphemie gegen unser selbstverständliches Eigenbild andererseits. Diese Geschichten sind drastisch, vollkommen schonungslos im Ausmalen der schrecklichen Gräuel, Horror ersten Ranges ohne Zweifel. Ein schrecklich lebendig ausgemaltes Grauen, das umso wirkungsvoller ist, wo man doch weiß, dass es nicht der fehlgeleiteten Perversität eines Autors, sondern einzig und allein einer Betrachtung der realen Welt – mit vertauschten Rollen – entspringt. Nicht Sadismus oder Hass ist die Ursache dessen, was einen hier so sehr schockieren mag – sondern nichts anderes als mitleidlose Gleichgültigkeit. Abartig? Vielleicht. Und doch mit einer nur allzu politischen und zivilisationskritischen Botschaft.
Das Büchlein von rund 80 Seiten ist in rund einer Stunde durchgelesen – und liegt doch noch wesentlich länger im Magen. Ein kleines, schockierendes Meisterwerk, das beweist, wie gut doch Horror und Gesellschaftskritik Hand in Hand gehen können.

Liebe, Tod, Unsterblichkeit – Urerfahrungen der Menschheit im Gilgamesch-Epos

Das Gilgamesch-Epos ist sicher eines der bedeutsamsten Werke der Weltliteratur – kein Wunder also, dass es zahlreiche Deutungen und Interpretationen aus allen Richtungen anzieht. Einige dieser Interpreten haben sich unter dem Motto der sogenannten „Urerfahrungen“ zu der Anthologie „Liebe, Tod, Unsterblichkeit“ versammelt. Sieben Autoren geben in sieben Beiträgen ihre philosophischen Deutungen des Epos zum besten – und enttäuschen dabei ziemlich.
Zugegeben, vielleicht fehlt mir auch einfach das Gespür für philosophische Feinheiten und den Sinn, den manche anscheinend aus dem Jonglieren mit Abstrakta ziehen. Doch sind auch manche Bereiche der Philosophie und artverwandter Disziplinen (Theologie und Psychologie liegen mithin recht nahe) durchaus interessant und diskussionswert, trifft dies auf die Gilgamesch-Interpretationen in diesem Band nicht zu.
Das Schema ist immer ziemlich gleich: Unter dem Thema einer „Urerfahrung“ wie etwa Träume, Liebe, Tod, Gewalt und Glauben wird in jedem Kapitel das gesamte Epos nacherzählt und dahingehend gedeutet. Der Gehalt aber – denkbar gering. Letztlich lassen sich die Schlüsse und Aussagen der Autoren in zwei Extreme einteilen: a) jene, die vollkommen offensichtlich und jedem Leser des Epos bekannt sind, nur umständlicher formuliert, und b) solche, die wirklich an den Haaren herbeigezogen sind und sich kaum am Text, noch weniger aber am kulturhistorischen Kontext belegen lassen. Es scheint überhaupt, dass die Autoren das Epos zwar sehr genau gelesen und sich eingehend damit beschäftigt haben, sonst aber keiner von ihnen über mehr als oberflächliche Kenntnisse der Altorientalistik verfügt. So fehlen auch völlig solche Deutungen, die den historischen und kulturellen Kontext des alten Mesopotamiens mit einbeziehen, welcher ja bei einem Epos aus ebendieser Zeit durchaus eine Rolle spielen könnte. Nein, stattdessen werden dem alten Epos lieber willkürlich abstrakte Konzepte viel späterer Traditionen aufgestülpt, die als Interpretation vielleicht möglich sind, doch weder im Bewusstsein der Autoren des Epos bzw. der Gilgamesch-Tradition gelegen haben dürften, noch die Anforderungen an wissenschaftliche Hypothesen mit Beweis- und Widerlegbarkeit erfüllen. Da wird etwa im ersten Beitrag plötzlich alles in Schemata von männlich-weiblich und geistig-intuitiv/dionysisch-apollonisch eingeteilt, bis groteske Schlüsse das Ergebnis sind: Der Gott Enlil zeigt in der Sintflutgeschichte emotionales und nicht durchdachtes Verhalten, also verkörpert er das Prinzip des emotional-intuitiv-Triebhaften, also auch das Prinzip der Natur, also ist im Umkehrschluss in allem, das irgendwie emotional oder naturverbunden (Enkidu) ist, das Enlil-Prinzip vorhanden.
Den Mangel an inhaltlichem Gehalt machen die Autoren (manche mehr, andere weniger) dafür aber mit einer inflationären Verwendung von Fremdwörtern, Fußnoten, kontextlosen Zitaten berühmter Denker und, ganz besonders beliebt, Wörtern und Konzepten aus dem Griechischen wieder wett. Nichts gegen eine akademische Ausdrucksweise, nichts gegen Belege für seine Aussagen – doch in diesem Fall, wo oft genug hinter einem denkbar beliebigen und noch dazu meist unnötigen Wort noch in Klammern die Schreibung in griechischen Buchstaben steht, grenzt der Stil an intellektuelle Onanie. Weniger scheint man sich um eine klare und präzise Ausdrucksweise zu bemühen, als vielmehr krampfhaft um den Eindruck höchster intellektueller Potenz, die dem Verständnis mehr ab- als zuträglich ist.
Das einzig Positive an diesem Werk ist, dass es nur 160 Seiten umfasst.

Kinder der Sonne: Die Narten

Bildergebnis für kinder der sonne die nartenWir kennen viele große Heldenepen der alten Völker: Da wären das Nibelungenlied, Beowulf natürlich, Ilias und Odyssee, nicht zu vergessen Gilgamesch. Weniger bekannt ist indes das Epos um die Narten, jenes Volk übermenschlicher Helden, das von den Osseten (einem kleinen Volk im Kaukasus) als ihr Vorgänger betrachtet wurde. Die Wurzeln dieser Mythen reichen zweifellos bis in die Zeit der Skythen zurück und wurden über deren Nachfahren, vor allem die Alanen und Osseten, jahrhundertelang mündlich tradiert, bis Forscher im 20. Jahrhundert endlich den Entschluss fassten, den Korpus der Nartensagen niederzuschreiben. Aus dieser Fassung schuf der orthodoxe Priester und Autor André Sikojev eine deutsche Übersetzung – und damit wären wir bei dem zu besprechenden Buch: „Kinder der Sonne: Die Narten“.
Das Epos besteht tatsächlich aus diversen Einzelepisoden, die aber durch die auftretenden Akteure verknüpft sind und auch lange Zeit weitgehend zusammenhängend tradiert wurden. Es beginnt mit den Brüdern Achsar und Achsartag, denen in den nächsten Generationen Helden wie Urismag, Chamiz, Sostan und Batrads folgen. All diese müssen sich mit bösartigen Riesen, mehr noch aber mit den Intrigen und sozialen Verwicklungen ihres eigenen Volkes herumschlagen. Die Übergänge zwischen Menschen und göttlichen Wesen sind bei diesen sagenhaften Helden oft fließend – denke man etwa an die (fast) unverwundbaren Helden Sostan und Batrads, deren Körper im Feuer wie Stahl gehärtet wurden. Obwohl unter christlichem Einfluss der Glaube an einen höchsten Gott Eingang in die Kultur der Osseten fand, konnte er sich letztlich nie endgültig gegen die Konkurrenz älterer Gottheiten durchsetzen und bleibt in den Geschichten letztlich eine Kraft nebst anderen.
Zwar gibt es eine Reihe von Logiklöchern und wiederholt auftauchende Motive, doch ist dies bei solchen „natürlich gewachsenen“ Mythen kein wirkliches Wunder. Eine faszinierende Dimension eröffnen die Nartengeschichten auch für die vergleichende Mythologie – gibt es doch einige Stellen, die bemerkenswerte Ähnlichkeit zu Mythen anderer Kulturen aufweisen: der Zyklop mit seiner Schafherde in der Höhle ganz wie in der Odyssee, die Steingeburt des Sostan (vgl. hethitische und phrygische Traditionen) und eine Beschreibung der Unterwelt, die (zufällig oder nicht?) an die zwölfte Tafel des Gilgamesch-Epos (bzw. das sumerische Äquivalent) erinnert. Kulturhistorisches Hintergrundwissen ist überhaupt nicht vonnöten – einige grundlegende Informationen gibt es schließlich noch im Nachwort, was informativ, aber für das Verständnis der Geschichten nicht unbedingt erforderlich ist.
Ganz ab von dieser tiefgehenden wissenschaftlichen Betrachtung darf aber eines niemals aus den Augen verloren werden: Stilistisch ist Autor und Übersetzer mit dieser bisher einzigen deutschen Edition des Nartenepos ein Werk gelungen, das zwar in seiner Art eindeutig ein alter Mythostext, aber doch genauso flüssig und unterhaltsam zu lesen ist wie zeitgenössische Unterhaltungsliteratur – ganz anders als man es von anderen solchen Epen und ihren Übersetzungen gewohnt ist. Mehr erinnert es im Ausdruck an altbekannte Märchenerzählungen – zwar nicht persönlich und szenisch, sondern berichtend in der Perspektive, doch alles andere als zäh und auch heute noch gut lesbar. Nun muss natürlich noch bemerkt werden, dass unklar bleibt, wie textnah diese Übersetzung (oder vielmehr Nacherzählung?) gegenüber der Ursprungsfassung ist, doch dürfte auch jene daher, dass sie erst spät verschriftlicht wurde, schon von recht moderner Stilistik sein (zumal der Sagenkorpus im Gegensatz zu anderen Epen nie in Versform tradiert wurde).
Im Endeffekt ist das Buch „Kinder der Sonne“ absolut zu empfehlen. Bisher einzigartig auf dem deutschen Markt, bietet es einen unterhaltsamen und gut lesbaren Einblick in die wichtigsten Sagenkreise einer hierzulande kaum bekannten, aber doch faszinierenden Mythologie.