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Alraune: Die Geschichte eines lebenden Wesens

„Alraune: Die Geschichte eine lebenden Wesens“ gilt als eines der bekanntesten Werke des deutschen Schriftstellers Hanns Heinz Ewers (1871-1943). Und wie schon viele seiner Werke jenem durch ihre Thematisierung von Tod und Sexualität einen zweifelhaften Ruf einbrachten, so gilt dies auch für die Thematik von „Alraune“: Der Legende nach entsteht die Alraune genannte Pflanze, der magische Kräfte nachgesagt werden, aus dem auf die Erde fallenden Samen eines erhängten Verbrechers. Dies inspiriert den Professor ten Brinken und seinen verantwortungslosen Neffen Frank Braun dazu, den Prozess in Form der gerade erfundenen künstlichen Befruchtung nachzuvollziehen. Das scheint erfolgreich – eine mehr oder minder freiwillig angeworbene Prostituierte trägt den post mortem gezeugten Nachwuchs eines hingerichteten Mörders aus und es entsteht ein lebendes Mädchen, dem der allzu passende Name Alraune gegeben wird. Doch als Alraune nun heranwächst, bringt sie ihrem Ziehvater ten Brinken nicht nur Glück wie ihr botanisches Vorbild, sondern entwickelt sich auch zu einer äußerst manipulativen und bösartigen Gestalt. Jeder scheint dem attraktiven Mädchen zu verfallen – wo immer sie auftaucht, ist Übel die Folge…
Wie bei einem 1911 veröffentlichten Buch zu erwarten, ist der Schreibstil altmodisch – doch alles andere als zäh oder gar langweilig. Nicht nur liest sich das Werk durchweg flüssig und spannend, immer wieder hat es auch einen gewissen Humor. Ewers‘ Stil ist poetisch, dichterisch, doch der prosaischen Handlung stets angemessen, manchmal gar steigert er sich zu einem schieren Wahn, der den Leser mitreißt, wobei dieses in der Literaturkritik inflationär gebrauchte Wort es längst nicht mehr hinreichend beschreiben kann. Der Stil wie auch das Setting seiner Zeit tragen natürlich unweigerlich zur lebendigen Atmosphäre bei, wie man es bei zeitgenössischen Werken schwerlich bemerken kann. Eine ganze Reihe von Charakteren zieht sich dabei, sich entwickelnd, durch den ganzen Roman; Charakterisierung und vor allem Entwicklung sind wahrlich zu loben. Mehr ein Thriller denn ein phantastischer Roman ist „Alraune“ bei genauerem Hinsehen, so wie die Handlung sich stetig aufbaut und dabei unaufhaltsam der Eskalation entgegenstrebt. Gerade der letzte Teil der Geschichte zeichnet sich durch eine beachtliche Spannung und Unvorhersehbarkeit aus.
Einziger Kritikpunkt: Die paar Textblöcke an Anfang, Mitte und Schluss, die anscheinend eine Art Rahmenhandlung darstellen – diese sind so poetisch verfasst, dass sie keinen wirklich erkennbaren Sinn mehr ergeben.
„Alraune“ – der erste Roman von H.H.E., den ich bisher las – überzeugte letztlich auf ganzer Linie: Zu seiner Zeit sicher revolutionär, gar blasphemisch, stellt das Werk auch heute noch eine hervorragende Unterhaltung dar.

Asiras: Novelle

Asiras: Novelle von [Inselmann, Leif]So, die Neufassung von „Asiras“ ist endlich veröffentlicht – zumindest als e-book.

Um über die dort ansässige Sekte zu recherchieren, reiste der Journalist Christian Jung in das abgelegene Dorf Ödmark. Nunmehr ist sein Verstand verschwunden, der Fall gibt dem Psychiater Dr. Theus Rätsel auf. Mag doch etwas Wahres an den grotesken Begebenheiten sein, die Jung bei einer Hypnose schilderte? Und was hat es mit dem vermeintlichen Gott Asiras auf sich, dem die Bewohner Ödmarks sich mit Leib und Seele verschrieben haben?
Eine Odyssee zwischen Wahn und Wissenschaft beginnt, ein Kampf um den eigenen Verstand…

Da ich die nächsten zwei Wochen über in den Urlaub fahre, lässt die Veröffentlichung als Taschenbuch etwas auf sich warten – doch dann wird auch diese schnell erfolgen.

Erhältlich hier bei Amazon: Asiras

Injustice – Götter unter uns: Das erste Jahr: Bd. 2

Das Videospiel „Injustice“ rund um die DC-Superhelden Superman, Batman & Co. ist anscheinend ein Hit – ich kann es nicht beurteilen, hab’s nie gespielt. Jedenfalls inspirierte dieses offenkundig eine eigene Comic-Reihe mit gleichnamigem Titel. Die Story ist so dramatisch, wie man es sich in jenem Universum nur denken kann: Dem Joker ist es gelungen, Supermans Geliebte Lois Lane zu töten und die Stadt Metropolis zu zerstören – was den „Mann aus Stahl“ nicht nur traumatisiert, sondern auch zu einem fortan konsequenteren Umgang mit Verbrechern veranlasst. Gemeinsam mit Wonder Woman, Green Lantern und einer Reihe anderer Superhelden wird nun die Aufgabe in Angriff genommen, die Welt von allem Unrecht zu säubern – koste es was es wolle. Kein Wunder, dass sich die „Justice League“ durch ihr neues Vorgehen mit Batman verwirft, der weiterhin seine hohen moralischen Standards hochhält. Obwohl zunächst keine Partei die Eskalation beabsichtigt, wird sie infolge der verhärteten Fronten zunehmend unvermeidbar…

Ich muss zugeben, dass ich mangels eines entsprechenden Angebots im Comicregal mit dem zweiten Band anfing, mir also die Vorgeschichte aus Klappentext und Andeutungen erschließen musste – was aber problemlos funktioniert, nur manche Fragen bleiben (Wieso versteht sich Superman auf einmal so gut mit Lex Luthor?). Ebenso ist dieser zweite Band natürlich nicht der letzte und bietet somit keine Auflösung der Handlung am Ende – vielmehr steht dort die endgültige Eskalation, die das eigentliche Setting erst begründet. Das ist keinesfalls ein Kritikpunkt: Gerade dieser stückweise Aufbau des Konflikts gibt dem Werk seinen Reiz. Und mit Action wird weiß Gott nicht gegeizt, zumal noch so manche andere Schurken und Antihelden ihren Auftritt haben. Zugleich aber bemüht sich der Comic erfolgreich um eine gute Charakterzeichnung und stellt insbesondere die inneren Konflikte der verschiedenen Helden (?) dar. Nicht zuletzt ist „Injustice“ gewissermaßen die Synthese einer ganz grundlegenden Frage des Superhelden-Genres: Wenn man die Macht besitzt, das Unrecht zu bekämpfen – wie weit darf man gehen? Welchem Wert ist im Zweifel der Vorzug zu geben – Freiheit, Selbstbestimmung, Moral oder vielmehr der objektiven Reduktion von Leid? So ist es letztlich schwer, nur mit einer Seite der Konfliktparteien zu sympathisieren, verstehen kann man irgendwie beide. Obwohl sich „Injustice“ anders als die großen, für ihre Tiefgründigkeit bekannten Klassiker des Genre wie „Watchmen“ oder „Die Rückkehr des Dunklen Ritters“ nicht um irgendeine stilistische Besonderheit, ja besondere literarische oder zeichnerische Kunstfertigkeit bemüht, ist es doch ein Werk, das denkbar hervorragend die Ambivalenzen der Superhelden-Thematik herausstellt. Was den Stil angeht – der ist, was Bilder wie Text angeht, eher gewöhnlich, heißt unterhaltsam und eingängig. Nicht unwahrscheinlich, dass ich mir auch die weiteren Teile der Reihe genehmigen werde.

Die Stadt der Singenden Flamme

Clark Ashton Smith – schon in jungen Jahren wurde er von der Kritik als Genie gefeiert, doch weder zu Lebzeiten (1893-1961) noch jemals danach wurde ihm massenwirksame Anerkennung zuteil. Er war nicht nur Zeitgenosse, sondern auch Freund des bekannteren H. P. Lovecraft und wird daher nur allzu oft mit jenem verglichen, was nur zum Teil Sinn macht. Neben seiner Betätigung als Dichter, Maler und Bildhauer schuf Smith einen Korpus von zahlreichen Kurzgeschichten im Genre der Phantastik, die zeit seines Lebens vor allem in Magazinen erschienen, so sie nicht als zu anspruchsvoll abgelehnt wurden. Der Festa-Verlag bringt nun erstmals die Gesamtheit der Geschichten in einer sechsbändigen Reihe heraus, von der „Die Stadt der Singenden Flamme“ der erste ist.

Die Geschichten sind höchst unterschiedlich, haben eigentlich nur eines gemein: Den visionären, poetischen Stil, der stets den Dichter durchscheinen lässt, während phantastische Orte und Wesenheiten den Weg des jeweiligen Erzählers kreuzen. Den Anfang macht „Die Stadt der Singenden Flamme“, dicht gefolgt von der Fortsetzung „Jenseits der Singenden Flamme“ – eine bildgewaltige, bisweilen groteske Reise in eine Welt jenseits der unseren. Manche der Geschichten, so „Das neunte Skelett“ und „Aus den Grüften der Erinnerung“ werden zurecht als Prosa-Gedichte bezeichnet, denn die Handlung tritt völlig hinter der blumigen Sprache zurück. Während man auch Science-Fiction in Form von „Die Schrecken der Venus“ und einen Schritt in Richtung des Unheimlichen bei „Die Auferweckung der Klapperschlange“ findet, bildet ein Zyklus den Kern des ersten Bandes: Die Erzählungen aus Hyperboräa, einem fiktiven nördlichen Kontinent in grauer Vorzeit. Die meisten dieser Geschichten zeichnen sich aus durch die Emanation überirdischer Kräfte, wie man sie in ganz ähnlicher Form in Lovecrafts Cthulhu-Mythos erwarten würde, eingebettet in das phantastische Vorzeit-Setting von Hyperboräa. So sind diese Erzählungen auch die Geburtsstunde der außerirdischen Gottheit Tsathoggua und des „Buches von Eibon“, die auch Lovecraft in manchen Texten erwähnte. Das Highlight des Bandes sind meiner Meinung nach „Die Geschichte des Satampra Zeiros“, „Das Tor zum Saturn“ und „Das Manuskript des Athammaus“ – nicht nur beschwören diese den kosmischen Schrecken denkbar atmosphärisch und lebendig, auch unterhaltsam, sondern sind überdies gewürzt mit einem gewissen trockenen Humor, der einen immer wieder zum Schmunzeln bringt. 
Clark Ashton Smith blieb großer finanzieller Erfolg ebenso wie ein Kultstatus seiner Werke immer versagt – was maßgeblich an seinem einzigartigen, alles andere als massentauglichen Stil liegen dürfte. Auch wenn er infolge der Assoziation mit Lovecraft und dem Magazin Weird Tales gerne in die Nähe der dunklen Phantastik und Horrorliteratur gestellt wird, so ist an Smiths Werken nichts unheimlich. Ebenso fehlt zumindest bei vielen Geschichten das Element der Spannung – Action, Fragestellungen und Plot-Twists fehlen weitgehend. So ist das, was Smith ausmacht und bei seinen Fans den Reiz seiner Werke bedingen dürfte, letztlich vor allem die poetische Sprache und die fantasievollen Einfälle bei der Beschreibung der fremdartigen Welten von Hyperboräa bis zur Venus. In der Folge machen etwa Wegbeschreibungen einen nicht unwesentlichen Teil aus; die Handlung tritt oft zugunsten des bloßen Settings zurück. Das ist auf seine Art brillant und beschwört traumartig erstaunliche Bilder herauf, hilft aber auf der anderen Seite eher wenig, einen Leser zu fesseln. Konzentriert muss man lesen, so leicht auch manchmal das Abschweifen sein mag.
Zu loben ist hingegen auf jeden Fall die mit allerlei Hintergrundinformationen versehene Ausgabe des Festa-Verlags: Nebst einer umfänglichen Biografie des Autors und einer Einleitung in seinen Hyperboräa-Zyklus gibt es einen Kommentar zu fast jeder der Geschichten, in denen der der Weg der Veröffentlichung nachvollzogen wird – vor allem anhand von Zitaten aus der umfangreichen Briefkorrespondenz Smiths, was einen faszinierenden Einblick in den Schaffensprozess gibt.
Clark Ashton Smith ist irgendwie genial – und doch mithin ein wenig schwergängig. Sein Werk ist Fantasy in Reinform, doch bei aller Prosa oft mehr Lyrik als Epik. Ein Lesevergnügen für Kenner, doch nichts für jene, die schon Lovecraft als zu anspruchsvoll empfinden.

Batman: Die Rückkehr des Dunklen Ritters

Wird die Frage nach den wichtigsten Werken der Comic-Literatur gestellt, so dürfte eher früher als später Frank Millers „Die Rückkehr des Dunklen Ritters“ erwähnt werden.
Zehn Jahre sind zu Beginn der Handlung vergangen, seit Batman sich aus seiner Rolle als Verbrechensbekämpfer zurückzog. Doch nun, wo eine neue Generation von Kriminellen herangewachsen ist, so etwa maßgeblich die sogenannte Mutanten-Gang, spürt Bruce Wayne von neuem den Durst nach Gerechtigkeit, den nur er befriedigen kann. Also nimmt er von neuem den Kampf gegen die Kriminalität auf – ein Kampf, der infolge einer abermaligen Rückkehr des Jokers und dem Ausbruch anarchischer Verhältnisse in Gotham auch sein eigenes Schicksal unwiderruflich bestimmen soll.
„Die Rückkehr des Dunklen Ritters“ hat alles, was man aus dem Superhelden-Genre gewöhnt ist: Viel Action, plakative Bösewichte und natürlich den unermüdlichen Streiter für die Gerechtigkeit – im späteren Verlauf hat sogar Superman noch einen Auftritt. Doch zugleich ist der mehrteilige Comiczyklus weit mehr als nur ein weiterer Beitrag zu einer abgenutzten Marke. Da wäre zunächst die komplexe Figurenzeichnung, die nicht zuletzt kritisch mit den eigenen Helden umgeht: Batman als einerseits deutlich gealtert, andererseits psychologisch gefangen in seiner alten Rolle; Superman andererseits als Lakai der US-Regierung (nun gut, und ein Mädchen als neuer Robin, eher mittelmäßig tief charakterisiert). Zahlreiche eingespielte Szenen aus Fernsehshows hinterfragen zugleich die Rolle Batmans und erörtern dabei ebenso die Problematik der Selbstjustiz, wie sie die Mentalität der amerikanischen Bürger und sogenannten Experten charakterisieren. Da ist da Problem des Jokers, dem mit dem Verzicht auf tödliche Gewalt einfach nicht beizukommen ist, da ist der Aufstieg eines Batman-Kultes, der im Namen des Idols grausame Selbstjustiz übt. All das macht „Die Rückkehr des Dunklen Ritters“ zu einem Werk, in dessen Mittelpunkt weniger die handfesten Konflikte als Handlungsplot stehen, als vielmehr das ganze Panorama der Batman-Gestalt mit ihren inneren und äußeren Kontroversen. Erstaunlich gut gelingt es, einen beachtlichen Realismus in die eigentlich phantastische Storyprämisse hineinzubringen wie nur wenige Werke des Genres.
Der Stil mag womöglich für manche gewöhnungsbedürftig sein: recht kleine Kästchen mit manchmal nicht ganz leicht aufnehmbarer Schrift, immer wieder innere Monologe in Textblasen, häufige Szenenwechsel und der Verzicht auf einen sich durch das ganze Werk ziehenden Konflikt. Auf der anderen Seite ist es gerade dies, was die Atmosphäre und Tiefe der Handlung schafft – zumindest nach meinem Empfinden leidet der Unterhaltungswert keinesfalls darunter, sondern gewinnt vielmehr daran.
Zurecht, so mein Fazit, wird „Die Rückkehr des Dunklen Ritters“ unter die Klassiker seines Genres gezählt. Es hat seinen Grund, weshalb immer wieder Versatzstücke des Werkes in aktuellen Verfilmungen wie „The Dark Knight Rises“ und „Batman v Superman“ aufgegriffen werden – eben weil hiermit die Figur des Dunklen Ritters in neue Höhen – oder vielmehr Tiefen – getrieben wurde.

Schöner Sterben / Noch schöner Sterben – Mordkunde für Krimifans

 

Schöner Sterben - Kleine Mordkunde für Krimifans. Forensik und Rechtsmedizin für Jedermann. von [Matting, Matthias]Ein Mann fasst sich stöhnend an die Brust, fällt um und ist tot. Ob erschossen oder vergiftet – das haben wir schon oft gesehen. Aber ist es realistisch? Vermutlich weniger.
Matthias Matting hat sich die Mühe gemacht, die Grundlagen der Rechtmedizin und Forensik zu recherchieren und in Form von zwei kurzen Büchern allgemeinverständlich darzubieten. Das Ergebnis: „Schöner Sterben – Kleine Mordkunde für Krimifans“. So wird mit mancherlei Klischees, wie wir sie aus Krimis kennen, aufgeräumt und ihnen die Realität gegenübergestellt. Wie eigentlich datiert ein Pathologe/Rechtsmediziner den Todeszeitpunkt einer Leiche – anhand welcher Zeichen und wie präzise? Wie läuft eine Obduktion ab, wie die Fäulnis und Verwesung? Überdies gibt es einen Überblick über die bekanntesten unnatürlichen Todesarten: stumpfe und scharfe Gewalt, Erschießen, Gift, Feuer, Kälte bis hin zu Elektrizität und Ertrinken. Stets wird nüchtern erläutert, wie (praktisch/medizinisch) der entsprechende Tod abläuft, wie man ihn feststellt und was sonst noch daraus zu erkennen ist.
Zugegeben, der Schreibstil ist recht trocken, nicht weiter als informativ. Doch das Thema ist interessant genug, das Buch zu einem informativen, kurzweiligen Lesevergnügen (Ist das jetzt zu makaber?) zu machen. Ein übersichtliches und gut verständliches Grundlagenwerk, von dem jeder Krimi-Konsument und -Autor nur profitieren kann.

Auf „Schöner Sterben“ folgt der zweite Teil „Noch schöner Sterben – Mehr Mordkunde für Krimifans“. Noch schöner Sterben – Mehr Mordkunde für Krimifans von [Matting, Matthias]Nachdem im ersten Band der Tod im Mittelpunkt stand, ist der Kern des zweiten der Aspekt der forensischen Spuren. Was ist eine Spur, welche Spuren gibt es, wie stellt man sie fest und vor allem, welche Erkenntnisse kann man draus ziehen? Neben den altbekannten Fingerabdrücken bekommt man unter anderem Speichel, Haare, Autospuren, Pollen, Dokumente und Insekten geboten, die allesamt geeignet sein können, einen Mörder zu überführen. Doch was, wenn das nicht als Beweismittel ausreicht? Ein weiterer Abschnitt widmet sich dem Verhör mit all seinen Aspekten (Lügen, richtige Fragestellungen…). Doch was mag dann vor Gericht dabei herauskommen? Nicht nur die juristische Definition des Mordes wird erläutert, sondern auch der Aspekt der Schuldunfähigkeit und das Prozedere der Exhumierung. Garniert wird das Ganze durch das Szenario Tod durch Auto.
An Informationsgehalt muss der zweite Teil keinesfalls hinter dem ersten zurückstehen. So viele Fakten werden geboten, dass man sie schwerlich alle behalten kann – doch als Nachschlagewerk lässt sich das Buch ja immer noch verwenden. Während manches wieder denkbar spannend ist, sind andere Passagen allerdings (subjektiv) weniger unterhaltsam als der Standard des ersten Teils, so vor allem die Spuren. Das Buch ist zwar immer noch flüssig und höchst informativ, aber nicht ganz so fesselnd. Trotzdem sei auch dieser zweite Band jedem ans Herz gelegt, der den ersten mochte oder allgemein in der Thematik interessiert ist.

Giants on Record

Gab es einst Riesen?
Diese Frage mutet lächerlich an. An Theorien über die Existenz von Yetis, Aliens und überlebenden Sauriern haben wir uns ja mittlerweile gewöhnt – aber Riesen? Tatsächlich, obwohl im allgemeinen Bewusstsein wenig präsent, ist die sogenannte „Gigantologie“ eine blühende Disziplin – und wartet mit wesentlich besseren Belegen auf als jede der zuvor genannten Thesen. Das Buch „Giants on Record“ von Hugh Newman und Jim Vieira ist der beste Beleg dafür. Das Thema darin: die womögliche Existenz einer Menschenrasse von gewaltigen Proportionen (gewöhnlich 2 – 3 Meter) bis in jüngste Vergangenheit, vor allem verbreitet auf dem Territorium der USA.
Diese Annahme mag auf jeden, der erstmalig damit in Berührung kommt, unglaubwürdig wirken, doch tatsächlich sind die Belege zahlreich: Unzählige Zeitungsartikel und Stadtchroniken vor allem aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert berichten in bemerkenswerter Übereinstimmung von Funden ungewöhnlich großer Skelette überall in den USA (mit einer auffälligen Konzentration in den Mounds von Ohio). Über 1500 Quellen haben die Autoren nach eigener Aussage zusammengetragen, von denen über 180 in das Buch Eingang fanden. Jeder einzelne Fund wird anhand von Originalzitaten samt Quellenangaben dargeboten und in der Regel zusätzlich kommentiert. Oft sind Abzüge der fraglichen Artikel oder, soweit vorhanden, Fotos oder Bilder zum Kontext vorhanden. Hinzu kommen nicht nur einige Quellen aus Regionen außerhalb der USA (u.a. Kanada, Patagonien, antarktische Inseln), sondern auch Erwähnungen lebender „Riesen“ in den Berichten europäischer Seefahrer, die das noch weitgehend unerforschte Amerika erschlossen. Nicht nur wurden zahlreiche der erwähnten Funde durch Anthropologen und andere Wissenschaftler begutachtet – auch die angesehene Smithsonian Institution verzeichnet zahlreiche Riesenfunde in ihren Jahrespublikationen. Ein weiterer Apekt trägt zur Glaubwürdigkeit der Funde bei, nämlich die erstaunliche Übereinstimmung gewisser Details, die immer wieder erwähnt werden: die spezifische Größe, besonders der Schädel bzw. Kiefer (die, immer wieder erwähnt, über den Kiefer eines großen Normalmenschen passen), das Vorhandensein doppelter Zahnreihen und der gute Erhaltungszustand der Zähne sowie weitere Einzelheiten der Riesengräber. Insofern ist „Giants on Record“ vor allem eine beeindruckende Quellensammlung, die die Ausmaße dieses erstaunlichen Phänomens deutlich macht – auch wenn das zulasten de Unterhaltungswertes gehen mag, so ist es doch vom wissenschaftlichen Standpunkt aus nur zu begrüßen. Neben Funden und historischen Berichten nehmen auch Legenden der amerikanischen Ureinwohner einen gewissen Raum ein, zumal sie erstere oft bestätigen bzw. ergänzen; auch erwähnt werden einige der zahlreichen nachweislichen Riesen-Fakes.
Die Gigantologie hat es als wissenschaftliche Theorie bzw. Disziplin schwer – nicht zuletzt deshalb, weil sie traditionell leider allzu oft in verhängnisvoller Partnerschaft mit weniger vernünftigen Theorien steht, vor allem dem Dreigespann von Kreationismus, Präastronautik und/oder Atlantisforschung. Die undurchsichtige Rolle der Smithsonian Institution (in deren Obhut anscheinend so manches Riesenskelett spurlos verschwand) ebnet zudem den Boden für Verschwörungstheorien. Den Autoren von „Giants on Record“ gelingt es jedoch hervorragend, diese Aspekte zu umschiffen und sich auf das bloße Faktenmaterial zu konzentrieren. So werden die Smithsonian-Angelegenheiten absolut differenziert und vernünftig beurteilt und die kurzen Erwähnungen von Riesen in den Schriften verschiedener esoterischer Bewegungen mit Distanz betrachtet. Einzig im letzten Kapitel, wo die möglichen Ursprünge des Riesengeschlechts erläutert werden, kommen neben vernünftigen Gedanken zur Stammesgeschichte des Menschen auch die Atlantisforscher und manch andere kontroverse (gar pseudowissenschaftliche) Theorien zu Wort – zwar hätte man sich hier eine stärkere Abgrenzung wünschen können, doch immerhin machen die Autoren sich diese Thesen nicht völlig zu Eigen, sodass sie letztlich nebst anderen inmitten eines großen Fragezeichens stehen.
Das Buch ist zwar auf Englisch (deutsche Literatur zum Thema scheint nicht zu existieren), doch dieses ist sehr gut verständlich und flüssig zu lesen. Zumindest mir schien das Buch trotz des hohen Anteils sich ähnelnder Originalquellen keinesfalls langweilig, sondern durchaus spannend, was wohl nicht zuletzt am faszinierenden Thema liegen dürfte. Tatsächlich ist „Giants on Record“, so mein Urteil, von allen grenzwissenschaftlichen Werken, die ich bisher las (immerhin ein ganzes Billy-Regal-Fach), das mit Abstand fundierteste. Natürlich wirkt es höchst seltsam, dass heutzutage anscheinend kein Riesenskelett mehr auffindbar ist (viele zerfielen angeblich direkt nach dem Ausgraben, andere gingen in die Hände privater Sammler und eine ganze Menge wurde von der Smithsonian Institution eingesackt und nie wieder gesehen). Doch abgesehen vom Mangel an noch verfügbaren Skelettresten scheint die Existenz der Riesen so gut belegt zu sein wie man es sich in der Wissenschaft nur wünschen kann. Welches Urteil man sich selbst am Ende auch bilden mag – „Giants on Record“ ist eine hervorragend kommentierte Sammlung erstaunlichen Materials, die den Anthropologen, Altamerikanisten etc. auf jeden Fall eine eingehende Diskussion wert sein sollte. Wer sich in dieser Angelegenheit ein Urteil bilden will, der lese zunächst besagtes Buch.

Ich las die Hardcover-Version des Buches – positiv angemerkt sei bei dieser noch der hochwertige Einband sowie der robuste Schutzumschlag, der im Gegensatz zu den meisten Exemplaren seiner Gattung diesem Namen auch gerecht wird.

Woran erkennt man ein Arschloch?

Wir kennen sie alle: den Miesmacher, den Schnorrer, den Choleriker. Doch wer hat sich schon einmal die Mühe gemacht, das Phänomen der unausstehlichen Menschen, im Volksmund auch Arschloch genannt, genauer zu untersuchen?
Richtig, es sind Monika Wittblum und Sandra Lüpkes mit ihrem Buch „Woran erkennt man ein Arschloch? Für jeden Quälgeist eine Lösung“. Was sich zunächst nach einem recht oberflächlichen, aber wahrscheinlich unterhaltsamen Lästerbuch anhört, hat bei näherer Betrachtung tatsächlich Hand und Fuß. So gehen die Autorinnen nicht nur auf die Begriffsproblematik ein (die Definition eines Arschloch ist teils subjektiv), sondern erläutern auch psychopathologische Hintergründe wie die Psychopathie, Borderline-Störung etc. Der Kern des Buches ist jedoch die Charakterisierung von zwölf verschiedenen Typen der Gattung Arschloch. Da finden wir unter anderem die Distanzlosen, die notorischen Lügner, die Besserwisser oder auch die Radfahrer (nach oben buckeln, nach unten treten). Bei jedem gibt es eine phänotypische Beschreibung anhand eine praktischen Beispiels, eine Analyse der (möglichen) Ursachen und, soweit möglich, Tipps für den idealen Umgang mit solchen Exemplaren. Die Ursachenforschung mag man ein wenig in Zweifel ziehen können, zumal die Grundlagen der Charakter(-schwein)züge fast immer an innerer Angst bzw. Unsicherheit festgemacht werden – aber diese Wissenschaft ist ja ohnehin selten absolut empirisch. Und natürlich kann man immer einwenden, dass ein bestimmter Arschlochtypus fehlt (ich vermisse etwa den Moralisten), doch eine wirklich vollständige Aufzählung kann wohl unmöglich geleistet werden. Davon abgesehen handelt es sich um ein höchst interessantes Buch, das mit sehr anschaulichen Beispielen und so einigen Information manch Aufklärung über bestimmte destruktive Charaktertypen leistet und (den Eindruck macht es zumindest) trotz des plakativen Themas wissenschaftlich fundiert ist. Der Stil ist unterhaltsam und gelegentlich humorvoll, ohne merklich Seriosität missen zu lassen. Ein Buch, das man lesen sollte – denn, wie es schon in der Einleitung heißt: „Das nächste Arschloch kommt bestimmt.“

Die Vinland Saga

Seit langem schon faszinieren uns die Wikinger: Ihre Raubzüge durch das ganze mittelalterliche Europa, ihre Religion um Odin & Co., ihre fast sprichwörtliche Ess- und Trinkkultur – und nicht zuletzt die Tatsache, dass sie fast fünfhundert Jahre vor Kolumbus Amerika betraten. All das findet seinen Widerhall in Josef Nyárys monumentalen Historienroman „Die Vinland Saga“ (der fehlende Bindestrich fällt auf dem Cover natürlich nicht auf). Schon der Titel deutet an, dass die Fahrten nach „Vinland“, also Amerika, unter Leif Eriksson und anderen eine zentrale Rolle spielen. Tatsächlich aber ist dies nur ein Aspekt.
Nach dem Lesen der ersten Seiten war der Respekt vor dem Rest des über-siebenhundert-Seiten-Wälzers erst einmal groß – zumal das Buch im Stil ganz bewusst angelehnt ist an die alten, vor allem aus Island stammenden Sagas, welche uns so lebendig Einblick in das damalige Leben geben. Die Sprache mit ihren bewusst archaischen Formulierungen wirkt zunächst schwergängig, zumal in der auktorialen Perspektive geschrieben, doch diese Zähigkeit verfliegt bald, sodass die letzten 700 Seiten flüssig und spannend zu lesen sind.
Anstatt wie die meisten modernen Romane nur einen zentralen Konflikt zu behandeln, folgt das Buch den miteinander verwobenen Schicksalen einer ganzen Reihe von Menschen, von denen ein Großteil historisch durch die alten Sagas belegt ist. Am ehesten wahrer Protagonist ist (der fiktive) Aris, der andere Wikinger auf Raubzüge, zur Besiedlung Grönlands und schließlich auch zu den Fahrten nach Vinland begleitet, freilich die ganze Zeit mit seinen eigenen Baustellen in Sachen Liebe (zu einer verschleppten Nonne) und Beziehungen (etwa zu dem blutrünstigen Berserker Thorhall, der ihm ans Leder will). Zugleich begleitet man die ganze Familie Eriks des Roten (Vater des Vinland-Entdeckers Leif) und Bjarne Herjulfssohns (der das fremde Land tatsächlich schon vorher erspähte). Mehr noch als eine Geschichte der Vinlandfahrten ist „Die Vinland Saga“ eine über die Besiedlung Grönlands und das Leben der Menschen dort. So ist auch ein sich durch das ganze Buch ziehendes Motiv die dramatische Geschichte der Christianisierung der nordischen Länder mit all ihren Verwürfnissen und Bluttaten.
Freilich kommen auch Action und Spannung nicht zu kurz – oft genug muss der eine oder andere Charakter um sein Leben fürchten (oder verliert es). Eine Handvoll phantastischer Elemente (etwa Berserker und Wiedergänger) wird dezent und passend eingesetzt, ohne dass die historische, weitgehend realistische Atmosphäre verlorengeht. Das Charaktergeflecht hat schier Game-of-Thrones-mäßige Dimensionen (im positiven Sinne), bleibt aber doch ausreichend übersichtlich. Gerade diese Vielzahl von Akteuren und Beziehungen, wovon so manches wirklich historisch ist, macht den Reiz des Werkes aus. So sind zumindest einige Charaktere durchaus komplex; viele machen eine beachtliche Entwicklung durch – zumal der Roman einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten beschreibt, wo hervorragend Konflikte über lange Zeit auf- und ausgebaut werden können. Trotz der Vielzahl der „Nebenkriegsschauplätze“ kommt es nie wirklich zu Verzögerungen oder einer Abkehr von dem, was gerade interessiert. Durch unzählige Anspielungen, etwa auf nordische oder christliche Mythen, historische Ereignisse etc. ist die Geschichte denkbar gut in der damaligen Welt verwurzelt, dass man (auch dies positiv gemeint) kaum zwischen Fakt und Fiktion unterscheiden kann. Negativ angemerkt werden können einzig und allein eine Handvoll Tippfehler zumindest in der mir eigenen Ausgabe (Bastei-Lübbe, 1994).
Ein beachtliches Historienepos ist mit „Die Vinland Saga“ gelungen: Gleichzeitig uneingeschränkt unterhaltsam und, inhaltlich wie stilistisch, so nah an den historischen Vorbildern, wie man es nur wünschen kann, dabei eine breit gespannte Handlung mit einer Vielzahl lebendig eingebundener Charaktere und dramatisch-realistischen Konflikten. Es wird nicht das letzte Buch gewesen sein, das ich von dem Autor gelesen habe.